gedanke,
m. subst. zu denken, gedenken. II.
Form und verwandtschaft. I@11)
die form ist ursprünglich manigfaltig. I@1@aa)
ahd. gidanc, githanc
u. ä., pl. githanca Graff 5, 165,
alts. githanko
in der sächs. beichte, also hier nur die schwache, dort nur die starke form bezeugt (
vgl. u. b mhd.);
auch ags. nur stark geþanc, geþonc,
als m. und n. Grein 1, 468 (
und þanc, þonc 2, 561),
noch altengl. iþanc,
engl. erloschen, durch thought
vertreten, welchem entsprechend auch bei uns einst gedacht (
s. d.),
das im nl. noch heute den platz allein behauptet, d. h. präteritale bildung neben jener präsentischen (
vgl. 3).
mnl. ghedanc Oudem. 2, 383,
mnd. dank
und danke
m. stark und schwach, ohne ge- (
s. 2),
wie dän., schwed., norw. tanke,
das aber entlehnt ist, in der echten form müszte das n
angeglichen sein, wie dank
schwed. tack,
dän. tak
heiszt. dem altn. entgeht das entsprechende wort, wie es goth. nicht überliefert ist (
doch vgl. u. 2,
e),
nur nahe anstoszend gaþagki
n. sparsamkeit, eig. bedächtigkeit (
s. dazu gedenke
n.),
vgl.þagkjan
denken, altn. þekkja
erkennen, wissen, anerkennen. I@1@bb)
auch mhd. vorwiegend stark gedank,
pl. gedanke,
doch daneben schwach, besonders md. (
vgl. c a. e.): die bî
gedanken, ingedanken
wb. 1, 356
b, 27. 31;
an deme gedanken.
fundgr. 1, 321, 20 (
s. II, 4,
b); si (
die heil. Elis.) was volkumelîchen gar, al ir gedanken liehtgevar.
Ludwigs kreuzf. 4993.
Die starke form aber reicht auch ins nhd., haupts. oberd., doch auch rhein.: des gedanks inval,
ennoyan (
ἔννοια).
Teuth. 66
a,
nrh., vgl. a. e.: der uns das liedlin nüwe sang, der hat vil mangen heimlichen gedank. Liliencron 1, 526
b; darumb der held Sewfride het vil manchen gedank (
var. dank) wol
von der groszen liebe, die in
zur meide zwang.
hürn. Seifr. 97, 2; das ein mönsch gedenkt an fleischliche werk .. und kert
sich nit von sollichem gedank (
hängt ihm nach). Keisersb.
irrig schaf B 3
a; so bald dir infalt ein unküscher oder rychlicher gedank.
das.; iren gedank und
betrachtung.
eschengr. 4
c b 8
a; mit unsrem gedank.
b 7
a; als oft ime dieselben im gedank fürkomen. Berth. v. Chiemsee
theol. 70, 3
u. ö.; ich hab aber mein lebenlang zu dem (
geistlichen) stand gehat kein gedank. Ayrer 140
c (704, 22).
Noch im 18.
jahrh. z. b. füllegedank
sp. 495,
auch kann es in gedank'
verborgen sein: gott blies und ein gedank' nahm kraft und wesen
an. Haller
ged. 1734
s. 121; in dem ewigen streit zwischen wort und sache, gedank und ausdruck (
zur sache s. II, 7,
d). Herder
br. d. stud. der theol. betr. 1780 1, 215 (
ohne häkchen),
also selbst als dat., der freilich in der formelhaften bindung auszer acht gelassen ist, vergl. die grenzen von beiden, wort und sache, gedanke und ausdruck
s. 216,
selbst als acc.: in poesien gedanke und ausdruck unverbunden zu behandeln.
fragm. 3, 69; wenn ich ausdruck und gedanke zusammen betrachtete. 74,
was doch alles nur nachlässigkeiten sind; wie gedank und empfindung den ausdruck bildet. Göthe,
aus Herders nachl. 1, 41 (
der junge G. 1, 309); senke nieder, adlergedank, dein gefieder.
Schiller anthol. 129 (
grösze der welt).
sicher noch mundartlich, wie auf dem Westerwalde in der wendung gedank gebe,
achtung geben, aufmerken Schmidt 65,
mag es da sing. sein oder pl. gleich mhd. gedanke
pl.; auch noch nrh. z. b. in einem rätsel: ech wêt ên plonk van goddes gedonk, gen êke, gen esche, van generlei zoart (
eisfläche). Spee
volksth. vom Niederrhein 1, 18. I@1@cc)
als pl. zu gedank
erscheint in älterm oberd. auch gedänke, gedenke,
schon mhd. (Lex. 1, 767): joch sint iedoch gedänke frî. Walth. 62, 19
in B; er was sô gedenke rîch, daʒ er niht eʒʒen mahte .. er was ungâʒ gedenke sat.
Flore 3020
ff. (gedankes sat 3185),
nach elsäss. überlief.; übel gedenke, werk und wort.
Renner 20345; die gedenke fuorten in sus und sô, nu hin nu wider.
Reinfr. v. Br. 5850; alsus fuor si har und dar mit den gedenken sus und sô. 5663; hast du dich versündet mit bœsen gedenken, den du hast stat, gunst oder willen geben in der vernunft.
spiegel des sünders b. Geffken
bilderk. 2, 77; und loufest eben umb mit dinen gedenken als ein garnwind .. das sind wol hellische gedenk, aber nit heilige gedenk. Keisersb.
chr. bilg. 66
a; wilt du aber den gedenken stat geben und mit inen als ein katz mit einer maus spielen.
irrig schaf. B 3
a; der fantasyen, gedenken und herzigungen der sinnlichkeit. D 7
a,
mit schwachem gen. nach alem. art.; repulsio suggestionis, vertreibung böser gedänk. Schmeller
2 1, 522,
wo mehr belege aus bair. quellen. eigner weise ist jetzt die bair. form der gedanken,
mit pl. die gedänken,
vgl. schon im 15.
jh. ingedenken
pl. II, 3,
a Melber. I@1@dd)
in der schwachen form zeigt sich auch schriftdeutsch der gedanken,
bis ins 18.
jh., wie es noch Adelung
neben gedanke
mit anführt als '
bei einigen'
: sententia, ein gedanken. Dasyp. 221
d; dis ist der aller edelst gedanken, den die heiligen in iren leiden haben. Luther 3, 3
a; (
das) ist ein rabinischer gedanken. Mathes.
Sar. 134
a; kein gedanken! Abr. a S. Cl. (
s. II, 17,
c); ein gedanken treibt den andern, wie die wellen in dem
meer. Schönaich
Hermann 48.
Anderseits auch im gen. ohne -s
noch in neuer zeit: dasz die teutsche sprach zu öffnung eines jeden gedanken und meinung .. so reich von worten.
der deutschen sprach ehrenkranz. Straszb. 1644
s. 125; den unbegreiflichen übergang und zusammenhang des gedanken und der empfindung. W. v. Humboldt
an Schiller (1876) 144; des im kopfe vollendeten ganz geschlossenen gedanken. 268. I@1@ee)
aber auch ein fem.: gedanken steigen stets ein und aus, eine stöszt die ander aus. Lehmann
flor. 1, 262; ich fing an zu zergliedern, jede gedanke insbesondere, und eine gegen die andere zu betrachten. Lessing 3, 311 (15.
lit. brief); brachten wir eine flüchtige gedanke bei. 4, 462 (
Berl. zeit. 19.
febr. 1754); schüler des Horaz, der .. etwas mehr gelernt habe, als ihm hier eine gedanke und da eine wendung .. abzustehlen. 5, 39 21.
jan. 1755); mit veränderung eines einzigen buchstaben seinem autor eine fremde gedanke unterzuschieben. 8, 233 (
neben der gedanke
z. b. 8, 152); man musz bedenken, dasz jede anjetzt gemeine meinung zu allererst nur die gedanke eines einzigen menschen gewesen. Hommel
plappereien 471; ist aber die gemüthsbewegung heftig, so verdunkelt die im kopfe herumschwärmende gedanke durch ihre lebhaftigkeit alle gegenstände. 407;
diesz f. ist noch jetzt in Sachsen volksmäszig. Aus dem 16.
jh. bringt es Dietz 2, 30
b aus einzelschriften Luthers,
in schwacher form, eine gedanken, eine tröstliche gedanken, ein schöne gedanken; und haben so ein weltliche und menschliche gedanken von gott.
vorr. zu Hiob, b. Bindseil 7, 316.
vgl. schon ahd. einmal kidancha,
cogitatio Graff 5, 165 (
neben githanca
cogitationes 166). I@22)
auch ohne ge-,
älter hd. wie nd.; vgl. ags. þanc 1,
a. I@2@aa)
danke, pl. danken:
mens, danke. Dief. 356
a aus zwei nrh. voc. mit nd. färbung; (
er) erkundt all umbstend dieser sach und gund ir
weiter nach zutrachten, die im viel böser danken machten. Waldis
Esop IV, 60, 118,
s. mehr belege aus Waldis, H. Sachs, Wolgemut
unten dank 1.
Auch mnd.: doch was dat syn minste danke, dat he it betalen wolde.
Lüb. chr. 2, 176; de denkinge juwes danken,
cogitatio mentis vestrae. Ezech. 20, 32,
s. mehr bei Sch.
u. L. 1, 481
a. I@2@bb)
dank, pl. denke,
auch noch im 16.
jh. (
s. u.danke 1): drumb lasz ir (
der nachtigall) iren süszen gsang und hab desselben keinen dank. Waldis
Es. I, 66, 26,
denke nicht darauf, begehre ihn nicht (
weisung Jupiters an den pfau); (
wie schön sie sei) dacht im der knab in schlafes twalm, sein denk die schwebten allenthalm.
Hätzl. 29
a; darnach stuond im sein dank (
strebte er).
heldenb. 221, 31
K.; in Basel hiesz ein zimmer für die beratung der urtheilsfinder die dankstube,
gedankenstube, denkstube, s. Ochs gesch. v. Basel 2, 369, Osenbrüggen
rechtsalt. aus d. Schw. 3, 11.
ebenso mnd., z. b.: do quam it om in sinen dank (
fiel ihm ein).
Zeno 796. I@2@cc)
besonders in einer bestimmten bed. hat sich dank
bis in sehr neue zeit erhalten, für absicht, vorsatz, willen, s. unter dank 2
aus dem 18.
jh. z. b. ohne des königs dank, wider des königs dank
aus Hahn, wider des henkers dank
aus Weisze,
ähnlich aus Kant; da sollt ich mit gewalt, und wider allen dank, mein band .. so gar verschenket haben. Gellert 1784 3, 463 (
das band 7.
auftr.).
Dasz auch diesz dank
ursprünglich nichts als ein denken, denkendes berechnen und wollen war, ist nicht zu bezweifeln. kommt doch auch gedanke
vor, nahe oder ganz übereinstimmend, wenn es z. b. im welschen gast 7312
heiszt, dasz der milte man von sînem danke gît (
var. sînes dankes)
und eine späte bair. handschrift sich das übersetzt von seinen gedanken,
ähnlich wie es jetzt noch in Baiern heiszt der schusz ist mir angangen wie gedanken,
wie ichs gewünscht, mir gedacht und gewollt, s. Schm.
2 1, 522;
und ebenda ungedanks,
ohne dasz ichs dachte, wollte, ganz gleich dem gewöhnlichen undanks,
das auch noch bair. vorkommt, mhd. undankes
und dankes,
unwollend und wollend, und sonst so mit dem adverbialen gen., z. b.: das si dhein vogt nicht haben suln, nur den si in aigens danks erwelent. Schm. 1, 382,
nach eigener überlegung und beschlieszung wie in der Baseler dankstuben
u. b. es ward auch deutlicher mit wille
verbunden, s. mhd. dancwillen
gen. gleich dankes
wb. 3, 662
b (
vgl. mnd. willes
sponte), âne sînen dank und willen
mnd. wb. 1, 481
a. I@2@dd)
aber eine mischung mit dank
danksagung konnte nach form und inhalt nicht ausbleiben. sie ist jetzt noch erkennbar in der wendung einem etwas zu danke machen,
eig. wie zu willen,
nach seinem wunsche, zugleich aber: so dasz er uns dafür dank sagt oder weisz. auch schon in der wendung in Luthers
liede: das wort sie söllen laszen stan und kein dank dazu haben,
wir danken ihnen gar nicht dafür, denn sie müssen es thun (
das alte suln
ist oft müssen),
aber eig.: sie werden gar nicht darum gefragt, sie müssen es thun, dankes oder undankes,
ob mit
oder ohne ihren dank;
das letztere ist gleichsam ausgeführt in jener wendung, nur dasz das häufige ohne ihren dank
zugleich umgesprungen ist in: ohne unsern dank. ähnlich schon im 14.
jh.: got der engibit sich nummer genzlîchen der sêle, die sêle habe sich alrêst gote genzlîchen gegeben. daʒ (
geben) mûʒ zu nôt sîn und joch undanc dar zû. Herm. v. Fritzlar,
myst. 179, 38, '
und auch kein dank darzu',
es ist so notwendig, dasz man auch nicht darum gefragt wird, sie musz ohne willen und ohne dank. schon früher noch verrät sich wol die vermischung im sprachdenken in den gl. undankes
ingratiis Schmeller 1, 382, danches
gratis Graff 5, 168. I@2@ee)
auch umgekehrt gedank
für dank
kommt vor: solich üwers gnädigen erbietens sagen ich üch hohen gedank. Lexer 1, 767
fg., schwäb. v. j. 1415.
auch md. in gedancnêmic
für das sonstige mhd. danknæme,
angenehm und dankbar (
s. danknehmig): die wîle si mit irre mûtir wonte, tat si als das si ir gebôt .. und nam von ir dêmûticlich und gedancnêmeclich was sie ir gab. Joh. Marienwerder,
heil. Doroth., scr. rer. pruss. 2, 207.
als nl. gibt noch Kil. ghedank,
it. dank,
gratiarum actio (
nur in dieser bed.)
nebst ghedanken, danken,
agere gratias. Der dank
ist ja urspr. auch nichts als ein gedenken empfangener wolthat, einem dank sagen
eig. ihm zusagen: ich werde dirs (
ewig) gedenken, werde dirs nicht vergessen;
und eben das ist wol urspr. der sinn der wendung einem dank wissen,
schon ahd. (
s. II, 730),
altn. kunna þökk,
altengl. con thanks (
auch gr. χάριν εἰδέναι),
noch deutlicher in goth. þank sis faírháitan,
für χάριν ἔχειν Luc. 17, 9,
eig. sich geloben, es einem zu gedenken, erkennbar auch in ahd. in thanke
für gratus Graff 5, 167,
eigentlich im gedanken, andenken bewahrend oder haftend, mhd. in danke,
auch zusammengesprochen endanc
wb. 1, 354
a,
dankbar befriedigt und zufrieden stellend. I@33)
erst von dank
und gedank
sind denken
und gedenken
gebildet. ganz wie gr. νοέω von νοῦς,
doch so dasz gedanke
auch als subst. zu denken
gehört, da dank
sich früh in seiner besondern bed. auszusondern trachtete. nächstverwandt im stamme ist mit ablaut das seltnere, aber auch noch nhd. dunk (
s. d.)
und gedunk,
zu denen sich ebenso dünken, gedünken (
s. d.)
verhalten, wie gedenken
zu gedank.
umgekehrt dagegen von denken
gebildet gedacht
gedanke (
s. 1,
a).
Urverwandt ist sicheres noch nicht gefunden auszer altlat. tongēre,
nosse, scire b. Ennius, s. Diefenbach
goth. wb. 2, 688 (
vgl. Kuhns
zeitschr. 4, 289),
wo mehr über mögliche verwandtschaft; das lat. wort stimmt genau in der form, die bed. aber, die doch auch im altn. noch erscheint (
s. 1,
a a. e.),
weist auf einen älteren vorbegriff, der ein erfassen der dinge aus der welt ins innere gewesen zu sein scheint, sodasz man an weitere verwandtschaft von lat. tango
denken möchte, wie auch Diefenbach
a. a. o. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
der sing. hatte lange eine gröszere bedeutung als jetzt. II@1@aa) der gedanke
hiesz auch das denkende oder auffassende selbst, geist, seele, sinn, wie νοῦς,
ja das wort scheint von dieser bed. ausgegangen; s. ahd. bei Graff gidanc
spiritus, intellectus, ags. mens Ettm. 593, Grein 1, 468.
noch im 15. 16.
jh.: mens, gedank (
neben gedachte, gedachtnus) Dief. 356
a,
mens danke (
nd.)
n. gl. 250
b,
in einem oberd. voc. das. mens kraft, gedank, muot,
vergl. u. I, 2,
a cogitatio mentis vestrae nd. übersetzt mit de denkinge juwes danken,
wie ags. þances gehygdu (
pl.) Grein 2, 561.
und noch im 16.
jh.: dianoea, lat. mens vel sententia, der gedank oder verstand. Dasyp. 52
a. 312
d;
mens, der gedank oder verstentnü
s. 134
a; gedank,
mens. Maaler 160
c.
im gebrauch fällt natürlich dieser begriff leicht zusammen mit dem des denkens (
s. c),
z. b. in einer minneklage Reinmars von Zweter: gedinge (
hoffnung) hœhet mir den muot. sô nidert in ein sorge, diu mir dicke unsanfte tuot .. dén wehsel trîbet mîn gedanc hin unde her.
MSH. 2, 181
b,
mein geist oder mein denken, zugleich aber auch nach b, mein gemüt, wechselnde stimmung. II@1@bb)
denn es galt auch mehr oder ganz nach der seite des empfindens oder wollens, was genauer muot,
nhd. gemüt
heiszt, auch seele, herz,
oder zusammenfassend sinn (
ganz wie gr. νοῦς):
anima mea, mîn gedanc. Graff 5, 165;
animus, mout, danke, sin. Dief.
n. gl. 24
b; gedank, gemoete,
animus, mens. Teuth. 101
a.
so häufig mhd. und länger, z. b.: vil ebene stuont sin gedanc.
Erec 6719,
sein sinn, sein gemüt war unbewegt, im gewöhnlichen gleichgewichte, ohne ahnung des bevorstehenden, in was nur allein umb die magt, das in die was verschwunden. darvon ward bitter ir gedank, ie einer an den andern sprank, sie schluogen tiefe wunden.
lied v. herz. Ernst 69, 4 (Haupt 8, 500),
das erbitterte
ihren sinn, ihre stimmung, machte sie 'bitter und böse',
vergl. sîn herze was im bitter
Dietr. u. s. ges. 1075, 10, dem sîn gemüete ist bitter
livl. chr. 6480,
von hasz und zorn. s. weiter 4,
b und c. II@1@cc)
das denken, ahd. cogitatio, meditatio, z. b. in gidanc neman
excogitare (
was auch nach a zu verstehen)
u. a., s. Graff 5, 165;
mhd. z. b.: nu sunt ir merken drîer hande gedank, die machent die sêle heilic. Wackern.
altd. pred. liv, 141,
drei arten zu denken, beim beten (
vgl. u. 5,
b); mit vliegendem gedanke. liv, 170,
mit zerstreutem denken; auch minniglich (
s. u. 4,
c),
wenn z. b. Gotfrit
von den minnesingern, den nahtegalen
u. a. rühmt: hie von kumt inneclîch gedanc, sô der vil liebe vogelsanc der werlde ir liep beginnet zalen (
erzählen, schildern).
Trist. 4769.
m 15. 16.
jh.: cogitatio .. gedechtnis (
s. d. II, 2,
c), gedank, hindergedenkung. Melber d 2
a;
cogitatio, ein betrachtung, gedank. Frisius 241
b;
auch mit dem pl. wechselnd: hast du dich versündet mit bösen gedenken, den du hast stat .. geben in der vernunft, so frag dich selb, mit was personen du sollichen gedanken mit verhengnis (
zulassung) des willens gehapt habst. Geffken
bilderkat. 2, 77; gedenkest du .. zuovolbringen die sünd der unlautrigkeit .. und wirst in sollichem willigem gedanken beladen mit der haus oder ander sorg.
das.; verharrest du aber in einem sollichen gedanken als auf ein stund, auf einen tag.
das.; s. der gedank
von liebesgedanken 4,
b. c. auch angedank gleich andenken: friuntlich angedank
Hätzl. 199
b,
weim. jahrb. 2, 84,
denken an die geliebte. II@1@dd)
aber auch jetzt noch der gedanke
von fortgesetztem denken, auch wenn es in wahrheit zugleich aus unzähligen einzelgedanken besteht oder davon begleitet wird, z. b.: unterdessen sasz der dichter (
Firdusi) an dem webstuhl des gedankens, tag und nacht, und webte emsig seines liedes riesenteppich (
schach nameh). H. Heine
romanz. 73; der angebornen farbe der entschlieszung wird des gedankens blässe angekränkelt.
Hamlet 2, 3; und beharrlich ringend unterwerfe der gedanke sich das element. Schiller 72
b (
ideal u. leben),
zugleich der gedanke
für das denken überhaupt (
im 16.
jahrh. ebenso Agricola 181
b,
s. 6,
f)): und der erhabne fremdling, der gedanke, sprang aus dem staunenden gehirn. Schiller 24
a (
künstler); dasz in einem böheren sinn, als vielleicht je bei einem andern, der gedanke das element seines lebens war. Wilh. v. Humboldt
von Schiller, briefw. (1876) 6; will mich freun der jugendschranke (
in der jugend der menschheit), glaube weit, eng der gedanke. Göthe 5, 3. II@22)
einzelner gedanke,
die jetzt vorherschende bed., zugleich als erzeugnis und arbeitsstoff und werkzeug des denkens oder denkenden sinnes (
vergl. 12,
a);
er ist uns da mehr das gedachte, als das denken oder die denkung selber (
vgl. nd. denkinge
u. 1,
a),
obwol beides wieder verflieszt, wie in vorstellung (
womit Adelung
unser wort wesentlich umschreibt).
ebenso bezeichnet sinn
urspr. auszer der sinnenden kraft und dem sinnen selber auch das was man sinnt oder ersinnt, z. b. plan, entwurf, einfall (
wie noch ein
unsinn,
dummer gedanke). II@2@aa)
auch diesz doch schon in den ältesten zeugnissen; ahd. kidanc
für cogitatus, auch argumentum, s. Graff 5, 165;
oft im plur. z. b.: her westa irô githancâ,
sciebat cogitationes eorum. Tat. 69, 3,
was sie dachten; thaʒ wir thâr ana werkon mit wacharen githankon. Otfr. II, 24, 35.
auch alts. mid uvilon wordon endi mid uvilon werkon endi mid uvilon githankon (
sündigen). Müll.
u. Sch.
denkm. lxxii, 36;
ags. þeáwum and geþancum,
mit sitten und gedanken (
sündigen) Cädmon
gen. 2413; breost innan weoll þeostrum geþoncum.
Beow. 2333,
die brust innen wallte ihm von düstern gedanken. mhd. z. b.: er dâhte in sînem muote:'wie künde daʒ ergân, daʒ ich dich minnen solde?daʒ ist ein tumber wâ
n. sol aber ich dich fremden,sô wære ich samfter tôt'. er wart von den gedankendicke bleich unde rôt.
Nib. 284,
Siegfried, als er Kriemhilden vor sich sieht; Reinmar
singt von seinem entschlusse zur kreuzfahrt, in dem er wieder irre geworden: des tages dô ich daʒ kriuze nam, do huote ich der gedanke mîn (
nahm sie in hut) .. nu wellents aber (
wieder) ir willen hân und ledecliche varn als ê .. noch füere ich aller dinge wol, wan daʒ gedanke wellent toben: dem gote, dem ich dâ dienen sol, den helfent si mir niht sô loben
u. s. w. minnes. frühl. 181, 13
ff., wie diener, die nun den dienst versagen (
s. 8,
a). II@2@bb)
nhd.: cogitatus, ein gedank. Melber d 2
b; kein gedanken ist dir verborgen.
Hiob 42, 2,
vgl. I, 1,
d ein rabinischer gedanken
u. ä.; wehe allen unsern lerern und buchschreibern, die also sicher daher faren .. und sehen nicht zuvor einen gedanken zehen mal an, ob er auch recht sei für gott. Luther 3, 338
a; versuche es wer da wil, und sage mir wider, wie lange er auf einem fürgenomen gedanken bleiben könne (
beim beten). Luther 6, 171
a; vielleicht, wie unser geist, gesperrt in enge schranken, nicht platz genug enthält zugleich für zwei gedanken. Haller 177 (
urspr. d. übels),
vergl. zur sache Schiller IV, 37, 4 (nicht zwo ideen zugleich denken)
und schon Herm. v. Fritzlar: zwei bilde mogen miteinander nicht gestên in der vornunft.
myst. 1, 225, 21,
diesz bilde
wie Schillers idee
gleich gedanke (
s. unter 4,
a).
Denn dasz auch 'ein gedanke'
doch meist wieder ein zusammengesetztes ist, zeigt z. b. folgende wendung, die aus der volksrede stammt, als briefschlusz: ich wohne gegen der kirche über .. sie läuten schon seit früh um viere und orgeln, dasz ich aufhören musz, denn ich kann keinen gedanken zusammenbringen. Göthe
an frau v. Stein 2, 203.
vgl. einen gedanken entwickeln 9,
e a. e. II@2@cc)
daher ist vorwiegend der plur., auch wo es sich um éine angelegenheit oder um éin augenblickliches denken handelt (
was doch mhd. ahd. gleichfalls mit sing. bezeichnet ward): wie wir alle an uns finden, das unsere sinn und gedanken so ungewis, schlipferig und unstete sind, das, ob wir gleich wollen anheben .. von gott zu denken .. das wir, ehe man sich umbsihet, wol hundert meil von den ersten gedanken faren. Luther 6, 171
a,
gleich nachher von einem gedanken (
s. unter b),
zur sache vgl. aus dem 14.
jh. bei Wackern.
pred. 124
dieselbe erfahrung andächtiger bei bestem willen; kanstu ein vater unser on einige andere gedanken sprechen, so wil ich dich für ein meister halten, ich vermag es nicht, ja ich werde fro, wenn mir (
darunter) gedanken
einfallen, das sie wider dahin fallen, wie sie komen sind. 171
b. II@2@dd)
auch 'die gedanken'
geradezu für unser augenblickliches denken: mir fiel eine frühere bemerkung hier wieder in die gedanken. Göthe 27, 172; so wies er (
Beireis) ferner eine reihe (
angeblich alter kunstwerke) ... mit einer sicherheit und überzeugung vor, dasz einem die gedanken vergiengen. 31, 221 (
ähnlich wie dasz einem hören und sehen vergieng),
beides wendungen aus dem gewöhnlichen leben; auch für das denken überhaupt: die schnellen schwingen der gedanken .. ermüden über dir (
der ewigkeit) und hoffen keine schranken. Haller 212; kühn durchs weltall steuern die gedanken, fürchten nichts — als seine schranken. Schiller I, 297 (
mel. an Laura). II@33)
der sitz oder die werkstätte der gedanken
wird aber verschieden angesetzt, mit einer im laufe der zeit vorschreitenden verschiebung, nämlich aus dem herzen ins gehirn. II@3@aa)
bemerkenswert ist zunächst, wie in alter zeit seine innerlichkeit auch besonders bezeichnet wird durch in-,
wie in ags. ingeþanc,
intima cogitatio, mens Grein 2, 142,
so mhd. und länger ingedanke: iʒ ist ein vrâge (
unter den meistern), ob der vîent (
teufel) des menschen herzen irkennen muge und wes her gedenke .. nein (
sagen andere), der vîent enmuge nicht irkennen des menschen ingedanken. Herm. v. Fritzlar,
myst. 131, 24; der da sine ingedenken welzet hin und here, zwinget und durchtringet sy in im selber (
vergl. griech. διανοεῖσθαι), das er merket was dar in verborgen ligt. Melber d 2
a (
zur form s. I, 1,
c a. e.)
unter cogitatio, betrachtung; (
s. auch eingedenk, ingedächtig
sp. 1927.
das ist denn ganz wie gr. ἔννοια,
gleichwie sich entsprechen gr. πρόνοια und mhd. vürgedanc,
ἄνοια und ungedanc (
vgl. unsinn),
vgl. μετάνοια und nl. naegedacht Kil.,
nachkommendes denken. II@3@bb)
gedanken im herzen mhd. (
s. Benecke im
mhd. wb. 1, 354
b. 672
a, 38),
gewiss aus alter zeit her; von beten in leeren worten z. b.: des mundes bete ist leider kranc ân des herzen vürgedanc. Freidank 5, 20;
von preis und lob, der Maria gesungen: vil maneges herzen guot gedanc dir klenket manegen süeʒen klanc.
lobges. 18, 11 Haupt 4, 520;
da sind freilich empfindungen beigemischt. aber auch von wirklichem denken in die ferne: sint ir mînes
herzen ougen bî (
vgl. noch Keisersb. 5,
a), sô daʒ ich ân ougen sihe sie? .. welt ir wiʒʒen, waʒ diu ougen sîn, dâ mit ich sihe durch elliu lant? eʒ sint die gedanke des herzen mîn, dâ mite sih ich durch mûre und ouch durch want. Walther 99, 22
ff., das denken als ein innerliches sehen (
vgl. dazu 4,
a),
auch von wahrheiten, wenn z. b. den juden vorgeworfen wird, dasz sie Christum wissentlich leugneten: sie bergent ir
herzen gesiht, daʒ sie die wârheit sehen niht, die sie doch wiʒʒen unde sehent .. si hânt verlorn ir eigen sin.
Barl. 270, 19
ff., zugleich der sin,
denkkraft, im herzen wohnend, wie sinne
als '
besinnung'
Parz. 580, 8
ff. selbst vom geschäftlichen denken des arbeitsmannes: als noch ein wîser zimberman in sînem herzen trahtet mit vürgedanc (
so l.?) und ahtet, mit welher hande sachen er sîn hûs welle machen. Rudolf
weltchr. (
Docens misc. 2, 47);
selbst in der schulsprache jener zeit, s. unter 5,
b. II@3@cc)
auch nhd. noch (
vgl. unter denken 3, herz 7): menschen herz feiret nicht, wie eine müle. schüttet man nit was gutes auf, so mehlet es sich selber, oder es quellen lauter böse gedanken heraus. Mathes.
Sar. 75
a; beware ewiglich solchen sinn und gedanken im herzen deines volks.
1 chron. 30, 18; alle gedanken und sinn des menschlichen herzen stehn zu dem ergisten allezeit.
1 Mos. 6, 5
var. für tichten und trachten; was seid ir so erschrocken? und warum komen solche gedanken (
dasz ich ein geist sei) in ewer herz?
Luc. 24, 38,
var. warumb steigen solch gedanken auf in ewer herz (
griech. καρδία); des herzen leben stehet in denken und weben, wer nicht kan denken und weben, der kan nicht lang leben. Lehman
flor. 1, 261; ob schon ein mensch alt ist, so bleibt doch das herz alzeit frisch böses zu gedenken. 262; kein mensch kan sich böser gedanken erwehren, sie fallen ins herz wie die raben auf ein aasz. 263; wo soll man hin für gottes geist, der aller herzen gdanken waiszt. Henisch 1404.
noch jetzt, auch von nur gedächtnismäszigem gedankenvorrat, im engl. to know by heart,
franz. savoir par coeur,
wie ahd. herzlîcho
auswendig (
s. d.), biherzian
recordari Graff 4, 1047.
in der volksrede auch bei uns noch ich dachte in meinem herzen
gleich bei mir
u. ä., vgl. gedächtnis (
von wolthaten) im herzen
sp. 1935.
s. auch herzgedanke, herzensgedanke
und 5,
e a. e. II@3@dd)
auch die brust wird genannt, als gehäus des herzens, schon ags., s. I, 2
a. daher breostgeþanc Grein 1, 141;
nhd. doch erst spät: frau, welchen sturm gefährlicher gedanken weckst du mir in der stillen brust. Schiller
Tell 1, 2;
das wird aber homerisch sein (
s. auch u. 5,
d),
wie vieles im Tell und wie auch in Herm. u. Dor. der kluge sinn in der brust Göthe 40, 282, nach
νόος ἐνὶ στήθεσσιν z. b. Il. 3, 63,
Od. 13, 255,
von Spreng
Il. 49
a vielmehr mit herz
gegeben, dem ältern gebrauch entsprechend. Aber im mut (
θυμός)
wohnt auch bei uns das denken, er dâhte in sinem muote.
Nib. 284, 1 (
s. I, 2,
a),
auch: alsô (
wie die heide) blüet mîn hôher muot mit gedanken gegen ir güete. Lichtenstein 97, 14.
und wie das volk noch sagt ich dachte in meinem gemüte
u. ä. so spricht noch Bodmer
von gemüthes-gedanken
wunderb. 244,
poet. gem. 544. gemüths-gedanken
crit. br. 111,
vom zustand des gemüthes in absicht auf seine gedanken und empfindung
poet. gem. 283,
er meint mit jenem die bed. des engl. (
u. franz.) sentiment,
gedanke der zugleich in stimmung und gesinnung wurzelt; vgl. im 17. 16.
jh. mit dem gemüeth und gedanken einem dinge nachgehen,
animo ad aliquid tendere. Henisch 1403; gedanken des gemts,
sensa, sensus. Dasyp. 312
d;
sensa, die betrachtungen oder gedanken des gemts. 221
d (
vergl. u. 4,
b),
entsprechend dem lat. sentire
gleich empfinden und denken. auch Schiller
drückt den begriff jenes sentiment
mit gedanke
aus, der in der brust '
pulsirt': und éiner freude hochgefühl entbrennet, und éin gedanke schlägt in jeder brust (
beim siegesfeste).
jungfrau von Orl. 4, 1. II@3@ee)
die verlegung der gedanken
in den kopf, d. h. das bewuszte scheiden von kopf und herz genauer zu verfolgen wäre höchst wertvoll für erkenntnis der neueren entwickelung überhaupt (
s. weiter u. 5);
vergl. dazu V, 1764
unter kopf,
der doch auch umgekehrt an gewissen gemütsbewegungen betheiligt erscheint, und gedächtnis ...,
wonach die verlegung von der anatomischen psychologie ausgegangen. schon ein voc. d. 15.
jh. erklärt fantasia, bei Melber gesicht in der sele,
mit gedenk in dem heupt Dief. 225
a (
zur sache s. 4,
a).
in Rollenhagens
seelenstaat wohnt der allgemein verstand hinter der stirn,
seine diener, zween edle knaben,
als kammerschreiber beschäftigt für das was die sinne dem verstand
zuführen, sind: die gedanken, so ist ihr nam, einer heiszt witz, der ander wahn.
froschm. Ff 1
b,
d. h. zwei unterschiedene arten zu denken, entsprechend der altüberlieferten unterscheidung von klarem wiʒʒen
und trübem wænen (
s. z. b. Freid. 115, 23);
dem verstande dient auch die vernunft,
die mit einem triangel (
dem syllogismus)
arbeitet, so reformirt sie die gedanken, das sie nicht mehr unrichtig wanken. Ff 3
a; sagt den gedanken ir urtheil .. die .. verkündigens dem herzen all (
zur nachachtung). 3
b. gedanken
im gehirn (
vgl. Schiller
u. 1,
c); es kann in meinem hirn sich kein gedanke regen, du (
gott) weist und kennest ihn. Brockes 1, 424,
in einem gedichte, welches das entstehen und leben der gedanken untersucht; wenn ich ehedem in meinem kopfe nach gedanken oder einfällen fischte, so fieng ich immer etwas. Lichtenberg (1800) 1, 43. gedanken gehen uns durch den kopf, machen uns den kopf warm, schwer
u. dgl.; aber auch noch machen einem das herz schwer.
noch im 17.
jh. ist doch auch die rede davon, dasz man die gedanken
eig. vom kopfe fern halten müsse. wer den vögeln den flug unterm himmel kan wehren, der kan auch die gedanken arrestiren, dasz sie nicht in den kopf steigen. Lehmann
flor. 1, 263;
vgl. das.: gedanken kan man so wenig wehren als den vögeln, dasz sie dir nicht übern kopf auf der straszen fliegen,
d. h. empfindungen, wünsche u. dgl., auch einfälle, die das urtheil trüben, vergl. aus dem 15.
jh. u. 1,
c von bösen gedanken
denen man stat gibt in der vernunft. II@44)
denn das wort hat mit dieser verschiebung auch seinen wert und inhalt verändert, verschoben; der ältere, d. h. der ursprüngliche, musz uns jetzt scharf vor augen gerückt werden, wenn wir unsere vorfahren darin verstehen wollen. II@4@aa)
auch die gedenk in dem heupt,
fantasia vorhin 3,
e sind nicht gedanken im heutigen sein, sondern bilder in der seele, einst auch wirklich bilde
genannt, s. Herm. v. Fritzlar
u. 2,
b, mehr unter gedächtnis ....
und nachher Bodmer;
noch jetzt nl. denkbeeld,
vorstellung, begriff, idee, auch hd. im 18.
jh. denkbild (
s. d., Herder),
dazu stimmt denn das denken als ein sehen mhd. u, 3,
b, daher vielleicht auch folg. sehen
von gedanken: da aber Jesus ire gedanken sahe, sprach er, warumb denkt ir so arges in euren herzen? Luther
Matth. 9, 4,
falls nicht ein ablesen auf den gesichtern gemeint ist. seit dem 18.
jh. heiszt das in der schulsprache vorstellung (
was man 'sich vorstellt',
d. h. sichtbar hinstellt im geiste),
jetzt auch, mit auffrischung des in vorstellung
verblaszten bildes, anschauung,
d. h. innere. Aber gedanke
gilt im ausdruck des lebens so bis heute; im 18.
jahrh. auch lange noch in gelehrter rede, z. b. wenn Brockes
das bild von dem wasserlos gedachten meeresgrunde sich ausmalt: dessen himmelhohe seiten selber der gedanken kraft und die sinnen überschreiten.
ird. vergn. in gott 1, 297,
die kraft der vorstellung wie des sinnlichen sehens; wo der augen kräfte schwinden (
bei demselben versuch), fängt die kraft des denkens an .. die ermüdeten gedanken müssen selbst verwirrt gestehn, dasz auch sie kein ende
sehn. s. 298,
vgl. der seelen augen
s. 260,
wobei noch zu bemerken, dasz Brockes
nach natur und grundsatz dichterische bilder als bloszen schmuck nicht braucht. auch Bodmer
gebraucht gedanke
und bild
noch gleich, selbst in philosophischer schulsprache: dasz die qualitet eines mahlers einem jeden scribenten ohne metapher zukömmt. der scribent ist bemühet, die phantasie der leser mit
gedanken anzufüllen, das heiszt in der sprache des hrn. Descartes, er will ihnen
bilder von den dingen in das gehirne mahlen.
betr. über die poet. gem. 39 (
disc. der mahlern 1, 63,
s. bei Danzel
Gottsch. 207),
nachher auch idee
genannt: eine sache, die auf diese weise mit worten abgebildet worden, heiszt nun mit dem kunstworte eine
idee, welches auf deutsch nichts anders heiszt, als ein bildnis und gemählde.
das. (
vgl. von idee,
auch gedanke
genannt, in erhöhtem sinne 6)
; daher gedanken schildern,
d. h. malen: in poetischen gemählden und schildereien der gedanken.
das. 16.
Solcher art sind denn die gedanken,
mit denen einer z. b. an seine heimat denkt, sich etwas '
ausmalt',
in lebhaften farben u. ä., in alter sprache sich einbildet
und wie sonst das bildsehen der gedanken von der sprache noch jetzt vielfältig uns unbewuszt ausgeprägt ist; man nennt das lebhafte gedanken, lebhaftes denken,
d. h. das leben der sache mitbringend statt des blosz schattenhaften —
bildes, welches das jetzt gewöhnlich so genannte denken
liefert. II@4@bb)
im 17.
jh. stellt Henisch 1403
in seinem art. voran: gedanken des gemüets,
sensa mentis, h. e. quae sentiuntur, cogitata, cogitationes, vulgo (
d. h. in der schulsprache)
conceptus mentis, quod quae sentiuntur, cogitantur, das durch die sinn ergriffen wird;
also die sinneneindrücke wie sie uns zum bewusztsein kommen und vom ersten denken ergriffen werden, was Dasyp.
u. 3,
d betrachtungen oder gedanken
nennt, beides offenbar aus der schulsprache der zeit. II@4@cc)
aber auch das empfinden in höheren sinne ist oft in den gedanken
eingeschlossen und mit gemeint, entsprechend ihrem sitz im herzen (
s. 1,
b gedanc
animus, anima);
daher auch gedanken
fülen (
vgl. dazu 5,
e): gedanken des unglaubens und verzweivelung fülen sie. Luther
b. Dietz 2, 31
a,
haben, empfinden sie im herzen; wie noch jetzt in den gedanken
an die heimat, so z. b. besonders deutlich in den liebenden gedanken, die lange auch kurzweg gedanken
heiszen: frouwe, mînes lîbes frouwe (
herrin), an dir stêt aller mîn gedank. Dietmar v. Aist,
minn. frühl. 36, 35; ich sach die rôsebluomen stân, die manent mich der gedanke vil,die ich hin zeiner frouwen hâ
n. 34, 9; du habest im elliu andriu wîp benomen ûʒ sînem muote (
soll das lied melden), daʒ er gedanke niene hât. Meinloh, 11, 19, mit gedanken ich die zît vertrîbe als ich beste kan. Frid. v. Husen, 42, 10; ôwê Minne, gib ein teil der lieben mîner nôt, teil ir sô mite, daʒ si gedanke ouch machen rôt. Heinr. v. Morungen, 134, 10; nie wart grœʒer ungemach danne eʒ ist, der (
wenn einer) mit gedanken umbe gât. Reimar, 174, 25; sô wirt si (
minne) vil dicke ellende mit gedanken, als ich bin. 44, 16, ellende,
d. h. ausheimisch, bei der geliebten dort; wan von gedanken kumt der muot, der dem lîbe sanfte tuot.
Wigalois 28, 21,
eingeflochten in einer ausmalung der schönheit der geliebten; do alrêrste huob eʒ sich mit gedanken under in.
Trist. 21, 31.
in einem ärztlichen werke des 14.
jh., md.: ein sîchtûm heiʒit minne, der ist des (
darum) swêrer denne ein ander sîchtûm, daʒ he ist an deme gedanken. swer den sîchtûm hât, deme geligent diu ougin nimmer (
zum schlaf) unde unstête sint si von deme unstêten gedanken .. swenne he sich vortûfet mit gedanken, sô vortrîbet he beide des lîbes werc unde der sêle (
legt beide lahm)
u. s. w. fundgr. 1, 321.
Und so noch nhd.: wie Philomena viel und mancherlei gedanken nach dem jüngling Gabriotto hat.
buch d. l. 234
d; in liebe ich ganz und gar entzündet bin, mein herz und gemüth und all mein sinn. ich sing oder dicht, oder was man (
zu mir) spricht, vor groszen gedanken niemand recht bericht.
Ambraser liederb. nr. 198 5, 4; die seele ist wie eine fledermaus, wenn die verliebten knaben in den gedanken sitzen und das maul offen lassen, so wischt sie davon. Weise
überfl. ged. (1701) 369; die verheelung der gedanken labet keinen dürren mund, und die scham verliebter kranken macht das herze spät (
d. h. nie) gesund. Günther 253,
als er sich endlich wagte ihr seine liebe zu entdecken; vgl. noch in Clärchens liede gedankenvoll sein; wenn zwei geschieden sind von herz und munde, da ziehn gedanken über berg' und schlüfte. Eichendorf
ged. 311.
von andern empfindungen s. z. b. gedanke, gemütsgedanke,
sentiment 3,
d a. e. II@4@dd)
mit dem empfinden aber auch das wollen, in allen stufen vom wünschen bis zum verlangen; so wieder verliebte gedanken,
vom sehnen bis zur begier, auch wieder im sing., wie u. b, z. b. von der heil. Elisabeth in der kirche, die mit ihrem gemahl messe hört: dô her bî ir stûnt, dô vîl ir în ein gedanc von ime, wan her was ein schône furste des lîbes.
myst. 1, 243, 31,
was ihr dann als sünde das herz beschwert; der teufel erzählt dem heil. Dominicus von seinen geschäften im schlafhaus des klosters: bî wîlen ich ouch lâʒe sie mit den gedanken spilen, des si nicht ê sich bezilen, ê daʒ si vleckecht werden drabe.
pass. K. 369, 21;
die liebe rühmt sich gegen die schöne: ich kan haimlich locken und kosen, vil gedenk sint mir undertan. Suchenwirt 46, 111; der küng gieng zuo sinr (
liebesiechen) tochter bhend, er sprach: din ougen zuo mir wend und klag mir dinen schmerzen. von natur bist du nit krank, ist es anfechtung und gedank, das dir lyt an dim herzen? Körners
hist. volksl. 71; so du vermainst, du wöllest hailige betrachtung haben, so felst du in gotzlesterlich gedanken, in wst unküsch gedanken. Keisersberg
granatapf. N 3
a; wenn du bei dir selber sitzest ettwan (
einmal) und kerest dich ernstlich zuo dem leiden unsers herren, als er an dem stamm des heiligen creütz gehangen ist, so kompt der teüfel und gibt dir so schantlich gedanken ein, dʒ es nit auszzuosprechen ist. bist du ain frawenbild und hast dir Christum den herren eingebildet, so fallent dir etwan so unrain gedanken ein von den geburtsgeliederen unsers herren. N 2
a; und von wegen sollicher unschaffner gedenk, so inen infallent, verzweiflent sie und schätzent, das sie von gott verlaszen seiend.
eschengr. b 8
b;
Coelestina. ists möglich, dasz so inbrünstige liebe, die ich zu ihm trage, müsse vergebens sein?
Camilla. wenn er seine gedanken anderswo hingesetzet, wie können wir ihn bewegen, nach uns zu sehen? A. Gryphius 1, 773. II@55)
das bestreben, den gedanken
von bild und empfindung als hemmnissen zu befreien, den sog. reinen gedanken,
das reine denken
herzustellen, wonach zunächst die philosophie strebt, hat seine eigene bedeutsame geschichte, hand in hand gehend mit der bewuszten verlegung in den kopf (3,
e). II@5@aa) Keisersberg
z. b. bemüht sich wiederholt in seinen predigten, hauptsächlich zum schutz gegen die vorhin angedeuteten gefahren, beim beten ein bildloses denken zu empfehlen und als möglich nachzuweisen: und sprichst du, wie mag es gesein, das ein mensch betten künd on bild? ich antwurt und sprich, das es wol müglich ist, wie wol es den unerfarnen etlicher masz schwer scheinet,
und erinnert an die hostie als bild gottes, das wir da sehend mit den ougen des herzens (
vgl. 3,
b), und sumen uns aber nit lang mit unsrem gedank bei den dingen, die unsern auszerlichen ougen erscheinent, als bei der weisze, runde und kleine diser heiligen hostien, sunder zwingen mit gewalt unsren gedank, dʒ er sich abker von disen sichtlichen gestalten zuo den unsichtlichen dingen, die das oug des gemts .. sicht
u. s. w. eschengr. b 7
a fg. im cap. 5 'wie man betten soll im
geist on bild, das sein
houbt und sinn nit geletzt werden b 6
a; man soll aufheben sein
herz zuo verstentlichen, lauteren und unleiblichen dingen.
das., d. h. die in den verstand fallen (
und doch noch das '
herz')
und rein sind von sinnlichem, so fallet er nit leichtiklichen in hirnwtikeit, würt auch nit fantästig noch in seinem houbt und sinnen zerstört, das sich doch leichtiklichen begeben möcht, so ein mönsch zuo fil heftet seinen gedank in bildsichtliche ding. b 6
a.
noch deutlicher, und als obs von heute wäre, in der geistl. spinn. 5.
pred.: 'wie kan ich (
zu Christo) beeten on bild?' sprichest du .. gang hinein (
ins innere) mit dem glauben, gedenk: wer ist er? er ist warer gott und warer mensch, er ist der allermächtigest
u. s. w., so beetest du on bild, wenn du gedenkest: er ist der aller weisest.
weisheit hatt kein
bild, sie ist weder grosz noch klein, weder weisz noch schwarz
u. s. w. granatapf. N 2
c; luog aber und beleib nit entlichen auf den bilden, also das du auf den bilden klebest. nun wolan, du fachest an und durchschawest alle glider (
des gekreuzigten) .. nun sprichestu, 'was schadt es mir dann, das ich also auf den bilden beleib?' der schad komt dir dar ausz,
das dir dein hirn erödet oder eröset wirt .. und wenn du ain tritt tuost, so würstu sein oben im hirn gewar. N 2
d fg., d. h. die fortsetzung auch des höheren denkens in bildern macht sich durch überanstrengung unmöglich, man musz nun statt der alten gedanken
abstractionen, d. h. worte einsetzen (
s. dazu 7,
c)
; vgl. auch Keisersb.
unter gedenken.
auch von seite der mystik wurden die bilder im denken bekämpft, vgl. z. b. Hermann v. Fritzlar
myst. 1, 253,
wonach dem geiste als ziel gesteckt wird, daʒ sîn innikeit alsô grôʒ werde daʒ her aller bilde vergeʒʒe,
und zu schelten sind u. a., die nicht kuntschaft haben überbildelîcher dinge, und die mê achten bildelîche dinc danne unbildelîche dinc;
s. auch Eckhart 475, 35
ff. II@5@bb)
bemerkenswert ist dabei, wie die schulsprache anfangs dem unbildlichen denken die bezeichnung gedanke
versagen wollte, die man dem volksmäszigen denken, dem in bildern vorbehielt, also gerade umgekehrt gegen jetzt: irdische gedanke
und geistlîchiu betrachtunge
als gegensatz. myst. 324, 12; swenne der mensch ist an gedanken, sô ist sîn
herz (
s. 3,
b) wîtweidenic; swenne er aber trahtet, sô bedenket er etwaʒ der wârheit; swenne er ist an der schowunge, sô verwundert er sich: der gedanc ist ân arbeit und ân fruht, diu trahtunge ist mit arbeit und mit fruht, diu anschowunge ist ân arbeit und mit fruht (
s. u. g).
mhd. wb. 1, 355
a.
also gedanc
das arbeitlose leben und weben in dem bildervorrat der seele (
der gedächtnis,
s. d.),
im herzen vorgehend, das dabei frei und weit schweift wie ein waidmann oder wild in der aue (
vgl. u. 8,
f)
oder wie augenweide in schöner landschaft (
vgl.des herzen ougen 3,
b);
das '
reflectieren'
dagegen, das denken in begriffen, heiszt trahten (
vgl.betrachtung u. c),
wird jedoch erklärt mit bedenken, das hier in seiner eig. bed. klar wird: mit dem gedanken ergreifen und bearbeiten (
um die bilder ins bildlose, abstracte hinüberzuführen),
was eben auch tractare
sagt, woraus trahten
entstand, und doch ist auch betrachten,
vom blosz begrifflichen denken ausgehend, zu der bed. des denkenden beschauens, auch mit den augen, fortgeschritten, ein wertvoller wink für das bedürfnis der natur im geiste. Auch in der alten auffassung und selbstbeobachtung wird das höchste denken doch wieder als ein schauen gefaszt, d. h. ein sehen des groszen, wo möglich des ganzen, begleitet von dem erstaunen, das auch z. b. bei Klopstock
wiederkehrt (7, 55. 11, 213,
von der besten art über gott zu denken),
bei Bodmer
crit. br. 96
und häufig bei Göthe (
s. z. b. 19, 228
Hemp., Eckerm. 2, 50).
zu jenen drei arten des denkens vgl. z. b. auch Keisersberg
unter betrachten 1,
wo gleichfalls nur das weiden und weben des gedankens im alten sinne gedenken
genannt wird, jederman kan gedenken, es gat on arbeit zuo und on nutz
u. s. w. aber in einer klosterpredigt des 14.
jh. werden doch alle drei arten gedank
genannt Wack.
pred. 123
ff., der dritte gedank daʒ ist ein vrîe durhgesiht
u. s. w. 125,
ein freies durch- und überschauen der welt bis zu gott hin: sô hebet sich der geist über elliu ding diu under gotte sint und beschowet denne an gotte
u. s. w. 125, 200. II@5@cc)
dasz auszer der schulsprache auch dem gedanken im höheren sinne der name zukam, selbst in alter zeit, zeigt das ahd. cogitatio, meditatio gidanc 1,
c, für die mhd. klostersprache die predigt vorhin, fürs 15. 16.
jh. s. u. 1,
c, besonders auch aus Melber
unter 3,
a. das reflectieren,
d. h. das zurückbeugen des gedankens auf sich selbst oder seinen inhalt, ist vielleicht da mit hinterdenken
zugleich gemeint: meditari, hinderdenken, betrachten. Melber o 7
b;
aber auch: cogitare, hinderdenken, betrachten, betrachtung haben,
quasi coagitare, umb und umb sehung haben, ad extra, intra, ante, retro. d 2
a;
völliger hinter sich gedenken (
s. d.).
das schulwort und das einfache werden auch länger gern verbunden: cogitatio, ein betrachtung, gedank. Fris. 241
b; wenn si iren gedank und betrachtung zuo fil heftend gegen den leiblichen bilden der heiligen jungfrawen (
statt auf ihre geistliche bedeutung). Keisersb.
eschengr. b 8
a.
Nun spricht man allgemein vom philosophischen, speculativen gedanken,
als dem höchsten werkzeug des geistes; vgl. gedanke im gegensatz zur sinnenwelt in uns bei Schiller, Humboldt
u. 1,
c; von Kant: manche der edlen möcht ich nennen .. auch den lebenden, der am Belt den rand masz aller gedanken. Herder
ged. 1817 1, 261 (
Deutschlands ehre); aber flüchtet aus der sinne schranken in die freiheit der gedanken, und die furchterscheinung ist entflohn. Schiller XI, 59 (
ideal u. leben). II@5@dd)
die zugespitzte forderung des reinen gedankens
freilich stöszt auf widerstand, unbewuszt bei der natur selbst, und ausgesprochen bei klaren geistern die sich durch schulgedanken nicht gefangen nehmen lassen. der beginnende widerspruch fällt mit der beginnenden überspitzung zusammen ins vorige jh., wovon bei der unendlichen wichtigkeit der sache viel zu sagen wäre, wenn es hier der platz erlaubte. auch Göthe
z. b. wollte sich zwar anfangs der forderung fügen: er pflegt auch selbst zu sagen, dasz er sich immer uneigentlich ausdrücke, niemals eigentlich ausdrücken könne. wenn er aber älter werde, hoffe er die gedanken selbst, wie sie wären, zu denken und zu sagen. Kestner
aus seiner ersten bekanntschaft mit ihm 1772,
Göthe u. Werther s. 37.
aber daneben steht seine schmerzliche selbsterkenntnis aus demselben jahre, die er Herders
hinweisung auf Pindar und Homer verdankte (
er hätte sie auch aus unsern alten dichtern haben können, s. 3): muth und hoffnung und furcht und ruh wechseln in meiner
brust (
von ihm unterstrichen). seit ich die kraft der worte
στηθος und
πραπιδες fühle, ist mir in mir selbst eine neue welt aufgegangen. armer mensch (
von heute), an dem der kopf alles ist!
aus Herders nachl. 1, 37, Hirzels
jung. G. 1, 307,
vgl. nachher Schiller
über ihn. besonders Herder
führte den kampf für den lebendigen gedanken
gegenüber dem todten (
abstracten),
zunächst für die rede des dichters und die erziehung, z. b.: im auge, im antlitz, durch den ton ... so spricht die empfindung eigentlich, und überläszt dem todten gedanken daz gebiet der todten sprache.
fragm. 3, 66.
und gerade ein zunftgelehrter wie Lichtenberg
machte bei jenem redlichen versuch des reinen denkens mit schreck an sich die erfahrung: das war alles was ich dachte (
über den traum, dasz er verbrannt sei, beim erwachen) und
blosz dachte. ich fürchte fast, es wird bei mir alles zu gedanken und das gefühl verliert sich.
verm. schr. (1800) 1, 33,
vgl. s. 40,
wie er empfinden sollte und wollte, und nichts empfand,
die fähigkeit war ihm zerstört, vgl. schon beim jungen Lessing 1, 179 das fühlen wird verlernt (
bei schulphilosophie).
Und ebenso mit der geforderten bildlosigkeit. der treffliche Abbt
z. b. (4, 109
ff.)
gesteht, dasz es für ihn kein abstrahieren ohne ein anschauen gebe, das ihn auch allein zur überzeugung bringen könne, besitzen es andere, so mögen sie sich ihrer überhebung freuen, mir fehlt es nicht an mitbrüdern, die mit ihrem körper so nahe verehlicht sind (
s. 113.)
auch Schiller
machte an der schulphilosophie und an sich die erfahrung: die vernunft zieht bei ihren schöpfungen die gränzen der sinnenwelt viel zu wenig zu rath, und der gedanke wird immer weiter getrieben, als die erfahrung ihm folgen kann
u. s. w. X, 500 (
naive u. sent. d.),
nachher das. 'überspannter gedanke'.
daher Schiller
von Göthes
bildungsgange: so wie sie von der anschauung zur abstraction übergiengen, so muszten sie nun rückwärts begriffe wieder in intuitionen umwandeln und gedanken in gefühle verwandeln, weil nur durch diese das genie hervorbringen kann.
briefw. 1, 9;
vgl. Göthes
bestätigende äuszerung v. j. 1771
über seinen plan des Sokrates: ich brauche zeit, das zum gefühl zu entwickeln.
aus Herders nachl. 1, 35,
d. j. G. 1, 303.
daher die entzweiung in uns: fühlst du dir stärke genug, der kämpfe schwersten zu kämpfen' wenn sich verstand und herz, sinn und gedanken entzwein? Schiller XI, 91 (
einem jungen freunde),
vgl.: durch abstractes denken in sich selbst getheilt. X, 506; bis zur völligen aushöhlung der realität durch den gedanken, bis zur gänzlichen unterwerfung des bildes und der lebendigen gestalt unter den todten begriff .. hätte die entzweiung nie getrieben werden sollen. Pfizer
briefw. zweier Deutschen 125,
s.todter gedanke Herder
vorhin, bei Luther 6, 387
a kalte gedanken und trewme (
vgl.warme begriffe
f a. e.); trockene, in begriffen nur allzu gut erschöpfbare gedanken. Lotze
gesch. d. ästh. 22. II@5@ee)
daher gleichzeitig ein entschiedener rückschlag im begriffe von denken
und gedanke,
eigentlich eine rückkehr zu dem ursprünglichen begriffe, sie sollten nun, zur sicherstellung ihrer wahrheit, wieder zugleich ein fühlen und sehen sein. II@5@e@aα)
das herz
tritt wieder mit ein, ja zum erzeugen und verstehen bedeutenderer gedanken ist gefühl notwendig: éin gedanke strahlt mir insonderheit mit einer kraft entgegen, die mein ganzes herz gleichsam umfasset. Lavater
auss. 1, 101; er (
Göthe) strebt nach wahrheit, hält jedoch mehr vom gefühl derselben, als von ihrer demonstration. Göthe
u. Werther 38;
auch ein scharfer denker erklärt: überhaupt entsteht kein einziger groszer gedanke, auch nicht einmal über materien die schon bekannt sind, ohne eine lebhafte einbildungskraft, geleitet durch ein
sicheres gefühl (
von ihm unterstr.) dessen, was an jeder sache .. grosz und klein ist. wo dieses gefühl mangelt, da können auszerordentliche, seltsame, übertriebene, läppische gedanken zum vorschein kommen, niemals
grosze (
und wahre). Abbt 1, 37,
wie Klopstock
der begeisterung zuruft, sich um déssentwillen nicht fesseln anzulegen: der, leer des gefühls, den gedanken nicht erreicht!
od. 1, 271 (
unsre sprache). II@5@e@bβ)
ja es hiesz nun wahrheiten fühlen, gedanken empfinden
für völlig fassen, tief und wirklich verstehen, auch bei einem zunftgelehrten wie Kästner,
wenn er z. b. Gottsched nachrühmt, er habe den deutschen philosophen zuerst gezeigt, dasz man philosophie und schöne wissenschaften verbinden könne. denn weil die damaligen philosophen nur dachten, oder eigentlich: zu denken glaubten, und nicht empfanden, so hatten sie diese wahrheit in Leibnitzens schriften nicht gefühlt.
verm. schriften 2 (1772), 84,
sie war ihnen entgangen, weil sie mit dem bloszen schuldenken nicht zu fassen ist; dann empfindet sie (
die seele) grosze gedanken, das glück zu verachten und die schattenweisheit der kleinen. Klopstock
od. (1798) 1, 42,
Salem; sie (
die erlösten menschen) werdens fühlen und jauchzen, dasz sie unsterblich sind, und des ewigen lebens gedanken, weil du sie liebest, erst ganz in seiner hoheit empfinden.
Mess. 5, 803.
man sagte auch z. b. einen scherz empfinden,
einen witzigen gedanken wirklich verstehn: sie (
die anekdoten) sind oft mit besondern umständen so zusammenhängend, dasz der scherz nur von wenigen so empfunden werden kann (
als den dabei anwesenden). Weisze
Rabeners br. s. lxxi.
auch Göthe
brauchte fühlen
so (
vgl. im Faust erfüll davon dein
herz, so grosz es ist
u. s. w. 12, 181,
s. dazu Klopstock 11, 213
unter f),
noch in höhern jahren, z. b. im Epimenides a. e., von dem nun nötigen erforschen und verstehen der geschichte des vaterlandes, um seiner zukunft froh zu werden: und nun soll geist und herz entbrennen, vergangnes fühlen, zukunft schaun. 13, 315.
in jungen jahren aber selbst schmecken (
in anschlusz an geschmack),
womit er, wie mit anderem, zu der rede- und denkweise der mystiker des 14. 15.
jh. kommt (
s. u. g),
vom Straszburger münster: éin ganzer groszer eindruck füllte meine seele, den .. ich wol schmecken und genieszen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. sie sagen, dasz es also mit den freuden des himmels sei. 39, 345 (
altd. baukunst),
das gesuchte ist ja eigentlich zugleich der ursprüngliche gedanke
des künstlers. II@5@e@gγ)
dem entsprechend übertrug man auch klar von den begriffen auf dieses fühlen, gegenüber der schulsprache, die den gefühlen nur dunkelheit, verworrenheit u. ä. zuschrieb: mitunter musz man die dinge einige mal übersehn (
in Moritzens schrift), um es recht klar zu fühlen. Schiller
u. Lotte 243; darum trau ich mehr der wahrheit, die ich klar empfinde
u. s. w. deutsch. museum 1783
s. 104,
s. J. Paul 33, 13;
s. dazu unter klar 11. II@5@e@dδ)
auch das sehen kehrt nun wieder, auf höherer stufe (
doch mit unterschied, s. z. b. Göthe 30, 163
unter 13,
h): ausgebreitet hieng auf ihn hin die schauende seele, sah ihn ganz, den gedanken der ewigkeit, sah von dem endzweck ihres daseins viel in ihm. Klopstock
Mess. 4, 850,
die ausgeweitete seele '
sieht'
die ewigkeit, welche sich der schulgedanke in worten zusammenrechnet zu einem sog. begriff.
dasz er seine gedanken sah, zeigt auch folgendes, von Jesus, nachdem er sich im gebete zum tode für die menschheit entschlossen: stützt' auf die wankende rechte sich nieder, und schaut' in die nacht hin: und da giengen ihm
vor den gedanken des ewigen todes (
s. 6,
a) schreckengestalten vorüber.
Mess. 5, 416.
am entschiedensten tritt auch diesz sehende denken bei Göthen
auf, schon in jungen jahren, s. von den dichtern der ritterzeit, deren seele eine bildertafel ist, die mit ihrem körper lieben, mit ihren augen denken 33, 50 (
der junge G. 2, 455),
bis dann Heinroth
an ihm entdeckte, 'dasz mein anschauen selbst ein denken, mein denken ein anschauen sei'
s. 50, 91
ff.; war es ihm doch selbst bei seinem philosophischen denken so: ich glaubte wirklich, ich sähe meine meinungen vor augen. 50, 51;
vergl. auch anschauende gedanken Herder
fragm. 3, 103.
aber auch jedermann spricht von seinen gedanken über etwas, wie er die sache ansehe,
von seiner ansicht
oder anschauung,
wie das eindringende erkennen noch einsehen, durchschauen
heiszt. II@5@e@eε)
der forderung des mitempfindens beim denken entspricht die nun geläufige und beliebte verbindung gedanken und gefühle, empfindungen,
was früher und noch unterm volke eben kurz gedanken
heiszt; sie stammt aus jener zeit des 18.
jh., z. b.: seine gedanken und empfindungen. Bodmer
gem. 283,
s. unter 3,
d; je weiter sich gedanken und gefühle dem üppigeren harmonienspiele (
der erkannten welt), dem reichern strom der schönheit aufgethan. Schiller VI, 277 (
künstler); jemehr sie (
die einbildungskraft) gedanken und empfindungen producieren soll, je leichter kann sie wieder frei scheinen. W. v. Humboldt
an Schiller 145,
vgl. denselben unter I, 1,
d. II@5@ff)
dieses neue (
und alte)
denken, zugleich mit umfassendem anschauen und empfinden (
oder dem versuch dazu),
ist denn das denken mit acc. im vorigen jh., das von Klopstock
herrührt, dessen einfach groszer seele es natürlich und notwendig war: die ewigkeit denken, das vaterland, die geliebte, den freund, gott
u. dgl., d. h. den ganzen, nicht blosz einen theil oder eine beziehung daran, was in denken an
ausgedrückt ist, wenn die
ganze seele von dem, den sie denkt, so erfüllt ist, dasz alle ihre übrigen kräfte .. zugleich und zu éinem endzwecke wirken. Klopstock 11, 213.
s. u.denken 11 II, 931 (
doch auch älteres gedenken
mit acc.).
es ward rasch aufgenommen, auch von gegnern, wie Schönaich (
hatte es doch auch einen anhalt in dem volksmäszigen ich kann
mir die ewigkeit nicht denken
u. ähnl.): Hermann! sagt er, jenes wesen, das mein mund nicht nennen kann, denn, um es recht auszudrücken, treff' ich keinen namen an, jenes wesen, das mein geist zitternd und mit ehrfurcht denket (
gott). Schönaich
Hermann 9; denke deine unsterblichkeit. S. Geszner 1, 237; schwindelnd gaukelt der blick umher und ich denke dich, ewiger. Schiller I, 273 (
hymne an den unendl.).
ähnlich noch Göthe
spät: die göttin (
Roma), hehr an ihres kindes wiege, denkt abermals das schicksal einer welt. 13, 260.
es ist aus dem vorigen klar, wie auch fühlen
damit wesentlich gleich gebraucht werden konnte, s. z. b. sp. 410
aus Göthe 2, 153,
wie Öser trauernd den geschiedenen (
Gellert) fühlte;
brauchte er doch selbst gedichte fühlen
gleich tief innerlich schaffen, s. Göthe
und Werther 135 (
der j. G. 1, 348).
vergl. Lessings
einwurf gegen Klopstock, dasz er das denken nennt, was andere ehrliche leute empfinden heiszen 6, 130. 259,
d. h. er verstand die verbindung beider noch nicht (
aber später spricht er doch selbst von warmen begriffen 10, 217),
wie denn auch seine übersetzung des engl. sentimental
durch empfindsam (
s. d.)
ungenau, fast unrichtig ist, da sentiment
noch, wie lat. sentire,
zugleich ein denken, sinnen bezeichnet, wie es denn Bodmer
durch gemütsgedanke
gab (
s. 3,
d),
während es auch noch kurz gedanke
heiszt (
vgl. Schiller
ebenda). II@5@gg)
schon die mystische denklehre übrigens brachte bei ihrer dritten, höchsten art des denkens auch das sehen und empfinden wieder, letzteres schon in dem sich verwundern (
s. u. b),
aber auch als ein genieszen, selbst '
schmecken'
bezeichnet, z. b.: contemplatio est visio et cognitio cum dulcedine, gotlich beschauung mit sszikeit, dum quis fruitur et gustat .. entpfintlicheit der sszikeit gots
u. s. w. Melber e 4
a; contemplatio
videt et noscit cogitatum jam ruminatum cum
sapore etc. d 2
b,
das zweite denken als ein wiederkauen (
vgl.kauen 3); alsô sol man diu wort mit dem zande der verstantnüsse kiuwen, unz man kumet in die nieʒunge der gotlîchen heimlîche, sô sol man diu wort lâʒen (
braucht sie nicht mehr).
myst. 1, 375; gotes smecken. Eckhart 168, 21, gotlîcher gesmac 480, 29, vorsmac des êwigen lebens 374, 20,
vgl. empfindlicher schmack
unter gedächtnis II, 1,
a am ende. Gleich gemeint ist im grunde berauscht von gedanken, rausch der gedanken,
die wie trunken machen mit hoher musik (
dagegen 'trockener' gedanke
d a. e.): noch dem erdgeist ist er preis gegeben, mit dem staube kämpft der genius, reiszt er auch im rausche der gedanken oft sich blutend los aus seinen schranken. Körner
leyer u. schw. 21 (
bei der musik des pr. Louis Ferd.);
vgl.trunken von hohen gedanken Eckhart 375, 17. II@66) gedanke
in seinem höheren und höchsten sinne. II@6@aa)
als umfassendes denken, das seinen gegenstand umfaszt. II@6@a@aα)
so mit gen. obj., z. b. der gedanke des krieges,
sehr unterschieden von gedanke an den krieg: weiche von mir, gedanke des kriegs, du belastest schwer mir den geist! du umziehst ihn, wie die wolke (
die morgensonne) ... dasz, verzweifelnd an der menschheit, er erbebet und ach nichts edles mehr in den sterblichen sieht! Klopstock 7, 36 (
losreiszung),
d. h. wenn ich nicht blosz an den krieg denke,
soweit er mich augenblicklich berührt, gleichsam an einen punkt davon, sondern den krieg denke (
s. 5,
f)
in seiner ganzen erscheinung und bedeutung und fühle in seinem ganzen grausen, den bestimmten krieg (
um 1800)
oder auch den krieg an sich, den begriff oder die idee des krieges. Ebenso dann z. b. der gedanke der deutschen einheit,
jetzt schon kurz der deutsche einheitsgedanke,
wie der preuszische staatsgedanke,
nun auch der reichsgedanke,
den denn auch die gegner des reichs nicht haben, nur das ihnen leere wort, während sie dem gedanken an das reich
nicht entrinnen können. ebenso idee der einheit, des reiches, reichsidee,
z. b.: die wenigen, welche an der idee der einheit festhalten und deren verwirklichung noch zu hoffen wagen. Pfizer
briefw. zweier Deutschen (1831) 225. II@6@a@bβ)
früher auch mit von statt des gen.: stärke mich, groszer gedanke, gedanke vom weltgerichte! Klopstock
Mess. 4, 498; ich empfinde es, dasz .. mich schon der blosze gedanke von ihrem künftigen glücke vergnügt. Gellert 1784 4, 215 (61.
brief),
wenn ich mir sie glücklich denke; der gedanke davon verfolgte mich zu jeder predigt, die ich nachher gehalten habe. 10, 19 (1839 10, 189),
d. h. an ein steckenbleiben bei einer leichtsinnig übernommenen grabrede, es ist aber mehr als gedanke daran,
ein volles vorstellen mit den begleitenden empfindungen; und schon mhd.: ein iegelîch gedank von gotte machet die sêle heilig. Wackern.
pred. LIV, 141,
daneben an: swie kurz der gedank an got ist, sô ist er doch ein anevanc der süeʒekeit. LIV, 163,
wie es scheint, schon mit demselben unterschiede: umfassender und nur theilweiser gedanke. s. auch 16,
b. II@6@a@gγ)
auch mit adj., z. b. der deutsche gedanke,
der die deutschheit zum inhalt hat, politisch oder anders, der nationale gedanke, der religiöse gedanke
u. a., bricht sich bahn
u. dgl. II@6@bb) grosze, hohe, tiefe gedanken. II@6@b@aα)
von jener art sind denn die groszen gedanken
u. ähnl. (
vgl. biblisch unter e),
von denen besonders seit Klopstock
in dichtung und leben die rede ist, d. h. grosz
durch den umfang ihres inhalts: reizvoll klinget des ruhms lockender silberton in das schlagende herz, und die unsterblichkeit ist ein groszer gedanke ..
oden 1, 85 (
Zürchersee); o geht nicht (
ihr abendstunden), ohne mich zu segnen, nicht ohne grosze gedanken weiter. 1, 65 (
stunden der weihe); gedanke (
der ewigen liebe), werth der seel' und der ewigkeit! werth, auch den bängsten schmerz zu besänftigen! dich denkt mein geist in deiner grösze .. 1, 72 (
an gott); ich unterliege dem groszen gedanken! 1, 179 (
die welten);
übrigens schon im 13. 14.
jahrh.: wie grôʒen gedanc er denne hât (
der arme, der sich reich träumt).
welsch. gast s. 407; wer den (
stein) in dem mund tregt, der wirt ain auʒrihtær grôʒer gedänk und grôʒer wô
n. Megenberg 448, 23,
es sind aber da mehr grosze pläne. auch erhabne, erhebende, neue gedanken: ach vergebens erhöhest du mir, erhabner gedanke, meine seele.
Mess. 4, 504; tiefanbetend, von neuen gedanken mächtig erhoben. 1, 165. II@6@b@bβ)
ein älterer ausdruck ist hohe gedanken: er hat hohe gedanken,
aethera mente concipit. Aler 854
b; ein fürst soll hohe fürstliche gedanken haben. Henisch 1403; diese groszen geister ermunterten sich selbst zu hohen gedanken durch die vorstellung (
des nachruhms). Bodmer
poet. gem. 22.
das entspricht der alten vorstellung, dasz man mit den gedanken fliegen, auffliegen könne (
s. 8,
e): dás mangelt unsern schwermern, das sie meinen, wenn sie in ire hohe geistliche gedanken faren .. darumb sei gewarnet für solchen fliegenden gedanken. Luther 6, 171
b. II@6@b@gγ)
aber auch gerade entgegengesetzt tiefe gedanken,
die suchend in die grundlose tiefe der dinge gehen, vgl. schon mhd. sich vertiufen mit gedanken
u. 4,
c, ahd. tieftâhtig
obscurus Graff 5, 164; tiefen gedanken geweiht und ernster betrachtung. Klopstock
Mess. 1, 597.
man spricht wie von den höhen,
so auch von den abgründen des gedankens,
s. z. b. Herder
unter d, von gründlichen gedanken (
umgekehrt ein oberflächlicher, flacher gedanke).
sie werden auch wie aus einem dunklen schachte gegraben: aus diesem schacht kommen vornehmlich die gedanken, die
u. s. w. Bodmer
mahler der sitten 1, 355; dagegen wird der deutsche geist neue schachten eröffnen und .. felsmassen von gedanken schleudern, aus denen die künftigen zeitalter sich wohnungen erbauen. Fichte
reden an die d. n. (1869) 67, 5.
rede. der tiefste oder erste gedanke eines gedankenbaues heiszt der grundgedanke,
gleich princip. II@6@cc)
da tritt es denn zugleich für idee in seinem höhern sinne ein, unter umständen auch für ideal (
wie in dem reichsgedanken
unter a, α): der gedanke einer überirdischen bestimmung durchdrang ihr (
der Griechen) leben nicht. Lotze
gesch. d. ästh. 359; noch steigen götter auf die erde nieder, noch treten die gedanken, die der mensch die höchsten achtet, in das leben ein. Uhland
ged. (1847) 134.
vgl. u. 4,
a, auch 2,
b gedanke
und idee
als bild,
denn auch ἰδέα ist von einem '
sehen',
ἰδεῖν ausgegangen. noch Göthe,
der später beide im sinne der philos. schulspr. unterschied: so ist in der entwickelungsgeschichte des hähnchens .. nicht etwa ein einzeln aufgegriffener gedanke, eine abgesonderte bemerkung vorgelegt, das dargestellte flieszt vielmehr aus der idee. 55, 281,
braucht doch früher beide von einem groszen anschaulichen (
und empfundenen)
in dem sinne u. a: ich finde mich recht glücklich, den groszen, schönen, unvergleichbaren gedanken von Sicilien so klar, ganz und lauter in der seele zu haben. 28, 241,
an Herder 17.
mai 1787,
nach der rückkehr aus Sicilien; in einem beiliegenden blatte sag ich etwas über den weg nach Salerno und über Paestum selbst, es ist die letze und fast möcht ich sagen die herrlichste
idee, die ich nun nordwärts vollständig mitnehme. 242.
so vom Rheinfalle: ich geh nach Schaffhausen, den Rheinfall zu sehen, mich in die grosze idee einzuwickeln. Göthe
mai 1775,
an Joh. Fahlmer s. 83 (
d. j. G. 3, 87); welch ein groszer gedanke der schöpfung ist dieser wasserfall! ich kann itzt davon weiter nichts sagen, ich musz diesen groszen gedanken sehen und hören. Klopstock
juli 1750,
am Rheinfall, Kl. u. s. freunde 1, 96; vor dir (
Straszburger münster) wie vor dem schaumstürmenden sturze des gewaltigen Rheins
u. s. w. wie vor jedem groszen gedanken der schöpfung (
unterstrichen, d. h. als citat gemeint) wird in der seele reg, was auch schöpfungskraft in ihr ist. Göthe 44, 12 (3.
wallf. nach Erwins grabe). II@6@dd)
dieses 'gedanke der schöpfung'
ist so gemeint, dasz ihn der menschliche geist zugleich nachdenken, zu dem seinigen machen kann: schön ist, mutter natur, deiner erfindung pracht, auf die fluren verstreut: schöner ein froh gesicht, das den groszen gedanken deiner schöpfung noch einmal denkt. Klopstock
od. 1, 83 (
Zürchersee); dasz wenn wir dem alleinweisen nur fernher nachzudenken wagen, wir uns in einem abgrunde seiner gedanken verlieren. Herder
ideen 1,
vorr. 5
a; freue dich, höchstes geschöpf der natur, du fühlest dich fähig, ihr den höchsten gedanken, zu dem sie schaffend sich aufschwang, nachzudenken
u. s. w. Göthe 3, 99. 55, 252 (
met. der thiere a. e.).
Diese berührung, ja vereinigung menschlicher gedanken mit höheren, göttlichen hat bei allen groszen denkern und dichtern so oder so ihre stelle, z. b. eben bei Klopstock, Herder, Göthe;
bei Fichte
z. b.: der rechtschaffene betrachtet sein persönliches freies leben als unabänderlich bestimmt durch den ewigen gedanken der gottheit.
üb. d. wesen des gel. 76;
vergl. noch: hat er in tiefe gedanken sich je, voll einsamer wollust, und in die hellen kreise der stillen entzückung verloren, hat mit gedanken der geister sich sein gedanke vereinigt ..
Mess. 1, 579
ff., was denn auch von Schönaich
verspottet wird: gedanken, die sich mit den gedanken der geister vereinen, sind Klopstockische gedanken
u. s. w. ästh. in einer nusz 167; ich bin geneigter als iemand, noch eine welt auszer der sichtbaren zu glauben, und ich habe dichtungs- und lebenskraft genug, sogar mein eignes beschränktes selbst zu einem Schwedenborgischen geisteruniversum erweitert zu fühlen. Göthe
an Lavater 133; ich war zu hause, redete mit den geistern (
d. h. dichtete).
an frau v. Stein 1, 308; ich will sehen wie mich die geister heute behandeln. 2, 64,
d. h. mir dichten helfen; ich möchte mich heute lieber hinsetzen und mir mährchen erzählen lassen. 2, 330,
d. h. von den geistern, vgl. zu dem 'gesang der geister über den wassern': von dem gesange der geister habe ich noch wundersame strophen gehört, kann mich aber kaum beiliegender erinnern.
an fr. v. Stein 1, 254
bei übersendung eben jenes gedichtes; von unmittelbarer berührung mit dem göttlichen s. bes. die äuszerung über Keppler 19, 120
Hemp. Dagegen im höchsten sinne: über euch senkt sich die decke der tiefsten geheimnisse nieder, ganze himmel voll nacht, der einsamkeit gottes umschattung, hüllen euch ein, kein endlicher sah euch, gedanken der gottheit!
Mess. 5, 771
ff. II@6@ee)
von gottes gedanken
spricht die bibel oft: grosz sind deine wunder und deine gedanken, die du beweisest.
ps. 40, 6; herr, wie sind deine werk so grosz, deine gedanken sind so tief. 92, 6; wie köstlich sind fur mir, gott, deine gedanken, wie ist ir so ein grosze summa. 139, 17; meine gedanken sind nicht ewr gedanken .. so viel der himel höher ist denn die erde, so sind auch meine wege höher denn ewr wege und meine gedanken denn ewr gedanken.
Jes. 55, 8. 9. II@6@ff)
der menschliche geist u. a. selbst als gedanke (
gottes): es ligt einem jeglichen menschen im
herzen und in der seele ein lebendiger gedanke, den gott darein gesenkt hat (
vergl. 1
Mos. 2, 7) .. welcher gedank der seelen zeugnus gibt, das etwas hohes und ewiges sei, daher sie iren ursprung hab, zu welchem ursprung sie wider kommen sol
u. s. w. Agricola
spr. 180
b (
nr. 301); gott leszt zu, das dieser lebendiger gedank (
statt seiner) gute ordnung .. aufrichte, erhalt frieden und recht auf erden
u. s. w. (
erzeugt u. a. auch die wissenschaft). 181
a; aber hie strauchlet der gedank (
beim forschen), nemlich das er nit weisz wie gott ist und wie man sich zu im nahen sol, und eben in diesem stehen die disputationes und forschung aller weisen leute. 181
b,
zugleich nach 1,
c, denkendes forschen; es seind in des menschen seele dreierlei ding, der verstand, das ist der lebendige gedank (
dann wille
und affect
oder gesuche). 182
a; ein wesen fehlte noch, dem gott sich zeigen kan, gott blies und ein gedank' nahm kraft und wesen
an. so ward die geisterwelt. Haller
ged. 1734
s. 121 (
urspr. d. übels 1.
b.),
später in begriff
geändert (1777
s. 172),
das hier gleich idee
steht, wie er es öfter braucht (
z. b. s. 60. 105. 116. 220,
tageb. 2, 121),
ist doch begrîfen
urspr. nichts als ein wirkliches umfassendes ergreifen eines gegenstandes (
entsprechend Schillers 'realidee' IV, 44, 30),
s. z. b. Eckh. 496, 12
ff.; und ich bin gewürdiget worden, von fern euch (
gedanken gottes) zu schauen .. ich, ein kurzer gedanke des unerschaffnen. Klopstock
Mess. 5, 776; du warst, du bist.die gottheit hatte dich vollendet einst gedacht und dargestellt. Göthe 9, 327 (
nat. t. 3, 4
a. e.); vom feinsten element bis zum höchsten gedanken und willen der schöpfung musz zuletzt alles allem dienen. Herder
Adrast. 2, 54; gedanken gottes sind die hehren weltgestalten (
gestirne). Tiedge (1827) 1, 53; wenn du dich selber denkst als ewigen gedanken des ewig denkenden, um ewig ihm zu danken. Rückert
weish. d. br. 344 (X, 35); die welt ist gottes unausdenklicher gedanke. 346 (X, 39).
endlich gott selbst als der höchste gedanke,
theils als gedanke von uns, theils als sich selbst denkend und lebendig schaffend gedacht: darum entheiligen mystische nonnen und phantastische mädchen ganz über alle begriffe den höchsten gedanken unsrer seele. Zimmermann
eins. 2, 152; und ein gott ist, ein heiliger wille lebt .. hoch über der zeit und dem raume webt lebendig der höchste gedanke. Schiller XI, 259 (
worte des glaubens),
womit folg. idee
wieder sachlich zusammentrifft: die idee ist ewig und einzig, dasz wir auch den plural brauchen ist nicht wolgethan. Göthe 49, 85,
vgl. die idee aller ideen Schlegel
Athen. 3, 6,
alles zugleich mit- und vorarbeit der philosophischen systemgedanken der zeit. die kehrseite davon deutet Mephistopheles an: mein Faust, ich will dir einen tempel bauen, wo dein gedanke ist als gott zu schauen. Lenau 2, 65. II@77) gedanke
und wort,
gedanke in worten, ohne worte. II@7@aa)
ausgesprochener, geschriebener gedanke: also hab ich .. meinen lieben psalm für mich genomen, das schöne confitemini, hab darüber meine gedanken aufs papier gefasset. Luther 5, 43
b; solche meine gedanken habe ich euch wollen zuschreiben und schenken.
das.; einen gedanken hinwerfen,
beiläufig, auszer strengem zusammenhang, wie spielend: man beflisz sich (
nun) einer gewissen nachlässigkeit in hingeworfenen gedanken. Herder
Adrast. 2, 51; wer in die ideen des verfassers hineingienge und gewisse hingeworfene gedanken verarbeiten wollte. Körner
an Schiller 1, 55.
Dieser plur. war lange ein beliebter titel für schriften und aufsätze, wie franz. pensées,
engl. thoughts,
z. b. Chr. Weisens curiöse gedanken von deutschen versen
Lpz. 1693,
eine poetik; Chr. Wolffs vernünftige gedanken von der menschen thun und lassen
Halle 1720; Gellerts gedanken von einem guten deutschen briefe. 5, 198 (1839); Schillers gedanken über den gebrauch des gemeinen und niedrigen in der kunst.
kleinere pros. schriften (1802) 4, 310; der verfasser dieser gedanken. Abbt 5, 55. II@7@bb)
auch kurz gedanke
gleich sinnvoller gedanke in gewählten worten, in kunstform (
was der gebildete jetzt gern franz.-lat. sentenzen
nennt),
z. b.: wie wir dann an die stämmen der hohen bäumen unterschiedene gedanken und dichtungen sinnreicher geister eingeschnitten funden, wir kunden uns mit lesen kaum sättigen. Opitz 2, 286 (
Hercinie);
vgl. Uz von Opitz u. c. so nennt Schiller
seine epigramme epigrammatische gedanken
an Humb. 283;
man schreibt sich aus dichtern gedanken, schöne gedanken
u. ä. aus: einen guten gedanken, den wir gelesen .. tragen wir wol in unser tagebuch. Göthe 17, 309.
vgl. den aufsatz Herders
Adrast. 2, 50
ff. der ältere ausdruck war spruch,
z. b.: sententia, ein herlicher spruch. Dasyp. 222
a. II@7@cc) wort
und gedanke
als gefäsz und sein inhalt: wer dolmetschen (
übersetzen) wil, musz groszen vorrat von worten haben .. sollt ich aller meiner (
in der übers. gebrauchten) wort ursachen und gedanken anzeigen, ich müste wol ein jar davon zuschreiben haben. Luther 5, 143
a,
zugleich: was ich dabei gedacht, wie ich sie gemeint habe. als lob: sieh, Opitz steht voran: sein geist kennt keine schranken: natur ist, was er denkt, und was er schreibt, gedanken. Uz 2, 310,
zugleich doch sinnvolle gedanken (
nach b),
oder hohe, gewissermaszen mehr gedanken als worte; vgl. umgekehrt: wie oft verbirgt in bunter pracht des ausdrucks unerhellte nacht gedanken, die im staube kriechen.
ders. 2, 315,
und selbst worte in haufen ohne eigentl. gedanken: ein schlimmer scribent häufet worte zusammen, ohne dasz er zuvor gedanken und ideen (
d. h. bilder, s. unter 4,
a) in dem kopf mache. Bodmer
disc. d. mahl. (Danzel
Gottsch. 208),
mehr worte als gedanken; wenn ich den reim habe, so habe ich auch den gedanken, welcher in den vers soll. Rabener (1755) 1, 58,
vgl.: bewundert ehrfurchtsvoll des reimes zauberkraft, der bücher voller schall aus einem nichts erschafft. 2, 6. dieses ist vielleicht ein leerer gedanke, aber genug, dasz es doch wenigstens ein gedanke ist. Lessing 4, 110. II@7@dd)
das verhältnis beider macht nämlich nicht blosz dem psychologen zu schaffen. gerade die dichter klagen, die doch der worte am meisten herr sind, z. b.: schlimm, dasz der
gedanke erst in der
worte todte elemente zersplittern musz, die seele sich im schalle verkörpern musz, der seele zu erscheinen. Schiller
und Lotte s. 351 (
s. dazu schr. V, 2, 453).
und ähnlich oft Göthe,
z. b.: wie schwer ist es, das zeichen (
wort) nicht an die stelle der sache (
des gedachten) zu setzen, das wesen immer lebendig vor sich zu haben und es nicht durch das wort zu tödten! 52, 306 (
farbenb. § 754),
von wissenschaftlichem denken; vom denken überhaupt vgl. folg. beide äuszerungen, die einander erläutern: ich weisz, dasz mir nichts angehört, als der gedanke, der ungestört aus meiner seele will flieszen. 1, 114 (1, 66
Hemp.),
d. h. will, möchte, es aber nicht rein fertig bringt, denn: worte sind der seele bild — nicht ein bild! sie sind ein schatten! 2, 299
H., schatten —
dasselbe wort und bild, womit auch philosophen ihre abstracten gedanken oder '
begriffe',
mit denen sie doch wesentlich arbeiten, nach ihrem werte bezeichnen, z. b. Schopenhauer: daher sich die abstracte erkenntnis zur intuitiven verhält wie der schatten zu den wirklichen gegenständen.
werke (1873) 2, 571,
und sogar gesteigert: die reflexion verhält sich zur anschaulichen erkenntnis .. kaum nur noch so, wie der schatten dieser gegenstände (
im wasserspiegel) zu ihnen selbst. 538,
während worte allein auch nach ihm es möglich machen, die abstracten gedanken, begriffe festzuhalten, zu verarbeiten, mitzutheilen (
s. Schopenhauerlex. 1, 7),
wie das in der schule überliefert ist aus alter zeit, s. aus Keisersberg
u. 5,
a, aus der Wolffschen schule z. b. Gottsghed
weltweish., theor. th. § 920
fg. (zur absonderung musz man sich der worte bedienen
im reg. R r 3
b).
da sieht man denn, wie das philosophische denken durch das der dichter seine berichtigung erhält oder erhalten kann. und wie eng doch der gedanke
sich mit dem ausdruck
decken sollte, um rein ins leben heraus treten zu können, das sprach zuerst Herder
scharf aus (
s. schon u. I, 1,
b von dem ewigen streit
beider u. a.): gedanke und ausdruck! verhält er sich hier wie ein kleid zu seinem körper? .. wie die haut zum körper? auch noch nicht genug .. wie zwei zusammen vermälte, die sich einander mittheilen
u. s. w. fragm. 3, 69; dasz gedanke und wort, empfindung und ausdruck sich zu einander verhalten, wie Platons seele zum körper. 70.
im volksliede, bei den wilden fand er das verwirklicht: nicht durch schattenbegriffe, halbideen .. zerstreuet .. erfassen sie den ganzen gedanken mit dem ganzen worte, und dies mit jenem.
von d. art u. kunst 40. II@7@ee)
ein gedanke
in worten heiszt auch ein 'lauter gedanke'
neben dem stummen: ja, geliebter, auch meine seele schwinget sich unter deiner führung empor .. wenn sie .. dunkel um sich her sieht und in heiligem erstaunen (
s. u. 5,
b Klopst.) hinsinket, dann hebest du sie empor und erhellest das dunkel und entwickelst das stille (
wortlose) erstaunen zu lauten erhabnern gedanken. S. Geszner 1, 24 (
tod Abels, 1.
ges.),
die durch dich ihre worte finden und erst dadurch zu gedanken
werden, vgl. s. 18: wenn du die empfindungen sagst, die ich nur empfand und nicht sagen konnte.
dagegen stummer,
den man für sich behält: körper und stimme leiht die schrift (
ursprünglich die presse) dem stummen gedanken, durch der jahrhunderte strom trägt ihn das redende blatt. Schiller XI, 88 (
spazierg.),
der erst durch die kunst des schreibens und druckens gleichsam zu worte kommt für die andern, ohne diese stumm wäre. vgl. übrigens vom sprechen der gedanken in uns 8,
d. II@7@ff)
auch in der musik spricht man von gedanken,
also auch wortlos (
oder abgesehen von den worten)
und doch klingend und gehört: und sogar die melodien (
des vorjährigen almanachs), rief eine musikalische stimme, sind voll alltäglicher gedanken! Voss
musenalm. 1788,
nachschrift; die musik (
der oper) hört sich bequem an, ist aber wahrscheinlich von einem liebhaber, kein neuer gedanke der mich getroffen hätte. Göthe 27, 80; ein mehrstimmiges tonstück, worin ein bestimmter gedanke (thema, subject) herrschend und erschöpfend durchgeführt wird, dürfte eine fuge oder ein gefügtes tonstück genannt werden.
Zelter an Göthe 2, 122,
das. auch hauptgedanke
und gegengedanke,
s. sp. 381 (
aber fuge
ist wirklich deutsch, s. u. kunstreich 1,
b).
da ist denn gedanke
über seinen eigentlichen begriff hinausgeführt, denn es heiszt auch: liebe denkt in süszen tönen, denn gedanken stehn zu fern. Tieck
ged. (1821) 2, 31. 33,
aber es berührt sich zugleich mit dem empfundenen gedanken,
wie im folg., vgl. Zelter
an Göthe 2, 124 eine noch unerkannte empfindung als gegenstand der musik. II@7@gg)
ähnlich wortlos gedanke
in der bildenden kunst, der schaut und geschaut wird, doch auch in worten auszusprechen ist (
wie das ja auch bei der musik versucht wird): gedanken,
die ersten ideen, welche der künstler auf das papier entwirft. Adelung,
grundgedanke als skizze, vergl. 'gedanke,
einfall, wie ihn die mahler und poeten haben' Rädlein 328
b; den gedanken eines bildes musz ich hier loben. nur zwei halbfiguren, Simson
u. s. w. Göthe 27, 69; indem wir die meisterwerke Raphaels bewundern, bemerken wir gar leicht eine höchst glückliche erfindung und eine dem gedanken ganz gemäsze ausführung. 44, 15; beide stockwerke bildeten zusammen einen kleinen thurm .. und waren durch den gedanken der gliederung ein ganzes. Keller
gr. Heinrich 3, 216,
die art wie die gliederung '
gedacht'
war. man braucht da jetzt gern motiv,
eins von den vielen bildlos verschwimmenden, daher eig. nichtssagenden fremdworten, die jetzt immer beliebter werden. II@88)
die gedanken
werden übrigens auch wie mächte für sich behandelt, die in uns walten, auch ohne uns und gegen uns; und nicht etwa bei dichtern nur, auch im überlieferten alltagsgebrauch; z. b. II@8@aa)
sie haben eignen willen, wie jetzt z. b. ein gedanke will sich durcharbeiten (
durch hindernisse in uns),
so schon mhd.: des tages dô ich daz kriuze nam, dô huote ich der gedanke mîn ... nu wellents aber ir willen hân und lediclîche varn als ê. Reinmar,
minn. fr. 181, 19.
wie sie uns den dienst versagen, s. aus Reinmar
unter 2,
a, als helfer gedacht, denen man denn auch seine not klagt, wenn die menschliche hülfe fehlt: daʒ verswîge ich, als ich wole kan, und klage eʒ den gedanken mî
n. Bernger v. Horheim,
minn. fr. 115, 17.
man schlägt sich
aber auch mit ihnen u. ähnl.: mit solchen gedanken schlug ich mich eine lange weile. Opitz 2, 247; sich mit den gedanken schlagen,
grillen machen. Rädlein 328
b; es ist kein heilig so grosz, er ist mit wüsten bösen gedanken im katzbalg gelegen. Lehman
flor. 1, 262; kein mensch kan sich böser gedanken erwehren, sie fallen ins herze wie die raben auf ein aasz. 263,
noch jetzt ich konnte mich des gedankens nicht erwehren,
ihn nicht abschütteln gleichsam, ihn nicht los werden
u. a., vgl. b. sie '
toben'
in uns (
s. Reinmar 2,
a)
u. ä.: des narren herz ist wie ein rad am wagen, und seine gedanken laufen umb wie die nabe.
Sir. 33, 5; manchem laufen die gedanken umb, wie ein rad am wagen oder eine unruhe in der uhr. Lehman 1, 264,
vgl. vom mühlrad Göthe 12, 96; gedanken machen oft groszen lärmen im menschen. Lehman 1, 262. II@8@bb)
sie bedrängen
uns auch, fechten
uns an, fassen, erfassen
uns (
vgl. 12,
a), quälen, verfolgen
uns (
z. b. Gellert 6,
a, β)
und vielfach ähnlich: gedanken wil ich niemar gar verbieten (dês ir eigen lant), ichn erloube in eteswenne dar (
zur geliebten) ... und sî in alleʒ daʒ vergeben, swaʒ si mir haben her getâ
n. doch fürhte ich ir betrogenheit (
falschheit), daʒ si mich dicke noch bestâ
n. Reinmar,
minn. fr. 181, 33
ff.; lieʒen mich gedanke frî, son wiste ich nicht umb ungemach. Walther 41, 36; wan si (
die habgierigen) kemphent die naht lanc mit ir gireschem gedanc. Thomasin
w. gast 3046; swenne er sô ein lange vrist mit gedanke gemartert ist. 3038; swenne er mit ungedanken ringet. 7800 (
var. mit gedanken); ohne sich jemals einen gedanken von ehrgeiz und habsucht anfechten zu lassen. Wieland 3, 59; dieser gedanke erfaszte ihn und liesz ihn nicht wieder los; quälende gedanken verfolgten ihn überall, verlieszen ihn nicht wieder (
aber auch erquickende, ermutigende
u. s. w.);
ein gedanke drängt sich uns auf,
auch beschleicht
uns u. a.; es dringt mir dieser gedanke zu tief in meine seele! verwundet mich zu sehr, du geliebter! Klopstock
Mess. 10, 472; dem trüben gedanken, qualenvoller, entreisz dich dem ängstlichen todesgedanken. 9, 558.
daher sucht man sich der gedanken zu entschlagen (Henisch 1403),
sie abzuschütteln (
auch mit geschütteltem kopfe), flieht, meidet, haszt
sie, wie verfolger und feinde: floh er ängstlich vor dem grabgedanken. Schiller I, 180; ich hasse den gedanken. Gellert 3, 365,
wie man umgekehrt mit einem gedanken sich befreundet, vertraut macht (
vgl. freundlicher gedanke),
nachdem er uns anfangs fremd, widerstrebend war o. ä., sich dann aber von ihm leiten läszt,
ihm nachgeht
u. a. II@8@cc)
von einer fülle von gedanken, die sich drängen, sich aufdrängen, deren wir nicht herr sind: mich hânt gedanke manicvalt sô genomen in ir gewalt, daʒ ich beswæret sêre bin.
Barl. 347, 9,
diesz manicvalt
oder auch manec
ist mhd. die geläufige wendung in diesem falle, manegen
oder vil manegen gedanc hân
u. ä. gedränge, meer von gedanken: wofern man im stande wäre, aus der reihe, und dasz ich so sage, aus dem gedränge dieser schnell fortgesetzten gedanken (
über gott) .. einige mit kaltsinn herauszunehmen und sie in kurze sätze zu bringen. Klopstock 11, 214; wenn ich die wunder betrachte, dann schwellt mir die brust, gedanken drängen sich dann auf, ich kann sie nicht entwickeln (
entwirren). S. Geszner 3, 46; und in meere verruchter gedanken, in sich, verloren, stand er und feurte sich an, die gedanken tönen zu lassen.
Mess. 5, 436; ein gedanken treibt den andern, wie die wellen in dem meer. Schönaich
Hermann 48;
sie überstürzen sich (
wie wellen), verdrängen einander
u. ä.; s. auch gedankenflut,
gedankenschwall,
gedankendrang, sturm von gedanken
unter 3,
d. II@8@dd)
sie streiten, sprechen, selbst singen. II@8@d@aα)
sie streiten und sprechen unter einander: sintemal ir gewissen sie bezeuget (
überführt), da zu auch die gedanken, die sich unternander verklagen oder entschüldigen.
Röm. 2, 15;
die '
wissenschaft' (
physiologie)
wird mit vorwurf u. a. gefragt: bestimmst und ordnest du nach der bewegung schranken (
erkannten gesetzen) die sich verklagenden und richtenden gedanken? Hagedorn 1, 17 (
vgl. Lessing 1, 179); verirrt mich täuschung?oder ists wirklich wahr, was ein gedanke leise dem andern sagt? empfindung, bist du wahr, als dürf' ich frei mit dem schöpfer der seele reden? Klopstock
od. 1, 69 (
an gott); auf deine verklärung gerichtet, können gedanken sich kaum von deiner gottheit besprechen.
Mess. 1, 254; es ruft, durch alle tiefen der seele, laut ein gedanke dem andern : ich sei von dem vater verworfen! 5, 409. II@8@d@bβ)
sie sprechen in uns, zu uns, wie sie uns
etwas zuflüstern
u. ä., daher gedanken
auch mit intimus sermo erklärt Schönsleder L 2
a, Aler 853
b;
daher gedanken hören, überhören: der mich und al die werlt geschuof, der hœrt gedanke sam den ruof. Freidank 68, 3,
hört ein gebet mit gedanken so gut als ein lautes; die kerle toben hier so freudengrimmig .. man überhört die eigenen gedanken. Lenau 2, 86 (
Faust). seinen gedanken audienz geben, '
im gemeinen leben, allerlei vorstellung nachhängen' Adelung,
eigentlich sie ruhig anhören, mit ihnen '
zu rate gehen' (
eigentlich zur beratung).
man heiszt sie auch schweigen: die gedanken machen einen desperat ... ich schlaf aber nun, und nun seid still, ihr gedanken, ich sags euch zum letzten mal. O. Ludwig
Heiter. 288,
wie man sie weg weist: weg, ihr gedanken!
oder weichet von mir
u. ä. II@8@d@gγ)
beseligende, dichterische gedanken aber '
klingen'
sogar wie musik (
vgl. klingen 4,
b): meine gedanken spielen mir schön concert. Göthe
an fr. v. Stein 1, 217,
vgl. in den wanderj. 3, 1 innerlich scheint mir oft ein geheimer genius etwas rhythmisches vorzuflüstern, so dasz ich ... zugleich leise töne zu vernehmen glaube,
s. auch unter gedankenspiel; es klinget die ganze nacht, das sind im herzen die gedanken, die singen, wenn niemand wacht. Eichendorf
ged. 293. II@8@ee)
bemerkenswert ist, wie sie fliegen, auch wider unsern willen, selbst über die welt hinaus: alsô dicke sô im sîn herze intrinne in die wîtsweife dirre welte mit vliegendem gedanke, (
bemühe er sich) daʒ er denne daʒ herze wider bringe ze gotte. Wackern.
altd. pred. liv, 170; dar zuo soltû dich selber beschirmen vor üppigen gedenken (
die dich '
anfechten',
wie mit waffen) .. wilt du aber die gedenke lâʒen fliegen frîlîche hin unde her, sô wirt dir der stric (
der versuchung) deste lîhter an geleit. Berth. 481, 25,
von sinnlichen gedanken und wünschen, vergl. von gedanken,
die uns übern kopf fliegen,
s. Lehman
u. 3,
e, gedanken sind geflügelt, aber fast als der hüner art, sie fliegen nicht in die höhe, bleiben aufm boden (
nach futter, genusz suchend).
ders. 1, 262.
Aber auch von eigentlichem denken: darumb sei gewarnet für solchen fliegenden gedanken. Luther 6, 171
b,
d. h. die zu hoch fliegen wollen, s. u. 6,
b, β.
so überfliegende,
von der hegelschen philosophie u. ä.: mit seinen überfliegenden gedanken, die nirgends zu hause sind, mit seinen raffinierten empfindungen, die keine heimath haben, steht der deutsche geist auf einer höhe, wo jede weitere eroberung ihn ärmer macht. Pfizer
briefw. zw. D. 145.
vgl. unter I, 1,
b Schillers adlergedank
mit seinem gefieder (gedankes gefider
schon Laber 378),
von schwingen der gedanken Haller
unter 2,
d. von dichtergedanken, entzückungen: vom berge vöglein fliegen und wolken so geschwind, gedanken überfliegen die vögel und den wind .. gedanken gehn und lieder fort bis ins himmelreich. Eichendorf
ged. 13; es reisen die gedanken zur heimat ewig fort. 82; da ziehn gedanken über berg' und schlüfte (
zum liebchen) wie tauben säuselnd durch die blauen lüfte. 311; der wind geht von mir zu ihnen, also bringt er ihnen meine gedanken. doch können die auch gegen den wind gehen und also hoff ich besuch von den ihrigen. Göthe
an frau v. Stein 2, 17,
vgl. 49,
auch Klopstock
u. s. freunde 1, 56,
minnes. 1, 6
b Bodm., 1, 15
a Hag. auch der flüchtige gedanke
gehört eigentlich hierher, d. h. der uns durch den sinn fliegt (
s. 11,
e),
im 17.
jh.: fliegende gedanken,
transvolans subito animum cogitatio, volaticus impetus Cic. Schönsleder L 2
a;
vgl. auch vorschwebende gedanken (11,
c a. e.).
s. auch gedankenflug, gedankenflügel. II@8@ff)
sie schweifen in die welt, in der welt, auch uns mit sich fort reiszend: leider ist daʒ herze nu sô wilde und der gedank sô wîtsweifte (
d. i. sweifede, sweifende), daʒ unser herze selten mit gotte ist. Wack.
pred. liv, 145,
vgl. unter e, wie einem sîn herze intrinnet,
d. h. die gedanken, es sweibit alumbe die welt 151,
d. h. die wilden gedenke 160, wilde,
d. h. dem zügel entrinnend, ausheimisch werdend, vgl. wîtweidenic
unter 5,
b; der gedank (an got), swie er zem êrst unstæte und wîtsweifte ist. 166, unstäte gedanken
noch jetzt, nur nicht mehr in klarem bilde, klarer noch zerstreute gedanken,
die '
sich zerstreuen',
die man sammeln
musz; sein denk die schwebten allenthalm (
nach allen seiten).
Hätzl. 29
a.
man sprach von ausschweifenden gedanken (
animus vagus, evagatio mentis Aler 853
b),
die ihren rechten kreis überschreiten, sich ins leere verlieren, wie sie vom rechten wege abschweifen: weitherumschweifende und unachtsame gedanken. Ludwig 704.
dasselbe ist schwärmen,
ausschwärmen: liebe, die im innern lebt, sammelt schwärmende gedanken. Göthe 3, 346
Hemp., vgl. die im kopfe herumschwärmende gedanke Hommel
spalte 1941
m. II@8@gg)
dabei sind sie schnell, wie der wind u. ähnl. (
vgl. Parz. 466, 25): gedanken seind schnell, und laufen weit, und niemand mag sie hindern an irem wandern. Agricola
spr. nr. 155
erkl.; gedanken sind wie der wind, den man wol hört und nirgend findt. Henisch 1404; kein vogel ist so schnell in lüften als die gedanken. Lehman 1, 264;
Faust. und wie schnell bist du?
geist. so schnell als die gedanken des menschen. Lessing 2, 493,
der zug ist aus der überlieferung, s. weim. jahrb. 2, 280,
Germ. 4, 75; des menschen gedanken sind schneller als pfeil, sie durchlaufen im augenblick viel tausend meil. Peter
volksthüml. aus Österr.-Schlesien 1, 273; ihre schiffe sind hurtig wie flügel, und schnell wie gedanken,
τῶν νέες ὠκεῖαι ὡσεὶ πτερὸν ἠὲ νόημα
. Odyss. 7, 36.
vgl.gedankenschnell,
gedankenschnelle. II@8@hh)
und frei, ungebunden oder schwer zu bändigen. II@8@h@aα)
als altes sprichwort ist bezeugt: man giht 'gedanke die sint frî'. Stricker
bei Haupt 7, 519; gedanke die sint ledic frî, dazs in der werlte nieman kan erwenden (
zur umkehr zwingen). Dietmar v. Eist,
minn. fr. 34, 29; waʒ schadet iu, daʒ man iuwer gert? joch sint iedoch gedanke frî. Walther 62, 19; gedanke sint den liuten vrî, und wünsche sam.
Winsbekin 15, 1; dar umb sint gedanke vrî, daʒ diu werlt unmüeʒec sî (
nicht zur ruhe komme). Freidank 122, 17. II@8@h@bβ)
später in halb scherzhafter verengung oder veränderung des bildes: gedanken seind zollfrei. Agricola
spr. nr. 155; man sagt zwar, die gedanken seien zollfrei, aber nicht bei gott, sondern haben manchen zur hellen geführt. Lehm. 1, 264; gedanken aber, wie der wind, in allen landen zollfrei sind. Alberus
Es. 17; gedanken keinen zoll nicht geben. Dedekind
chr. ritter (1590) 11
b,
halb scherzhaft, denn es stammt zugleich von der unersättlichen belastung der land- und wasserstraszen mit zöllen, vor denen doch die gedanken noch frei durch die lande schweifen konnten, während doch nachher auch für den freien gedanken
in schrift und presse gekämpft werden muszte (
vgl. gedankenfreiheit). II@8@h@gγ)
ursprünglich war dabei an ein band gedacht, der gedanke aber als falke oder jagdhund oder wild o. ä.: diu bant mac nieman vinden, diu mîne gedanke binden (
conj.). man vâhet wîp unde man, gedanke nieman vâhen kan. Freid. 115, 14
ff.; das band ist noch nicht erfunden, damit man die gedanken binden soll. Lehman 1, 263; man hat kein reusen noch garn damit man die gedanken kan fangen.
das. II@8@h@dδ)
den frauen aber wird die kunst zugesprochen: daʒ ist ein schœner vrouwen list (
kunst), daʒ si den wilden gedanken (
der männer) ir vrîheit und ir wanken alsô benemen kunnen. Stricker
frauenehre 1525 (Haupt 7, 519),
was denn zusammenfällt mit folgendem: swer guotes wîbes minne hât, der schamt sich aller missetât (
unterläszt sie frei). Walther 93, 17; willst du genau erfahren was sich ziemt, so frage nur bei edlen frauen
an. Göthe
Tasso 2, 1,
vergl. ebenda nach freiheit strebt der mann, du nennest uns unbändig,
d. h. nicht ans band zu bringen (
vgl. bändig, koppelbändig),
wie gerade die frau thut: trût, du kuppelst alle mîne sinne, liep, nu ist dir doch bendic aller mîn gedanc.
MSH. 2, 139
b. II@8@h@eε)
man soll aber lernen selber seine gedanken bändigen: o das ich meine gedanken künd im zaum halten.
Sir. 23, 2,
wie ein ross, wie man noch z. b. von leidenschaften, leidenschaftlichen gedanken spricht, die mit einem durchgehen,
wie ein wildes ross mit seinem reiter. auch seinen gedanken nachhängen
stammt von diesem bilde, eigentlich den zügel hängen lassen, locker lassen (
vgl. verhängen): meinen gedanken desto freier nachzuhengen. Opitz 2, 246.
mit getrübtem oder unsicherm bilde sich seinen gedanken überlassen, hingeben
u. ähnl.: als ich müszig daher gezogen .. meinen gedanken überlassen. Schiller 491
a (
braut v. Mess.). II@8@ii)
auch fremde gedanken
in uns, die man nicht als die seinigen anerkennt (
vgl. 11,
d): das ist ain zaichen, das sy (
die bösen gedanken) nit dein seind gewesen, sy sind des teufels gewesen .. wenn sy dir mer einfallen, so sprich: teufel, auf dein kopf, die gedanken seind nit mein, sy seind dein. Keisersberg
gran. N iij
b.
dazu gehört gedanken eingeben, einflöszen
u. ä.: den gedanken hat dir gott eingegeben, hat dir blosz die angst eingeflöszt
u. ä., vgl. unter 17,
c. II@99)
auch das geheimnisvolle verhältnis der gedanken
zu unserm selbst ist in der sprache ausgedrückt, die ein reiches und klares gemälde des gedankenlebens liefert; z. b. II@9@aa)
statt gedanken
heiszt es auch ich 'mit gedanken',
d. h. diese eigentlich als werkzeug des ich, was auch noch spät deutlich gefühlt ist: daʒ machte sîne
sinne (
gedanken) in zwîvele wanken,
er wancte mit gedanken wîlen abe und wîlen
an. Trist. 830
ff.; ich trûre mit gedanken (
minniglichen). Meinloh,
minn. fr. 12, 29; ich var, als ich fliegen künne, mit gedanken iemer umbe sie. Morungen, 125, 22; als ich mit gedanken irre var. Walther 41, 37; eʒn wart nie keiser alsô rîch (
mächtig), mit gedanken sî ich im gelîch. Freidank 115, 21,
als beispiel zu dem spruche von ihrer freiheit unter h, γ; von einem, der sich reich träumt: swenn er daʒ (guot) mit gedanken hât, zehant sô suocht er danne rât .. wier beʒʒer daʒ selbe guot
u. s. w. Thomasin
w. gast 2993,
nachher gleichbedeutend in sînem muot mit wân;
von einem, der heldenthaten träumt: swenner hât die naht lanc liute erslagen mit gedanc. 3510; der herre ruowet nimmer niht mit gedanken (
wegen recht und gericht). 3075; alsus fuor si har und dar (
in schweren zweifeln) mit den gedenken sus und sô.
Reinfr. v. Br. 5663,
während es gleichbedeutend umgekehrt heiszt: die gedenke fuorten in sus und sô, nu hin nu wider. 5850 (füeren = 'farn
machen').
noch nhd.: und loufest eben umb mit dinen gedenken, als ein garnwind. Keisersb.
bilg. 66
b; rufen musztu lernen (
gott, beim beten) und nicht ... mit deinen gedanken dich beiszen und fressen. Luther 5, 50
a; plage dich nicht selbs mit deinen eigen gedanken.
Sir. 30, 22; mancher fleucht mit seinen gedanken so hoch, dasz er weder himmel noch erde berührt. Lehman 1, 262 (
ein trefflicher ausdruck für das blosz abstracte denken); welche mit gedanken in gottes geheimnus wollen steigen, denen sind donner und blitz in wolken entgegen gesetzt.
das.; wer mit gedanken kegelt, der mag wol sechs treffen, ob schon drei aufm platz stehen.
das.; es schilt und schmäht einer oft den andern mit gedanken, und thut damit niemand mehr schaden als sich selbst. 263; mancher ist und will mit den gedanken ein doctor sein und kan weder schreiben noch lesen. 265.
jetzt fast nur in gedanken,
s. 11,
a, auszer sich mit gedanken quälen
u. ä., und auch: da ich ihn (
Al. v. Humb. auf der asiat. reise) mit meinen gedanken überall hin begleite. Göthe
an W. v. Humb. 286. II@9@bb)
aber auch blosz ich statt meine gedanken
oder ich mit (in) gedanken;
z. b. fliegen sowol die gedanken (8,
e)
als auch ich mit gedanken (9,
a Morungen),
aber auch kurz ich: mir ist alle zît, als ich vliegende var ób al der werlte und diu min alle sî. Bernger,
minn. fr. 113, 1,
vergl. den traum des Helmbrecht 605
von seinem sohne mit hochfliegenden gedanken, den er wirklich so fliegen sieht; nun wiegt sich der raben geselliger flug:
ich mische mich drunter und folge dem zug. und berg und gemäuer umfittigen wir
u. s. w. Göthe 1, 99 (
sehnsucht),
vergl. von seinem fliegen
in gedanken z. b.: auch einen alten thurm (
schick ich gezeichnet), um den meine eulenseele gern wohnt.
an frau v. Stein 1, 184,
besonders in den breifen aus d. Schw. 1.
abth. 4.
absatz von dem geahnten und ersehnten fliegenkönnen, auch: wenn ich durch die öffnungen (
des thurmes) schwebe. 39, 346 (
von der baukunst).
gerade Göthe
setzt da, auch bei den kühnsten bewegungen der gedanken, statt ihrer meist sich selbst, z. b. beim steigen
in die höchsten höhen: kam der herzog und wir stiegen (
in gedanken) auf hohe berge und die zinne des tempels, da zu schauen die reiche der welt und ihre mühseligkeit .. nachdem wir uns entschlossen, stufenweis von der höhe herabzusteigen
u. s. w. an frau v. St. 1, 353;
vgl. sich versteigen, sich übersteigen Wernike 417,
dazu ein verstiegener poet Drollinger 127,
man sprach auch von verstiegenen gedanken,
vgl.hohe gedanken 6,
b. II@9@cc)
und so in der alltagsrede, in unzähligen fällen; z. b. er ist zerstreut,
d. h. mit seinen gedanken
oder seine gedanken, sein sinn
u. a.; sammle
dich, nimm dich zusammen
gleich sammle deine gedanken, nimm deine gedanken zusammen; ich war nicht bei der sache,
d. h. ich war mit meinen gedanken
oder meine gedanken waren wo anders; ich möchte dir heute so gern viel schreiben, meine gedanken sind dir so nahe. Körner
an Schiller 1, 55,
eben so gut ich werde morgen bei dir sein in gedanken
oder mit meinen gedanken ( Göthe
setzte auch dafür meine geister,
d. h. '
lebensgeister',
z. b. G.
u. Werth. 179,
s. 6,
d, vgl. unter geäder); sich
oder seine gedanken an etwas kehren,
wonach richten, s. V, 419
aus Mendelssohn; mit sich
oder mit seinen gedanken 'zu rate gehen';
im selbstgespräch
sprechen wir mit unsern gedanken oder unsere gedanken mit sich (8,
d).
mhd. z. b.: ich bin an si gevallen (
mit liebesverlangen)
Trist. 8516
statt mîn gedanc; sich selber twingen (
d. h. in seine gewalt nehmen) Walther 81, 9
und sîne gedenke,
d. h. die wilden,
die '
schweifen'
wollen (8,
f): ir müeʒet halt twingen die gedenke unde den muot. Berth. 481, 36;
auch muot,
nhd. sinn, gemüt
u. ä. treten an stelle ihres inhaltes, der gedanken. II@9@dd)
denn das ich
kann und musz auch seiner gedanken
herr sein oder werden, wie diese herrschaft köstlich launig ausgesprochen erscheint in der redensart seinen gedanken audienz geben (8,
d, β);
es kann sie frei behandeln, lenken, bearbeiten u. a. (
vgl. 12,
a);
die fülle der ausdrücke ist da wieder so grosz, dasz nur andeutende proben hier möglich sind: sô heizet einer der helle wirt .. von dem kêr dîne gedanke und ouch von zwîvels wanke.
Parz. 119, 27, kêren,
eigentlich wie das ross mit dem zügel (
vgl.lenken),
aber ebenso gut kêre dich,
jetzt wende dich ab
von ihm; und so kehr ich auch gern die heitern gedanken zu jenen wenigen guten tagen. Göthe 40, 294; seine gedanken wohin, worauf richten, gerichtet halten
u. a., schon mhd.: die gedanke suln ûf vier dinc (
als ziele) gerihtet sî
n. myst. 1, 325, 9; einen gedanken erfassen, festhalten (
s. dazu 12,
a), verlieren, verlassen,
z. b.: du solt dise gedanken verlaszen und verspotten. Keisersb.
gran. N 2
c; verfolgen, durchführen
u. a.: es sei dasz einer seine gedanken in einer genauen ordnung führe oder dasz er dieselben verworren durch einander werfe. Bodmer
m. d. sitten 1, 137,
wie die gedanken selber sich verwirren (
s. unter e).
von der verarbeitung, in manigfachstem bilde, z. b.: eins nachts ich ungeschlafen lag, viel schwer gedanken ich auswag. H. Sachs 1, 332
a,
d. h. wie der wardein die münzen, auf wert und gehalt prüfend, jetzt erwägen,
doch mit verdunkeltem bilde (
vgl. franz. penser
von gleicher entstehung).
im 18.
jh. z. b. zergliedern,
in seine bestandtheile zerschneiden: ich fieng an zu zergliedern, jede gedanke (
Klopstocks im Mess.) insbesondere. Lessing 3, 311,
wie man damals im anschlusz an den aufschwung der physiologie von zergliederung des herzens
sprach Abbt 1, 137, Gellert (1784) 10, 115,
des genies Herder
fragm. 2, 202, anatomie der seele Liscow 505. II@9@ee)
umgekehrt gedanken verbinden, verknüpfen,
wovon die schule viel sprach: weil mir damahls meine tabackspfeife aus den händen fiel und die verknüpfung meiner gedanken um etwas unterbrach. Bodmer
mahler d. sitten 1, 555,
als fäden gedacht, wie es heiszt einen gedanken fortspinnen, ausspinnen,
vergl.gedankenfaden;
aus der verknüpfung
wird auch ein gewebe, gedankengewebe (
vgl. unter gedankenfabrik),
wie man gedanken verwebt (des herzen leben stehet in denken und weben Lehman 1, 261),
vgl.gedanken spinnweben Klopstock
od. 2, 254,
d. h. unhaltbare; aber sie verflechten sich
auch selber oder verwirren sich,
wie ein wirrer knäuel, sodasz man sie entwickeln musz (S. Geszner 8,
c),
nicht abwickeln
kann u. ä.: das federlesen, das langsame abwickeln der gedanken (
beim philosophen). Zimmermann
eins. 2, 33.
der lehrer aber entwickelt einen gedanken
vor seinen hörern, wickelt den knäuel ab vor ihren augen. aber auch wie linien werden sie gedacht, die man zwischen gedanken oder sich und den dingen zieht u. ähnl. II@9@ff)
dabei ist zu bemerken, wie in der sprache die sachen und die gedanken, die gedanken und ihr uns äuszerlicher inhalt als eins behandelt werden, z. b.: indem ich also den angenehmen gegenstand meiner gedanken mit äuszerstem fleisze verfolgete. Bodmer
mahler d. sitten 1, 131,
ganz gleich mit meine gedanken verfolgte; man glaubt, dasz Mehemed Ali wieder mit kriegsgedanken umgehe.
dorfzeit. 1844 230,
aber ebenso mit krieg umgehe; krieg
ist ein fürchterlicher gedanke; die unsterblichkeit ist ein groszer gedanke (Klopstock
unter 6,
b); mein erster gedanke, sobald ich mich frei sah, war meine vaterstadt. Schiller IV, 68, 17,
zugleich als absicht, dorthin zu gehn. II@9@gg)
selbst das ich
als gedanke (
des ichs): es müszte daraus folgen, dasz wir immer auszer uns selbst geworfen würden, immer uns an die stelle anderer dinge setzen würden .. (
aber) der gedanke
ich wird immer stärker bei uns, wir lernen uns von andern dingen immer besser unterscheiden und zu diesem ich tausend dinge rechnen, auf die wir einen anspruch des vergnügens machen. Abbt 1, 130; ihm war, als wiss' er nichts, als sei er éin gedanke J. Paul
Tit. (1800) 2, 160.
Auch ein anderer oder ein anderes als éin gedanke des ichs: der junge ist ihr ganzer gedanke,
volksmäszig z. b. von einer allein stehenden groszmutter und ihrem enkel, sie hat nur einen gedanken, das ist der junge
u. ähnl.; denn das nützliche bleibt allein sein ganzer gedanke. Göthe 40, 278; das fest ist sein einziger gedanke,
auch deutlicher er ist noch ganz voll von dem feste,
von den gedanken daran, aber jenes sagt deutlicher was gesagt werden soll, und wird im leben vorgezogen, oder auch noch lebhafter: er ist immer noch auf dem feste (
in gedanken, ist 'abwesend'),
alles wendungen des lebens, die man nur beim schreiben meidet, wie sie denn schon die lehrer in der ersten schule bekämpfen. II@1010)
auch das gröszte rätsel unseres daseins, das verhältnis zwischen uns und der welt, findet sich in der sprache scharf ausgedrückt, indem sie z. b. die gedanken, als vertreter der welt, sowol in uns sein läszt (
s. 11)
als auch umgekehrt uns in gedanken. II@10@aa)
das ich in gedanken
befangen. II@10@a@aα)
kann man doch sogar sich in gedanken
verlieren u. ä., selbst in éinem (
vgl. 2,
b): du sahest eben ungewöhnlich heiter aus, Mesus?
M. das macht, ich verliere mich in einem sehr freudigen gedanken. ich dachte mir den vater einer familie, die er sehr glücklich macht
u. s. w. Klopstock 11, 291,
zugleich zu b. sich in gedanken weiden (
wie in einem garten o. ä.): ich hatte mich etwa eine halbe stunde lang in den schmachtenden süszen gedanken des abscheidens, des wiedersehens geweidet. Göthe
Werther 105. II@10@a@bβ)
daher in gedanken verloren, versunken, vertieft
u. ä.: sie klagt sich selber an vorab .. unsinnig in der statt umblief, verwickelt in gedanken tief. Spreng
Aen. 447
b (mentem turbata dolore 12, 599), verwickelt,
dasz sie gleichsam zu falle kommen musz (
zum selbstmord),
auch verwirrt
ist oft gleich in gedanken verwirrt,
zu sich verwirren in seinen gedanken (
auch sich nicht zurecht finden können
u. ähnl.).
dem 'tief'
entsprechend (
vgl. 6,
b): er sasz wie in tiefen gedanken versunken, er sah umher wie zerstreut. Göthe 15, 328; in gedanken versenkt. Schiller
Picc. 3, 6
am ende. II@10@a@gγ)
daher 'in gedanken'
im leben kurzweg gleich zerstreut, vielleicht gekürzt aus in gedanken verloren
o. ä. (
s. aber auch b),
man entschuldigt sich z. b.: ich habe das in gedanken gethan,
in der zerstreuung, daher auch gleich gedankenlos
und 'ohne gedanken' (
s. 13,
g),
d. h. ohne gedanken für das eben vorliegende, daher auch andere gedanken haben,
animus peregre est Aler 854
a,
vgl. im 16.
jahrh. vor groszen gedanken (
zerstreut antworten)
aus dem Ambr. lb. u. 4,
c, d. h. vor wichtigen, sehr beschäftigenden; es heiszt auch seine gedanken nicht beisammen haben Frisch 1, 184
b,
sie gleichsam frei laufen lassen, z. b. ins gerstenfeld (
wie gänse): er ist mit seinen gedanken im gerstenfeld,
praesens abest. Aler 854
b,
vgl. unter gänsehimmel.
mhd. in gedanken stân
gleich sich verdenken,
d. h. in gedanken vertiefen, verlieren, s. b, γ. II@10@bb) in gedanken,
mit bestimmten gedanken beschäftigt, d. h. von ihnen umringt, in beschlag genommen: tief in gedanken,
in cogitatione defixus. Schönsleder L 2
a. II@10@b@aα)
z. b. in gedanken (
befindlich) entschlafen, gehn, sitzen, stehn
u. ähnl.: schwermütigkeit mein herz durchdrang (
von Luthers tode) .. gleich (
eben) traurig auf mir selber sasz, legt mich in den gedanken tief (
zu bette) und gleich im unmut grosz entschlief. H. Sachs 1, 401
Kell.; als ich ein stund vertrieb in den gedanken tief (
über die weltverderbnis), bisz ich darinn entschlief. 3, 256; in den gedanken schlief ich ein. Gellert 1, 219; in solchen gedanken gieng ich wol zwo stund, ehe ich sie gar erördert.
Simpl. 3, 361
Kurz (1, 12),
d. h. bis in die örter,
ecken und winkel verfolgte und bezwang, klärte (
vgl.ausecken); in gedanken sitzen,
rodere ungues. Aler 854
b; er sasz in tiefen gedanken. Adelung; der in tiefen gedanken über etwas stehet und mit unverwandten augen an einen ort siehet,
cogitabundus. Frisch 1, 184
b,
vgl. unter γ,
mit dem sich das mischt; er steht in tiefen gedanken. 'warum so in gedanken, mein lieber Peter?' Weisze
ärndtekranz (1773) 306. II@10@b@bβ)
ebenso in gedanken sein,
volutare animum tacitis cogitationibus Schönsleder L 2
b: zeig' uns die ganze welt, und was ihr wollsein misz't, wenn Wilhelm in gedanken ist. Wernike (1704) 94,
am schlusse eines epigramms an einen mahler, der könig Wilhelm den schweigsamen mahlen soll, vom verf. selbst übersetzt engl. when William silent ist,
franz. ne dit rien (
s. 95):
zeig uns die grösze seiner gedanken in seinen gesichtszügen; wenn der könig (
Friedr. d. gr.) in seinen besten gedanken war .. liesz der müller das wasser in die räder schieszen. Hebel 3, 125,
in seinem besten denken, seine gedanken im besten zuge, wie es auch heiszt; gedanken ... in denen er (
der autor) jahre lang wie im eigenthum seines geistes und herzens lebte. Herder
ideen 1,
vorr. 3
a. II@10@b@gγ)
hierher auch in gedanken
stehn, gleichsam in sie hinein gestellt oder getreten sein: mîn lîp (= ich) hie in gedanken stuont gar sinne lôs, als die tuont, die an diu wîp verdenkent sich. Lichtenst. 282, 9; in argen gedanken stehen,
suspicari. Frisch 1, 184
b; in dén gedanken stehen,
dér meinung sein. das.; ich fürchte mich nur vor dem lob der unweisen und der bösen und stehe desfalls in den gedanken meines freundes (
der sich neulich das lob eines '
schriftenrichters'
verbat). Bodmer
mahl. d. s. vorr. 4
a,
denke ebenso wie er, aber zugleich noch kräftiger: bin fest in der denkweise. und liegen, liegend damit beschäftigt sein, im bette, mhd., von der mühseligen gedankenarbeit des mächtigen: swenne er lît in sîme gedanc, den er hât die naht lanc.
welsch. gast 3461,
doch zugleich wol von der übermacht der gedanken, deutlicher in folg.: verharrest du aber in einem sollichen gedanken (
tage lang) .. es ist ein sünd, aber si ist so vil schwerer, wievil du lenger darin gelegen bist. Geffken
bilderkat. 2, 77. II@10@cc)
dem entspricht denn in gedanken
fallen, zufällig hinein geraten, sodasz man darin wie versinkt: so du vermainst, du wöllest hailige betrachtung haben, so felst du in gotzlesterlich gedanken, in wst unküsch gedanken. Keisersberg
gran. N iij
a u. o.; der kurfürst fällt in gedanken. H. v. Kleist 2, 369 (
pr. v. Homb. 5, 5),
zugleich von zerstreutheit, zu a, γ.
jetzt ähnlich auf einen gedanken verfallen,
zufällig geraten, aber auch gleich sich darauf werfen.
mhd. einen in gedanke bringen,
nachdenklich, verliebt machen Trist. 8511. II@1111)
die dinge in unsern gedanken, und die gedanken in uns. II@11@aa)
zunächst ein anderes 'in gedanken'
als vorher, von thun und geschehen nur in unserm denken, im gegensatz zur wirklichkeit, daher auch gleich dem älteren mit gedanken (9,
a): ir wîplîch güete machet in gedanken mich vil frô. Lichtenst. 127, 2,
denn in mîn vil sendeʒ herze mitten hân ich si geleit. 126, 12; wirde ich iemer ein sô sælic man, daʒ si mich ân ougen sehen sol? siht si mich in ir gedanken an, sô vergiltet si mir mîne wol. Walther 99, 36; weil ich auf dem wege nach der Schweiz bin, wo ich gerne in gedanken wieder hinreise. Klopstock
briefw. 161
Lapp.; getröstet kniet er vor sie, und küsst ihr die hand mit entzücken, und in gedanken küsst jeder mit ihm. Zachariä (1761) 487; wir sehen (
an den '
flachen'
bühnengestalten) nur immer éine seite .. deren allzuschneidende auszenlinien uns gleich an die täuschung erinnern, wenn wir in gedanken um die übrigen seiten herumgehen wollen. Lessing 7, 98 (
dram. 22.
st.); wenn ich mich in gedanken mit ihnen unterhalte. 12, 231; kannst du aber, lieber leser, nichts als lesen, nicht die lücken, die dir überlassen wurden, in gedanken selbst ausfüllen, nicht weiter denken .. Herder
fragm. 1, 151; wo man die Orbe aus dem felsen kommen sieht und rückwärts zum kleinen see ihren unterirdischen lauf in gedanken verfolgen kann. Göthe 16, 231; dieses .. genau zu zeichnen spitzte Kniep schon in gedanken seine stifte. 26, 166; Frankfurt gab man in gedanken gleichfalls auf (
an die Franzosen). 30, 162.
Auch in meinen gedanken
u. ä., wie schon mhd. bei Walther
vorhin: so überlasse ich jedem meiner leser, diese lücke in seinen gedanken vollzufüllen. Herder 1, 46
Suph.; du siehst mich in deinen gedanken schon als minister. Schiller XI V, 235 (
paras. 3, 8); hätte hingegen der künstler diese verstrickung von dem dichter entlehnet, so würde er in unsern gedanken doch noch immer verdienst genug behalten. Lessing 6, 447 (
ebenso in unsern augen,
nach unserer ansicht); versagte ihm die stimme und die rede blieb, wo sie entstanden — in seinen gedanken. Scheffel
Ekkeh. 20.
Früher auch in den gedanken,
noch im 18.
jahrh.: ihr könntet nicht gelegener gekommen sein, da .. ihr schon zuvor in den gedanken und dem gespräche bei uns gewesen waret. Bodmer
mahler d. s. 1, 519,
in unsern gedanken; dasz ich wenigstens in den gedanken auf das freie land hinausspatziere. 580;
auch das in
vorhin wird oft eig. in'n (in den)
meinen, wie es gleichbedeutend heiszt im geiste. II@11@bb)
daher etwas in die gedanken nehmen, fassen
u. a. (
vgl. 12,
a):
ahd. in gidanc neman,
s. 1,
c; diese groszen geister .. nahmen sich nichts geringeres in die gedanken, als 'pingere aeternitati'. Bodmer
poet. gem. 22,
doch zugleich als herz, sinn (
s. 3,
b ff.); was kan doch erschröcklicher in menschliche gedanken gefaszt werden, als gott den vater und seinen sohn Jesum Christum verachten. Schuppius 196,
ebenso. etwas in (den) gedanken haben,
als vorstellung oder ziel o. a. (
gewöhnlich im sinn): wenn ich nun erst das stück des charakters nach seiner genauesten bestimmung in den gedanken habe, so suche ich ... (
beim dichten). Bodmer
crit. br. 165; warum er sich nicht wenigst die möglichkeit dieses fatalen streiches in die gedanken genommen.
poet. gem. 328;
auch in den gedanken fest halten
u. ä. etwas liegt
uns in gedanken,
fest und das denken bestimmend: sie legte ihre hand auf die meinige, und sagte — Klopstock! — ich erinnerte mich sogleich der herrlichen ode, die ihr in gedanken lag. Göthe 16, 36; kommt
in die gedanken: als ich sie (
die rose) fand, kam mir gleich in mein gedanken, sie Rosamunda bedeuten solt.
buch der liebe 251
b.
mhd. recht sinnlich hübsch einen durch die gedanken lâʒen gân,
prüfend durchnehmen, '
betrachten' (
s. 5,
b): nu er wider în zen frouwen gie und si in begunden schouwen, nu begunden in die frouwen durch ir gedanke lâʒen gâ
n. Trist. 10853.
es weicht (nicht) aus den gedanken: trägt sich mir der affect von der trauer eines vaters von sich selbst an (
als beispiel, in einer trauerode), als der mir selten aus den gedanken weicht. Bodmer
gem. 316.
aber auch etwas aus den gedanken schlagen Steinbach 1, 248,
mit angewandter gewalt: ich will mir Sylvia aus den gedanken schlagen. Gellert.
auch mit zu für in,
im 16.
jh.: nimm zu gedanken (
bedenke).
Galmy 20; als Reinhart ein schöne rosenheck ersehen thet, ihm seine allerliebste jungfraw zu gedanken kam.
buch der liebe 250
b,
wie noch das kommt mir nicht zu sinn.
das wird aber sein, wie zu mute,
mhd. ze muote,
d. h. im gemüte, zu gemüte,
ins gemüt, das als wohnstätte gedacht ist. II@11@cc)
die gedanken
ihrerseits in uns, im ich: eng ist die welt, und das gehirn ist weit. leicht bei einander wohnen die gedanken, doch hart im raume stoszen sich die sachen. Schiller
Wall. tod. 2, 2;
dem wohnen
entsprechend wird auch eine thür gedacht: böse gedanken klopfen immer an, thu zu, so gehen sie davon. Lehm. 1, 262,
vgl.tuot ûf
Parz. 433, 1 (
das herze
als wohnung).
s. unter 8
von dem treiben der gedanken
im herzen und im geiste, wie sie im menschen groszen lärm machen,
auch arbeiten, wühlen, gären
u. a., aber auch in der seele klingen, sprechen
u. a.; unser ich ist für sie wie ein taubenhaus für tauben u. ä.: sie seind privilegirt, dasz sie sich nicht schämen dürfen (
nicht nötig haben s. z. sch.), wann sie im taubhaus bleiben. Lehm. 1, 263; wer weisz, wo der wind herkompt und wieder hinstreicht, der weisz auch der gedanken ein- und ausflug. 262; gedanken steigen stets ein und aus.
das. dazu flüchtiger gedanke,
der uns durchfliegt (
denn flucht
gehört sowol zu fliegen
als zu fliehen),
vgl. 8,
e. Sie kommen aber in uns herein nicht blosz von auszen, sondern auch aus dem grunde unsres eignen ich: hierauf folgen die gedanken, welche die seele gleichsam aus ihrem innern vorrathe herbeischaffet, und diese in das gedächtnis zurückgeführte gedanken
u. s. w. Abbt 1, 35; warumb steigen solch gedanken auf in ewr herz? Luther
Luc. 24, 38
var.; wann solche gedanken treuen lehrern auch aufsteigen. Schupp. 681;
vgl.gedanken als blasen,
die das gehirn auftreibt Schiller 262
b (
Carl. 2, 8)
die in uns aufsteigen 95
a (
die philosophen);
vergl.schwanger,
gebären unter e. ein gedanke setzt sich fest in uns, sitzt fest (
idea fixa).
wie auf der schwelle oder grenze zwischen innen und auszen aber bewegen sich die vorschwebenden gedanken (12,
a). II@11@dd)
das kommen von auszen ist besonders scharft gefaszt in einfall, einfallen,
dessen bild uns verblaszt ist, aber z. b. Göthen
noch frisch war (
s. u. 2,
d mir fiel in die gedanken),
von gedanken, die in uns wie unvermittelt auftreten, für die wir gleichsam die verantwortung nicht haben, die nicht aus uns sind; s. einfallen 5 (
auch beifallen 3),
dazu: fallen dir gedanken ein, so lasz sie wider ausfallen, kommen sie, so lasz sie wider faren (
halt sie nicht fest). Luther
bei Dietz 2, 31
a; fallen sie ein, so laszt sie wider ausfallen.
schr. 5, 487
b;
vgl. unter 8,
i von bösen gedanken als des teufels gedanken, die einfallen; kurzer gedank,
einfall, enthymema, syllogismus imperfectus Henisch 1403,
auf den man nicht zeit genug verwendet hat. Das bild rührt von den mystikern her, z. b.: daʒ ein (
gereinigter) mensch nummer tîfen înval gehabe von dikeinen (
schlimmen) gedanken, sunder waʒ in in vellet von bôsen gedanken, daʒ daʒ zuhant zu nichte werde und daʒ iʒ nit inrûre des gemûtes innewendikeit.
myst. 1, 250,
dasz sie nicht so tief in ihn fallen, um in ihm zu haften; so besonders von gedanken die man abwehren soll, s. z. b. Eckhart 663, 16
ff., vergl. eigner vernunft infall Brant 103, 15;
s. aber auch des gedanks inval
u. I, 1,
b und învelle des liehtes (
wie einfallende lichtstrahlen)
von hohen gedanken Eckhart 476, 26,
was denn sich berührt oder zusammenfällt mit gedanken,
die wie ein blitz
durch uns fahren, uns durchzucken, zünden
u. ä.: wie der blitz schosz hinter diesem gedanken der zweite auf .. Kinkel
erz. 441; dasz in solchen übergangszeiten geistesblitze zuckend durch die ganze gesellschaft fahren .. man weisz nicht, wie der zündende gedanke sich verbreitet. Görres
Teutschl. u. d. rev. 127;
ganz wie bei den mystikern aber ist lichtgedanke: alles göttliche auf erden ist ein lichtgedanke nur. Schiller XI, 359 (
gunst des aug.); wie die erste Minerva, so tritt, mit der ägis gerüstet, aus des donnerers haupt jeder gedanke des lichts. XI, 271 (
das glück).
Auch das bild des flieszens wird gebraucht, besonders von einer menge von gedanken: daʒ uns unnütze gedanke manicvalteclîcher zuo vlieʒent denne die guoten.
myst. 1, 324,
jetzt zuströmen,
vgl.meer u. 8,
c, aber auch gedanken einflöszen (8,
i),
doch auch in flusz kommen
von gedanken, die z. b. stockten (
vergl. 12,
c). II@11@ee)
als gefäsz der gedanken erscheint das ich besonders deutlich in fassen,
d. h. umfassen (
anders als 12,
a): eh die welt war, bin ich (
Jesus) gewesen! doch diesen gedanken faszt ihr in seiner grösze noch nicht. Klopstock
Mess. 4, 1086.
daher voll von gedanken, gedankenvoll
oder gedankenleer;
auch schwanger: ich war nicht lang mit solchen gedanken schwanger gangen, als ..
Simpl. 1, 290
Kz., von gedanken für die zukunft, plänen, die man in sich reif werden
läszt, bis sie ans licht treten
können, auch von gedanken des geistes: gebähre den gedanken nicht! Klinger 1, 34 (
s.gebären 8,
c).
ähnlich wird das verarbeiten in uns als ein kauen aufgefaszt (
vergl. ruminari, wiederkäuen),
dem denn auch ein verdauen entspricht: weil er sich an dem gedanken, ein hausvater zu sein, gar nicht satt käuen konnte. J. Paul
uns. loge 3, 149; unverdaute gedanken, ideen;
s. mehr u. kauen 3
und schon mhd. Haupts hoh. lied 112, 23,
myst. 375, 25. II@1212)
aber auch noch manigfach anders wird das verhältnis zwischen dem ich und den gedanken in der sprache gefaszt, immer mit lehrreichen beiträgen und winken für das wesen der sache, weil hier wirklich unbefangene und übereinstimmende beobachtung arbeitet. II@12@aa)
ein erfassen wie mit einer hand, als könnte man sich so der dinge selbst wirklich bemächtigen, ist urspr. gedacht in den wendungen einen gedanken (
oder etwas) fassen, erfassen, auffassen, aufnehmen, vornehmen, fest halten, fahren lassen (Luther
unter 11,
d)
u. a. das bild wird deutlicher bei den sog. vorschwebenden gedanken,
die man mehr mit glück ergreift und festhält, oder auch nicht, sie entschlüpfen
uns leicht wieder, wie aus der hand; das vornehmen
z. b. deutlicher in für sich nemen,
wie arbeitsstoff: so nement sie fürsich (
beim beten) gedenk von auszerlichen dingen. Keisersb.
irrig schaf G 6
b;
vgl. anderseits etwas
in die gedanken nehmen, fassen 11,
b, wo die gedanken vielmehr der arbeitsraum und zugleich das arbeitszeug sind (
auch zum kauen, verdauen, s. 11,
e),
und zugleich erscheint doch auch der gedanke
selbst als der arbeiter, z. b. Schiller
u. 1,
d. Umgekehrt aber auch wieder ein gedanke faszt
uns (
s. 8,
b), ergreift, packt uns, wirft uns über den haufen, läszt uns nicht los
u. a., entsprechend der doppelheit der gedanken in nns und wir in gedanken (10). II@12@bb)
darauf zurück gehen wird auch das häufige und alte einen gedanken
oder gedanken
haben, wieder in verschiednem sinne, in sich haben, als besitz haben, davon beherscht sein, damit zu thun haben und noch anders; aber wie haben
eig. ein halten in oder mit der hand ist, so klingt das auch hier noch an z. b. in folg.: ob nu wol die gedanken so bald nicht ablassen (
dir einzufallen), so müsset ir widerumb auch nicht ablassen und imer das herz davon wenden und sagen: hörestu nicht, teufel, das ich solche gedanken nicht haben wil? Luther 5, 487
a,
wie etwas das uns hingehalten wird zum annehmen, nach dem wir aber nicht greifen. anders: jetzt hab ich einen guten gedanken,
z. b. bei einer beratung, d. h. ich habe ihn eben bekommen, er ist mir eben gekommen; dein bruder hat immer gute gedanken,
einfälle, ratschläge u. ä.; älteres gedanken haben
s. z. b. u. 4,
c. bekommen,
dasz man sie nun '
hat': wenn sie ein uhrwerk erfinden könnten .. dasz man gedanken zu einem aufsatze zu bekommen nichts weiter zu thun hätte, als einen nagel zu drücken. Bodmer
mahler d. s. 1, 354. II@12@cc)
beachtenswert ist auch, wie das denken als eine bewegung gefaszt ist, die in uns, d. h. zwischen uns und den dingen oder gedanken vorgeht, oder sonst als verhältnis im raume; so im vorigen schon oft (
s. bes. das fliegen, schweifen 8,
e. f)
und überhaupt in manigfachster weise, deutlich z. b.: niemals geh ich im mondenlichte spazieren, niemals, dasz mir nicht der gedanke an meine verstorbenen begegnete. Göthe
Werther (1775) 106.
bildloser ein gedanke kommt mir,
eigentlich auf mich zu, an mich heran (
auch tritt an mich heran)
u. s. w.; der gedanke liegt nahe, legt sich nahe, liegt mir fern, ist fern von mir
oder ich bin fern von dem gedanken.
Aber auch einem gedanken nachgehen,
ihn verfolgen, oder mit den gedanken einer sache, frage
suchend nachgehen,
auch ihr ende suchend, wobei man denn auch auf (
ungesuchte) gedanken kommt, stöszt, sich dabei verweilt
oder sie übergeht,
einen überspringt,
auch zwei sich in einem gedanken begegnen,
einer dem andern entgegenkommt,
und so endlos weiter, auch so, dasz immer zugleich und oft lieber statt der gedanken theils die dinge selbst genannt werden theils das ich (
z. b. in Fausts hier stock ich schon),
je nachdem der gedanke
als das gedachte oder als das denkende gemeint ist (
vgl. 9,
f).
schon Otfried
spricht kühn von füszen der g., fuaʒi dero githanko IV, 5, 57.
Auch in uns selbst ist bewegung der g.: so bald der lauf seiner gedanken wie der kreislauf seines blutes ist, das heiszt, ohne dasz er sich dessen recht bewuszt ist. Abbt 1, 36; der gewöhnliche lauf unsrer gedanken geht so schnell. Herder
urspr. d. spr. 95.
daher denn die bewegung lebendiger gedanken sich auch den gliedern mittheilt: was ich guts finde in überlegung, gedanken, ja sogar im ausdruck, kommt mir meist im gehen. sitzend bin ich zu nichts aufgelegt. Göthe
tageb. 21.
märz 1780 (
vgl. an Schiller 12.
mai 1798,
auch Abbt 1, 33, Lessing 11, 461).
s. auch gedankengang, gedankenbahn. II@12@dd)
im 17. 18.
jh. sagte man auch 'gedanken machen' (
vgl. gedankenfabrik),
s. z. b. Bodmer
u. 7,
c gedanken und ideen in dem kopf machen; da wird er ohne zweifel unterweilens seltzame gedanken gemacht, und gedacht haben: wann gott bei ihm sei .. Schupp. 260.
jetzt sich gedanken machen,
s. u. 14.
auch gedanken legen auf
etwas, ihm nachdenken Schönsl. L 2
b (
vgl. sich auf etwas legen,
es eifrig betreiben), auf etwas setzen
M. Krämer 509
a; er legt seine gedanken auf kraut und lot (
pulver u. blei),
totus Martem spirat. Aler 854
b; friedens- oder kriegsgedanken führen Ludwig 704 (
zu 13,
c),
bei sich tragen. diesz auf
bezeichnet auch, dasz man den gedanken unter sich hat als arbeitsstoff, wie auf einen gedanken kommen, darauf verweilen (selbst auf groszen gedanken sitzen Abbt 1, 36),
aber auch dabei verweilen, damit zu thun haben, beschäftigt sein.
seit Klopstock
auch gedanken denken (
s. d. 11),
auch in prosa: ich kann nicht den ersten menschlichen gedanken denken ... ohne dasz ich in meiner seele dialogire. Herder
urspr. d. spr. 73. II@12@ee)
die ersten, besten gedanken
u. ä.: habt also gar woll gethan, ewer erste (
so) gedanken nicht zu folgen und mir ewern brief zu entziehen. Elis. Ch. v. Orl. 1, 273; die letsten gedanken die besten. Henisch 1404; die besten gedanken kommen allweg hinden nach. Lehman 1, 262; gedanken, die zuerst gleiszen, thun zu letzt die leut beschmeiszen. 264.
vergl. engl. second thoughts,
bessere überlegung. II@1313)
dem inhalt nach ist gedanke
von groszer verschiedenheit, namentlich im gebrauch des lebens gegenüber dem sog. reinen gedanken,
indem sich immer ein streben, eine stimmung, empfindung einmischt in verschiedenster weise (
s. dazu unter 4);
zugleich begleitet das subst. sein zeitwort, sodasz es oft noch wie subst. verb. zu denken
und gedenken
frei gebraucht erscheint; z. b. II@13@aa) meine gedanken,
was ich '
eigentlich denke'
und urtheile über einen menschen, über die welt o. ä., zugleich wie ich gesinnt, gestimmt bin ihm gegenüber, auch diesz wieder mit verschiedenster färbung; z. b.: die jüden haben von Messia die gedanken und nemen solches aus den propheten .. Ayrer
proc. 2, 10,
wie jetzt vorstellung, begriff; nicht lange hernach kompt der könig zu andern gedanken. Olearius
pers. ros. 1, 19; arge gedanken,
argwohn. Ludwig 704; unsere deutschen poeten haben von der würde ihrer kunst keine höhere gedanken, als dasz sie solche .. als eine brodlose kunst ausgeben und für ein bloszes nebenwerk halten. Bodmer
poet. gem. 23; gehen sie immer zum könige (
Friedr. d. gr.) .. er soll bessere gedanken von den Deutschen ... in ansehung des witzes bekommen. Gellert
an Rabener in dessen br. 281,
er soll besser denken lernen
von den D.; so würde er in unsern gedanken doch noch immer verdienst genug behalten. Lessing 6, 447; jedes menschen gedanken und sinnesart hat was magisches. Göthe
tageb. 15.
dec. 1778; nur allzu oft werden mir von jungen männern deutsche gedichte zugesendet, mit dem wunsche, ich möge .. über den eigentlichen dichterischen beruf des verfassers meine gedanken eröffnen. Göthe 45, 425, eröffnen,
d. h. die innersten, eigentlichen; einem seine gedanken eröffnen,
ouvrir son coeur à quelcun. Rädlein 328
b,
zugleich gesinnung, stimmung. von stimmung im eigentlichen sinne s. unter 1,
b, wie z. b. der gedanc ebene stât, bitter wird. II@13@bb)
man sagte auch ich bin der gedanken,
wie jetzt noch der meinung, der ansicht,
ich denke so und so: so bin ich der gedanken, man solle den lateinischen accenten (
bei lat. eigennamen) so viel möglich nachkommen. Opitz
poet. 50; weil ich derer gedanken bin, dasz die meisten zeitworte der Deutschen von denen nennworten .. sich herziehen. Logau 3,
vorwort. II@13@cc)
von absichten, bestrebungen, wünschen, verlangen u. ähnl., was alles auch noch in denken auf
oder an
etwas enthalten ist, zum theil in gedenken;
so aus alter zeit bis heute, vgl. schon sp. 1941 darnach stuond im sein dank (stuond,
war gerichtet), hab desselben keinen dank,
gedenke dessen nicht, es zu erwerben, jenes stehen
noch im 18.
jh.: wo stehn seine gedanken hin,
quo tendit? Frisch 1, 184
c,
vgl. nachher Schiller; swenne ein man durch die kræme gêt unde hât aber deheiner slahte gedank, daʒ er iht koufen welle (
kommt ihm doch die lust). Berth. 482, 13,
wie jetzt noch keine gedanken etwas zu kaufen,
man 'denkt nicht daran'; ich hab aber mein lebenlang zu dem (
geistl.) stand gehat kein gedank. Ayrer 704, 22; du sihest alle ir gedanken wider mich. Luther
klagl. Jer. 3, 60; die gedanken des herrn wollen erfüllet werden wider Babel.
Jer. 51, 29; mit ehrlichen gedanken umgehen. Aler 854
a,
nur gutes wollen; ehrliche leute haben alle einerlei gedanken. Frisch 1, 184
b,
zugleich zu a; hohe gedanken bekommen,
tollere animos. das.; es ist mir nicht ein gedanken davon in den sinn gekommen.
das., ich habe gar nicht '
daran gedacht'; friedensgedanken haben,
pacis consilia agitare. das.; allmählich vergiengen ihm die mönchsgedanken, zumal da ihm eben von natur kein klosterfleisch gewachsen war. E. C. Reichard
Matth. u. V. K. Schwarz s. 28; du verbirgst dein herz, und hast ganz andre gedanken. Göthe 40, 269;
den hohen gedanken
entsprechend: die Friedländerin denkt er davon zu tragen? nun, der einfall gefällt mir! die gedanken stehen ihm nicht niedrig. Schiller
Wall. tod 3, 4.
auch deutlicher beger oder gedank Geffken
bilderkat. 2, 78.
vergl. sp. 1947
fg. von liebesgedanken. II@13@dd)
von erwartungen, hoffnungen, aussichten: ich het ze mîme lebeneharte kleinen gedanc.
Nib. 98, 6
4 Z., dachte wenig, mit dem leben davon zu kommen; die gedanken haben ihm gefehlet (
sind fehl geschlagen),
opinio eum fefellit. Aler 854
b; dieses geschäft führte Wernern hierher, er hatte keine gedanken Wilhelmen auf seinem wege zu finden. Göthe 20, 134 (
W. M. 8, 1),
ganz aus der volksrede; diese gedanken sind mir vergangen. Frisch 1, 174
b (
zugleich zu c); wider alle meine gedanken,
praeter omnem opinionem meam. das. II@13@ee)
dagegen nach gedanken,
ganz wie man sichs denkt oder gedacht, am besten ausgemahlt hat: so wird dein hohes glück in voller blüte stehen und aller rath und that dir nach gedanken gehen. Opitz 1, 14; das ist mir ganz nach gedanken gegangen, nach meinen gedanken; nach seinen gedanken und wunsch leben. Frisch 1, 184
b.
vgl. bair. der schusz ist mir angangen wie gedankn,
wie ichs gewünscht Schm.
2 1, 522,
so rein wie sonst nur die gedanken sind. dagegen auch '
blosz nach gedanken',
wer z. b. das masz, das werkzeug nicht zur hand hat, musz nach gedanken messen,
etwas nach gedanken machen,
auch nach ungefähren gedanken. II@13@ff)
von vermutungen, ungefähren einfällen, auch ahnungen u. ä.: bald komme ich auf die gedanken, dasz sie ihrem geburtstag zu ehren ein glas wein zu viel getrunken haben. Gellert
loos in d. lott. 5, 5; damit sie nicht auf üble gedanken fallen möchten, so wollte sie mir das loos schenken. 5, 7,
argwohn (
vgl. a); einsmals kam ich auf die gedanken, dasz Plinius .. vielleicht ein griechisches wort geschrieben, welches die abschreiber nicht verstanden. Lessing 6, 537.
auch im sing.: rathen sie auch auf niemand? 'ich hatte freilich einen gedanken'. Schiller 719
b (
geisters.). II@13@gg) ohne gedanken,
ohne dasz man '
daran denkt',
unbewuszt u. ä.: das heiszt aber schenken, das einer aus lieb und tugent, on einig gedanken einer gab gibt und schenket.
Frank spr. 1, 138
a; der sie ertödten wöllen ohn alle ire gedanken. Ayrer
proc. 2, 10,
ohne dasz sie daran dachten oder '
etwas dachten'
wie es auch heiszt, ahnungslos; ohne gedanken,
sorglos. Krämer 509
a.
Aber auch unter der übermacht von stimmung, hoffnung, enttäuschung u. a., selbst '
vorschwebender gedanken'
ist man doch ohne gedanken,
ohne bestimmte, klare (
vgl. 10,
a, γ 'in gedanken'): lange noch stand der jüngling, und sah den staub (
des fortrollenden wagens) sich erheben, sah den staub sich zerstreun: so stand er ohne gedanken. Göthe 40, 304 (
Herm. u. D., 6.
ges. a. e.) II@13@hh)
so gedanken
von klaren gedanken im gegensatz zu ahnung, grillen, vorschwebungen u. ä.: das feinste delicateste weibliche geschöpf, das vor dem geringsten gedanken — nicht gedanken, vor der geringsten ahnung eines gefühls erzittert, das ihrer unwürdig wäre. Göthe 57, 155 (
Claud. v. V.); weil kein fürst im reich so klein ist, dem nicht mehr an seinen grillen gelegen wäre als an meinem (
des kaisers) gedanken. 8, 80.
er erzählt von sich selber, bei dem antrag einer ratsherrnstelle in Frankfurt im jahre 1792,
der ihm die alte zeit heraufruft: tausend bilder stiegen vor mir auf und lieszen mich nicht zu gedanken kommen. 30, 163. II@13@ii)
als subst. zu gedenken,
zurückdenken, '
das angedenken an etwas' Frisch 1, 184
c: aus den gedanken kommen, fallen,
perdre la mémoire d'une chose. Rädlin 328
b; es ist noch in seinen gedanken, nicht aus den gedanken kommen lassen
u. ä. Frisch. II@1414)
besonders bemerkenswert ist gedanken
schlechthin von gewissen sehr bestimmten gedanken, bes. in der wendung gedanken machen. II@14@aa) einem gedanken machen,
ihn zum nachdenken bringen: so hoffe ich jedoch .. etlichen sündern eine klette in den bart zu werfen, das ist, ihnen ins gewissen zu reden, und aufs wenigste gedanken (wolt gott buszfertige) zu machen, damit sie entweder was besser oder ja schlimmer werden möchten. Ringwald
laut. warh. (1621),
vorr. A ij
b,
dasz sie sich selbst betrachten (
wozu die klette äuszerlich nötigt), '
in sich gehen'.
ähnlich mhd., doch von liebenden gedanken: Tristan der hât mich starke in gedanke durch si brâht.
Trist. 8511. das macht mir gedanken,
gleich gibt mir zu denken,
bes. von aufsteigenden besorgnissen, verdacht u. a.: deshalben michs gleich nicht wenig befrembdet und mir gedanken macht, das Schwenkfeld so körrn und küne ist worden, sich mit schriften an mich zu machen. Luther 8, 174
b; zugleich bindet er die schärpe los, weil er zur Blanca gehen will. Blanca ist eifersüchtig, die schärpe könnte ihr gedanken machen. Lessing 7, 282. Ringwalds
gebrauche ähnlich: wart! ich will dir gedanken machen!
drohung z. b. eines vaters an den vergeszlichen sohn. II@14@bb)
auch ich mache mir gedanken,
man tröstet z. b. einen: mach dir keine gedanken darum,
keine sorgen, keine grillen, gewissensbisse, vorwürfe u. ä.; ihr kind ist gestorben und sie macht sich nun gedanken, sie sei schuld daran,
oder wie es hätte anders kommen können
u. ähnl.; auch die gedanken, dasz ..: weil ich mir die gedanken mache, das reine blut schrei himmel an und fodre die verdiente rache. Canitz 350.
doch auch anders, von strebenden, fröhlichen gedanken: wer sich aber die gedanken macht, dasz er (
als dichter) sein licht in ganz Deutschland will leuchten lassen, der musz auf dergleichen reime denken, die sich an allen orten annehmlich und bewehrt befinden. Chr. Weise
von deutschen versen 1, 9; ich mache mir gedanken, dasz Deutschland immerdar, es tobe wer da wolle, wird bleiben was es war. Logau 2, 2, 26,
seine innersten gedanken wie er sie sich ausführt (
wie bei Conlin
unter c)
; vergl. gedanken machen,
denken, nachdenken 12,
d. II@14@cc)
auch deutlicher allerlei
oder viel, tausend ged.
u. ä.: und hatte (
der neue Naumburger bischof) den punkt der religion halber vergessen und übergangen. welchs den gesandten (
der stadt) allerleie gedanken gemacht.
neue mitth. des thür.-sächs. v. 11, 479,
besorgnisse; nachdem nun der unzeitige bischof sich in das bett gelegt, machte er ihm allerlei sorgfältige gedanken .. dasz ihm die gesammte stadt werde entgegen gehen
u. dgl. Conlin 2, 185,
er malt sichs sorgfältig aus; wenn ich argwöhnisch wäre, so könnte ich mir allerhand gedanken machen, dasz ich meinen mann ganz allein bei einer frau antreffe. Gellert
loos in d. lott. 1, 3;
A. der feldherr macht mir selbst nicht wenige gedanken.
B. nein, ich versichre dich, der feldherr läszt uns nicht. A. Gryphius 1, 288; wie erstaunt, ja erschrocken ich war, läszt sich begreifen. ich machte mir tausend gedanken über diese entdeckung und konnte doch eigentlich nichts denken. Göthe 23, 83 (
neue Melus.),
es entspricht der mhd. wendung: der künic in sînen sorgen hete manigen gedanc.
Nib. 102, 4
4 Z. II@14@dd)
auch sorgen und gedanken
u. ä.: wer seine sorgen und gedanken dahin gerichtet hat, wie er seine kinder .. in stetem glücke erhalten möge. Chr. Weise
kl. l. 279; ein mann, der seine mühe und arbeit, sein kopfbrechen und gedanken als ein ander guter freund auch hat. Henning
mischmasch 453. II@14@ee) die gedanken, die man sich macht,
werden doch auch genauer bezeichnet mit adj.: der goldschmidt fraget weiter nach, erkundt all umbstend dieser sach .. die im viel böser danken machten. Waldis
Es. IV, 60, 118; er machte sich vielmehr nur traurige gedanken darüber. Göthe 18, 181; es machte mir stets eigene gedanken, was man vom tod des vierten Heinrichs liest. Schiller
Wall. tod 5, 3. II@1515)
überhaupt bestimmen gerade adjective die gedanken
nach gehalt und färbung, wieder in nicht zu erschöpfender fülle, wovon im vorhergehenden viel beispiele. schon in alter zeit, ausgedehnter als jetzt, z. b. streiter in der schlacht, denen der könig gefallen ist, sind fluhtigero githanko Otfr. III, 26, 46,
haben fluchtgedanken, denken an flucht. göttliche gedanken
sind im folg. menschliche gedanken von gott: gotlîche gedanken formen daʒ gehucnisse.
myst. 1, 187, 31. reine, unreine,
mit reinem oder unreinem inhalt: mit zwein armen sül wir in (
gott) an uns halsen, mit gebete und mit reinen gedanken. 324, 38; man (
ein kampfgieriger) sleht daʒ volc die naht lanc mit unreinem und bœsem gedanc.
welsch. gast 3482. schwere gedanken
Sir. 34, 5,
mit schwerem inhalt, der uns drückt, beschwert. tolle g.
weish. Sal. 11, 16, verzweifelte g.,
ged. der verzweiflung: auf die verzweifelten gedanken verfallen, ein medicus zu werden. Liscow 127. hoffende, furchtsame
u. s. w., wo das thun des denkenden auf den gedanken übertragen wird. traurige, fröhliche, schreckliche, erfreuliche,
anderseits kluge, dumme, klare, dunkle
u. s. w. ohne ende. nach dem subj. des denkens fürstliche, dichterische, schülerhafte, diebische
u. s. w. oder in zusammens. dichtergedanken, schülergedanken, kindergedanken, diebsgedanken, freiersgedanken
u. s. w. II@1616)
andere nähere bestimmungen des begriffes. II@16@aa)
durch sätze, übereinstimmend mit solchen bei denken,
haupts. mit dasz
oder mit inf., z. b.: ich hatte keinen gedanken, dasz ich dir damit weh thun könnte, '
dachte nicht entfernt daran'; (
wir) die den gedanken nicht ertragen mögen, sie zu überleben W. v. Humboldt
an Göthe 300; belohnung durch den gedanken, etwas gutes gestiftet zu haben. 285.
aber auch mit ob,
wie bei denken,
z. b. er machte sich gedanken, ob er bleiben dürfe,
vgl. S.
Dach unter gedankenvoll. II@16@bb)
durch substantiva, am häufigsten durch an
verbunden, wie bei denken,
z. b. der gedanke an den tod, an die geliebte.
dafür auch von,
doch seltner jetzt als früher, z. b.: gedenk von auszerlichen dingen. Kaisersberg
u. 12,
a; so wird wol die zitternadel mit diamanten besetzet den gedanken von der ehelichen treue verdunkelt haben. Gellert
loos i. d. lott. 1, 7.
doch ist das mehr als mit an,
s. dazu 6,
a. auszerdem mit über
von nachdenken, speculatio Frisch 1, 184
c, gedanken über tod und unsterblichkeit
u. ä. gedanken wider einen,
feindliche, s. Luther 13,
c. mit auf, zu,
von bestrebungen u. ä.: gedanken auf etwas,
intentio, propositum. Frisch 1, 184
b; ich habe keinen gedanken dazu gehabt,
ne id cogitavi quidem. das. II@16@cc)
mit gen. obj., im 16.
jh. z. b. geben on einig gedanken einer gab S. Frank
u. 13,
g, es ist zugleich der gen. beim zeitw.: ohne der gabe zu gedenken; gedanken des friedes.
Jer. 29, 11.
anders im 18.
jh., bei gedanke
gleich idee,
s. 6,
a, α; und so vielfach seitdem, oft auch in schwächerer kraft, z. b.: wehe dem volke, bei welchem das bewusztsein der nationalität eingeschlafen ist. es gleicht dem dumpfen sclaven, der vor dem gedanken der befreiung zittert. Pfizer
briefw. zw. D. 168.
und noch anders gefärbt: die vorstellung von einem guten könige ist einer von den gröszten gedanken der menschlichkeit und freude, die man haben kann. Klopstock 11, 293,
d. h. voller menschl. u. fr., oder auch: wie sie die menschlichkeit und freude, als bewuszte mächte gedacht, selber haben würden (
und uns '
eingeben'),
was des dichters denkweise entspricht; vergl. schon bei Luther gedanken des unglaubens und verzweivelung (
Dietz 2, 31
a),
von ungl. und verzw. eingegeben. II@16@dd)
daher in genitivischer zusammens., z. b. todesgedanken, zukunftsgedanken,
dann kriegsgedanken, friedensgedanken,
auch frühlingsgedanken,
die der fr. eingiebt, einflöszt. man bildet sie sich frei, bis zum übermasz, z. b. verflachungsgedanke: den republicanismus (
der Franzosen), eine lehre, wozu nicht viel vorkenntnisse gehören, die zugleich allen ihren kleingefühlen und verflachungsgedanken zusagt. H. Heine
verm. schr. 2, 24. II@16@ee)
auch in unmittelbarer zusammensetzung, z. b. spielgedanken Luther 6, 387
a, dank-gedanken Brockes 4, 46, gold-gedanken (
des alchymisten) 4, 235, leidgedanken S. Dach 476
Öst., buszgedanken, der grabgedanke Schiller
u. 8,
b, nachtgedanken
u. ähnl. Anders grundgedanke, hauptgedanke, nebengedanke, zwischengedanke, hintergedanke,
vgl. mhd. ungedanc
u. ähnl. unter 3,
a, angedank
andenken 1,
c. II@1717)
zum abschlusz des begriffes gehört aber noch gedanke
im verhältnis, im gegensatz zu that, werk, wirklichkeit. II@17@aa)
in ausgesprochenem gegensatze: wan swaʒ mit werken mac ergân, daʒ hân ich mit gedanke getâ
n. Hartmann
büchl. 1, 138; dieses ist ein flüchtiger gedanke, den ich selbst nicht ins werk zu richten weisz, und vielleicht ist es auch eine unmöglichkeit ihn jemals auszuführen. Mendelssohn
empfind. (1755) 122; ich kann mich nicht, wie so ein wortheld, so ein tugendschwätzer, an meinem willen wärmen und gedanken. Schiller
Wallenst. tod 1, 7; des groszen wink im tiefsten marke spüren, gedanken rastlos — ohne kraft zum werke. Eichendorf
ged. 165; oder kömmt, wie der strahl aus dem gewölke kömmt, aus gedanken die that? leben die bücher bald? Hölderlin (1874) 97,
an die Deutschen vgl. u. gedankenvoll. ged.
und that
sonst: dasz gemeiniglichen die besten gedanken erst nach geschehener that kommen. Fronsp.
kriegsb. 1596 2, 46
a; einen gedanken zur that werden lassen, verwirklichen
u. ä.; ich hatte mehrere male den gedanken, ihnen zu schreiben, liesz mich aber immer durch die furcht abhalten, ihnen lästig zu werden. W. v. Humb.
an Göthe 281.
Wie weit der weg von den gedanken
zur wirklichkeit ist und welcher rest immer bleibt, sprechen auch sprichwörter aus: an gedanken und gespannem tuch gehet viel abe. Mathes.
Luther 145
b; gedanken sind wie kugeln aufm kegelplatz, sie laufen und fehlen, sie laufen und treffen. Lehm. 1, 262; hundert kärch voll gedanken bezahlen nit ein hand voll schuld. 263; wann alle gedanken ihren fortgang hetten, wer wolt dann schuhe machen (
niedere arbeit thun)? 265. II@17@bb)
daher gedanke
von etwas unvollkommenem wirklichen, in der alltagsrede, z. b. das ist nur ein gedanke von einem menschen,
so schwächlich, dürftig, z. b. bair. Schm. 1, 383 (
ebenso gedächtnis 1,
d).
auch für eine kleinigkeit, wenigkeit: meine frau schickt ihrer lieben frau gleichsam nur einen gedanken von rehbraten, der gerade für sie zwei genug sein könnte. Knebel
in Böttigers lit. zust. 2, 224 (
wo das gleichsam
vom manne zugesetzt ist).
eigentlich ist das ein unmerklich oder verschwindend kleines, ein '
minimum', '
so gut wie nichts',
z. b. thür., hessisch noch einen gedanken salz an die suppe thun (
auch eine idee);
tirol. z. b. ruck den tisch um en gedanken weiter Fromm. 4, 341; und der hosenknopf! mein faust wär grad ein gedanken dagegen, wie ein batzenlaib, so grosz war er gwiss. Schm. 1, 383. II@17@cc)
und noch schärfer in dem volksmäszigen kein gedanke!
als starke verneinung, d. h. nicht einmal ein gedanke (
auch keine idee!),
z. b.: fragte sodann der schreiber, ob diese processen schon alle ausgearbeitet? ei, kein gedanke, mein pater! antwortete der schreiber. Abr. a S. Clara
gehab dich wol 233 (
bei Karajan
s. 176); glaubst, die menschen würden frümmer an dem wunder hin und her? kein gedanke, sondern schlimmer, hielten sie vor zauberer.
östr. volksl. bei Feifalik
kindheit Jesu s. 106.
auch vollständiger, z. b.: dasz er wieder gesund werden sollte, daran ist gar kein gedanke,
wie sonst daran ist nicht (
einmal) zu denken,
so weit ist das von der wirklichkeit entfernt; man hat einmal keinen andern begrif von lied und leserei, als: was da ist, musz zur parade da sein. an noth und einfältiges bedürfnis ist kein gedanke (
denkt niemand). Herder
volksl. 2,
vorw. s. 29.