widerspenstig,
adj. ,
adv., '
widersetzlich, gegnerisch, gegensätzlich, unangenehm, schädlich'
; wohl zusammengesetzt aus spenstig,
adj., teil 10, 1,
sp. 2157
und wider '(
ent)
gegen'; widerspanst (
s. ob.)
läge dann nicht zugrunde, wie Fischer
schwäb. 6, 795 (
s. v. widerspunst)
meint, sondern wäre erst aus widerspenstig
rückgebildet. bezeugt seit dem ende des 15.
jhs.: refragari, repugnare widerspenstig sin Diefenbach
gl. 489
c; 493
c;
proteruus widerspenstig
ebda 468
a.
frühnhd. bedeutungsgleich neben älterem widerspän(n)ig,
das es in neuerer sprache völlig verdrängt hat (
näheres s. dort).
die schreibung -spänstig
zeigt sich noch im 19.
jh. gelegentlich; vgl. Nietzsche
w. I 2, 9; A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 3, 11
und jahrb. d. Grillparzerges. unter 1 c. —
dialektisch: widerspänstig,
verbreitet, doch kaum echt volkstüml., schweiz. id. 10, 380; Fischer
schwäb. 6, 794; Hertel
Thür. 258; wederspänstig
Elberf. ma. 173; weerspenstig Frederking
Hahlen b. Minden 171
b; wedderspenstig,
vereinzelt -spönstig Mensing
schlesw.-holst. 5, 563. 11) '
widersetzlich, unwillfährig, störrisch oder rebellisch widerstrebend' (
vgl. widerspän[n]ig 1). 1@aa)
überwiegend von personen; gegenüber dem göttlichen: (
der wille des menschen) leidet nur und ist die materia, in welcher der heilige geist wirkt ...
auch in denen, die da widerstreben und widerspenstig sind, wie in Paulo (1540) Luther
tischr. 5, 2
W.; wer mit artzney dieselb (
die krankheit) vnterstünd zu wenden, der were gottes willen vnd züchtigung widerspänstig Lehmann
floril. polit. (1662) 1, 466; dich, den wiederspenstigen, sucht der geist gottes mit ketten der gnade zu lenken (1768) Herder 31, 69
S.; wenn das so wär, dasz gott wolle, wo er gar nicht zu wollen hat, ich würde ihm widerspenstig sein Bettine
Brentanos frühlingskranz (1844) 225.
gegenüber obrigkeit und machthabern: das die unterthanen von yhren eygen konigen unnd herrn sind abgefallen unnd widerspenstig wurden (1521) Luther 8, 548
W.; man sol die fürsten durch kein widerspenstiges beginnen zur ungnade reitzen Ch. Weise
polit. redner (1677) 5; die soldaten (
waren) gegen ihren major widerspenstig Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 6, 47; (
Hitler) bedroht widerspenstige beamte mit gemeiner kassation Klemperer
l. t. i. (1949) 251.
von bediensteten gegenüber der herrschaft: (
herr zum knecht:) du ungehorsamer, widerspenstiger schalck (1563) Kirchhof
wendunmuth 1, 67
lit. ver.; wer seine knechte und mägde zärtlich hält, der machet sie wiederspenstig und ungehorsamb Schupp
schr. (1663) 350; dasz fast alles gesinde widerspenstig würde Möser
s. w. 1, 184
Abeken; er (
der erbförster bei Otto Ludwig) wird als ein widerspenstiger diener von seinem herren entlassen Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 443.
von kindern den eltern gegenüber: welcher seynen eldern ungehorszam und widderspenstig ist (1521) Luther 8, 548
W.; sollen ... die kinder ... sich gegen jhren eltern unnd freunden nicht widerspenstig und muthwillig erzeigen (1618) Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 13
ndr.; mache nur, dasz mir meine tochter nicht länger widerspenstig ist Lessing 2, 47
L.-M.; wie in meiner kinderstube sich die liebe mutter plagt, und der widerspenst'ge bube den gehorsam oft versagt Rückert
ges. poet. w. (1867) 2, 56.
vom zögling dem erziehenden gegenüber: hoffart und zorn seind ihme unserem sohn nach allen kräfften abzugewehnen, auch mit schärffe, so er widerspänstig sein wolte (1671)
mon. Germ. paed. 19, 179; (
ein zögling) war mir (
der frau d. rektors) zum erstenmal widerspenstig A. v. Arnim
s. w. 10 (1841) 201; was gedenken sie gegen den widerspenstigen schüler Oppermann zu unternehmen? Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 88.
von der geliebten person dem werbenden teil gegenüber: klagelied, dasz der betrübte Kloriman von seiner widerspenstigen Amarillen keine gegenliebe erlangen kan Neumark
fortgepfl. lustwald (1657) 1, 333; ... will ich (
Julia) finster blicken, will widerspänstig seyn, und nein dir (
Romeo) sagen, so du dann werben willst ...
Shakespeare 1 (1797) 53.
als weibliche eigenschaft: die bösen vnnd wiederspenstigen weiber Barth
weiberspiegel (1565) D 1
a; von einem bösen wiederspänstigen weib Voigtländer
oden u. lieder (1642) 87; (
Zeus) erinnert im zorn sein widerspenstiges weib an die altpelasgische züchtigung J. H. Voss
antisymb. (1824) 194; der widerspenstigen zähmung
Shakespeare 6 (1831) 197.
ferner vgl. noch: ich (
das podagra) bitt, die richter wollen sie, meine widerspänstige (
die sich mir gerichtlich widersetzen), selber anschawen (1577) Fischart
w. 3, 73
Hauffen; (
der arzt) sich sehr bitter über das widerspenstige betragen seines patienten beklagte, welcher nicht ader lassen wolle, ob er gleich im fieber läge Bode
Thomas Jones (1786) 3, 266; ich weisz nicht, was ich in dir (
dem freunde) finde, denn im grunde bist du ein trockner bursch, und widerspenstiger, als mir manchmal recht ist G. Freytag
ges. w. (1886) 5, 154.
allgemein menschliches wesen kennzeichnend: den menschen lass ihr widerspenstig wesen, ein jeder muss sich wehren wie er kann, vom knaben auf, so wird's zuletzt ein mann Göthe I 15, 107
W. '
unverschämt, frech'
: proteruus widerspenstig (
ende 15.
jh.) Diefenbach
gl. 468
a; widerspänstig
protervo Kramer
t.-ital. 2 (1702) 848
c; (
ein böser, lasterhafter mensch) wird sich allen widerspenstig erzeigen und dir darfür, was du ihm gutes thust, mit undanck und allen bösen tücken belohnen Olearius
Lokmans fab. (1696) 115
a; wenn man eine neigung nicht auf der stelle erfüllt, so seyd ihr auffahrend, widerspänstig und hitzig Löwen
schr. (1765) 4, 119. 1@bb)
von tieren, namentlich von pferden: wann die rosz nicht wollen ziehen oder sonst widerspenstig seyn Abr. a
s. Clara
etw. f. alle 1 (1699) 151; weil er (
ein rappe) sich aber gegen jedermänniglich widerspenstig benahm und nur ihr gehorchen wollte Holtei
erz. schr. (1861) 17, 61; wenn er auf einem widerspenstigen pferde dennoch fest durch die straszen sprengte Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 357.
von anderen tieren: sie (
bestimmte falken) sind von wiederspenstiger tückischer art, mit deren abrichtung man grosse gedult haben musz Fleming
vollk. jäger (1719) 319; führete man einen ... ochs daher, welcher sich entsezlich wiederspenstig bezeigete Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 442; einige ... waren bemüht, von hinten einen widerspenstigen esel vorzuschieben Eichendorff
s. w. (1864) 2, 430; (
ein) mädchen, das seine widerspenstigen gänse zu felde trieb (1859) Hebbel
br. 6, 280
Werner. 1@cc)
im übertragenen sinne. in religiöser sicht vom fleisch, das dem geiste widerstrebt: das der teuffel jnn jrem (
der christen) hertzen ... dawider (
gegen d. evangelium) fichtet, dazu jr eigen fleisch dem geist dieser freuden widerspenstig ist (1539) Luther 46, 91
W. gern vom menschlichen herzen: das nun nach dem fall ausz Eue vnd Adams verblenten vnd widerspenstigen hertzen eytel zweyffel vnd feindschafft wider gott vnnd seine gerechtigkeyt ... quillet Mathesius
ausgew. w. 1, 129
L.; erfahren in der kunst, ein wiederspenstiges hertz zu überwinden Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 393; gott lenkt den trieb des thieres, wie er will, doch nicht des menschen widerspenstig herz (1841) Hebbel
w. I 1, 260
Werner. wiederholt vom haupthaar: auch über seiner stirn erhebt sich jener widerspenstige haarwirbel Storm
s. w. (1899) 1, 224; er fuhr mit der einen hand in sein feuchtgewordenes, graues, widerspenstiges haar O.
M. Graf
unruhe (1948) 164.
von verschiedenen gegenständen: der acker wird, befreyt von sand und stein, dem scharfen pflugschar nun nicht widerspenstig seyn König
ged. (1745) 70; (
ein vogel) der sich ein nest machen will, und es will nicht gehen: stroh und reisig waren widerspenstig (1846) W. Grimm in:
briefw. (1885) 1, 512
Ippel; (
ein mädchen) mühte sich mit steigendem verdrusz an dem widerspenstigen schlosz (
eines kastens) (1864) W. Raabe
s. w. I 6, 283; als sie (
eine arbeiterin) einen anlauf nimmt, um die besonders widerspenstige wurzel einer alten tanne zu zerschmettern (
mit d. axt) W. Basan
in: offen steht d. tor d. lebens (1951) 27
Korn; vgl.: '
schwer zu bearbeiten',
z. b. von sprödem holz Mensing
schlesw.-holst. 5, 563.
gern vom gegenstande geistig-künstlerischen bemühens: (
Dryden) opferte ... den widerspänstigen reim reellen vortheilen auf (1758) Lessing 6, 294
L.-M.; dasz der Wallenstein mir den ganzen winter und wohl fast den ganzen sommer kosten kann, weil ich den widerspenstigsten stoff zu behandeln habe (1796) Schiller
br. 5, 113
Jonas; es war eben die beschäftigung mit einem widerspänstigen dramatischen stoff
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 2, 303; den mühseligen kampf eines menschen mit dem widerspenstigen marmor (1844) Hebbel
tageb. (1903) 2, 368; als ob die gotik im kopfe eines am triumph des rechnenden verstandes über die widerspenstige materie sich berauschenden ingenieurs entsprungen wäre Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 13.
vom personifizierten glück und ähnlichen mächten, die dem menschen entgegentreten: der seiner lieb wiederspänstig himmel jhme miszgonte wiederumb zu beschauwen die schönheit
theatrum amoris (1626) 384; (
dame, deren geliebter fortreist:) o du widerspänstiges glück! du ungetreuester himmel! Schoch
comödie v. studentenleben (1668) 38; was mir das wiederspenstige schicksal ... nicht gönnen wollen Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 57
a; verhaszter finstrer tag! was hat dich aufgebracht? was ist, das dich mir feind und widerspänstig macht? J. E. Schlegel
w. (1761) 1, 132. 22)
vom voraufgehenden kaum zu trennen, doch wegen der engen berührung mit unbändig, wild
gesondert zu betrachten (
vgl. widerspän[n]ig 2):
effrenatus, furiosus widerspenstig, wilde Faber
thes. (1587) 336
a; (
fohlen) anfänglich so widerspenstig und wild sind Hohberg
georg. cur. (1682) 2, 117; das ältere mädchen hatte ... sehr starkes fieber, und da sie unbändig und widerspenstig ist, auch mehr blattern, als sie sonst bekommen hätte J. G. Forster
s. schr. (1843) 8, 162; ein blitzender ring, ein shawl, ein Florentiner hut, dämpfen oftmahls die widerspenstigste wuth (1816) Meisl
theatr. quodlibet (1820) 1, 22. 33) '
in feindl. gegensatz begriffen, widerstreitend, der vereinigung widerstrebend',
von einem gegenseitigen spannungsverhältnis: das römische reich (
ist) in zwey gar widerspenstige regenten, als dem römischen keyser vnd Türcken verfasset D. Schaller
theol. heroldt (1604) 60; es war ein seltsamer kampf in meiner seele, wie ein streiten von zwei widerspenstigen geistern in mir (1796) Tieck
schr. (1828) 4, 158; ich mag's wohl, wenn's an landschaftstagen regnet. die widerspenstigen köpfe vereinigen sich schneller, wenn die haut nasz wird (1840) Hebbel
w. I 5, 73
Werner; es kam die zeit, wo ihm das werk gelang, wo kraft und milde, süszigkeit und feuer, zusammenflosz in holder einigkeit, und im verein der widerspenst'gen kräfte geboren ward der wunderbare trank (1877/78) H. Seidel
vorstadtgesch. (1909) 1, 64. 44) '(
sachl.)
gegensätzlich, widersprechend'.
wiederholt beim jüngeren Luther: du wirst eynem gott nit mit tzweyen widderspenstigen diensten dienen (1519) 6, 8
W.; das heyst nicht widderspenstig geleret, wenn yemand etwas anders hernach hellt, denn er tzuovor gehallten hatt, und selbist das bekennet (1522)
ebda 10, 2, 234;
s. auch ebda 19, 459.
ferner: die natur ... würckt vnd thut nicht zu einer zeit zwej widerspänstige ding
M. Herr
d. feldbau (1551) 119
b; der feuchtenbaum hat eyne sondere widerspänstige natur mit dem nuszbaum: dann es geraht alles wol, was inn seinem schatten gesäyet oder gepflantzet wird (
während es beim nuszbaum verdirbt) Sebiz
feldbau (1580) 364; jene widerspännstige verschiedenheit von umständen (
die verschiedene historiker von ein und demselben ereignis berichten) (1778) Lessing 13, 25
L.-M.; college Lutz liebt es, widerspenstige sprüchwörter zusammen zu jochen (1858) B. Auerbach
ges. schr. (1857) 14, 90; es waren da dinge aus den verschiedensten zeiten beisammen und stachen von den auf die wände gemalten schäfern widerspenstig ab Stifter
s. w. 4, 1 (1911) 193. 55) '
dem empfinden widerstrebend, unangenehm': in derselbigen (
kammer) wahren sehr vül fledermeüs und so ein wüderspönstüger geschmack, das ich nicht dorinnen kondte Samuel Kiechel
reisen 377
lit. ver.; gestirnte blümlein (
der weinraute), die seynd auch wie das kraut eines starcken widerspenstigen geruchs Tabernämontanus
kräuterb. (1664) 387;
vgl. widerspän(n)ig 6. 66)
vereinzelt '
ungünstig, schädlich': dieses stichpflaster (
für wunden aus stichen) ist fürtrefflich vnd gut, wo man vermeint, das etwas gifftiges oder widerspenstiges in einer wunden sey Würtz
wundartzney (1624) 676;
vgl. widerspännisch
und widerspän(n)ig 7.