[]riechen,
verb. II.
Verbreitung und formen. das starke verbum riechen
ist gemeingut der germanischen sprachen, im goth. indessen nicht belegt. ahd. riohhan, rouh, ruhhum, girohhan,
mhd. riechen, rouch, ruchen, gerochen,
altniederfränkisch riecan (
gloss. Lips. 767),
altfries. riaka, reka, rukia,
ags. reócan,
prät. reák,
engl. to reek,
altn. rjúka,
prät. rauk,
schwed. ruka,
dän. ryge,
nld. riecken ruycken Kilian.
dem hochd. riechen
entspricht nd. ruken Dief. 245
c. ruken rüken rok ik hebbe raken
brem. wb. 3, 545. ten Doornkaat-Koolman 3, 65
b. rûke rôk erôken Schambach 175
b. Woeste 220
b.
in den mundarten Oberdeutschlands ist das wort im ganzen nicht sehr gebräuchlich und für den gewöhnlichen schriftdeutschen gebrauch von riechen
olere odorari verwendet die süddeutsche volkssprache lieber schmecken (
s. d.).
dagegen hat riechen
in Oberdeutschland, soweit es in der volkssprache lebt, seine ursprüngliche bedeutung bewahrt, welche in der nhd. schriftsprache verloren gegangen ist (
vgl. unten unter II, 1).
auszerhalb der germanischen sprachen mangelt sicher vergleichbares, vgl. in dieser beziehung das zu rauch
bemerkte sp. 235.
das verbum hat überall seine starke flexion bewahrt. die entwickelung der nhd. formen ich rieche, du riechst, er riecht, ich roch, wir rochen, gerochen,
imper. riech
und rieche
erfolgt in bekanntem verlaufe. die formen du reuchst, er reucht,
imperat. reuch
sind die gewöhnlichen im älteren nhd. und halten sich sehr lange im gebrauch: wann einer ein bisambüchslein bey sich trägt, so räucht mans allenthalben im ganzen haus. Creidius 4, 372; so reucht dem unerfahrnen mann der krieg so süsz als honig
an. Rollenhagen
froschm. (1595) Cc 8
b; die küche raucht und reucht. Günther 1022; ein übertünchtes grab, das nach der fäulnisz reucht (
im reim auf zeugt). Menantes
allerneuste art z. poesie 92. Stieler
flectiert ich rieche, du reuchst, er reucht,
im imper. riech
und reuch 1592 (
vgl. Schottel 592),
ebenso bei Steinbach 2, 290. Frisch 2, 118
c bringt die uns gebräuchlichen formen ich rieche, du riechest, er riechet,
daneben: vulgo du reuchst, er reucht.
letztere stehen noch bei Gottsched
als die regelmäszigen: ich rieche, du reuchst, er reucht, ..
imper. reuch! man merke, dasz einige auch du riechest, er riechet, sagen.
sprachkunst5 345.
besonders das oberdeutsche bewahrt die alten formen: sie konnte ohne bedenken sagen: fleuch, reuch, kreuch, anstatt fliehe, rieche, krieche. J. Paul
Siebenk. 1, 83.
auch ich reuche
begegnet in älterer sprache: ich kratz jn auff die drüsz und beulen, ich reuch und spür die laster feulen. H. Sachs
fastn. sp. 4, 80, 55
neudruck. die monophthongierung des alten ou
im präterit. rouch
erfolgt schon früh im mitteld. Lexer
mhd. wb. 2, 423.
im 17.
jahrh. begegnet ich roche: der ubele gestanck roche meiner nasen nicht. Philander 1, 415. IIII.
Gebrauch. II@11)
die älteste und allen germanischen sprachen gemeinsame bedeutung von riechen
ist '
rauchen, dampfen, dunsten, rauch, dampf, dunst von sich ausgehen lassen'.
so im ahd. ruore die berga so riechent sie,
tange montes et fumigabunt. Notker
ps. 143, 5; rôra giknusita ni bibrihhit inti lîn riohhenti ni leskit,
harundinem quassatam non confringet et linum fumigans non extinguet. Tatian 69, 9;
fries. mit bernande bronde and mith riakande fiure. bi beslettana doren ende ritsena fiore.
bei Richthofen
wb. 993
a,
vgl. die ags. formel æt reócendum heorðe Wulfstan 170, 21
Napier; mhd. (
im himmelreiche) dâ ist rehtiu vröude und volleʒ gemach, dâ enirrent riechendiu hûs noch triefendiu dach.
minnes. frühl. 120, 17; mîn küche riuchet selten.
Parz. 485, 7; dô sâchens in dem schifferiechen daʒ bluot von einer starken wundendie er dem vergen sluoc.
Nib. 1506, 2.
vom dampfend entströmenden blute: swarzeʒ blût envollen ûʒ des wurmes mûle rouch. Albr. v. Halberstadt 9, 18.
fumescere anfahen zu riechen. Dief. 251
c; do man den rauch (
vom brand zu Pasing) sach riechen hie zu München.
hdschr. bei Schmeller 2, 20;
ebenda: das füwr hat gerochen und nit brünnen wellen; welcher wein allermeiste einem in den kopf riecht. Keisersberg
narrensch. 72
a; etliche nemen brantenwein, siedend ein wenig quecksilber darin, lassend den dampf an die rauden rüchen. Wirsung
arzneib. 490; als sie nun eines tags wol gelebt hatten, unnd vielleicht der wein in das haupt ward riechen.
buch der liebe 311, 2; da's den letzten schaur am 19. augusti thet, da ruchen dy stain.
[] d. städtechron. 15, 140, 9.
in dem sinne von fumare rauchen ist riechen
in oberdeutschen mundarten noch lebendig, während diese anwendung dem schriftdeutschen fremd ist. so spricht man in Süddeutschland der ofen riecht. Schm. 2, 20. Hunziker 211. Schöpf 553. II@22)
olere, einen geruch von sich geben. ahd. riuhhit
olet Graff 2, 436. II@2@aa)
mit näheren bestimmungen: gut, wohl, übel, schlecht riechen; stark, schwach riechen; wie veilchen riechen, nach schnaps, nach knoblauch riechen; hier riecht es nach pulver, es riecht angebrannt; daraus ward ein tranck, er roch nicht wie wein, er sahe nicht wie wein, er schmackte nicht wie wein, er wärmte nicht wie wein, und war doch wein. Chr. Weise
erzn. 63
neudruck; waʒ menschen wolde nu enbern, des herze sulde nit begern deme corper wonen bi, des geruch als edel si, alse alles krude ruche da balsamen unde aromata?
Elisabeth 9423; wie die schonen blümlein zart wie so gar lieblich riechen. Ringwald
sp. mundi (1590) O
b; ach dasz ich jetzund hett der bletter art und tugent, damit Cupido selbst in seiner mutter jugent den polster hat gefüllt, darauff die erste nacht an jhre seiten zart Adonis ward gebracht: wie solt ich mich in eil so lieblich riechend machen. Hamilton
bei Opitz (1624) 177; nach balsam süsz und bisem riecht ihm der athem sein. Spee
trutzn. 36, 67
Balke; schwarzbraune negelein die riechen herrlich wol. R. v. Freientahl (1700) 45; das riecht noch immer fort nach blut! Schiller
Macbeth 5, 1.
in bildlicher und übertragener anwendung: nach der lampe riechen (
nach mühsamer arbeit),
z. b. von dichterischen producten. er riecht nach der schippe (
des totengräbers),
sein ende steht nahe bevor. Wander 3, 1861; dat rüket na geld. Woeste 220
b; dat rukt fief faem in der wind.
brem. wb. 3, 545 (söfen milen in den wind ten Doornkaat-Koolman 3, 65
b),
das kann man schon aus weiter ferne merken. sehr frei: aber so rochs mir dann wieder auf (
aber so kam mir dann wieder in den sinn).
der arme mann im Tockenburg 65; die katz sprach (
zum fuchse): domine doctor, du gest mir weit mit künsten vor, mir einfelting, kunstlosen armen, die ich musz sterben on erbarmen; dir aber gebürt langes leben, weil du mit vil kunst bist umbgeben und wirst überal wol gehalten, erlich bei jungen und bei alten, ich aber wert veracht aldo. der fuchs der sprach: es reucht also (
so scheint es in der that). H. Sachs
spruchged. 170
Tittmann; gebt süszen geruch von euch, wie weyrauch, blühet wie die lilien, und riechet wol.
Sir. 39, 18; es roch jm saur in die nasen die evangelische ler.
ein lustig gesprech der teuffel (1542) B 3
b. II@2@bb)
selten wird riechen
ohne nähere bestimmung im sinne von duften, wohlriechen gebraucht: soll ich die blume nicht brechen, weil sie morgen nicht mehr riechen wird. Schiller 2, 353.
häufig dagegen, einem bekannten zuge der sprache folgend, in üblem sinne '
stinken': er riecht aus dem halse, aus dem munde; sein atem riecht; riecht der abtritt. Hebel 3, 343.
besonders von dem geruch der zersetzung, der beginnenden fäulnisz: riechend fleisch Stieler 1529; das fleisch riecht schon; die butter, der käse riecht. II@33)
odorari, durch geruch empfinden, spüren, merken, im eigentlichen sinne, dann übertragen: wittern, spürend merken. ohne näheren zusatz: da selbs wirstu dienen den göttern, die menschen hende werck sind, holtz und stein, die weder sehen noch hören, noch essen noch riechen.
5 Mos. 4, 28; sie haben ohren und hören nicht, sie haben nasen und riechen nicht.
ps. 115, 5; der mensch reucht scharf,
er hat einen scharfen geruch Stieler 1529; die hunde riechen fein; ein geier im riechen. Egenolff
sprichw. 254
a.
mit dem acc. etwas riechen,
den duft von etwas empfinden: ich rieche gern rosen, ich kann moschus nicht riechen (
sein geruch widersteht mir); das man deine gute salbe rieche.
hohel. 1, 3.
so auch übertragen, in derber sprache: ich kann diesen menschen nicht riechen (
er ist mir zuwider).
formelhaft pulver riechen: hast du schon pulver gerochen (
hast du schon ein gefecht mitgemacht)? pulver riechen können
im sinne von mut haben: [] er kann kein pulver riechen,
er ist ein feigling, vgl. unter pulver 7, 2219.
bildlich: es were schade, das solch tolle vieh und unfletige sewe, diese muskaten solten riechen (
diese dinge sind zu gut für sie). Luther 5, 298
a; aber weil die bösewichter nicht wöllen büszen, sondern dazu das evangelium verdammen, gottes wort lestern und schenden, und sich putzen, so sollen sie auch jren dreck widerumb riechen. 283
a. etwas riechen
besonders in der bedeutung '
durch den geruchssinn etwas spüren, etwas wittern',
auch in übertragener anwendung: da roch er (
der blinde Isaak) den geruch seiner kleider und segnet jn. 1
Mos. 27, 27; wenn die dromete fast klingt, spricht es (
das ross), hui, und reucht den streit von ferne.
Hiob 39, 25; der hund riecht den hasen; ik hebbe nix raken un nix seen (
ich weisz von nichts) Schütze 3, 312; Genoveva will nichts riechen nach so mancherlei versuchen.
maler Müller
Golo u. Gennoveva 2, 6.
sprichwörtlich: ein fuchs riecht den andern. Schiller
Fiesko 2, 4; ein jesuit wollte gerochen haben, dasz ein fuchs im schlafroke steke.
ebenda. sprichwörtlich: wer das nicht riecht, der hat den schnupfen (
wer das nicht merkt, der merkt überhaupt nichts),
oder anders gewendet: rükstu dat, so hestu'n snuppen nig (
dann bist du klüger als andere leute) Dähnert 338
b; wer es noch nicht riecht, wohin alle die einschränkungen und bedingungen abzielen, mit und unter welchen es vergönnt bleiben könne, einwürfe gegen die religion zu machen: der hat den schnupfen ein wenig zu stark. Lessing 10, 189. den braten riechen (
die absicht merken u. ä.): ei lieber, reuchstu den braten? Luther 4, 405
a,
vgl. oben 2, 309
unter braten.
ebenso lunte riechen,
und mehr in älterer sprache mäuse riechen,
gefahrdrohendes oder einen verborgenen sachverhalt wittern (
vgl. die belege unter lunte
theil 6, 1308): er reucht meuse,
subolet ei periculum Stieler 1529; hä rüket müse Woeste 220
b (
vgl. unter maus
th. 6, 1818); es ist kein pfennich so versteckt, den er nicht reucht. er reucht deinen beutel. Steinbach 2, 290.
nd. von superklugen leuten: he rükt den drek im düstern. Schütze 3, 312; he rükt den drek ehr dat he schêten is. Wander 3, 1681; das kann ich nicht riechen,
das kann ich nicht vorherwissen. Mit präpositionen. mit an: an einer blume riechen; doch dessen allen ungeacht, blieb Florindo bey seinem sauerkraute, und bat seinen hoffmeister himmelhoch, wenn er ja nichts davon essen solte, er möchte ihm doch etwas bringen lassen, daran er nur riechen könte. Chr. Weise
erzn. 178
neudruck; doch werd ich noch je und je am verwelkten strausz der vergangenheit riechen. Schiller 3, 437;
nd. da rük an,
da hast du deinen bescheid, z. b. an jemanden gerichtet, der eine derbe antwort empfangen hat. brem. wb. 3, 545; da rük an! sä' Hans, da slaug hei Jürgen up de näse. Höfer
8 771.
mit up: dâ rûk op!
das fühle! Woeste 220
b. Schambach 176
a. riechan
ähnlich wie rühran: hä het nitt rûkân kriegen,
nicht das geringste davon, gar nichts. in etwas, in etwas hinein riechen: ich bin ewrn feiertagen gram, und verachte sie, und mag nicht riechen, in ewr versamlung.
Amos 5, 21;
sprichwörtlich: jeder rieche in seinen eignen busen. Wander 3, 1682; kaum hat er in eine sache hinein gerochen, so erlaubt er sich schon ein urtheil darüber; das ist just so ein musje, wie sie in der leute häusern herum riechen (
wie schnüffeln). Schiller 3, 366. zu etwas riechen: drumb mus man eins christen sterben ansehen mit andern augen, denn wie ein kue ein new thor ansihet, und mit einer andern nasen dazu riechen, nicht wie ein kue zum gras reucht. Luther 5, 500
b; ein ruoch gar edel unde hêr von deme ûʒfluʒʒe leckete, daʒ in der wîse ersmeckete, wâ man ein edel salbenfaʒ ûf brichet unde rûchet daʒ.
Elisabeth 10356; doe saghen si comen, al dat hi mochte, enen hont ghelopen uter koken, daer hi vleisch in had gheroken.
Reinaert II, 7462
Martin; (
die maus spricht:) ich must bey tag und nacht umb kriechen, bey allen menschen hören, riechen, was sie für rahtschleg vorgenommen, uns zu schaden jhnen zu frommen. Rollenhagen
froschm. C 2
c (1595); der stock soll sein bestrichen mit edlem thimian; wanns nur das kräutlein riechen, sie gern sich halten lan. Spee
trutzn. 100
Balke; die ohren stehn geöffnet angelweit, und hören nichts, wie sehr man rufft und schreyt, die nase hat kein riechen. Opitz
ps. 114, 3 (219);
[] ein mensche kann wol leben, und hätt' ihm nimmermehr das riechen lust gegeben. Schwieger
geharnschte Venus 124
neudr.; ein soldat, der lärmen fleucht, nie kein körnlein pulver reucht. Homburg
Clio (1642) F 4
b; man schreibet, dasz ein geir oft über eine meile die äser riechen kann. J. Grob
versuchgabe (1678) 52; ich rieche feur und rauch. 21; ich bin ein mann, das könt ihr schon an meiner leier riechen, sie donnert wie ein sturm davon, sonst würde sie ja kriechen. Schiller 1, 268; winselnd roch er das bleiche gesicht, die schneeige hand ihm. Pyrker
Tunisias 7, 737.