zunge,
f. ,
goth. tuggô,
ahd. zunga Graff 5, 681,
mhd. zunge
mhd. wb. 3, 450; Lexer 3, 1178,
as. tunga,
afries. tunge, tonge,
mnd. tunge,
ags., mengl. tunge,
nengl. tongue,
anord. schwed. tunga,
dän. tunge.
mit dem germ. grundwort *tungōn
läszt sich nur alat. dingua
vergleichen. die wörter der andern idg. sprachen ergeben keine form, aus der sich alle ungezwungen ableiten lassen Fick 1
4, 239; 3
4, 168; Schrader
reallex. 465; Uhlenbeck
2 147; Bartholomä
Kuhns zeitschr. 27, 208.
das wort steht für sich allein, was die verschiedenen angleichungen (lingua
zu lingo,
ähnl. in den slav. spr.)
zur folge gehabt hat. so ist es auch im germ. ein wort für sich. das scheinbar ablautende, im neuengl. gleichlautend gewordene zange
wird durch die bedeutung fern gehalten. eher ist eine beziehung möglich bei altnord. dän. tange '
landzunge, schmale spitze'
und mnd. tange
in ortsnamen '
stück landes, das in höheres gelände einschneidet' Schiller-Lübben 4, 510
a,
vgl. u. III B 3.
schon im mhd. bahnt sich die ausgleichung der flexion im sing. an, und zwar in mitteld. denkmälern wie dem Passional. doch hält sich zungen
in obl. cas. bis ins 18.
jh., bes. als dat. bei präp. und als reimwort. als solches verschmäht es auch Gottsched
nicht, z. b. ged. (1751) 191; 198,
trotz seiner vorschrift dtsche sprachk.5 (1762) 235.
der nom. s. ist in der älteren südd. literatur zung,
auch gelegentlich bei Luther,
s. Franke grundz. der schriftsprache L.s 2
2, 247.
seltener ist das heute in bair. maa. herschende zungen Schmeller 2
2, 1135.
auch dies vereinzelt bei Luther,
s. Franke 2
2, 261.
bedeutungen. II.
die zunge
als glied im munde, maul oder schnabel. die waidmannsspr. braucht z.
nur vom federwild, dafür beim '
hohen haarwild' lecker,
bei den hirschen graser Dombrowski 131.
plattd. licker
allg. vom menschen, besonders in der kindersprache. I@AA. zunge
als körpertheil, unthätig. I@A@11)
die z.
wird beschrieben, ihre theile unterschieden: die zung ist ein fleischig stuck und weych, von vielen nervis, ligamenten, venis und arteris zuosamengelegt Joh. v. Gersdorf
feldb. der wundarznei (1517) v 2
a; anders nehmlich betrachtet man die äuszerste enden der nerven im auge, anders im ohr, anders auf der z. Schiller 1, 81
G.; wir sehen da (
am kopf der heuschrecke) ... eine unterlippe mit der darauf liegenden .. z. Roszmäszler
d. mensch im spiegel d. natur 5
2, 127.
dem anatom folgt der phonetiker: die articulationen des hintern und mittleren theiles der z. sind ... sämmtlich dorsal, was die gestalt der zungenoberfläche anlangt Sievers
phon.4 58. I@A@22)
die z.
in der volksthümlichen und wissenschaftlichen medizin. I@A@2@aa)
die kranke z.: die z. erschwirt Wirsung (1597) 183, schwiert Frommann
dtsche maa. 5, 36 (
Siebenbürg.); so man die zungen emporhebt, so sieht man es (
d. fröschlein,
eine geschwulst) rotfarb, wirdt grosz, bleibt auch etwan klein, als ein kleine zunge Wirsung 182
b;
lytta ein wurm, so den hunden auf der zungen wachset, davon sie wutig werden Golius 379;
batrachus, ranula der frosch unter der zung J. Orsäus
nomencl. (1623) 231.
sprichwörtl.: lügnern wächst nicht allezeit ein blattern auff der zungen Lehmann
floril. (1662) 3, 214. I@A@2@bb)
das aussehen der kranken z.
man findet eine abgeschilferte, belegte, dürre, geblainte (
mit blasen bedeckte), haarige, masechte (
fleckige), offene, pelzige, rauhe, scharfe, schwarze z. Höfler 862
f. man spricht von einer haarzunge Eulenberg
realencycl. 6
4, 42, landkartenz. Höfler,
bei scharlachkranken erdbeer-, himbeer-, katzenz.,
bei pestkranken kalkz. Höfler,
kranke kinder haben eine holzz. Höfler: die z. wird ihnen (
d. pferden bei einer gewissen krankheit) gar dürre, haben einen schwehren oden
M. Böhme
roszartzney (1618) 4. I@A@2@cc)
alte ärzte- u. hebammenweisheit: mehr sprechen sie (
die ärzte), dasz nach dem und desz kindts nabel an einem knaben lang oder kurtz abgeschnitten wirdt, darnach werd ihm sein zung lang oder kurtz J. Ruoff
hebammenb. (1580) 214; sobald das kind geboren würdt, und man es mit dem nabelgertlin löset, soll ihm die hebamme 3 tropfen bluts ausz dem nabelgertlin auff die zungen fallen lassen Osw. Gäbelkower
artzneyb. (1595) 2, 118.
besonders glaubte man die z. lösen
zu müssen, weil die z. angewachsen
sei; die hebamme kneift das zungenbändchen
durch, oder bittet, auch in neuerer zeit, den arzt darum E. Kück
d. alte bauernleben in d. Lüneburger heide 8. zungen lösen: dieses ist bey der kinderwartung eine nöthige sache, wenn ihnen das zungenband so sehr kurtz ist, dasz sie weder recht saugen, noch auch hernach recht deutlich reden können
allg. haushaltungslex. (1751) 3, 809
a.
anders: daher die teutschen hebammen noch recht thun, dasz sie den kindern die zung mit wein lösen Fischart
geschichtklitt. 65
ndr. übertragen s. u. II B 8. I@A@2@dd)
so löst
man auch vögeln wie staaren, elstern, papageien die z.,
damit sie sprechen können. I@A@2@ee)
schweinen soll man unter der zungen (
zur ader) lassen
viehbüchl. (1667) 76. I@A@33)
sonstiger aberglaube. hexen und bösen traumgeistern wurde eine dürre
oder rauhe z.
nachgesagt Nigrinus
v. zäuberern (1593) 186; Höfler.
daher müssen sie die z. schaben,
s. u. 5,
und den beleg aus Prätorius.
beim wespenbannen legt man zwei schmelchen (
halme) ..
kreuzweis unter die z. Schöpf 30. I@A@44) haare auf der z. haben,
wie auf den zähnen
th. 15, 140;
th. 4, 2, 17: der beste schäfer hat haare auf der zungen
schles. wirtschaftsb. (1752) 7; ich kenne dich, du bist ein entschloszner kerl — soldatenherz — haar auf der zunge! Schiller 2, 60
G. die übertreibung geht von dem unmöglichen aus: der sey ein redlicher und frommer müller, der eine haarige zungen habe, und dem soll er (
der betrogene herr) kecklich seine mühlen vertrauen. der herr aber hat leicht schlieszen können, dasz er ehe ein haar in einem ey als auf einer menschenzungen finden werde Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 3, 68
b (
ähnl. Eisenhart
grunds. d. dtschen rechte in sprichw. (1752) 91
u. d. beleg aus Döpler
th. 4, 2, 17).
dieselbe anschauung bei Wolfram
Parz. 1, 25
f. I@A@55) die z. schaben,
zunächst in eigentlichem sinne, die belegte z.
säubern. so von der nachtmahr, s. d. bel. aus Prätorius
anthropodemus 1, 33
bei II B 2 b
γ.
dann musz man einem die z. schaben,
der beim essen eine allzu wählerische z.
zeigt Kramer 2, 1486
a, Wander 5, 644.
danach: man musz einem die z. schaben mit dem stuhlbein Kirchhofer
schweizer. sprüchw. 245.
weiter von der sprache: denn sol Christus allein gelten, und ich sol solchs bekennen, so mus ich die zunge rein schaben und sprechen, so es Christus thut, so mus ichs nicht thun Luther
Jenaer ausg. (1561) 6, 68
b.
so auch die z. waschen Fischart
geschichtklitt. 61
ndr. I@A@66)
jede gewaltsame verletzung der z.
erweckt eine widerwärtige vorstellung: in dem bisz und keuwet er im selb die zungen ab und spürtzets in des tyrannen angesicht S. Franck
chr. u. zeitb. 91
b (
ähnl. Steinhöwel
de clar. mulier. 8; 178
lit. ver.); sie werden für groszem schmertzen ire zungen fressen
volksb. v. dr. Faust 37
ndr. Br.; er ist auf der folter mit durchgebissener z. gestorben C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch 46 (
vgl. u. II B 6); vor unser aller augen ... legte (
er sich) eine glühende eisenstange auf die z. fürst Pückler
briefw. u. tageb. 2, 73.
ebenso bei ekelhafter berührung: (
sie) übte sich so lange, bis sie die stinkenden, eiternden wunden ohne scheu und ekel mit der z. berühren konnte Jung-Stilling 6, 16.
auf dem ekel beruht auch die wendung über die z. scheiszen
für erbrechen, oer'e tonge kakke Dijkstraa 3, 300. I@A@77)
die z.
wird abgeschnitten
oder herausgerissen
als barbarische rache für verrath und beleidigung, aber auch als gesetzlicher strafvollzug für meineidige und gotteslästerer J. Grimm
rechtsalterth. 2
4, 297; 459,
vgl. zungenlos:
elinguare die zung aushauwen Frisius 468
a; Dasypodius 467
d; entzüngen Maaler 525
a; die zung auszschneiden Hulsius 2, 228
a, ausreiszen, schlitzen Kramer 2, 1486
a; und wo ich auch nicht thet entfliehen, thet man mir zungn zum nack auszziehen (
dem pfarrer, wenn er das beichtgeheimnis verrät) H. Sachs 17, 88
K.; man sölt üch (
dem gotteslästrer) zung vom nacken zeren! H. R. Manuel
weinsp. v. 3877 (
ähnl. v. 2188)
ndr.; und wie eine bestie krallt sich der könig in seinen hals, zieht den dolch und schneidet dem ritter die zunge aus Detl. v. Liliencron 2, 240; abschneydung der zungen. offenlich in pranger oder halseysen gestellt, die zungen abgeschnitten und darzu bisz uf kundtliche erlaubung der oberhandt usz dem landt verwiesen werden soll
Carolina 102
Kohler-Scheel; einem die zung abschneiden (
unter den '
strafen befundener übelthäter') Pomey
indiculus (1698) 215.
so kann auch die z. gewettet
werden: sve bi koninges banne dinget, die den ban nicht untvangen hevet, de sal wedden sine tungen
Sachsenspiegel3 1, 214
Hohmeyer. daher die drohungen: sîn nôt iuch solt erbarmet hâ
n. daz iu der munt noch werde wan, ich meine der zungen drinne Wolfram
Parz. 316, 5; will dir die zung zum nagken rausz lassen reiszen Schmeller 2, 1135 (
voc. von 1618); ich reisz ihm die z. aus dem
mund, wenn er nicht ruhig ist A. Bäuerle
kom. theater 1, 50; wenn man ihn (
d. hypochondrist) an eine prunkvolle tafel und in eine glänzende gesellschaft bittet, so kommt ihm das eben so vor, als wenn ihm einer sehr höflich sagen liesze: erlauben sie, dasz ich morgen mittag die ehre habe, ihnen in meinem hause die kehle abzuschneiden oder ihnen .. die zunge aus dem halse zu reiszen Zimmermann
über die einsamk. 1, 69.
eine andere strafe ist das durchstechen und annageln der z.: bey der gräszlichen Prager mörderey, den 22. juni 1621, ist der rathsdiener Niclaus mit der zungen an die justiz genagelt worden und ain stund daran gestanden Schmeller 2, 1135; in rechten ist versehen, dasz den gotteslästerern die zunge aus dem halse geschnitten wird, welches an einigen orten abgeschaffet, und dafür die z. mit einem pfrieme durchstochen, oder an den pranger genagelt wird Jablonski 1485
a; prädicanten, denen die z. an den pranger genagelt wird Ranke 2, 119.
für die verstümmlung der z.
gab es im fries. recht ein besonderes wergeld: thiu tunge ofsnitten en tuede ield Richthofen
afr. rechtsqu. 91, 4. I@A@88)
die z.
der thiere im besonderen. I@A@8@aa)
auf die z.
des pferdes wird das gebisz gelegt: percer le mors die zung uberschlagen Duez
nomencl. (1652) 177; dasz die geschlossenen gebisse auf die zungen zäumen
allg. haushaltungslex. 2, 379
a. I@A@8@bb)
nach altem glauben hat der storch keine z.: der stork ist ane zungen
Traugemundslied 4, 4
bei Uhland
volksl. 4; ein vogel on zungen, der ander saugt seine jungen (
fledermaus) Heuszlin
Gesners vogelb. 53
b.
auch vom adler: diser (
d. adler) sol zän haben, sunst ist er gar stumm und on zungen Heuszlin
Gesners vogelb. 7
b. I@A@8@cc) zungen
als leckere speise: bald sucht man ... zemmer und knopf von hirzen, zungen, hirzleber, würstlin, dann will man flaisch haben, dan fisch Fischart
podagr. trostbüchl. 35
H.; was machten sie aber mit so viel zungen? (
von hechten) Chr. Reuter
ehrl. frau 37
ndr. bes. von rindern, ochsen, die immer gemeint sind ohne nähere bestimmung. im ma. waren sie ein herrenrecht Ducange 1, 711
a; Levy
lex. rom. 4, 362: da kamen die .., (
fürstlichen) amptknecht und wolten von den rindern die zungen haben Knebel
chr. v. Kaisheim 487
lit. ver. etwas anders: hat .. der profos .. von jedem ochsen .., der geschlachtet wirdt, die zungen Kirchhof
mil. disc. (1602) 134.
bes. geschätzt die geräucherte (ochsen)zunge Marperger 1427: zum frühstück aber wünschte ich wohl eine geräucherte zunge Göthe IV 33, 62
W.; die oldenburgisken zungen und butter sind eine herrliche reitzung für unsere soldaten Lichtenberg
br. 1, 46; ein butterbrod mit zunge. I@BB.
die z.
bewegt und thätig: ir zene klain ... von cristallen gemachet, da durch ir bewegbar zung löffende
N. v. Wyle
translat. 23
K.; der magische schneider trat ein ..., die z. zwischen den trockenen lippen hin und her bewegend Immermann 2, 128
H. I@B@11)
die z.
bewegt sich zum munde heraus. I@B@1@aa)
bei thieren. I@B@1@a@aα)
beim züngeln
der schlangen: (
die schlangen) pfeusten mit iren zungen an, und tröwten gifftig jederman Spreng
Äneis 27
b; indem er die glitzriche brust zur sonne sträubt und mit geschwinder z. ihre scharfen strahlen spaltet maler Müller 1, 154. I@B@1@a@bβ)
beim lecken: auch läcket er alle harte hauffen der omeyssen auf mit seiner feüchten zungen Herold-Forer
Gesners thierb. 14
a; hundes zung heilet wunden Petri 2, j i 4
a; tyger und leoparden, die mit liebkosender z. seine füsze leckten Wieland
Agathon (1766) 1, 9; Hektor ... fuhr mit seiner z. über die stirn des schlafenden Fontane I 1, 23. I@B@1@a@gγ)
hunde, bes. beim laufen und jagen, auch das gehetzte wild lassen die z. heraushängen: der hunt sitzt aufrecht vor ihm, läszt die z. heraushängen, keucht kurz und laut und sieht ihm zu Ebner-Eschenbach 2, 171; er sprenget durch den busch mit aufgesperrtem schlund und mit hervorgestreckter zungen Hagedorn
nebenstunden 83
lit. dkm.; eilt denn das scheue wild mit ausgehenkter zungen König
ged. (1748) 47; Rolf und Sven begleiteten mich mit groszen sprüngen und mit gebell; aber bald laufen sie lautlos mit hängenden zungen neben den rädern Detl. v. Liliencron 2, 207.
auf menschen übertragen: sich die z. aus dem halse rennen. I@B@1@a@dδ)
das gehört zur vorstellung des reiszenden thieres, bes. in wappen: (
der tiger) schlägt mit dem schweif einen furchtbaren reif und recket die zunge Schiller 11, 228
G.; und die löwen schliefen. mitunter aber gähnten sie im schlaf und reckten die rothen zungen aus Storm 1, 5; ein schwartzen hund oder rüden mit roter zungen (
wappen v. Neu-Toggenburg) Stumpf
Schweitzer chr. 419
b; die geflügelten, zungausreckenden dämonen auf etruskischen bildwerken W. Hertz
aus dicht. u. sage 41.
auf gierige menschen übertragen: seien wir recht gemeine genusz- und geldhunde mit ausgestreckter z. Fr. Th. Vischer
auch einer 1, 88. I@B@1@a@eε)
von sterbenden und toten thieren: aber bey allen kindern Israels sol nit ein hund sein zung entblecken
Züricher bibel (1531)
2. Mos. 11, 7 (nicht ein hund mucken Luther); de tunge henck eme uth syneme munde ghelych so eyneme doden hunde
Rein. vos 3363
Prien. verächtlich von menschen: es ist ye einmal unlaugbar, ... daz er in seinen letzten zügen die zung aus dem hals gereckt Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 1, 26
a.
ohne den nebenton: denn es sind ettliche so verseumlich, das sie nicht ehe lassen foddern oder ansagen, biss die seel auff der zungen sitzt, und sie nicht mehr reden konnen und wenig vernunfft mehr da ist Luther 23, 372
W. (
ähnl. Fleming
vollk. t. sold. 180); die seel hats (
das blümlein) auf der zungen, allweil wirds blasen aus Spee
trutznachtigall 57
Balke; kranke, denen schon der tod auf der zunge sitzt Laube
ges. schr. 1, 237.
anders: die zung nab schlucke (
sterben) Martin-Lienhart 2, 908. I@B@1@bb)
vom menschen: die z. herausrecken, herausstrecken Kramer,
jetzt meist herausstecken Kramer; Frisch 485
c,
auch ausstecken: und da sie es von ihm fodderten, reckte er die z. frei heraus 2.
Maccab. 7, 10. I@B@1@b@aα)
um dem arzt sie zu zeigen, der sie besehen
soll, vgl. I A 2: reck du mir bald dein zungen ausz! H. Sachs 6, 150
K.; der arzt ... fühlte den puls, besah die z. Arnim 7, 369; 'eure z., wenns beliebt!' Cäcilie steckt die z. hervor Schnitzler
d. grüne kakadu 8. I@B@1@b@bβ)
als zeichen der verhöhnung. ursprünglich wohl obscön Forcellini 3, 771.
auch mit der andern bekannten höhnenden wendung verbunden th. 1, 565: wenn gleich der bapst sagt, ich will dich ... yn abgrundt der hellen stecken: steck mir die zungen, waisz nit wohin! Luther 34, 1, 86
W. jetzt gehört es in die harmlose kinderwelt: da fangt er an und krümpt das maul und streckt die zungen weit heraus, es mochts nit sehen vatter Claus, dem er gar still den rücken bot Fischart
Eulenspiegel 37
Hauffen; ein weib soll schweigen still und nicht die zäne blecken, noch auch vor trutz und stutz die zung zur gosch auszstrecken Moscherosch
gesichte (1650) 2, 395; mein schneiderlein kroch behend unter den fingerhut, guckte unten hervor und streckte der frau meisterin die zunge heraus br. Grimm
kinder- u. hausm. 1, 196; da ich gerade an der neuen kastellmauer entlang schritt, ..., erblickte ich .. mit wenigen strichen nach kinderart gezeichnet ein rundes jungensgesicht mit ausgestreckter zunge R. Huch
aus d. Triumphgasse 7.
mundartliches: die zunge ausblecken Brendicke
Berliner wortsch. 196. I@B@1@b@gγ)
als wollüstige handlung: mit spielender z. küssen Kramer; stüpff mich auch mit deiner zungen ungezwungen Zinkgref
auserl. ged. 44
ndr.; sie stackte mir .. ihre z. .. in mein maul Chr. Reuter
Schelmuffsky vollst. ausg. 23
ndr.; andere geben vor, die mare stecke ihre zunge denen leuten ins maul, wenn sie sich über diejenigen auszbreite ... daher es denn auch komme, dasz die leute sprachlosz werden ..., solchem unheil zuvor zu kommen, wollen sie für rathsam halten, wenn man ... aufm bauche liegen gehe, damit die .. mahre ... die postpraedicamenta finde und allda ihre zunge hineinschiebe: so sol sie sich beschimpfet darnach nie wieder anfinden. nehmlich sie wird eine zeitlang zu thun haben, dasz sie, wie das sprichwort lautet, ihre zunge wieder schabe Prätorius
anthropod. pluton. (1686) 1, 30. I@B@22)
die zunge
beim essen und trinken: noch hatten die arretirten nichts über die z. gebracht, und doch war ihnen speise höchst nöthig G. Fr. Rebmann
das neue graue ungeheuer (1795) 2, 32; der brummelochs mit einem einzige maul voll dotterblume, die er ... mit seiner lange zung zusammenrafft Bettine
d. buch gehört dem könig 1, 7; die z. der vögel scheint .. mehr ingestionsorgan als geschmacksorgan zu seyn Naumann
naturg. d. vögel 1, 19.
die beim essenden menschen im munde arbeitende z.
kennzeichnet unmanierliche freszgier: ich kan das fladdesail (
fladen, kuchen) gar wol uff die zunge keren
Alsfelder passionssp. v. 1418
Grein; da fieng er an zu schmatzen, wühlt sich herumb in wein und kost zwischen bechern und platten, gleich wie im mur und schleim ein frosch, lehrt seine zung da watten Fischart
geschichtklitt. 9
ndr.; graf Gustav liesz auf einen augenblick gebisz und z. ohne beschäftigung Holtei
erz. schr. 5, 18; er kaute noch etwas und arbeitete mit seiner z. in seiner rechten backe. das war mir so widerlich Detl. v. Liliencron 2, 140. I@B@33)
die z.
als sitz und organ des geschmacks, demgegenüber gaumen
der gewähltere ausdruck ist, s. frz. palais, vgl. th. IV 1, 1, 1579: die den kalten siechtagen habent, dunkt alles dranck pitter sein auff der zung
proplemata Aristotilis 6
b; wanns ... auff der zungen scharpff und kalt ist, so ists salpeter L. Ercker
beschr. aller miner. erzt (1580) 126
b; der geschmack (
der säugethiere) ist weit vollkommener als der der vögel, wie schon die fleischige, nervenreiche z. schlieszen läszt Brehm 1, 6
P.-L. insbesondere ist die z.
das organ des geübten geschmacks, der den wohlgeschmack verfeinerter speisen und getränke zu unterscheiden versteht: besechts, versuchts mit nasz und zungen, ir werd ein guten bissen finden Fischart
Eulensp. 82
H.; nur zu bedauren ists, dasz wir, was gott ins essen für eine lust gesenckt, nicht achten, nicht ermessen. erstaunenswehrt ist ja des schmeckens krafft, erstaunenswehrt der zungen eigenschafft Brockes
ird. vergn. 4, 240 (
ähnl. 1, 97; 98); er fühlte nirgends als bey tische, hatte nur sinn auf der z. Klinger
w. 3, 113; hol mich der teufel, der verstehts, der schlürft meinen guten wein auf die z., wie man einen dukaten auf die goldwage legt! G. Keller 5, 17; eine köstliche speise schmilzt, zerflieszt, zergeht auf der z.; unangenehme, scharfe speisen beiszen in die z., auf die z., brennen auf der z.; ein feinschmecker hat eine feine, ekle z., eine z. für ausgewählte gerichte, eine weinzunge.
ggth. e. stumpfe, e. dumme z.: wer ein dumme z. hat, isset zu hoff nicht gern schwartzes Petri 2, f f f 1
a.
auch persönlich: er schien ganz eine dicke fette z. voll wohlgeschmack geworden zu sein Eichendorf 3, 212; die menschen hatten sich bei unserm musterreiter alle in 'zungen' verwandelt Gutzkow
ges. w. 9, 459.
selten übertragen: griechisches kostüm für antike seelen, und rittergedichte für heroische zungen Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 1, 91
Minor; man kommt ... aus solchem schweren siechthum ... neugeboren zurück, ..., mit einem feineren geschmacke für die freude, mit einer zarteren zunge für alle guten dinge Nietzsche 5, 10. I@B@44)
die z.
empfindet den durst, sie lechzt, schmachtet, wird erquickt, gekühlt,
vgl. mund 7 c,
th. 6, 2679:
humor linguae deficit ... die zung ist im dürr, oder hat kein netze mer Frisius 773
a; dasz der reiche man .. nur ein tröpflin wassers auf sein zung zur külung begert habe Fischart
bienenkorb (1588) 122
b; ein guter trunck und ein dürstige zung gehören zusammen Petri 2, V iv
b; eine lechzende, schmachtende z.
aus der bibel stammt die z. klebt am gaumen
Hiob 29, 10;
ps. 22, 16; 137, 6;
klagel. Jerem. 4, 4
u. ö.: ich stirb, die zung klebt mir an vor forcht (
haeret) Boltz
Terenz 56
a; es ist heisz, und die z. klebt einem am gaumen Fontane I 6, 10; der mund verdorrt, die zunge klebt Günther
ged. (1735) 16. I@B@55)
mit der z.
werden geräusche erzeugt. I@B@5@aa)
unarticulierte: er schien sie (
gute weine) zu kosten, indem er mit der z. am gaumen klatschte Göthe 45, 22
W.; und schnalzte mit der z., wie man hunde zu locken pflegt Langbein
s. schr. 31, 126; sprang auf die pritsche, nahm die zügel, gab dem gaul die zung und fuhr mit lautem klange Antonien davon in vollem trab Göckingk
ged. (1780) 2, 247. I@B@5@bb)
musikalische. beim singen: besonders zeichnet sich der Bayersche gesang durch den ungewöhnlich schnellen gebrauch der z. aus, die im stande ist, jede note des geflügelten läufers mit einer sylbe zu belegen Schubart
ästh. d. tonk. 121.
beim pfeifen: man weisz ..., dasz es die alten mit gespitzten lippen und halber z. auf einem oder zwey fingern ... sehr weit gebracht 308.
beim blasen von instrumenten: die z. mit all ihren vibrationen ... musz vorzüglich in das instrument (
trompete) wirken 310; so du dann wayst zuo greiffen, so muost du auch die zungen lernen, die auch zuo der flöten gebrauchlich Virdung
musica getutscht 94; ich blies mit so glücklicher disposition der finger und z. auf der flöte Göthe 43, 35
W. vgl. zungenstosz. I@B@5@cc)
articulierte beim sprechen: so werden die buchstaben .., wann man sie ausspricht, mit eben solcher figur von der zungen im halse gebildet Morhof
unterr. v. d. dtschen spr. (1682) 1, 7; kaum, dasz des menschen schlanke zunge so manches wort articulieret, als sie ein klingend wörterheer verschiedlich füget und formieret Brockes
ird. vergn. 8, 14; beim s bleibt die spitze der z. hinter den zähnen, und beim th (
engl.) ist sie vor denselben oder zwischen inne Lichtenberg
verm. schr. 1, 282; die verrichtungen der z., des gaumens, der
lippe beym sprechen A. W. Schlegel
Athen. 1, 19; Bells system classificirt die vocale ... nach den stellungen der z. Sievers
phonet.4 92. I@B@5@dd)
sprachfehler und -störungen: ich habe eine schwere sprache und eine schwere z.
2. Mos. 4, 11; anstoszen mit der zungen Dasypodius 467
b; ein barbierer, sonst eines ehrlichen wandels ... auszer dasz er ... mit der zunge stammlet Abr. a
s. Clara
narrennest 1, 19; eure tochter .. lispelt mit der z. Happel
akad. roman 526; der greis, der .. mit welken lippen und lahmer z. ihre (
d. synagoge) geschichte erzählte Hebbel
tageb. 4, 42
W. infolge von erregung: und, der stimme beraubt, erstarrt mir die zung im munde Klopstock
Mess. 4, 93.
in schlaftrunkenheit: wie blei lag meine zung im mund H. Heine 1, 18
E. im rausch: da wöllen wir essen und trincken, das wir mit der zungen hincken und einander nit mer erkennen Albr. v. Eyb
d. schr. 1, 71
Herrmann (
vgl. Walther v.
d. Vogelweide 29, 36); truncken leuten gehet die zung auf steltzen Friedrich Wilhelm
sprichw. f 1
b nr. 5; 'kein stern?' fragte der voigt mit schwerer zunge Arnim 3, 17.
der trunkene hat Mosch's z. Körte 527, eine doppelte z. Höfler.
s. auch zungenschlag,
sowie lallen
th. 6, 81, stammeln 5
th. 10, 2, 651. IIII.
als wichtigstes organ der lautbildung bezeichnet z.,
in weiterem umfange als mund
und lippe,
das sprechen: die zung ist des herzens dolmetsch Seb. Franck
sprichwörter (1541) 1, 112
b; do sint in dem munde zene, die alles leibfuter sint tegelichen malende; darzu der zungen dunnes blat den leuten zu wissen bringet ganz der leute meinunge
ackermann aus Böhmen 25, 34
Bernt; wie die rede, so durch die zunge beschiecht, ain zung, oder die schrift, so durch die hand beschiecht, ein hand genennt ist Berthold v. Chiemsee 246; wie das lautere gold ... der hochdeutschen sprache, unsichtbarlich, durch den trieb der natur, von der zungen ... entsprüsset Zesen
rosenmând (1651)
titelbl. nicht immer ist dies von der bloszen lautgebung rein zu scheiden: hye haben unsere hochgeleerten doctores den hailigen gaist wellen maistern und haben im ain höltzlin under die zung wellen sperren und aufheben, als ob er nit wol reden künd Luther 10, 3, 140
W.; und verwickelte sich mit gewissen brescianischen redensarten die zunge ... im munde Göthe 43, 265
W. überhaupt ist im deutschen dabei immer ein deutlicher rest der leiblichen anschauung enthalten. schon ältere wbb. vermeiden die wörtliche übersetzung: linguas hominum vitare Cic. der wält ausz dem maul kommen, das schandtlich zuoreden und schmähen der wält Frisius 773
a;
vous avez la langue bien grande ihr habt ein mächtig weit maul Duez
nomencl. (1663) 118.
die abstractere anwendung steht unter dem deutlichen einflusz lat. und franz. vorbilder, vgl. z. b. Hartmann
Iwein 837—843
mit Chrestiens Yvain 614—634.
sie ist im höfischen mhd. und den anschlieszenden stilarten ungemein beliebt und wird es wieder in der literatur des 16.—17.
jh. das deutsche beschränkt sich, wie das altnord (
Atlam. 9, 5;
Hávam. 29, 4; 118, 4
Bugge)
im wesentlichen auf die verwendung in der spruchweisheit. hierfür hat die sprache sich weiter aus den antiken und geistlichen quellen bereichert, ganz besonders aus Luthers
bibel. die anschauliche sinnbildlichkeit der sprichwörter und anschlieszenden festen wendungen gibt den eigentlichen bereich des wortes. II@AA.
dabei zeigen sich verschiedene arten der vorstellung. II@A@11)
die z.
ist der ort, an dem das sprechen vor sich geht. II@A@1@aa)
rein räumlich. das wort entsteht
auf der z.: denn siehe, es ist kein wort auf meiner z., das du, herr, nicht alles wissest
ps. 139, 4 (
vgl. P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 426
a; Klopstock
Messias 10, 11); des frevlers ruhm ertönt auf feigen zungen Hagedorn
poet. w. (1769) 1, 16; die vorbedachten worte verdrehten sich mir auf der z. G. Keller 1, 166; aber seine gattin und seine tochter bedräuten ihn mit so eisigen mienen, dasz ein unschuldiges späszchen ihm auf der z. erfror Ebner-Eschenbach 2, 305. das wort kommt
auf die z., wird auf die z. gelegt: bittet gott, dasz er seyn wort lege auf ewre z. Eberlin v. Günzburg 3, 201
ndr.; lege mir nur auf die z., was ich sagen soll
discourse d. mahlern 4, 99; wies gott ihm auf die z. legte Bettine
Günderode 1, 190. etwas auf der z. haben '
ständig davon reden': wir wollen .. solches denen überlassen, welche den guten willen auf der z. tragen Bucholz
Herkuliskus (1665) 433; und bald entzücken wir auch, wenn wir nichts als tugend reden, und alle sieben weisen auf unserer z. zu haben scheinen Lessing 2, 286
M.; dem eigendünkel eines mannes ..., der den ruhm seiner vorfahren stets auf der z. trug Schiller 7, 182
G.; du hast deinen Shakespeare wacker auf der z.! E. Th. A. Hoffmann 1, 116
Griseb. das herz auf der z. haben
u. ä. th. 4, 2, 1216,
unbesonnen seine gefühle aussprechen: was der nüchterne im hertzen hat, das hat der trunckene auf der zungen
polit. Jesus Syrach 70; Sebaldus, dessen herz gewöhnlicher weise auf seiner z. sasz Nicolai
Seb. Nothanker 2, 38; das herz trat ... dem kandidaten auf die z. W. Raabe
hungerpastor 2, 149.
vgl. u. II B 6.
unter der z.: unter seiner zung ist mue, arbeit H. Sachs 22, 112
G.; während der teufel gar ruhig und eingeschmiegt unter der z. liegt, ziehen ganze züge schöner sentiments und erhabener worte andächtig über sie hinaus Görres 2, 45.
von der z.: wie ein wort das von seiner zungen geth ohn ernst oder ohn hertzen Paracelsus
op. (1616) 1, 32; (
der Grieche), von dessen zung der honig flosz Weckherlin 1, 134
Fischer; die hohen gedanken ..., die ... mir nur so von der z. flossen O. Ludwig 2, 453
E. Schm.; dasz ihm sein bericht ... so glatt von der z. ging W. Raabe
hungerpastor 2, 167; die bevorstehenden wahlen laden jetzt von den zungen ab. ist das ein geschrei! Detl. v. Liliencron 2, 199; wenn das wort von der z. ist, ist der mann gebunden Graf-Dietherr 228.
über die z.: damit kein verkehrtes oder unheilsames wort über ihre z. erginge Prätorius
Blockesberges verrichtung (1688) 66; wie rollen mir die donnerworte der unerbittlichen gerechtigkeit über die z. Hölderlin 2, 85
Litzmann. über die z. springen lassen
s. u. sp. 599
o. II@A@1@bb)
die z.
ist zugleich eine schwelle oder schranke, welche das wort überschreiten musz: sag sies nur; über meine zung solls nicht kommen H. L. Wagner
theaterst. 121; ich erkläre mir daraus, dasz man vieles drucken lassen mag, was man nie über die z. gebracht hätte J. Grimm
an Wilhelm 149; es ist uns nicht gegeben, den ganzen menschen zu papier oder über die z. zu bringen Bismarck
ged. u. erinn. 1, 197
volksausgabe. ähnlich: ich wollte was antworten, aber der pasz vom herzen nach der z. war versperrt Göthe 8, 51
W. dieselbe räumliche anschauung, aber von der z.
selbst, wie u. 4: ausztrit der zunge. die zunge wohnt mit fleisz im weiszen beingehäge; dann disz ist ihre gräntz, in der sie sich bewege. wächst aber wo die zung und steiget über zaun, derselben traue du! ich wil ihr nimmer traun Logau 157
Eitner. II@A@1@cc) das wort sitzt auf der z.
u. ä., zunächst, wenn man im begriff ist, es auszusprechen: hundertmal sasz mirs auf der z., es ihnen zu sagen Göthe 19, 104
W.; etwas ..., was ihm immer über die z. wollte O. Ludwig 2, 331.
aber man kommt nicht dazu, oder man wird daran gehindert: Atgandester hatte noch die letzten worte auf der z., als ein ... reuter ängstlich nach dem feldherrn fragte Lohenstein
Arminius (1689) 1, 421
a; dasz du mir etwas verhelest ..., das deinen busen schwellt und schon auf deiner z. sitzt Sal. Geszner (1778) 2, 65; die alte gräfin ... rückte sogleich gegen mich ins feld und verhinderte eine erklärung, welche mir auf der z. schwebte Moltke 1, 48.
oder man kann sich nicht darauf besinnen, frz. je l'ai sur le bout de ma langue Duez
nom. (1652) 104,
ital. io l'ho sulla punta della lingua Kramer 2, 1486
a,
engl. I have it on the tip of my tongue:
modo versabatur in labris primoribus es ist mir yetz gerad vornen auff der zungen gewäsen Frisius 749
a; den namen eines freundes? — — nur geduld! jetzt läuft er mir auf der z. herum Lessing 2, 159
M.; dann schwebt das ideal von dem, was ich haben möchte, auf meiner z. und ich kanns nicht nennen Caroline 1, 32
Waitz. in weiterer ausmalung Hippel
lebensläufe 3, 1, 42; 159. II@A@22)
die z.
ist ein werkzeug: meine z. ist als der griffel eines guten schreibers
ps. 45, 2; der ... Spanier ... Perez nennet die feder sehr nachdencklich der abwesenden zunge Harsdörfer
teutsche secret. 1, IV
b.
man braucht, lenkt, rührt, regt, übt die z.: reget nur die zungen ein wenig Luther 29, 24
W.; er spricht nicht wie zuvor 'die wercke des liechts', sondern verkeret die zungen und spricht 'waffen des liechts' 32, 221
W.; sie haben gelernet sich aufputzen, die z. gebrauchen und die augen werffen Bodmer
v. d. wunderbaren 418; einem mädgen, das seine z. geläuffig und artig zu gebrauchen weisz Göthe IV 1, 206
W. mit der z.
bewirkt man etwas: durch gottes zungen ist himmel und erd erschaffen S. Franck
sprichwörter (1541) 1, 115
b; ich sol mit meiner zungen imerdar schlagen und dreschen auff diesen fels, denn fleusset balde wasser heraus Luther 16, 333
W.; dann was der hund mit dem wadel thut, das thut ein fuchsschwäntzer mit der zunge Moscherosch
ges. (1650) 2, 99.
insbesondere eine waffe: die menschenkinder sind flammen, ihre zähne sind spiesze und pfeile, und ihre zungen scharfe schwerdter
ps. 57, 5; landt und leüt hab ich bezwungen, doch thuon ichs fast nur mit der zungen Murner
schelmenzunft 11
ndr.; es stet ubel an einem mann also mit der zungen fechten (
wie ein weib) Moscherosch
ges. (1650) 2, 349; der zungen scharffes schwerdt S.
Dach 715
lit. ver., scharfer stahl H. v. Kleist 2, 420
E. Schm.; die schläge ihrer zunge G. Freytag 2, 1, 49; die zunge schärfen Luther 29, 167
W.; Opitz
teutsche poem. 202
ndr., schleifen Fischart
prakt. 16
ndr., zuschleifen B. Neukirch
ged. (1744) 123, herten als ein staal Hayneccius
Hans Pfriem 25
ndr.; sie glaubten wohl nicht, dasz wir hier auch geschliffene zungen haben G. Keller 7, 26.
freier: wir wöllen die zungen spitzen und unserm hergot ein loch in das papir boren Luther 12, 625
W. II@A@33)
die z.
ist die fähigkeit des sprechens. II@A@3@aa)
als besitz oder eigenschaft: denn die weisheit öffnete der stummen mund und machet der unmündigen zungen beredt
weish. Sal. 10, 21; es giebet sogar menschen, welche lieber ohne zunge als stichreden seyn wolten Lohenstein
Arminius 1,
c 4; wer recht behalten will und hat nur eine zunge, behälts gewisz Göthe 14, 152
W. (
Faust 3069); ... wir stehn allhier zu dreien und haben, hoff ich, eine einzge zunge Hebbel 4, 86
W.; aber wenn anders die Proteusnatur, die gabe mit tausend zungen zu reden, eine wesentliche dichtertugend bleibt Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 3. viele, tausend zungen
hat das gerücht: ein geschrey hat viel zungen und münde Petri 2, v 2
b; ihrer (
der Fama) tausend z. Sigm. v. Birken
ostländ. lorbeerhain (1657) 3
b; da Fama tausend z. hat Göthe IV 13, 190.
sprichwörtlich: bey seiner zung wird der mann erkant Petri 2, l 1
b; wo du steist un hest de tung im munde Richey 117; dar steet he un hett de tunge im halse Dähnert 498; wart, ich musz einmal sehen, ob du keine z. im munde hast! Droste-Hülshoff 2, 275.
als rechtsformel: mit lebentigen zungen (
bei lebzeiten)
Münch. stadtrecht bei Schmeller 2
2, 1135. II@A@3@bb)
als thätigkeit: der herr wolle ausreuten alle heuchelei und die zunge, die da stolz redet
ps. 12, 4; wie werd ir für gotts gricht bestehn, wenn euch dort ewer eigen zung uberzeugt der gottslesterung Fischart
s. Dominici artl. leben 129
Kurz.; man wird mich einst mit der feder in der hand begraben, damit sie, wie Addison von den zungen der Französinnen sagt, auch im grabe nicht ruhe L. A. Gottschedin
briefe 2, 118
Runkel; er mag schon wissen, wie viel man von ihrer z. zu fürchten habe Lessing 2, 334
M.; Tyroler deutsch und sehr gebrochenes französisch war alles, was ihre z. zu markte bringen konnte Archenholz
Engl. u. Italien I 2, 523; zuletzt, ... da ihr herz auf der zunge schwebt, wird diese z. ihre verrätherin Göthe 22, 92
W. es kostet nur meine z. '
ich brauche nur zu reden' Luther 34, 2, 179
W. einem die zunge ziehen
hiesz ihn zum reden bringen H. Sachs 3, 351; 5, 202
K. II@A@44) die zunge, eine z., die z. der menschen
ist das sprechen schlechthin, ohne bezug auf redende personen: die z. ym maul, das yhre lere nichts denn zunge, das ist, eyttel unnutz geschwetze ist Luther 11, 384
W.; dann die z. ist ein tolmetscherin der weiszheit und guten lere Er. alberus
fabeln 15
ndr.; die z. redet und redt nichts Paracelsus
op. (1616) 2, 13; die z. ist in unsern complimenten gleichsam ein uhrwerck, welches jahr aus jahr ein fortläuffet
vernünft. tadlerinnen 1, 13; das band der z. und des ohrs knüpft ein publicum Herder 17, 286
S. II@A@55)
die z.
als die stimme andrer wesen, in der dichtersprache: die lust hat mich gezwungen, zu fahren in den wald, wo durch der vögel zungen die ganze lufft erschallt Sim. Dach
Königsberger dichterkreis 174
ndr.; es lebt der wald von wunderbaren zungen Tieck 1, 8 (
ähnl. 2, 74); es ist, als ob die ewigkeit (
in der stimme des meeres) eine z. bekommen hätte, die kinder der erde in den schlaf zu singen W. Raabe
hungerpastor 3, 242; die uhr hat bereits mit träger zunge mitternacht angesprochen maler Müller 3, 131.
stehend: die eherne zunge der glocke Bodmer
Noah 84; A. W. Schlegel
Shakespeare 1, 288; H. Heine 2, 122
E.; C. Viebig
d. schlafende heer 2, 507. II@BB. zunge
für menschliche rede hat sich in vielfachen verbindungen festgesetzt. II@B@11) z.
mit ergänzenden wörtern, vgl. lippe
th. 6, 1052
ff., mund 6, 2671. II@B@1@aa)
in der form des parallelismus und der häufung: was gilts, ob meine zunge unrecht habe und mein mund böses vorgebe
Hiob 6, 30 (
ähnl. ps. 39, 2); armuth ist des reichthums hand, fusz, aug und zung Lehmann
floril. (1662) 3, 22; dasz er kein gifft nicht mocht ertragen, sonder es gleich herauszer zwung uber die lung und uber zung Fischart
Amadis (1576) 6, a 6
b; und händ und füsze, zung und lippen regen P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 323; götter, weh! in dehme schwunden zunge, mund, bluht, farb und geist Stieler
geharnschte Venus 35
ndr. II@B@1@bb)
in begriffsformeln. II@B@1@zz. und
finger: die schöffen ... verzellen (
urtheilen) mit fingern und mit zungen
Freiberger stadtrecht bei J. Grimm
rechtsalterth. 2
4, 524; so sol ine die richtere unde dat land ut laten mit vingere unde mit tungen
Sachsensp. 1
3, 231
Hohm. II@B@1@zz. und
wort, schrift, feder: das er uns wil binden an sein zung und wort Luther 28, 189
W.; durch die zung und fürsprechung eines andern Fischart
philos. ehzuchtb. 154
H.; mit zungen und feder Eberlin v. Günzburg 1, 197
ndr. (
ähnl. 2, 143); seine gifftige z. und feder J. Rist
friedewünschende Teutschl. (1648) 17; sie wissen nicht, die groszen, wen sie in uns beleidigen, die wir zungen, die wir federn haben Göthe 18, 55
W. II@B@22)
dabei kommt ein gegensatz zum ausdruck. II@B@2@aa)
zwischen dem sprechen und andern thätigkeiten: welche kinder bald reden lernen, die lernen langsam gehen, gleich als wenn sie mit der zunge giengen und mit den füszen redeten Corvinus
fons lat. (1646) 324; das verwünschte pack! wenn die z. müde ist, so verfolgt es einen noch mit grimassen Lessing 2, 18
M.; manche leute haben ihn (
den verstand) in den fuszsohlen, andre im rücken, andre auf der z. Tieck 7, 260.
sprichwörtlich: ein weiser mann hat lang ohren und kurtze zung Lehmann
floril. 2, 898; der zahn beiszet offt die zung, und bleiben doch einig 1, 186; es sey besser mit den füszen als mit der zungen straucheln Zinkgref
apophthegm. (1628) 428. II@B@2@bb)
beliebt und nachdrücklich zwischen reden und handeln: und ist darumb angericht, das das wort nicht alleyne auf der zungen und oren klebe, sondern zu krefften kome und ein werck odder thun daraus werde Luther 17, 1, 429
W.; weil die faust nit da ist, so wirdt die z. nichts ausrichten 33, 620
W. (
ähnl. 34, 1, 85; 86); mehr mit der zungen, als mit dem degen zu reden A. Gryphius
Horribilicribrifax 49
ndr.; so laszt denn uns ... ihn auch lieben über alles ..., aber nicht nur mit der zunge, sondern mit der that und mit der wahrheit lieben! J.
M. Miller
pred. f. d. landvolk 2, 283. II@B@2@cc)
zwischen wort und gefühl: ein minnerichen zungen ein unminneriches herze enkan als wenig verstan, als ein Tútscher einen Walhen Seuse 199
Bihlm.; die frommen und gerechten habens nicht allein auff der zungen, sondern ym hertzen Luther 19, 317
W.; aber es (
das lob Christi) ist noch schaum auff der zungen, nicht ym hertzen 20, 417
W.; nein uff der zungen haben und ja im hertzen Murner
an den deutschen adel 41
ndr.; denn sie hat das beste herz von der welt, so verdächtig es ihre z. zu machen sucht Lessing 2, 95
M.; aber es war nur im dampfe des weins, und mein herz hörte nicht, was meine z. pralte Schiller 2, 33
G. vgl. das herz auf der z. haben II A 1 a. II@B@2@dd)
zwischen wort und gedanken: die das evangeliom nur im maul und auff der zungen haben Luther 36, 443
W.; die zunge soll nicht klüger seyn als der kopf Kirchhofer
schweizer. sprüchw. 168; die zerstörung der bastille hat in Frankreich nur die zungen frei gemacht, die herzen und die geister sind noch eingesperrt Börne 5, 84; wenn die z. geht, da meinen sie, das sei gedacht O. Ludwig 2, 19
E. Schm. besonders zwischen freundlicher rede und falschen gedanken: verleumbder. ich kenn ein höllisch volck, die brüder der Erinnen, ein volck mit süszer zung und von vergifften sinnen Logau 8
Eitner. II@B@2@ee)
zwischen lauter und stummer sprache: der todten fürsten antlitz sie gleichsam mit stummer z. ... zur rache anflehten Lohenstein
Armin. (1689) 1, 12
b; gnug, wenn in deiner brust die stumme zunge spricht, du habest recht gethan Günther
ged. (1735) 753. II@B@33) zunge
mit bezug auf die macht und wirkung der menschlichen rede. II@B@3@aa)
für die macht zum guten und bösen gab die formel die geschichte von Äsops zungenkauf, in Deutschland bekannt geworden durch Steinhöwels
Äsop 53
ff. K.: da kaufft ich eytel zungen ein, weil von einr guten zungn allein wird alle weiszheit ausgesprochen all krieg und hader wird zerbrochen. die zunge lert manch schöne kunst, ein zung bringt freundschafft, lieb und gunst, ein zung lehrt guts, das arge strafft, ......... ... ich hab fürwar einkaufft nach deinen worten gar das aller ergest auff der erden, die zungen, ... ......... und was lesterlichs thut geschehen, das hat von der zungen ursprung, des ist das aller ergst die zung H. Sachs
fab. u. schw. 2, 310
ff. ndr.; das wunder der natur, das überweise thier, hat nichts, das seiner zungen sey zu gleichen. ... die macht, die wildes volck zu sitten hat gezwungen, des menschen leben selbst beruht auf seiner zungen A. Gryphius
trauerspiele 1, 41
Palm. sprichwörtlich: die zung ist das best und das böszt glid S. Franck
sprüchw. (1541) 1, 112
b;
sch. w. klugr. 170
b (
in allen sammlungen des 16.
jh.); Petri 2, r 8
a; die z. ist eines menschen artzt und des andern hencker Kern
sprichw. (1718) 15. II@B@3@bb)
vor allem für die schädliche wirkung, meist an schlieszend an Jacobus 3, 5—8: also ist auch die z. ein klein glied und richtet gros ding
an. sihe ein klein fewer, welch ein wald zündets an? und die z. ist auch ein fewer, eine welt vol ungerechtigkeit. also ist die z. unter unsern gliedern und befleckt den ganzen leib und zündet an allen unsern wandel, wenn sie von der helle entzündet ist. aber die zungen kan kein mensch zemen, das unrugige ubel, vol tödlicher gifft.
nach- und umgebildet z. b. Freidank 164, 3
bis 165, 20; S. Franck
sprüchw. (1541) 1, 115
b,
auch mundartl. z. b. Martin-Lienhart 2, 908.
freier: eyn zung verriet Cristum, eyn gott, eyn zung brocht Troy in groszen spot, eyn zung brocht Adam in den fal, eyn zung zwang Rom in jomers qual, Hierusalem ein zung zerstört, das maur und statt ward umgekört. Murner
schelmenzunft 2
ndr.; die zung hat gar kein bein, und zerreiszt doch eisen und stein Petri 2, r 8
a; die zung verstört offt leut und land, und macht gar manchen raub und brand
ebda; die zung hat kein bein, schlägt aber manchen den buckel ein Kramer 2, 1486
a; die z. ist der sabel im schnabel Binder 221. II@B@3@cc)
von der schädlichen wirkung der rede auf den redenden selbst: offt ein mensch, alt oder jung, fellet in schand sein eigne zung H. Sachs 19, 21
G. den menschen fellet sein eigen zung Petri 2, n 3
a; wider den stachel lecken macht blutige zungen
polit. Jesus Syrach 23; wirst dir die zunge noch einmal garstig verbrennen Arnim 18, 134; ich bitt dich, ..., deine z. wird dir noch den hals kosten Eichendorf 4, 305; sich die z. verbrühen Martin-Lienhart 2, 908;
auch gelegentlich sich in die z. beiszen
s. u. 7. sich die z. aus dem halse schwören (
leichtsinnig schw.) Brendicke
Berliner wortsch. 196. II@B@44) z.
vom miszbrauch der rede. II@B@4@aa)
lüge und schmeichelei: mit ihren zungen heuchlen sie
ps. 5, 10, handeln sie trüglich
Röm. 3, 13; aber so ferr obgemelter sententz den adel, obrigkeit und herrn betrifft, wendt Luther die zung im hals umb Joh. Fundling
anzeig. zweier falscher zungen des Luthers (1526) c 2
a; ein schmeichler hat ein vergifft zung Petri 2, y 3
b; alle boszheit von der zungen fehrt, dasz man gar manchen meineid schwert 2, h 5
b; honig auf der z. J. Engel
schr. 1, 157.
bes. im bilde der doppelzüngigkeit: zwô zungen stânt unebne in einem munde Walther v.
d. Vogelweide 13, 4 (
vgl. 29, 11); zwo zungen dragen in eym halss Murner
schelmenzunft 27
ndr., du redest mit zweyen zungen Tappius
adag. v 5
a.
ebenso sch. weise klugr. 41
b; C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch 70; mit doppelter z. reden Kramer; ist Falsus ein apostel? die zung ist ihm zertheilt Logau 544
Eitner. II@B@4@bb)
von käuflicher rede: es ligen ym hundert gulden auff der zungen S. Franck
sprüchw. (1541) 1, 156
a; sein zung ist an eyn guldin seyl gelegt 1, 32
b, an eyn guldin ketten geschmidt 2, 33
a; und (
wenn man) von geschmierter zungen durch freyen tafeltrunck ein falsches lob erzwungen B. Neukirch
ged. (1744) 115. II@B@4@cc)
mannigfaltig von der böswilligen oder gedankenlosen üblen nachrede: infamare ere abschnyden mit der zungen Diefenbach 296
a; deine missetat lehret deinen mund also, und hast erwählet eine schalckhaftige zunge
Hiob 15, 5; so musz ich grosz sorge han auf die und die mich rufen aus und mit ir zungen tragen auf das rathaus
fastnachtsp. 1, 106
K.; mancher wird weiter getragen auff der zungen, denn auff einem hangenden
wagen Petri 2, N n 6
b (
s. wagen II 1 c,
th. 13, 381); wer zwischen stein und stein sich leit und vil lüt uff der zunge dreit, dem widerfert bald schad und leidt S. Brant
narrensch. 10
Z.; ein schalck kan wol von gott und redlichen leuten reden und sie lassen über die zung gehen Lehmann
floril. (1662) 1, 108; je gröszere tugendwerck ... man anfangt, desto schärffer wetzen andere ihre zungen daran Abr. a
s. Clara
etwas f. alle 1, 2, 344; ein jeder musz besorgen, auf seine z. zu gerathen
vernünft. tadlerinnen 1, 144.
feste verbindungen: über die z. springen lassen,
wie über die klinge spr. l.
th. 5, 1173,
ebenso tanzen lassen Kramer 2, 1486
a,
vgl. nl. op de tong rijden Kramer-Moerbeck 439
c: das er ... mich ... redlichen uber die zungen springen lassen und zur banck gehauwen L. Thurneisser
nothgedrungenes ausschreiben (1584) 2, 45; da muszten nun ... alle unthaten über die z. springen
polit. maulaffe 32; da musz bald bürgermeister und rath, bald der prediger, bald diese oder jene wittbe über ihre zunge tantzen B. Schupp
schr. (1663) 205.
mundartlich im hennebergischen Spiesz 293,
nd. Dähnert 498. II@B@4@dd)
stehende beiwörter: böse, falsche, giftige, scharfe z.; denn wenn sie die menschen auf mancherlei weise für sich zu gewinnen suchte, so verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch eine böse zunge, die niemanden schonte Göthe 20, 244
W.; du redest gern alles, was zu verderben dient, mit falscher zunge
ps. 52, 6; ich schwur mit falscher zungen S. Dach
Königsberger dichterkr. 110
ndr.; wie fertig neidiger leute gifftige zungen seyen Grimmelshausen 2, 551
Keller; die giftigen zungen unserer überklugen gelehrten Liscow
sat. u. ernsth. schr. 51; Giotto war ... gutmütig, aber mit scharfer z. begabt H. Grimm
Michelangelo 1, 18.
in vielen sprichwörtern, z. b.: böse zungen schneiden scherfer den ein schwert Petri 2, l 4
b; ein bösz zung ist ein bösz gericht 2, t 1
b; ein falsche zung ist ein starkes gifft t 6
b; scharfe schwerter schneiden sehr, aber falsche zungen noch viel mehr Kirchhofer 169.
andere verbindungen: boshafte, lästerliche, leichtfertige, ruchlose, schmähsüchtige, schnöde, schwatzhafte z.
oft von der persönlichen verwendung nicht zu unterscheiden, s. C. II@B@55)
etwas milder ist der tadel des allzureichlichen gebrauches der sprache und einer bedenklichen gewandtheit darin: auf dasz du bewahret werdest vor dem bösen weibe, vor der glatten z. der fremden
spr. Sal. 6, 24; wenn ihre phantasie so lebhaft und ihre z. geschwätzig ist Herder 22, 9
S.;
(sie) zischt mit glatter zunge, die kleine schlange, zauberische töne Göthe 10, 207
W. fürsten haben lange arme, pfaffen haben lange zungen und das volk hat lange ohren H. Heine 1, 302
E. II@B@66)
von unbeherschter, übereilter rede, vgl. II a 1 a: du thust die zungen von dem mund (
läszt ihr freien lauf) und lest den narren reden Eberlin v. Günzburg 3, 161
ndr.; verzeihe mir günstig ..., dasz meine z. ... so frey herausz bricht G. Neumark
poet. lustwäldchen (1652) 96; sein zung hat niemahl ein sabbath Abr. a
s. Clara
narrennest (1751) 1, 84; die zunge geht mir über von dehm, was ausz dem hertzen quillt Stieler
geharnschte Venus 16; warum jede thorheit, die meiner zung entfuhr, ihr hinterbringen? Lessing 3, 22
M.; eure z. geht mit euch durch Alexis
Roland v. Berlin 1, 47; die zung ist ihm usgerutscht Martin-Lienh. 2, 908.
sprichw.: ein schnelle zung bringt viel unrath Petri 2, y 3
b; die händ seynd ihm (
d. zornigen) an die zungen gebunden Lehmann
floril. 2, 941. eine freche, freie, lose, kecke, unkundige, verwegene z.: durch der zungen frechheit wird des lebens unflat nicht abgewaschen Dentzler 2, 368
a; (
die rede des Äschines) ist mit einer republicanischen zügellosigkeit der z. geschrieben
allg. dtsche bibl. 2, 2, 71; Johann Tetzel, der von allen jenen commissarien wohl die schamloseste z. hatte Ranke 1, 208. II@B@77)
man soll die zunge meistern Dentzler 2, 368
a: hüetent iuwer zungen Walther v.
d. Vogelweide 87, 9; behüte deine z. vor bösem und deine lippen, dasz sie nicht falsch reden
ps. 34, 14; das wir die z. dempfetten, die alles hertzleyd anrichtet Luther 24, 233
W.; hu du lauszknickel, ich will dir die zung bannen Moscherosch
ges. (1650) 2, 346; die furcht ... hält seine z. in fesseln Archenholz
Engl. u. Italien 2, 12.
sprichwörtl.: ein wort ist bald entwüscht, darumb sol man der zungen war nemen Friedrich Wilhelm q 1
c nro. 937; es ist keine schönere list, als wer seiner zunge meister ist Kirchhofer
schweiz. spr. 178. die z. im zaum halten
Jacobus 1, 26; Fr. L. Schröder
dram. w. 4, 143; Kramer 2, 1486
a; G. Hauptmann
biberpelz 42, am zügel Tieck 1, 100, im zügel
polit. Jes. Syrach 71.
unüblich ist, gegenüber das maul halten, die z. halten Klinger
w. 3, 157,
engl. hold your tongue! sich auf die z. beiszen Kramer, sich die z. abbeiszen,
älter sich in die z. beiszen,
um nicht zu sprechen oder sich des lachens zu erwehren, nl. op sijne tong bijten,
im it. u. frz. dieselbe redensart mit dem nebensinn, um die reue wegen eines unbesonnenen wortes zu vermeiden diz. della Crusca 9, 385; Hatzfeld-Darmesteter-Thomas 1377,
vgl. sich auf die lippen beiszen
th. 1, 1339; ich muste mich in die zungen beiszen, das lachen zu verhalten Grimmelshausen 2, 342
K.; und also kein blat fürs maul genommen (
habe), oder mich in die zunge gebissen habe Prätorius
philos. colus (1662)
vorr. 4; die Lene lügt nicht und bisse sich eher die z. ab, als dasz sie flunkerte Fontane I 5, 273.
anders '
sich selbst widersprechen': drumb ists klar ausz yhren eygen wortten, wie sie sich selbs yn die zungen beiszen und das vordammen, das sie selbs leren Luther 7, 351 (
ebenso 15, 494; 26, 286; 26, 569
W.); Emser
annotat. (1528) s 3
a.
auch wie '
sich die z. verbrennen',
s. o. 3 c: der teuffel, wenn er einen christen angreiffet, so greiffet er, das er sich selbst mus in die zungen beiszen und die finger verbrennen Luther 28, 150
W. II@B@88) die z. wird gelähmt, gebunden
u. ähnl.: die ougen bhalten sy kum offen. im reden sitzendt sy und schloffen und hondt sich in die zung geschnitten Murner
narrenbeschwörung 68
ndr.; nein, sondern wenn die frau ein ernstes wörtlein sprach, die zunge (
des mannes) war verlähmt Rachel
sat. ged. 33
ndr.; eine angst, die ihm die z. band E. Th. A. Hoffmann 12, 8
Gris. die z. wird frei: in einer freyen stadt freye gemüter und zungen Friedr. Wilhelm y 2
b nro. 128. weil doch kein gott die zunge dir entbindet Ramler
lyr. ged. (1772) 291; ich liesz meiner z. und meinen thränen freien lauf Göthe 22, 295
W.; da ... der wein die zungen öffnete Stifter 5, 1, 67; seit ... die regentschaft geister und zungen entfesselte Justi
Winckelmann 1, 218. die z. lösen,
ohne den gedanken an den mechanischen eingriff, s. o. I a 3,
auch th. 6, 1192: (
der angeblich stumme) im selbes die zungen löset Arigo
decam. 170
K.; auszer dem, dasz ein beklagter seine zeugen noch vor dem termine gehörig zuzurichten wissen musz, so ist nötig, dasz man demjenigen, der die zeugen vernehmen soll, die z. wohl löse Rabener
w. 3, 89; wenn ihm die z. durch mich gelöst wird (
er seines schweigens entbunden) Göthe 25, 130
W.; bis ihm einige schlücke ... weines ... die z. lösten G. Keller 6, 16. II@B@99)
vom unbehinderten, geläufigen sprechen: die gänge zung Fischart
flöhhatz v. 1957
ndr.; behende z. Stieler 2655; die jüngste frauensperson .., die während unsrer anwesenheit in einem fort und mit so geläufiger z. geplaudert hatte G. Forster 1, 129; einen gelähmten finanzrath, an dem nichts gelenkes war als die z. Musäus
volksmärchen 1, 61
H; hätt auch eine zunge, die sich ergosz und fein und leicht in worte flosz Göthe 16, 123
W. II@B@1010)
lobend auch von angenehmer, freundlicher rede: der herr hat mir eine holdselige z. gegeben
Jes. 50, 4; auf ihrer z. ist holdselige lehre
spr. Sal. 31, 26; ein fridsam, heylsam z., die nyemandt schadet und yderman frumet, dye dye uneinigen sunet, dy vorlesterten entschuldigt und verficht Luther 1, 255
W.; als nun die hüter auf mich drungen, weist ich sie ab mit sanffter zungen H. Sachs 8, 328
K.; der ton, den die feine z. des fürsten in ihre seele sandte G. Freytag
verl. hdschr. 3, 136. II@B@1111)
im engern sinn von der sprache der redekunst und dichtung: dîn sêle müeze wol gevarn, und habe dîn zunge danc Walther v.
d. Vogelweide 83, 13; ein wolgespräche zungen Eberlin v. Günzburg 2, 69
ndr.; die der zungen erfarner und gewisser seynd, denn ich Karlstadt
bei Luther 18, 465
W.; und als Cicero ... willens was, sich zu bürgerlichen sachen zuo keren, hat er zuovor die zungen des wolredens für sich genumen Schwarzenberg
t. Cicero (1535) 3
b; gieb meiner zungen doch, mit deiner glut zu brennen Opitz
t. poeterei 20
ndr.; noch mehr! sie hat mit süszer zungen auch Ruszlands kaiserinn besungen Gottsched
ged. (1751) 191; das wort, welches die z. mit der musen gunst aus tiefer seele schöpft Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 2, 328
M. II@B@1212) z.
ist überhaupt, im anschlusz an die bibel, ein wort der frommen begeisterung und starken empfindung im gehobenen stil: dasz meine z. deine gerechtigkeit rühme
ps. 51, 16; zu ihm rief ich mit meinem munde und preisete ihn mit meiner z. 66, 17 (
u. ö. in den ps. und propheten Calwer bibelconc. 1443
bf.); lobet in frü und spat, die alten mit den jungen, frisch, mit fröhlichen zungen Burk. Waldis
psalter 269
a (
ps. 148); auch soll meine zunge singen täglich dein unzehlich heyl P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 410
b (
ps. 71); wenn unter hohen jubelvollen zungen ein süszer ton auch mir gerieth Ramler
lyr. ged. 102; erzählet die wunder gottes, heere, mit euern zungen! maler Müller 1, 78.
stehend sind dabei hundert, tausend, alle zungen: o dasz ich tausend zungen hätte und einen tausendfachen mund Joh. Mentzer
in Aug. Jac. Rambach anthol. christl. gesänge 4, 151; dasz das gebet um frieden von tausendmal tausend zungen ertönte Schiller 8, 361
G.: es heben sich tausend zungen, wir haben gedultet die lange nacht maler Müller 2, 124; der auserwehlten freud und lust geht uber alle zungen Simon Dach
Königsberger dichterkreis 80
ndr.; der name seines verfassers würde (
in Frankreich und England) auf aller zungen sein Lessing 10, 80
M. in verneinten und bedingten wendungen: denselben frid, freud und trost allen himlischen und menschlichen zungen unmüglich auszuosprechen ist Tauler
serm. (1508) B 1
a; reicher gott, gantz ungezalt, dein wunder sein so manigfalt, kein zung mags nit aussprechen P. Gengenbach 32
Göd.; sie weinte, und keine z. spricht die gewalt dieser thränen aus Göthe 21, 229
W.; und hättest du tausend zungen, du solltest mir meinen vorsatz nicht ausreden 21, 5
W. hierzu gehört auch die bebende, lallende, stammelnde z.: gieb antwort, liebes volck, was hastu doch gesungen, als du in stall eingingst mit den erbebten zungen und gott ein kind gesehn? A. Silesius
cherub. wandersmann 65
ndr.; und wenn meine zunge stammlet, o, so sollen nur allein dieser augen milde bäche zungen meiner ehrfurcht sein. ja, sie stammlet: sieh, o schöpfer, meines herzens altar rauchen! E. v. Kleist 1, 22
Sauer. II@B@1313) mit zungen reden
γλώσσαις λαλεῖν nennt das neue test. ein ekstatisches reden in den versammlungen der urgemeinde: in meinem namen werden sie teufel austreiben, mit neuen zungen reden
Marc. 16, 17.
Paulus rechnet es zu den geistlichen gaben: denn der mit zungen redet, redet nicht den menschen sondern gott
1. Kor. 14, 2 (
und weiter bis 12).
der formelhafte ausdruck musz seine erklärung im aramäischen oder hebräischen suchen, und die apostelgeschichte 2, 3—11
versteht ihn schon falsch, indem sie auf die gabe, mit jedem in seiner sprache zu reden, deutet Holtzmann-Zöpfel
lex. f. theol. u. kirchenwesen3 348,
gelegentlich im ursprünglichen sinne: alter weber erhebt sich wie vom geist getrieben und fängt an mit 'zungen' zu reden G. Hauptmann
die weber 62 (3.
akt).
meist allgemein von verzückter rede: dort hast du an der galvanischen batterie dich elektrisch geladen und fährst nun mit feurigen zungen auf mich los Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz 120; doch musz ich mit ihr singen, ach wie mit neuen zungen Fouqué
altsächs. bildersaal 1, 387; hat mancher katheder mir hohl geklungen, doch in der liebe nur hört ich zungen E.
M. Arndt
R.-M. 3, 144; im becher schäumt der wein, in zungen wird gesprochen P. Heyse 1, 171. II@CC. zunge
persönlich, nicht immer deutlich vom vorigen zu scheiden, beim plur. meist zu vermuten. II@C@11)
gelegentlich und kaum noch üblich in anerkennendem oder neutralem sinne: und mocht ich nun den pfarrer preisen, der do ein hoher lerer was und auch der kunst ein volles vasz, czu predigen ein glerte zungen
pfarrer v. Kalenberg 12
ndr.; schöner Damon, zung der hirten, Spee
trutz nachtigall 224
Balke; was sag ich von den klugen zungen, die durch der sprachen zierlichkeit der Franzen zartes ohr bezwungen Gottsched
ged. (1751) 213; bey der sich diese ... menschen so gehässig gemacht haben, dasz alle zungen gegen sie in klagen ausbrechen
M. I. Schmidt
gesch. d. Dtschen 3, 259. sie haben dich, heiliger Hafis, die mystische zunge genannt Göthe 6, 41
W.; von kriegsgefangenen, die aussagen machen sollen: als sich der feind .. gelägert hat, ist herr Loschanzi mit funffzig pferden und etlichen schützen, der Türcken wacht zu überfallen, nach besserer kuntschafft halber, zungen zu fahen, hinaus gefallen Megiser
ann. Carinth. 1459. II@C@22)
allgemein üblich von klatschenden und verleumdenden menschen: soll es .. drumb alles war seyn, was soliche boszhafftige zungen auf mich liegen? Karlstadt
bei Luther 18, 464
W.; fürste und andere vortreffliche leute sein gleich zu einem zweck und ziel gestelt, darnach alle gifftige zungen schieszen H. Rätel
chr. d. herz. Schlesien 573; oberst Szabô ..., unsere medisanteste z. Fontane I 4, 123; geschäftige, müszige, verleumderische, zwischentragende zungen.
böse zungen: hey, nun schlag der dunder dreyn, das böse zungen sindt so gemeyn Murner
schelmenzunft 2
ndr.; wenn böse zungen stechen, mir glimpf und namen brechen, so wil ich zähmen mich P. Gerhardt
bei Fischer-T. 3, 309
b; was hilft es dir, du findest dort tabak und böse zungen Göthe 2, 227
W.; der alte Humboldt, die böse z. fürst Pückler
briefw. u. tageb. 4, 131; die bösen zungen im dorfe L. Steub
drei sommer in tirol 1, 182; ich ler vil ee ein affen gygen dann ein böse zungen schwygen Murner
narrenbeschw. 184
ndr. falsche zungen: eine falsche z. hasset, der ihn strafet
ps. 26, 28; die falschen zungen durch ire argen gedancken und falsche red die zwey liebhabenden scheyden thetten Wickram 1, 80
Bolte; einer von diesen sang ein .. lied von seinem feinen liebchen und von den falschen zungen, die heimliche liebe ausschwätzen Arnim 1, 31.
oft nachgebildet das gebet des psalmisten: errette meine seele von den lügenmäulern und von den falschen zungen
ps. 120, 2,
z. b. Moscherosch
insomnis cura 91
ndr.; Venusgärtlein 50
ndr. sprichwörtl.: für böse zungen ist keine artzney Bas. Faber
thes. (1587) 521
a, hilft kein harnisch Dentzler 2, 368
a; einem ungezempten rosz ist besser zu trauen als einer bösen zungen Petri 2, t 4
b; es ist besser in disteln und dornen baden, denn mit falschen zungen sein beladen 2, A 3
b (
mehrf. belegt); II@DD. zunge
für die sprache der verschiedenen völker widerstrebt dem deutschen, wie den andern germ. sprachen auszer dem engl. kein gymnasiast lernt alte zungen,
es gibt keine flectierenden zungen
noch eine zungenwissenschaft.
diese verwendung ist dem lat. oder den roman. spr. nachgeahmt und ein wort des gelehrten oder literarisch gebildeten ausdrucks: poetis etiam zunge
pro sprache,
ut apud latinos lingua usurpatur Stieler 2655.
dieser gebrauch von z.
beginnt mit Otfrid
und Notker Graff 5, 681
f. (
auch gizungi Otfr. 5, 25, 11, gizungilo 1, 2, 33),
ist sehr beliebt in der mhd. geistlichen und höfischen dichtung s. th. 10, 1, 2729,
und hält sich noch lange, bes. unter dem einflusz der bibel Luthers
und in der barockliteratur bis ins 18.
jh., doch geben schon die alten wbb. stets sprache
oder rede
für lingua, linguagium, langue, langage, linguaggio: linguagium eyn sprach
voc. ex quo; lingua die zung
item underscheidung der rede ...
unde varietas linguarum ungleiche der rede oder sprach
et varias linguas scire mancherley sprachen wissen Dasypodius 118
a.
auch wird z.
gerne mit sprache
erläuternd verbunden: in unser sprache oder zungen Arigo
decam. 241
K.; zungen u. (oder) sprachen Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 3, 34
b; Harsdörfer
t. secretarius 1, 4
a; Lenz
ged. 27
Weinhold; Göthe IV 41, 142
W., sprachen u. zungen Keisersberg
bilgersch. (1512) 19
a; Knebel
chr. v. Kaisheim 347
lit. ver.; frembder zungen sprach Zinkgref
auserles. ged. 4
ndr. Adelung
erklärt es für veraltet, und Campe
rügt es unter Luthers
wörtern '
in hebräisch-griechischen redensarten'
wb. zur erklär. u. verdeutschung 43
b.
jetzt erscheint es uns als gesucht und alterthümelnd s. th. 10, 1, 2729,
und wird nur gelegentlich gebraucht, um mit dem ausdruck zu wechseln J. Grimm
vorr. V; X; XIV. mutterzunge,
das Luther 11, 323
W. einmal braucht, ist jetzt unmöglich. nur eine ma. hat es, vom ital. her: in de ünzar zunka Schmeller
cimbr. wb. 245. II@D@zz.
für '
sprache'
wird allgemein nur gebraucht, wo der unterschied der verschiedenen sprachen betont wird, der zungen underscheit
pass. 2, 46
Köpke. II@D@11) z.
von verschiedenen sprachen: das leben ... Esopi usz krichischer zungen im latin .. gemachet Steinhöwel
Äsop 4
lit. ver.; ein kostlicher poet, griechischer zungen kündig S. Franck
chr. Germ. (1538) 30
a; vilerley zungen Heyden
Plinius 5; Mithridates ... hatte völcker von 22 sprachen unter sich, denen er allen in ihrer zunge recht sprechen konte Grimmelshausen
Simpl. 112
ndr.; leider hab ich auch nicht die geringste anmuthung zu jenen östlichen zungen Göthe IV 38, 234.
an das zungenreden
der apostelgesch. anknüpfend, s. o. II B 13: mit zungen reden, verschiedene zungen verstehen Kramer 2, 1486
b; hier in Petersburg, wo sich wie zu einem groszen pfingstfest der begeisterung und erlösung die menschen und zungen aus allen völkern damals versammelten E.
M. Arndt 1, 149
R.-M. gelegentlich von mundarten: es hiesz, die Deutschen sollten ihre verschiedenen zungen durch einander mischen, um zu einer wahren volkseinheit zu gelangen Göthe 41, 1, 4
W.; die westphälische, die rheinische und bayerische z. reden durch einander im hause Görres br. 1, 287. II@D@22)
bes. von der eigenen sprache gegenüber der fremden und umgekehrt: er impfete daz êrste rîs in tiutischer zungen Gottfried v. Straszburg
Tristan 4737; ich dancke gott, das ich yn deutscher zungen meynen gott also höre und finde, als ich und sie mit myr alher nit funden haben Luther 1, 379
W.; ... weil man mit frembden zungen die edle muttersprach zu schänden aufgehört Rachel
sat. ged, 116
ndr.; unser deutsches volk hat zunge und gesinnung selbeigen Fouqué
gefühle und bilder 1, 219; II@D@33)
für die sprache als kennzeichen der volkseinheit: die germanisch nation begrifft die tütsch zung als wit die gat Tschudi
chr. helvet. 2, 87; aus dem stamme Catschar ..., welcher zur türkischen z. gehört Göthe 7, 249
W.; er steht an der spitze ... der historiker in germanischer z. Ranke 14, 19; so weit die deutsche zunge klingt E.
M. Arndt 4, 20. II@D@44) z.
für das durch die sprache zusammengehörende volk: so wê dir, tiuschiu zunge, wie stêt dîn ordenunge! Walther v.
d. Vogelweide 9, 8; könig Nebukadnezar allen völkern und zungen
Daniel 3, 31; mache ihre zunge uneins, herr, und lasz sie untergehen
ps. 55, 10; und hast uns gott erkauft mit deinem blut aus allerlei geschlecht und zungen und volk und heiden
offenb. Joh. 5, 9; du sihest wol, das sich zwen herren einer zungen in einem groszen lande selten betragen E. v. Ellenbogen
rechenk. (1536) A 2
a; sowohl Deutsche, als Ungarn, Böhmen ... und andere zungen Butschky
pathmos 183; mit einem groszen heer von beiden zungen Ranke 8, 12. II@D@55)
räumlich für das sprach- und volksgebiet, nû seht wies (
die minne) mich ûz mîner zungen ziuhet über mer Hartmann v. Aue
minnes. frühl. 218, 18; binnen dudischer tungen Sch.-L. 4, 631
b; nu bin ich von meiner natürlichen zungen aus eingeborner ererbten wohnung in fremde zung gewichen Hans Nuszberger bei Schmeller 2
2, 1135; dann gegen mittag hat sich die teutsche zung uber die Donaw bisz auff die höchsten Alpes ... erstreckt Stumpf
Schweizer chr. 53
b; bis an die grenzen der deutschen z. Ranke 25, 93. II@D@66) zungen
waren die landschaften oder nationen der ritterorden Eggers 2, 1410; Jablonski 1845
a: die stiftung der baierischen z. vom hohen orden st. Johannis von Jerusalem Zschokke 36, 81; die tempelherren der alten deutschen z. Gutzkow
ritter v. geiste 1, 30.
ähnl. tunghen von kopluden
Hanserec. 2, 233
bei Sch.-L. 4, 631
b. II@D@77)
übertragen: dieser (
Shakespeare) ... ist dollmetscher der natur in all ihren zungen Herder 5, 219
S.; die poesie ist die gemeinschaftliche zunge aller zeiten, geschlechter, alter und sitten A. W. Schlegel
Athen. 1, 172. IIIIII.
übertragungen, manchmal entlehnt nach lat. lingua,
frz. languette,
oft in übereinstimmender anschauung, vgl. zschr. f. dtsche wortf. 3, 237; 376. zunge
heiszen III@AA.
nach der gestalt III@A@11)
der geschätzte plattfisch pleuronectes solea L., lat. lingulaca, ein wort der nl. u. dtschen nordseeküste, nl. tonge (
fries. tong
gegen sonstiges tonge Dijkstraa 3, 300
a),
nd. tunge,
engl. tongue
nur in der fischerspr. gegenüber sole
engl. dial. dict. 6, 187,
der Ostsee fremd, wie die art, auch Adelung (
aus Anklam) kennt es nicht.
die geringere art der ostsee heiszt rotzunge,
von der die edlere art als seezunge in der küche unterschieden wird. zunge
ist früh ins hd. übernommen Diefenbach 331
b; Maaler 525
b,
wie nl. plateisse: dorsch, forellen, zungen, stint Brockes
ird. vergnügen 1, 308; eine z. und ein huhn ... machten nebst etwas brod und wein ein sehr gutes mittagsmahl aus G. Forster 7, 87. III@A@22)
an pflanzen blätter: zunge, zungenförmiges anhängsel oder blättchen Bischoff 115; perigon ... mit breiter ... stumpfer z. Schlechtendal 21, 296. III@A@33)
flache dachziegel mit einer spitze unten Stieler 2655,
auch dachzunge, biberschwanz Hübner-Rüder 4, 1017
a; Mothes 4, 524,
charakteristisch unterschieden von den in Niederdeutschland üblichen dachpfannen. vgl. zungenziegel. III@A@44)
am segel die schräge oder bogenförmig geschnittenen theile, gilling, Bobrik 316
b,
engl. goring Beil 1, 676. III@BB.
weil sie wie eine z.
sich vorstrecken, bewegen oder angebracht sind. III@B@11)
die bewegte flamme u. ä.: die z. des lichts, nehmlich seyn tocht A. Olearius
pers. baumgarten 1, 2; man sah das feuer als ein lebendiges, mit der z. leckendes thier an Jac. Grimm
kl. schr. 5, 253; schwarze fahnen droben (
am himmel), aus denen feurige zungen griffen Stifter 2, 112. III@B@22)
die spitze verlängerung des mittelstreifens in gespaltenen flaggen, unterscheidet die kriegsflagge z. b. in Schweden und Norwegen Stenzel 479; Bobrik 290
b. III@B@33)
in der landschaft ein schmales landstück, das sich in die see erstreckt: darnach zeucht eyn strich in das meer wie eyn zungen Carbach
Livius 366
b; der Lizonzo (
Isonzo) hat durch die erde, die er vom gebirge abgespült hat, eine z. in das meer hinausgelegt
allg. dtsche bibl. anh. zu 37—52, 498; eine sandige z. hat sich eingeschoben zwischen dem Haff und der Ostsee Laube
ges. schr. 1, 316; wir stiegen aus und gingen quer über die z. (Lido,
vorher erdzunge) Göthe 30, 137
W. ältere hd. wbb. kennen es nicht, s. Frisius 773
b.
im anord. war tunga
ein landrücken zwischen zwei zusammenlaufenden thälern, ähnliches steckt vielleicht in dem flurnamen in der zung Kehrein
Nassau 3, 629.
im hochgebirge zungen des firnschnees H. v. Barth
Kalkalpen 325; 521,
wie gletscherzunge.
dagegen zunge des meers
nur Josua 13, 2—5. III@B@44)
am mundstück von blasinstrumenten metallene blättchen, die beim anblasen schwingen, bes. an orgeln, Bendeler
organopöia f 4
b; O. Bie
klavier, orgel und harmonium 67: und absonderlich konte er das r nicht auszsprechen, sondern schnarrte, wie eine alte regalpfeife, die ein stücke von der z. verlohren hat Chr. Weise
die drei ärgsten erznarren 117
ndr. dazu zungenpfeifen,
s. u., zungenregister Beil 1, 676,