vornehm,
adj. ,
vgl.fürnehm
th. 4, 1, 1,
sp. 774 (
besonders auch über das schwanken zwischen für-
und vor-
im nhd.);
mhd. vürnæme
mhd. wb. 2, 371
b; Lexer 3, 604.
der zweite bestandtheil im ahd. im sinne von passend: quâtun iz ni zâmi,ni uuas in ther namo nâmi Otfrid 1, 9, 20,
vgl. got. waila andanems,
εὐπρόσδεκτος,
nhd. genehm, angenehm;
altn. næmr
hat sowohl passive, capiundus, wie active bedeutung, capiens; bei dem alter des verbaladjectivs ist die vermutung (Adelung,
von Kluge
aufgenommen),
dasz vornehm
dem lat. praecipuus nachgebildet sei, unwahrscheinlich; principalis vornemiste Diefenbach
gl. 459
c;
eximius vorneme 216
c; vornem,
excellens, praestans, [] egregius; der fürnemste herr,
primas, princeps inter proceres Stieler 1364; vornehm, fürnehm Kramer
teutschital. dict. 2 (1702) 123
c; für-
et vornehm Steinbach 2, 134; Adelung
verwirft fürnehm.
nd. förnäm, förnām ten Doornkaat-Koolman 1, 542;
mnd. auch vornamen, vornomen Schiller-Lübben 5, 409
b; 414
a. 11)
in vor-
liegt die vorstellung des auswählens aus einer weniger werten mehrheit, des vorzuges vor andern. während in älterer sprache diese vorstellung eine allgemeine ist, ist in der neueren eine verengung auf den vorzug durch geburt, rang und stand eingetreten (
nicht in vornehmlich).
da aber von diesem verengten sinne aus sich eine freie und übertragene anwendung entwickelt, so berührt und überschneidet sich der neuere gebrauch in mannigfacher weise mit dem älteren. 22)
von personen in allgemeiner bedeutung: undter disen heiligen wâren zwêne vornêmere an wirdikeit
myst. 1, 141
Pf.; der liste, di er von in gewan, der wart er ên vil vornême man Lamprecht
Alex. 200 (
var. frumer man); wie an tugenden der vornême zu Jhêrusalêm er quême
d. landgr. Ludwigs kreuzfahrt 201.
in dieser anwendung im entwickelten nhd. ungebräuchlich, vgl. aber: ein vornehmer autor, scribent,
un autor illustre, celebre, nominato Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 123
c; ist er melancholisch? wir wollen alle vornehme doctores und ärzte ... zusammen verschreiben Creizenach
schausp. engl. comöd. 159; unterdessen sehe ich nicht, dasz er durch den groszen polyhistor einen vornehmen mann verstehe, dessen ungemeine wissenschaft in allen dingen der gelehrten welt mehr als bekannt ist Leibniz
dt. schr. (1838) 2, 361; (
ich will) der regel eines vornehmen gottesgelehrten nachkommen
d. vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 23.
diese allgemeine bedeutung hat sich im schweiz. für personen und sachen gehalten schweiz. idiot. 4, 720. 33)
ebenso veraltet ist die anwendung in der früheren allgemeinen bedeutung bei unpersönlichen begriffen: vornemes werk,
facinus memorabile, gloriosum Stieler 1364; (
das) ist ein vorneme artzney Barth
weiberspiegel (1565) b 5
a; vornehme geschenck praesentiren Creizenach
schausp. engl. comöd. 288; und was darausz für vornehme züge in andere provincien vorgenommen seyn Micrälius
altes Pommerland (1646)
titel; dasz der könig zu Schweden nebenst andern auch die vornehme exploicte auf Demmin zum glücklichen ende gebracht hette Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 126;
wichtig, maszgebend, hauptsächlich u. ä.: die weinberge sonderlich drey vorneme hegung bedürffen W. Spangenberg
anm. weiszh. lustgarten (1621) 112; das binden ist ein vornehm stück, das ein chirurgus wissen musz v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 323; das war die vornehme ursache davon, dasz er itzt die heiligsten pflichten der religion verachtet Cramer
d. nord. aufseher (1758) 1, 109; aufs schlosz gen Prag, sag ich fürwahr, thun sie alsbald citieren die drei stände des königreichs, mit ihn da zu tractieren von etlichen vornehmen sachen Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 12
besonder: ausländische könige ..., so ... bishero ihr vornehmes absehen auf (
könig Adolfs) ... gewaltige qualiteten ... gehabt Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 7. —
hierbei findet leicht eine berührung zwischen der von dem verengten sinne (
s. oben unter 1)
ausgehenden anwendung und der älteren bedeutung statt. eine vornehme stadt
z. b. ist in moderner sprache eine gepflegte, aristokratische (
vgl. unten 5 b
α),
etwa im gegensatze zu einer fabriks- oder handelsstadt, in älterer dagegen eine vortreffliche, reiche, berühmte, mächtige, wichtige; in den zeiten des überganges läszt sich die bedeutung nicht immer scharf bestimmen: eine vornême stat in dem lande Nadrowe Nicolaus v. Jeroschin 4018
Strehlke; [] Nürnberg, eine vornehme reichs- und handelsstatt,
città illustre Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 123
c; zu Dresden und vornehmen orten Schweinichen 20
Ö.; (
Pelusium) dieser vornehmen festung in Egypten Lohenstein
Cleopatra (1680)
anm. zu v. 1025; vor jahren ist in einer vornehmen statt ein klayderpolicey auffkommen Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 105. —
wichtig: dasz die reiterey ... das zeughaus nebst andern vornehmen plätzen besetzen solte Lohenstein
Armin. (1689) 1, 60
a. 44)
zu beachten ist der gebrauch des superlat. im entwickelten nhd. er kann natürlich auch in dem verengten sinne von stand und rang gebraucht werden (aus einer der vornehmsten familien des landes),
anderseits bewahrt er, was schon Adelung
bemerkt hat, die ältere unter 2
und 3
behandelte bedeutung: '
im weitern verstande, was unter mehrern seiner art einen vorzüglichen werth, eine vorzügliche wichtigkeit und würde besitzet. in dieser bedeutung wird es nur noch im superlativ gebraucht, doch auch nur als beywort, von welchem die adverbische form nicht üblich ist.'
im allgemeinen ist zu bemerken, dasz sich der sprachgebrauch von dieser anwendung mehr und mehr entfernt. vor allem braucht man den superl. in dieser älteren bedeutung nicht mehr, wenn die steigerung in einem gleichgültigen oder üblen vorstellungsgebiete stattfindet: der vornehmste verschwörer
ist jetzt der durch geburt oder rang am höchsten stehende, früher auch der führende, maszgebende, tatkräftigste, wichtigste. 4@aa)
von personen: der vornemste minister,
primo ministro Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 124
a; von dem dise buoch am meysten under seinen brüdern, alsz dem vornemsten, meldung thuot
Aymon (1535) a 2
a; (
wurden) als die vornemsten rädelsführer gefangen genommen Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 162; er war einer der vornehmsten urheber des königlichen todes A. Gryphius (1698) 1, 361; die 3. grösten und vornehmsten narren Ch. Weise
erznarren 7
ndr.; einer der vornehmsten mitarbeiter an der allgemeinen bibliothek Lessing 10, 428
M.; ob er der einzige, oder der vornehmste verfasser sey Nicolai
literaturbr. (1759) 3, 55; welche sind wohl die vornehmsten schutzgötter Athens Meissner
Alcibiades (1781) 1, 102; einen verklärten lehrer mit seinen zwölf ersten und vornehmsten schülern Göthe 47, 227
W.; womit beweisen sie mir denn ..., dasz er nicht der vornehmste helfershelfer des Armeniers war Schiller 4, 254
G.; (
man) will die vornehmsten banquiers hier zusammenrufen Varnhagen v. Ense
tageb. (1881) 6, 234. von einem der vornehmsten agitatoren Ranke (1867) 4, 4. —
collectivum: sitz und wohnungen der vornembsten völker Rätel
Curäi chron. v. Schlesien (1607) 9. 4@bb)
auszerordentlich oft wird der superlativ im sinne der älteren, allgemeinen bedeutung auf unpersönliches bezogen. berührung mit der von der verengten bedeutung ausgehenden übertragung tritt natürlich leicht ein: und sind der vornembsten (
zuflüsse) eylffe Entzelt
altmärk. chron. (1579) 50
Bohm; als bestimmer und anzeiger der vornembsten ungewitter Nigrinus
von zäuberern, hexen (1592) 137; auf den vornemsten landstraszen sie (
bettler) sich allzeit finden lassen Mangold
marckschiff (1596) e 4; die vornehmsten (
nebenwörter) sind folgende Gottsched
dt. sprachk. (1748) 321; auf den vornehmsten knochen, die das gewand bedeket Winckelmann (1825) 5, 22; ich liefere die vornehmsten stellen der litteraturbriefe ausgezogen Herder 1, 146
S.; italiänische worte unter die vornehmsten stücke seiner jetzigen partitur Göthe IV 8, 284
W. 4@cc)
besonders tritt die fortdauer der älteren bedeutung beim superlativ hervor, wenn er auf unsinnliches bezogen hauptsächlichkeit, gröszte wichtigkeit und bedeutung bezeichnet. man beachte besonders die stelle aus Breitinger.
auch hier nimmt die neigung zu diesem gebrauch, die im 18.
jh., wie die belege zeigen, noch sehr stark ist, nach und nach ab, manche von den angeführten verbindungen sind in der sprache der gegenwart in gleichem sinne nicht mehr möglich: (
wollen wir) darthun, zu welchen jahren die vornehmsten
[] geschichten gehören Micrälius
altes Pommerland (1640) 1, 111; davon mit dem geschütz oder canonen die vornehmste defension geschieht v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 49; der drei vornehmsten lasterhaften neigungen, der wollust, der ehrsucht und des geitzes Breitinger
crit. dichtk. (1740) 1, 104; die vornehmsten hauptregeln (
der dichtkunst) Gottsched
crit. dichtk. (1751) 4; mein vornehmstes augenmerk Lessing 6, 5
M.; die vornehmsten erklärungen (
der fabel) 7, 420; was den vornehmsten punkt anlangt 2, 287; in orientalischen sprachen war seine vornehmste stärke 1, 295; die vornehmsten begebenheiten Herder 12, 179
S.; der vornehmste inhalt seiner gespräche Wieland
Agathon (1766) 2, 62; (
legt) den vornehmsten nachdruck auf ... Gerstenberg
Hamb. n. zeitg 219
lit.-dkm.; antwortet auf die vornehmsten einwürfe
allg. dt. bibl. 1, 1, 133; der erste und vornehmste schritt zur wiederherstellung der städtischen wohlfahrt Möser (1842) 1, 278; woran die reformation nicht den vornehmsten antheil gehabt hätte Schiller 8, 3
G.; die vornehmsten verhältnisse, welche der genitiv noch mit verbis ausdrückt, sind demnach folgende Adelung
lehrgebäude d. dt. spr. 2, 422; die vornehmsten umstände dieses phänomens
F. Th. v. Schubert (1823) 2, 75; von den zwei vornehmsten ungleichen des mondes Humboldt
kosmos (1845) 3, 61; eines der vornehmsten, unterscheidendsten merkmale des antiken und modernen dramas (
gebrauch der maske) O. Ludwig (1891) 5, 42; eine der vornehmsten forderungen Napoleons Ranke (1867) 40/41, 18. 4@dd)
einige verbindungen wirken fast formelhaft: (
wobei) unter diesen (
ursachen eines krieges) die vornehmste oder hauptursache von den geringern oder nebenursachen unterschieden ... wird Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 1; die vornehmsten ursachen meiner anherkunft Lessing 2, 79
M.; die vornehmste ursache der mannigfaltigen blattgestalten Göthe II 6, 34
W.; die vornehmste ursache von Europens befreyung Schiller 4, 95
G. — welches der poeterey vornehmster zweck ist (
nutzen und vergnügen) Opitz
poeterei 14
ndr.; zu ihrem (
der dichter) vornehmsten endzwecke Lessing 7, 438
M.; die vornehmste absicht folgender aufsätze 9, 5; vornehmste sorge eines schriftsteller geht dahin ... Rabener (1777) 1, 187. — bei ihm (
Lessing) ist der vornehmste gegenstand der poesie handlungen Herder 3, 138
S.; leidenschaften sind der vornehmste gegenstand der musik und der tanzkunst Ramler
einl. in d. schönen wiss. (1758) 1, 207; der vornehmste gegenstand der religion D. Fr. Strausz (1876) 6, 31. — diesem vornehmsten stück des wahren christenthumbs Moscherosch
insomnis cura par. 90
ndr.; (
welches) in den mappen eines der vornehmsten stücke ist (
dasz die flüsse benannt sind) Birken
d. verm. Donaustrand (1684)
vorr. 5; erläuterung der vornehmsten stücke im begriffe des verdienstes Abbt (1768) 6, 1, 13. — wenn ihr vornehmstes geschäft seyn musz, den wortverstand deutlich zu machen Lessing 8, 7
M.; ich fuhr fort, die verbesserung derselben nach den grundsäzen der orphischen philosophie mein vornehmstes geschäfte seyn zu lassen Wieland
Agathon (1766) 1, 275. 4@ee)
substantiviert: das meiste und vornehmste dieser kunst
M. Böhme
roszartzney (1618)
vorr. 4
b; ich will das vornehmste drausz (
aus den akten) hierher setzen Thomasius
ged. u. erinn. (1720) 1, 4; das ist das vornehmste nicht, sondern dieses ist eine nebensache Schwabe
belust. (1741) 1, 108; das vornehmste, was man wider die comödie in versen vorzubringen hat J. E. Schlegel (1761) 3, 74; Laura ist munter und schön, und was das vornehmste ist, sie ist die tochter eines weiberfeinds Lessing 2, 11
M.; das vornehmste (
wichtigste) davon ist, dasz er kein wort davon erfahren soll Ayrenhoff (1814) 4, 15; ich habe ein treues tagbuch geführt und das vornehmste, was ich gesehn, was ich gedacht, aufgeschrieben Göthe IV 8, 23
W. 4@ff)
das adv. wie vornehmlich: wie der Hippocrates der groszen weiszheit quellen vornembst hat wollen in den leib des menschen stellen Wesselius
bei Zinkgref
auserl. ged. 45
ndr. [] 55)
in eingeengter bedeutung von höherem rang und stand, edler herkunft, hoher gesellschaftlicher stellung, die auch durch reichthum erworben werden kann, wenn sie mit feiner lebenshaltung verbunden ist; für bauern aber kann vornehm
und reich
gleichbedeutend sein Müller-Fraureuth 2, 629
a. 5@aa)
durch einen gegensatz bestimmt: bey vornehmen und gemeinen Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740)
vorrede 3; weil der pöbel noch sein gefühl hat, das bey vornehmern ... verderbt und geschwächt wird Lessing 2, 320
M.; (
kampf) des vornehmen schurken mit dem edeln armen Miller
ged. (1783) 451; vornehme und niedere Bürger 322
Bohtz; betragen der vornehmen gegen geringere Göthe 22, 17
W.; vornehm oder bürgerlich macht hier keinen unterschied
Athenäum 2, 6; trennung zwischen vornehmen und volk Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 219; bei vornehm und gering wohlgelittner mann Gaudy (1844) 3, 111; all das vornehme und geringe gesindel Mommsen
röm. gesch. 3
4, 5; der gott des Olympos ertheilet selber den menschen, vornehm oder geringe (
ἐσθλοἶς ἠδὲ κακοῖσιν) ... ihr schicksal Voss
Od. 6, 189
Bernays. auf thiere übertragen: fisch grosze, fisch kleine, vornehme und gmeine erheben die köpf A. v. Arnim 13, 364. 5@bb)
ohne solchen gegensatz von personen: primates ... die vornembste herrn Zehner
nomencl. (1645) 98; vornehmer leute kind,
figliuolo di buona casa Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 123
c; (
ich bin) von einer vornehmen adelspersonen glaubwirdig berichtet Ringwaldt
christl. warnung (1588) a 2
b; ein vornemer des rahts Rätel
Curäi chron. v. Schlesien (1607) I; was biszanhero von einem und dem andern, auch vornemen leuten, ... ist begehret worden Opitz
poeterei 3
ndr.; aus dem keller vornehmer und herrlicher leute Prätorius
saturnalia (1663) 5; ein vornehmer prälat Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 15; war es eine vornehme leiche v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 369
b; groszen herrn und andern vornehmen standespersonen Heppe
aufrichtiger lehrprinz (1751) 12; unter diesen reichen und vornehmen anbetern Lessing 2, 330
M.; ein vornehmes frauenzimmer musz sich niemals als nur mit artigkeiten beschäfftigen Geszner (1777) 2, 147; ei, sieh den vornehmen herrn Göthe 13, 1, 191
W.; vornehme wichtigthuer Gervinus
gesch. d. 19.
jh. (1855) 4, 254; ein vornehmer schwachkopf W. H. Riehl
d. dt. arbeit (1861) 23; trinken wir jetzt noch kaffe hier? vornehme genieszen ihn gleich nach der mahlzeit Voss
ged. (1802) 1, 13; es ist gar nichts an einem feste ohne wohlgeputzte vornehme gäste Göthe 38, 50
W.; mein schatz hat kein band und kein stern, kein kreuz wie die vornehmen herrn Mörike 1, 66
Göschen. prädicativ: ich bin nicht vornehm genug, dasz meine häuslichen verhältnisse einen zeitungsartikel verdienen Göthe IV 19, 516
W.; Duperré, der ... fast so vornehm war wie die Montmorencys Fontane I 5, 67; kan man sich denn vornehm essen? umgedreht! wer kostbar speist, kan sich leicht zum bettler fressen Stoppe
Parnasz (1735) 222; Elmire, die sonst nichts von mutterpflicht gewuszt, zu vornehm, etwas mehr als ihren mops zu lieben Pfeffel
poet. versuche (1812) 1, 35.
redensarten: es musz etwas vornehmes seyn,
dee esser ... persona di conto, di riguardo Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 123
c; er will etwas vornehmes vorstellen,
il fait l'homme d'importance Schwan
nouv. dict. (1783) 2, 972
b; es ist nichts vornehmes,
keine vornehme person Adelung; der sah recht nach etwas vornehmen aus Schiller 14, 182. —
auf thiere und pflanzen übertragen: ein gar schöner vornehmer sperber Tieck (1828) 1, 187; die vornehmen vögel (geyer, habichte, weihen, falken, raben) Brentano (1852) 5, 19; im alten Maurenreiche Granada, unter den vornehmen
[] granatbäumen zu liegen Laube (1875) 8, 2. —
ironisch von einem menschen: vor diesem dacht ich mit der zeit ein grosz und vornehm thier zu werden J. Chr. Günther
ged. (1735) 196. 5@cc)
von mehrheiten: vornehme kreise, die vornehme welt, die vornehmen stände, familien
u. ä.: ein vornehmes geschlecht, hausz Kramer
teutsch-ital. dict. 2 (1702) 123
c; von Wangenheim, ... ein vornemes, uhraltes und weitberühmtes geschlecht Binhardus
thür. chron. (1613)
vorr. c 2
a; den vornembsten ständen Moscherosch
ges. (1650) 189; den knaben vermuthet er von vornehmen hause Göthe 24, 118
W.; die dokumente seiner vornehmen familie Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 5; die gesamte vornehme welt zog nach der stadt zurück Mörike 3, 35
Göschen; da läutete sie zugleich die ganze vornehme gesellschaft zusammen Fontane I 5, 71. 5@dd)
auch auf unpersönliches bezogen kann bei vornehm
die gesellschaftliche bedeutung scharf hervortreten, die zugehörigkeit zu personen von rang und stand, ihrer art und lebenshaltung betont werden: (
reichthümer) machen edel und seynd ursachen vornembster heurathen Lehman
floril. polit. (1662) 3, 188; auff einem vornehmen edelsitze Prätorius
anthropodemus pluton. (1666) 1, 43; dasz er den morgigen tag bey einer vornehmen mahlzeit werde als ein gast sitzen Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 3; dero vornehmen wohlwollen mich gehorsamst zu emtfehlen Spannutius (1720) 858; bey einer vollzogenen vornehmen eheverbindung Gottsched
ged. 1 (1751) 254; der geist und der geschmack einer nation sind nicht unter ihren gelehrten und leuten von vornehmer erziehung zu suchen Herder 1, 302
S.; eine dame, mit all den gichtern und vornehmen gebrechen beladen, welche
u. s. w. Musäus
volksm. 1, 55
H.; wenigstens vornehmen bürgerlichen standes E. Th. Hoffmann 14, 154
Gr.; wenn aber vornehme weiblichkeit ihr zumutet, in ohnmacht zu fallen, so laszt sie liegen Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 2, 50; Erasmus, der seine vornehmen verbindungen sorgfältig aufrecht erhielt Ranke (1867) 2, 85. 66)
der neueren sprache gehört dann wieder die erweiterung, freie ausbildung und vertiefung der verengten bedeutung an. im letzten grunde handelt es sich auch bei solcher anwendung immer um die vorstellung einer auswahl aus einer menge, eines gegensatzes gegen geringeres. die beziehung auf die gesellschaftliche schichtung kann zurücktreten, schwinden, sodasz eine abstufung in höherem sinne nach wahrhaft edlen werten vorgenommen wird, doch kann auch jene beziehung mit inbegriffen sein, insofern die höhere gesellschaftschicht leichter auch zu inneren vorzügen gelangt. vornehm
tritt dann ferner auf das gebiet der ästhetischen vorstellungen über, immer den gegensatz zum gewöhnlichen festhaltend, aufsteigend zu den höheren begriffen der kunst. es ist klar, dasz die färbungen der bedeutung je nach dem zusammenhange wechseln oder auch sich verbinden und scharfe sonderung nicht immer zulassen. zu beachten ist dann auch, dasz das adj., wobei an rang und stand gedacht wird, leicht in ironisch herabsetzender weise gebraucht werden kann. 6@aa)
von persönlichem: das schicksal ... ist ein vornehmer, aber theurer hofmeister Göthe 21, 192
W.; mein bruder George, der vornehmste aller menschen Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 121; wenn tote reisen, brauchen sie geleit wie fürsten, weil sie zu vornehm sind, noch eine hand zu rühren W. Schäfer
erz. schr. (1918) 1, 121. 6@bb)
in unerschöpflicher fülle und vielfältiger anwendung auf unpersönliches bezogen. 6@b@aα)
gegenständliches: eine vornehme stadt,
deren bewohner überwiegend den bessern klassen angehören, die von dem getriebe und dem lärm des verkehrs, des handels und der industrie frei ist und das auch im geschmack der bauten, der anlage der straszen, plätze und parke zeigt, vgl. die ältere bedeutung unter 3: das verödete Trastevere, einst die vornehme stadt Moltke
schr. u. denkw. (1892) 1, 164. — durch die vornehmsten straszen der stadt Göthe 21,
[] 164
W.; die vornehmen bürgerhäuser ... geben zum theil anspruchsvolle façaden W. Alexis
ruhe ist d. erste bürgerpflicht (1852) 1, 43; einen koch aus einem der vornehmen gasthäuser Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 1, 26; deutsches leben hatte dort (
in Straszburg) seine vornehme werkstatt gehabt W. Schäfer
d. 13
bücher d. dt. seele (1925) 284. — blieben endlich beide bey einem springbrunnen, der vornehmsten zierde dieses weitläuftigen baues stehen Meissner
skizzen (1778) 1, 5; die empfangsräume des schlosses sind sehr vornehm Moltke
schr. u. denkw. (1892) 6, 295; vor dem ersten gasthof ... hielt das vornehme fuhrwerk G. Keller (1889) 5, 13. — reichere und vornehmere gegenden mögen eine solche (
die Champagne) freilich geringschätzig behandeln Göthe 33, 83
W.; über den scharfen first wegbalancirend stand ich eine minute später auf dem vornehmsten unter ihnen (
dem teufelsbrocken des gipfels) H. v. Barth
Kalkalpen (1874) 385; der vornehmste charakterbaum der altenglischen landschaft war ... die eiche Hoops
waldbäume u. kulturpfl. (1905) 259. — die rechte (
hand) ist überhaupt stärker und vornehmer
rechtsaltert.4 1, 93. —
im ästhetischen sinne: diese vornehmste farbe (
purpur) Göthe II 2, 227
W. 6@b@bβ)
sehr oft von charakterisierender erscheinung, haltung, benehmen u. ä.: sich selbst einen vornehmen anstand ... geben Göthe 22, 149
W. (
von) vornehmen manieren zur ungebundenen freiheit einfach-bürgerlicher formen zurückkehren Holtei
erz. schr. (1861) 5, 31; in vornehmer zurückhaltung
vierzig jahre (1843) 2, 379; ihr leises und vornehmes sprechen O. Ludwig (1891) 2, 55; jünglinge mit tiefen vornehmen augen Storm (1899) 1, 157; die vornehmste erscheinung ... war graf Drosselstein Fontane I 1, 171; ihr einfaches und dabei vornehmes auftreten W. v. Polenz
Grabenhäger (1897) 1, 22; dieses fein gebildete, vornehme angesicht Watzlik
d. pfarrer v. Dornloh (1930) 215. — vornehmer ton
im eigentlichen und häufig in übertragenem sinne: es war auch etwas vornehmes in ihrem tone O. Ludwig (1891) 2, 390; in diesen kreisen herrscht ein vornehmer ton; vornehm nennst du den ton der neuen propheten? Göthe 5, 214
W. 6@b@gγ)
innere eigenschaften: vornehmer charakter, vornehme gesinnung: mit ihrer kalten, vornehmen sittenstrenge D. Fr. Strausz (1876) 3, 221; mit vornehmen jägerhumor Scheffel (1907) 3, 104; (
Botho Eulenburg) ist gescheidt, elegant, eine vornehmere natur als Harry von Arnim Bismarck
ged. u. erinn. 2, 216
volksausg.; dem schönen, das die ganze welt dir zeigt, geh spähend nach, bis es dein trieb erreicht. vornehmer geiz! so musz man schätze häufen Herder 23, 96
S. 6@b@dδ)
beachte noch folgende verbindungen: o mensch, die grausam vornehme naturlehre ist nicht immer gewesen, dasz die thiere nichts als empfindungslose maschinen (
seien) Herder 6, 26
S.: Kants aufsatz über die vornehme art zu philosophiren Göthe IV 11, 140
W.; wir verlangen, dasz die kunst vornehm sei Fr. Schlegel (1846) 4, 30; katholisch sei doch im ganzen vornehmer, protestantisch ist ja jeder dumme junge Bismarck
ged. u. erinn. 2, 198. —
auf sprache und wörter bezogen: den vornehmen namen guter geschmack (buon gusto) hatten Spanier und Italiäner von den Römern geerbet Herder 22, 34
S.; beiderlei stammsilben der vornehmeren und geringeren wortarten Voss
zeitmessung d. dt. spr. (1802) 20; afterreden, oder in einem vornehmern ausdruck, medisiren Lichtenberg
nachlasz (1899) 61. 77)
das wort kann dann mit leichter oder stärkerer ironie, auch geradezu herabsetzend gebraucht werden, besonders als adv. (
s. unten 7 c, d):
presumptuosus vurneme Diefenbach
gloss. 457
c;
stolz, hochmütig schweiz. idiot. 4, 720: ungeheuer, die hrn. Kl. (
Klotzens) vornehmes auge beleidigen Herder 3, 419
S.; zwölf sind ein vornehmes heer Schiller
Fiesko 2, 8; so kommt ihr politiker und beweiset uns mit geheimniszvoller und vornehmer miene, dasz ... Schleiermacher (1834) I 5, 5; Luischen wird
[] ja recht vornehm, dasz sie sich vor mir verläugnen läszt Langbein (1835) 31, 52; vornehme oberflächlichkeit Arndt (1892) 1, 69; es gilt für vornehm, über den eigenen beruf als einen erbärmlichen zu räsonniren W. H. Riehl
d. dt. arbeit (1861) 21; dann weite plätze, breite straszen, vornehmen schein sich anzumaszen Göthe
Faust 10045; wirf endlich diese stelzen weg vornehmer gleisnerei Platen 1, 82
R. 88)
als adv. sowohl im eigentlichen sinne, dann aber von diesem gelöst und verallgemeinert oder auch im ironischen, spöttischen herabsetzenden sinne. in engerer verbindung mit einem adj. kann das wort adverbiale oder adjectivische bedeutung haben. 8@aa) nachdem eine schüssel selten, das ist vornehm gehalten (
vorgesetzt wird) Hippel
lebensl. (1778) 1, 466; findest du mich nicht elegant und vornehm gekleidet? Göthe 17, 140
W.; nimmt eine vornehm-nachlässige lage an Schiller
kab. u. liebe 4, 6; vornehm-sittige zierlichkeit Fouqué
zauberring (1812) 1, 6; der handschuh duftete so fein, so vornehm Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 272; (
das) vornehmprächtige antlitz Immermann 1, 149
B.; o, gräfin Hahn, sie sind nicht so vornehm geboren als ich fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 1, 340; hält er sich noch immer vornehm-aufrecht Hebbel
tageb. 4, 26
W.; nur schlosz B. sah immer gleich grau und vornehm auf die hütten herab A. v. Droste-Hülshoff 2 (1878) 304
Cotta; zu fein und zart, zu innerlich und vornehm ... beschaffen G. Keller (1889) 2, 118; des vornehmreligiösen erziehers 1, 284. vornehm ausgestattete himmelwiege Fontane I 5, 7; wenn der könig nicht zu vornehm dazu gedacht hätte Bismarck
ged. u. erinn. 1, 632
volksausg.; deszwegen er, im nahen bad, in den sogenannten salon eintrat. verblüfft war er gleich an der thür, als wenns ihm zu vornehm widerführ Göthe 16, 113
W.; und sieh du noch so stolz und vornehm drein Fouqué
held d. nordens (1810) 3, 34. 8@bb)
in mundarten bedeutet vornehm reden
soviel wie schriftdeutsch reden Albrecht
Leipziger mundart 232
b; Christa
Trierer mundart 2, 211
b. —
dagegen wird schweizerisch das adv. im sinne von gut, trefflich gebraucht schweiz. idiot. 4, 721. 8@cc)
mit leichterer oder stärkerer ironie: kennerstolz, dem das kunsturtheil in einem vornehm-entscheidenden kitzel auf der zunge wohnt Herder 22, 210
S.; in seinem vornehm-niedrigen wahn 23, 227; die vornehm aufgeregte trivialität Sturz (1779) 1, 214; es spricht sich vornehm und bequem von der realität der ideen nach Platon Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 604; Trimalch ist vornehm still, denkt viel, und denkt doch nichts Schwabe
belust. (1741) 2, 392; der herr dort, der sich vornehm bläht Chr.
F. Weisze
lieder f. kinder (1767) 54; vornehm schaut ihr im glück auf den blinden empiriker nieder Göthe 5, 306
W.; ein ding, das demuthsvoll sich in die ecke drückt. und ehmann heiszt, wird vornehm angeblickt Schiller 6, 30
G. 8@dd)
besonders tritt die verschlimmerte bedeutung in der wendung vornehm tun
hervor: dasz sie den zwang, die pracht und das vornehmthun hasse
d. neueste aus d. anmuth. gelehrs. (1751) 1, 58; und doch zieht der kerl immerfort seine ewige knickersilhouette, die immer magerer wird, je vornehmer er thut Göthe IV 29, 76
W.; eine vornehm thuende zweifelsucht Humboldt
kosmos (1845) 1, 140; (
redensart:) er thut so vornehm, als wäre dreck sein vetter Holtei
bei Wander
sprichw.-lex. 4, 1695; das prüde vornehmthun jener literarischen aristokratie Eichendorff (1864) 3, 168; das ist ein ewiges nasenrümpfen und vornehmtun von dir Fontane I 1, 300; die hat sich endlich auch bethört. das ist das vornehmthun! Göthe
Faust 5548