selb ,
pronomen. II.
herkunft und formen. I@11) selb
ist ein allen germanischen sprachen gemeinsames wort, das sich über das germanische hinaus nicht verfolgen läszt. wenigstens ist eine einigermaszen einleuchtende etymologie noch nicht gefunden. J.
Grimm gramm. 3, 6 (
s. auch kl. schr. 3, 266)
nimmt vermutungsweise zusammensetzung aus *si - liba '
das in sich verharrende'
an, aber niemand wird für das urgermanische vollständigen ausfall des wurzelvocals im 2.
theile zugeben. (
nach ihm Weigand 2, 690.) Grimm
selbst wies auch schon auf slav. svoj, Suevus
hin, gesch. d. d. spr.3 228;
bestimmter stellt Noreen
urg. lautl. 218
das wort zu dem stamme swi- (swikunþs, swes
u. s. w.),
aber die entgegenstehenden lautlichen bedenken —
der anlaut ist im germanischen sonst deutlich sw,
eine l -
ableitung ist kaum bezeugt, und die doppelte ableitung mit zwei ziemlich seltnen suffixen um so weniger glaublich —
sind doch zu grosz. der hinweis auf altir. selb '
besitz, eigenthum'
fruchtet nicht, da dieses (
urkelt. selvâ)
offenbar zu selaim '
ich nehme' (
vgl. germ. saljan)
gehört, s. Fick4 2, 301
f., man müszte denn schon (
mit Kluge
4 325
b)
eine besondere ableitung aus derselben wurzel mit dem sinne '
besitzer'
annehmen (
nach der analogie von lit. pats '
selbst',
ursprünglich '
herr').
noch weniger ist natürlich mit altpreusz. suba '
selbst'
anzufangen, vgl. Fick
3 3, 329
und 2, 776.
der ursprung musz daher einstweilen unerklärt bleiben. I@22)
die formen der einzelnen germanischen sprachen vereinigen sich ohne schwierigkeit in der urgerm. stammform selba-,
nur die flexionsweise zeigt verschiedenheit, vgl. die zusammenstellung bei Grimm
gramm. 3, 5
ff. got. silba
flectiert stets schwach (
gewöhnlich ohne artikel, αὐτός,
s. Grimm
gramm. 4, 519),
dagegen altn. sjalfr, sjálfr
nur stark (
vgl. zeitschr. f. d. phil. 5, 225);
ihm entspricht schwed. sjelv,
norw. sjøl(v)
mit vielen nebenformen, s. Aasen 657
a,
dagegen dän. selv.
im westgermanischen gewöhnlich starke und schwache flexion neben einander, so altengl. self, seolf, sylf,
s. Bosworth-Toller 860;
altfries. self
und selva, -e,
s. Richthofen 1004
b f. Paul
grundr. 1, 774.
alts. self
und selBo,
altnfr. self
und selvo,
ahd. selbêr
und selbo Graff 6, 193—213.
neben e
zeigen longobardische namen überwiegend i: Silbo, -ula, Silverad
und Selberada, -ramus,
s. Bruckner
s. 302
b.
assimilation des lb (lv)
begegnet vereinzelt schon im 11. (
bez. 12.)
jahrh.: imo sellin zi wîʒʒi mêriter unsir lô
n. summa theol. 21, 10 (
denkm.3 1,
s. 121,
vgl. die anm. 2,
s. 213),
häufiger erst in neuern mundarten, s. u. 4.
mhd. selp,
mitteld. auch self,
vereinzelt salb,
s. Lexer
handwb. 2, 867.
mnd. gewöhnlich sulf,
seltner self (
z. b. durchgehends im Sachsenspiegel), silf (
z. b. d. städtechron. 6, 58, 8,
s. II, 1), solf
Schiller-Lübben 4, 463
b f.,
vgl. 3,
b. I@33)
für die weitere geschichte der formen im deutschen ist die verwendung in betracht zu ziehen. hier sind zwei hauptgruppen zu unterscheiden. I@3@aa)
mit dem artikel als ausdruck der identität, derselbe,
idem, griech. ὁ αὐτός.
hier ist die schwache flexion natürlich obligat und bis heute unverändert erhalten (
mhd. nhd. der selbe,
mnd. de sulve,
mnl. die selve).
zu beachten ist, dasz diese gebrauchsweise der ostgerm. gruppe fast ganz fehlt, die dafür ein anderes pronomen verwendet, got. sa sama (
doch in den briefen auch þata silbo),
altnord. sá same,
dän. schwed. den samme.
auch das heutige engl. verwendet im allgemeinen nur the same (
auch self same).
für das einfache (der)selb(e)
begegnen auch weiterbildungen, wie selbig, selbt (
s. daselbst),
mnd. de sulveste, de sulfte. —
über eine jüngere, mundartliche anwendung der starken flexion ohne artikel im abgeschwächten sinne eines gewöhnlichen demonstrativpronomens (selber
bez. selbiger)
sieh unten II, 2. I@3@bb)
ohne artikel, als verstärkung neben einem nomen oder pronomen, wie lat. ipse, griech. αὐτός.
auch in dieser bedeutung wendet das got. die schwache flexion an, die nordischen sprachen und das engl. dagegen nur die starke. in den neuern sprachen, dänisch, schwed. und engl. ist daher die unveränderte (
starke)
stammform überhaupt die einzige in gewöhnlicher rede übliche; in den westgermanischen sprachen des festlandes dagegen ist der ursprüngliche zustand insofern besser erhalten (
besonders im mnl.),
als hier auch in diesem sinne die ältere schwache flexion sich neben der jüngern erhalten hat. beide werden ohne durchgreifenden unterschied nach belieben verwendet. die hierdurch hervorgerufene unsicherheit ist dann wol ursache gewesen, dasz allmählich auch einzelne flectierte casusformen über ihr gebiet hinausgegriffen und allgemeine geltung erhalten haben. solche erstarrten casusformen sind (
besonders im hd.)
namentlich der starke nom. sing. masc. selber, in älterer sprache auch die schwache form selben und der starke gen. sing. selb(e)s. indem an selber
und selb(e)s
das so häufige unorganische t
angehängt wurde, entstanden selbert und die heutige normalform selbst, die noch einmal um -en
erweitert werden kann: selbsten. alle diese formen, die meist schon in mhd. zeit begegnen, sind im folgenden der bessern übersicht wegen als gesonderte artikel behandelt. sie sind zumeist nicht auf das hd. beschränkt, vgl. mnd. sulf, sullef, sulve, sulven, sulves, sulvest, sulft. Lübben
mnd. gramm. 118;
mnl. selve (
woneben noch kein self
als nom.!), selven, selver. Franck
mnl. gramm. § 236. I@44)
noch gröszer ist die mannigfaltigkeit, wenn man die lebenden mundarten ins auge faszt; auch hier ist für die endungen auf die einzelnen artikel zu verweisen. hier weist auch die gestalt des stammes varianten auf, im hd. seltner durch ausweichung des vocals (
zu a),
als durch assimilation der folgenden consonanten, wobei meistens das l
über das b
siegt, zuweilen auch schwindet. die hauptformen sind: schweiz. selb
und sell,
vgl. besonders Hunziker 228 (sëlb, sël, de sël
nie mit subst.; de sëb, sëbe,
besonders in wiederholung), säll,
auch seäll
Frommann 6, 120, 50;
schwäb. sèll, säll(er);
bair.-östr. sell, sall (
genauer sêel,
schwäb. sèell,
s. Schm. 2, 263),
vgl. die fülle der nebenformen bei Schöpf 669 (selber, -erst, -en, selm, selbs, sett, salt),
tirol. auch seb Frommann 3, 324.
cimbr. mit erhaltenem lb: selbo
cimbr. wörterb. 230
a,
ebenso in der Heanzenmundart, s. Frommann 6, 344.
in den mitteldeutsehen mundarten ist die stammform sell
noch entschiedner herrschend, das b
bez. w
hält sich öfter in den formen mit endung, wie thür. selwer Hertel
sprachsch. 227 (
im ältern köln. self, de selve,
s. Frommann 2, 452
a).
in den östlichen mundarten geht e
zuweilen in a
über, so thür. (salbanderde, sald
für selbt, salg
für selbig) Hertel
a. a. o., schles. salte
neben selte,
andrerseits der sille
neben selle,
s. Weinhold d. dialectforschung s. 142. —
im nd. ist e,
wie schon im mnd., fast durchweg durch ü (u
nur im brem. wb. 4, 1091)
vertreten, assimilation im allgemeinen unbekannt, also sülf, de sülve
u. s. w. e
ist geblieben nur im westfälischen, s. Woeste 235
a (self, selwer),
und märkischen (dai selftige) Frommann 3, 268, 17. 5, 138, 16.
vereinzeltes self
im ostfries. s. Stürenburg 243
b und unten. formen neufries. mundarten verzeichnet Siebs
in Pauls
grundr. 1, 774:
westfr. sæls, desælde,
nordfrs. sælw, sjælw, salew, sàlw, dî sælwe
u. s. w., saterl. sælwn, dî sælge,
wangerog. sylfst, sylwnst, dan sylwe,
wovon letztere formen ganz zum nd. stimmen. IIII.
verwendung. II@11)
mit dem bestimmten artikel als ausdruck der identität, derselbe.
diese dem westgerm. eigene gebrauchsweise ist im deutschen zu allen zeiten in gleicher weise üblich gewesen, vgl. I, 3,
a. auch heute in unverminderter geltung; nur einige mundarten meiden sie und verwenden dafür andre ausdrücke, so das bair. der nemliche,
s. Schm. 2, 263,
das ungar. der sämb Schröer 206
a. derselbe
wird jetzt als ein wort geschrieben, daher schon als solches behandelt, s. theil 2, 1022—24.
s. auch die weiterbildungen selbig
und selbt. II@1@aa)
im vollen sinne, wie griech. ὁ αὐτός,
lat. idem,
franz. le même: huuelîh ist avur nû dhese druhtîn fona uuerodheoda druhtîne chisendit, nibu avur dher selbo druhtîn nerrendeo Christ?
Isidor 12, 11
Hench; giburita thô thaʒ sum biscof nidar steig in themo selben uuege.
Tatian 128, 8; des silven daghes sede we öme, dat Kokerbeke sin voghet usen bref in dat hör warp.
d. städtechron. 6, 58, 8; wente got, de alderwegen is, he en wilt nicht vorgeten, mit dem sulven scheppel wil he wedder meten.
des dodes danz 1152
Bäthcke; mancher selber die ehe bricht: den neme ich zu der selben stundt mit mir in der hellen grundt.
Alsf. passionssp. 404;
nhd.: der colonel sagte, das sei das kennzeichen eines echten stammes, dasz er verschieden gefärbte blüthen treibe, und jede doch durchdrungen vom selben saft und athem. Alexis
Isegrimm 333;
so auch: daʒ feur ist hitziger in grôʒer materi, wann ob der selbenlai materi klainer wær. Megenberg 73, 19. —
als verstärkung tritt gern eben
hinzu: eben das selb,
idem hoc ipsum Maaler 369
d; eben zum selben mal, wie disz obgenannter zuo Speyer erzelete .., geschach gleiches falls von einem doctor.
Kirchhof wendunm. 1, 164
Österley (1, 134); eben zur selben zeit, wird es auch dem stadthalter kundt gethan. Olearius
pers. rosenth. 72
a (5, 19). II@1@bb)
substantivisch: der selbe war es,
is ipse erat. Steinbach 2, 577; iʒ ist ther selbo rehto, ... ther blintêr untar uns saʒ. Otfrid 3, 20, 34.
so in der ältern sprache in adverbialischen redeweisen, die jetzt nicht mehr üblich sind: II@1@b@aα)
zeitlich in dem selben (
augenblicke, zeitabschnitte): und in dem selben hetten do die haiden ir spech und vielen über die cristen.
d. chron. 2, 359, 32; in den selben zeiten da cham daʒ groʒ wirdig heiltum von Pecham gen Nürmberg .. auch in demselben da ward der kaiser von Kriechenland underweiset von dem Römischen kaiser Sigmund. 365, 18
f. II@1@b@bβ)
im genitiv der art und weise: swaʒ hûte bî mir ist, eʒn welle haben gûte site, ich spil im des selben mite. Sibote
vrouwenzuht 296.
ähnlich noch jetzt desgleichen, desselbigen gleichen.
auch: des selben geleichen mit seinem gesinde thet. Steinhöwel
Bocc. 195, 15
Keller (3, 6). —
ahd. dafür der acc.: thaʒ selba ein fon thên thie dâr hangêtun thero thiobo bismarôta inan quedenti.
Tatian 205, 4. II@1@cc)
die nähere bestimmung wird durch einen relativsatz gegeben: nû avur folghêmês dhera bigunnenûn redha: endi dhes selben Christes, dhes uuir in sînera manniscnissa chiburt after dhera gotnissa guotliihhîn chichundidôm, chichundêmês auh nû dhes dhili endi ôdhil.
Is. 30, 16
Hench; der reif wirt auʒ der selbenlai dunst, dâr auʒ daʒ taw wirt. Megenberg 85, 3; gewassen van deme sulven rîse dâr Adam in deme paradîse de vrucht af smakede unde nôt.
van d. holte des hill. cruzes 218.
oder mit wie,
s. Kirchhof
unter b; ich bin vom selben stoff, wie meine schwester.
Shakesp. könig Lear 1, 1. II@1@dd)
durch eine eigenthümliche verschränkung wird zuweilen selbe
in den relativsatz gezogen, vgl. darüber Germ. 17, 272.
indessen ist in den angezogenen Otfrid -
stellen vielleicht eher (
mit Erdmann)
auslassung des relativpronomens anzunehmen und z. b. die erste so zu interpungieren: in selbên worton, er then manthô then êriston gewan, sô ward er hiar ... fon thesemo firdamnôt. 2, 5, 23.
sicher gehören dagegen hierher einige mhd. stellen: in der zeit sante der konigk Sigemunt, von dem selbin vor vil geschrebin stehit, herzogen Witolde .. den bischouf von Agrim. Rothe 780; ûffe deme selben pferde er dô rîtet, daʒ hêt er mir meintêteklîche genomen.
Germ. 3, 426, 35.
ganz vereinzelt (
und nicht gut)
wird derselbe
sogar noch im 19.
jahrh. als relativ verwendet: die grosze menge hat nicht weitblick genug, um die kreise zu überschauen, innerhalb derselben sich jene hohen geister bewegen. H. Heine 7, 134
Elster. II@1@ee)
im nhd. schwächt sich die bedeutung manchmal zu der eines bloszen hinweises auf ein relativpronomen ab, also ganz wie sonst derjenige
oder betontes der
verwendet wird: im selben hause schleusz nur zu die thür der freuden, wo man das weiber-wort stets mit gedult musz leyden. Olearius
pers. rosenth. 103
b (8, 81).
ungleich häufiger ist dagegen die verwendung von derselbe
als einfaches hinweisendes fürwort, besonders in rückweisung auf etwas vorher genanntes. ähnliches ist schon im ahd. und mhd. nicht selten; so ist z. b. derselbe
sehr beliebt bei Reinmar v. Zweter,
s. Roethe 292.
wie gewöhnlich sie im nhd. ist, erhellt u. a. daraus, dasz die wörterbücher von Kramer
und Frisch derselbe
nur in diesem sinne kennen, während sie in dem zuerst behandelten volleren sinne zusatz von eben
verlangen: derselbe, dieselbe, dasselbe,
quello, quella, quello ciò. derselbe .. wird dir den kopf zertretten .. es kam ein mann zu mir, und derselbe
etc. sagte mir, dasz
etc. Kramer
dict. 2, 763
b; eben derselbe,
il medesimo (
medemo),
l'istesso ò lo stesso. 763
c; derselbe, dieselbe, dasselbe,
is, ea, id. ille, illa, illud .. eben derselbe,
ille ipse. Frisch 2, 262
b.
am meisten hat diese verwendung in neuern hochd. mundarten um sich gegriffen, so alem., s. Weinhold
al. gramm. § 320;
mittelschwäb. dersell (dieser
und jener
nicht gebräuchlich!).
Baierns mundarten 1, 60,
schles. der sille Weinhold
d. dialectforschung s. 142.
noch häufiger ist in diesem sinne allerdings selb
ohne artikel, s. 2.
ein unterschied beider gebrauchsweisen scheint nirgends zu bestehen (
auch in der Walser mundart kaum, vgl. Frommann 4, 329, 21).
es ist zu beachten, dasz manche mundarten derselbe
für '
idem'
nicht anwenden, s. oben (1,
einleitung),
andre dagegen die gewöhnlichen demonstrativa dieser, jener
haben fallen lassen (
z. b. schwäb., bair., s. oben und 2).
doch kommt auch derselbe
im sinne der schriftsprache noch vor, z. b. österr. da seli,
s. Castelli 255,
cimbr. dearselbe
l'istesso. cimbr. wb. 230
a. (
in der Schweiz selten, z. b. i'm sëlbe - n ougeblik,
besonders verstärkt: an eim und em sëlbe-n órt. '
das echt mundartliche wort ist dr glich'. Hunziker 238.)
namentlich steht nd. de sülve
durchaus in dieser verwendung (
neben den weiterbildungen),
s. brem. wb. 4, 1091, Dähnert 473
a. Stürenburg 272
b. Schambach 218
a. II@1@ff)
belege aus der litteratur: sô ir dhuo ubarmuodic endi unchilaubendi noh dhea selbûn êuua ni uuerêda (
ne hanc quidem custodiret).
Is. 29, 18; mittiu iʒ spâto uuas thes selben tages (
die illo).
Tatian 230, 1; der selb prunn het sein flusz gerichts durch der frauen schlaffkamer.
Tristrant und Isalde 70, 1
Pfaff; dat geschach, dat de selve vrauwe ein kint entfeink van dem konink. Frommann 2, 291; manigis wunderis genîhte sich der selbe man.
Annolied 235; dô seden de sulven persônen orem abbete vil schêre dat Marînus vorscheden wêre.
van s. Marinen 238; myn kunst heit nigromantye ... we dei sulven kunst wil leren ... ein bôk, was michel unde grôt ... do ik dat sulve bôk ansach ... tohant an der sulven stunde
u. s. w. Theoph. 371—388; der selben sach uns mit vorfelt.
Alsfeld. pass. 1242.
substantivisch: der selbe ist nu under uch kommen. 4783; ther (
hic) selbo ni gihengita themo unrehte.
Tatian 212, 3. II@1@gg)
im nhd. gewöhnlich zusammengeschrieben, auszer wenn der artikel mit einer präposition zusammengezogen ist: also wonet Isaac zu Gerar. und wenn die leute am selben ort fragten von seinem weibe, so sprach er, sie ist meine schwester. 1
Mos. 26, 7; desselben geschlechte soll noch itzo in Persien seyn. Olearius
persian. rosenth. 54
b (3, 27); auff dem dache eines am selbigen orthe gelegenen wirthshauses. 58
b; Wilhelm Schickhard meynet, dasz es der auffrührer Korah sey .. und erzehlet .. vom selben folgende worte. 95
a (8, 2); Jhesus wusch ihn ihr füsse wol zu der selben stund.
bergreihen s. 22, 19
neudr.; bisz in ein dickes holtz sie alle beyde kamen, im selben lieffen sie ein- hohen berg hinan. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 11, 21, 3. II@1@hh)
für derselbe
auch dieser selbe,
selten jener selbe: thisu selba redina,theih zalta nû hiar obana. Otfrid 2, 9, 1; desse sulve wanderde ôk dorch eine stat.
des dodes danz 1536
Bäthcke. II@1@ii)
in heutigen mundarten findet es sich schweiz. de sëlb (ma), di sëlb (frou), 's selb chind,
daneben de sël
stets ohne subst., und de sëb
mit und ohne subst. Hunziker 238 (
auch für '
idem',
s. e);
altbair. der, die, das sell (
lieber als das in Schwaben übliche seller) Schm. 2, 263;
henneb. der sell Spiesz 233,
thür. das sèl is woir Hertel
sprachsch. 227.
in Kärnten im masc. und fem. mit artikel der séll, die séll,
zusammengezogen auch döll,
plur. die séng, sémb,
im neutrum dagegen séll dink, séll wétter. Lexer 231. II@22)
eine jüngere, auf das hochd. beschränkte fügung für derselbe
ist stark flectiertes selb(er)
ohne artikel. II@2@aa)
sie reicht bis ins ahd. zurück, bleibt aber bis ins 16.
jahrh. hinein vereinzelt und ausnahmsweise: er ferit fora Kristemit selbomo geiste, then jû in altworoltiHelias was ouh habênti. Otfrid 1, 4, 39;
vgl. 2, 5, 23
unter 1,
d; ouh sint selbe vil grôʒ. Lamprecht
Alex. 4338
Kinzel; über Elisabeth 231
s. unten (4,
a). II@2@bb)
im nhd. seit dem 16.
jh. wird selber
gewöhnlicher, doch scheint es mehr der volkssprache anzugehören. die wörterbücher beachten es im allgemeinen nicht; höchstens etwa: selber
etiam dicitur selbiger,
et id. notat quod derselbe,
ille. Stieler 2003.
über die lebenden mundarten s. f. —
die vollkommene gleichwertigkeit mit derselbe
zeigt deutlich folgende stelle: und denselben burschen, den er heut ausgewiesen, führt er selber mit seiner selben hand durch selbe thür in selbes haus und in die selbe stube, zur selben tochter, die er erst ihm hat versagt. da möchte man doch selber nicht den selben augen und den selben ohren — ich sage weiter nichts. Ludwig 3, 154. II@2@cc)
im vollen sinne, '
idem',
mit substantiv: in selber ruhiger weise fuhr Spanheim fort. Alexis
Dorothee 1,
cap. 17; sie gehen rumb und umb, und wenn der eine weicht, der ander sich dann stracks, in selben ort, einschleicht. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 2, 9, 8; der menschen .., die an selber stätte wohnen, wo sonst die tempel standen mit den bildern. Tieck 2, 4; in einem haus und
unter selbem dache mit ihr, die mir mein ruhlos leben gab! Werner
der 24.
febr. 3 (
v. 702); wie mancher grub nach wasser schon und fand einen schatz an selber stätte! Geibel 2, 128. II@2@dd)
häufiger als demonstrativ, meist rückweisend, '
jener'
; mit substantiv: fast alle weiber klagen in ihrem ersten kindhaben, wann ihr kind unterwegs, dasz die hebamme sie selber orten zwicke und kratze.
Mauriceau 459; dasz er doch auf diese weise ein ganz anderer kerli werde, als er zu selber zeit einer gewesen sei. Gotthelf
Uli der knecht s. 98
Vetter. —
häufiger ohne substantiv, ein solches vertretend: die kranckheit war auch so beschaffen, dasz selbe zu erzehlen man abscheu und schaam haben möchte. Olearius
pers. rosenth. 17
a (1, 26); sind viele, die allerhand regelgeschwätz treiben über das, was dem dichter obliege: frommet aber selbes nicht, sondern richt vielmehr schaden an bei kleinlauten gemüthern. Klopstock 12, 153; so balt das traid abgezöhlet, musz der baur selben (
den zehnten) faszen und an bestimtes orth führen.
steir. taid. 103, 26 (
vom jahre 1781); dasz die zweyzeilig gereimten verse der orientalen einen parallelismus fordern, welcher aber, statt den geist zu sammeln, selben zerstreuet. Göthe 6, 108;
Friederike .. es ist nur zu wahrscheinlich, dasz die liebe an ihr zehret.
Johann. die liebe! warum verbirgt sie selbe? 57, 10 (
wette 2); weil die einzelausgaben einzelner dichter zu kostspielig seyen, als dasz viele selbe sich anschaffen könnten.
Münchner gel. anz. 1840,
s. 90; Brunello selben (
den ring) jhr einst aus dem schosz' entwande. Dietr. v.
d. Werder
Ariost 11, 5, 5; die barbarey hat dort ein rauch-altar. auf selben hecken sich die ungeschickten tholen. Chr. Gryphius
poet. wäld. 2, 421. II@2@ee)
im neutrum selbes
oder selb,
das: wie jr dann selbs wol sehen unnd lesen werden.
rollwagenb. 3, 21
Kurz; wenigstens habe es keinen andern, selb wisse sie. Gotthelf
Uli d. knecht s. 380
Vetter; das heimath sieht nicht am besten aus, selb ist wahr.
schuldenbauer s. 8; er ist e klöti, selb musz ih selber säge. 57. —
dies scheint dem alemannischen gebiete eigen zu sein. noch entschiedner tritt die demonstrative function zu tage, wenn selb
mit der
oder jener
zusammengestellt wird: auch die bäuerin hatte dort selb und jenes zu hantieren. Meyer-Merian
Mareili (
Basel 1892)
s. 50; das macht, dasz man bei dem und selbem denkt. 63. —
wie sehr alle diese gebrauchsweisen in der mundart wurzeln, zeigt auch das eindringen mundartlicher lautformen wie sell
in die schriftsprache: man findt manchen, der nem sell dorf und geb dem grafen ain ganzes landt voll sollicher narren.
Zimm. chron.2 3, 498, 23
Barack. II@2@ff)
heute ist diese gebrauchsweise in hd., besonders süd- und ostmitteldeutschen mundarten auszerordentlich verbreitet, während sie den nd. vollständig fehlt. die bedeutung ist fast durchweg '
jener, der'
; für '
idem'
nur im thür. bezeugt: sèler mún, sèl frau,
gerade diese frau; un sèlen dâ. Hertel
sprachsch. 227.
alem. seller Weinhold
alem. gramm. § 320, seäller Frommann 6, 120, 50,
schweiz. sëlbe (ma), sëlbì (frou) '
selten',
auch sëbe, sëbì (
ohne neutrum) Hunziker 238,
vorarlbergisch seller
jener, sellmôl
damals Frommann 3, 216, 39. 531, 46,
schwäb. sèller, säller Frommann 1, 135, 13. 2, 115. Schm. 2, 263;
bair. selles mal, sellmals, selle zeit,
doch meist mit artikel (
s. 1,
i),
ebenda; tirolisch selb
und seb
jener, vu sebn
davon Frommann 3, 324, von säller zeit an Schöpf 669,
kärnt. sell Lexer 231,
in der Heanzen-mundart selbisml
damals Frommann 6, 344,
ungarisch sel
dieser (sel pâm
u. a.) Schröer 206
a;
rhein. seller, -e, -es, sellmols
und sellemol
damals Kehrein 1, 375,
westerwäld. selten Schmidt 217,
fränk.-henneb. seller, selle, sell, sellemôel Reinwald 1, 151. Spiesz 233. Frommann 2, 276, 33. 3, 545. 4, 221;
thür. z. b. ich háns von sèlen mid 'n blâwen ràk gehuird. Hertel
sprachsch. 227,
schles. siller
und seller Weinhold
dialectforsch. 142.
das neutrum sell
besonders aufgeführt bei Stalder 2, 369 (sell hat er gesagt). Castelli 255 (seli). Frommann 5, 408, 50 (
alem.). 4, 253, 120 (
vorarlb.). 6, 503, 1. 3, 531, 12 (
desgl.). 3, 98 (
tirol.). 1, 292, 14 (
schwäb.). 4, 547, 2 (
niederbair.).
auch im kärnt. steht nur das neutr. ohne artikel, s. 1,
i, während nach Hunziker
gerade das neutr. nicht vorkommt. II@33)
im sinne von '
ipse'
tritt selbst als verstärkung zu substantiven und pronominen. letztere können dabei unausgedrückt bleiben, wenn es als subject schon in der verbalform enthalten ist, wie in dem verbreiteten mhd. sprichwort selbe tæte, selbe habe,
z. b. krone 6810
u. oft, s. mhd. wb. 2, 2, 245
a.
so noch schweizerisch: selb tha, selb hab, blas dir selb dn schadn ab. Wander 4, 531, 19
f. vgl. dazu Grimm
gramm. 4, 217
f. 353.
myth.4 373.
nachtr. 126. 302,
und zu dieser gebrauchsweise überhaupt 3, 12
f. 4, 320. 352—362. 957. II@3@aa)
goth. silba,
stets schwach flectiert, übersetzt griech. αὐτός.
es steht α)
vor einem substantiv, das dann stets ohne artikel ist, β)
als subject an stelle eines personalpronomens, das stets unterdrückt wird, γ)
nach einem personalpronomen im dativ oder acc., mit éiner ausnahme diesem stets (
unmittelbar)
folgend, und in allen belegen in reflexivem sinne, s. Grimm
gramm. 4, 352—54. II@3@bb)
über das ahd. s. Grimm
gr. 4, 354—57,
sowie die wörterbücher und glossare. die wichtigsten unterschiede vom got. sind: II@3@b@aα) selb
hat im ahd. starke und schwache flexion. die verwendung beider scheint vielfach willkürlich und verlangte genauere untersuchung. in der regel wird die schwache flexion bewahrt in dem überaus häufigen nom. sing.; hier beschränkt sich starke biegung auf die stellung vor dem artikel (
vgl.δ): uuanda selbiʒ corpus pehabit eina stat; fone diu pehabent ouh sîniu teil eina stat. Notker 1, 405, 11
Piper; uuaʒ ist selbiu diu stat? 29; thô sleih ther fârâri,irfindan, wer er wâri, thaʒ zi irsuachenne ubar alselbêr ther diufal. Otfrid 2, 4, 6; ni machôta er thio dâtinoh selbaʒ thaʒ girâti. 4, 35, 3.
ausgenommen wären nur die stellen der Murbacher hymnen, die in wortstellung das lat. original sclavisch nachahmen, z. b.: themu selbiu Pietres samanunga singantemo sunta uuaskit (
quo ipsa Petri ecclesia canente culpam diluit). 25, 4, 3. II@3@b@bβ)
starke flexion überwiegt im allgemeinen beim gen. und dat. sing. (
bei substantiven s. δ),
während der acc. öfter in schwacher form erscheint. doch fehlt es nicht an ausnahmen: ob ir sih selbun irîdalida.
Is. 23, 14
Hench; huuanda sô huuer sô andhremo arbolgan ist endi thiz gebet thanne singit, ther bidit imo selbemo thanne ubiles.
denkm.3 nr. 56, 24; brâhta imo selben guot gimah. Otfrid 3, 20, 28; nû ni mag biwerban,thaʒ sih giheile selban! 4, 30, 26. II@3@b@gγ)
noch schwankender ist der gebrauch bei den pluralformen, doch sind die schwachen häufiger. belege für starke flexion: huuer ist dher dhiz al ni chisehe in im selbêm nuo uuesan arfullit (
in ipsis esse conpleta)?
Is. 36, 6
Hench; wir selbe betôn avur thâr. Otfrid 2, 14, 65; kêrêmês in muateuns selbên io zi guate frammortes thia gotes dât. 3, 26, 5. II@3@b@dδ)
bei substantiven entscheidet vielfach die stellung. diese ist viel freier als im got.: selb
kann vor oder nach dem subst. mit oder ohne artikel stehen, vgl. Piper
gloss. zu Otfr. s. 396
b—397
b.
hier ist das häufigste die stellung vor dem subst. ohne artikel (
also wie got.);
in diesem falle finden sich schwache formen nur ganz vereinzelt (
dagegen häufig unflectiert, s. ζ).
nach dem subst. ohne artikel ist im genitiv starke und schwache bildung gleich häufig, im nom. acc. ist nur schwache bezeugt. überwiegend ist starke flexion, wenn selb
vor dem artikel (
oder dem demonstrativ thesêr)
steht, hier begegnet sie sogar im nom., vgl. α.
in den wenigen fällen, wo selb-
hinter dem subst. mit artikel steht, wird es stets schwach flectiert. II@3@b@eε)
zuweilen tritt auch selbo
zwischen artikel und subst., dann natürlich stets in schwacher form. es tritt also dann eine vermischung mit 1
ein, die freilich in umgekehrter richtung häufiger ist, vgl. das.; doch könnte man selbo
in allen diesen stellen auch zu 1
ziehen, im sinne '
der besagte, vorerwähnte': ther selbo Jôhannes (
ipse autem Johannes) habêta giuuâti fon hârirun olbentôno.
Tatian 13, 11,
vgl. 14, 1; er fuar in einôti,nideta er iʒ bi nôti: thâr korôta sîn sâr hartother selbo widarwerto. Otfrid 2, 3, 60. II@3@b@zζ)
neben der starken und schwachen flexion findet sich selb
auch in unveränderlicher form in der stellung vor dem subst. (
mit oder ohne artikel),
und zwar für alle casus, z. b.: thaʒ mannilîh giwerêti,selb druhtînes ni korôti. Otfrid 2, 4, 76; selb thie suntîgun man. 19, 27; altên inti jungênjoh selb thên wîbon allê
n. 3, 6, 40; suntar selb si in gâhîKristan anasâhi, joh selbon scowôti âna wank. 4, 29, 49.
besonders in dieser fügung scheint selb
die bedeutung einer steigerung ('
sogar')
zu entwickeln, doch ist diese nicht daran gebunden. II@3@b@hη)
andrerseits findet sich auch die form selbo
für die verschiedensten casusformen verwendet: ioh selbo dîe non sinceri praedicatores .. sîe êront sîe. Williram 105, 5; sie iʒ ouh thô gimeintunjoh in selbo irdeiltun. Otfrid 4, 6, 13; selbo lesen wir eʒ thâr.
Hartm. 68,
und öfter bei Otfrid,
s. Piper
gloss. 398
b (6). II@3@b@thθ)
auch der nom. des persönlichen pronomens pflegt neben selbo
ausgedrückt zu werden, auszer beim imperativ oder wenn es in einem parallelen satztheile bereits ausgedrückt war. die bei Piper
gloss. 396
b verzeichneten ausnahmen bei Otfrid
fallen sämtlich unter diese classe, z. b.: sô er se lêrta thô in thera naht. ... gizôh se thâr thô follonselbo in sînan willon. 4, 15, 60 (
in allen andern fällen steht selbo
hinter joh). II@3@b@iι)
auch zum gen. kann selb-
im ahd. treten, hier fast immer in starker form, z. b.: obe dû dîn selbes nîene bekennes, uuîbo scônesta. Williram 14, 1;
so besonders in possessiven ausdrücken, s. 4. II@3@b@kκ) selb-
mit dem dativ und acc. eines persönlichen fürworts hat auch ahd. in der überwiegenden mehrzahl der fälle, wie im got. und engl. ausschlieszlich, reflexiven sinn, doch finden sich ausnahmen: dhaʒs dhanne sie inan selbun chisâhîn (
dum videretur), dhoh sô chilaubidî
n. Isidor 29, 21
Hench; in sînemo evangelio ... hât er mih geuuîset, daʒ ih in selben minne. Williram 30, 4; sie imo sâr iʒ zaltunjoh inan selbun nantun. Otfrid 4, 16, 37; sô imo selben gizam. 5, 4, 54
f. II@3@cc)
das mhd. verharrt im allgemeinen auf diesem standpunkte, nur entwickeln sich hier bereits die unveränderlich für alle casus gebrauchten formen selber, selben, selb(e)s,
s. daselbst. II@3@c@aα)
im nominativ in der regel schwach, selbe: her gibettidi iri selbe scôno.
Annolied 626 (
daneben noch: zi demi tiurin gotis lobe stift er selbo vier munister. 644); dus wolde got selve gevristen Maternum den heilgen heren. Hagen
boich van Colne 135; gedâht er selbe wider sich. Heinrich v. Freiberg
Trist. 189; swer selbe iht hât, daʒ ist guot für den zorn. Marner XIV, 105
Strauch. später oft zu selb
gekürzt. auch in steigerndem sinne (
vergl. selbst): nun ist im der vortrit selb benomen.
fastn. sp. 418, 8.
daneben das starke selber,
bereits über sein eigentliches gebie hinaus erweitert, s. daselbst. II@3@c@bβ)
im dativ stehen schwache und starke formen neben einander, auch in derselben quelle, doch scheinen die schwachen zu überwiegen. vgl. folgende stellen aus Iwein: und enschadest niemen mê dâ mite danne dû dir selbem tuost. 139; nû ist iu selbem wol erkant. 232; nû ist er uns entwichen, im selben lasterlichen. 2480; als er mir selbem dicke tuot. 3098; swie ich zuo mir selben habe getâ
n. 4225.
im acc. kann sich der unterschied nur beim fem. und neutrum zeigen. auch hier ist schwache flexion bezeugt: schîre iʒ sih selben richet. Lamprecht
Alex. 4351
Kinzel; die marter und die arbeit die sî an sich selben leit.
Iwein 1666. II@3@c@gγ)
am häufigsten scheint starke bildung im nom. plur. vorzukommen: obe siu selbe wellen. Wackernagel
pred. s. 12, 109; wî wir selve sulin enden.
Annolied 8; swaʒ sô ir habet vernomendaʒ behaltet vil wol ir selbe unde diu chint.
exodus 154, 18
Diemer; ob wir selbe wellen.
Iwein 120.
der dativ kann natürlich nur selben
lauten, welche form auch für den acc. zu gelten scheint. —
über den genitiv sing. und plur. s. 4. II@3@c@dδ)
vereinzelt findet sich unveränderliches selbe: wan rehte sitzet er an gotes stat in der bîhte, unde swaʒ dû im seist, daʒ sagest dû gote selbe in sîn ôre. Berthold v. Regensburg 1, 351, 20; avir nâ selbe demo namin sînin ist sî geheiʒin Agrippina.
Annolied 493,
wo Roediger selbe
in selb
geändert hat. II@3@dd)
über niederd., nl. und engl. s. Grimm
gramm. 4, 359—362.
im mnl. ist schwache bildungsweise am besten erhalten, doch werden die formen selve
und selven
ununterschieden für alle casus gebraucht, im nom. auch selver,
s. Franck
mnl. gramm. § 236.
im mnd. hat sich sulven
über alle casus ausgebreitet, mit ausnahme des gen. (
s. 4)
und der stellung vor ordinalzahlen (
s. 6),
s. Schiller - Lübben 4, 464
a.
vereinzelt findet sich noch sulve: machschein du ampels dâr sulve nâ.
Theoph. 198. II@3@ee)
im nhd. ist eine eigentliche flexion von selb '
ipse'
überhaupt nicht mehr vorhanden. geblieben sind nur die mehrfach erwähnten erstarrten, für alle casus verwendeten flexionsformen, zu denen sich in zeitlicher und örtlicher beschränkung auch das endungslose selb
gesellt. dieses begegnet II@3@e@aα)
im 16.
jahrh. noch in lebendigem gebrauche, sowol für den nom.: da sprach Holofernes selb.
Jud. 12, 3; und er selb gott mit jnen, wird jr gott sein.
offenb. 21, 3; ich soll mich selb nit umb das leben bringen.
d. städtechr. 25, 28, 33 (Wilh. Rem,
verf. 1523 —27); das doch selb Aristoteles hoch widerficht. Aventin
chron. 2, 45, 4; wie dasz er selb mit fleisz auff der jungfrawen sitten und geberd acht haben wolte.
buch der liebe 235
a; der könig selb den ritter Gabriotto nicht erkennen mochte. 243
a (
ebenda auch selbs
und selbst); (
ich) wil selb mit an den reyen treten. B. Waldis
Esop 4, 87, 18; ich hilff dir für den könig dort und will dir auch selb thun dein wort. H. Sachs 2, 1, 26
b; bisz du selb bhietst kein pfenning mehr. 2, 2, 22
c; (
ich) wer auch selb nit sicher vor dir.
fab. u. schwänke nr. 90, 60;
als für die casus obl., für den dativ: Andre von Lator sahe Greffoy (
lies Geffroy) von Lesingen auff der erd ligen, und mocht ym selb nit gehelffen.
Pontus k 1
b; da ein gott hin gegangen sey, jm ein volck zu erlösen, und jm selb einen namen zu machen.
1 chron. 18, 21; als sie nun von Rosamunda der jungfrawen sich einig und verlassen sahe, fieng sie mit jr selb an auff solche meynung zu reden.
buch der liebe 234
c;
für den acc.: wenn ich mich dir gleich selb zu einem eigene knecht gebe.
Tob. 9, 2; ja mich selb hat er errettet. 12, 4; wie kanstu in deinem hertzen gedencken, mich von solcher lieb zu wenden, dieweil du dich doch selb mit solchen banden weiszt behafft seyn.
buch der liebe 236
a; und wiewol diser Osee ie auch den glauben für sich selb seiner väter halten wolt. Aventin
chron. 1, 260, 13; mich selb ich auch nicht sehen kan. H. Sachs
fab. u. schwänke nr. 58, 109.
für den plur.: die Juden .. warn selb arm, hetten selbs nichts. Aventin
chron. 1, 298, 21; ewr feld müst jr selb bawen als. H. Sachs 2, 2, 20
d; nein wir wöllen selb in das hausz. 22
a.
noch im voc. von 1618: er, sie, es selb
s. Schm. 2, 263.
auch von Schottel 544
noch mit aufgeführt. II@3@e@bβ)
in der neuern litteratur begegnet dieses selb
nur bei Rückert (
ob aus der lebendigen volkssprache entnommen?): und warum ich nun weine bei des abendes scheine, ist mir selb nicht bewuszt. (1882) 5, 321; dasz schönheit in sich selb beschrieben hat einen kreis. 326; als Aurora selb mit staunen niedersah vom morgenroth. 7, 266; ach, was half es, dasz ich einer nebenbuhlin dich entzog, wenn ich selb dadurch auf ewig mich um deine huld betrog. 268; nicht allein mit blut und säften dient dem mensch das thier nach kräften, sondern selb mit stumpf und stiel. 2, 135. II@3@e@gγ)
sonst höchstens in einigen sprichwörtlichen redeweisen: selb thuts gar, heiszen halb, bitten ist vergeblich. Simrock
sprichwörter 9483; herr Selb weisz am besten, wo der schuh drückt. Wander 4, 529; selb ist ein gut kraut, sie wechst aber in allen garten nit.
ebenda, vgl. 533, 42. 45,
hier wortspielend mit selbe, self = salbei,
s. theil 8, 1686
f. II@3@e@dδ)
noch seltner als selb
ist selbe: ja beym gesicht-kreis selbst stellt oft in schön'ster zier. des kleinen scheines kleiner spiegel, der selbe kaum zu sehn, die schön'ste landschaft für. Brockes 1, 221. II@3@e@eε)
mundartlich lebt das einfache selb,
stets mit assimilation, noch im alemannischen säll, seäll. Frommann 5, 396, III, 17. 6, 120, 81 (ase seälla
in eigner person);
schwäb. sprichwörtlich: sell thaun, sell haun, sell essen macht fett. Schmid 628
f.; bair. i, du, er, mier, és, si sell' (
oder selbm, selbe', seld); i ka~ mi sál hoba. Schm. 2, 263. II@44)
besondere berücksichtigung verdient die verbindung von selb-
mit dem genitiv (
besonders eines persönlichen fürworts),
die zwar selbst im nhd. fast ganz aufgegeben ist, aber in ihren folgen fortlebt, indem sie hauptsächlich die ausbildung der heute gewöhnlichsten form selbst (
vgl. daselbst)
veranlaszt hat. vgl. über diese redeweisen Grimm
gramm. 4, 355—362. 720. Schm. 2, 263. II@4@aa)
im got. kann der genitiv silbins
für sich allein stehen, in reflexivem sinne: þuhtuþ þan qiþa ni silbins, ak anþaris (
συνείδησιν δὲ λέγω οὐχὶ τὴν ἑαυτοῦ,
ἀλλὰ τὴν τοῦ ἑτέρου).
2 Cor. 10, 29.
ebenso noch mhd.: mit selbes ingesinde was er zu koste swinde.
Elisabeth 231.
da indessen diese fügung im deutschen ganz alleinstehend wäre, so ist wol (
wie bereits mhd. wb. 2, 2, 245
a vermutet wird) sin
hinzuzufügen (
vgl. 2,
a). II@4@bb)
sonst lehnt sich selbes
stets an ein pronomen oder substantiv an, letzteres z. b.: in imo irhugg ih thrâtoDâvîdes selbes dâto. Otfrid
ad Ludow. 37; denn er auch Abrahams selbs samen nicht ausnimpt. Luther 8, 51
a. —
der weitaus gewöhnlichste fall ist indessen die verbindung mit dem genitiv eines personalpronomens. II@4@cc) selb-
hat im genitiv immer starke endung (
also mhd. selbes
und selber,
vgl. dazu 3,
b, ι);
schwache scheint nur bei Otfrid
vorzukommen; und zwar durchweg in der stellung vor dem artikellosen subst. (selben gotes, paradîses),
während bei nachstellung Dâvîdes selbes
mit Kristes selben
wechselt, s. Piper
gloss. 396
b f. neben dem pronomen findet sich schwache form nur ganz vereinzelt: mit iro selben worto. 4, 30, 4; muatun sie sih thrâtothero iro selbun dâto.
Hartm. 71.
sonst durchgehends stark. vereinzelt auch unflectiert, vgl. 3,
b, ζ und unten 4,
i. über das gewöhnliche sein selbs(t)
vgl. auch sein,
gen., 5,
c, sp. 344
f. II@4@dd)
der genitiv kann ein solcher des objects sein, von verben abhängig und ähnl., vgl. 3,
b, ι.
so z. b.: daʒ er sîn selbes gar vergaʒ.
Iwein 1337,
vgl. Barl. u. Jos. 14, 27; nû hüet' dîn selbes, ritter.
minnes. 1, 27
b Hagen; er spott ê sîn selbs, samir got! Boner 14, 32; aber gote als got gehôret zû, das er sîn selbes vorjehe und sich selber bekenne.
theol. deutsch s. 59 (
c. 31); und du solt darbei dein selbs nit vergessen, sunder dein selber ouch warnemen. Keisersberg
sünden des munds 71
a; herr, schone dein selbs.
Matth. 16, 22 (um dein selbs willen
s. h, α). —
diese fügung (
in der form mein, dein, sein, unser, euer selbst)
ist auch im nhd. noch durchaus üblich, obwol sie kaum auszerhalb der gehobenen rede begegnen dürfte. II@4@ee)
gewöhnlich hat er indessen possessiven sinn. als solcher kann er als selbständiges prädicat beim verb stehen; so mnd. sines sulves werden,
selbständig werden, namentlich von einem handwerker: item welk loes gheselle synes sulves werden wil.
s. Schiller-Lübben 4, 463
b f.; hochd.: wisset jr nicht das ewer leib ein tempel des heiligen geistes ist, .. und seid nicht ewer selbs?
1 Cor. 6, 19 (
vgl. l); so lang des menschen will sein selbs ist, ist er arg. Franck
sprichw. 1, 125
b; wer sîn selbes müge wesen. Boner 25, 55. II@4@ff)
in der regel steht dieser genitiv als attribut vor einem substantiv: want er sîn selbes kind ist. Otfrid 2, 13, 33; unz ein sîn selbis suster bigondimi sprechin laster.
Annolied 867; mir rietz niuwan mîn selbes lîp.
Iwein 2348; Tristan begonde loufen ... mêr durch ir êre, der künigin, wan durch sîn selbes genist. Heinrich v. Freiberg
Tristan 5615; daʒ Samsonis sterke im sîn selbes wîp verschriet. Lampreht v. Regensburg
tochter von Syon 351; daʒ Jhêsus Crist sîn selbes blût vor uns wolde gieʒen.
livländ. reimchron. 858; dasz hie dem moge widderstehen und in sin selbes hercze gehen.
Alsfeld. passionssp. 1143.
so noch nhd.: so ain mensch ansihet ains andern tugend und betracht sein selbs laster. Albr. v. Eybe
spieg. der sitten 9
b; ein jglicher aber prüfe sein selbs werck.
Gal. 6, 4; wie hertzog George aus eitel altem verstockten hass und neid solche ungegründte schuld der auffrhur mir zumisset, wider sein selbs gewissen. Luther 6, 9
a; ich kan wol gedencken und mein selbs prophet sein, das disz mein institut nit yederman gefallen wird. Seb. Franck
verbütschiert buch (1559)
vorrede 3
b. II@4@gg)
auch hier ist selbes
nicht auf reflexiven sinn eingeschränkt: sîn selbes stimma sprah uns thaʒ. Otfrid 2, 3, 49; doch was ir lîp sîn selbes lîp.
Parz. 29, 14; sîn selbes bok in dar umme reit.
livländ. reimchron. 1670. II@4@hh)
in den bisher angeführten beispielen ist nicht zu erkennen, ob mîn, sîn
u. s. w. der genitiv des persönlichen oder das possessive pronomen ist, da auch letzteres im nom. sing. und acc. neutrum dieselbe form hat. steht dagegen das zugehörige subst. in einem andern casus, so gehen die formen beider auseinander und es gibt zwei möglichkeiten. II@4@h@aα)
es steht der genitiv des persönlichen pronomens, also mîn, sîn selbes
u. s. w., ohne veränderung. diese fügung fehlt im got. ganz (
dem mithin die verbindung von silbins
mit dem gen. eines persönlichen pronomens überhaupt abgeht, vgl. a),
ist dagegen im ahd. und mhd. die regel, z. b.: huuanda ir in siin selbes sculdrôm siin crûci druoc.
Isidor 23, 2
Hench; (
ich) klagôta io bi nôtimîn selbes armuati. Otfrid 3, 20, 40; erin mag nîmannin bivellin, wâri mid sîn selbis willin.
summa theol. 21, 6; ich wil dîn bote gernewesen an den Rîn mit mîn selbes guote.
Nib. 1093, 4; mit sîn selbes êren.
Iwein 7646; hœret wunder, wie mir ist geschehen von mîn selbes arebeit. Walther v.
d. Vogelweide 72, 38; die sneit er mit sîn selbes hant.
Parz. 118, 5; dô got der cristenheit began mit sîn selbes menscheit.
livländ. reimchron. 49;
ebenso noch im ältesten nhd.: er wolt jn (
Abraham seinen sohn) mitt sein selbs hand gott dem herren uff geopfert haben. Keisersberg
seelenparadis 18
a; das dir got also lieb ist uber alle ding, und uber din selbs seligkeit.
bilg. 78
a; da durch eins (
ein glied) dem andern handreichung thut .. und machet, das der leib wechset zu sein selbs besserung.
Eph. 4, 16.
deutlich ist der genitiv auch in solcher fügung: ich sage aber vom gewissen, nicht dein selbs, sondern des andern.
1 Cor. 10, 29.
so ferner: das du inn (
gott) umb sin selbs willen ... lieb habest. Keisersberg
bilg. 78
a; der herr macht alles umb sein selbs willen.
spr. Sal. 16, 4; ah herr, merck auff und thu es ... umb dein selbs willen.
Daniel 9, 19. II@4@h@bβ)
es tritt dafür das possessivum ein, das in der casusform mit dem substantiv übereinstimmt. so im gotischen ausnahmslos, z. b.: ni auk manna hwanhun sein leik fijaida.
Ephes. 5, 29.
dagegen: seina silbins saiwala.
Luc. 14, 26.
im ahd. begegnet diese fügung noch ganz vereinzelt: umbi dhen druhtîn nerrendo christ sîneru selbes stimnu urchundida.
Isidor 19, 3
Hench; doch schon bei Otfrid
finden sich keine belege mehr, dafür das unregelmäszige: sîd thô thesên thingonfuar Krist zen heimingon, in selbaʒ gewi sînaʒ. 2, 14, 2.
vgl. Grimm
gramm. 4, 356.
im mhd. kommt sie kaum noch vor, vgl. etwa: er sant uns sîn selbes sun.
kaiserchron. 8142,
wo eine handschrift sinen (
zwei andre sines)
lesen, und das ganz unregelmäszige: daʒ er im die het erwelet ze sîne selbeʒ êren.
fundgr. 2, 151, 32.
mnd.: doet den bedreger syne sulves kleder
an. quelle bei Schiller-Lübben 4, 464
a.
vgl. auch sein,
pron. poss. 10,
i, sp. 365.
einige unzweifelhafte belege bietet dagegen das älteste nhd.: so seine selbs hand so viel erwirbt, so sol er sich lösen.
3 Mos. 25, 49; gott allein unterricht das herz durch sein wort, dasz es komme erstlich zu seinem selbs erkenntnisz. Luther
tischred. 1, 42; dann sie folgen keinem guoten raht, und trachten nach jhrem selbs verderben. Hedion
Cominis (1551) 140
a. II@4@ii)
wenn also das flectierte mîn, sîn
vor selbes
im deutschen fast ganz fehlt, so ist es dagegen ungemein häufig, dasz jenes in einer art formaler angleichung an selbes
auch ein -es
annimmt, ohne rücksicht auf den casus des substantivs, also mînes, dînes, sînes selbes.
diese construction scheint ahd. nur bei Otfrid
vorzukommen, hier allerdings sehr oft, s. Piper
gloss. 397
b und zur erklärung Grimm
gramm. 4, 356
f., z. b.: thie wizzi dua mir mêronzi thînes selbes êron. 3, 1, 28; joh ouh thaʒ folk instuantisînes selbes guati. 15, 21.
sogar bei schwachem oder endungslosem selb-: mînes selben wîsi (
die mich kennen). 4, 31, 26; in sînes selben fater hant. 33, 26; in sînes selb gisihti. 5, 7, 61.
ihr eigentliches verbreitungsgebiet sind die nd.-nl. mundarten. so mnl. stets mijns selves
u. s. w.: ende daer toe mijns selves lijf.
Reinaert 1402;
hier allerdings nicht beweisend, da auch der gewöhnliche genitiv des personalpronomens mijns
lautet, vgl. Grimm
Reinhart fuchs s. 274
f. ebenso mnd. gewöhnlich mines selves
u. s. w., vgl. e: drie dage solen sie dar bliven, manlik mit sines selves spise.
Sachsenspiegel 2, 71, § 4; verdobelet aver he sines selves gut. 3, 6, § 2.
ganz gewöhnlich ist sie aber auch in den mitteldeutschen mundarten der mhd. zeit, vgl. Grimm
a. a. o. und gramm. 4, 358: helit, nû salt tuoʒ durc dînis selbes frumicheit doun.
Rother 115; an mînes selbis lîbe. Hartman
vom glouven 2183; sô rûwit mih daʒ scône wîb mêr dan mînes selbes lîb. Lampreht
Alex. 2765; und (
er) in sînes selbes blût an der erden lac tôt. Herbort v. Fritslar 5273 (
vgl. die anm.); zo Rome wert voir hei richliche in sins selves keiserriche. Hagen
boich van Colne 475; dins selves here. 693; mit sînes selbes bilde. Lampreht v. Regensburg
Franc. leben 4244; sô kouf dû gotes himelrîch, er gît eʒ dir, mit sînes selbes guote. Frauenlob 423, 8 (
vgl. die anm.).
und so noch nhd.: das ains .. von liebe seins selbes getzogen würt. Keisersberg
trostsp. hh 3
c (
vgl. d); das der gott unsers herrn Jhesu Christi .. gebe euch den geist der weisheit und der offenbarung, zu seines selbs erkentnis.
Eph. 1, 17. II@4@kk)
während zum masc. und neutr. selbes
tritt, sollte beim fem. und plur. selber
stehen. dies findet sich in der that sehr gewöhnlich, s. Grimm
gramm. 4, 355
f. 357 ('
nur wenn geihrzt wird, steht im masc. bei iuwer
nicht selber,
sondern selbes'): diun darf niht mêre huote wan ir selber êren.
Iwein 2893; die wurden beide ir selber spot. 4706. II@4@ll)
ebenso verbreitet ist indessen die sitte, selbes
auch hier eintreten zu lassen, als erster schritt zu der spätern verallgemeinerung des gebrauches von selbs, selbst.
so schon bei Williram: apostoli unte martyres, dîe der mit iro selbes blûote himelrîche arnoton. 52, 27.
besonders in mitteldeutschen quellen: ir selbes lîp und alle ir habe ergap si gote gerlîche. Lampreht v. Regensb.
tochter v. Syon 1063; daʒ sie ir selbes êre vergeʒʒent gar. 4326; den nade si ir doufgewant mit ir selbes hende.
Elisabeth 2359; dise frouwe ... in einre ir selbes feste was. 6546 (
vgl. das glossar); die Kûren dâ mit heldes hant werten wol ir selbes lant.
livländ. reimchr. 2542.
so noch nhd.: jr menner von Israel, nemet ewer selbs war.
apostelgesch. 5, 35; lasset uns unternander unser selbs warnemen.
Ebr. 10, 23; das wir auch nicht erkennen unser selbs leib und leben. Luther 6, 351
b.
in folgenden stellen auffallenderweise neben dem pron. possessivum: sie stiessen sich an ire selbs schwerter.
Zimm. chron.2 4, 182, 15
Barack; wöllent si jemands mit reisen oder sunst fuorer dienste tun, das stande an jrem selbs fryen willen. Tschudi 1, 125
a. II@4@mm)
auch hier nimmt der genitiv des pronomens ein s
an. so schon bei Otfrid: joh dyet mir thaʒ gimuati in gibete thrâtoiues selbes dâto.
Hartm. 152.
ferner bei anrede an éine person: thaʒ ir mih lêrtut hartoiues selbes worto.
Salom. 12,
vgl. 15.
stets mnl. haers, ons, uwes selves.
auch mnd.: of se irs mannes unde irs selves umbesculdenen were dar an getügen mogen.
Sachsenspiegel 1, 20, § 4; swyget dôr juwes sulves ere!
Theoph. 10.
ebenso mhd.: di wîste der selbe sterne ûʒ ir selbes lande.
fundgr. 1, 144, 21; ir etzlich, as si waren moide, laifden sich mit irs selves blode. Hagen
boich van Colne 1043; sus maich man si up dem sale vain unde in îrs selves vesseren slain. 2167; sie entwerten kint und wîb ir herren und irs selbes lîb.
livl. reimchr. 2480.
hier hat es in der that den anschein, als wenn selb
als subst. empfunden wurde (
wie bei engl. myself),
vgl.selbst 5. —
eine eigenthümliche mischform ist von uwers selbers schulden.
troj. krieg 22230,
handschr. A. II@4@nn)
im nhd. ist diese verbindung bei Luther
und seinen zeitgenossen noch in übung, doch ist sie bald nachher aufgegeben; die letzten belege dürften die unter f und l zu ende beigebrachten sein. dafür wird jetzt das possessiv durch zusatz von eigen
verstärkt, wie schon mhd. (
besonders bei Wirnt, Grimm
gramm. 4, 359)
und noch früher im ags. und altnord., s. theil 3, 92
ff. beides neben einander: der anfang aller sund ist die eygene seyns selbs liebe. Luther 7, 212, 7
Weim. ausgabe. II@55)
adverbialer gebrauch von selb.
so kann man es schon bezeichnen, wenn selb
im ahd. und mhd., ganz wie unser selbst,
im sinne von '
sogar'
steht (
besonders in unflectierter form, s. 3,
b, ζ.
η.
c, δ. 4,
i),
z. b.: dîn evangelium .. gekundet uuirdit per totam latitudinem mundi ioh selb den paganis. Williram 127, 5; daʒ ih selb den tôd durch dînen uuillon leit. 137, 9.
doch ist zu bemerken, dasz weder diese bedeutung an die unflectierte form, noch umgekehrt diese an jene gebunden ist. rein adverbial steht dagegen selb
als verstärkung bei adverbien. hier begegnen zwei verbindungen: II@5@aa)
ahd. selb sô, (
genau)
sowie, oft bei Isidor und Otfrid (
s. Piper
gloss. 398
b),
z. b.: Christus avur sus quham fona fater ziuuaare sô selp sô dhiu berahtnissi fona sunnû
n. Isidor 3, 20; iʒ ist gifuagit al in ein,selp sô helphantes bein. Otfrid 1, 1, 16.
dafür vereinzelt: thie liuti inan thâr nâmun,sô selb thie selbun brâmun. 2, 9, 84; sô selbo der forasago quâti (
quasi aperte diceret).
Is. Mons. 33, 9,
wo selbo
die adverbialendung zu haben scheint, wenn es nicht einfach nom. (
zu forasago)
ist. II@5@bb)
im ältern nhd. vereinzelt da selb
für das heutige daselbst (
vgl. theil 2, 807
ff.): wenn sich daselb ein junger knab mit einr in ehestandt sich begab. B. Waldis
Esop 4, 90, 5.
vgl. auch das in heutigen oberdeutschen mundarten so häufige selt '
dort' (
s. unter selbt),
wofür ganz vereinzelt sell. Frommann 4, 546, IV, 25,
bair. sell bin i sell sell gwé'n,
damals bin ich selbst dort gewesen. Schm. 2, 263. II@66, II@6@aa)
interessant ist eine fügung, in der selb(e)
auch im nhd. noch lebendig ist, nämlich die verbindung mit ordinalzahlen. sage ich: er kam selbdritt(er),
so heiszt das zunächst, dasz er selbst der dritte war; um dies zu sein, musz er zwei andere bei sich haben, daher der sinn: er kam mit zwei andern. es musz also die ordinalzahl um eins höher sein, als die grundzahl in letzterer redeweise sein würde, vergl.: es ist recht und auch alte gewohnhait, dasz der ausferg zu einen asch soll haben 9. mann, und er soll herauf der zehend seyn; und zu einen sechser soll er 6. mann haben, und herauf soll er selbs der siebend seyn. Lori
bergr. 42
a.
spurenweise finden sich solche und ähnliche ausdrücke schon in den altgermanischen dialecten, s. Grimm
gramm. 2, 950
f. 1020.
fest ausgebildet und sehr verbreitet ist die construction dagegen im mhd., mnd. und mnl. während hier noch losere verbindung möglich ist, hat das nhd. überall feste composition eintreten lassen und dadurch die fügung fixiert. sie ist auch im mittellat. nachgebildet in der form metseptimus
oder sibiseptimus,
s. Grimm
a. a. o.,
vgl. auch Schm. 2, 264.
ebenda parallelen aus andern sprachen, unter denen das cech. sám druh, sám třetj
am genauesten entspricht. die verbindung steht entweder endungslos (
meist auch ohne das auslautende e)
oder (
seltener)
mit starker flexion. ein etwaiges substantiv wird in der ältern sprache im gen. (
plur.)
hinzugefügt, s. Grimm
gramm. 4, 745,
so z. b.: der was selb sibent bruder, der ich auch nicht erkant hab.
d. städtechron. 1, 83, 27; selbe vierde degenevarn wir an den sê.
Nib. 338, 11.
heute ist derartiges ungebräuchlich (
höchstens etwa mit jemand selbander, selbsechst mit seinen leuten). II@6@bb)
ungemein häufig ist namentlich die verbindung mit der kleinsten möglichen zahl, 2,
schon in der ältern sprache meist in der festen form selbander: metsecundus hd. selbe-, selb-, sab-,
nd. selff-, zulfander. Dief.
gloss. 359
b; ich bitte dich, dasz du selb-ander, selb-dritte, selb-vierte kommest,
ti prego che tu venga [
stesso]
con quell' altro, qual secondo, con quei due altri qual terzo u. s. w. Kramer
dict. 2, 762
c; selbander,
bini Stieler 2003; item wir haben den Kroppensmid vor Lauffertor selbander gesant gegen Lichtenberg.
d. städtechron. 2, 82, 33; so geit man dem selbdritt 55 guldin und dem selbander 40 guldin. 4, 153, 18; der ward gefangen selb ander. 5, 142, 24; die er mir selbander erstlich hie auf sein kost doran port. Tucher
baumeisterb. 197, 13
Lexer; zu zwai weilen im jahr .. soll der maier des richters von Kuefstain warten selbander des abents und des ambtmans.
tirol. weisth. 1, 56, 22; solt ich dz thuon selbander dz ich allein thuon solt.
Eulenspiegel s. 104
neudruck; Lucidor .. erzählte gern und gut, so dasz Julie entzückt ausrief: so was müsse man selbander sehen. Göthe 21, 135; si entlihen nie einen slac wan dâ der gelt selb ander lac.
Iwein 7218;
daneben noch getrennt: ich pin hinne selbe ander: Schîânatulander ist daʒ eine, deʒ ander ich.
Parz. 440, 17; selbander ie die vrouwe reit in rîcher wête glander; ie zwô neben einander riten wunnenclîch gecleit. Heinr. v. Freiberg
Tristan 4406; uber einen graben er unsuʒ selb ander sprangt mit keker tat. Suchenwirt 14, 109; ich schlueg seinen leib gancz von ein nander und wer er in einem rock selbander.
tirol. passionssp. s. 197, 282; was einer nicht erheben kann, soll er selbander liegen lahn. Lehmann 125; deines vatern liebster sohn ... wird selbander gehn zu bette. Fleming 394; wann's heiszer wird, geht man selbander zu dem Mäander, der unten irrt. Bürger 10
a; Cato wollte wohl andre strafen; selbander mocht' er gerne schlafen. Göthe 4, 332; die mägdlein ... ruhn gern selbander im heu! Voss 4, 112; denn schon selbander hausete ich dort. Storm
ged. 136.
an besonderheiten ist zu erwähnen: II@6@b@aα) selbander
wird nicht selten als prädicat verwendet, als gegensatz zu allein, einsam: ich war dergestalt daran gewöhnt überall selbander zu sein, dasz mir deucht, ich sei nur noch halb. Bode
Montaigne 2, 31 (
acoustumé à estre deuxiesme par tout); selbander solt du beleiben, wilt du lieb sach treiben! Hätzlerin 1, 63, 25; und thut jn gar vil härter pressen, selbander mit der frawen sein, denn ob er wer einig allein. H. Sachs 5, 332
c; Vulpiana ist selbander (was doch jetzt für fälle sind!) bey zehn jahren: meide sorgen! dann jhr mann der ist ein kind. Logau 2, 92, 72;
eine braut, zu jhren gästen. jhr gäst, jhr seyd mir lieb, bisz dasz die nacht bricht ein, da darff ich keinen gast, selbander wil ich seyn. 101, 7; einsam oder auch selbander, unter lieben, unter leiden, werden vor und nach einander einer mit dem andern scheiden. Göthe 3, 246.
vgl. auch: es ist ein einzeler und nicht selb ander, und hat weder kind noch brüder.
pred. Sal. 4, 8. II@6@b@bβ)
bei pluralischem subject nimmt selbander
oft den sinn '
mit einander, zusammen, vereint'
u. ähnliches an: der kleinstaatliche liberalismus ... und der rationalismus .. fanden da (
in der zeitschrift Sophronizon) selbander ihren sprechsaal. Treitschke
d. gesch. 2, 97; in Doberan ... sah man ihn (
herzog Friedrich Franz von Schwerin) oft stundenlang ... mit irgend einem handwerksmeister zusammen an der spielbank sitzen, bis sie gründlich ausgebeutelt selbander heimgingen. 3, 568; sie sind selbander, verzeiht einander. Göthe 11, 39; fasse sie wieder! empfindet selbander, euer besitzen und euren verlust! 40, 411; sie hatten selbander drei jahre gelebt. Stolberg 1, 276. II@6@b@gγ)
noch auffälliger sind folgende constructionen: wenn gott durch einen prediger in der kirchen, oder sonst durch selbander, ein tröstlich wort hören lesst. Luther 1, 79
a; ach grimmer todt wie scheidst selbander die aller liebsten von einander. H. Sachs 2, 1, 42
d; sie liebten, und hatten's selbander (
vor einander) kein hehl. Stolberg 1, 276.
vgl. auch: wir haben kein conto mit einander, sind wie im paradies selbander (
zu einander?). Göthe 3, 245. II@6@b@dδ)
im sinne von '
doppelt' (?
nach dem glossar): so ist er dem gericht vellig lx agler und dem clager das gesprochen gelt selbander schuldig.
steir. taid. 467, 6. II@6@b@eε)
im mhd. kann selpander
dabei flexionsendung annehmen: der künec dô Tristanden nam selpandern, als er dar kam.
Trist. 11184.
so auch vereinzelt noch nhd.: den 16. haben wir den herren patrem Pfüster selbanderen über den see ... abgeordnet. Bürster
schwed. krieg 107
Weech. II@6@b@zζ)
in dichterischer rede vereinzelt substantiviert (
im sinne von β):
er. gedenkst du noch der stunden, wo eins zum andern drang?
sie. wenn ich dich nicht gefunden, war mir der tag so lang.
er. dann herrlich! ein selbander, wie es mich noch erfreut. Göthe 56, 33. II@6@b@hη)
die form ist im allgemeinen fest, ganz vereinzelt wird ein t
am ende angehängt (
hier vielleicht als ordinalendung?): darum musz der weidmann gar nahe dabey selbandert oder dritte verborgen ligen. Hohberg 2, 705
b. II@6@b@thθ)
mundartlich ist selbander
ebenfalls allgemein verbreitet, z. b. schweiz. sälbandăr Bühler
Davos 1, 154,
thür. salbanderde (
vgl.η), zàlbanrde,
auch zùm baner Hertel
sprachsch. 227;
nd. sülfanner Danneil 216
a, sülwanner (
und sülwstanner) Mi 89
b, selfander Schambach 190
a und sülfander 218
a, selfanner Woeste 235
a. II@6@b@iι)
zuweilen entwickeln mundarten besondere bedeutungen. so bedeutet selbander
in der Schweiz '
schwanger' Stalder 2, 369,
nd. (
westfälisch) selfanner
auch '
betrunken'. Frommann 5, 68, 26 (
ebenso selftwedde g
n. 5, 74, 126),
s. auch Wander 4, 529. II@6@b@kκ)
es ist zu bemerken, dasz auch ander
in der bedeutung der ordinalzahl sich nhd. nur in dieser verbindung erhalten hat. indessen hat die neuere umgangssprache dafür auch selbzweit
eingeführt, vgl. e (
ferner f. g. i. k. l, γ).
ebenso in mundarten: bair. selb-ander
und selb-zwait(er) Schm. 2, 264,
nd. sülftwêt Danneil 229
b, sülf ander
und sülf tweede Stürenburg 272
b. II@6@cc)
die andern verbindungen sind mit den gewöhnlichen ordinalzahlen zusammengesetzt. selbdritt: mettercius selbdritter, zelf-, sulfderde. Dief.
gloss. 359
b; ich will, dasz du selbdritte kommest,
volo tertius ut venias. Stieler 2003;
mhd.-mnd. noch getrennt: jene, die sie under ime hevet, mut sie selve dridde wol behalden der die 't sagen.
Sachsensp. 3, 4, § 1;
mit reflexionsendung: ein ding berechten mit drein ayden, oder sein hand selb drittew.
quelle bei Schm. 2, 264; der sol sein unschuld weweisen mit im selb dritten erbern weisen mannen (
semet tercio idoneorum virorum).
ebenda; selb dritter rait er von dem her. Suchenwirt 14, 103.
in gewöhnlicher form: butet ouch eyner syne unscholt vor dy volleist, der mag entgehen mit synis eynis hant adir selbdritte, ab her mit geczuge dorumme clagit.
Magdeburger fragen 3, 1, 6; es kam unser herr der bischoff und cardinal nun selb dritt gen Nürnberg.
d. städtechron. 5, 96, 8; item, ain her ist nit verbunden, niemant kain cost noch zerung ze geben, denn dem richter selbdritt.
tir. weisth. 3, 343, 36; der furst auff seim wagen selbdritt oder viert gefahren ist. Pauli
schimpf 76
b; dasz wir nit mehr, dann selbdritt kommen wollen. Götz v. Berlichingen 138; wir eilten selbdritte zu dem .. landungsplatze. Göthe 29, 335; da stiegen beide ab und gingen selbdritt zu fusz, rechts und links der vater und sohn, und in der mitte der esel. Hebel 2, 60; keine der drei ostmächte hat seit dem Tilsiter frieden je wieder ein rückhaltloses vertrauen zu dem weltherrscher gefaszt .. die erkenntnisz, dasz man dereinst noch selbdritt gegen Frankreich werde kämpfen müssen, machte in der stille ihren weg. Treitschke
d. gesch. 1, 322; ick kan myn egen doent nicht wahrn, und schall all dag' tho have fahrn sülff drüd, sülff veerd, mit ossn unnd peerdn. Hollonius
somnium vitae humanae v. 608 (
s. 34
neudruck); ja selbdritt erschien der wolf, er hatte zwey kinder. Göthe 40, 158.
mundartlich, z. b. schweiz. sälbdritt Bühler
Davos 1, 154,
nd. sülfdrüdd Danneil 216
a, se sint mant sülfdridde Schamb. 218
a.
vgl. unten e. f. h. selbviert: er kam selb-vierte zu mir,
egli venne da me lui istesso con trè altri, qual quarto. Kramer
dict. 2, 762
c; da kam Jacob Püttrich von Bairn selbviert haimlich gewapnet her gen Augspurg.
d. städtechron. 5, 2, 3; es waren auch ander edlleut mit im, die auch diser stat diener waren, nemlich: Sigmund marschalk von Papenhaim selb sibent, Eberlin von Freiberg selb fünft, Hainrich Truchsäsz selb viert, Hans von Wallenfels selb viert. 253, 5
f.; man war es im dorfe schon gewöhnt, sie selbviert ankommen zu sehen. Anzencruber
3 4, 160; sie habe den schwanz nur in's wasser einzutauchen und hängen zu lassen: es würden die fische fest sich beiszen, sie könne selbviert nicht alle verzehren. Göthe 40, 191.
vgl. unten d. e. h. selbfünft, nd. sülfföfte Schambach 218
a: ich muest selb fünft ain pfärd und ain knecht haben, das kostet unser ieden 10 fl.
d. städtechron. 5, 195, 20; ich arbeittet mit gotes hilff hindurch selb fünfft zuross, und etwa mit hundert fuoszknechten. Franck
weltb. 233
a; dâr nâch zehant sach man komen den rihter selpfünfte.
Helmbr. 1613; eines tages könig Carl ... zu disem ritter war einkehren selb fünfft. H. Sachs 5, 315
a.
vgl. unten d. f. g. selbsechst: do schickt wir den Hasennest selb sehst zu den Grossen gen Trockaw.
d. städtechron. 2, 90, 37; nach dem sie darkommen, haben sie sich selb sechst berahtschlaget, wie sie das pabsthumb .. abstelleten. Kirchhof
wendunm. 1, 565
Österley (1, 2, 117).
vgl. d. i. selbsiebent: des mut die richter selve sevede sogedaner lüde de eme ordel vinden getüch sin.
Sachsensp. 1, 8, § 1; umb ungerichte .. mag sy iren fredebrecher in frischer tat obirwinden, glich also eyn man thun mochte, selbsebinde zcu ir mit sechs mannen. Behrend
Magdeb. fragen 2, 2, 21; wen ain rat ain armen menschen berechtet hat, so muost ain burgermeister selbsibend des ratzs uber ain schweren.
d. städtechron. 4, 324,
anm. 10.
vgl. d. selbacht: dasz du uns Hannsen Haider selb achten zimmerman schickest.
quelle bei Schm. 2, 264; item an sant Anthony tag do rait der Griesz selb acht, Lichtenberck zu beschawen.
d. städtechr. 2, 87, 19; da er (
gott) die welt durch die sindflut wolt verderben, zoch er Noah selb acht durch die archen eraus. Luther 3, 389
b; merck Noe ward selbacht erwelt. Schwartzenberg
Cic. 130
c; gott ward allein Noe den alten selb acht in der archen erhalten. H. Sachs 4, 1, 32
c; eins abents ich zu gaste was, selb achte ich zu tische sasz. 4, 3, 94
c.
dafür selbachtend: sein selbs leip und selbachtend wol gerüster diener und pferde.
d. städtechr. 2, 59,
anm. 3; auf sant Bartlmes abent da rait Jacob Püttrich selb achtend in die vorstat ze sant Niclaus. 5, 12, 29.
vgl. unten e. selbneunt: in der Littaw er mit wer selb neunter sprengte vor dem her. Suchenwirt 18, 160.
vgl. f. selbzehnt: nun kamen des Püttrichs freund und guet gesellen auf die nacht selbzehent von Bairn.
d. städtechron. 5, 2, 14; da het der khaiser ain welsch stechen, er stach selbzehenndt. 23, 128,
anmerk. 9; (
ich) kamm inn ein holtz selb zechend.
Haimonsk. s. 161, 6
Bachmann; einem Hispanier, der diser ding unwissende, selb zehend zuo mir wolt ziehen. Franck
weltb. 233
b.
vgl. f. selbzwölft, nd. sülftwölfte Schambach 218
a: sie ginng daruff selb zwölfft jrer jungkfrawen, ausz jrer kammern.
Fierabras C 5
b; ich wil selbe zwelfterin Guntheres lant.
Nibel. 60, 2; ja, rittest du selb zwölfte, von ihm würdst angerannt.
Hildebrandslied 2, 7.
vgl. f. k. selbdreizehnt: war das nit ein sehnliche und jämmerliche clag? jch starb aus meinem haus selb dreyzehend auf einen tag.
Nürnb. grabstein von 1427
bei Schm. 2, 264.
mit andern zehnern (15, 16, 17, 18)
s. unter f. selbzwanzigst: selbzwanzigster gefangen und allein vom Saladin begnadiget. Lessing 2, 216 (
Nathan 1, 5).
mit zusammengesetzten zahlen: nam er tzu im die pesten selb sechs und tzwainzgist. Suchenwirt 18, 173.
vgl. unten e und f (
hier auch mit 30
und 100,
mit 50
und 700
unter g). II@6@dd)
die gröszere lockerheit der zusammenstellung im mhd. zeigt sich zunächst in der flectierbarkeit des zweiten theiles, vgl. b, ε und die beispiele zu selbdritt.
sie ist notwendig, um zweideutigkeit zu vermeiden, in fällen wie: er truoc in selbe vierden hin, diu starken ors under in, als eʒ ein niht wære.
Wigalois 4958.
doch steht auch in solchen fällen schon im guten mhd. die nominativform: dâr nâch zehant sach man komen den rihter selpfünfte.
meier Helmbrecht 1613.
ferner darin, dasz beide theile noch ihre stellung wechseln können: den ir kamerærevierde selbe kûme getruoc.
Nibel. 416, 4.
so noch nhd., ganz ungewöhnlich: der herr zur letzten tafel sasz, er sechster selb und sieben (
d. h. selbdreizehnt). Spee
trutzn. s. 244
Balke. vgl. auch nl. zelfdetweede, zelfdederde. Grimm
gramm. 2, 951. II@6@ee)
eine nachwirkung dieser loseren fügung ist es jedoch auch, wenn nicht gerade selten an stelle von selb-
die später herrschenden formen selber
und besonders selbst
eintreten, vergl. dazu g: daʒ er dâr abe geschant sich selber ahte. Eckhart 276, 2; hälffend ir mir nüt, daʒ ich hinweg gelaussen wird selbs trydt.
Haimonsk. s. 259, 10
Bachmann (
ebenso 16); Sighart Zimmerman selber ander mit 4 hantpuhsen.
d. städtechron. 1, 177, 28; es solten die gesandten auch nur selbst dritte kommen. Olearius
pers. reisebeschr. 276
b (4, 43); just die zeit im jahre, wo alles was lebet gern selbst zweiter ist. Lichtenberg 7, 89. —
mit ziffern: dasz kaum des ordens land-marschalck selbst xx. davon gekommen ist. Micrälius
altes Pommern 1, 281. —
mit unberechtigtem -en
am ende: den 24. augusti ist obriste Merzy von Reinfelden ... nun selbstfüerten naher Costanz ankomen. Bürster
schwed. krieg s. 83
Weech; hat er sich also krank in den clöstern im Schweizerland ... uffgehalten ..., nur selbstdrüdten biszweilen oder selbstfüerten. 158. II@6@ff)
während diese redeweisen grammatisch unanfechtbar sind, liegt eine verkennung und ausartung dieser fügung vor, wenn an stelle der ordinalzahl die grundzahl gesetzt wird. dies wird man noch nicht annehmen, wenn ziffern geschrieben werden, wie z. b.: mein vater Hainrich Stromer starb anno 1347 ... und liess lebendiger kinder mich und mein geswistreit selb 18.
d. städtechroniken 1, 62, 21,
da an andern stellen dieser quelle die ordinalzahl ausgeschrieben ist. so auch: da wartet herczog Hainrich uf in selb 16 gewappenter. 4, 118, 11; die ander hiesz Christini, ist in einer pestelentz selb 9 ... gestorben. Th. Platter
s. 5
Boos. deutlich dagegen in folgenden fällen: wo Göthe, der herzog und Wedel oft selb drey zu mittag essen. Wieland
bei Merck
briefs. 2, 149; ertrunken ist Adolph selbfünfe. Göthe 22, 199 (
wanderj. 2, 12); der hirsch geht in rudeln und der fisch im wasser schwimmt selbzwanzig dahin und dorthin. Immermann
Münchh. 4, 35; bald hernach wurden die räuber selbdreiszig, mit zwanzig pferden, zu Hasselstein auf dem kirchenraub betrappt. Grimm
sagen nr. 164.
es ist bemerkenswert, dasz die grundzahl besonders bei gröszern zahlen einzutreten pflegt; so hat Stieler 2003
zwar selbander, selbdritte (
s. oben),
aber daneben: selb zehne,
deni. selb zwanzig,
viceni. selb hundert,
centeni. vgl. ferner: solches thaten sie (
die landsknechte) nicht allein enzeln, selb ander oder selb dritte, sondern auch selb zehn, selb zwölf und selb fünfzehn. Pape
bettel- u. garteteufel Q 5
a; es ist ein altes jägersprüchwort, um die starke vermehrung der hasen anzugeben, dasz man sagt: der hase rücke zur frühlingszeit selbander von holz zu feld und komme selb sechszehn oder siebenzehn von felde zu holz. Heppe
jagdlust (1783) 1, 201.
man könnte daher daran denken, dasz bei sieben, neun, zehn
und den zusammensetzungen mit zehn
etwa lautlicher abfall des t
hinter n
im spiele sei (
bei 8
fallen grund- und ordnungszahl ohnehin zusammen),
wenn nicht selbdrei
schon früh daneben stünde, einmal sogar schon in mhd. zeit: magtlichen rain sy des genas, selb dreyen freyenn unitas. Oswald v. Wolkenstein 96, 1, 17 (
nicht recht klar, sonst hat er selb dritt ain,
s. d. gloss. s. 423).
der hauptgrund wird also jedenfalls sein, dasz man das verständnis für den sinn der fügung verlor. II@6@gg)
auch hier tritt selbst
ein (
und zwar sind diese wendungen früher belegt),
so schon mnd.: ein ridder sulffs seven hundert alle gude ridder.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 464
a;
so auch nnd. sülwst twei Mi 88
b.
nhd.: er legte sich an der landstrasze damit in hinterhalt und fiel selbst funfziger einen wagen
an. Lessing 2, 148 (
Em. Galotti 3, 1); als bey Clupea selbst fünff' ich kaum entkam. Lohenstein
Sophon. 1, 177. II@6@hh)
zu selb
kann auch hier das pers. pron. hinzugefügt werden, z. b.: do kom Jacob Püttrich von Bairn herin in die stat gegangen er selb vierd.
d. städtechron. 4, 22, 12.
dieses kann auch an stelle von selb
treten (
wie im altnord. gewöhnlich): Johann Ludewig ... begab sich, er der vierzigste, von Genf insgeheim nach Piemont. Joh. Müller
werke 24, 51.
auf miszverständnis beruht es dagegen, wenn dafür sich
eintritt (
was allerdings an den lat. redeweisen mit sibi-
und semet-
auffällige parallelen hat): daʒ der probst von sant Alban sol komen sich selbe dritte und mit sinen hunden.
Basler zinsb. von 1403
bei Thommen
schriftproben taf. 8.
häufiger ist ähnliches in andern sprachen, wie mnl. hem derde,
frz. soi quinte. Grimm
gramm. 2, 951,
neben lui trentisme, quarantisme. Schm. 2, 264. II@6@ii)
ein weiterer schritt ist es, wenn am ende selb
geradezu als präposition behandelt wird (
wie samt, mit): schau dort ein bärtiger bandit selb einem andern stampft und glüht. A. v. Droste-Hülshoff
ged. 512.
eine ähnliche auffassung scheint, nach maszgabe der endung, auch in folgender stelle vorzuliegen: er hatte sich viel mit dem fang der wallfische beschäftiget, deren er einst, selbsechsen, in zweien tagen sechszig gefangen. Stolberg 10, 223.
es würde dann zugleich eine verschiebung des zahlbegriffes eingetreten sein, denn selbsechst
bedeutet nicht '
mit 6',
sondern '
mit 5
andern'. II@6@kk)
ein eigenthümliches widerspiel dazu ist es, wenn selb
durch lautliche entstellung zuweilen samt
ähnlich wird (
vgl. unter selben
und selbt),
so in der regelmäszigen fügung: wie ich mich vor sant zwölfft hab gneert. Schmelzl
verlorn. sohn 24
a.
ferner samtwander
im heldenbuch Caspars v.
d. Rön
s. Grimm
gramm. 2, 951. II@6@ll)
der verbindung von selb
mit ordnungszahlen sind in der ältern sprache zuweilen andre ausdrücke nachgebildet. II@6@l@aα)
als eine art allgemeiner zahl selbmerd,
mit mehreren andern: da hatt gehaltten herczog Cristoff selbmerd und da scharpf gerenntt; item an der heiligen drey kunig tag hatt der kunig selbmerder gerenntt.
quelle bei Schm. 2, 264.
so ferner: metquotus selbwiefelst, selbvelyste, zulues wo vel .. selbwoneste (
für selbwovelste?). Dief.
gloss. 359
b. II@6@l@bβ)
während hier die form der ordinalzahl gewahrt ist, tritt die grundzahl ein in den bildungen selbeiner, selballein,
die nur ein verstärktes allein
sind: metrotus selbes eyne, alleyn selber,
metronus selballain,
metenus selbainer,
metunus vel -solus selbes eyner, selb-, selbs-, selber-allein, selffs alleen. Dief.
gloss. 359
b. II@6@l@gγ)
sogar selbbaid
für selbander,
zu zweien: sealboit ist koiner herr alloi,
s. Schm. 2, 264. II@77)
in andern zusammensetzungen ist in der ältern sprache überall die stammform selb-,
nd. sulf-
maszgebend, während heute die im selbständigen gebrauche herrschende normalform selbst
sich auch hier festgesetzt hat. letztere ist daher auch im folgenden überall zu grunde gelegt, wo sie bezeugt oder die composition in der modernen umgangssprache lebendig ist. doch stehen in der ältern sprache noch häufig formen mit selb
daneben, vgl. selbstdünkend, -eigen (3), -eigenthum, -erdacht, -erdichtet, -erfunden, -erwählt, -geboten, -geschosz, -gethan, -gewachsen, -göttler, -herr, -lautend, -lauter, -lieb, -mächtig, -recht, -richter, -sacher, -schätzer, -schuld, -schuldig, -stand, -ständigkeit, -thäter, -thätig(keit), -verständig, -wachsen(d), -wasser, -weise, -wesen, -wesend, -wille, -willig, -zündend.
namentlich in zusammensetzung mit einem part. perf. scheint Luther
noch consequent selb-
zu gebrauchen. vereinzelt erhalten sie sich bis in die neuere sprache, s. selbsteigen,
selbstherr. Göthe
hat noch selbgesteckt, J. Paul selblebensbeschreibung (
auch selb-trockenseil
Katzenb. bader. 1, 47), Rückert (
der ja überhaupt selb
noch verwendet, s. oben II, 3,
e, β,
sp. 419) selbbetrug, -sucht, -vertrauen,
doch hat hier die ausgabe von 1882
überall selbst-
hergestellt, vgl. die einzelnen wörter und selbst II, 6.