grimm,
adj. AA.
form. dem west- und nordgerm. gemeinsames wort: ahd. grim, grimmi,
asächs. ags. afries. grim,
anord. grimmr;
übereinstimmende bedeutung ist '
wütend, wild',
vielfach weiter entwickelt zu '
böse, furchtbar'
; im got. nur, mit anderer ablautstufe, gramjan '
reizen'.
von einer idg. wurzel *ghrem- '
reiben, knarren, knirschen',
die in gr. χρεμίζω,
χρεμέθω '
mit den zähnen knirschen, wiehern',
χρόμος u. a. wiederkehrt, vgl. Fick
33, 142; Falk-Torp 1, 340. 347.
die grundbedeutung tritt rein zu tage im ahd. subst. zano gagrim
stridor dentium Mons. fragm. 10, 6. 24; 16, 2
Hench. das adj. hat in mhd. zeit noch die vorhand vor grimmig (
s. d.),
in der nhd. zeit wird es allmählich von dem abgeleiteten adj. zurückgedrängt, und im 18.
jh. ist es in gefahr, der concurrenz zu erliegen (grimm,
olim für grimmig Frisch [1741] 373
b; '
im hochdeutschen veraltet, im oberdeutschen aber noch für grimmig, wütend, grausam gebraucht' Adelung),
als es sich in die poetische sprache rettet, um auf diesem gebiet noch ein kräftiges leben zu entfalten. BB.
bedeutung. als ausgangspunkt der bedeutungsentwicklung ist der begriff der zähneknirschenden wut anzusetzen; und vielleicht steckt in der bei Murner (
nach Schmidt
elsäss. 155
a)
überlieferten redensart ein grimen zan den tempelknechten zeigen
etwas sehr altes. B@11)
am nächsten heran an diesen ausgangspunkt führt die bedeutung '
in wut geratend, zornwütig, ergrimmt': so der grimme rihtare an der jungesten urteile zornlichen chumet
spec. eccl. 143
Kelle; daz zurnder sô sêre,daz er mich dô sluoc mit einer starken schalten:des wart ich grimme genuoc
Nib. 1545, 4;
doch tritt diese bedeutung im mhd. gegenüber 3
zurück, wie man etwa am Nib.-lied studieren kann; später häufiger: efferus grimm und schier als ertaubet Frisius (1556) 460
b; soll einem das nicht das hertz grim machen, quod dicit 'dominus' Luther 29, 666
Weim.; der lew schmecket usz dem geruch des pardi den eebruch der lewin. darumb würt er grimm das selbig zuo rechen Eppendorff
Plinius (1543) 50;
mit präpos.: das pöfel .. wider die Carthaginenser grimm machen Xylander
Polybius (1574) 59; ist er in seinem gemüt erzürnt und gantz grimm über Lewfriden worden Wickram 2, 351
lit. ver.; und so bis in die neue zeit: mein Tilly kam nicht aus dem hain, er war erhitzt und grimm genug Droste-Hülshoff 2, 158;
natürlich auch übertragen: der keiser übel unde rôt der rede im antwürte bôt ûz eime grimmen herzen Konr. v. Würzburg
Otto v. 231; als ich die wort ausz grimmem sinn in zorens weis warf her und hin Seb. Brant
nach Schmidt
elsäss. 155
a; trifft mit dem arm und grimmen blicken, was schnell nicht aus dem pfad kann rücken Droste-Hülshoff 2, 67; der herzog grimmen tones sprach Arnim 14, 262. B@22)
von bedeutung ist ein nur im mhd. nachzuweisender, später erstorbener gebrauch, der das adj. auch für andere erregungen als die der wut, des zornes verwendet; '
wild, auszer sich vor schmerz, verzweiflung u. dgl.': dô hôrter eine stimme jæmerlîchen grimme von dem wege wüefen, nâch helfe rüefen erbarmeclîchen ein wîp
Er. 5297;
so namentlich neben weinen
und klagen:
[] sie waineten vil grimme
Rol. 199, 24; sô chlaget er dich grimme 235, 9,
beides in der volksepik öfter; s. u. 5 b;
diese bedeutung findet beim verbum 1grimmen
eine stütze, s. d. 1;
schlieszlich kann das adj. ganz zum begriff leidenschaftlicher erregung verblassen; so spurweise im frühnhd.: (
der kaiser u. seine frau) sachend das grim louffen des volks und hortend auch das geschrey
dtsche volksb. 285, 25
Bachmann-Singer; vgl. 2grimm 4. B@33)
der weitaus vorherrschende gebrauch zeigt das adj. in einem von 1
deutlich unterschiedenen sinne, mehr dauernde eigenschaft als vorübergehenden zustand bezeichnend, also acer, atrox, ferox, ferus, efferus, trux, sœvus u. ä. Graff 4, 324;
crudelis Dief.
nov. gl. 121
a;
crudus, crudelis Frisius (1556) 346
b;
immanis 650
a;
importunus 662
a;
violentus 1385
b. B@3@aa)
zumeist von menschen: der eber bedäut uns die grimmen läut, die .. alle zeit grimmik und swarz beleibent in irn sünden Konr. v. Megenberg
buch d. natur 121, 15; da man etwen einen menschen findet, der ist grimm, er ist rauh, wil jederman überfaren Keisersberg
seelenpar. vorr. 2
b;
im älteren nhd. öfter in der allitterierenden verbindung: do sindt die heiden .. grim und grob gewesen Hedio
chron. germ. (1530) p vi
b;
seit alters gern attributiv, und zwar vielfach in einem halb formelhaften gebrauch: der grimmo Nero
saeviens Graff 4, 324;
im Heliand stehendes beiwort der Juden; haiden die grimmen die wolten gerne unterdringen dere cristen scar
Rol. 167, 1
u. ö., gerade bei diesem subst. bis ins nhd. vielgebraucht; der grimme Hagne
Nib. 934, 1
u. ö., wie überhaupt gr. ein lieblingswort des Nib.-dichters ist; der küng Porsena grimm und streng belegert Rom Schwarzenberg
Cicero (1535) 119
a; der grimme sultan Lohenstein
Ibrahim sultan 37;
so von der zweiten hälfte des 18.
jhs. bis in die neueste zeit in gehobener sprache wieder sehr häufig: er ziehe gegen grimme Saracenen Herder 15, 85
S.; wenn wir dem grimmen Welfen widerstanden Rich. Wagner
ges. schr. u. dicht. 2, 21;
feste fügungen sind der grimme teufel
und, bis in unsere zeit fortlebend, der grimme feind
und der grimme tod: so siht er denne die grimmen tüfel Schmidt
elsäss. 155
a (
aus dem 14.
jh.); gott, der liebt nicht nur die frommen, ... sondern auch, die ihm genommen durch den grimmen seelenfeind P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 299
b; allwo er jetzt, da neu entbrannt der krieg, gar hart gehalten wird vom grimmen feind Grillparzer 8, 10; o du grymer tod, wie kanst du so hert und so streng seyn
Fortunatus (1509) 94
neudr.; (
der acker) drauf seine garben wacker hinwirft der grimme schnitter tod Freiligrath 3, 80
Schmidt - Weiszenfels; ältere sprache versteht diese wendung vielfach anders, s. u. 3 b.
namentlich die früheren perioden der sprache lassen gewisse schwankungen des sinnes erkennen, wie sie schon aus manchen glossierungen erhellen: ingratus, acharis Graff 4, 324;
malignus Dief. 344
a;
spurcus 549
a;
besonders die bedeutung '
streng, hart, grausam'
hebt sich schärfer heraus: acerbus crim, grim
ahd. gl. 1, 12, 6;
austerior crimmira, crimmiro 1, 26, 36;
severus Dief. 531
b; ih forahta, uuanta thû grim man bist, nimist thaz thû ni sáztôs (
quia homo austerus es)
Tat. 151, 7; grimmen chuning
immitem Graff 4, 324; die vorvluchten und die grimmen, die diser werlde walden und ir gut vor enthalden den durftigen, den husarmen Hesler
apoc. 22694;
[] davon fiel er in viel laster und ward eyn grimmer herr und von den seinen verhast Carbach
Livius 127
a; ein ochsen hab ich in dem stal, den will ich schencken im, ja im, weil ich nicht gelt hab allemal, dasz er nicht sey so grim Ayrer 5, 3039
lit. ver.; vgl. dazu homo durus, tumidus grimm, stoltz, hochfertig, hochtragen Frisius (1556) 1336
b;
ferox fräch, stoltz, grimm Calepinus xi
ling. (1598) 556
a;
verbunden mit dem dat. kann das wort der bedeutung '
wild, grausam'
die des feindseligen beimengen: doch lies er (
Pilatus) in (
Jesus) gebunden stan bi denen die im warent grim
Schweizer Wernher
Marienl. 9195; so ist nach dem todt Tiberii der keyser Caius inen gar grim und zuowider gsin Hedio
chron. germ. (1530) b 3
b;
erst in jüngerer zeit in einer abgeschwächten bedeutung '
drohend-finster': aber wie schlecht steht dem ernsten grimmen Beethoven solches kinderspiel D. Fr. Strausz
schr. 6, 247.
wieviel lebendiger das wort in älterer sprache war, erhellt auch aus den mannigfachen formen adverbialen gebrauchs: wie grimm die juden mit dem herrn Jesu umbgiengen Keisersberg
nach Schmidt
elsäss. 155
a; ist er (
der papst) dan der allerheiligest an gots stat und lasset so grym die lüt tödten?
Karsthans 174
bei Murner
luth. narr (
Kurz); die viech, die hund und die maulthier grimm wurden in den todt gestürzt Spreng
Ilias (1610) 2
b;
später ungewöhnlich: die ihr mir mein liebes fest so grimm zerreiszt Fouqué
nach Sanders. B@3@bb)
von thieren: seit alters stehendes beiwort des löwen: daz ein grimmer lewe nie sô giric was nâch eime vihe Konr. v. Würzburg
Eng. 2748; an dem grimmen löwen sich auch rechen Gengenbach 90
Gödeke; auch anderweitig oft: leopartun crimmistun
tigridi ferocissimae Graff 4, 324; den grimmen serpant Heinr. v. Freiberg
Tristan 6446;
apri acres grimm, gewaltig, mächtig und scharpf Frisius (1556) 21
a;
am deutlichsten tritt der bedeutungskern bei prädicativem gebrauch zu tage: das weyblin (
des bären) ist .. grimmer weder das männlin Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 14
b; wann sie der wölfin in der brunst nachlaufen, sein die wölf am aller grimmsten und grausamsten Sebiz
feldbau (1579) 614; grimm
kann gegensatz zu zahm
sein: onager waltesel, ain stark o. grimmer esel Dief.
nov. gl. 271
b; das man macht zam eyn yedes thier, wie hert, wie wild, wie grymm das ist Brant
narrensch. 22, 33
Zarncke; der grimme vogel (
vielleicht unter dem einflusz von krimmvogel
th. 5, 2310
und der grimmende vogel
ib. sp. 2305
stehend)
ist der raubvogel: daz diu swalb von den grimmen vogeln nümmer gelaidigt werd Konr. v. Megenberg
buch d. natur 200, 15;
vgl. 193, 9;
seit dem späteren 17.
jh. immer mehr auf die poetische sprache und attributiven gebrauch beschränkt, weil für die prosa abgelöst von grimmig (
s. d. 2 b): (
Apollo) der grosze schutz und tod der grimmen trachen Treuer
dtsch. Dädalus 1, 97; den grimmen geier, der dich so zerfleischt Brentano
ges. schr. 2, 197; denn ich bin grimmig, wie der grimme leu Grillparzer 5, 119
Sauer B@3@cc)
übertragen. B@3@c@aα)
dem eigentlichen gebrauch des adj. am nächsten kommt die übertragung auf die träger und sitze des grimms; schon im Heliand grimman hugi 4263. 4629, grimmon sebon 2687;
im mhd. findet man grimmer muot
in jeder art von epik, besonders im Nib.; später wird grimmes gemüt
zu einer festen wendung: und würt keiner sach bei allen verstendigen höcher getadelt als seines gehen zorns und grimmen gemüets halben
zimm. chr. 2, 269, 2; doctor Peter Meyer ... hat ... auch gegen
[] meyner person ... ein giftig, natterisch und überusz grimmist gemüt und meynung getragen Hutten
opera 2, 117
Böcking; in neuerer sprache nur noch poetisch: könig Högni vor der schwester stand, ihr sinn war grimm und graus Strachwitz
ged. (1850) 257;
dagegen hat sich ein concreterer gebrauch erst in jüngerer zeit recht entwickelt (
vgl. grimmig 2 c
α): (
krokodil) das wär' ein nam' gewesen, welcher zu der grimmen miene paszte Grabbe 1, 337; er ... blitzte sie mit seinen kleinen grimmen augen an Storm 2, 264;
oder von thieren: blut im grimmen rachen Denis
lieder Sineds 47, 7; wie zwei drachen mit grimmen klauen O. Ludwig
ges. schr. 3, 584;
namentlich grimmer zahn
ist häufig: es haut nach mir mit grimmen zähnen Schiller 11, 280
G.; aussatz, der tief ins fleisch sich friszt mit grimmem zahn Droysen
Äschylus (1841) 123;
das ist vielleicht sehr alt, s. o. B;
auch neben anderen begriffen, die die auffassung eines beseelten wesens gestatten, behält das adj. seinen ursprünglichen subjectiven charakter; so sehr gern von den elementen: swart logna .. grim endi gradag
Heliand 4369;
feretrum grim mer Dief. 247
a; under dien (
winden) ist einer, heisset aquilo, und ist grimmer denne die andern Seuse
dtsch. schr. 452, 4;
in vollem bilde: an sant Michahels tage drat in mein sumer-haus der grim winter mit klage H. Sachs 23, 253
Keller-Götze; in neuerer poetischer sprache wieder sehr häufig: wenn ein anders grimmes wetter blitzend wider jenes (
wetter) zieht Schönaich
Hermann 144; der grimme nord vertauscht sein reich für Zemblens eis Wieland I 1, 115
akad. ausg.; denselben subjectiven charakter zeigt das adj. in der im älteren nhd. nicht seltenen wendung: den, den die grimme welt vom höchsten himmel aus bis in das grab gefällt Fleming 1, 16
lit. ver. B@3@c@bβ)
in anderen fällen erscheint eine objectivere bedeutung, die sich zuweilen dem sinn von '
grausig, furchtbar, schrecklich'
nähert, so in der in mittelalterlicher sprache sehr üblichen formel grimme hölle:
schon im Heliand 5429
bezeugt; sô werfent in gebunden die tiuvel in die grimmen helle Lampr. v. Regensburg
tochter Syon 1293;
oder in der bis in die neuere zeit üblichen verbindung mit that, unthat
u. dgl.: im Heliand 5150
wird is grimmon dad
mit sundeon
parallelisiert; ähnlichen sinnes grimmun uuerc 3229; dô huop sich under degenen ein mort vil grimme unde grôz
Nib. 1898, 4; glaubt, dasz ihr euch befleckt durch diese grimme that Lohenstein
Arminius 2, 1332
b; bis einst um einen grimmen mord der schmerz den reichen schatz zur asche wird verglühn Brentano
ges. schr. 6, 91;
auch detaillierter: in dem anschowene dez abziehens siner kleider und des grimmen annegelens sins herren an das krúz Seuse
dtsch. schr. 36, 15; hat sich Hegelin schnell gewendt und ain grimen stich auf disen schmid thon Knebel
chron. v. Kaisheim 387
lit. ver.; nicht selten: grausam grimm laster
refervens crimen Maaler
teutsch spraach (1561) 191
c;
[] der tugend untergang, der grimmen laster sieg Gryphius
trauersp. 41
P.; am häufigsten von kampf und streit: den herten und den grimmen strît triben si biz ûf die naht Konr. v. Würzburg
Parton. 16306; soll abermal heilloser krieg und grimme schlacht entstehn Bürger 156
a Bohtz; darüber hinaus in jüngerer sprache in mannigfacher verwendung, aber ausschlieszlich in poetischer rede: so sind die grimmen stunden, die singen mich gelehrt, dann nicht von dir entbunden Brentano
ges. schr. 2, 519; so mögt die grimme unbill denn erfahren Droste-Hülshoff 2, 252; hier trieb der teufel sein verruchtes spiel, ein grimmer irrthum waltet Arnim 5, 165
Grimm. B@3@c@gγ)
endlich von dem persönlichen ausgangspunkt völlig gelöst und ganz objectiv '
hart, schlimm, bitter, schmerzlich, schwer': von disem grimmen mære huob sich dar diu lantschaftmit vil kleglîcher kraft
klage 1123;
ähnlich ein grimmez scheiden 1212; schwartz ist ain grymme wAvt, wee dem, der des geclaidet gAvt Hätzlerin 165;
mit vorliebe aber neben ganz bestimmten begriffsgruppen: dem ich von schulden jehen muoz daz er grimmen kumber leit Konr. v. Würzburg
Parton. 15857; also starb er (
der gesteinigte) in grimmer not H. Sachs 1, 192, 22
Keller; vgl. auch den adverbialen gebrauch: ach, hett ich g'lost des Daniel stimm, so giengs mir nit so ruch und grimm J. Murer (1559)
nach Staub-Tobler 2, 733;
in neuerer zeit wieder viel gebraucht: ach, der heiligste von unsern trieben, warum quillt aus ihm die grimme pein? Göthe 4, 162
Weim.; sklaven des daseins — nur verschweigen laszt uns des daseins grimme qual Freiligrath
ges. dicht. 4, 194;
auf dieselbe linie gehören beispiele wie: wan si diu grimme vorhte treip
Er. 6662; da ich in schnöder lust, in toller eitelkeit und grimmer angst verthan die beste lebenszeit Gryphius
trauersp. 271
P.; concreter: do er .. dez nahtes von nOeten des grimmen siechtagen nit mohte schlafen Seuse
dtsch. schr. 69, 5; er ist auch guot zuo der grimmen muoter in dem leib, diu ze latein colica haizt Konr. v. Megenberg
buch d. natur 369, 1; grymme müter in dem libe
colica Dief.
nov. gl. 100
a;
vgl. gloss. 131
b; grymmer siechtag
hyliaca (
i. e. iliaca)
gloss. 277
b;
da die üblichste bezeichnung für colica das grimmen
ist (
s. u. sp. 356),
läszt sich vermuthen, dasz das vb. grimmen
die wahl des adj. in den obigen verbindungen begünstigt hat; eine besondere geschichte hat der grimme tod;
in alter sprache ist gr. gewöhnlichstes attribut von tod (
vgl. J. Grimm
myth. 42, 708);
stehend als beiwort von Christi martertod, wo man an die bedeutung crudelis denken möchte: der (
Christus) den grimmen tot leit Hesler
apoc. 19420; den erlöser, der uns durch sinen grimmen tod erlöszt hat H. R. Manuel
weinspiel 3866
neudr.; in der regel aber schlechthin '
der bittere tod'
; zahlreiche mhd. belege im mhd. wb. 1, 574
a; wann sy erinnert werden des grimmen tods Judas Nazarei 41, 6
ndr.; nebenher läuft dieselbe wendung als bezeichnung für den personificierten tod (
nunmehr grimm
im sinne saevus, [] atrox),
die in jüngerer sprache allein üblich geblieben ist, s. o. 3 a. B@3@c@dδ) grimm
kann im sinne '
scharf'
auch ganz concret von gegenständen gesagt werden, doch nur in älterer sprache: sie (
die rosse) wurden beide ersprenget mit grimmen und mit scharfen sporn Konr. v. Würzburg
troj. 3893,
vgl. 6248; und wart úncz an die elenbogen im (
Jesu) úber sin arm bin gezogen so grimmú, vesteklichú bant
Schweizer Wernher
Marienl. 9311;
dasz es sich hier nicht um poetisch-übertragenen gebrauch zu handeln braucht, lehrt die feste bezeichnung grimme geisel
für scorpio, s. th. 4, 1, 2, 2617 c
β,
γ;
dazu noch grimme gaysel
anguilla Dief.
nov. gl. 24
a. B@44)
erst in jüngster zeit und nur in gewissen wendungen zeigt sich die bedeutung '
wild'
mehr oder minder gefärbt durch den begriff des bitteren oder boshaften: das wort, das er jetzt oft halb im grimmen spott und halb voll wehmüthigen glaubens im munde führt Spielhagen 1, 11; der grimme hohn, welcher den gegner traf, wurde höchlich hewundert G. Freytag 17, 203;
dieser gebrauch hat sich am adj. grimmig
entwickelt (
s. d. 4);
von da gelegentlich auf grimm
übertragen. B@55)
eine besondere bedeutung entwickelt sich dadurch, dasz sich dem ursprünglichen sinn des adj. ein intensitätsbegriff beigesellt; grimm
kann, wie furchtbar, schrecklich, greulich
u. a., zur reinen quantitätsbezeichnung werden; schon im mhd. vorbereitet. B@5@aa)
es handelt sich zunächst nur um eine färbung der grundbedeutung durch den begriff des heftigen, gewaltigen; sie wird früh fühlbar, wo das adj. mit begriffsverwandten abstractis verbunden ist, zumal in der in älterer sprache überaus häufigen wendung grimmer zorn,
von haus aus rein charakterisierend: den held begriff sein grimmer zorn do er also in banden hieng
Laurin 2000
Schade; deutlich quantitierend gefärbt: Joseph laszt sie drum hart anfahrn, und stelt sich mit eim grimmen zorn Frischlin
dtsch. dicht. 76; ach wie was nun dein zoren hie so grym P. Speratus
bei Wackernagel
kirchenl. 3, 36;
ähnlich: auf vilen wafen steht der Mars in grimmer wuth Rompler
erstes gebüsch 150; namentlich war ein grimmer hasz gegen Waldstein in ihm reif geworden Laube
ges. schr. 14, 182;
aber auch neben andern substantiven: er sluoc der küniginne einen grimmen swanc
Nib. 362, 7, 2
Z.; vgl. der helm, vom grimmen hiebe schon fast zertrümmert, war bald gelöst Fouqué
zauberring 1, 68; ach hör den grimmen donnerschlag H. Sachs 8, 343
Keller-Götze; und thunt im grimmen widerstand 18, 26;
namentlich bei superlativem gebrauch; die Römer schmotztent durch die faust, bisz zuom grimsten stuond diser strausz Alex. Seitz
vom groszen abentmal (1540) A 5
b; dass hier mehr furchts und noths, als in dem grimsten streit Gryphius
trauersp. 30
P.; d'selben zeyt bemelter Römer aller grimmiste feynd Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 179
b,
und gerade in dieser formel bis in die jüngste zeit. B@5@bb)
reiner tritt das intensitätsmoment zu tage in der alten wendung grimme kälte
u. ä., die sich namentlich auf alem. boden findet: ein strengin, grimmin keltin Staub-Tobler 2, 733 (
quelle von 1520); 1334 was .. ein mercklicher ryff und krimme kälte Tschudi
chron. helvet. 1, 334; grimme kälte Auerbach
dorfgesch. (1846) 1, 7;
vgl. Fischer
schwäb. 3, 836;
doch auch auf nordd. boden: [] das thier sucht in den grüften für der grimmen kälte ruh
Königsb. dichterkr. 87
neudr.; ob schon für grimmen frost desz daches nagel springt Logau 632
lit. ver.; entsprechend: radiorum verbera die grimm und häftig hitz der sonnenstreymen Frisius (1556) 1360
a; grimme hitz
aestus atrox Schmeller 1, 996 (
vocab. von 1618);
auf derselben linie liegen: usz dem synd aber entsprungen grimme megery, den siechen blaiche farb Steinhöwel
de clar. mul. 38
lit. ver.; der vogel hat einen grimmen hunger und wirt nimmer sat Konr. v. Megenberg
buch d. natur 167, 32; vom grimmen durste übermannt Seb. Brunner
erzähl. u. schr. 1, 2; so asz er in einem grimmen geitz vil ungesotten rohe fleisch Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 28
a;
zuweilen wiegt das quantitätselement in der bedeutung noch stärker vor: also grime und tief was der schnee
städtechron. 5, 180. B@5@cc)
wie bei furchtbar, schrecklich
u. ä. ist es besonders der adverbiale gebrauch, in dem diese intensive bedeutung zur geltung kommt: vgl. grimme weinen, klagen
u. ä. oben 2;
im mhd. überwiegt der begriff der leidenschaft noch den des grades, später umgekehrt; die belege weisen wieder zumeist ins alem. gebiet: und trafen einander so grimm mit den spiessen, leiben und pferden an, dasz ire lantzen entzwey brachen
Amadis 1, 100
lit. ver.; drumb wäm das gfall, mit luter stimm der zeig es an und schryge grimm! Ruof
Adam und Heva 4586; dorab erschrack Zacharias grimm
tragödia Joannis (1549) A 4;
ganz ähnlich verläuft die entwicklung, wo grimm
als adv. neben einem adj. steht: dô sie gehôrt diu mære,daz war ir grimme leit
Nib. 1214, 1
u. ö.; swie grimme und swie starkesie in vîent wære 1803, 1;
ebenso noch spät: die münchen, denen er grimm viend was Tschudi
chron. helvet. 1, 66; die Falkenouw grimm hoch erhoben Staub-Tobler 2, 733 (
quelle von 1620);
schlieszlich ganz zur gradbezeichnung verblaszt: grimm chrank, nass, lieb Staub-Tobler
a. a. o.