spinne,
f. aranea. zu spinnen,
verb. gebildet, nur im westgerm. des festlandes zu belegen: ahd. spinna Graff 6, 346. Notker
ps. 89, 10;
dat. sing. spinnun
ebenda; acc. sing. dia spinnun 38, 12;
mhd. spinne.
im mittelenglischen entspricht ein fem. spinnere
altd. blätter 2, 111.
Dänen und Schweden haben die den Westgermanen entlehnte bezeichnung für das spinngerät, fusus, spindel (
s. oben)
auch auf das thier übertragen, mit rücksicht auf die ähnlichkeit zwischen dem von der decke sich herunterspinnenden thiere und dem zum boden hinabschnurrenden gerät. dän. schwed. spindel, spinnel.
ursprüngliche bedeutung unseres wortes war wol '
spinnerin',
weshalb die unter 4,
a angeführte verwendung von spinne
als bezeichnung der geliebten im appenzellischen nicht jung zu sein braucht, sondern sehr altes bewahren kann. 11) spinne
vel kanker,
aranea. Dief. 44
b; spinne,
aranea ebenda. voc. opt. 39, 8, Schottel 1419,
aranea, araneus Comenius 226, ein kancker,
araneus Corvinus 59
b,
plur. spinnen,
aranea, araneus Stieler 2091,
ragna, ragno, aragno Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 871
a; ein insekt, welches sonderlich den fliegen so keinen stachel haben nachstellet,
aranea, phalangium. Frisch 2, 302
c.
vgl. noch spinna Ruckert 173; spinne Lübben 368
b. Woeste 250
b; spenne,
aranea Dief. 44
b.
nov. gloss. 30
b. Dief.-Wülcker 859.
daneben eyn spinn, spynn, spyn,
aranea Dief. 44
b, eyn spyn,
phalangium 223
a. Dief.-Wülcker 859; spinn,
araneus Dasypodius,
aranea, araneus Maaler 380
d,
araignee, ragno. Hulsius (1616) 303
a,
ragno, verme (1618) 235
a,
aranea Dentzler 2, 269
b;
heute noch mundartlich spinn. Hunziker 246; spinn, spin ten Doornkaat Koolman 3, 277
a und der oben erwähnten nebenform spenne
entsprechend spenn Frischbier 2, 352
c. Hönig 148
b. 1@aa) eʒ werdent
auch spinnen ân unkäusch ausz faulen dingen, sam auʒ dem klainen staub, der in der sunnen fleugt, wenn der erfault, und auʒ des menschen spaicheln, die er wirft sô er geʒʒen hât. Megenberg 295, 1;
ihre aus der antike stammende metamorphose: Aragne war mein rechter nam; Pallas war meiner künst gram, das sie mich in ein spinn verkeret. H. Sachs
fabeln 1, 249 (
der zipperlein und die spinn)
Götze. 1@bb)
ihre verschiedenen arten, durch zusammensetzung hervorgehoben: buschspinne (
theil 2, 562). erdspinne (
theil 3, 781),
stellio, tarantula alias Dasypodius,
phalangium Stieler 2091;
ragno di terra ò terragnuolo Kramer
deutsch-ital. dict. 2 (1702), 871
a: erdspinn,
phalangium Dentzler 2, 269
b. feldspinne,
araneus niger Stieler 2091;
ragno campestre ò di campagna Kramer
dict. 2 (1702), 871
a. fensterspinne,
aranea domestica (
theil 3, 1526). gartenspinne (
theil 4, 1, 1414),
aranea hortensis Frisch 2, 302
c. grasspinne. hausspinne (
theil 4, 2, 690). jagdspinne Oken 5, 691. kellerspinne (
theil 5, 521). kranzspinne (
theil 5, 2062). krebsspinne (
theil 5, 2134). kreuzspinne (
theil 5, 2198). lauerspinne Oken 5, 685. mauerspinne (
theil 6, 1780). meerspinne,
sepia, diodemedea (
theil 6, 1859). milbenspinne,
als bezeichnung einer ganzen klasse. Oken 5, 672. nachtspinne,
aranea nocturna (
theil 6, 210). nestspinne (
theil 6, 631). netzspinne (
theil 6, 643). rauchspinne (
theil 8, 253). sackspinne (
theil 8, 1672). sammetspinne (
theil 8, 1751). saumspinne (
theil 8, 1921). seespinne (
oben sp. 71). skorpionspinne (
oben sp. 1330). springspinne (
s. unten). staub- und kehrichtspinne,
aranea pulverulenta, in quisquiliis labus Frisch 2, 302
b (
s. unten). sumpfspinne. uferspinne. vogelspinne. wasserspinne. wegspinne,
dasselbe wie gartenspinne,
aranea viatica. wiesenspinne,
aranea labyrinthica. winkelspinne, welche in den häusern in die winkel ihr gewebe macht,
aranea domestica in angulis Frisch 2, 302
c. wolfspinne, zellenspinne, zeltspinne.
mit adjectiven oder sonstigen bestimmungen: sicilianische spinne,
tarantola Kramer
dict. 2 (1702), 871
a,
sonst eine art welscher sehr vergiffter spinnen,
tarantula, phalangii genus. Corvinus 658
b; eine sehr gifftige spinne,
phalangium 488
a; eine giftige spinne,
un ragno venenoso Kramer
dict. 2 (1702), 871
a. eyn spinn mit langen beynen,
phalanx, phalangium Dasypodius.
nach der farbe: under ahtleie spinnen diu grüene spinne, aller spinnen wirste, diu mordet ir kint niht als dû. Berthold von Regensburg 1, 71, 25; das ist eitel geschwätz! wer heiszt ihn (
den kolibri) schweben und flattern, leuchten wie Irisgewand? — spinnen sind ernsthaft und grau. Kind 3, 198.
verschiedene grösze der beiden geschlechter: die groszen wohlgemästeten spinnen die wir im sommer in denen geweben sehen, sind, wie man mir versichert hat, die weibgen dieser nation, dahingegen das männliche geschlecht hager und unansehnlich in denen ritzen des gemäuers und den fugen der balken sich aufhält. Göthe
ephemerides 8
neudr. 1@cc) die spinne spinnet,
aranea texit telam Stieler 2091,
la ragna, il ragno fila. Kramer
dict. 2 (1702), 870
b;
vgl.: die spinn übt sich mit spinnen,
aranea telas exercet. Maaler 380
d.
daneben die spinne webt: sie schieden aus der zelle. der schreiber aber setzte sich wieder zu seinem pult; oben webte die spinne und unter ihr schrieb der mönch. Freytag 9, 12; der snegge slîchet trage; so kan diu spinne weben.
minnesinger 2, 388
b Hagen; und aller augen waren auf den alten geheftet, wenn er seinen mund zum reden aufthat, so stille ward es dann, man hätt' im sahl das weben einer spinne hören mö
gen. Wieland 18, 25; es woben in jedem zimmer die spinnen grosz und klein. Uhland 406. eʒ sprechent auch etleich, daʒ daʒ weibel spinn und web, und daʒ daʒ männel vâh die mucken mit demselben netzel. Megenberg 294, 31.
mit instrumentaler bestimmung: die spinn zettlet mit dem fuz,
filum pede deducit aranea. Maaler 380
d;
vermenschlicht: die spinne wirckt mit jren händen, und ist in der könige schlösser.
sprüche Salomon. 30, 28. 1@dd)
mit weiterer bestimmung durch ein object: aranea haiʒt ain spinn. der wurm hât die art, daʒ er auʒ seim gedirm fädem spinnet und netzel webt, dâ mit er die muken vaeht. Megenberg 294, 25; eʒ geschiht auch dick, daʒ er sich selber mit dem spinnen so gar ausdärmt, daʒ nihts in im beleibt und daʒ er stirbt, wan die spinnen habent in in ain wollentragend kraft, dar auʒ si die fädemen spinnent. 294, 29;
heute die spinne spinnt fäden zu ihrem netze. die spinne webt gewebe: die spinne macht das web ausz der uberflüssigen feuchtigkeit jhres leibs. Heyden
Plinius (1565) 490; reht alsam die spinnen, die ûʒ luftes gestüppe webent breite wüppe.
Reinfried v. Braunschweig 26454
Bartsch; vgl.: ouch ein spinne er (
Augustin) spinnen sach ir gewebe, dâ bîhte er nâch, daʒ im sîn zît dâ mit verswant, daʒ er got die wîl niht mant, die wîle er schout zuo der gespunst. Teichner 51. die spinne webet jhr spinnewebhausz und hencket es auch an die übergüldete bühnen. Comenius
sprachenthür übers. v. Docemius (1657) 226. spinnen
und weben
nebeneinander: ich will euch drei tüchtige fliegen verschaffen, sagte sie zu den kreuzspinnen, die ihre luftigen gewebe rund um an der decke und den wänden angeheftet hatten, aber ihr müszt mir gleich drei hübsche, leichte kleider spinnen ... die kreuzspinnen waren bereit und fingen rasch zu weben
an. Novalis 2, 194
Meiszner. in anderen wendungen: es war ein stiller, warmer, blauer nachsommernachmittag ... auf den übersponnenen stoppeln arbeiteten noch spinnen am fliegenden sommer und richteten einige fäden als die taue und segel auf. J. Paul
Titan 4, 25; über die stoppeln zogen die kleinen spinnen ihr silbergraues gespinst und die thautropfen glänzten als flüssige edelsteine darauf. Freytag 11, 237. 1@ee)
in reflexiven wendungen: die spinne hat sich angesponnen,
il ragno si vi è attaccato filando. Kramer
dict. 2 (1702), 871
b; die spinnen spinnen sich hinauf und hinab, wie sie wollen,
li ragni si filano sù e giù à loro voglia. ebenda; von der kindheit auf, wie noch jetzt als geist, stets fühlt' ich entsetzlichen abscheu vor spinnen, und floh diesz häszliche thier weit mehr als laster und ehbruch. als abends ich einst sammt meinem gemal, dem behaglichen, sasz an der tafel, spann plötzlich, o wel! sich ein solches getüm von der decke herab in den mund mir. Platen 251.
ähnlich: uber dieser betrachtung liesz sich eine spinne aus der decke des zimmers etliche mal an einem fademe auf Sentiens brief herunter, und stach in selbten, wie sie auf die schlangen zu thun und sie zu töten pflegen. Lohenstein
Armin. 2, 717
b; bis sich ... eine giftspinne wie ein grubenfahrer an ihrem faden herabläszt, in das bergwerk deines staunend geöffneten mundes. es erhebt sich ein unwirsch prusten und spucken ... und das ende des waldtraumes ist: der 'herr der welt' nimmt vor der kleinen spinne die flucht. Lienhard
Wasgaufahrten 10.
anders: diu spinn hât die art, daʒ sie sich an ainem vadem wigt auf der slangen haupt, wâ si daʒ under ainem paum aufrecket an dem schaten, und peiʒt die slangen sô krefticleich, daʒ si ir daʒ hirn begreift uuʒ in den tôt. Megenberg 295, 12; die spinne spinnt sich todt in spinnenweben; der seidenwurm webt ihm selbst seinen grabestein. Lohenstein
blumen 113;
vgl. dazu den beleg aus Megenberg
oben unter d. 1@ff)
sonstiges, was auf das leben des thieres bezug hat: die spinnen lebent des saffes und der fäuhten, und dar umb stirbt ir kaineu hungers. Megenberg 295, 9; spinn die fliegen in jren wupp facht,
araneus muscarius. Maaler 380
d; die spinne ir weben nach gewinne rihtet.
renner 16306; Marienwürmchen, fliege weg! dein häuschen brennt, die kinder schrein, ... die böse spinne spinnt sie ein.
des knaben wunderh. 1, 263
Boxberger; kannst du den kolibri morden, du giftige spinne Brasiliens? Kind 3, 198.
die spinne ist eine feindin des seidenwurmes: da ich aber eins mals in das zimmer eintrat, erblickte ich, dasz eine spinne ob des seidenwurms rucken sasz. Hohberg 2, 424
a; die spinnen hassen die seidenwürmer, weil sie das spinnhandwerck besser können, wie die stimpler den guten meistern neidig sind; es sey ihm aber wie ihm wolle, sind doch die spinnen aus der seidenwürmer gemächern zu bandisiren. 424
b.
feinde des thieres: si (
die eidechse) iʒt veltspinnen. Megenberg 274, 14; es haben auch sonsten die spinnen ihre feinde, die sie auffressen als die sperlinge, meisen ... rothkehlichen, weidengückerlein, so alle mit einander diesem ungeziefer steuren. Coler 2, 172
b; das ist klug (
vorrat auf den winter zu sammeln), sagte die schwalbe; das will ich auch thun. und sogleich fing sie an, eine menge todter spinnen und fliegen in ihr nest zu tragen. Lessing 1, 138.
sonstiges: maister Michel der Schott spricht, wenn diu spinn slâf, so kêr si den ruck gegen der erd und slâf in dem luft hangend an den vädemen, die sie gespunnen hât, und kêr ir antlütz gegen dem netz. Megenberg 295, 19; in dem wilden baume verfielen die briefe, welche das schicksal Georgs und Anna's zum bessern wenden sollten, dem kleinen trosz der haide; die spinnen und käfer krochen neugierig kinein. Freytag 1, 208; die turnkünste einer gelblichgrünen spinne fesselten mich mehr als die lebhafte zergliederungssucht zerfallender Europäer. Lienhard
Wasgaufahrten 12. 1@gg)
im besonderen von ihrem gewebe (
s. auch unten spinnennetz, spinnenwebe): gleichwie der spinnen gewebde artlich und künstlich gemacht werden. J. Prätorius
anthropodemus plutonicus 1, 294; spinnen und ihrem bewunderer Spinoza ist die geometrische bauart natürlich. Hamann 3, 192.
als heilmittel: wer der spinnen netzel über ein frisch wunden legt, dem geswilt diu wund niht und faulet auch niht. Megenberg 295, 8.
ihr vorhandensein im hause zeugt von unreinlichkeit der bewohner: schau jenen hauffen an vom saustall auszgeführet, so ist ihr gantzes hausz. die leichte spinne ziehret die fenster umb und umb. sie hänget an die wand ihr zartes meisterstück, Minerven wie zu schand. Rachel
sat. ged. 7;
im vergleich: nur kleinheit sollte hier sich ängstlich fühlen, ... wie keiner spinne schmutziges gewebe an diesen marmorwänden haften soll. Göthe 9, 157 (
Tasso 2, 3);
vgl.: nu was ein teil geswachet daʒ bilde von den spinnen: in den valden binnen und dar ûffe her und dar was eʒ von in bespunnen gar.
Marienlegenden 244, 133
Pfeiffer. daher ihre vorliebe für das bauernhaus: die spin sprach: in ains pawren haus wil ich mich in ain winckel schmüecken, der hat wol hündert dawsend müecken. da wil ich mich reichlicher neren, ... weil oft ein ganczes jar hin feret, e man ein mal das haws abkeret. H. Sachs
fabeln 1, 250
Götze; also zueg hin ain ider dail, die spin aufs dorf hin zw den pawren der zipperlein in die stadtmawren. 253. 1@hh)
als glücksspinne
findet sie abergläubische verehrung und schonung: die spinnen, welche umzubringen viele alte abergläubische weiber sich ein bedencken machen, sollen in wohlbestellten haushaltungen nirgends gelitten ... werden.
öcon. lex. 2777; spinne am morgen, viel müh' und sorgen, spinne am abend, erquickend und labend.
aus Südhannover; spinna am morg'n, noat und sorg'n, spinna am abend, erquickend und labend. Ruckert
unterfränk. mundart 173.
im besonderen prophezeit sie das wetter: wenn die spinnen ireu netzel höher ziehent, daʒ ist ain zaichen, daʒ eʒ regenen wil. Megenberg 295, 11;
vgl.: diu spinn webt sô daʒ weter lauter ist, niht wenn eʒ trüeb ist. 4.
anders: nimb an
s. Michelstag der eychöpffel war, haben sie spinnen, so kommet ein bosz jahr, haben sie fliegen, ein milds. Fischart
groszm. in Scheibles
kloster 8, 638.
als beliebtes schutzmittel: eine dergleichen spinne in einer haselnuszschale am halse getragen, soll für die pest bewahren.
öcon. lex. 2777; nicht weniger soll von diesen grossen spinnen (
den kreuzspinnen), wenn sie recht vollkommen und zu rechter zeit aufgefangen, in ein büchslein gethan und darin jahr und tag verschlossen gehalten worden, bis sie sich in sich selbst verzehrt, ein gesprenkelter stein erwachsen, der dem gift widerstehet.
ebenda. vgl. unten spinnenstein.
ihr sanitärer nutzen im hause: wie wol die spinnen auch so gar ein böses ding an ihm selber nicht seyn, ... sintemal der gemeine mann hält dafür, dasz sie alles gifft des hauses aufflesen, und das bey sich behalten. Coler 2, 172
a; die spin sprach: 'in ains pawren haus wil ich mich in ain winckel schmüecken ... pey den da pleib ich unfertrieben, die weil die pawren mich auch lieben, weil die alten vor zeitten jahen, ich thw die pösen dempf aufahen. H. Sachs
fabeln 1, 250
Götze. 1@ii)
dem gegenüber haszt und fürchtet man jede spinne, auch ohne rücksicht auf bestimmte arten, als giftig durch bisz, stich oder blosze berührung: eine giftige spinne,
ragno venenoso. Kramer
dict. 2 (1702), 871
a; Aristotelis spricht, wer geswilt von einer spinnen piʒ, der mach ein pflâster von mucken und pind daʒ auf den smerzen, sô wirt im paʒ. Megenberg 295, 17; ein pflaster aus binetschkraut gemacht ... ist auch gut zu den stichen von scorpionen und spinnen darüber geleget. Tabernaemont. 809 J; wann dich aber eine spinne stäche, so salbe den stich mit dem safft des spitzigen wegebreits. Coler 2, 172
a; hätte jemand im essen oder trincken eine spinne in leib bekommen, der esse bald schirling oder apollinariam grün mit saltz. 172
b.
ihr gift soll sie aus blumen saugen, im sprichwörtlichen gegensatze zur biene: man sicht ab ainer pluomen die binen nemen honig und gift die spinnen.
der minne-falkner 134
Schmeller; glych wie der blumen, die wol rücht, darusz das bylin honig zücht, aber wenn daruff kumpt ein spinn, so suocht sy gift nach irem gwinn!
fastn. sp. 898, 3
Keller; eine spinne seuget gifft aus der lieben rosen, darin ein bienlein eitel honig findet, was kan sie dazu, dasz ir süszes honig der spinnen zu gifft wird. Luther 6, 316
a; sitzt aber ein spinn auff ihn, die nicht verwillet mit gott, wil, wie gott wil, so wil gott wie die spinn wil, also, das nicht dann sein will immerzuo und allzeit fort geht, gehe wie es wöl, die bluom steckt voller hönig, zeuget aber die spinn das hönig in sich, so wirdt es gifft, aber der binnen ist unnd wirt es alles hönig, wie sie ist. Franck
paradoxa (1558) 40
b;
mit beziehung darauf: wie er (
der mensch) nun frey gottes krafft ... in sich zeücht, also ist ihm gott, also wil ihm gott, also thuot ihm gott ... übel, wenn er gott nach ihm zeücht, und gottes will in ihm zuo fleisch wirt, daʒ hönig gifft ausz schuldt der spinnen, und nit des hönigs. 42
a; ja er (
gott) ist der will und das leben in allen menschen, an ihm selbs guot, der spinnen aber offt gifft. 43
a; die spinne saugt gift, die biene honig aus allen blumen. Simrock 460, 9752.
hierher auch noch: bedenket, Solande, dasz ihr ein mensch seid, und sterblich, und dasz oft hinter der schönsten blume eine spinne stecket.
polit. stockfisch 72.
von da her als kräftiger ausdruck des abscheus, ekels, widerwillens: er (sie) ist mir wie eine spinne,
egli (
ella)
mi è come un ragno, cioè nemico fiero, mortale e à spada tratta. Kramer
dict. 2 (1702), 871
a; das wissen die frawen und junckfrawen zuo dem aller basten, was glatter wort man inen gibt, und wan sie dan betrogen werden, so werden sie dan als feint als einer spinen, wan sie zuo schanden kumen. Pauli
schimpf u. ernst 232
Österley; kein frauenzimmer in Paris wird vor einer spinne so laufen, als ein deutsches mädchen vor einem jungen menschen. Gellert 3, 298 (
loos in der lotterie 4, 3); du weiszt, bruder, dasz mir auf diesem weiten erdenrund kein geschöpf so zuwider ist, als eine spinne und ein altes weib. Schiller
räuber 2, 3 (
schausp.); vor einer spinne schütteln wir uns, aber das schwarze ungeheuer verwesung drücken wir im spasz in die arme.
kab. u. liebe 5, 1; es war mir doch gleich, wie ich sie das erste mal sah, als hätte ich auf eine spinne getreten. Benedix
störenfried 2, 1. 1@kk) er hält umgang mit den spinnen
sagt man von einem, der im höchsten grade vereinsamt, verlassen ist; vgl.: der Araber spricht mit seinem rosz, der hirte mit seinem schaf, der jäger mit seinem hunde, der neger mit seiner schlange, ja der arme gefangene mit seiner spinne und seiner maus. Herder
zur litt. u. kunst 20, 31. 1@ll)
redensarten wie auf deinem rücken läuft dir eine spinne! eine spinne sitzt auf deinem hute!
ein beliebtes schreck- und neckmittel: ein paar tage darauf reitet die östreichische patrouille gegen das städtlein am galgen vorbei, da sagt einer zu dem andern: 'es lauft dir eine spinne am hut, so grosz wie ein taubenei', so zieht der andere vor den gehenkten den hut ab. Hebel 2, 160. 1@mm)
in dem der täglichen rede angehörenden ausrufe pfui spinne! (
verstärkung von pfui,
s. theil 7, 1808)
als kräftiger ausdruck des abscheus, hohnes u. s. w. Frischbier 2, 352
a;
für Leipzig und das Erzgebirge Albrecht 214
a: sie erhob sich zu seinem ohr und flüsterte hinein: 'ich will mich vom doctor entführen lassen'. 'pfui spinne!' rief Hummel verwundert, 'du vom doctor? wenn du den doctor entführtest, dann wäre noch eher verstand darin.' Freytag
verl. handschr. 2, 294.
vgl. nd. wat spenn!
als ausruf der verwunderung. Frischbier 2, 352
a. 22)
im vergleich (
vgl. auch oben unter 1,
i). 2@aa)
mit dem aussehen oder der thätigkeit des thieres; von einem sehr hagern wird gesagt: er ist mager wie eine spinne;
vgl. das nd. mager wi en spenn.
korrespondenzbl. des vereins für nd. sprachf. 7, 77,
vor allem mit rücksicht auf die langen dünnen beine der spinne; ähnlich: den gothischen zierrat ergreift nun der wicht (
das gespenst) und klettert von zinne zu zinnen. nun ists um den armen, den thürmer gethan! es ruckt sich von schnörkel zu schnörkel hinan langbeinigen spinnen vergleichbar. Göthe 1, 230;
von der hand: betracht ichs recht, so gleicht die hand des menschen, wenn sie die finger ausreckt, einer spinne — ein griff — sie hält — und läszt nicht wieder los. Wildenbruch
die Karolinger7 68. so wird er es (
der gottlose das kleid) wol bereiten, aber der gerecht wird es anziehen, und der unschuldige wird das geld austeilen. er bawet sein haus wie eine spinne, und wie ein hütter ein schawr macht.
Hiob 27, 18; er spinnet es von sich selbs, wie die spinn,
ex se finxit, velut araneus. Egenolff 17
a; die, wie ein spinn, ausz ihnen selbs liegen, und lügen spinnen, spricht man: es ist sein eigen gespunst, gemächt.
ebenda; gibt es hingegen ... irgend einen weiblichen kopf, der das näh- und fanggewebe seiner oder fremder zukunft — sowie die spinnen die ihrigen gern um betten, und immer in der nacht abweben — eben so im finstern ausspinnt, und der folglich kein auge zuthut. J. Paul 52, 82; (
der kenner) erkennt die fäden, die der dichter behaglich vom rocken der zeit, und die, die er angestrengt wie die spinne aus seinem innern herausspinnt. Gervinus
litteraturgesch.2 5, 650. 2@bb)
mit der gemütsart des thieres: er ist giftig, zornig wie eine spinne;
vgl. ostfries. ik wurd' net so dül as 'n spinn. ten Doornkaat Koolman 3, 277
a.
mit rücksicht auf ihren gegenseitigen hasz: jetzt rannte Jobst, der älteste, wieder davon und in das haus des meisters hinüber, und spornstreichs rannten die andern hinter ihm her, befürchtend, dasz er dort etwas gegen sie unternähme, und so schoszen sie den ganzen tag umher, wie sternschnuppen und wurden sich unter einander so zuwider wie die spinnen in einem netz. Keller 4, 243; grad' heraus. mein leben und dein's sind wie zwei spinnen in der schachtel. H. v. Kleist 1, 33.
ihre feindschaft mit der kröte: unsre väter hassen sich wie spinne und kröte. Riehl
culturhist. novellen (1862) 93;
vgl.: wiewol die spinnen auch so gar ein böses ding an ihm selber nicht seyn, ... so seynd sie doch ein gifftig ding, dasz sie mit einem stich eine gifftige grosze kröte ... verderben und tödten kan. Coler 2, 172
a;
mit bezug auf ihre gier: ein gîtik mensch tut als die spinne die nach iemerclîchem gewinne ir gewîde spinet uʒ irem lîbe, daʒ in dem webe ein mucke belîbe.
renner 4047.
mit rücksicht auf den glauben, das thier sauge gift aus den blumen (
vgl. oben 1,
i): wo icht an jn (
den bösen menschen) ist, das keren sy zu dem bösten und ergern alle ding und seind recht der spinnen natur. Tauler (1508) 67
a; ewren oren ist aber wie der spynnen, was sie ynn sich fassen, das wird zu gifft, obschon lauter honig safft ist. Luther 15, 133, 4
Weim. ausg.; sî lachent ûʒʒen und sint innen vil unreiner denn die pfinnen ... und noch giftiger denne die spinnen.
renner 14098; so unreine, noch so ark wart nie kein spinne, so giftik, so valsch, so unnüzze, also ich mich versinne, so diu bœse zunge des menschen ist.
minnesinger 3, 86
a Hagen. 2@cc)
als biblisches gleichnis: und du hast gemachet swelken mein seel als ein spinn.
bibel von 1483 272
a,
als übersetzung von: et tabescere fecisti sicut araneam animam ejus. psalm 38, 12
vulgata; vgl.: unde tate dû in sereuuên unde smecherên also dia spinnun. Notker
psalm 38, 12; du zuchtigest yderman, und machst das seyne schöne verzeret wird wie eyne spynne. Luther
new deudsch psalter 1828,
ps. 39, 12.
mit rücksicht darauf: ich acht auch, das ich lengest wie ein spynne verschmacht were, wo mich die lestermeuler nicht so sterckten und erhielten. 23. 33, 4
Weim. ausg. 33)
in bildlicher verwendung, besonders mit beziehung auf den gebrauch unter 1,
i: bist ein guter, lieber junge, hast eine feine seele, die deine ist, und den keim mystischer weisheit — keine spinne in ihrem centro. Hamann 4, 387.
erblindung unter dem bilde von spinnen, die graues gespinst weben: die zwei alten schwarzen spinnen, vom schicksal herabgelassen, standen wieder über ihren schönen augen und überzogen sie ämsig spinnend immer dichter: und über die goldnen streifen des lebens wuchs schon grauer schimmel her. J. Paul
Titan 3, 130; 'Albano, schone, ich bin unschuldig und ich bin blind!' die spinnen hatten die nassen augen voll thränen zugewebt. 131.
ferner zur charakterisierung des feindlichen, widrigen im menschlichen leben, häufig mit weiterem zusatze: die spinne des hasses, die bei jedem menschen über eine ecke der herzkammer ihr gespinnste hängt, ... lief auf ihren fäden hervor, die Amandus erschüttert hatte und verlangte fang. J. Paul
unsichtb. loge 2, 81;
mehr vergleichend: aber in seiner höhnenden betrachtung des nachbarsohnes war doch eine wahrheit, die ihr selbst schon wie eine feindliche spinne über die bunten blätter ihrer theilnahme gekrochen war. Freytag
verlorene handschr. 2, 114.
mit engerer beziehung auf neidische, feindlich denkende, hassende menschen: die (
handvoll blumen) bey nunmehr etwas reifferem verstande mir nicht beliebet zu verwerffen, um das sich längst vor diesem etliche verläumdungsvolle spinnen vergebens dieselbe zu bekriechen bemühet. A. Gryphius 2 (1698), 299; zwei spinnen sind auf die kräuter dieses wortgartens gekrochen und haben ihr gift ausgelassen. J. Grimm
vorrede z. deutschen wb. lxviii. 44)
fest gewordene übertragungen: 4@aa) spinne,
im appenzellischen bezeichnung eines jungen mädchens, besonders eines solchen, um das ein bursche freit, der geliebten: spine Tobler 379
b;
erklären hilft wol, dasz der werbende bursche sein mädchen beim spinnen am rocken, in der spinnstube besuchte. zweifelhaft aber bleibt, ob eine rein scherzhafte, verhältnismäszig junge übertragung vorliegt, oder ob diese verwendung nicht vielmehr als ein alter rest der ursprünglich ganz allgemeinen bedeutung des wortes als '
spinnerin'
überhaupt, ohne beschränkung nur auf das thier, aufzufassen ist. in wendungen wie zur spine goh,
um ein mädchen frein, die geliebte besuchen. ebenda; wenn i zuer spine goh, so goh ni im tunkel.
ebenda. 4@bb)
als schelte eines häszlichen weibes: verkriech' dich in deine ecke, ebräische spinne, und sei still. Hebel 1, 62. 4@cc)
auch bezeichnung einer schneckenart, murex tribulus. Nemnich 2, 646;
sonst auch spinnenkopf (
s. u.)
genannt.