zeihen,
verb. form: gemeingerm. wort (
goth. gateihan,
altn. tjá,
ags. téon,
afrs. tîa,
as. aftîhan,
mnd. tîen,
ahd. zîhan,
mhd. zîhen)
aus der idg. wurzel diḱ-,
zu der lat. dīco
und griech. δείκνυμι gehören. nächstverwandt ist zeigen (
s. sp. 501),
aus einer idg. nebenwurzel stammt zeichen (
s. sp. 476). z.
unterliegt grammatischem wechsel, so dasz sich als regelrechte mhd. formen ergeben zîhe, zêh, zigen, gezigen.
die g-
formen schwinden im 16.
jahrh. (
part. perf. gezigen
noch Keisersberg
ausg. d. kind. Isr. H 4, geziegen Luther 33, 528
W., ziegen H. Sachs 4, 11
K.; conj. prät. zige J. Frey
gartenges. 62
B.; ind. sg. zig Steinhöwel
Äs. 133
Ö., zige 247
Ö.),
und -h-
setzt sich durch (zihe
ind. prät. S. Franck
chron. Germ. (1538) 61
b und danach später zieh, geziehen).
im obd. gebiet bewahrt -h-
auslautend seinen spirantischen charakter, vgl. zeich ich
präs. H. Sachs 22, 281
G., und dehnt sich weithin sogar über das ganze paradigma aus: zeichen
inf. Hätzlerin
lied. 90, zeychen Maaler 519
d, zeichen 3.
plur. ind. präs. Äg. Albertinus
Luc. 85.
die md. und nd. bezirke entwickeln im hiat -g-: zeigst Alberus 123
b; zeygest Apherdianus
meth. 79, zeigen
inf. B. Garth
lex. 400
a.
lautliche unsicherheit tritt in -eu-
zu tage (
man) zeücht Wickram 1, 325
B., (
sie) zeucht H. Sachs 9, 55
K., (
ihr) zeucht 8, 306
K., zeugen
inf. Stieler
geh. Venus 91
neudr.)
und führt sogar zum lautlichen zusammenfall mit ziehen,
vgl.wesz sy mich hand zogen R. Manuel
weinsp. 3400,
auch schwäb. Fischer 6, 1095
und bair. Schmeller-Fr. 2, 1104.
schwache bildungen erscheinen seit Paracelsus zeihete
op. (1589) 1, 307
und noch bei Schiller zeihte 5, 2, 380
G., auch Brentano
ges. schr. 4, 5, A. v. Arnim
s. w. 2, 217; gezeihet Herder 5, 229
S. ableitungen sind zicht
in inzicht (
th. 4, 2, 2152), bezichtigen (1, 1799)
und altn. tigi
n. anschuldigung. bedeutung: wie die goth. bedeutung anzeigen, verkünden, die alt- und neunord. (
dän., schwed. te)
zeigen, die as. und ahd. zss. aftîhan, firzîhan
abschlagen, versagen (
eig. fortweisen)
sowie das von z.
abgeleitete ahd. zich,
m., forum Graff 5, 625, Schmeller-Fr. 2, 1105
und das mittel- und neund. tih, ti, ty, tie,
m., beratungs- und sammelplatz eines dorfes Schiller-Lübben 4, 541
b,
brem. wb. 5, 66, Woeste 271
a, Schambach 229, Frisch 2, 374
c lehren, schlieszt sich die bedeutung eng an die der idg. verwandten an. doch sind bei z.
selbst nur noch spuren davon bewahrt; s. unten 1
und 3.
als hauptbedeutung tritt vielmehr durchgängig anklagen, beschuldigen, bezichtigen zu tage, was sich aus einer ellipse, jemand als den thäter oder den schuldigen benennen oder erweisen, erklären dürfte. der in der frühnhd. periode noch reiche gebrauch des wortes z.
ist seit der mitte des 18.
jahrh.s auf den gehobenen literarischen stil eingeschränkt; umgangssprache und mundarten kennen das wort mit ausnahme etwa bair. und schwäb. bezirke (
s. Schmeller-Fr. 2, 1102
und Fischer 6, 1095)
gleichfalls nicht mehr. 11)
ein deutlicher beleg für den alten wortsinn ist in der ahd. glosse cîhu, picîhu
fateor, confiteor erhalten, für welche davon abhängige glossare die damals schon geläufigeren verben gihu, pigihu
ahd. gloss. 1, 158
27. 28 einsetzen. indessen findet sich die alte bedeutung doch noch wieder viel später bei Luther,
vgl.so nu die wort Christi uns zeyhen und leren yn dem sitzenden Christo seynen tod und aufferstehunge erkennen 18, 195
W., wo z.
so viel wie zeigen, weisen besagt. ferner gebraucht Otfrid,
der im übrigen bereits nur die tadelnde bedeutung verwendet, z.
ohne diese in der stelle: 'er ist', quad, 'gotes holdothes zihuh inan baldo' III 20, 73,
wo z.
für benennen, erklären steht. ein nachklang hält sich schlieszlich im oberbair.: i zeich, es is so
ich sage, ich meine, es ist so; i zeuch
ich vermute Schmeller,
und auf dem bezeichnen, aussagen liegt der nachdruck in: ich bin nit der man, den ir mich zeihet
volksb. Aymont p 2
b;
Weim. jb. 2, 114.
zum pers. obj. kann ein prädicatives nomen treten; das einer ... gezigen wird als ein ketzer Luther 19, 329
W.; zeihet euch dieses als menschendiebe Herder 13, 263
S.; s. auch unten 3; 22)
bezichtigen, beschuldigen, anklagen, arguere, accusare, insimulare, crimini dare: Graff 5, 585; Lexer 3, 1110; einen des geyts zyhen Frisius 136
a; Stieler 2613; Heynatz
syn. wb. 1, 262
b; a)
selten mit bloszem acc. der person, z. th. noch in der bedeutung beschuldigend schelten: mein mutter zeyhet mich, zwOelff knaben freyen mich Forster
t. liedl. 91
neudr.; v. Hippel
lebensl. 1, 91; euch zeihet der brief Brentano
ges. schr. 7, 428; es ist besser stehlen als z.
facilius est furari quam furti aliquem accusare Pistorius
thes. paroem. 659,
d. h. der bestohlene hütet sich, seinen verdacht zu äuszern Fischer 6, 1096; b)
in der regel mit acc. der person und gen. der sache: thih zîhen (
wir) unhuldi Otfrid IV 24, 5; daz du mih diuve zîhest
Vorauer genesis 62, 9
D.; zeyhet in, des er nye gethon hat Albr. v. Eyb 1, 30
H.; warum zeichestu mich so einer falschen inzicht?
gesta Rom. 41
K.; welcher unter euch kan mich einer sünde z.? Luther
Joh. 8, 46; die (
die kinder) kan er nichtes zeihen nicht Hayneccius
H. Pfriem 12
ndr.; man zicht uns der gröst abgöttery
N. Manuel 193
B.; der schreiber ward ... eins todtschlags gezigen J. Frey
gartenges. 112
B.; so dauernd geläufig: Wieland 17, 55
H.; aufruhrs z. Göthe 39, 126
W.; des undanks zeiht man mich Schiller 14, 213
G.; der unwissenheit z. Schleiermacher
s. w. I 5, 412; Bismarck
red. 1, 87
Kohl; auch refl.: niemand zeihe sich einer schuld v. Ebner-Eschenbach 1, 91;
mit ausfall des sachobjects: Adam musz ein Eva han, die er zeihe was er hat gethan Lehmann
flor. pol. 3, 20;
durch pronominaladverb ausgedrückt: wir sind nit all so böser art, wie ir uns allhie zeyhen thut H. Sachs 5, 212
K.; in älterer sprache: wes zeichst du mich? Arigo
decam. 147
K., und noch: wes man mich zeyht Lenz
ged. 105
W.; c)
bald überwiegt hier die form was,
wie auch etwas
für älteres etewes
durchdringt: was hat man die schAefli gottes gezigen? Zwingli
d. schr. 1, 223; Eberlin v. Günzburg 3, 158
neudr.; was ich ihn zeihe, werd ich selbst Schiller 5, 2, 342
G.; darüber hinaus begegnet der acc. der sache überaus selten: die verlust zech er die Swobe Fr. Closener
chron. d. st. 8, 38; (
die unschuld,) die man mich zeget S. Israel
Susanna 55;
sogar wol noch einmal Herder: habsucht zeih ich euch nicht 27, 113
S.; d)
präpositionale constructionen: maniger dunckt sich des geziert, so man in zeicht mit frawen Hätzlerin
liederb. 93; H. Sachs 17, 39
G.; so werdet ihr nit mit lgen gezigen Paracelsus
op. (1616) 1, 218
c H.; um:
s. Fischer 6, 1095; nicht zeih ich über deine opfer dich Herder 12, 99
S.; e)
scharf prägt sich der rückgängige gebrauch des wortes in der construction mit dem dativ der person aus: dem ich fürwar kein diebstahl zeyh Barth. Krüger
bäur. richt. 34; die schuld mir z. A. Olearius
pers. ros. 24
a; zeiht die that dem sohne Rabener
s. w. 4, 174; haben ihm ... fehler gezeihet Herder 5, 229
S., der im übrigen unter dem einflusz der bibelstelle Joh. 8, 46
zur alten construction zurückfand; und zeihn sie mirs als sünde Geibel
w. 1, 169; f)
ausgiebig mit nachsatz belegt: der ... zech si, si wölten in gewalt anlegen
chron. d. st. (
Augsburg 15.
jahrh.) 4, 328; zeihete mich, ich geb ergernusz Paracelsus
op. (1616) 1, 109
c H.; die pfaffen zihen in ..., er hett ... gestolen S. Franck
chron. Germ. (1538) 129
a; geziehen 315
a; die (
juden) wurden gezigen, dasz sie ... vergifftet ... sOelten haben Stumpf
Schweizerchron. 416
b; 33)
in der rhetorischen frage wes (
später was) zeihst du dich?
läszt sich, wie unter 1,
die grundbedeutung aussagen noch erkennen, indem als ursprünglicher sinn die wendungen: wessen rühmst du dich? wie schätzt du dich ein? was hältst du von dir? angesetzt werden können, woraus sich, je nach dem gefühlston, a)
die bedeutung sich zumuten, sich denken, sich bemühen ergiebt, vgl. wes wilt du dich zeichen, dir dise müe ze nemen? Arigo
decam. 30
K.; was zeihe ich mich, das ich mich so zuplagen lasse? Luther 36, 537
W.; beachtenswerthe verknüpfung mit einer zweiten person: was wolt ir zeyhen euch und mich (
eine so gefährliche reise zu machen)? H. Sachs 17, 113
G.; vgl. die angaben der wbb.: sich z., belästigen
se charger de Hulsius-R. 427
a, Rädlein 1085; was hat er sich gezigen?
cur sustinuit hoc facere?
voc. v. 1618
bei Schmeller-Fr. 2, 1103; b)
sich einbilden, sich vermessen, sich unterfangen, sich herausnehmen: was han ich mich gezigen, das ich myn leben so süntlichen wider got verzert hab? Keisersberg
bilg. 24
b;
volksb. v. dr. Faust 33
ndr. Br.; H. Sachs 4, 11
K.; ey, du frembdling, was zeihstu dich, das du dich wilt uber uns erheben? B. Waldis
Es. 1, 183
K.; letzte beispiele dieser art: J. Rist
parn. 115 (
noch wes); Logau
sinnged. 187
E.; Rachel
sat. ged. 86
neudr.; die redewendung folgt dem im satz vorher ausgedrückten inhalt von sich z.: ir solt nit zuo der löwin gehen, was wöllend ir euch zeihen
Octavian E 1; so sageten sie (
die landstreicher), hette man doch (
almosen) auff diesem und jenen dorff gegeben ... was sie (
die bauern) sich denn alleine zeiheten Pape
garteteufel P 5
a;
vgl. Vilmar 466
u. Schmeller-Fr. 2, 1103; 44)
part. perf.: ain iegliche getzigne fraw Th. Lirer
chron. G 1
a;
wider die regel: der geziehene diebstal A. U. v. Braunschweig
Oct. 4, 552.