glosse,
f. ,
in mundartlicher sonderbedeutung auch n. (
s. u. 3 c).
zu lat. glossa
aus gr. γλῶσσα '
ungebräuchliches oder fremdes wort, das der erklärung bedarf' (=
γλώσσημα);
mhd. als glôse, glôs
aus mlat. glosa '
erklärung'
entlehnt, vgl. gelegentliches glosa
bei Luther 30, 3, 331; 33, 23
W.; ver einzelt auch gelose (
wie gelatt
neben glatt
u. ä.) Seuse
dt. schr. 529
B. noch im 16.
jh. überwiegen die formen glos, glosz, glose,
seit dem 17.
jh. dringt die an das klassische lat. angelehnte form glosse
allmählich durch. schwache flexion gelegentlich in älterem gebrauch: mit der glosen
passional 334
Hahn; mit eyner gloszen Luther 8, 148
W. 11) '
auslegung, erklärung',
meist auf die kurze sinndeutung eines textes, zumal eines fremdsprachigen, seltener auf die erklärung eines einzelnen wortes bezogen. in mhd. und frühnhd. sprache reich entwickelt, seither hinter dem jüngeren gebrauch 2
zurücktretend. 1@aa)
vornehmlich von der kommentierung des biblischen textes: vil manige rede hat diz wort (
die siebente bitte des der ir noch niht habet gehort;
vaterunsers), solte ich iu die mit glose sage, so muostet ir vil lange dage Heinrich v. Krolewitz
vaterunser 4492; das si aber sagen: der glaub ist nit genug zu der seligkeit, die glosz kan diser text so wenig leiden, als die kirch, das ich die pfeyler wolt umbreyssen Luther 10, 3, 141
W.; der psalm ist sehr kurtz an den worten, nit klar verstendtlich allen orten, doch im verstand sehr hoch und grosz, darff einer kurtz einfeltigen glosz Hans Sachs 18, 24
K.-G.; [] gottes wort ... ist das liecht selbs, wie kan es dann vom menschen ... mit seinen glosen erleucht werden Seb. Franck
paradoxa (1558) 360
a;
noch im späten 18.
jh.: er hat die heilige schrift zehnmal durchlesen, viermal mit den glossen selbst A. G. Kästner
verm. schr. (1772) 157; nach der genialischen glosse (
zu 1. Mose 33, 4) eines seiner rabbinen Herder 24, 67
S. auch für die bücher der bibelkommentatoren selbst: vort, als ich in der glose las
historien d. alden e 3619 (
vgl. einleitung xlix); also spricht ain glôs über die hailig geschrift Konrad v. Megenberg
buch d. nat. 157
Pf.; wann also spricht die glos Chrisostomi über die wort unsers herren Geiler v. Keisersberg
granatapfel (1510) c 3
d; dise claine und kurze glos über den psalter Aventinus
s. w. 5, 302
Lexer. vereinzelt auch von der predigt als textauslegung: ich habe böse bauren ... welche, so sie das evangelium gehört, bald aus der kirchen lauffen und kein glosse hören wollen B. Hertzog
d. schiltwache l 2
a. 1@bb)
speziell auch in der rechtssprache, von der ausdeutung des gesetzestextes, namentlich der kommentierung des corpus iuris: die grob schrift (
im rechtscodex) ist der texte blosz, die klein schrift herum ist die glosz Hans Sachs 9, 447
K.; geld erkläret das recht und die gloss Butschky
Pathmos (1677) 286; die grosz gedruckte schrift im mittelpunkt der seiten (
des corpus iuris) das heiszt der text, und hat gar wenig zu bedeuten. allein der kleine druck am rande hie und da, das sind die glossen, herr papa Lichtwer
Äsopische fabeln (1748) 173;
als terminus bis in die junge sprache: was ja noch abgängig oder dunkel wäre, ersetzen die glossen, womit die gelehrtesten männer das vortrefflichste werk (
corpus iuris) geschmückt haben Göthe 8, 36
W.; 'dies gesetz', sagt z. b. eine glosse des Irnerius, 'stammt aus jener zeit, wo das volk die macht hatte, gesetze zu geben' Nitzsch
dtsche studien (1879) 31. 1@cc)
allgemein, von literarischer erklärung und ausdeutung überhaupt. so schon im ältesten beleg, der aber den gebrauch a
voraussetzen dürfte: son hân wir ouch der muoze niht, daz wir die glôse suochen in den swarzen buochen (
in tadelnder anspielung auf schwer verständliche dichtung) Gottfried v. Straszburg
Tristan 4687
Ranke; swaz doch her Aristotiles und ander lêrer haben vollfüert: wirt des ein teil von mir gerüert mit kurzen worten und mit glôsen, daz ensol nieman verdôsen (
überhören) Hugo v. Trimberg
renner 19277
E.; auch fand ich in mein büchern geschriben artlicher dialogos siben, doch ungereimet in der pros, ganz deutlich frey, on alle glos Hans Sachs 21, 343
K.-G.; desz authoris, der den Reynicken fuchs geschriben, das sein künstliche werck auch mit sehr schönen auszbündigen glossen gezieret Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 7
ndr.; auch die andre sehr verbreitete glosse (
im bereich der sintflutsagen) scheint daher, dasz ... die welt ... durch feuer untergehn werde Herder 11, 390
S.; jene alte catholische prosa zwischen den capiteln wegzuwerfen und dafür eine viel weitläuftigere, mehr protestantische glosse einzuschieben Jac. Grimm
Reinhart fuchs (1834)
vorr. clxxvii; dasz jene kleinigkeiten ... glosse sind zu gegenständen voll lebendiger gegenwart Justi
Winckelmann (1866) 2, 1, 123.
in verbindung mit synonymen: der selben kurtzen wort auszlegung und glosz darüber Geiler v. Keisersberg
granatapfel (1510) a 2
a; andere glosen und auszlegung uber die versicherungsbrieffe
E. van Meteren histor. beschreibung d. niderl. krieges (1614) 118
a; sampt des authoris eigenen glossen und erklärungen Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. (1618) 524.
von kurzen [] erklärenden randbemerkungen und noten zu einem text: gibt doch die auszlegung oder glosz auff dem rande, dasz es (
das wort badil) ein richt oder bleyscheid ... gewest sey, wie es auch andere dolmetscher und auszleger geben Mathesius
Sarepta (1571) 97
b;
so namentlich im jüngeren gebrauch: hinten die glossen und noten sind auch wegen ihrer rundheit und geschlossenheit gar angenehm Görres
ges. br. (1858) 3, 66; viel in die bücher, die er las, hineinzuschreiben ... diese glossen waren häufig sehr scharf und freimütig Polenz
d. Grabenhäger (1897) 1, 216.
in älterer sprache, auch auszerhalb des literarischen bereichs, im sinne von '
erklärung, begründung': was zucht, sitten und guet leben antrift, läst im kain hüetl aufsetzen, darf kainer glos nit Aventinus 4, 61
Lexer; es ist ein frag und grosze klag, wies gelt komm ausz dem lande. solch frage losz, darff nit vil glosz, mann gibts umb seiden gwande G. Forster
frische teutsche liedlein 9
ndr. gelegentlich abstrahiert bis zur bedeutung '
sinn, eigentliche, tiefere bedeutung': ir sult euch nicht lan laiden das ich das zwispil han gethan: es ist ain hohe glosz dar an, die gott auff aller welde kintt Heinrich v. Neustadt
Apollonius v. Tyrland 90
S.; du weist, das gott in peispil weis vill hat durch die profeten gerett, merket neür, ob ir die glos versteet
fastnachtspiele 804
Keller; und sagt im auch darbey die glos (
d. h. die tiefere bedeutung eines seltsamen rates) Hans Sachs 21, 294
K.-G. 1@dd)
von a,
in zweiter linie wohl auch von b
aus schon früh und bis ins 17.
jh. hinein in negativem sinne, sofern die glosse
als menschliche zutat, verfälschender zusatz zum reinen textwort erscheint (
s. u. glossieren 2): kinder, alle gelosen abe und alle mentel! Seuse
dtsche schr. 529
Bihlmeyer; besonders für oder neben ausflucht: tuo uns die rechte warhait kund und mach kain glosz, das dunckt mich guot, als in der bicht mang mündlin tuot Hermann v. Sachsenheim
d. mœrin 2285; swann ainer von in sol geben pfenning oder ros, so vint er für sich darauf ain glos, damit das er im doch niht geit Vintler
blumen d. tugent 2093; weil aber solchs nicht geschehen, so erdichte man, was glosen und aussflucht man wil, wirt man mich doch nimmer bereden
theatr. diabolor. (1569) 121
b.
in der reformatorischen polemik und dem kampf um das '
reine wort'
ungemein verbreitet; meist mit peiorativen beiworten oder zusätzen: alle, die die schrifft mit yhren falschen glossen lestern Luther 1, 383
W.; ein valsche glosz Murner
narrenbeschw. 199
Spanier; (1525)
chron. d. st. Bamberg 2, 177
Chroust; es wirt weder doctor noch all geleerten der welt das 15. cap. deuteronomii ... mit erdichten glosen verdempfen Jac. Strausz
haubtstuck wider d. wucher (1523) 3
b; das ihre neidstich, glossen und zweiffelhaftige furbringungen keine artickel, weder der heiligen zehen gebotten gottes noch des allgemeinen christlichen glaubens seind L. Thurneysser
magna alchymia (1583) 82; wie sie vielmehr bauen auf ihre glossen und possen der schultheologen, als auf das lautere wort gottes
Reinicke fuchs (1650) 342. 1@ee)
häufig in der gegenüberstellung von text
und glosse (
s. auch b): als bald ich aber maister (
der heiligen schrift) ward und kunt den text und ouch die glosz Hermann v. Sachsenheim
d. mœrin 5469; Terentius ... transferiert nach dem text und nach der gloss
Terenz deutsch (1499) a 1
a; ist der text schon recht und frumm, so ist die glosz ein schalck darumb Th. Murner
d. narrenbeschwörung 227, 37
Spanier; ich hab gesehen, dasz nur die jungfrauen dergleichen zettel geschrieben (
im spiel) und es den jungen freyern
[] mit nach haus gelassen, über den text eine glosse zu machen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 6, 339; der brief wird so lang werden, wie die glosse eines dompfaffen über einen kleinen, leichten text Göthe IV 1, 190
W. übertragen, oft in sprichwörtern und redensarten: so scharffer text ist mir gelesn, die glos ist auch nicht lind gewesn Dedekind
d. christl. ritter (1590) e 3
a; aber wird dadurch (
durch vorschnelle physiognomische deutung) nicht manches in die glosse kommen, was niemals im texte gewesen ist? Lavater
physiognom. fragmente (1775) 3, 96.
von der negativen bedeutung d
her: den text und nit die glos erzog vor allen dingen dem schopffer sunderlingen mit lutter bicht und riuw meister Altswert 213; die warheit darff keiner renck, sie sagt den text ohn glossen Lehman
floril. polit. (1662) 2, 881. 1@ff)
in jüngerer philologischer fachsprache sind glossen —
an den schon in der antiken sprachwissenschaft üblichen gebrauch von lat. glossa
angelehnt — '
deutsche übersetzungen einzelner wörter oder sätze, welche den handschriften interlinearisch oder am rande beigefügt oder auch in besondere verzeichnisse geordnet sind',
s. Jac. Grimm
kl. schr. 4, 403,
so namentlich die von Steinmeyer-Sievers
herausgegebenen althochdeutschen glossen
des 8.-15.
jhs.: es müszten auch die alten glossen und glossarien ... durchgegangen und erklärt werden Kinderling
reinigk. d. dtsch. spr. (1795) 78; die verschiedensten litteraturgattungen finden sich vertreten: übersetzungen, prosa, glossen, weltliches epos ... des zwölften jahrhunderts W. Scherer
kl. schr. 1, 37; schlieszlich finden wir in einer glosse vom jahre 1187 auch das biblische testamentum durch das wort 'hantgemahele' verdeutscht Chr. frh. v. Ulmenstein
urspr. u. entstehung d. wappenwesens (1935) 33. 22)
auf das gebiet der rede, des gesprächs, der mündlichen äuszerung übertragen: '
anmerkung, bemerkung',
seit dem frühen 18.
jh. belegt, dann bald zum vorherrschenden gebrauch des wortes entwickelt und auch in niederen sprachschichten verbreitet. selten ohne nebenton: ihr erzehlet ihm eine merkwürdige begebenheit, und indem ihr seine glossen darüber erwartet, begehrt er von euch, dasz ihr eure erzehlung noch einmal wiederholet
d. discourse d. mahlern (1721) 3, 123; dem kunstrichter zu diesem noch die glosse, dasz die büste von holz war Hippel
lebensl. n. aufsteig. linie (1778) 3, 418; die beiden mädchen hörten aufmerksam zu und schmückten unser gespräch mit patriotischen glossen Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 374.
meist von kritischen, hämischen, spöttischen bemerkungen: schonen uns auch fremde glossen, geben gar die hausgenossen unsern feinden zung und wind J. Chr. Günther
ged. (1735) 81; des spötters glossen Pfeffel
poet. versuche (1812) 1, 139; keine bittern glossen, miss! sie geziemen einem frauenzimmer, von einer sonst so sanften denkungsart, nicht Lessing 2, 332
M.; wider willen lachte Sabine über die unbarmherzigen glossen, welche er auffallenden gestalten unter den spaziergängern gönnte G. Freytag
ges. w. (1886) 4, 300;
harmloser: ohne diesmal der alten grüngelben (
einer altmodischen kutsche) die gewohnten glossen und scherze mit zum thor hinaus zu geben W. Raabe
Horacker (1876) 123; Hilla war stets voll glossen und possen, aber ritterlich dabei Rosegger I 13, 85.
allgemein fest geworden in der redensart (
seine)
glossen machen, oft mit präpositionalem objekt. wie oben von kritischen, spöttischen, anzüglichen bemerkungen, vgl. er macht über alles glossen
quodlibet reprehendit Steinbach
dtsch. wb. (1734) 1, 607: solches lieffe so gar wider einander, dasz ein jeder getreuer reichsgenosse sonderliche glossen darüber zu machen ursache hatte Chr. Fr. Hunold
d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 513;
[] die über meine sachen beständig glossen machen, die schaffen erst den fleck vor ihrer thüre weg Henrici
ernst-, scherzh. u. satir. ged. (1727) 3, 554; wie sie zeitungen lesen und über die öffentlichen angelegenheiten ihre glossen machen Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 58; er (
Göthes vater) machte über das ausbleiben des (
herzoglichen) wagens die bedenklichsten glossen Göthe 29, 182
W.; sie wissen, dasz ich aus ihrem kopf bin entsprossen, darüber macht die böse welt allerley glossen Meisl
theatral. quodlibet (1820) 2, 9; die nachtigall ist ganz verdrossen, ... die ammer macht satirsche glossen O. Ludwig 1, 95
Er. Schm.; der oberst liesz sich alle fünf bis acht tage sehen ... besichtigte uns und unsere kleider und machte seine glossen
Liller kriegszeitung (1914-15) 1, 188.
oft vom standort des beobachtenden aus und mit dem nebensinn des heimlichen: jeder machte insgeheim seine glossen über den rätselhaften mann Musäus
volksmärchen d. Deutschen 4, 129
Hempel; der herzog ... vergiszt über der parforcejagd, dasz der prinz hier ist und im stillen glossen darüber macht Göthe IV 6, 57
W.; wenn wir weiter nichts zu thun wissen, so treten wir ans fenster und machen glossen über die vorübergehenden H. v. Kleist
br. an s. braut 92
K. Biederm.; neugierige ... beobachteten, was drinnen vorging, und machten ihre glossen darüber
M. v. Ebner-Eschenbach (1893) 5, 47;
in dieser formel auch ins mundartliche umgesetzt, wo das wort sonst nicht heimisch ist (
doch s. u. 3 c): seine glossen machen '
sich spöttisch aussprechen, sich lustig machen' Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 426
a;
rhein. wb. 2, 1277.
gelegentlich in den gebrauch 1
zurückweisend: ich musz heute (
in einer buchrezension) wider meine gewohnheit ... abschreiben, ein andermal will ich glossen machen, wenn ich einen schlechtern autor vor mir habe
br. die neueste liter. betreffend (1759) 6, 396; ich habe das neue werk von A. Müller gelesen und auch schon angefangen meine glossen zu machen Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 205. 33)
einzelne abliegende verwendungen. 3@aa)
anschlieszend an die griech. bedeutung '
eigentümliche ausdrucksweise', '
eigentümlich gebrauchtes wort': und überhaupt, was ist das
n. testament, als eine neue geistige glosze, (zunge) des alten? Herder 19, 32
S. (
vgl. die anm.); wie sehr ich deiner (
Herders) meynung wegen der glossen (
des zungenredens am pfingstfest) im allgemeinen bin, weiszt du von alters Göthe IV 10, 116
W. 3@bb)
in anlehnung an span. glossas
gedichte, deren vier strophen je eine zeile eines als thema vorangestellten vierzeiligen gedichtes erläutern und mit ihr schlieszen: er sagt, er habe es (
das lied) glossiret, und bittet um erlaubnis, ihr seine glosse vorsagen zu dürfen Lessing 10, 51
und anm. M.; auf jeden fall ist wohl zum dichterwettspiel die glosse wie geschaffen Fouqué in:
schr. d. Göthegesellsch. 14, 246. 3@cc)
im rhein. als gloss,
n., glosse, gutachten; erlasz: dat gloss van de polizei
rhein. wb. 2, 1277.