glossieren,
vb. ,
älter und im 16.
jh. noch vorwiegend glosieren, glosirn,
aus mlat. glos(s)are.
im mhd. neben 2glosen (
s. d.),
seit dem 16.
jh. an dessen stelle. bedeutungsmäszig zu glosse,
aber im älteren gebrauch noch beweglicher in seinen bedeutungsgrenzen als dieses. 11) '
auslegen, ausdeuten, erklären',
vornehmlich vom text der bibel oder des gesetzes, aber auch allgemein, s. glosse 1 a-c.
in ältester bezeugung reflexiv: der nam sich hie glosierent
jüng. Titurel 5296; ist besser verborgen dann glosiert. suoch yetlichs selber den sin der recht ist
Terenz deutsch (1499) 49
a (
anm.); die jüden haben das gepot also glosiret und ausgelegt Luther 16, 526
W. nam das rechtbuch herfürher, das ad marginem glosieret was Hans Sachs 9, 448
K.; die jungen witwen ... geyl worden seynd (wann sie das futter sticht, wie D. Luther am rand glossirt) Dannhawer
catech.-milch (1657) 3, 201; wär ich doch morgen
bei dir; so schlösz ich mich eine lange stunde mit dir ein, und läse und glossirte dir den 139ten psalmen Schubart
br., bei D. Fr. Strausz (1876) 9, 289; ich habe diese woche die beste ausgabe des glossirten corpus iuris ... erkauft Jacob Grimm
an Wilhelm briefe a. d. jugendzeit 21; sein werk aber im ganzen orient höchst berühmt, seiner schwierigkeit wegen von vielen glossirt und commentirt Fr. Rückert (1867) 11, 213.
in älterer sprache auch freier. von bewuszter und ausgesprochener umdeutung: (
die schwärmer) müssen leib und blut glosiern und vertroppen, brod und becher aber nicht glosiern noch vertroppen und also mit dem text spielen und faren, wie sie wöllen Luther 26, 485
W. auch '
auf etwas hindeuten, etwas meinen': das ist auch gesagt durch Esaiam am 28., wölcher Christus allhie glosiert Luther 10, 3, 210
W. neben, aber in ausdrücklicher unterscheidung von verdeutschen: dann es ist weyt ein anders ding, getreulich ein ding verteutschen oder ein ding auszlegen, glosiern und deuten Joh. Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567) 3, 27
a.
gelegentlich aber auch etwa soviel wie '
übersetzend sich verdeutlichen': und hatt ein Homerum und heimlich mins meisters versionen, darusz glosiert ich min Homerum Thom. Platter 51
Boos. 22)
der absprechende gebrauch von glosse 1 d
erscheint bei glossieren
noch früher und stärker variiert. verklausulieren, deuteln, verdrehen': so ist ouch das betrogene bihte, das der mensch der geht und bihtet sime bihter mit alse gar glosierten behenden worten, das ettelicher bihter sich selber usser den sachen nüt wol gerihten kan Nicolaus v. Basel 192; die eidgenossen boten sollen mit denen von Nidwalden reden, dasz sie dem bund 'ane glosieren' nachleben (1472)
in: schweiz. id. 2, 649; alle verträg und zusagen ... können geängert, geweitert, glossirt und verzehrt werden Lehman
floril. polit. (1662) 2, 949.
von gewaltsamer, verfälschender auslegung: deuten und glosiern nach eigenem willen, kan yderman wol und darff keinen sonderlichen geist dazu Luther 23, 238
W.; mit glossiren und eigener witze solls keiner in seinem eigenen grunde ergreifen Jac. Böhme 4, 462
Schiebler; wie er (
ein schlechter biograph) da, schmierer und zusammenstoppler, bald glossiert, bald leugt, bald lästert Herder 5, 420
S. insbesondere '
beschönigen, entschuldigen',
vgl. bei 2glosen,
vb.: ich bin gar offt gerennet an, wile ich disz schiff gezymberet han, ich soll es doch eyn wenig färben ... und ettlich ding ettwas glosyeren, aber ich liesz sie all erfryeren, das ich anders dann worheyt seyt Seb. Brant
narrenschiff 101
Zarncke; (
die anhänger Mohamets) waren also ... bezaubert, das er nimmer unrecht künde thuon, alles kund man entschuldigen und glosieren Seb. Franck
weltbuch (1534) 119; die grOesten lgen wol glosieren Murner
v. gr. luther. narren 186
Merker; lugen ist allzeit siech, und darff vil flickens und glossierens Henisch (1616) 1654.
auch einfach '
schwindeln, etwas vormachen': und gloubt, was im das wyb glosiert Murner
narrenbeschwörung 147
Spanier. 33)
wie glosse 3,
kritische, spöttische bemerkungen machen, aber hinter glossen machen
weit zurücktretend. mit akkusativischem oder präpositionalem objekt: das sind schlimme leute, die alles glosziren wollen
perversi homines quaecumque perverse interpretantur Stieler
stammb. 673; alle nationen dürfen hier mit dem ganzen bunten wechsel ihres geschmackes auftreten, ohne dasz es jemahls einem Franken einfällt, darüber zu glossiren Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 271; alle die kleinen ungeschicklichkeiten, die sich im spiel ergeben, (
werden) mit heiterm kichern glossirt Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 58;
auch absolut: sie hätte immer stürmen, drängen, wirken mögen, er lächelte nur und glossirte Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 3, 33.
gelegentlich auch im sachbereich von 1: die bulle Leos X. gegen Luther reizte Hutten, sie zu glossiren D. Fr. Strausz (1876) 7, 338. 44)
zu glosse 3 b,
als fachausdruck der poetik: er sagt, er habe es (
das lied) glossiret Lessing 10, 50
M.: schönste! du hast mir befohlen, dieses thema zu glossiren Uhland
ged. (1898) 1, 120; Platen 2, 376
Redlich.