wolle,
f. ,
lana, lanugo. II.
zur form. wolle
ist ein gemeingermanisches wort idg. ursprungs. mhd. wolle;
ahd. wolla;
mnd. wulle;
mnl. wolle, wulle;
nnl. wol;
afries. wolle, vlle (
graphische vereinfachung von wulle? van Helten
aofries. gr. § 84,
doch vgl. nfries. ule Steller
afries. gr. § 27, 1
anm. 2);
nfries. oll;
ags. wull;
engl. wool;
got. wulla;
an. ull;
dän. uld;
schwed. ull;
norweg. ull;
germ. *wullô
entspricht idg. *n (
nach andern elən).
auf diese grundform sind zurückzuführen skr. ūrṇ,
av. varənā
wolle; asl. vlъna
samt den einzelslawischen formen, unter denen besonders wichtig serbokroat. vȕna;
lit. vìlna '
wollfaser',
plur. vìlnos '
wolle'
; lett. vina '
wolle, haar von vierfüszigen tieren'
; apreusz. wilna '
rock'
; lat. lāna;
griech. λῆνος (es-
stamm nach πέκος,
s. Walde in: stand und aufgaben d. sprachwissenschaft [1924] 156. —
die zugehörigkeit von οὖλος '
kraus' [
aus Ϝολνος?]
ist dagegen zweifelhaft);
mit anderer vokalstufe lat. vellus '
vlies'
sowie armen. gelmn '
wolle, filz' (Hübschmann
armen. studien 1, 24),
vielleicht auch in ags. wilmod '
colus'.
unklar sind die kelt. formen mir. olann,
cymr. gwlan,
bret. gloan,
die nach Pedersen
vergl. gr. d. kelt. spr. 1, 79
auf *lanā,
nach Walde-Pokorny 1, 296
auf *lənā
und nach alde in:
stand u. aufg. 156
weiter auf *uelənā
zurückgehen. —
idg. *n
ist eine n-
ableitung der wurzel *el,
die grundbedeutung des wortes ist fraglich: nach Falk-Torp
spracheinheit 401, Persson
beitr. z. idg. wortforschung 646, Lid
norsk tidsskrift f. sprogv. 7, 169
zu el '
drehen',
demnach nā '
das gekräuselte' (Schade 2, 1197)
oder mit Pott
wurzelwb. (1859) 3, 563, Franck-van Wijk 801, Torp 835, Hellquist
21274, Walde-Pokorny 1, 297, Walde-Hofmann 1, 757
zu el '
raufen, reiszen',
also '
das ausgerissene, gerupfte, gezupfte'. wolle
wird im allgemeinen blosz singularisch verwendet, nur die berufssprachen verwenden es auch pl. für '
wollsorten',
bzw. '
wollsendungen',
vgl.: (
es) werden ... die wollen ... nach dem produkt bezeichnet, zu dessen herstellung sie sich besonders eignen, z. b. wollen für schusz, wollen für kette, spinnwollen, tuchwollen Sonndorfer-Ottel
technik des wollhandels4 2, 268. IIII.
bedeutung. wolle
ist vor allem schafwolle, das haarkleid des lebenden tieres sowie in allen stufen der verarbeitung, dann das aus kurzen weichen (
in einander geringelten)
haarfäden bestehende tierkleid überhaupt, ferner oberflächenbedeckung ähnlicher faserstruktur bei pflanzen, die fadenbüschel in oder an der samenkapsel, endlich auch material mineralischen ursprungs mit wollähnlicher struktur. wolle
wird meist gut differenziert von borste, haar, feder
und flaum.
in den gloss. und wbb. steht wolle
für lat. lana, lanugo,
s. Graff 1, 794
f.; gemma gemmarum (1508) o 3
a; Alberus
dict. (1540) Cc 4
b; Calepinus
XI ling. (1598) 790
b und neuere wbb. II@AA.
die wellig geringelte feine haarbekleidung des tierfelles: (
die natur hat) den thieren ... auff vilerley weise bedeckung geben ... als ... lang zottecht haar, federen ..., woll Heyden
Plinius (1565) 2. II@A@11)
am häufigsten prägnant für schafwolle: 'wolle
nennt man im weitläuftigen verstande alle kurze, feine, und auch zum theil krause haare der thiere, im engeren verstande aber nur die haare der schafe' Jacobsson 4, 669
b; so will ich ein fell mit der wollen auf die tenne legen (
hoc vellus lanae)
richter 6, 37; der gleichen ein schaff wolt lieber dornen denn wollen tragen Luther 41, 308
W.; hammel mit schwartzer woll bedeckt Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 39
a;
apicae oves (
sind) kleine schaf mit wenig wollen,
quae ventrem lana nudum habent Er. Alberus
dict. (1540) x 3
b; Mone
anzeiger 6, 346;
hircus agnus (
ist) ein gefotzet schaaff, ðas lange und rauhe wollen tregt Frisius
dict. (1556) 64
b s. v. agnus; die schaaffe (
der Mongolen) haben ... schönere wolle als die in Europa Olearius
orient. reisebeschr. (1696) 47; das schöne weisze schaf hier mit krauser wolle Chr. v. Schmid
ges. schr. (1856) 1, 86; wie ein schaf in allem vollen mit schön zarter, schneeweiszer wollen seinem hirten in wald enttran
Hans Sachs 9, 210
K. in der redensart eyn wollff unter der wollen (
wolf im schafpelz) Luther 10, 1, 1, 408
W. vgl. auch: diese hungerigen wölfe müssen die wolle (
die schafe) gerochen haben Petrasch
s. lustsp. (1765) 2, 103.
über geschorene, verarbeitete wolle und wolle im sprichwort s. u. B
und C. II@A@22)
es wird aber auch das haarkleid anderer domestizierter tiere einfach wolle
genannt, z. b. das der ziegen, kamele u. a., besonders in berufssprachen. wolle
nennen bürstenmacher u. a. z. b. die wolligten haare, die sich an den wurzelenden der schweinsborsten befinden, s. Jacobsson 4, 670
b: man hab an dem ort ausz dem erdtrich gegraben ein sauw, die was halber mit wuollen bedeckt Seb. Münster
cosmogr. (1550) 192;
vom haarkleid des pudels: ein ... mann, ... der ... die pudel scheert, deren wolle er ... an tapezirer verkauft Gutzkow
d. ritter vom geiste (1850) 4, 120.
meist determiniert durch compp. oder attribut, z. b. geizwolle
lana sucida, ahd. gl. 3, 489, 23
St.-S. kemmelwolle '
kamelhaar'
mhd. wb. 3, 803. II@A@33)
vom wildtier, ebenfalls schon mhd.: des wolfes woll kreucht voller würm Konrad v. Megenberg
buch d. natur 147, 18
Pf. besonders in der jägerspr.: '
in der weidmannssprache heiszt ... das wollhaar (
des fuchses) wolle' Brehm
tierleben 2, 175
P.-L.; 'wolle
nennt der jäger die kurzen winterhaare des roth-, dam-, elen-, schwarz- und rehwildes, welche diese thierarten hauptsächlich gegen die kälte schützen' Behlen
forst- u. jagdkde (1840) 6, 488. wolle
heiszt auch '
die ganze behaarung an hasen und kaninchen'
ebda: der haase hat woll und keine haare J. A. v. Friedenberg
abh. von d. in Schlesien übl. rechten (1741) 2, 25; Heppe
lehrprinz (1751) 17; Hartig
lehrbuch 1, 47. II@A@44)
auch die flaumfedern der vögel nennt der jäger wolle: Illiger
mammalia et aves (1811) 53; 'wolle
wird benennt die pflaumfederlein des jungen geflügelwerks, ehe dasselbe noch recht gefiederig und da heiszet es: das geflüg ist noch in der wolle' Heppe
wohlred. jäger (1763) 339
a. II@A@55)
vom krausen, filzigen negerhaar gesagt: das haar (
der Hottentotten und Kaffern) ist die mitte zwischen der wolle der neger und dem haar andrer völker Herder 13, 231
S.; ihre physiognomie war nur negerähnlich ..., das haar zwar kraus, aber keine wolle Ritter
erdkde (1822) 1, 538.
auch das weiche flaumhaar des sprossenden bartes wird zuweilen wolle
genannt: wie konnte ein jüngling ..., um dessen kinn noch zweideutige wolle hing, liebeserklärungen thun? Hölty
ged. 217
H.; die feine wolle sproszt um die wange Göthe I 49, 100
W. verächtlich oder in bildlicher sprache vom menschenhaar überhaupt: wenn die nonnen alle haare, welche vor die ihrigen ausgegeben werden, gezeuget hätten, so müsten sie ... so fruchtbar sein, dasz man ihnen alle 4 wochen die wolle abnehmen könte Phil. v. Sinold
d. curieuse caffehausz (1698) 29.
vgl. auch die nd. redensart einander in der wulle wesen,
sich zausen, streiten Schiller-Lübben 5, 785;
ähnlich dan hob i amal sei wolln ausgekemmt (
habe ihn bei den haaren gezaust) Ruckert
unterfränk. ma. 197. II@A@66)
pflanzenhaar, lanugo: '
eine art der haarbekleidung aus langen, weichen, mehr oder weniger gebogenen, zwar dicht gedrängt stehenden, aber doch nur locker aufeinander liegenden und noch einzeln unterscheidbaren haaren bestehend' Bischoff
wb. d. beschr. bot. (1839) 112; '
eine lange, dichte bekleidung der pflanzenflächen mit etwas krausen haaren, die einen filz bilden, wenn sie dicht anliegen' Behlen
a. a. o.: an den wurtzlen des gemeinen hüfflattichs wechset ein weisze wollen Bock
kreutterbuch 150. 'wolle der weidenbäume,
eine weisze, subtile, fäserichte materie, die sich im frühjahre an den ästen und zweigen der weidenbäume findet und einer zarten baumwolle sehr ähnlich ist' Jacobsson 4, 670
b: weidenbeume die hauwt man abe vor der zeit, ehe sie die wullen ausstossen Thurneysser
magna alchymia (1583) 52. der baum ist in der wolle
sagt man vom treibenden weidenbaum im frühjahr, bevor er blätter entwickelt; auch von der rebe: der gröszte theil der reben (
ist) heuer schon in der wolle erfroren Uhland
an Laszberg, briefw. 3, 69.
eine winzerregel sagt: erfrieren die reben in der wollen, dann trinkt den wein man aus den bollen (
humpen) Binder
sprichwörterschatz (1873) 158.
kätzchen der haselstaude, s. Diefenbach
gl. 311
c s. v. julus. die faserbildung an manchen früchten und in der samenkapsel, pappus. 'wolle, laine ...
das rauche an früchten, coton' Frisch
nouv. dict. (1730) 677: die woll von wolligen früchten Sebiz
feldbau (1579) 76; nim hagebutzen ..., thue die steinlin unnd wollen inwendig herausz Gäbelkover
artzneybuch (1595) 2, 53; nim der weiszen wollen, die in den cardobenedicten disteln ... ist, wenn sie zeittig seind
ebda 1, 122; ein grawe wullen, die auff etlichen bluomen wachszt und laszt sich abblaasen Frisius
dict. (1556) 944
a s. v. pappus; Calepinus
XI ling. (1598) 1020
b; Hulsius (1618) 2, 219
b;
nomenclator lat.-germ. (1634) 99; die wolle am kolbe (
des schilfrohrs)
coma paniculae ebda 89; wolle von schilfkeulen G. Forster
s. schr. (1843) 1, 187; die semiflosculi haben ... einen mit wolle geflügelten saamen Ehrhart
pflanzenhist. (1753) 10, 45.
vor allem die industriell verwertete faserbildung in der samenkapsel der baumwollstaude: baumwollen ... trägt frucht in grösz einer haselnusz, in welcher ... eine zarte wolle sich befindet Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1711) 2, 98.
hierher compp. wie baumwolle (
s. o. teil 1,
sp. 1196),
ferner kräuterwolle, kolbenwolle, quittenwolle Kramer
dict. 2 (1702) 1385
c.
landschaftlich wird auch das sporengewebe einzelner pilzarten wolle
genannt: '
bei den bülzen das röhrige gewebe, so sich unter dem hute dieser schwämme befindet, und worinnen ihr samen enthalten ist, (
heiszt)
um Wienn ... die woll' Popowitsch
versuch (1780) 589; die woll
das poröse gewebe eines boleti Nemnich 655.
als pflanzenname für königskerze, verbascum thapsus und für triticum repens, s. u. 2wolle. II@A@77)
mineralische stoffe können wolle
genannt werden, wenn sie wollartige struktur haben: der haarkies bricht ... in gestalt dünner krystalle, so ... untereinander liegend, dasz sie eine art wolle ... bilden Zappe
mineral. handlex. (1817) 1, 436; philosophische wolle
lana philosophica, zinkblumen, zinkoxyd Liebig
hb. (1843) 485; Hoyer-Kreuter
5 1, 857. II@BB.
die geschorene, zur verarbeitung bestimmte und auch bereits zu kleidung u. ä. verarbeitete wolle. II@B@11) wolle
ohne nähere bestimmung bezeichnet in alter und neuer zeit fast immer schafwolle. wolle
anderen ursprungs wird, wo nicht schon durch situation oder zusammenhang der ursprung bekannt ist, durch composita oder durch attribut von (
schaf-)wolle
differenziert, wie geiszwolle Herold-Forer
C. Gesners thierbuch (1563) 59; ziegen-, hasen-, baumwolle
u. ä. schon im 8.
jh. wird in den ahd. gloss. zu Gregors cura pastor. bysso übersetzt mit deru pominun uuollu
ahd. gloss. 2, 221, 37
oder bombix in den Prudentius-gloss. (11.
jh.)
mit poumuuolla
ebda 2, 451, 48;
schafwolle dagegen ist gemeint in den belegen: also unsih diu uuolla ... uuider froste skirmet Notker
ps. 147, 16; gewant von wollen,
s. mhd. wb. 3, 802; laken van wulle
pannus Diefenbach
nov. gl. 278
b;
vgl. noch ein puschel wolle (
a. 1394) Diefenbach
gl. 609
c s. v. vellus; ein flusz woln, een bliesch wollen, eyn bunt wllen
ebda; eyn locken wullen
ebda 239
c s. v. floccus; ein kleid von wollen und leinen (
lana linoque contextum)
5. Mos. 22, 11; Albertinus
hirnschleiffer (1664) 29; ziegnpeltz war der erstn eltern kleid ..., darnach von wollen wardt gemacht die kleidung, damals gros geacht balt hernach es zur leinwand kam Gr. Wagner
bei Musculus
hosenteufel 4
ndr.; Christus hat ... getragen ... ein schlechtes kleid von woll Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1711) 2, 305; mit tüchern aus wollen und flachs handeln
M. I. Schmidt
gesch. d. Dtschen (1778) 3, 110; (
in den gräbern der völkerwanderungszeit fand man) stoffe teils von wolle, teils von flachs Hoops
reallex. 4, 345
a;
vgl. auch: sie gehet mit wolle und flachs um und erbeitet gerne mit iren händen
sprüche Sal. 31, 13; Hippel
über d. ehe (1774) 107; ein weib, das wol und flachs von kindheit an verstehet Rachel
satyr. ged. 38
ndr. wo nähere bestimmung über farbe, qualität der wolle oder art der verarbeitung u. ä. mitgeteilt wird, ist natürlich determiniert: die schrift sprichet von ime (
Jacobus minor) daz her nie kleit getruc danne wollen alse si ûffe dem schâfe stunt (
ungewaschene, ungebleichte wolle) Herm. v. Fritzlar in:
dtsche myst. 1, 126
Pf.; wolle von braunen oder schwarzen schafen Hoops
reallex. 4, 343
b.
durch zusammensetzung unterscheidet man lamm-, jährlings-, mutter-, widderwolle,
ferner sommer-, winterwolle
u. a. II@B@22)
die verarbeitung der wolle teilt sich in die schäferliche und handwerkliche sphäre; erstere ist die ältere schicht, ihr gehören auch die meisten redensartlichen und sprichwörtlichen wendungen mit wolle
an (
s. u.C und D). II@B@2@aa) wolle
wird gerauft
oder geschoren.
α) woll plücken
lanam carpere Orsäus
nomenclator methodicus (1623) 254; wollen rauffen
sverre la lana Kramer
dict. 2 (1702) 265
a.
hierher rupfwolle
ebda 2, 1385
c.
sodann een roef wollen Diefenbach
gl. 609
c s. v. vellus; ursprünglich wurde die wolle ausgerauft, die schere kennt man in Nordeuropa ... seit der mittleren La Tènezeit Ebert
reallex. 13, 267. wolle ausraufen, rupfen
auch bildlich für '
jemanden berauben, ausplündern',
s. Hans Sachs 6, 373
K. β) wolle scheren, abnehmen
tondere, demere, s. Steinbach 2, 1018: (
der widder sagt zum hirten:) ir söllen mir abscheren alle myne wollen Steinhöwel
Äsop 233
Ö.; abgeschorne wolle
lana detonsa nomenclator lat.-germ. (1634) 370; den schafen die wolle ... abschären
levare, tondere Kramer
dict. 2 (1702) 1385
c, abnehmen
allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 88.
hierher compp. wie einschur-, zweischurwolle.
bildlich für '
jem. berauben, ausnützen',
vgl.: er (
der papst) enruochet, wer diu schâf beschirt, daz eht im diu wolle wirt Freidank 153, 11
B. u. anm.; (
eine frau rät der andern:) schir im (
dem liebhaber) die woll aber bas, das gibt dir sicher fräden vil
liederb. d. Hätzlerin 231, 106
H.; das ich ... die schäfflin basz bescher und in abziech erst gar die woll Gengenbach 158
G. II@B@2@bb) wolle reinigen, zurichten
u. ä. wolle czeisen
carpere Diefenbach
ml.-hd.-böhm. wb. 61;
nov. gl. 77
a s. v. carpinare; wolle schraeden
taminare Diefenbach
nov. gl. 358
a; die wollen streichen oder seuberen
pectere et purgare Calepinus
XI ling. (1598) 204
ab s. vv. carmino, caro; wolle waschen, säubern, butzen, zausen Kramer
dict. 2 (1702) 1385
c: (
Minerva zeigte,) wie die woll nach dem wäschen und erlesen mit den kammen gelütert werden söllte Steinhöwel
de cl. mul. 39
Dr.; (
ihr mann) sy zuo keinerley guot daucht dann die wolle ze scheiden Arigo
decam. 176, 36
K.; sieh nur deine schwester Lotte dort, wie hübsch ordentlich die da sitzt und wolle zertheilt maler Müller
schaafschur in:
w. (1811) 1, 230; (
die königin befahl Aetius) in ihrer frauenstube wolle zu zeisen br. Grimm
dtsche sagen (1891) 2, 27; ins landarmenhaus schickt er uns, um wolle zu zupfen Fontane I 5, 161. wolle schlagen, klopfen, kämmen: dô was ein armer man in der stat, der kunde wollen slahen Herm. v. Fritzlar in:
dtsche myst. 1, 226
Pf.; woll klopffen Hulsius (1618) 2, 56
a; woll kemmen, kardetschen
ebda 2, 292
b; wolle ... streichen ..., hecheln
scardare, spinazzare Kramer
dict. 2 (1702) 1385
c; wollen schlagen
battere ebda 540
c; (
Eulenspiegel) schluoge die woll, daz sy uber daz husz stob
Eulenspiegel (1515) 80
ndr.; wolle krämpeln, kratzen: gekrämpelte wolle Fr.
M. Klinger
w. (1809) 7, 161; die hand, die einmal wolle kratzte Alexis
Roland (1840) 1, 95. wolle spinnen, weben, wirken
u. ä. mhd.: der wollen man ir varwe gap, do man sie span unde wap
passional 83, 1
K.; si span mit ir selbs hant von der wolle schones gewant Heinrich v. Neustadt
Apollonius 13329
S.; die herren, ritter, knechte ... sie tragen auch die wollen, die man weschet unde schirt, da nu riche wat uz wirt
könig vom Odenwald 6, 20
Schr. hier in der '
rede von dem schafe'
in der folge noch die verba zeisen, verwen, kemmen, spinnen, haspeln, winden, weben, walken, smiren, karten, strîchen, an die ram spannen: 6, 23
ff. nhd.: er (
Herkules) span die wollen von der kunkel Steinhöwel
de cl. mul. 83
Dr.; sie soll wolle spinnen Zimmermann
über d. einsamkeit 1, 312; Schiller 14, 284
G.; wullen wäben
contexere uillos ovium Frisius (1556) 1381
a: so hat Minerva gefunden die wollen zu geprauchen und zu weben Albr. v. Eyb
dtsche schr. 1, 70
H.; item welcher wurkhte barchant von staub, kartwoll oder kernwoll oder sonst böse woll
quelle (
a. 1638)
bei Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 434
b. wolle färben
tignere, colorare Kramer
dict. 2 (1702) 1385
c; die wolle nimmt die farbe nicht an, wenn sie nicht öfters ein getaucht wird
lana colorem non perbibit Steinbach (1734) 2, 1018: die woll haben die Lydi ... zum ersten geferbt Eppendorf
Plinius (1543) 35.
redensartlich in der wolle gefärbt (
nicht im stück)
für echt, dauerhaft: ein ... schalck, so in de wolle gefaruet
quelle bei Schiller-Lübben 5, 785;
vgl. auch brem. wb. 5, 12; Brendicke
Berliner wortschatz 194
a: so seind menschen, heiszent lasterliche menschen, und sein die, die in der wollen geferbet seind. es sol gar kostlich sein, wenn man wollen ferbt und thuch darusz macht. also seind etliche menschen in der wollen geferbet worden in der leckery und bübery ufferzogen Geiler v. Keisersberg
brösamlin (1517) 2, 69
b; was in der wolle gefärbt ist, behält alle zeit seine farbe K. Rother
d. schles. sprichw. 134; diesen in der wolle gefärbten republikanern nahm ihre politische theorie fast den charakter eines religöisen glaubensbekenntnisses an Mommsen
röm. gesch. 3 (
41866) 395. II@B@33)
geschorene wolle als wert- und handelsartikel: (
dem priester gebühren) die erstlichen ding der frucht des weins und des öls und ein teil der wollen von der scherunge der schaff (
vulg.: lanarum partem ex ovium tonsione)
5. Mos. 18, 4
erste dtsche bibel; dazu hat auch Damascus bey dir geholet deine erbeit ... umb starcken wein und köstliche wolle
Ezech. 27, 18; Mesa ... zinset ... wullen von hunderttausend lämbern
4. kön. 3, 4
Zürcherbibel (
ebenso Luther); erstlich ... ordnen wir, das ein gemeiner freier kauff und verkauff der wollen ... einem yeden ... gestatt werde
Wirtemb. newe landsordnung (1536) j 4
a; es ist aber ... die Alte Marck mit ... gaben gottes gezieret ... botter, kese, wolle, honig Chr. Entzelt
altmärk. chr. (1579) 53
B.; ausz Hispania bringt man in Galliam allerley seyden ..., auch wullen Stumpf
Schweizerchron. (1606) 12
b; nunmehr schiffen die Pommern ihre wolle inn fremde länder Micraelius
altes Pommerland (1640) 6, 603; England kan seine wolle im lande nicht beherbergen Chr. Weise
polit. redner (1677) 156; holländische leinwand, spanische wolle, persische ... seide
F. Th. v. Schubert
verm. schr. (1823) 3, 50; böhmische wolle Jacobsson 4, 670
b.
mit gewichtangabe: ein stein wolle
twenty pound weight of wool Ludwig
teutsch-engl. lex. (1716) 2527; ein sack wolle, in England 364 pfund, in Schottland 384 pfand
ebda; item haben wir 60 m entpfangen vor 180 steyne wolle
Marienb. treszlerb. 331
Joach.; 20 stein wollen
theatr. diabol. (1569) 152
a; als er ... etliche centner wollen einkaufft, befand er ... (16.
jh.) B. Hertzog
schiltwache b 5. II@B@44) mit wolle
wird die gesponnene wolle, das wollgarn bezeichnet sowie die wollwebe, der wollstoff, das wollkleid: zahlreiche mütter kauften sich wolle und strickten ... kriegssocken G. Freytag
ges. w. 4 (1887) 372; zu ihren füszen standen körbchen mit bunter wolle und seide G. Keller
ges. w. (1889) 6, 58.
wollstoff: anders erscheint cochenille auf leinwand, anders auf wolle, anders auf seide Göthe I 45, 295
W.; (
sie) sammelt im reinlich geglätteten schrein die schimmernde wolle, den schneeigten lein Schiller 11, 309
G.; er (
der leichnam) wird ... in wolle gekleidet Archenholz
England u. Italien (1785) I 1, 247; als du saumnachschleppend gingest, stattlich in gestickter wolle Platen
w. 1, 585
Hempel. wolle (
wollkleid)
als zeichen der niedrigkeit, der trauer: er hat ... als ein mönch barfusz und in wolle sein brot gebettelt br. Grimm
dtsche sagen (1891) 2, 195; leider war der hof in tiefer trauer oder, wie der höfische ausdruck lautet, 'in der wolle' E. Suesz
erinn. (1916) 387; mir geziemt nur düstre wolle, thränentuch und witwenschleier Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 257. II@B@55)
die weisze farbe, die dichte, die weichheit der (
unverarbeiteten oder verarbeiteten)
wolle dienen häufig zum vergleich, z. b. nach ps. 147, 16
(qui dat nivem sicut lanam): er (
gott) gibet schnee, wie weise woll
Hans Sachs 18, 548
K.-G.; er gibt schnee gleich der wollen weisz
A. Pankratius
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenl. 1, 117;
sein har war weis, wie weisse wolle offenb. Joh. 1, 14
; Daniel 7, 9
; wenn ewre sünde blutroht wäre, so ihr euch bekehret, so soll sie schneeweisz werden wie wolle Jac. Böhme
beschreibung der drei prinzipien (1682) 388
(nach Jes. 1, 18 si fuerint peccata vestra ... quasi vermiculus, velut lana alba erunt, wo Luther
kurz übersetzt: so sol sie doch wie wolle werden); Spee
güld. tugendb. (1649) 189
. auch frei auszerhalb der bibelsprache: nicht schnee noch wolle hält bestand
für ihrer hände silberblikken
Stieler
geharnschte Venus 73
ndr. die weichheit der wolle dient zum vergleich: die lippen seind sanfter als wolle zu küssen
Zesen
vermehrter Helikon (1656) 2, 129.
II@CC.
in redensarten und bildlichen wendungen. II@C@11) dem schaf in die wolle greifen,
es fassen und festhalten, in übertragenem sinne jemandem in die wolle greifen,
ihm scharf zusetzen: das heyst dem bapste yn die wolle gegriffen Luther 34, 2, 312
W.; 10, 2, 279; es gefiel mir wol, dasz du ynen (
den bischöfen) so weydlich in die wollen griffest
kampf d. schwärmer gegen Luther 3, 44
ndr.; hat er angefangen, dem alten herrn mehr und gröber in die wollen zu greifen, dann er im haimlich vil gelts entwert (
vor 1566)
Zimmer. chron. 2, 121
Barack; auch bei abstraktem subjekt: wo das heilig evangelium dem alten Adam nicht gewaltiglich in die wolle greifft, do ist es noch nicht in das hertz kommen Jac. Strausz
das wucher geben u. nemen (1524) e 4
b; ding, die den keyserlichen rechten hart in die woll greiffen Lehman
floril. polit. (1662) 2, 582.
seltener auf, an die wolle greifen: im widrigen fall aber ... er dieses landes öffentlicher feind sein und ihnen rechtschaffen auff die wolle greiffen werde J. Hoppe
gesch. d. ersten schwed.-poln. krieges (1887) 52.
obszön: wenn ich ... ihr (
im brautbett) weidlich auff die wolle greiffen kan
engl. com. u. trag. (1624) z 3
b; weiber sind schaafsart, sie lassen ihnen gern an die wollen greiffen Lehman
a. a. o. 3, 483.
variiert sich gegenseitig in die wolle fallen: W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 25. sich in der wolle haben: als die beiden sich in der wolle hatten
quelle v. 1926. II@C@22) wolle lassen,
vom schaf gesagt, auch vom gejagten wildtier, sodann metaphorisch für '
gezaust werden, verlust erleiden': kommt! der (
in die herden eingebrochene wolf) soll davon zu sagen haben, wie viel wolle er lassen musz! Tieck
schr. (1828) 5, 312.
in gleichem sinne haare, federn lassen,
s. o. teil 4, 2,
sp. 17. II@C@33) in die wolle kommen,
vom schaf gesagt, das bald geschoren werden kann, übertragen '
zu geld, vermögen kommen',
s. Schütz
holstein. idiot. (1800) 4, 379.
ähnlich in der wolle stecken, sitzen, sein
u. ä., in guten vermögensumständen sein: sie stecken alle in der wolle. siehst du den, der dort ... sitzet? der hat ... seine achtzig tausend! Heinse
s. w. 2, 79
Sch.; er hat ... glück gehabt und sitzt ... in der wolle oder, wie manche sagen, in einer guten assiette Fontane
ges. w. (1905) II 2, 33; ich befinde mich jetzt so recht in der wolle Heine
s. w. 3, 177
E.; nu bin ick in der wulle
habe zu leben Strodtmann
Osnabr. (1756) 294. in der wule siten
wohlhabend sein Bauer-Collitz 115
a; he sittet recht warm in der wulle Woeste
westfäl. 329
b; Schambach
Götting. 306
b; Jecht
Mansfeld 125
a;
vgl. noch Kindleben
studentenlex. 218; Fr. Kluge
dtsche studentenspr. (1895) 135
a; Brendicke
Berliner wortschatz 194; Binder 216.
andern ursprung hat die redensart in der wolle sein
für '
zornig sein' K. Rother
schles. sprichw. 269
b,
eine metapher vom treibenden, ausschlagenden baum (
s. o. II A 6),
vgl. in saft gehen
u. ä. II@C@44) von guter wolle,
bildlich für '
tüchtig, wertvoll': dieser mönch ... war nicht von der besten wollen (
taugte wenig) Grunau
preusz. chron. 1, 433
Perlbach. II@DD.
im sprichwort. die schäferliche sphäre überwiegt die handwerkliche. II@D@11) es ist ein faul schaff, das seine wolle nicht ertragen kan Friedrich Wilhelm
sprichw.-reg. (1577) c 1
b; das schaaff tragt im selbst kein wolle
nemo sibi nascitur Tappius
adag. cent. septem (1545) h 2
a; Eyering
prov. copia (1601) 2, 81; wer das schaf hat, dem gehört auch die wolle Binder
sprichwörtersch. (1873) 169; ein gut schaff tregt gute wolle Petri
d. Teutschen weiszheit (1605) 2, v 5
a; wenn zwey böck mit einander stutzen, so lieszt der dritt die woll auff Lehman
a. a. o. 2, 930. viel geschrey, wenig woll S. Franck
sprichw. (1545) 1, 74
b; vil geschrey und wenig woll, sprach jhener schäffer, da schare er ein saw
klugreden (1548) 167
a; Hans Sachs 22, 82
K.-G.; Cuspinianus
fama mundi (1620) 3, b 4
b; Binder
sprichwörtersch. (1873) 71; grosz geschrey und wenig wolle,
grosze worte und nichts darhinder Kern
sprichw. (1718) 30; Kirchhof
wendunmuth 2, 396
lit. ver.; je mehr geschrei, je minder woll Moscherosch
ges. (1650) 1, 7.
ebenso holländisch, englisch, italienisch, s. Wander 1, 1601,
wo weitere belege. ähnlich: die schaf treiben nit vil wesens, haben aber vil woll S. Franck
sprichw. (1541) 1, 116
a; gibst für, du sigst der tugent voll, es ist grosz gschrey und lützel woll, ein ander geist dir wonet by
schweiz. schausp. 2, 141
B. weitere sprichwörtliche redensarten aus der schäferlichen sphäre: ein dummes schaf, das seine wolle freiwillig dem scheerer gibt Binder
sprichwörtersch. (1873) 169; wann man mit der wollen zahlen kan, soll man das fell sparen Lehman
a. a. o. 1, 282; besser die woln verloren denn das schaffe Fischart
v. S.
Dom. artl. leben 159
K.; mancher verschenckt die woll unnd hat das schaff nicht Petri
weiszh. 2, N n 6; wo wolle ist, musz man scheeren Binder
sprichwörtersch. (1873) 216; mancher geht nach wolle aus und kommt geschoren selbst nach haus
ebda; Bastel v.
d. Sohle
Harnisch aus Fleckenland (1648) 82; Tieck
schr. (1828) 9, 144; beschorniu schâf sint nirgen wert, dâ man guoter wollen gert Freidank 153, 14
B. der handwerkersphäre näher stehen redensarten wie har under woll schlagen
eine falle richten, listig sein S. Franck
sprichw. (1545) 1, 27
b; Hans Sachs 8, 277
K. vgl. hierzu as ist haar undar dar wolla
es ist nicht ganz sauber Bühler
Davos 1,
nachtr. 328; man hat dabei keine wolle gesponnen,
keinen vorteil dabei gehabt Hübner
zeitungslex.31 4, 973
a; böse wolle läszt sich nicht färben Lehman
a. a. o. 1, 115.