stil,
styl,
m. ,
schreibgerät; art und weise des schriftlichen und mündlichen ausdrucks; brauch in rechtlichen dingen, in der zeitrechnung; art und weise der darstellung in der musik, in den bildenden künsten; brauch, haltung in dingen des menschlichen lebens überhaupt. herkunft und form. das wort stil
tritt seit dem ersten drittel des 15.
jhs. in den deutschen formen stil, styl, stiehl, stiel, stihl
auf. zuerst belegt ca. 1425
als stil
in der bedeutung '
schreibart'
bei A. Kurzmann,
s. unten sp. 2909.
neben den deutschen formen stehen vom 15.-19.
jh. lat. stilus, stylus,
zwar nicht früher als die deutschen, jedoch im 16.,
bes. im 17.
und noch in der ersten hälfte des 18.
jhs. überwiegend; seither in lat. form nur noch gelegentlich altertümelnd, z. b. Lichtenberg
aphor. 3, 112
L.; Immermann 1, 47
Boxb. (
näheres zur verteilung der dtsch. und lat. formen s. II A; II A 2 b
α; II B; II C; II D; II H 1). — stil
ist vom frühen 15.
jh. bis in die zweite hälfte des 18.
jhs. hinein von gelehrten kreisen immer wieder für die verschiedensten anwendungsbereiche entlehnt worden, im 19.
und 20.
jh. wird stil
nur mehr als deutsches wort in form, bedeutung und anwendung weiterentwickelt. stil
wird zuerst und später wiederholt dem mlat. bzw. lat. stillus, stilus, stylus
entlehnt (
s. I 1; II A 2 b
α,
β; 3 a
α;
[] II B; II C; II H 1),
seit dem ausgehenden 15.
jh., gleichfalls wiederholt, dem it. stilo, stile (
s. I 2; II A 2 a
α; II D 1; II E);
eingewirkt haben im frühen 18.
jh. auch ndl. stijl (
s. II B),
im späteren 18.
jh. frz. style,
engl. style,
sieh II A 3 b
α,
β; II E; II H 2 b.
bis zur festlegung auf die form stīl (
s. u.)
schwankt die lautgestalt, und zwar quer durch die einzelnen bedeutungen hindurch, doch spiegeln einzelne formen die lautgebung der verschiedenen entlehnungssprachen wider. so gilt im 15.-17.
jh. unter dem unmittelbaren eindruck von mlat. stillus, stilus
weithin die vokalkürze: stil (: wil) A. Kurzmann
spec. hum. salvat. (
ca. 1425)
in: Wiener sitz.-ber. 88 (1877) 840;
vgl. schreybstill (1496)
Tegernseer ausgabebuch 50
Rockinger; eins stillensz (
variante) Montanus
schwankb. 470
Bolte. die schreibung styl,
die seit dem ausgehenden 15.
jh. neben stil
häufiger auftritt, kann im einzelfall als diakritisches zeichen für beginnende vokaldehnung gedeutet werden, vgl. Ehrismann
P. u. B. beitr. 22, 265
f. die vokallänge ist gesichert seit dem ausgang des 16.
jhs. durch die schreibungen ie, ieh, ih,
z. b. stylus griffel, stiel Huterus
lex. harmon. (1598) 503;
stylus schreibstiel Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 416; stiehl Elis. Charl. v. Orleans
br. 1, 186
Holland; stihl Callenbach
puer centum ann. (
ca. 1715) 38.
die eingetretene dehnung des -i-
zeigt sich auch im reim auf nd. ī: stilen (: kilen '
keilen, schlagen') Lauremberg
scherzged. 39
Schr. seit dem frühen 18.
jh. wird nur noch -i-
oder -y-
geschrieben. im verlauf des 18.
und im 19.
jh. überwiegt die y-
schreibung, da seit der mitte des 18.
jhs. mit neuen sachlichen einwirkungen die lautform des frz. style
wirksam wird, s. Seiler
lehnw. 3, 277: styl Ramler
einl. i. d. schön. wissenschaften 1 (1758) 24; 48; Hamann 4, 463
Roth; Bode
Montaigne 2 (1793) 208;
ähnlich hat vereinzelt auch engl. style
eingewirkt: styl Lessing 8, 6
M.; Shakespeare 2, 159.
darüber hinaus ist die y-
form im 18.
und 19.
jh. durch freilich irrtümlich (
s. Walde
lat. etym. wb. [1910] 739)
gräzisierende etymologien begünstigt worden, vgl. z. b.: styl '
nach dem gr. und lat. stylus' Adelung
vers. 4 (1780) 872; stil '
aus dem griechischen, darum richtiger mit dem y
geschrieben' Laube 49, 306
Houben. seit etwa 1870
ist die schreibung stil
die amtliche, doch ist sie praktisch erst seit etwa 1910
überall im gebrauch. die deutsche flexion ist durchweg stark; im gen., dat. sing. stehen bis in den gegenwärtigen gebrauch (
beispiele unter II H 2 d) stils, stiles
und stil, stile
nebeneinander, vgl. schon des styls Riederer
sp. d. war. rhetor. (1493) 44
a; styles E. Heermann
gold. fliesz d. tugend (1676) 73; mit ainem ... stil A. Kurzmann
spec. hum. salv. (
ca. 1425)
in: Wiener sitz.-ber. 88 (1877) 840; mit dem stile Arigo
decamer. 390
Keller. vereinzelt endungsloser nom. pl. dry styl Riederer
a. a. o. 44
b,
sonst zwei ... stile Winckelmann 10 (1824) 29.
die lat. formen treten in texten des 15.
und 16.
jhs. häufig in grammatisch unkorrekten lat.-deutschen mischformen auf: des stylums Gessler
new pract. reth. (1493
u. 1502) 3
b u. ö. mit casusverwechslung: lentlicher stylum (
statt stylus)
ebda; von ihren stilum (
statt stilo)
ebda 5
b;
ebenso M. Breunle
kurtz formular u. kantzley büchl. (1530) 4
a.
bedeutung und gebrauch. in der concreten, lat. stilus '
graphium'
entsprechenden bedeutung '
griffel'
begegnet stil
vom späten 15.
bis 18.
jh. (I).
weit entwickelter ist die abstracte verwendung des wortes (II).
sie knüpft im ersten drittel des 15.
jhs. an die übertragene bedeutung von lat. stilus '
modus scribendi (
et dicendi)'
an und bildet als '
literarische darstellungsweise'
bis heute ein kernstück der wortbedeutung (II A).
alle weiteren abstracten verwendungen (
doch vgl. auch schon II A 2 b)
setzen die bedeutungserweiterung von lat. stilus '
modus scribendi'
zu mlat. stilus '
modus, usus, consuetudo, mos'
voraus, s. du Cange 7, 598
c,
so stil
als '
brauch in der gerichtspraxis',
vom späten 15.
bis frühen 18.
jh. (II B), stil
als '
brauch in der zeitrechnung',
vom 17.
bis ins 19.
jh. (II C).
als '
art und weise der musikalischen darstellung'
geht stil
seit dem frühen 17.
jh. nur noch mittelbar über it. stile
maniera, usanza, [] costume auf mlat. stilus
modus, mos zurück (II D).
ähnlich ist die von Winckelmann 1756
eingeführte anwendung des wortes auf die darstellungsweise in den bildenden künsten dem it. stile
maniera, vielleicht auch franz. style
manière, engl. style
manner nachgebildet (II E).
von der bildenden kunst her wird dann seit dem ende des 18.
jhs. der wortgebrauch im deutschen selbständig auf andere sachgebiete erweitert (II F).
das ursprünglich weithin synonyme verhältnis von stil
und manier (
s. II D; II E; II H;
vgl. auch II A
sp. 2908)
entwickelt sich seit Göthe (1789)
im sinne grundsätzlicher unterscheidung (II G).
die ins frühe 18.
jh. fallenden anfänge der ausgeweiteten bedeutung '
gewohnheit in dingen des menschlichen lebens'
weisen noch deutlich auf mlat., neulat. stilus
modus, mos, doch tritt mit wachsender ausdehnung und vertiefung des gebrauchs diese beziehung zurück (II H).
eine verflachung des wortes zu formelhaftem gebrauch gehört dem 19., 20.
jh. an (II J).
die verwendung des wortes, das stets ein ausdruck der hochsprache geblieben ist, bleibt von etwa 1420-1750
spärlich; die eigentliche aneignung, ausweitung und verbreitung gehört erst der zweiten hälfte des 18.
jhs. an. kennzeichnend ist dafür, dasz die seit 1750
aufkommenden bedeutungen sogleich im deutschen sprachgewande auftreten, s. II A; E;
F. —
dementsprechend ist auch die lexikographische aufzeichnung des wortes bis ins späte 18.
jh. hinein unregelmäszig und in den bedeutungsangaben lückenhaft, in der wortform ungleichmäszig. unter dem deutschen stichwort stil
findet sich bis ins 18.
jh. nur die concrete bedeutung '
griffel'.
seit Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1866
b; 1867
a erscheint vereinzelt, seit Adelung
vers. 4 (1780) 872
regelmäszig stil, styl
als stichwort, nun auch in abstracten bedeutungen, bei Campe
jedoch noch als fremdwort gewertet und darum nur im wb. z. erkl. u. verdeutschung (1801) 623
a.
in den deutsch-fremdsprachlichen wbb. vom 16.
bis in die mitte des 18.
jhs. begegnet die eine oder andere abstracte bedeutung nur unter der lat. form stilus, stylus,
so z. b. bei Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 311
b,
dgl. in den universallexica des 18.
jhs., so bei Jablonski (1721) 761
a, Zedler 39 (1744) 1469
ff., während im fremdsprachlichdeutschen teil der wbb. dem fremden wort meist nur deutsche umschreibungen entsprechen, s. II A; B; C; H. II.
in concreter bedeutung bezeichnet stil
ein griffelartiges schreibwerkzeug, vom ausgang des 15.
jhs. bis ins 17.
jh., in metaphorischer verwendung gelegentlich noch im 18.
jh. (
s. II A 1). I@11)
für den römischen schreibgriffel, mit dessen spitze man in wachstäfelchen schrieb und mit dessen breitem ende man das geschriebene wieder verstreichen konnte, vgl. lat. stilus Forcellini 5, 637
a.
bis gegen ende des 16.
jhs. ist mit dem wort die sache tatsächlich noch im gebrauch, und die deutsche form stil '
griffel'
knüpft unmittelbar an mlat. bzw. lat. stilus
graphium, '
schreibgriffel'
an. aufschluszreich für die bedeutung ist die mit stilus synonyme glossierung durch pugillaris '
schreibstift',
d. i. eigentlich die wachstafel selbst, s. Wattenbach
schriftwesen i. mittelalt. (1875) 44
und Diefenbach
gloss. 471
a: stil zu schriben
stilus, pugilaris, pugillare, pugillar idem voc. incip. (1491) ee 3
b;
dasselbe (1515) b 2
a; griffel,
vulgariter stil damit man schreibt
stilus uno modo, pugillar, pugillare idem significat voc. incip. (1491) k 2
b;
stylus ein styl, ein griffel, damit man in ein tafel schreibt Rot
teutsch. dict. (1571) p 6
a; Huterus (1598) 503. stil '
graphium'
tritt schon im 15.
u. 16.
jh. hinter gleichbedeutendem, von ihm abgeleitetem stiler (
s. d.)
zurück, wie auch hinter synonymem griffel (
s. teil 6, 301).
in gelegentlicher poetischer verwendung: wol! dieser Marsyas wird also wahr empfinden: dasz sich die götter nur nicht lassen überwinden: dasz nicht nur Thamyris eröffne: dasz der stiel der musen spitzig sei. weil der auch, den er will nebst der gedichte ruhm verächtlich unterdrücken, beherzt ist, kiel und stahl auf ihn den hund zu zücken Lohenstein
Epicharis (1724) 24.
im übrigen schwindet im 17.
jh. mit der sache auch das wort in dieser concreten bedeutung, doch vgl. noch gelegentliches [] stiel, schreibstiel
in historisch erklärender umsetzung von lat. stilus
als römischem schreibgriffel: der erste werkzeug mit welchem geschrieben worden, ist gewesen ein gespitztes eisen ... nachgehender zeit hat sich solcher geändert, und ist von Römern ein stylus, schreibstiel oder eiserner griffel gebrauchet worden Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 415
f.; Stieler
secr. kunst 1 (1681) 346,
die aber sprachlich vielleicht von stiel '
manubrium'
aus empfunden werden. I@22)
vereinzelt auch für andersartige schreibwerkzeuge; im anschlusz an it. stilo, stile
für einen zeichenstift, vgl. dazu griffel
teil 6, 305: es was kein ding das er (
der maler) nicht pesser dan kein ander meister mit dem pensel federn oder stile nicht machet (
con lo stile e con la penna o col pennello) Arigo
decamer. 390
Keller. IIII.
abstracte bedeutungen. II@AA. stil
bezeichnet die art und weise des schriftlichen oder mündlichen ausdrucks, seit dem ersten drittel des 15.
jhs. in grundlegendem anschlusz an diese beiden übertragenen bedeutungen von stilus
im lateinischen, s. Forcellini 5, 637
a (
vgl. oben bed. u. gebr., im einzelnen s. u. II A 2 a
α; b
α,
β; 3 a
α).
als '
literarische darstellungsweise'
zeigt stil
im laufe der jahrhunderte eine auszerordentliche vielgestaltigkeit, doch schwankt die anwendungsdichte in den verschiedenen zeiten stark. im 15.
u. 16.
jh. wird das wort ohne rückhalt literarisch an den verschiedensten stellen gebraucht, zuerst ca. 1425
in dtsch. form stil (
s. u. sp. 2909),
im verlauf des 15. u. 16. jhs. in etwa gleichmäsziger verteilung der lat. und deutschen formen. im 17.
jh. erscheint das wort in der schönen literatur nur ganz selten, in der deutschen form stil
nur vereinzelt bei Lauremberg
bezeugt, s. scherzged. 5; 17; 39; 50
Schr., in der lat. form stylus
bei Grimmelshausen 1, 826
Keller; Ziegler
asiat. Banise (1689) vii;
s. auch Hechtenberg
fremdwb. 127.
sonst wird das wort im 17.
und frühen 18.
jh. nur in sprach- und literaturwissenschaftlichen werken angewendet, und zwar ausschlieszlich in der gelehrten lat. form, so z. b. bei Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 415; Schottel
haubtspr. (1663) 4; 144
f., Morhof
unterr. v. d. dtsch. spr. 154; Juncker
briefsteller (1713)
vorr.; dass. (1740) 3; 170; Menantes
einl. z. teutsch. oratorie (1715) 2
ff., vorr.; Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 2, 296.
von den sprachreinigern und den ihnen verwandten schriftstellern des 17.
und frühen 18.
jhs. wird das wort fast ganz gemieden zugunsten von umschreibungen; sie geben statt stil
etwa: (
eine) ganz reine ahrt im reden und schreiben J. Rist
rettung d. teutsch. hauptspr. (1642) 107;
vgl. noch Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 166.
sogar in übersetzungen wird hier das fremdsprachliche wort durch ein deutsches ersetzt, so frz. style
durch redart
bei Harsdörfer
prob u. lob der teutsch. wolredenheit (1653) 67;
ähnlich: dissimili oratione ac stilo mit ungleicher art zu reden und zu schreiben Rhenius
Terentii comoed. lat.-germ. (1658) 3;
vgl. auch Comenius
janua (1661)
abs. 751.
gelegentlich tritt auch vom späten 17.
bis ins frühe 18.
jh. manier '
art und weise'
für stil
ein, doch im unterschied zu dem gebrauch in der musik und bildenden kunst nur secundär (
s. II D; E),
vgl. z. b. frz. style jemands art und manier zu schreiben Duez (1664) 1000
a;
vgl. noch Menantes
einl. z. teutsch. oratorie (1715)
vorr.; Callenbach
puer centum annorum (
ca. 1715) 39.
nachdem sich das wort stil
als '
literarische darstellungsweise'
etwa seit 1730
dennoch wieder kräftig durchgesetzt hat, suchen es in der zweiten hälfte des 18.
jhs. und insbes. um die wende vom 18.
zum 19.
jh. sprachlehrer und lexikographen durch schreibart
aufs neue zu verdeutschen und energisch zu verdrängen: stylus
s. schreibart Gottsched
handlex. (1760) 1526; 1460
f. u. ö.; vgl. noch Angerstein
anweisung d. gemeinsten schreib- u. sprachfehler im teutsch. zu vermeiden 1 (1791) 294, 323; Braun
orthogr.-gramm. wb. (1793) 55
c; Heynatz
antibarb. 2 (1796) 695; K. Ph. Moritz
gramm. wb. 4 (1800) 57-65;
vgl. noch: wenn sie (
die künstler) ... statt des
lat. wortes stil sich des einst von Herdern eingeführten ausdrucks: art und kunst bedienten
[] Campe
wb. z. erklärung u. verdeutschung (1801) 623
a.
lexikographisch gebucht ist stil
als '
literarische darstellungsweise'
im 15.
jh. noch in keiner weise; bei den lexikographen des 16.
jhs. treten lediglich deutsche umschreibungen für die bekannte bedeutung des lat. wortes auf, z. b. stylus weise zuo reden Dasypodius
dict. lat.-germ. (1536) 228
d; Cholinus-Frisius (1541) 818
b; Calepinus
VIII ling. (1584) 1290;
neben solcher umschreibung steht im 17.
jh. gelegentlich als deutsches wort die form stylus:
it. stile art und weisz zu reden oder zu schreiben,
stile dolce ein lieblicher stylus Hulsius (1616) 537
a;
so noch bei Kramer:
stile asmatico, sforzato ein engbrüstiger, nicht frischlaufender stylus, eine schreibart so gezwungen und unterbrochen
dict. (1693) 1142
c;
auch 2 (1702) 311
b; stylus
ist auch sein deutsches stichwort für ndl. schryfstyl
hochniderteutsch (1719) 206
a (
doch vgl. bereits die verzeichnung von mndl. stijl ...
vena scribendi aut dicendi bei Kilian [1605] 530
a). stil oder styl '
die schreibart the stile or style'
bringt erst Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1866
b.
regelmäszig angeführt wird stil '
schreibart'
erst seit Adelung
vers. 4 (1780) 872. II@A@11)
gelegentlich wird mit der abstracten bedeutung '
schreibart',
die als solche unmittelbar aus lat. stilus
übernommen ist, die concrete '
schreibwerkzeug'
in metaphorischer verwendung verbunden: ob ich nu nicht geprauchen kan den scharfen grabstickel geplüemter red oder meine wort erglentzen mit dem hel gepolierten gärbeisen der künstigen rethorica, so vleiss aber ich mich mit grob und unbeschniten worten zu beleiben bei dem stil der lauteren und gerechten warhait Füetrer
bayer. chron. 4
Spiller (
vgl. auch II A 3 a
α); weil ihr (
der muse) epistelchen gefiel, so weihten Zeus und Amorette hinfort der muse leichten kiel dem scherz, der lieb und der toilette. der prose trockner schwerer stil blieb dem geheimen cabinette J. A. Ebert
episteln u. verm. ged. (1785) 182.
in ausdrücklichem erklärungsversuch: von diesen stylen oder stielen, die grob und subtil sein können, ist vermutlich die art zu reden hergekommen, dasz man sagt, er hat einen andern stylum, es ist noch wol stylisiret ..., ob gleich der gebrauch ab- und die feder zu führen aufgekommen Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 416.
fraglicher ist die beziehung: men moet sine fedder hoch över de lucht upswingen und mit poëtiskem stil dörch de wulken dringen Lauremberg
scherzged. 50
Schr. (
in der schreibung stiel
bei Gottsched
crit. dichtkunst [1751] 305
zitiert).
für das concrete bild einen stil führen
ist nur abstracter gebrauch bezeugt, vgl. die analogen griffel, feder führen
teil 4, 1, 6, 306; 3, 1396; 4, 1, 1, 445: ob er ... auch einen einfältigen gemeinen stilum führet Luther 65, 254
Erl.; er führt einen netten styl oder eine nette feder Ludwig
teutsch-engl. (1716) 1867
a. II@A@22)
in rein abstracter bedeutung bezeichnet stil
seit dem ersten drittel des 15.
jhs. die art und weise der schriftlichen und mündlichen darstellung nach ihrer wesenhaft formalen seite hin, etwa nach dem grundsatz des Donatus: '
oratio in sensu, stylus in verbis; oratio ad res, stylus ad verba'
bei Calepinus
VIII ling. (1584) 1290;
vgl. auch Sulzer
theorie d. sch. künste u. wiss. 4, 328; Scherer
kl. schr. 1, 630. II@A@2@aa)
für die literar-ästhetisch schöne (
oder unschöne)
darstellungsweise. meist wird diese bedeutung erst durch verbindung mit typisierenden oder einmalig kennzeichnenden beiwörtern in ihrem eigentümlichen gepräge bestimmt. II@A@2@a@aα)
in frühest nachweisbarer verbindung als süszer stil,
der durch seine beziehung zu dem stilus suavis, dulcis,
die liebliche, anmutige darstellungsweise der mystischen lat. literatur, einen freilich vereinzelt bleibenden zusammenhang mit der mittelalterlichen überlieferung bezeugt: so wil ich an ain anders gen das uns her Lucas schreiben wil mit ainem gar vil süessen stil A. Kurzmann
spec. hum. salv. in:
Wiener sitz.-ber. 88 (1877) 840.
[] der hauptstrom des wortgebrauches setzt erst mit dem letzten drittel des 15.
jhs. ein. er verbindet sich zunächst in direkter übersetzung mit den drei antiken, in der renaissance neu belebten rhetorischen grundformen des stilus sublimis, mediocris
und humilis,
d. i. der feierlich erhabenen, der maszvoll klaren und der natürlich schlichten darstellungsweise, vgl. dazu vornehmlich II A 3 a
α: (
diese neuen fabeln) nicht alleine in unser sprache oder zungen durch mich sein geschriben worden euch ze liebe umb der histori willen, sunder auch in züchtigem diemütigem stil und model (
in istilo umilissimo e rimesso) nach meinem pesten vermügen sein ... gesezet worden Arigo
decam, 241
Keller. auch in späteren jahrhunderten sind die grundlegenden antiken formen sprachlich lebendig (
vgl. dazu H. Weniger
die drei stilcharaktere d. antike [1932]): dasz unsre sprache unstreitig von vielen andern was lernen kann, ... von der griechischen die einfalt und würde des ausdrucks, von der lateinischen die nettigkeit des mittlern stils Herder 1, 240
S. gelegentlich jedoch terminologisch verschoben, z. b. sublimer stil
in der bedeutung der mittleren darstellungsform: die confusesten materien sind in diesen discoursen auf das accurateste disintriciret, ... zudeme so ist alles in dem sublimsten stil verfasset, und die machtwörter sind aus den frömden (
sprachen) ... auf das schicklichste in die deutsche übergetragen Schwabe
tintenfässl (1745) 32.
die mit der wende des 15.
zum 16.
jh. einsetzende kennzeichnung des stils
als der schönen darstellungsform durch andere bestimmungen und beiwörter läszt die antike dreiteilung bald mehr, bald weniger deutlich durchschimmern, denn im laufe der jahrhunderte tritt stil
unter das urteil verschiedenster gesichtspunkte und wertungen. bemerkenswert ist, dasz gelegentlich stilus
und elocutio
der antiken rhetorik im hintergrunde spürbar werden: so gib ich (
die muse) dir, mein lieber freund, ein stilum, den weisen gefellig, ein aussprechen süsz und holdselig, verstendig, deutlich, on als stamlen H. Sachs 7, 208
Keller; ein angehender redner musz bei dem stylo diese hauptregel wol beobachten ...: alle sachen müssen angenehmer und zierlicher, wohl anständiger und nachdrücklicher, als gemeiniglich zu geschehen pflegt, in worten und redensarten vorgetragen werden Menantes
einl. z. teutsch. oratorie (1715) 23; wenn der stilus, wie es sein soll, nicht trocken und dürftig, sondern reich an wörtern und synonymis ... ausfallen soll Hederich
teutsch-lat. lex. (1745)
vorr. 2
a; sorgsamer feilend und nach höherem schwunge strebend ... galt er günstigen kunstkritikern später als muster der kunstpoesie und des reichen stils Mommsen
röm. gesch. 2, 432; meine erzählungen und romantischen arbeiten sind noch zu grell und zu hart gezeichnet ... es fehlt ihnen jener sanfte, ründende hauch, ... geschmeidigkeit und reichtum des stils Novalis
schr. 3, 314
f. Kluckhohn; diese vorrede ist in hinsicht auf kraft, fülle und schönheit des stils unstreitig das beste gröszere stück Fr. v. Gentz
tageb. 1, 46; beschreibung des morgens im blumenreichen styl Bode
Thomas Jones 4, 282,
vgl. auch geblümelter styl
bei C.
F. Bahrdt
gesch. s. lebens 3, 141.
als gegenstück zur mannigfaltigkeit: einheit des styles Adelung
über d. dtsch. styl 1, 542;
weitere qualitäten wie: die euphonie ist ... diejenige vollkommenheit des styles, nach welcher alle einzele töne, wörter und verbindungen, auf eine angenehme art durch das ohr empfunden werden
ebda 227. II@A@2@a@bβ)
im gegensinne, zur kennzeichnung ästhetisch unvollkommener und unschöner darstellung steht stil
weithin unter dem urteil der entsprechenden gegenbegriffe, die sich letztlich entsprechend α auf dem grund der drei antiken gattungen entfalten und die antike lehre von den entartungen der drei schönen grundformen zur mehr oder minder bewuszten voraussetzung haben, vgl. schon Riederer
spiegel d. waren rhetoric (1493) 43
b nach dem auctor ad Herenn. 4, 15
Marx. meist bezeichnen die beiwörter negativen wertakzents allgemein gefaszt mängel, die sich auf satzbau und [] wortwahl, rhythmus und temperament der darstellung beziehen: angebere diser schrift uwerer strenge und ersamen wisheit hohen vernnft angeregt (
haben), hienach volgende puncten, in grOebstem styl begriffen, verstentlicher zuo ermessen
Straszburger tucher- u. weberzunft (
ca. 1525) 136
Schmoller; stile asmatico, sforzato ein engbrüstiger, nicht frischlaufender stylus, eine schreibart so gezwungen und unterbrochen Kramer (1693) 1142
c; auch die kürze (
kann) zur affektation ausarten. ich finde diese anmerkung zu machen nöthig, wegen des ... sogenannten coupirten styles, der eigentlich nichts als der zusammengezogene styl ist Lenz
schr. 2, 319
Tieck, vgl. stilabkürzung; (
der sog. schachtelstil ist das gegenstück) zu dem jetzt bei vielen neueren romanschriftstellern gebräuchlichen sog. zerhackten stil (style coupé), gekennzeichnet durch lauter kleine, ohne verbindungen aneinander gereihte hauptsätze L. Günther
recht und sprache (1898) 43.
als gleich tadelnswertes gegenstück: die geschäftsaufsätze, wie sie im bürgerlichen leben vorkommen, sind noch durchgängig in einem weitschweifigen, buntscheckigen und barbarischen stil abgefaszt Rumpf
d. teutsche sekr. (1822) 340; man kanns nicht lesen, welch ein styl! (
eine prosaische, schleppende übersetzung) Gleim in:
briefw. zw. Gleim, Heinse, J. v. Müller 1, 391
Körte; der mangel des wohlklanges (
gibt) den eintönigen, harten, holperigen, höckerigen und zerschnittenen styl Adelung
üb. d. dtsch. styl 2, 4.
in spezieller anwendung, als erstarrung des gebrauches II A 2 b
α (
s. d.): dasz es (
das fremde) ihr (
unserer sprache) zugeführt wurde durch die dem ausländischen brauch huldigenden fürstenhöfe, durch den steifen und undeutschen stil der behörden, kanzleien und gerichte Jac. Grimm
dtsch. wb. 1, xxviii; man darf jetzt den lateinischen und noch schlimmeren kanzleistil für gestürzt erachten Laube 49, 316
Houben; vgl. auch den papierenen stil
im juristendeutsch: O. Schröder: vom papiernen stil (1889) (
titel). II@A@2@a@gγ) stil
als ausdruck für die ausgesprochen formalästhetische darstellungsweise tritt besonders deutlich dort hervor, wo die form als selbstzweck oder doch derart vom inhalt losgelöst erscheint, dasz ein miszverhältnis zwischen form und inhalt fühlbar wird: (
Nigron.:) aber herr, warumb brauchen dann die zeitungskrähmer so dolle nahmen? (
der dolmetscher:) das geschicht, den rechten stylum zu lernen und auch andere zu lehren. (
Nigron.:) was hilft mich der stihl, wann ich nicht kan daraus kommen? (
ca. 1715) Callenbach
puer centum annorum 38.
in rhetorischer ausdruckssteigerung: der einflusz des stils auf unsere gesinnungen und gedanken ... zeigt sich sogar bei dem sonst gnauen Linnaeus, er sagt, die steine wachsen, die pflanzen wachsen und leben, die thiere wachsen, leben und empfinden, das erste ist falsch, denn das wachsthum der steine hat keine ähnlichkeit mit dem wachsthum der thiere und pflanzen Lichtenberg
aphor. 1, 9
L.; besonders dort, wo die schöne form einen bedenklichen oder unzulänglichen inhalt verbirgt: der blendende stil des einen (
buches) risz seine imagination dahin, indem die spizfindigkeiten des andern seine vernunft verstrickten Schiller 4, 266
G.; dasz ... beide ... vieles, was ihnen anstöszig sein müszte, über dem schönen stil gar nicht zu bemerken ... scheinen Schleiermacher I 5, 15; einen vortreflichen stil schreibt der mann, ... allein das ist es auch alles. seine philosophie ist äuszerst seichte Th. Abbt
verm. w. (1768) 3, 50; der gegenstand ist fad, mir ists nur um den styl Th. Körner 3, 291
Streckfusz. namentlich seit der zweiten hälfte des 18.
jhs., seit der tieferen fassung des wortes (
vgl. bes. II A 3 a
α),
erscheint stil
in dem engeren sinne einer blosz äuszerlich schönen darstellungsweise in seinem wert gemindert: was gehen mich itzt die armseligkeiten des stils und theaters an (
da es um die wahrheit geht) Lessing 13, 151
M.; seine gewissensrathschläge, seine geistlichen aufsätze, seine briefe (
sind) reine unterhaltungen mit sich oder mit andern, aus geist und herz, zu herz und geist, ohne rücksicht auf styl und machwerk Herder 23, 49
S.; (
manches innerlich gediegene, [] das) nicht mehr gelesen wird, weil ihm die geschmeidigkeit des styls abgeht; denn der styl ist bei der lesewelt, was die mode bei den weibern Hegner
schr. 2, 31; die herrn wollen nur ihren stil exerciren, die dames wollen für schön passieren Lenz
ged. 171
Weinhold; im mundwerk ein virtuos wie im stil; aber ich liebe nicht virtuosen, ich will charaktere Alexis
ruhe ist die erste bürgerpflicht 4, 184. II@A@2@a@dδ)
seit der mitte des 17.
jhs. im fachsprachlich engeren sinne für die beiden hauptformen der literarischen darstellung als gebundener, poetischer
und ungebundener, loser, prosaischer stil: ik hebbe wol ehr in beiden stilen mit latin mi könt herümmer kilen, in ligaten und ok in prosen, dat is im gebunden stil und im losen Lauremberg
scherzged. 55
Lapp.; diese (
didaktischen) gedichte (
Hesiods, Virgils u. a) haben oft weiter nichts als den poetischen styl (
die gebundene form, ohne phantasie) Ramler
einleitung 1, 48; so bildete sich der prosaische styl bei den meisten neueren nationen sehr vorteilhaft Eschenburg
theorie d. schön. wissensch. 213; insbesondere aber gebrauchen auch wir das wort stil in bezug auf sprachliche darstellung, sei das nun prosaische oder poetische W. Wackernagel
poet. rhetor. stilist. 411
Sieber. gelegentlich mit wertendem nebenton '
künstlerisch-unkünstlerisch',
vgl. II A 3 b
β: (
das 26.
stück d. nord. aufsehers) handelt von den mitteln, durch die man den poetischen stil über den prosaischen erheben könne und müsse Lessing 7, 143
M.; der unterschied zwischen dem poetischen und prosaischen styl bestehet in der stufe der lebhaftigkeit K. Ph. Moritz
gramm. wb. 4 (1800) 61. II@A@2@bb) stil
bezeichnet sodann im weiteren literarischen sinne die darstellungsweise formaler prägung überhaupt. II@A@2@b@aα)
vom ausgang des 15.
bis über die mitte des 16.
jhs. hinaus für den brauch in der abfassungsweise von schriftstücken, insbesondere für die auf eine gültige norm, eine feststehende gewohnheit zielende formgebung der kanzleien (
vgl. kanzleistil
teil 5, 181),
in engem anschlusz an mlat. stilus
als '
modus, usus, mos scribendi',
vgl. stilus
est officium scribentis, ut ille habet stilum
civitatis, vel modus scribendi vel ingenium vel clausula voc. ex quo (15.
jh.) y 3
b;
gemma gemm. (1508) a 3
a;
s. auch Wattenbach
schriftw. i. mittelalt. (1875) 390, 394.
das in dieser bedeutung fast ausschlieszlich in lat. form bezeugte wort findet anwendung auf schriftstücke öffentlichen, aber auch privaten charakters, urkunden und briefe: wie man einem ieklichen, was würden und stadts der ist, schriben soll, new practicirt rethoric und brief formulari des adels, stetten und lendern des hochtuschen ietz loufenden stylums und gebruchs H. Gessler
nuw pract. rethoric (1493)
titel. auf den brauch bestimmter kanzleien und ständischer ordnungen bezogen: wie aber sich die obrosten im geistlichen stadt halten in irn geschriften, wer hie zuo vil ze lutern, wan die selben wöllen sich halten der doctrin usz iren hohen schuolen, deshalb lentlicher stylum inen nit gelegen ist ze bruchen
ebda 3
b; stetten zuo schreiben sein zwo aufmerkungen. zum ersten haben etlich stett gegen einander alt stil in schriften, namlich setzen sich etwan vor, und etwan kein eerwort ... nach irer gewonheit A. Hug
rhetorica u. formulare teutsch (1537) 24
a; vom stad der gelerten. wie wol die latinischen und ouch der alt stylus die vor zeiten gewonlich in einer sunder stadt geformt, so hat doch der neuw gebruch sollich spulgung jetz in verachtung H. Gessler
nuw pract. reth. (1493) 1
a;
mit besonderer betonung des normierenden charakters: soll man in unserer canzlei ain gemain ordnlich formular buech haben ... damit die secretari und schreiber ... sich daraus berichts erholen und nach laut derselben ... ire concepta in meliori forma stellen mögen, und also in unserer canzlei durchaus ain algemeiner stilus und form gehaltn (
werden)
kanzleiordn. d. hzg. Wolfgang v. Zweibrücken (1559) 99
Keiper-Buttm. [] II@A@2@b@bβ)
als sonderfall zu α in der bedeutung '
titel',
aus den anredeformeln des öffentlichen schriftverkehrs gegen ende des 15.
jhs. entwickelt, vgl. bereits mlat. stilus
titulus du Cange 7, 599
a: so wöllen wir die übrigen drie patriarchen mit demselben titel eren also: dem aller hochwirdigesten ... hern
N. des heilgen römischen stuols patriarchen zuo Alexandria, Antiochia, Jerusalem ... und ob vorgemelt patriarchen stuol ... vernicht wären, und deshalb unser vorberürter styl dahin nit statt hett, wöllen wir doch in guoter hoffnung sin: gott verfüg ... das ... den unsäligen paganen ... zoum ingelegt (
werd), damit ... vorberürter unser styl loblichen gang haben mög Riederer
spieg. d. war. rhetor. (1493) 71
a; von den titeln der stet in gemein. in der steet oberschrieften sind drei ding warzunehmen. erstlich, ein idliche stat heldt gegen der andern iren gewönlichen stilum und brauch Fab. Frangk
cantzley u. titelbüchl. (1531) h 3.
später ganz wie titel
für die auszeichnende anrede, besonders im hofzeremoniell: zwar der Franken könig Clodoveus ... wie auch kaiser Carl der Grosse wurden eben wohl die catholische betitelt, aber meine frag (
warum der spanische könig der catholische ... genennet werde) erstreckt sich nicht auf dieses oder jenes privatschreiben, sondern auf den durchgehends angenommenen und öffentlichen styl, welchen die könige in Spanien jederzeit hochgehalten haben C.
F. Paullini
philos. feierabend (1700) 305.
jünger noch gelegentlich im anschlusz an die nur im engl. noch erhaltene bedeutung, s. Murray 9, 1, 1206
a;
vgl. auch to style himself '
den titel annehmen, sich titulieren, sich nennen lassen' Ludwig
engl.-germ.-frz. (1736) 620: das ist ein albern prächtger styl, fürwahr; (
here is a silly stately style indeed!) der Türk, der zweiundfünfzig reiche hat, schreibt keinen so verdrieszlich langen styl. (
writes not so tedious a style as this) er den du ausstaffierst mit all den titeln, (
him, that thou magnifiest with all these titles) liegt stinkend und verwesend dir zu füszen
Shakespeare 2, 159. II@A@2@b@gγ)
seit dem frühen 18.
jh. ganz allgemein die in hinsicht auf wortwahl, satzbau, auch rechtschreibung geformte darstellungsart, die in begriffen wie richtig, rein, deutlich, gut (
und ihren gegenbegriffen)
noch vom brauch, vom gültigen herkommen aus gemessen wird. in programmatischer zusammenfassung: zu einem guten stylo gehöret, dasz er in der sprache rein, in der verbindung ordentlich, und in der ausdrückung deutlich sei Jablonski
allg. lex. d. künste u. wiss. (1721) 761
a; worinnen die beiden ersten kapitel von der reinigkeit und richtigkeit des deutschen stili ein kurzer inbegriff der nöthigsten und vernünftigsten orthographischen regeln sind E. C. Reichard
hist. d. dtsch. sprachkunst (1747) 333; ein guter deutscher stil musz den anforderungen der sprachlichen reinheit, richtigkeit, deutlichkeit und schönheit genügen ... in der wahl der wörter, ihrer form und ihrer zusammensetzung A. Heintze
dtsch. sprachhort (1900) 3.
prägnant: ... ein auctor classicus, woraus sie (
die jugend) den stilum mühsam erlernen musz Juncker
briefsteller (1740)
vorr. im einzelnen: welcher schriftsteller ... ist dem Virgil in der richtigkeit des styls (correctness) vorzuziehen? Lessing 8, 6
M.; nur spät und mit äuszerster mühe hat sich unsre sprache aus dem ungeschmack, in den sie gesunken war, zur ordnung und reinigkeit eines bestimmten classischen styls erheben können Herder 27, 212
S.; dasz ihm die kenntnis der lateinischen sprache mangle, durch welche man sich einen festen und sichern stil zu eigen macht Göthe 43, 7
W.; von kaiserchronik spricht er viel, und schreibet einen saubern stil Hoffmann v. Fallersleben 7, 219.
im gegensinne: so geben die abwesenheit der sprachrichtigkeit und reinigkeit den fehlerhaften, unreinen und barbarischen styl Adelung
üb. d. dtsch. styl 2, 4; es ist schade, dasz sie zu viel und zu schnell geschrieben hat, weshalb ihr stil oft schlecht und fehlerhaft wird Jac. Grimm
kl. schr. 1, 23; der ganz erbärmliche styl ..., der
[] wahrscheinlich einen stümper im übersetzen verräth Forster
s. schr. (1843) 4, 31. II@A@33)
seit dem ausgang des 15.
jhs. bereits erscheint stil
auch als die durch tieferliegende innere werte geprägte darstellung, die mehr am maszstab des charakteristischen als des schönen gemessen wird. II@A@3@aa)
als die durch objectiv-sachliche werte, den '
stoff'
im weitesten sinne bestimmte formung. II@A@3@a@aα)
zunächst in unmittelbarem anschlusz an die antike rhetorik und ihre drei, bestimmten inhalten innerlich zugeordneten grundformen, den stilus gravis (heroicus, sublimis), mediocris
und humilis (summissus, tenuis, usitatus),
denen z. t. nur in älterer sprache in direkter übersetzung im deutschen kennzeichnende adjectiva wie schwer,
später erhaben, hoch; mittel, gemäszigt;
vereinzelt niederträchtig
entsprechen (
vgl. dazu grosz, hoch, gewöhnlich, gemein, niederträchtig, niedrig
im musikal. stil unter II D 2 e).
im jüngeren gebrauch aber wird das antike vorbild nur selten streng terminologisch greifbar (
s. auch oben II A 2 a
α): in drivaltiger figur oder styl wird die red gebrucht: der erst styl ist swär und dapfer: namlich so man von ernsthaftigen treffenlichen sachen redt Riederer
spiegel d. war. rhetor. (1493) 43
a (
vgl. gravis figura beim auctor ad Herennium 4, 11
Marx); der erste und schwere styl wird gebraucht, so man von treffenlichen, ernsthaftigen und wichtigen sachen schreibt. darumben auch der, so in demselben schreibt, der ernsthaftigsten und artlichsten worten, die er finden kan, sich gebrauchen musz Sattler
teutsche rethor. (1610) 41; Äschylus trat mit den ersten regelmäszigen tragödien im erhabenen style an das licht Winckelmann 6, 1 (1815) 22; künftig auch an hohe häupter wollt ich brief in hohem styl mit berichterstattung schreiben an der welterobrung ziel Rückert (1867) 10, 303; von mittlem styl (= mediocris stil 44
a). der mittel styl wird geübt durch minder treffenlich wort und zierd und dannocht nit nach den aller slechtsten worten, sunder wie sich in einr sach begibt die nit übertreffenlich noch unachtbarlich, sunder in mittler masz sich halt Riederer
spiegel d. war. rhetor. (1493) 43
b;
so auch der mitlere styl
bei Sattler
teutsche reth. (1610) 41
f.; wenn nun dergestalt ein geistlicher redner diese drei arten des ausdruckes, nehmlich den natürlichen, sinnreichen und beweglichen, auf eine geschickte art vermischet, so entstehet daraus der rechte temperirte oder gemässigte stilus, dessen sich alle vernünftige redner von rechtswegen bedienen sollen Zedler 35 (1743) 1132;
vgl. noch in lateinischer formel: dahero sie auch anbefehlen, dasz man von hohen dingen prächtig und zierlich, wie es die würdigkeit derselben erfodert, von schlechten und gemeinen dingen einfältig und ungekünstelt, von mittelmäszigen aber aequabili stylo rede und schreibe Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 2, 296; der dritt styl ist nider und demütiger form und wandelt in geübtester gewonheit der red Riederer
spiegel d. war. rhetor. (1493) 44
b; der dritte und niderträchtige styl wird in gemeinen und geringen sachen gebraucht Sattler
teutsche rethor. (1610) 42.
besonders die jüngere verwendung zeigt stil
als vollgültigen ausdruck gedanklichen gehaltes und objectiver geistiger werte, doch vgl. schon: so vleiss aber ich mich mit grob und unbeschniten worten zu beleiben bei dem stil der lauteren und gerechten warhait Füetrer
bayer. chron. 4
Spiller; und kerdt idt uns tho argem nicht, dat unser stilus is so slicht ... de wile idt is kein fabelgedicht, sonder up de rechte warheit gericht Burk. Waldis
d. verlor. sohn 13
ndr.; ich kenne keinen blendenden stil, der seinen glanz nicht von der wahrheit mehr oder weniger entlehnet Lessing 13, 150
M.; stoff zum liede, wo nimmst du ihn her? ich (
Amor) musz dir ihn geben, und den höheren styl lehret die liebe dich nur Göthe 1, 249
W. [] denn der stylus ist eine mit anständigen worten und redensarten abgefaste ausarbeitung, oder eine zierliche und geschickte ausdrückung der gedanken Menantes
einleit. z. teutsch. oratorie (1715) 2;
vgl. noch Juncker
briefsteller (1740) 3; Adelung
üb. d. dtsch. styl 1, 25; unter styl überhaupt versteht man die eigenthümliche darstellung der gedankenfolge durch den zusammenhängenden ausdruck K. Ph. Moritz
gramm. wb. 4 (1800) 57; der styl begreift eine vereinigung und übung aller intellectualischen kräfte in sich. ideen geben allein den grundstoff des styls Hamann 4, 462
Roth; vgl. noch W. Wackernagel
poet. rhet. stilist. 409
f. Sieber; in diesem zusammenhange gelegentlich mehr im sinne eines geistigen vermögens: die korrespondenz, die ich für ihn zu führen habe, ... bildet meinen geist und styl zugleich Klinger 1, 411; als er anfing, literarische projekte zu entwerfen, war seine bildung und sein geschmack, waren seine lieblingsideen und sein stil schon geformt Justi
Winckelmann 1 (1866) 3. II@A@3@a@bβ)
seit der zweiten hälfte des 18.
jhs. erreicht der wortgebrauch α seine tiefste formung: stil
ist jene vollendete darstellung, in der das innere gesetz des objects rein ausgeprägt erscheint; durchweg absolut gebraucht, vom gegenstande gleichsam abstrahierend: die natur ist die gröszere, die edlere bildnerin, und weil du ihr nachgesprochen hast, so hat deine erzählung styl, sie deckt nämlich den ausdruck des begriffs und der empfindung vollkommen Bettine
Brentanos frühlingskranz 134; mit den alten staaten hört auch der stil auf; er ist die blume einer vollendeten bildung Laube 49, 313
Houben; wer unreif, verworren denkt und empfindet, wird auch nie styl haben, nie dasjenige, was er denkt, gehörig zu prägen wissen K. Ph. Moritz
gramm. wb. 4 (1800) 59; dasz so wenig schriftsteller styl haben, liegt in ihrer unfähigkeit, dem letzten hohen zweck die nebenbei erreichbaren näheren und kleineren aufzuopfern Hebbel
tagebücher 1, 246
W. II@A@3@a@gγ)
seit der mitte des 17.
jhs. auch in mehr sachlich zweckhafter bestimmung: stil
als die bestimmten sachgebieten und den sie vertretenden berufsständen eigentümliche darstellungsweise; zunächst noch in fühlbarer verbindung mit II A 2 b
α: allerley wechsel-handels-fracht-avisobriefe, welche die kaufleute und dero stylum betreffen Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 412,
vgl.den stylum auf kaufmännisch zu führen
und kaufmannsstylus, das ist, die art auf kaufmännisch zu schreiben
ebda 415; es werde ein angehender notarius aus vorstehenden wenigen formularien den stylum und arth die instrumenta (
urkunden) einzurichten wohl begreifen
Maximiliani ordnung zu Cölln 1512
aufgericht (1691) 228; denn dieses vornehmlich der heutige hof- und academische stylus ist Wächtler
manual (1714)
vorr.; jetzt musz ich ... meine feder neu spitzen zu polizeilich-amtlichem styl für landrath und regierung Bismarck
br. an braut u. gattin 19; so ist der theologische stylus beim herrn Omne ... zu jetzigen zeiten leider auch nicht so gar angenehm, dasz ich mich dessen gebrauchen solte Grimmelshausen 1, 826
Keller. in festen verbindungen auch zur kennzeichnung der durch eine schriftstellerische absicht bestimmten darstellungsform: was vor ein stylus in zeitungen erfordert werde. immittelst musz der stylus oder schreibart historisch verbleiben Stieler
zeitungslust u. nutz (1697) 68,
vgl. in den zeitungs- oder gazettenstilum Bödiker
grunds. d. teutsch. spr. (1729) 319; die vornehmste eigenschaft des historischen styls ist, er musz eilfertig sein K. W. Ramler
einl. i. d. schön. wissensch. (1758) 4, 294; der historische stil will kürze Herder 1, 184
S.; von der absicht (
des schriftstellers) zu belehren und zu unterrichten hängt der geschäftsstyl, der historische und der didactische styl ab Adelung
üb. d. dtsch. styl 2, 6; die strenge und genauigkeit des didaktischen stils Winckelmann 2 (1808) 320; der wissenschaftliche stil liebt die fremden worte Novalis 2, 239
Minor. II@A@3@a@dδ)
in dem tieferen sinne von kunstform, kunstcharakter, wo stil
die einzelnen literarischen gattungen oder einzelwerken zugehörige darstellungsweise kennzeichnet, wohl [] unter dem einflusz des wortgebrauchs in der bildenden kunst (
s. II E 1 b; 2 a): es herrschet in dieser (
dithyrambischen) gedichtart gleichsam ein hoher, kühner, regelloser styl Herder 4, 260
S.; (
Jac. Grimm) hat ... gezeigt, wie man aus den alliterirenden gedichten der Deutschen, Angelsachsen und Scandinavier den ursprünglichen stil der germanischen poesie errathen ... könne Scherer
kl. schr. 1, 11; aber des epikers styl fliesze wie reiner krystall Geibel 5, 36; der stil des korans ist, seinem inhalt und zweck gemäsz, streng, grosz, furchtbar, stellenweis wahrhaft erhaben Göthe 7, 35
W. in ähnlich vertiefter auffassung wie unter β auch für die reine ausprägung des einer literarischen gattung innewohnenden gesetzes: das nothwendige bringen, aber in der form des zufälligen: das ist das ganze geheimnis des dramatischen styls Hebbel
tageb. 3, 238
W.; (
Wilh. Grimm) hat ihnen (
den märchen) die einheitliche kunstform gegeben, ihren stil festgestellt und durchgeführt Scherer
kl. schr. 1, 56;
auch auf einzelwerke hohen rangs bezogen: jedes stück (
Shakespeares) hat seinen eignen maszstab, seine eigne natur, seinen eignen stil O. Ludwig 5, 103
Schmidt-Stern. besonders als die der hohen prosa gemäsze ausdrucksform: dasz die vortreflichsten schriftsteller, die der prose stil gegeben, sich ganz nach dem dichter gebildet, der vor aller schriftstellerei sang Herder 2, 80
S.; im 19.
jh. gelegentlich für die ungebundene darstellungsform allein in anspruch genommen: die prosa hat nicht minder ihre schönheit (
als die poesie), das ist ihr stil Laube 49, 313
Houben; wo in der prosa nicht styl ist, da ist (
nur) ausdruck, wo in der sog. poesie nicht form ist, da ist umgränzung und umschreibung Hebbel
tageb. 1, 395
Werner. II@A@3@bb) stil
als art und weise der literarischen darstellung im zusammenhang mit subjectiv-persönlichen werten, seit dem frühen 16.
jh. bezeugt. II@A@3@b@aα)
als die einem bestimmten menschen zugehörige ausdrucksweise: es wird niemand ... urteilen, das das (
nämlich das buch eines anderen) mein stilus oder gedicht sei Emser in:
Luther u. Emser 2, 7
ndr.; es ist sein stylus, gemecht, art, baw, gdicht Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 11
a; anders skal min stil nicht gahn, als mins vaders heft gedahn Lauremberg
scherzged. 4
Schr.; ich kann mich nimmer auf meinen alten stil und schreibart besinnen Cl. Brentano
Godwi 1 (1801) 189; den verwegenen stil (
in einem brief) hätt ich der jungfer Salerl nie zugetraut Nestroy 1, 18; jeder mensch hat seinen eignen stil, so wie seine eigne nase Lessing 13, 149
M.; er will, dasz man nach einem fremden styl strebe; ich möchte, dasz man nicht nur etwa seinen styl, sondern sein ganzes buch sich selbst so ähnlich mache als möglich Zimmermann
üb. d. einsamkeit (1784) 3, 423.
in tieferer fassung des begriffs für die einer schriftstellerischen persönlichkeit zugehörige, charakteristisch geprägte ausdrucksform: Winkelmanns styl ist wie ein kunstwerk der alten. gebildet in allen theilen, tritt jeder gedanke hervor, und stehet da, edel, einfältig, erhaben, vollendet: er ist ...; Lessings schreibart ist der styl eines poeten ... nicht der gemacht hat, sondern der da machet Herder 3, 11
und 12
S.; dasz der gesznerische, der kleistische, der utzische ... stil jeder sein eignes gepräge, seinen herrschenden charakter habe Gerstenberg
schlesw. lit.-br. 193
lit. denkm.; des götheschen styls Hebbel
tageb. 1, 239
W. in vergleichbarer anwendung auf einen menschlichen prototyp: den styl des genies Körte
sprichw. (1837) 358; das sind lauter bildliche aussprüche, ein prophetischer styl Jung-Stilling 3, 66
Grollmann. der stil
gestattet geradezu rückschlüsse auf den verfasser, vgl. bereits oben Emser in:
Luther und Emser 2, 7
ndr.; ferner: welche (
briefe) nicht allein wegen des stils oder worten, sondern auch von wegen der handschrift selbst keines wegs können geleugnet werden, dasz solche don Johan nit geschrieben
E. v. Meteren beschr. d. niderländ. krigs (1614) 347
a.
vornehmlich seit und in abwandlung [] von Buffons
wort: le style est l'homme même (1753)
erscheint stil
als unmittelbarer ausdruck menschlichen charakters und tiefster subjectiver kräfte: der styl ist der mensch selbst ganz und gar ... das leben des styls hängt folglich von der individualität unserer begriffe und leidenschaften ab (1776) Hamann 4, 463
Roth; wenn man behauptet hat: schon der stil eines schriftstellers sei der ganze mann, wie viel mehr sollte nicht der ganze mensch den ganzen schriftsteller enthalten Göthe II 3, xii
W.; vgl. noch Laube 49, 307, 309
f., 316
f. Houben; Jean Paul 50, 287
Hempel; man kann am stil bemerken, ob und wie weit der gegenstand den verfasser reizt oder nicht reizt, und daraus folgerungen auf seine konstitution machen, auf seine zufällige stimmung u.
s. w. (voller stil, magrer stil; bleicher stil, farbiger stil; mannichfaltiger, monotoner stil; krankhafter, gesunder — schwächlicher und energischer stil) Novalis 3, 83
Minor; dasz der stil ein abbild des charakters sei, giebt jedermann zu Scherer
kl. schr. 1, 617.
mehr auf die literarische praxis bezogen: denn man denkt sich doch unter styl das eigenthümliche, woran man die schreibart eines jeden wiedererkennet, und wodurch sie eigentlich erst zur schreibart wird K. Ph. Moritz
vorles. üb. d. styl 1, 8; erst wo der styl, als das wahrzeichen der individuellsten arbeit kommt, beginnt das plagiat W. H. Riehl
d. dtsche arbeit 87.
die stark persönlich-innerliche beziehung des wortgebrauchs spiegelt sich auch in verbalen wendungen wieder: wie er sich trotz seiner armuth und mechanischen berufsart, selbst literarische bildung gab, seinen styl formte Herder 17, 9
S.; meine kenntnisse breiten sich täglich aus; meine empfindungen erweitern sich, und mein stil bildet sich immer wahrer und stärker Göthe 11, 49
W. II@A@3@b@bβ)
in verbindung mit beiwörtern, die als ausdruck persönlicher haltung die darstellung kennzeichen; auch hinter dieser umbiegung ins subjective ist das system der drei antiken grundformen (
s. II A 2 a
α; 3 a
α)
teilweise noch spürbar: die beschreibung des Apollo erfordert den höchsten stil, eine erhebung über alles, was menschlich ist Winckelmann 9 (1824) 150;
ironisch: ein im höheren stile geschriebener leitartikel, der meist vornehm voraussetzt, was man in einem nachschlagewerke sucht Zarncke
kl. schr. 1, 24; so gut er (
Winckelmann) seine werke auszustatten und sie durch einen gewissen feierlichen stil zu erheben suchte, so war er doch keineswegs blind gegen ihre mängel Göthe 46, 57
W. vom schönheitsbegriff Winckelmanns und des 18.
jhs. her namentlich in einer persönlicheren fassung der mittleren darstellungsform: unsere neuen criticker preisen uns im stil die edle und ungekünstelte einfalt an, ohne uns durch ihr beyspiel auf diese edle einfalt zu führen Lichtenberg
aphor. 1, 49
L.; wir haben uns bei der übersetzung des englischen originals ... bedient, das in einem natürlichen naiven stil geschrieben ist Göthe II 2, 6
W.; derselbe 42, 1, 25
W. subjective haltungen setzen ferner voraus: der poetische stil,
nicht als formbegriff (
s. II A 2 a
δ),
sondern als ausdruck dichterisch-schöpferischer haltung: ich mag mit herrn D(
enis) nicht wetteifern; er hat so viel poetischen styl und sprache in seiner gewalt Herder 5, 175
S.; anschauungen beruhen, näher oder entfernter, auf überlieferungen der sinne, der poetische styl ist daher, dem grundelement nach, ein sinnlicher Hebbel
w. 11, 70
W. des weiteren etwa: Pope meinet, dasz der styl in den virgilischen eklogen uneigentlicher, verblümter sei, als in den theokritischen Lessing 8, 6
M.; alles ..., was mit einem ernsthaften gesichte oder ernsthaften stilo gesagt würde Lichtenberg
aphor. 3, 112
L.; aber natürlicherweise ist das lichten des komischen stiles darum noch nicht zugleich anwuchs des komischen witzes Jean Paul
werke 52, 29
Hempel; Lessing, dieser vortreffliche mann tüchtiger besonnenheit, schrieb zuerst einen modernen markigen stil Laube 49, 316
Houben; er (
der stil
der Hugenotten) ist ohne anmuth und mannigfaltigkeit, aber gedankenvoll und markig, scharf, gedrungen, bitter Ranke
s. w. 9, 34. II@A@3@b@gγ)
analog α auch von der ausdrucksform, die einer gemeinschaft zugehört, einer nation, einem volksstamm, einer [] sozialen schicht, einer generation, einer gesinnungsgruppe: es war zu Ciceronis zeiten schon der stylus gallicus (
in der beredsamkeit bei den Franzosen) im beruf Morhof
unterr. v. d. dtsch. spr. (1699) 154; dergleichen schriften ..., in welchen der deutsche stil in form einer wissenschaft gebracht, und kunstmäszig gelehret worden E. C. Reichard
hist. d. dtsch. sprachkunst (1747) 333; wie deine gesinnungen, du groszer dichter, so ist auch dein stil gediegen und deutsch Tieck (1828) 4, 29; und darum hat ... auch jede nation ihren besonderen stil Laube 49, 310
Houben; es ist der stil des bedächtigen, mündlichen, niedersächsischen erzählens G. Frenssen
bei W. Schneider
meister des stils (1922) 33; ein volksmäsziger stil G. Freytag 14, 5; er mast sich aber eins rotwelschen (sol ich sagen halbwelschen) stilus an Montanus
schwankb. 470
Bolte; ursprünglich in den griechischen stammescharakteren begründet, später zur kennzeichnung der schreib- oder sprechart im bereich von stil II A 2 a asiatischer
und lakonischer stil: die alten führen vier stilarten an: den lakonischen, attischen, rhodischen und asiatischen stil Rumpf
der geschäftsstil (1817) 131; der asiatische stil Howards ... verschleiert ... (
in seinen briefen) vieles Ranke
s. w. 15, 22; (
Lisette:) sie (
Sophie) spricht nicht viel. (
Soar:) ja, das hab ich bemerkt, lakonisch ist ihr stil Müllner
dram. w. 5, 264; ihre (
der Hugenotten) sinnesweise spiegelt sich in der eigenthümlichen fassung ihrer schriften und briefe: man könnte vielleicht von einem hugenottischen styl reden Ranke
s. w. 9, 34; der bürgerliche styl Krünitz 177 (1841) 572; dasz gerade in dem sogenannten alten stil, in welchem die schriften des Confucius und seiner schule verfaszt waren ..., die grammatischen verhältnisse einzig und allein durch die stellung oder durch abgesonderte wörter bezeichnet werden W. v. Humboldt
ges. schr. 4, 310; wenn im vorgehenden vom alten stile die rede ist, so gehört eigentlich seit der goethischschillerschen zeit kein bedeutender mann (
mehr) in diese kategorie Laube 49, 318
Houben. II@A@3@b@dδ)
von γ her auch in dem engeren sinne von '
sprachgebrauch, sprechweise': mit der zunge sprechen heiszt also nach dem ebräischen styl nichts anders als im affect, begeistert ... reden Herder 19, 26
S.; seine plane sind, nach dem gemeinen styl zu reden, keine plane, aber seine stücke drehen sich alle um den geheimen punkt Göthe 37, 133
W.; weil es just so glatt wurde, als sich 'die ältesten menschen' (ists nicht so der rechte styl?) nicht erinren konten Caroline 1, 183
Waitz; die zu vogteilichen lasten pflichtigen, oder, im heutigen stil zu reden, schatzbaren höfe J. Möser 5, 23. II@A@3@cc)
in der verschmelzung von a
und b,
in einer seiner tiefsten fassungen wird stil
als persönlich geprägte ausdrucksform zugleich transparent für eine dahinterstehende welt objectiver geistiger ordnung: wenn kein kräftiger, noch edler werk am menschen ist, denn reden; der styl aber nicht schlechte gemeine reden vorbildet, sondern die allerbesten, so man mit groszem ernst in den allertrefflichsten sachen mit den göttern der erde redet und dadurch sein herz und gründlichen schatz seiner seele dem ganzen publico vermacht Hamann 4, 466
Roth; das sprachliche product, das entsteht, wenn ein positiv individueller geist ... den allgemeinen ... durchdringt und befruchtet, wird styl genannt; es ... ist ... ausdruck zugleich der bildung, wie der artung eines individuums Hebbel
w. 11, 70
Werner; in Göthens stil ist die monotonie und simplicität der groszen welt — nothwendige aber äuszerst einfache etikette Novalis 3, 83
Minor; im Plato breitet sich der ganze gedankensonnenschein Griechenlands aus, der stil ist fein, spielend mit den schwersten gegenständen Laube 49, 311
Houben. II@A@3@dd) stil
als eine von innen her geformte darstellungsweise wird auch negativ gekennzeichnet durch beiwörter und bestimmungen, die, dem wortgebrauch 3 a-c
entsprechend, die entartung des stils
aus inneren gründen kennzeichnen; [] gefestigt und vielseitig entwickelt seit dem 18.
jh., vorher mehr gelegentlich und zunächst in der nachahmung antiker vorbilder, vgl. etwa die dem positiven gebrauch II A 3 a
α entsprechende entartung des stilus gravis
und stilus mediocris
bei Riederer
spiegel d. war. rhetor. (1493) 43
b; 44
a (
vgl. dazu auct. ad Herenn. 4, 15
und 16
Marx).
die antike dreiteilung (
s. II A 2 a
α; 3 a
α; 3 b
β)
zeichnet sich auch in den wechselnden bestimmungen des späteren gebrauchs noch weithin ab: der mangel an neuen ideen, woran ein gewisser sonst beliebter schriftsteller laborirt, (
gibt uns) den pompeusen, aufschnaubenden freyheitston im stil Lichtenberg
aphor. 3, 171
L.; deren höchst unwichtige begebenheiten in dem wichtigsten style geschrieben waren Knigge
roman m. lebens 3, 69; meist durch solche kunstwörtelei ist sein bombastischer styl gedunsen J. H. Voss
antisymb. 2, 262; der autor ... hat einen gesuchten und hochtrabenden styl Ranke
s. w. 42, 284.
in ähnlichem sinne ironisch als poetischer stil (
s. II A 2 a
δ; 3 b
β): it is nu lacherlik, schriven, dat jederman, ja, ok ein schœster edder old wif vernemen kan: man mœt sine fedder hoch aver de luft upschwingen und mit poëtischem stil dörch de wulken dringen. dat is nu de maneer. ik blive bi dem olden und wil mine simpele wise hernamals beholden Lauremberg
scherzged. 65
Lapp.; man hat einen neuen poetischen styl erfunden, den verstehen nur gwisse leut in gwissen stunden K. Meisl
theatral. quodlibet (1820) 1, 9; laster des mittlen styls (
vicium mediocris stili) ... ein lastersam styl genant zerstört (
dissolutum) oder wankelbar Riederer
spiegel d. war. rhetor. (1493) 44
a; dann so er in diesem styl bisweilen zu vil ernsthaftiger ..., bisweilen aber zu viel schlechter ... worten sich gebraucht, und also nicht auf dem mitleren weg verbleibt, so schreitet er auch von der art dieses styls Sattler
teutsche rethor. (1610) 42; aber mit dem mann, der dies büchlin geschrieben, sollen wir billig geduld haben, ob er das gröszte ... nicht gerühret, und auch einen einfältigen gemeinen stilum führet Luther 65, 254
Erl.; erstlich ist der stylus vil zu gering und nidrig dan eine rechte tragedia haben sol Vogelgesang
e. heimlich gespr. v. d. trag. Joh. Hussen 4
ndr.; die verletzung der absoluten würde (
gibt) den unedlen und niedrigen styl Adelung
üb. d. dtsch. styl 2, 4.
darüber hinaus: die übertreibung (
der präzision gibt) ... den lakonischen styl
ebda; ich erhielt eine lange und wie mir schien abgeschmackte antwort, in einem weitläufigen stil und unbedeutenden phrasen Göthe 22, 296
W.; so miszfiel mir auch immer sein wunderlicher, breitspuriger stylus, wo jeder satz fortwährend von zwischensätzen unterbrochen wird Hoffmann v. Fallersleben 7, 254; wir schätzen von den Lateinern nur diese bücher hoch, die bei gelehrten sachen keinen dunkeln und verworrenen stylum führen Menantes
einl. z. teutsch. oratorie (1715)
vorr.; aus der verwirrung seiner (
Fr. Schlegels) falsch und richtig befriedigten bedürfnisse wuchs sein künstlicher, verworrener stil Laube 49, 319
Houben; pretiöser styl Adelung
üb. d. dtsch. styl 1, 181; aber nichts desto weniger blieb er selbst bei dem gekünstelten style Winckelmann 6, 1 (1815) 320; der mangel an früherer wissenschaftlicher bildung zeigte sich besonders durch einen harten unbehülflichen styl Steffens
was ich erlebte (1841) 4, 88.
unmittelbar auf subjective haltung oder artung zurückgehend: es ist ein tobender und wilder styl, ein styl für raufer
Shakespeare 4, 275; in seinen zornigen patriotischen oden fühlte er sich gleich anfangs diesem läppischen stile (
der Anakreontiker) ganz entgegen Gervinus
gesch. d. dtsch. dichtung (1853) 5, 56.
die völlig haltungslose darstellungsweise ist streng genommen mit stil
nicht mehr zu kennzeichnen: viele schriftsteller, wohl die meisten, haben gar keinen stil oder höchstens geringe unzusammenhängende anfänge eines stils. sie geben ihre gedanken hin, so deutlich es gelingen will, aber eine belebende seele wird in ihrer darstellung nicht sichtbar Savigny
kl. schr. 4, 227; einen ... fehlerhaft gemischten
[] stil nennt man manier W. Wackernagel
poet. rhet. stilist. 415
Sieber (
s. u. II G). II@A@44)
vom wortgebrauch in der bildenden kunst her (
s. II E 1)
begegnet stil
auch als die bestimmten gattungen, völkern, einzelpersönlichkeiten zugehörige darstellungsweise, soweit sie —
etwa als '
schule' —
eine literarische tradition begründet: es war unmöglich, dasz die deutsche kunst noch bei lebzeiten Goethes jenen neuen stil hätte finden können, von dem Kleist träumte Treitschke
hist. aufs. 1, 88; die mischung der stile (
in den resten griechischer und mittelalterlicher epik) ... ist durch ihn (
Lachmann) einerseits aufgehoben und andererseits historisch erklärt Scherer
kl. schr. 1, 109; beide übersetzen in den stil volksthümlicher dichtung, wie er nun einmal bestand
derselbe lit.-gesch. 91; (
Wilh. Grimm) hat den anfang gemacht zu einer geschichte des stils in der altdeutschen erzählungskunst
ders. kl. schr. 1, 56,
vgl. stilgeschichte.
so namentlich in der wendung im stile: ich weisz, dasz das epigramm im griechischen styl nicht jene scharfe pointe liebt, die mehr dem neuern eigen ist Uhland
tageb. 4; eine ganz hübsche erzählung von Adelen selbst, — etwas im Tieckschen stil, wie man sie vor zwanzig jahren würde himmlisch gefunden haben A. v. Droste-Hülshoff
br. an Levin Schücking 159.
schon mehr in dem abgeblaszten sinne von '
nach der art' (
s. u. II H 1; II J): der dichter des 12. jhs. aber benützt das (
ächtungs-) motiv, um ihm (
dem herzog Ernst) einen kreuzzug und viele abenteuer im stile der Alexandersage ... anzudichten Scherer
lit.-gesch. 95; die personen äuszern sich im stil des gemeinsten marionettenspiels O. Jahn
Mozart 2, 407. II@BB. stil
als art und weise, in dingen des rechtslebens zu verfahren; wohl als erweiterung von II A 2 b
α,
dem brauch in der abfassung behördlicher schriftstücke, auf den brauch im juristischen verfahren überhaupt, doch vgl. schon mlat. stilus
formula, methodus conficiendi acta forensia du Cange 7, 598
c.
die frz. schon im 14.
jh. bezeugte (
s. Godefroy 3, 613
b),
span. noch heute gebräuchliche bedeutung (
s. dicc. esp. [1925] 538
a)
bleibt im deutschen auf die zeit vom späten 15.
bis zum frühen 18.
jh. und fast ganz auf die lat. form beschränkt, doch vgl. im mnl. stijl,
s. Verwijs-Verdam 7, 2134; stil
im deutschen nur vereinzelt und anscheinend unter ndl. einflusz, s. unten J. Chr. Königk.
in abgestufter anwendung. allgemein als brauch und gewohnheit in der äuszeren gerichtsordnung; im 15.
jh. noch in engster fühlung mit II A 2 b
α: hab ich ... mein erfarenheit, so usz des adels zucht, der stetten pollicy, und lendern gewonheiten durch die lantschaften Schwaben und Elsasz mit wesenheit stedtübender practic in schuolen der rechtshendeln, ratschlegen, tagen und tegdingen bei den driszig jaren biszher ernietet, in disz buochly geformt, dabei gezöugt allermeist die nüw spulgung, gwonheit und stylum der practic dirr jetzloufenden zit, und nit destminder der lentlichen jetz nuw angenomen rhethoric regel Gessler
nuw practicirt rethoric (1493)
vorr.; stylus des gerichts wird wie ein gesetz gehalten (
stylus judicii pro lege servandus) J. Ayrer
hist. process. juris (1600)
teutsch reg. '
stylus'
; vgl. ebda 212;
lo stilo, la prattica, le style, la practique des gerichts stylus Hulsius (1640) 630
b.
im engeren sinne die form der rechtsprechung, die prozeszordnung, vgl. mnl. stijl, practijcke
jurisdictionis forma et usus fori; formulae litium; litium agitandarum exercendarum tractandarumque methodus Kilian (1605) 530
a;
s. auch Verwijs-Verdam
a. a. o.; desz gerichts stylus
formula litis Hulsius (1640) 630
b: jetzt hab ich alle wuchen ein eegericht. do hab ich ein nuwen stilum miessen leren (1529)
polit. corresp. d. stadt Straszburg 1, 364.
als '
mores iudiciorum' (
vgl. auch Kilian
a. a. o.): deet ihr og gewandsweese bee insem gerechtstische sitzen, ihr würdet meenen styles baalde gewohnen E. Heermann
gold. fliesz d. tugend (1676) 73.
zur übertragung auf formen des handelslebens vgl. wechselstyl: dem handels- und wechselstylo gemäsz Joh. Chr. Königk
der ... stadt [] Leipzig wechselordnung (1717) 787;
in deutscher form bezeichnend nur in übersetzung aus dem ndl.: der ... handelsstadt Leipzig wechselordnung ... welcher vorjetzo noch beigefüget ... Joh. Phoonsens aus dem holländischen ins hochteutsche übersetzter wechselstyl J. Chr. Königk (1717)
titel; vgl. auch: wechselstyl,
s.wechselgebrauch Zedler 53, 1724. II@CC. stil
seit dem frühen 17.
jh. auch als brauch in der zeitrechnung, im anschlusz an die bedeutung von mlat., neulat. stilus
modus, usus, consuetudo (
scilicet '
datum scribendi'),
wofür im 15.
und 16.
jh. im deutschen brauch, gewohnheit,
im ndl. maniere, obonge
erscheint, näheres sieh bei Grotefend
zeitrechn. 1 (1891) 141
u. passim; Castle
germ.-rom. monatsschr. 6 (1914) 153.
seit dem frühen 18.
jh. überwiegt die deutsche form, auch in der nur lückenhaften lexikalischen verzeichnung. der im ganzen spärliche wortgebrauch reicht vereinzelt bis in die zweite hälfte des 19.
jhs. am häufigsten als alter stil — neuer stil
zur unterscheidung julianischer und gregorianischer zeitrechnung (
letztere im kathol. Deutschland seit 1583,
im protestantischen seit 1700): man sagt, nach dem alten oder neuen stylo, das ist, nach dem alten oder neuen kalender Harsdörfer
teutsch. secr. 1 (1656) 415; bald werdet ihr nicht mehr den alten stiehl datiren; den wie ich vernehme, so wird ganz Teutschlandt den neuen den 1. merz ahnnehmen (21. I. 1700) Elis. Charl. v. Orleans
br. 1, 186
Holland; reimgebäude an dem zwar altstilischen doch neu zu beglückwünschenden Carolustage ... nehmt in die hand den allmanach ... nach neuem oder altem stiel, das gilt für diesmal gleiche viel (1715) Richey
bei Weichmann
poes. d. Niedersachsen (1721) 6, 390; St. Peter und Paul (
ortsname) am 8. juli neuen styls 1816 Chamisso
w. (1836) 6, 43; ist in einem lande, in welchem nach altem styl gerechnet wird, ein im inlande zahlbarer wechsel nach dato ausgestellt und dabei nicht bemerkt, dasz der wechsel nach neuem style datirt sei ... (1848)
allg. dtsche wechselordn. 53
Hagen. vereinzelt auf den kalender der französ. revolution bezogen, satirisch: nach unserm neuen styl erwachte kaum des sproszmonds andere dekade Pfeffel
poet. vers. (1812) 6, 172;
auszerhalb der antithetischen formel in gelegentlicher jüngerer anwendung auf andere zeitrechnung: in der zweiten hälfte des monats august (griechischen styles) im jahre 183
* Holtei
erz. schr. 1, 105. II@DD. stil
wird seit dem ersten drittel des 17.
jhs. für die musikalische darstellungsweise, d. h. für die art und weise der musikalischen komposition und des musikalischen vortrags gebraucht, an it. stile
unmittelbar, mlat. stilus
modus, mos, consuetudo mittelbar anknüpfend, s. oben bedeutung und gebrauch. diesem ausgangspunkt gemäsz steht stil
vor allem im 17.
jh., aber auch noch bis zur mitte des 18.
jhs. im wechsel mit dem bis dahin noch wertindifferenten manier '
art und weise', '
handhabung',
s. teil 6, 1551,
vgl. unten 1
und 2.
die auffassung von stil
als '
musikalische schreibart'
in sprachlicher analogie zur literarischen darstellungsweise dringt erst im ersten drittel des 18.
jhs. ein, s. 3.
im ganzen 17.
jh. noch deutlich als fremdsprachlicher terminus empfunden und nur in der lat. form, die sich noch bis zur mitte des 18.
jhs. neben der deutschen form behauptet. II@D@11)
zunächst in engstem wort- und sachanschlusz an it. stile,
vornehmlich für die kompositions- und vortragsweise des aus Italien entlehnten sprechgesangs, des recitativs: wegen der jetzigen gewohnheit und styli im singen, do man componiret und singet, gleichsam als wenn einer eine oration daher recitirte (
per lo stile moderno di cantar recitativo, e comporre) (1619)
M. Prätorius
syntagma musicum 3, 119
Bernoulli (
noch im wechsel mit art
ebda 119
und manier
ebda 82
u. ö. in völlig gleichem sinne).
als terminus: ist aber in dem stylo recitativo in acht zu nehmen, dasz man im zorn die stimme erhebt, hingegen
[] in betrübnis fallen läszt Chr. Bernhard
von der singekunst od. manier (
ca. 1658) 39
Müller-Blattau; stilo drammatico oder recitativo ... ein, die gemüthsbewegung auszudrücken, geschickter styl J. G. Walther
musical. lex. (1732) 584
b;
später nur selten noch in spezieller einschränkung auf die vocalmusik: der styl, die verschiedene art und weise, so man in führung der melodie gebrauchet Mattheson
gr. generalbaszschule (1731) 75.
bei der engen verknüpfung des recitativs mit der continuobegleitung schon früh auch auf die instrumentalmusik innerhalb und dann auch auszerhalb des generalbaszbereiches ausgedehnt: so wil es sich in allen concerten nicht thun lassen, dasz man es so stracks ex tempore aus dem generalbasz schlage, darum ist von nöthen, dasz sonderlich ein ungeübter den gesang ('
cantionem',
das musikstück), welchen er spielen wil, zuvor fleissig und wol durchsehe, damit wenn er den stylum, die art und weise dieser music recht einnimbt und innen wird, seine griffe und schläge uff der orgel desto vollkommener ... zusammen fügen könne
M. Prätorius
syntagma music. 3, 109
Bernoulli; es ist bekand ..., das nachdem der über den bassum continuum concertirende stylus compositionis aus Italia auch uns Deutschen zu gesichte kommen ..., derselbige gar sehr von uns beliebet worden ist H. Schütz
w. 8, 5
Spitta; er habe sich dann vorhero in dem stylo ohne den bassum continuum genugsam geübet
ebda. II@D@22)
in anwendung auf die verschiedensten musikalischen ausdrucksformen, zur kennzeichnung bestimmter gattungen oder richtungen wie zur charakterisierung persönlicher ausdrucksweise wächst das wort, meist in festen verbindungen, immer stärker in den sprachgebrauch der deutschen musiktheorie namentlich des 18.
jhs. hinein; bis zur mitte des 18.
jhs. synonym mit manier,
vgl.: der styl ist eine gewisse manier des musikalischen vortrags, und gehöret hauptsächlich zur ausdrückung Bokemeyer
bei Scheibe
crit. musicus (1745) 139. II@D@2@aa)
als fachsprachliche bezeichnung der durch aufführungsraum und verwendungszweck bestimmten kompositionsart der kirchen-, theater-, kammermusik: das auch dieser (
kontrapunktische) stylus der kirchenmusik ohne den bassum continuum ... nicht allezeit einerlei ist H. Schütz
w. 8, 6
Spitta; da ... Salieri sich nie dem kirchenstyl gewidmet hat, ich aber von jugend auf mir diesen styl ganz eigen gemacht habe Mozart
bei O. Jahn
Mozart 3, 188
anm. 43; von dem stylo theatrali insgemein ... er wird auch sonst stylus recitativus oder oratorius genannt, weil er eine rede in der musik vorzustellen erfunden worden, und zwar für nicht allzu vielen jahren (
ca. 1660) Chr. Bernhard
tract. compos. 82
Müller-Blattau (
vgl. dazu Moser
mus. lex. 685
b und Riemann
mus. lex. 2 [1929] 1501
b); dahingegen der dramatische styl (
in der musik) nur ein spiegel, nichts als schein, dem leiblichen auge seyn will und soll Zelter in:
briefw. zw. Göthe und Zelter 4, 99; derjenige styl, der für kleine säle oder zimmer wirken soll, wird nun kammerstyl genannt Krünitz 177, 581.
in fester dreiteilung: die music fhret einen dreyfachen stylum, deren der 1. stylus ecclesiae die in der kirchen gebräuchliche music, der 2. theatri die bei operen und comoedien, der 3. camerae die cammermusic, so an potentaten und fürsten höfen platz findet, begreifft Nehring
hist.-pol.-jur. lex.7 (1717) 907; gleichwie inter stylos musicos, nemlich ecclesiae, theatri et camerae, der erste den platz und rang hat Mattheson
d. neu eröffn. orchestre (1713) 139; styl bedeutet in der musik eine solche komposition, welche sich zu dem orte, der zeit und dem gegenstand, da solche aufgeführt wird, schickt. es gibt dieser style verschiedene, als den kirchenstyl, den theatralischen, den kammerstyl Jacobsson 4, 351
a;
variiert: dasz sie (
anrede) den unterschied der drei style (
nämlich tempelstyl, capellstyl, kammer- oder winkelstyl) einmal wieder anregen, ist wie aus meinem herzen Zelter in:
briefw. zw. Göthe und Zelter 4, 98.
von der eigenart einer kompositionsgattung oder eines instrumentes her (
vor allem in zusammensetzungen wie [] cantatenstyl Mattheson
kl. generalbaszschule [1735] 25, der violinenstyl ist gemeiniglich etwas frisch, der flöten- ... styl traurig und wehmütg, der trompetenstyl muthig, munter und kriegerisch J. G. Walther
music. lex. 585
a): von der eigenschaft des styls in fugen und oden Mattheson
d. vollkommene capellmeister (1739) 150; das andenken an diesen gediegenen stil von tanzmusik Fr.
M. Böhme
gesch. d. tanzes 1, 266. II@D@2@bb)
als die einer generation, einer epoche, einer kulturperiode eigentümliche darstellungsart, vgl. II A 3 b
γ; II E 1 b;
in terminologischem gebrauch: die alte und neue manier, der alte und neue styl (
la maniera o stile antico, o moderno) Mattheson
gr. generalbaszschule (1731) 80; nur hätte er sich nicht aus diesem (
seinem fache) herausmachen und z. b. kirchensachen im alten stil schreiben sollen Mozart
bei O. Jahn
Mozart 3, 303
anm. 60;
vgl. Max Reger: suite im alten stil (
titel).
in gleichem sinne strenger, gebundener — galanter stil: dasz man beinahe niemals (
auf der harmonika) kompositionen im strengen gebundenen stil zu hören bekommt E. T. A. Hoffmann 15, 174
Gr.; auszer dem galanten stil bleibet man bei (
beispiel) 1 und 2 (
fürs '
accompagnement') Ph. E. Bach
wahre art das clavier zu spielen 2 (1762) 143; selbst der direktor des Prager conservatoriums Dionys Weber verschmähte es nicht, in solch 'galantem stil' (
für tänze) zu komponieren Fr.
M. Böhme
gesch. d. tanzes 1, 267. II@D@2@cc)
zur charakterisierung der nach völkern oder auch schulen unterschiedenen musikalischen darstellungsweise: die Italiäner haben einen anderen stylum als die Teutschen, dise als die Franzosen, dise als die Spanier ...: jeder richtet sich nach dem natürlichen temperament und des lands gewohnheit A. Hirsch
phil. extract a. d. Athanasii Kircheri musurgia universalis (1662) 131; der romanische, venetianische, neapolitanische und sicilianische stylus J. G. Walther
musical. lex. 585
a; der italiänische styl ist scharf, bunt und ausdrückend, der französische hingegen natürlich, flieszend, zärtlich
ebda 584
a; der romanische stylus wird wol gravitätischer sein als der venetianische Mattheson
d. neu eröffn. orchestre (1713) 203. II@D@2@dd)
als die durch eine einzelpersönlichkeit geprägte, ihr charakteristisch zugehörige ausdrucksform, s. II A 3 b
α; II E 2 a: auszer diesen abtheilungen des styls (
nach nationen, ort und zeit) hat man noch eine, die sich ganz allein auf den komponisten bezieht, und wodurch sich immer ein komponist von dem andern unterscheidet. diese nennt man einen gewissen styl Scheibe
crit. musicus (1745) 41; also sagt man: Carissimi, Luly, Lambert sein styl u.
s. w. J. G. Walther
musical. lex. 584
a; als specifische eigenthümlichkeit des Mozartschen stils O. Jahn
Mozart 4, 26.
als ausdruck künstlerisch-menschlicher grundhaltung in vielfältiger verbindung mit gleichen oder ähnlichen beiwörtern wie unter II A 3 b
β; II E 2 b,
vgl. etwa: der lustige, fröhliche ... ehrbare, ernsthafte ... styl; der ... zärtliche ... styl J. G. Walther
musical. lex. 584
a; zu dem tief ergreifenden liede, welches B. ... einst ganz im frommen stil der alten meister ... komponiert hatte E. T. A. Hoffmann 6, 50
Gr.; die musik des orchesters begleitet sie (
die landleute) und geht allmählig in einen edleren stil über Schiller 15, 1, 5
G. gelegentlich ausdrücklich auf die affecte bezogen: styl der fröhlichen affekten; styl der hohen stillen selbstzufriedenheit; styl der mürrischen, heftigen affekten J.
N. Forkel
allg. gesch. d. musik (1788) 1, 66. II@D@2@ee)
andrerseits mit solchen beiwörtern, die stil
als objectivstoffliche ausdrucksform bestimmen, in parallele zur literar. darstellungsweise und ihren drei formal-ästhet. grundformen im sinne von II A 3 a
α: der ... ebenträchtige ... der grosze, hohe ... der gewöhnliche, gemeine, niederträchtige, kriechende (
vgl. stilus humilis) styl J. G. Walther
mus. lex. 584
a; betrachtet man solchen (
styl) insgemein, so finden wir, wie in der redekunst und poesie, drei arten desselben, nämlich den niedrigen, mittelmäszigen und hohen styl Bokemeyer
bei Scheibe
crit. musicus (1745) 139.
[] II@D@33)
das 18.
jh. hindurch wird der musikalische stil
im sinne von 2
weithin in sprachlicher analogie zur literarischen darstellungsweise als '
schreibart'
aufgefaszt und mit diesem wort synonym gebraucht, wohl von der notenschrift des musikstückes her in anlehnung an lat. stilus '
griffel, schreibweise'
; vgl. Riemann
mus. lex. 2 (1929) 1767
a; Moser
mus. lex. 818
b: ohne selbst zu wissen, in welchem styl sie ('
welche die notenfeder kühnlich ... zu führen sich gelüsten lassen') auch nur arbeiten wollen Mattheson
d. vollk. capellmeister (1739) 68;
vgl.: eintheilung aller musikalischen schreibarten in drei classen, nehmlich in kirchen-, theatral- und kammerstyl
ebda 69; man nennt ... denjenigen styl, dessen man sich bedient, um hohe, würdige, hauptsächlich aber fromme empfindungen auszudrücken, den kirchenstyl oder die kirchenschreibart J.
N. Forkel
allg. gesch. d. musik (1788) 1, 43; von dem style des komponisten (
läszt sich das wort schreibart
gebrauchen) Adelung
vers. 4 (1780) 872; styl,
siehe schreibart Scheibe
crit. musicus (1745)
register. II@D@44)
gelegentlich wird stil
nur von der art und weise des musikalischen vortrags verstanden: nun kommen wir zu dem styl, oder zu derjenigen art und weise, in welchem oder mit welcher eine orgel bespielet sein will ... dieser styl kann wol keine schreibart, sondern musz notwendig eine spielart heiszen Mattheson
d. vollkomm. capellmeister (1739) 472;
vgl. auch O. Jahn
Mozart 3, 53
f. II@EE. stil
bezeichnet die art und weise der darstellung, die kunstweise, besonders die kunstrichtung in den bildenden künsten; in dieser bedeutung 1756
durch Winckelmann
eingeführt (
s. u. 1 a),
der dazu angeregt wurde etwa durch Bellori
le vite de'pittori (1728) 286
oder durch Poussin
ebda 300
f. (
vgl. Winckelmann
w. 1 [1808] 91)
sowie J. Richardson
traité de la peinture et de la sculpture 1 (1728) 16; 27; 164
ff. (
zur kenntnis dieser franz. übersetzung des engl. originals vgl. G. Baumecker
Winckelmann in s. Dresd. schr. [1933] 28
anm. 9, 3; 29
f.)
sowie G. Turnbull
a treatise of ancient painting (1740) 153; 163
ff. (
vgl. Winckelmann
w. 1 [1808] 51),
doch blieb wohl auch der W.
selbst geläufige literarische gebrauch stil II A (
s. w. 9 [1824] 150,
brief v. j. 1756)
nicht ohne einflusz. im deutschen ist aber nicht wie im ital. (
s. Rumohr
ital. forsch. 1 [1827] 85) stilus '
griffel'
als die den beiden künsten etwa gemeinsame sprachliche wurzel greifbar, sondern stil
geht als '
art und weise, brauch, gewohnheit'
mittelbar auf mlat. stilus
modus, usus, mos zurück. stil
steht daher zunächst —
ähnlich II D —
häufig im wechsel mit manier '
art und weise, handhabung'
als dem älteren kunstausdruck, s. 1 b.
die erklärungs- bzw. verdeutschungsbestrebungen um die wende des 18. und 19. jhs., die sämtlich von der voraussetzung einer übertragung des literarischen fachausdrucks auf die bildende kunst ausgehen, erfassen daher den wortsinn nur in negativem oder unzutreffendem sinne, vgl.: von dem style eines mahlers und bildhauers läszt sich das deutsche wort schreibart nicht für styl gebrauchen Adelung
vers. 4 (1780) 872; stil ... die schreibart; styl ... eigentlich säulenschrift ... für den styl der mahler haben wir noch kein bequemes wort Kinderling
reinigk. d. dtsch. spr. (1795) 207
f. Winckelmanns
vorbild ist in allen anwendungen dieses gebrauchs spürbar mit ausnahme der scheidung von stil
und manier
im sinne von 3;
ein ansatz zu wertender unterscheidung zeigt sich nur in dem gebrauch des adj. manieriert,
s. w. 3 (1809) 223; 7 (1817) 60
f.; 62.
im übrigen verwendet W.
in seiner frühzeit und auch späterhin noch häufig den bis dahin geläufigen kunstausdruck manier '
art und weise' (
vgl. etwa J. v. Sandrart
teutsche acad. [1695] 5; 50; 102
a; Ludwig
engl.-germ.-frz. [1736] 620)
in durchaus positivem sinne zur kennzeichnung von einzelgestaltungen und -merkmalen, stil
dagegen vornehmlich als bezeichnung der kunstgattung, kunstrichtung. eine gelegentliche feinere unterscheidung zwischen stil
als der aus innerer haltung erwachsenen kunstweise und manier
als der mehr äuszeren arbeitsweise, der kunstfertigkeit (
s. etwa w. 1 [1808] 26; 30
u. ö.)
verwischt sich bei W.
später wieder. [] II@E@11)
am geläufigsten zur bezeichnung solcher kunstweisen, deren charakteristische äuszere und innere ausprägung zum typischen drängt, eine gattung oder richtung bedeutet, grundsätzlich ohne rücksicht auf schöne oder unschöne, objective oder subjective darstellungsweise. II@E@1@aa)
in verbindung mit beiwörtern zur inneren oder äuszeren kennzeichnung der kunstrichtung; besonders als hoher, groszer stil
in halb terminologischer bezeichnung für kraft des ausdrucks und würde der haltung: die im hohen stile gearbeitete Agrippina (1756) Winckelmann 1 (1808) 26; durch ihn (
Phidias) und durch die künstler seiner zeit erreichete die kunst ihre grösze, und man kann diesen stil den groszen und hohen nennen
derselbe 5 (1812) 210; tiefliegende augen sind zwar keine eigenschaft der schönheit ...; aber hier konnte die kunst der natur nicht allezeit folgen, sondern sie blieb bei den begriffen der groszheit des hohen stils
derselbe 4 (1811) 199
f. mehr im sinne der grosz angelegten darstellung: der schauplatz wird im groszen stil nach poussinischer weise gedacht Göthe 50, 297
W.; (
der) erhabene oder grosze styl (
in der gartenkunst), auch romantischer styl genannt Krünitz 177 (1841) 603.
in anderer kennzeichnung: die erste epoche kann man den hohen und die zweite den schönen styl nennen, weil Praxiteles und Apelles ... die zeichnung durch die grazie veredelten Winckelmann 7 (1817) 175; so wird man in der kunst der Griechen, sonderlich in der bildhauerei, vier stufen des stils sehen, nemlich den geraden und harten, den groszen und eckigten, den schönen und flieszenden, und den stil der nachahmer
derselbe 5 (1812) 278,
doch vgl.: da der fall in der kunst (
der stil
der nachahmer) kein styl in derselben ist, so bleibe ich bei den vorher gesetzten drei zeiten
derselbe 3 (1809) 213; aber der gänge, des hofs und der treppen geschmack und der säle nennt im verfall mich (
den erbauer) noch lehrer des zierlichen stils Platen 1, 305
R. II@E@1@bb)
als zeitlicher begriff in weiterer oder engerer begrenzung für den einheitlichen künstlerischen ausdruck einer epoche; häufig im plural. bei Winckelmann
schon 1758: seit einiger zeit habe ich das münzstudium angefangen, doch nur in so fern es zum schönen der kunst, zur zeichnung und zum stil der zeiten gehöret
w. 9 (1824) 255
u. ö. an programmatischer stelle in seiner gesch. d. kunst (1763),
noch im wechsel mit manier,
das als zeitlicher begriff fortan durch stil
ersetzt wird: überhaupt betrachtet nimmt man drei verschiedenheiten, manieren oder style (
in der bildenden kunst der Ägypter) wahr; den ... alten, sodann den spätern und ferner den der nachahmungen ägyptischer werke, die vermuthlich durch griechische künstler gemachet worden sind 3 (1809) 76.
gelegentlich in ausdrücklicher parallele zur literarischen darstellungsweise: der ältere stil. vergleichung dieses stils mit der schreibart eben derselben zeit. es könnte dieser stil vielleicht mit der schreibart des Herodotus ... verglichen werden
derselbe 5 (1812) 209;
jünger in festgewordenen wendungen: ich habe vorzüglich nur sinn für den alten styl in der christlichen mahlerei Fr. Schlegel 6, 13; zwei gleichgebaute, villenartige häuser neuesten stiles G. Keller (1889) 5, 258; lusthäuschen, hecken, grotten, alles in dem stil von 1740 und 1750 E.
M. Arndt 1, 60
R.-M. II@E@1@cc) stil
als die bestimmten völkern und künstlern zugehörige darstellungsweise in der bildenden kunst. zunächst als kunstweise in mehr äuszerlicher zuordnung: von dem stil der alten Hetrurier (1758) Winckelmann 9 (1824) 287; einige ihrer (
der Römer) alten gebäude erinnern ... an den styl der Azteken Niebuhr
röm. gesch. (1811) 1, 86.
als typische kunstrichtung in adjectivischen verbindungen, die zu einem feststehenden kunstbegriff geworden sind: der mit dem ägyptischen vermischte griechische styl (
einer figur) Winckelmann 3 (1809) 111; wenn das den römischen stil ausmacht, so arbeiten alle stümper im römischen stile Lessing 10, 287
M.; in einer ernsten landschaft poussinischen stils sah man überreste alter gebäude
[] Göthe 40, 109
W.; der berninische stil Winckelmann 4 (1811) 164.
als merkmal einer '
schule': wo aber die arbeit an eine gewisse schule gebunden ist, da wird sie sich auch in stehenden formen, in styl, manier und handgriff dieser schule bewegen W. H. Riehl
d. dtsche arbeit 37.
häufig mit der unterscheidung nach zeitepochen verbunden (
s.b): nebst dem verschiedenen style der völker, zeiten und künstler Winckelmann 3 (1809) ii; reste einer christlichen kirche im späten byzantinischen style A. v. Humboldt
kosmos 4, 531.
gelegentlich im wechsel mit geschmack (
s. auch u. 2 a): die bildsäule ist im aegyptischen geschmack zu Hadrians zeiten verfertiget. im nämlichen stil ist ein sogenanntes idol im Campidoglio gearbeitet H. Meyer
bei Winckelmann 3 (1809) 428; man solle jene altdeutsche bauart zwar höchlich schätzen ..., neue gebäude jedoch in diesem geschmack und styl aufzuführen, keineswegs unternehmen Göthe IV 25, 318
W. in ihrer inneren eigenart genauer charakterisiert (
s.a): den zwar immer noch respectablen, aber zuletzt doch ganz mumienhaft vertrockneten byzantinischen stil Göthe IV 35, 300
W.; brett und geschirr ... waren in dem nüchternen neugriechischen style früherer jahrzehnte gearbeitet G. Keller (1889) 2, 145. II@E@22) stil
bezeichnet ferner den besonderen kunstcharakter, das dem gegenstand innewohnende gesetz, das durch entsprechende formen seine besondere ausprägung gefunden hat, s. auch 3. II@E@2@aa)
allgemein die künstlerische formgebung, die auf einem zweiggebiet der kunst, im schaffen eines künstlers oder in einem einzelnen kunstwerk als charakteristische, oft als einmalige eigenart hervortritt: in eben diesem (
gemischten bau)stil sind die ältesten altäre und grabsteine gearbeitet Winckelmann 1 (1808) 298; der hausbau der Melanesier schlieszt ... an den in Polynesien üblichen stil an Ratzel
völkerkde 2, 267; von dem stile der bildhauerei in den zeiten des Phidias Göthe 46, 40
W.; den gartenstyl oder styl in der gartenkunst, nennt man die schönen anlagen eines gartens nach gewissen regeln Krünitz 177, 599,
vgl. baustil, kirchenstil
u. ä. auf die persönliche eigenart des künstlers zielend: dieses ist der geschmak, und ist eben so viel als ein styl oder art und ist in jedem menschen verschieden A. R. Mengs
ged. über d. schönheit (1762) 20 (
vgl. dazu: il quale stile, maniera o gusto si tiene della parte della natura, e dell'ingegno Poussin
bei Bellori
vite de'pittori [1728] 301); wie man sich aber den styl des Canachus vorzustellen habe Winckelmann 6, 1 (1815) 74.
besonders auf einzeldarstellungen bezogen, vgl. stil '
der charakter eines kunstwerkes' Lueger
lex. d. techn. (1894) 7, 524: der styl (
der ägyptischen figuren) aber ist hier allein das kennzeichen, nicht die hieroglyphen Winckelmann 3 (1809) 104; in absicht des stils kann dieser Apollo dem torso und Laokoon nachgesezt werden Schiller 3, 579
G.; das mittelstück des bechers hat einen andern stil als fusz und deckel Stifter
briefw. 2 (1918) 87; mit diesem schlosse ..., das ... so gut als in gar keinem style gebaut ist Stifter 2, 12.
synonym mit geschmack (
s. auch ob. 1 c): über die verschiedenheit der zeit, des geschmacks und styls an den alten monumenten Winckelmann 3 (1809) 405. II@E@2@bb)
in genauerer kennzeichnung der besonderen kunstweise durch beiwörter, z. t. ähnlich wie unter 1 a: kommt man von französischen, holländischen oder ganz modernen produkten, so scheint uns der styl dieser bilder grosz und edel Fr. Schlegel 6, 13; dasz Raphael ... die trockenheit, die ihm noch von der schule von Petrugia angeklebt, verlassen und einen gröszeren styl angenommen habe Wackenroder
herzensergieszungen (1797) 33
f.; dieser nicht so ängstlich, sondern im erhabenen stile der bronzen verfertigte kopf Winckelmann 2 (1808) 275; beides von gleichem meister im gleich erhabenen styl gearbeitet Göthe IV 38, 230
W.; denn es sind dieselben (
köpfe) in dem schönsten stile, und auf das feinste geendiget Winckelmann 5 (1812) 111; reinheit des edelsten künstlerischen styles Ed. Gerhard
akad. abhandlungen [] 1, 2; merkwürdig ist der ungeheure löwe ... aus einem sandsteinfelsen herausgehauen, von gutem stil Göthe 41, 2, 208
W.; eine der vorzüglichsten statuen ist ein sterbender sohn der Niobe ... der stil ist markigt und hat mit dem äuszerst delikaten stil des Kastor und Pollux sehr viel ähnliches Schiller 3, 580
G.; zierliche vorstädte anmuthigen stils Göthe 25, 11
W.; auch der bäuerische styl, der von Vitruv opus rusticum genannt wird, hat beifall gefunden, indem er sich zu gewissen bauwerken sehr gut eignet Krünitz 177 (1841) 595. II@E@33) stil
bezeichnet ähnlich II A 3 a
β die dem wesen eines kunstgegenstandes vollgültig entsprechende darstellungsweise, bei der das persönliche wirken des künstlers nur das objective gesetz des gegenstandes ausprägt. so zuerst in Göthes
abhandlung '
einfache nachahmung der natur, manier, styl' (1789),
in ausdrücklichem gegensatz zu manier,
das von da an das zeichen des individuellen, subjectiven kunstschaffens trägt, im 19.
jh. bis zur verzerrung ins willkürliche, gekünstelte. der gegensatz, der sachlich seit dem frühen 18.
jh. besteht, wird vor Göthe
etwa in den wörtern geschmack
und manierung
ausgedrückt, vgl. A. R. Mengs
ged. üb. d. schönheit (1762) 26;
bei Winckelmann
lediglich umschreibend, s. w. 1 (1808) 34: wie die einfache nachahmung auf dem ruhigen dasein und einer liebevollen gegenwart beruht, die manier eine erscheinung mit einem leichten, fähigen gemüth ergreift, so ruht der styl auf den tiefsten grundfesten der erkenntnis, auf dem wesen der dinge, in so fern uns erlaubt ist, es in sichtbaren und greiflichen gestalten zu erkennen Göthe 47, 80
W.; styl. man nähert sich ihm durch methode. man entfernt sich von ihm durch manier
ebda 293;
vgl. noch II 3, 123; wo schlummert also das ersehnte ideal verborgen? oder findet das strebende herz in der höchsten aller darstellenden künste ewig nur andere manieren und nie einen vollendeten stil? Fr. Schlegel
Lucinde 82
Walzel; styl ... ein zur gewohnheit gediehenes sich fügen in die inneren foderungen des stoffes ..., in welchem der bildner seine gestalten wirklich bildet, der maler sie erscheinen macht Rumohr
ital. forschungen 1 (1827) 87. II@FF.
um die wende vom 18.
zum 19.
jh. ist stil
vom wortgebrauch in der bildenden kunst her zu uneigentlicher oder paralleler anwendung auf anderen sachgebieten erweitert, wobei es sich meist irgendwie um künstlerische darstellung oder erscheinung handelt: (
wir sahen) wunderschöne gegenden, mehr im historischen als ökonomischen stil Göthe 31, 149
W.; das ist ein ganz anderer styl von gegend, als man in unserm traurigen märkischen vaterlande sieht H. v. Kleist 5, 111
Schm.; ähnlichkeiten dieses schönen männerkopfs habe ich viele gesehen, und zwar meistens unter bauersleuten und solchen, welche bauern ähnlich leben. es sind die starken völligen gesichter im groszen stil E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lieb. Deutsch. 1, 218; aber unangenehm war sein spiel (
auf der bühne), weil sein hoher styl den mangel an wahrheit fast immer bedeckte Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 61; er lehrte mich reiten und springen und tanzen im fränkischen stil Immermann 13, 72
Boxb.; kopf- und fuszbekleidung entsprachen ebenfalls dem ungefähren vorderasiatischen stile des altertums G. Keller (1889) 2, 203; zu der feinern kleidung im Rieser stil
M. Meyr
erzähl. a. d. Ries (1868) 2, 65; der anmuthige styl der kochkunst ... verbindet mit der nahrhaftigkeit den reiz und die zierde König-Rumohr
kochkunst (1822) 20.
solchen anwendungen vergleichbar: der kampf um eine stellung ist ... ein verwickeltes problem, unterworfen dem jeweiligen taktischen stil E. Jünger
d. wäldchen 125 (1928) 19. II@GG. stil
bezeichnet die vollendung künstlerisch-darstellerischen ausdrucks überhaupt, wesentlich bestimmt durch den meist unausgesprochenen, zunächst in der bildenden kunst ausgebildeten Götheschen gegensatz von stil
und manier (
s. II E 3),
der im laufe des 19.
jhs. in der terminologischen bestimmung den begriff manier
immer stärker als bezeichnung [] subjectiver willkür erscheinen läszt, s. etwa Eberhard
synon. (1800) 5, 114—116; Weigand
wb. d. dtsch. synon. 2 (1852) 353: freilich bringt ein solcher künstler ernst und stil in ein unternehmen, das zuerst nur leichtsinnig concipirt war Göthe IV 33, 261
W.; das antike magische und zauberische hat stil, das moderne nicht. das antike magische ist natur, menschlich betrachtet, das moderne dagegen ein blosz gedachtes, phantastisches ... das romantische, wo es in der groszheit an das antike grenzt, wie in den Nibelungen, hat wohl auch stil,
d. h. eine gewisse groszheit in der behandlung, aber keinen geschmack Göthe
gespr. 2, 216
W. v. Biederm.; was styl in der kunst ist, das begreifen die leute am wenigsten Hebbel
tagebücher 2, 320
Werner; wenig positive kenntnis, aber höhere einsicht in meine eigene natur und deren zustände, tiefere erkenntnis des wesens der kunst und gröszere herrschaft über jenes unbegreifliche, das ich unter dem ausdruck styl befassen mögte, hab ich doch gewonnen. ich bin der natur um tausend schritte näher gekommen
ebda 1, 105.
insbesondere in der für manche einzelanwendung wie für die stärkste ausweitung des wortes (
s.H 2 d)
feststehenden verbindung groszer stil,
die hier jede dem inneren gesetz des gegenstandes dienende, groszzügig gestaltete künstlerische darstellungsweise kennzeichnet: der darsteller musz alles darstellen können und wollen. dadurch entsteht der grosze stil der darstellung, den man mit recht an Goethe so sehr bewundert Novalis 2, 116
Minor; ein furienballett ..., dessen stil ungemein grosz zu nennen E. T. A. Hoffmann 10, 27
Gris.; Mephisto erscheint in einigen ernsten situationen, aber er ist eine im groszen stil behandelte lustspielfigur G. Freytag 14, 53; es war eine groszartige ansicht, die zugleich mit zartheit das persönliche leben, mit freiheit die allgemeinen mächte der geschichte zu verstehen suchte, sie sicherte der geschichtschreibung groszen stiles ihre gebührende stelle auf der grenze zwischen wissenschaft und kunst H. v. Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. 3 (1885) 696. II@HH.
seit dem frühen 18.
jh. wird stil
auf verhältnisse des menschlichen lebens im weitesten sinne angewandt. zunächst noch auf schmaler grundlage (
s. 1),
in der zweiten hälfte des 18.
jhs. ausgedehnter, im 19.
und 20.
jh. in einer kaum noch begrenzbaren fülle von möglichkeiten. II@H@11)
als gewohnheit, brauch, herkommen, sitte, '
mode'
in engem anschlusz an mlat., nlat. stilus
modus, usus, consuetudo, mos, s. du Cange 7, 598
c und zunächst noch im wechsel mit manier,
s. teil 6, 1551;
lexikalisch erscheinen im 17.
und 18.
jh. noch umschreibungen: stile val costume, usanza e maniera gewohnheit, gebrauch, weisz etwas zu tun Hulsius (1616) 537
a;
ähnlich Kramer (1693) 1142
c; Castelli (1749) 909
a.
auch bei Adelung
fehlt diese bedeutung noch ganz, die erst in wbb. d. 19. und 20. jhs. gebucht wird. zunächst in negativer, noch latinisierender formel es ist nicht styli, '
d. i. es ist keine manier' Zedler 39 (1744) 1471: der usus, so sie in comoedien ... haben, ist von diesem unterschieden; denn da dient ein prologus ad captationem benevolentiae, und ein epilogus pro gratiarum actione, welches aber bei opern nicht styli Mattheson
d. neu eröffnete orchestre (1713) 170,
vgl. noch mundartlich stilum, 'das ist nicht stilum'
anstatt styli, '
gebräuchlich', '
üblich',
so wie privatum
für privatim Albrecht
Leipzig. 218
a;
vgl. auch stilisch.
in ähnlichen unpersönlichen wendungen: ists styl, das man die gäste warten läszt! Hebbel
w. 8, 276
Werner; es war lange zeit styl, in ihm (
dem 18.
jh.) einen tempel aller narrheit und verschrobenheit zu sehen Brachvogel
Friedemann Bach (1858) 1, 2;
vgl. umgangssprachliches das ist schon stil geworden
u. ä. im sinne von '
verfahren, methode': diese glücklichen zeiteroberer von Paris führten deshalb den stil ein, den sie von den taschenspielern auf jahrmärkten borgten, die ihre productionen von heute immer mit einer ankündigung auf morgen schlieszen Gutzkow
d. ritter v. geiste 1 (1850) 2.
häufig dem formelhaften gebrauch [] II J '
nach der art'
nahekommend: dieses (
erntefest) wird nur auf edelhöfen und groszen pachtungen im altherkömmlichen style gefeiert A. v. Droste-Hülshoff 2, 30; das wird ein hochzeitsschmaus alten styls werden Christoph v. Schmid (1858) 8, 167; es war ein kampf im alten stil, auf welchen das feuergewehr so gut wie keinen einflusz hatte Ranke
s. w. 16, 216. II@H@22)
auf die haltung in dingen des menschlichen lebens bezogen, auf allen stufen der wortentwicklung von der tiefstgegründeten bis zur formelhaftesten. zuerst im frühen 18.
jh. greifbar, sieh b. II@H@2@aa)
insbesondere für die von einzelpersönlichkeiten, generationen, epochen, völkern eigentümlich ausgeprägte lebensgestaltung. zunächst noch umschrieben: stile, style ... die manier oder art, die ein jeder hat Frisch (1730) 1553.
in tieferer fassung als ausgeformtes lebensgesetz: Perikles, Phocion, Epaminondas erwarben in der einsamkeit ihre ganze grösze, erwarben da den styl, den man nicht in canzleien lernt, den styl ihres lebens und ihrer thaten Zimmermann
üb. d. einsamkeit (1784) 3, 486; ein mann will ich werden! ... stil ist alles! stil ist übereinstimmung zwischen gesetz und ausdruck. wer stil haben will, musz beides haben, gesetz und ausdruck J. Göbbels
Michael (1931) 18; ein ausgezeichneter, geistreicher mensch ... eine vereinigung von militär und civil im besten style W. Grimm in:
briefw. zw. Grimm, Dahlmann, Gervinus 1, 51.
für die art der lebensführung: nachdem darauf der neffe sich mit seiner frau unter grünen bäumen bei einer schale milch zum einfachen stil des lebens zurückgefunden hat Immermann 19, 127
Boxb. vergleichbar: man kann eine blasiertheit in wort und haltung beobachten, die sich selbst auf den stil des sterbens erstreckt E. Jünger
d. wäldchen 125 (1928) 4.
auf gemeinschaften angewandt, von geformtem geist, der eine haltung ausprägt: der preuszische stil (1916) Möller v.
d. Bruck
titel; in diesem germanischen stil an das bild des krieges heranzugehen, das wäre der beste dank des geistes gegenüber der tat E. Jünger
d. wäldchen 125 (1928) 189.
mehr in conventionellem sinne: aufklärung mangelt eben deswegen noch in so mancher gegend von Deutschland, weil da auch der styl der gesellschaften, auch die stimme des volkes, auch die allgemeine denkart, immer nur einen tritt hat Zimmermann
üb. d. einsamkeit (1784) 3, 428; es war innerhalb der familie der gehaltene styl des salons, dennoch merkte man den typus des neuen adels E. v. Köller
erinner. (1873) 77;
hierhin auch: wir gingen indessen doch hin, auf die gefahr etwas gar unmodisches, mit dem hohen styl ganz unverträgliches zu unternehmen J. Schopenhauer
reise d. England u. Schottland (1818) 2, 335.
in enger, oft formelhafter verbindung mit zeitbegriffen: ich gehöre ja noch zum alten stil W. Raabe
unruhige gäste (1886) 173
Grotesche sammlg.; obgleich darum dieser geist in den zuchthausordnungen alten styles nicht zu finden war W. H. Riehl
d. dtsche arbeit 256; man sah in ihm nicht den monarchen neuen styls Nitzsch
dtsche studien (1879) 184; über den styl unseres jahrhunderts A. v. Knigge
roman m. lebens 1, 14; stil unsrer zeit. unter verwendung dieses weitesten stilbegriffs hat man ... die gesamthaltung unserer zeit zu klären ... versucht
d. grosze Herder 11 (1935) 579. II@H@2@bb)
in speciellerer anwendung auf art und form des verkehrs der menschen untereinander. in frühester bezeugung wohl noch von frz. stile, style
her: anstatt dasz sie (
die väter) mit weiszheitsgründen ... ihnen (
den kindern) das tugendhafte recommendiren ..., behalten sie die pedantische manier eines doctors ... 'wie? du darfst mir wiedersprechen? bin ich nicht dein vatter? habe ich nicht mehr erfahrung als du junger laffe?' sehet den stile, den mancher vatter brauchet
discourse d. mahlern (1721) 1, 1; es gab zwar leute unter ihnen, die mit der gewandtheit eines staatsmannes die menge zu leiten wuszten, die sich eine eleganz des stils, eine leichtigkeit des umgangs angeeignet hatten ... W. Hauff 2, 54; unter den rauhen seigneurs ... war sie an solchen styl des umgangs nicht gewöhnt worden Laube (1875) 2, 13.
[] II@H@2@cc)
seltener von der mehr äuszeren erscheinung und haltung des menschen: wir haben sehr mannigfaltige sachen gesehen, schöne gegenden, und verschiedene menschenerscheinungen in allerlei styl Göthe IV 5, 165
W.; ein mann von edlem hohen sinn, in gang und stil von recht krönungsmäszigem wesen Lichtenberg
verm. schr. (1844) 1, 209; das schwarzatlasne wohlgeschonte unterkleid gab dem ganzen einen gewissen magistermäszigen stil E. T. A. Hoffmann 1, 177
Gris. II@H@2@dd)
in der festen verbindung groszer stil (
s. auch II G),
die einer groszzügigen haltung oder groszen leistung zugeordnet wird: dasz ich noch keine behaglichere, in groszem stile reizendere ... existenz gesehen fürst Pückler
briefw. 6, 57; man müszte in einer dachkammer leben mit einem strick um den leib bei erbsen und wasser. oder ganz im groszen styl: venetianische palais, der villa-Medicigarten, Sardanapalgastmähler H. v. Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 95; ein kühner und fester mann, der ... in Italien ... den krieg ... in einem groszen und ungewöhnlichen stil geführt hatte, der Korse Napoleon Bonaparte E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Dtsch. 1, 481; dasz die weltgeschichte groszen stils ... immer ... vom sattel herab ... gemacht worden sei Fontane I 1, 206; für jede finanzwirtschaft groszen stiles Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. (1879) 1, 287.
doch tritt die verbindung häufig vom persönlichen mehr zum sachlichen hinüber und wird dann zum maszbegriff: welcher im Oderbruch eine zuckerfabrik in groszem stil anlegte G. Freytag (1886) 1, 92; gegen den schmuggelhandel gerüstet, welcher hier offen und in groszem stil betrieben wird Moltke
ges. schr. (1892) 1, 200; 'groszartiger kerl ...!' umbauen, dazukaufen — elektrisches licht — alles in groszem style W. v. Polenz
Grabenhäger 1 (1898) 163; (
er) kuriert seine magenverstimmungen mit gansleber- und krammetsvogelpasteten gröszten stils K. A. v. Müller
aufs. (1926) 198.
auch in fällen wie: ein büchersammler ganz groszen stiles war ... der grosze kardinal Mazarin Loubier
d. bucheinband (1926) 244; die den oberförster sonst nur als einen aufschneider im groszen stile kannten O. Müller
Münchhausen im Vogelsberg (1925) 9
Wiesbad. volksb. II@JJ.
seit dem 19.
jh. verblaszt stil
in einigen wendungen zu rein formelhaftem gebrauch im sinne von '
nach der art'
; vor allem von II H 2 a
aus: gewisz war er eine ästhetische natur, im styl Platens und Rückerts Gutzkow 1, 212; die stolzeste frau ... der eine schwiegertochter im stile von Stine Rehbein einfach tod und schande bedeutete Fontane I 5, 84; sind sie auch keine wilden, im stile der Zulu oder Aschanti Ratzel
völkerkde (1885) 2, 121;
mehr nach II H 1: die nationalwerkstätten ... waren nur eine aushülfe nach altem stil Ruge
briefw. (1886) 2, 45; diesen lehnsstaaten neuen stils Nitzsch
dtsche studien (1879) 28.
von II A 4
aus: eine besondere botschaft hatte er nicht, sondern nur die zusicherung, dasz die reichsregierung die fragen des ostens mit ernst und nachdruck behandele, und was sich sonst noch in diesem stil sagen liesz A. Winnig
heimkehr (1935) 206.
ganz frei: der zweiten ... erweckung des protestantismus — die freilich in einem ganz andern stil war, als die frühere Justi
Winckelmann (1866) 1, 51; sondern (
diese redensart) deutet auf einen alten aberglauben im style des eben erwähnten australischen O. Peschel
völkerkde (1874) 257.