Geschmack Vereinzelt -ak, einmal -akke AA23,3 Werth
1 I
; Pl -äcke nur in Übs od scherzh (s Bed 1 u 3fα
). ‘Geschmack’ als ästhet Begriff ist mit ca 650 der knapp 800 Belege der gewichtigste Bedeutungspunkt (3): Die Auseinandersetzung des jungen G mit der Geschmacksdebatte der Aufklärung1) ist in einigen Belegen der 60er u 70er Jahre erkennbar, dann in Rückblicken auf die eigenen dichterischen Anfänge bzw die allg Entwicklung von Literatur, Theater u Ästhetik seit der Mitte des 18. Jh (einschlägige Belege bes in DuW 6/7, ThS/Lj u in der Totenrede auf Wieland 1813; s bes 3b und c), ferner im Kap ‘Geschmack’ in RamNeffeAnm (s 3a und d, hier mit einer Stellungnahme zum vieldiskutierten Verhältnis von Geschmack u Genie); die (epochentyp) Abkehr von der Regelästhetik im Namen von Natur u Genie tritt am deutlichsten hervor in der Polemik gegen die Geschmacksdoktrin des frz Klassizismus in der Skakespeare-Rede von 1771 u in ‘Von deutscher Baukunst 1773’ (s 3c und e). Etwa seit Anf der 90er Jahre verwendet G ‘Geschmack’ insbes als (normative) Kategorie im Sinne des Kunstkonzepts der Weimarer Klassik, vor allem für die bildende Kunst (s bes 3e); beachtenswert in diesem Zshg die relativ vielen Belege in gemeinschaftl mit Meyer od auch Schiller verfaßten Texten. Neben der Verwendung als Urteilsvermögen des Kunstrezipienten (s bes 3c) gebraucht G das Wort mit Vorliebe als Qualitätskriterium der künstlerischen Gestaltung (s bes 3d). An der theoret Diskussion üb das Wesen des Geschmacks als des spezif Sensoriums für ‘das Schöne’ beteiligt sich G kaum (bei großer, zB in der Wieland-Rede erkennbarer Hochschätzung von Kants Analyse des ‘Geschmacksurteils’ in KU)2). 1
als (spezif) Eigenschaft von Naturprodukten, -erscheinungen u Substanzen, Aroma insbes von Speisen u Getränken, hier auch iSv Wohlgeschmack [
Fischgericht in Torbole] keine eigentlichen Forellen .. der G. zwischen Forelle und Lachs, zart und trefflich GWB30,42,13 ItR~GWBT1,184,5 v 13.9.86 Die Gartenfrüchte sind herrlich, besonders der Salat von Zartheit und G. wie eine Milch GWB31,125,17 ItR GWBFaust II 10922
uö als Merkmal bei physikal-chem Bestimmungen u Versuchen sowie in Übs antiker Wahrnehmungstheorien, hier mehrf Pl Die Elektricität .. Ihr säuerlicher Geruch und G. deutet auf etwas Materielles GWBN11,210,9 AtomismDynamism GWBN10,37,15 Granit GWBN6,183,13 MetamPfl Nachtr [
für: χυμός, sapor] GWBN3,22,14 FlH I Aristot
uö bildhaft-metaphor u im Wortspiel, auch iSv Würze dem Menschen, der solche große Gegenstände der Natur gesehen .. Er hat, wenn er diese Eindrücke zu bewahren .. weiß, gewiß einen Vorrath von Gewürz, womit er den unschmackhaften Theil des Lebens verbessern und seinem ganzen Wesen einen durchziehenden guten G. geben kann GWB19,272,28 BrSchweiz II Gesundbrunnen zu
***. | Seltsames Land! Hier haben die Flüsse G. und die Quellen, | Bei den Bewohnern allein hab’ ich noch keinen verspürt GWB5
1,220 Xen 108(140) [Schiller] [
für: sapor] GWB7,13,27u29 DivNot GWB5
1,246 Xen 282(403) [G/Schiller] 2
der physiologische Geschmackssinn, die Geschmacksempfindung a
allg, als mehr od minder entwickeltes Wahrnehmungsvermögen Galvanische Wirkungen .. afficiren allgemein das Auge als Licht, den G. als Säure GWBN11,172,5 PhysikalWirkungen wie gut mir in der freyen Rhein- und Maynluft der echte deutsche Wein geschmeckt .. so vieles zugleich auf mich eindringende Gute, versetzten mich in eine Stimmung, welche jeden Sinn gleichmäßig erhöhte, und so mag denn der G. dabey auch gewonnen haben GWBB25,121,13 ABrentano 28.12.14 GWB42
2,431,35 SaxoGramm,Amlet GWB37,62,17 Arianne an Wetty [
für: γεύσις, gustus] GWBN3,13,5u8 FlH I Aristot
uö ‘etw zum Anschauen und G. bringen’: etw präsentieren u kosten lassen GWBB33,153,21 JFHSchlosser 12.8.20 b
prägnant als Sensibilität für die Eigenart bzw die Köstlichkeit einer Speise, kennerhafter Genuß, id Vbdgn ‘mit G. speisen, essen, genießen’ u einmal metaphor idVbdg ‘den .. G. von etw haben’ Die Königin .. sagte: “Bringt es [
Sauerkraut] dem Hackert, der versteht es. Es ist auf deutsche Art mit einem Fasan zubereitet. Die Italiäner essen es aus Höflichkeit, aber nicht mit G.” GWB46,252,18 Hackert Kochkunst [
von der Reise in den Harz] Ich .. wünsche ihm [
Hzg CarlAug] den Mitgenuss so eines Lebens, aber den rechten leckern G. davon kan er noch nicht haben GWBB3,196,11 ChStein 9.12.[77] GWBFaust II 5167 GWB46,244,24 Hackert 3
ästhetischer Sinn, Sensibilität für das ästhet Angemessene, überhaupt für das (sinnlich) Schöne, das Kultivierte od Schickliche, meist in der Kunst, gelegentl in verwandten Sparten od im gesellschaftl Verhalten; auch als geltende Norm od herrschende Richtung; wiederholt in Reflexion der Unschärfe des Begriffs (mehrf ‘was wir G. nennen’ uä) a
metasprachl, in krit Reflexion üb den Wortgebrauch von frz ‘goût’ Die Franzosen gebrauchten zu Ende des 17ten Jahrhunderts das Wort G. noch nicht allein .. Sie sagten ein böser, ein guter G. und verstanden recht gut, was sie dadurch bezeichneten. Doch findet man schon in einer Anekdoten- und Spruchsammlung jener Zeit das gewagte Wort: “Die französischen Schriftsteller besitzen alles, nur keinen Geschmack” GWB45,172,4u6 RamNeffeAnm Geschmack
mBez auf Diderots Kritik am zeitgenöss Mißbrauch des Worts GWB45,171,26 ebd b
kategorial, in Abgrenzung von anderen menschl Anlagen u Vermögen, insbes als instinktive bzw subjektive Instanz; mehrf mBez auf theoret Untersuchungen üb seine Natur u Funktion [
üb JGPurmann, Zufällige Gedanken üb die Bildung des Geschmacks in öffentl Schulen, 1770—1772] Die erste Abteilung beschäftigt sich mit einer philosophischen Untersuchung über den G. .. Er glaubt, daß der G. nicht bloß in der Empfindung bestehe, sondern auch Räsonnement erfordere. Wir glauben aber, daß er G. und Theorie d[er] s[chönen] W[issenschaften] u[nd] K[ünste] offenbar verwechsele; jener ist unsers Bedünkens nach bloß Empfindung, diese räsoniert BA17,238 FGA ZufälligeGedanken [G/Merck] Der G. ist nur der zarteste Theil des Characters. Er verhält sich zu ihm wie die Epiderm zur Schönheit GWB42
2, 420,13 Volksb histInh Schema daß unsere Prosodie in der größten Unsicherheit schwebt, wie denn meine einsichtigen, gelehrten .. Freunde die Entscheidung mancher Fragen dem Gefühl, dem G. anheim gaben, wodurch man denn doch aller Richtschnur ermangelte GWB30,248,12 ItR GWB42
2,442,28 Epoche d forciertTalente Schema 1812 GWBN1,360,4 FlD Zugabe
uö im hist Rückblick auf die Funktion des Geschmacks in Shaftesburys Ästhetik u seine philosoph Begründung in Kants ‘Kritik der Urteilskraft’ Bei diesem
[] geistreichen Versuch [
Shaftesburys], die Gegenstände zu gewältigen, konnte man nicht umhin, sich nach entscheidenden Behörden umzusehen, und so ward einerseits der Menschenverstand über den Inhalt, und der G. über die Art des Vortrags zum Richter gesetzt GWB36,323,15 Zu brüderlAndenkWielands 1813 so war doch leicht einzusehen, daß wenn man [
dh Kant in KrV und KpV] jene wichtigen Angelegenheiten des höheren Wissens und des sittlichen Handelns, fester .. zu begründen dachte .. ein .. aus den Tiefen der Menschheit entwickeltes Urtheil verlangte, daß man, sag’ ich, den G. auch bald auf solche Grundsätze hinweisen, und deßhalb suchen würde, individuelles Gefallen, zufällige Bildung, Volkseigenheiten durchaus zu beseitigen, und ein allgemeineres Gesetz zur Entscheidungsnorm hervorzurufen GWB36,340,12 ebd
in KPhMoritz’ Definition als bloß rezeptive Fähigkeit, Pendant zur produktiven Kraft des schöpferischen Künstlers Der höchste Genuß des Schönen läßt sich nur in dessen Werden aus eigner Kraft [
dh vom Künstler] empfinden .. Damit wir den Genuß des Schönen nicht ganz entbehren, tritt der G. oder die Empfindungsfähigkeit für das Schöne in uns an die Stelle der hervorbringenden Kraft und nähert sich ihr so viel als möglich, ohne in sie selbst überzugehen GWB47,87,16 Üb:Moritz,Nachahmg dSchönen GWB32,307,23 ItR [Moritz]
objektiviert, als Feld, Gebiet des Ästhetischen, der schönen Künste, bes idVbdgn ‘Werke, Sachen, Lehre, Geschichte des G-s’ Er [
Wilh] .. rüstete sich zur Abreise .. Nur Werke des G-s, Dichter und Kritiker, wurden .. unter die Erwählten gestellt GWB21,48,7 Lj I 10~GWB51,82,11 ThS I 21 Stand es nun [
im Deutschland der Aufklärung] mit den Sachen des G-es auf einem sehr schwankenden Fuße, so konnte man jener Epoche auf keine Weise streitig machen, daß .. sich dasjenige gar lebhaft zu regen anfing, was man Menschenverstand zu nennen pflegt GWB27,94,9 DuW 7 bey Frau von Eybenberg: über die Wiener, ihr Verhältniß zu Theater, Litteratur und G. überhaupt GWBTgb 8.7.08 GWB40,201,14 LiterarSansculottism GWBB43,417 FStein [19.1.28] K
uö c
als mehr od weniger entwickeltes, individuelles od kollektives ästhet Urteilsvermögen (insbes bei der Kunstrezeption), gelegentl auch prägnant als Geschmackssicherheit; häufig als Objekt kultivierender u normierender Einflußnahme, iVbdg mit Ausdrücken wie ‘(sich) bilden, reinigen, Verbesserung’ uä [
Werner zu Wilh:] so kam ich z.E. mit großem Vergnügen aus dem Lustigen Schuster .. gewisse Personen .. die man für Kenner hält, spotteten über meinen schlechten G. und bewiesen mir ihr Recht der Länge nach GWB51,110,22 ThS II 2 [
Wilh im Br an Werner:] Dazu kömmt .. das Bedürfniß, meinen Geist und G. auszubilden, damit ich nach und nach auch bei dem Genuß, den ich nicht entbehren kann, nur das Gute wirklich für gut und das Schöne für schön halte GWB22,152,9 Lj V 3 [
intensive Zeichen- u Malstudien] auch brenne ich recht vor Leidenschaft mir alles zuzueignen, und ich fühle, daß sich mein G. reinigt, nach dem Maße wie meine Seele mehr Gegenstände faßt GWB32,84,24 ItR Die Deutschen .. von Originalität, Erfindung, Charackter, Einheit, und Ausführung eines Kunstwercks haben sie nicht den mindesten Begriff. Das heißt mit Einem Worte sie haben keinen G. GWBB9,181,1 Reichardt 28.2.90 GWB27,63,25 DuW 6 GWB47,145,14 Samml 3
uö iZshg mit öffentl Bildungsbemühungen, vereinzelt (im literar Bereich) als sekundär gegenüber dem ‘Charakter’ daß Herr Purmann [
in ‘Zufällige Gedanken üb die Bildung des Geschmacks in öffentl Schulen’, 1770—1772] sich bloß auf das eine Mittel der Bildung des G-s, die Lesung der Alten, eingeschränkt hat .. würden wir vorzüglich gewünscht haben, daß er .. aus Blick auf die Natur, den G. zu bilden, geraten BA17,240 FGA ZufälligeGedanken [G/Merck] Auf den Character des Volcks, nicht auf den G. ist zu wirken. | Der Character ohne G. fühlt das Tüchtige, die Base aller Vollendung | Der G. ohne Character hält sich am letzten der Behandl [
ung], an der Oberfläche .. | Unsre Zeit hat G. aber keinen Character GWB42
2,419,7—14 Volksb histInh Schema [
die Muse zum Theaterpublikum:] Empfangt das Schöne, fühlt zugleich das Gute, | .. So nach und nach erblühet, leise, leise, | Gefühl und Urtheil wirkend wechselweise; | In eurem Innern schlichtet sich der Streit, | Und der G. erzeugt Gerechtigkeit GWB13
1,124 ProlBln 1821 Vs 225 Anstalt, wo .. Herr Seeger treffliche Gypsabgüsse vorzüglicher antiker und moderner Sculpturen .. verkauft .. geeignet .. den G. zu läutern und auf das wahrhaft Schöne zu lenken GWB49
2,264,12 Gipsabgüsse GWB48,18,14u23 Preise 1800 GWB47,367,27 ChalkogrGesDessau [G/Meyer]
uö iVbdg mit ‘verderben’, ‘sinken’, ‘verfallen’ uä insbes in Kennzeichnung einer Epoche (zT in Berührung mit 3e) Französche Trauerspiele .. Wie das so regelmäsig zugeht, und dass sie einander ähnlich sind wie Schue .. Unser verdorbner G. aber, umnebelt dergestalt unsere Augen, dass wir fast eine neue Schöpfung nötig haben, uns aus dieser Finsternis zu entwickeln .. Und ich rufe Natur! Natur! nichts so Natur als Shakespeares Menschen GWB37,133,10 ShakespTag Brustbild eines Jünglings .. die Arbeit ist mehr von guter Manier als vorzüglicher Kunst und Geist .. aus einer Zeit .. die dem Verfall des G-s nahe war Trunz/Loos 185 Sammlg antiker geschnSteine 1807 [G/Meyer] GWBB12,49,27 Schleusner 22.2.97 GWB49
1,291,20 Üb:Giotto,LaCena [G/Meyer]
uö d
speziell als kreatives Vermögen des Künstlers zu kunstgemäßer, auch: das kultivierte sinnl Empfinden befriedigender Gestaltung, gelegentl objektiviert als Qualität eines Werks; überwiegend in der bildKunst u (seltener) der Literatur; prägnant als (intuitiv) sicherer Geschmack u vereinzelt ‘der gute G.’ [
betr von künstlerischer Souveränität zeugende Unstimmigkeiten in Leonardos ‘Abendmahl’] wenn wir das Original vor uns hätten, würden wir darüber nicht queruliren; der unendliche G. (daß wir dieses unbestimmte Wort hier in entschiedenem Sinne brauchen), den Leonard besaß, wüßte hier dem Zuschauer schon durch zu helfen GWB49
2,18,26 Relief Phigalia Über dieses nimmt man bei Hackert eine beständige Thätigkeit des guten G-s oder wenn man will des Schönheitssinnes wahr .. man wird schwerlich ein Beispiel finden, daß er den Standpunct ungünstig gewählt, oder den .. Gegenständen eine solche Lage und Beleuchtung gegeben, daß der mahlerische Effect wesentlich dadurch gefährdet würde GWB46,350,7 HackertNachtr [Meyer] [
Gemälde von Memling] Etwas natürliches in der Handlung, mit Gefühl und unbewustem G. GWB34
2,34,13 KuA RheinMain Plp eine höchst glückliche Erfindung und eine dem Gedanken ganz gemäße, bequeme und leichte Ausführung. Wenn wir jenes einem glücklichen Naturell zuschreiben, so sehen wir in diesem einen durch vieles Nachdenken geübten G.
[] GWB47,227,11 Üb:Raphael,Christus u 12Apostel Das .. Seestück .. als Zeugniß daß von .. dem G. malerischer Anordnung in den Niederlanden noch genugsam übrig geblieben GWBB39,143,6 CarlAug 20.3.25 GWB36,307,28 AndenkAnnaAm 1807
uö im Verhältnis zu substantiellen Qualitäten wie ‘Bedeutung’, ‘Charakter’, wiederholt im Kontext mit ‘Anmut’ [
Streit üb die Relevanz von ‘Schönheit’ u ‘Charakter’ für ein Kunstwerk] daß freilich der Charakter jedem Kunstwerk zum Grunde liegen müsse, die Behandlung aber dem Schönheitssinne und dem G. anempfohlen sei, welche einen jeden Charakter in seiner Angemessenheit sowohl als in seiner Anmuth darzustellen haben GWB32,152,24 ItR~GWB49
2,271,31 ÜbAloisHirt Schema ein Kunstwerk sollte nicht nur ein bedeutendes, sondern auch zugleich ein schönes und gefälliges Werk sein. Wenn die Bedeutung besonders in tragischen Situationen eine unerläßliche Bedingung ist, so darf man den G., die Anmuth ebenso wenig vermissen GWB48,76,24 Kunstausstellung 1804 [Meyer/G] GWB27,212,25 DuW 8 Gespr(He2,329) Riemer 28.8.08
uö mit Betonung der zivilisierenden, regulierenden Funktion, auch im Verhältnis zu ‘Einbildungskraft’ u ‘Genie’ von den ersten nothwendigen Ur-Tropen .. bis .. zu den .. conventionellen und abgeschmackten .. daß von dem was wir G. nennen, von der Sonderung nämlich des [
ästhetisch] Schicklichen vom Unschicklichen, in jener [
der oriental] Literatur gar nicht die Rede sein könne GWB7,102,16 DivNot Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne G. GWB42
2, 175,9 MuR(507) Der G. ist dem Genie angeboren, wenn er gleich nicht bei jedem zur vollkommenen Ausbildung gelangt. Daher wäre freilich zu wünschen, daß die Nation Geschmack hätte, damit sich nicht jeder einzeln nothdürftig auszubilden brauchte. Doch leider ist der Geschmack der nicht hervorbringenden Naturen verneinend, beengend, ausschließend und nimmt zuletzt der hervorbringenden Classe Kraft und Leben GWB45,176,9 RamNeffeAnm Geschmack GWB1,353 Vier Jahreszeiten 107(235) [G/ Schiller]
uö e
als propagiertes od herrschendes (u bekämpftes) Kunstideal, verbindl Maßstab mit je unterschiedl, oft nicht (direkt) genannten Kriterien; mehrf im Kontext von G-s klassizist Kunsttheorie (als Orientierung an der antiken bildKunst bzw der ital Hochrenaissance), auch allgemeiner als Norm des Kultivierten, Regulativ des Naturalistischen; oft in personifizierenden Fügungen, häufig ‘der gute G.’, auch ‘der wahre G.’, ‘reiner G.’ Sonst leide ich viel der Kunst wegen .. kann ich mich nicht enthalten den guten G. zu predigen .. lernt man doch immer dabey, und sollte man auch nur .. erfahren, dass weitausgebreitete Gelehrsamkeit, tiefdenckende spitzfündige Weisheit, fliegender Witz und gründliche Schulwissenschafften, mit dem Guten G-e sehr heterogen sind GWBB1,181,28 u 182,6 Oeser 24.11.68 [
betr wohl letzte Arbeiten am Römischen Haus] Es will kein Mensch die gesetzgebende Gewalt des guten G-s anerkennen und weil er freylich nur durch Individuen spricht .. so verliert man sich in einer Breite .. des Zweifels, leugnet die Regel weil man sie nicht .. einsieht .. Die ewige Lüge von Verbindung der Natur und Kunst macht alle Menschen irre GWBB11,69,27 Meyer 20./22.5.96 die Werke des ältern Stils .. hatten [
bis ca 1790] .. keinen Einfluß auf die Ausübung der Kunst; niemand betrachtete sie als Muster, oder wähnte durch Nachahmung derselben den wahren G. zu erjagen GWB49
1,29,20 Neudt relig-patriotKunst [Meyer/G] Judas [
in der Kopie von Marco] .. das Profil ausgezackt, nicht übertrieben, keineswegs häßliche Bildung; wie denn der gute G., in der Nähe so reiner und redlicher Menschen kein eigentliches Ungeheuer dulden könnte GWB49
1,239,18 Bossi,Leonardo Abendmahl GWB46,298,10 Hackert GWB47,303,40 ÜbDilettantism Schema 1799 [Schiller/G]
uö iZshg mit öffentl Bildungsinitiativen, auch als (erreichtes od anzustrebendes) Geschmacksniveau einer Gesellschaft, Gemeinschaft Begrüße diese Stadt [
Weimar], | Die alles Gute pflegt .. wo der G. | Die dumpfe Dummheit längst vertrieb GWB13
1,166 Prol 6.10.94 Vs 32 Anfängern gleich bei den ersten Versuchen einen reinen G. einzuprägen und ihre Schritte zu den Werken der Natur und der Griechen zu erleichtern, seien die besten Werke Raphaels geeignet GWB48,130,17 Üb:Mannlich,Zeichenb GWBB37,30,4 Bülow 27.4.23 K
uö in einschränkenden, (selbst)krit u polem Äußerungen, meist gegen die (unreflektiert übernommene, rigide angewandte) Geschmacksdoktrin der Aufklärung; auch charakterisiert als ‘falsch’, ‘(allzu) ekel’ uä, einmal ‘der sogenannte gute G.’ In der Dichtkunst hatte er [
Behrisch] dasjenige, was man G. nannte, ein gewisses allgemeines Urtheil über das Gute und Schlechte, das Mittelmäßige und Zulässige; doch war sein Urtheil mehr tadelnd GWB27,132,27 DuW 7 Als ich das erstemal nach dem [
Straßburger] Münster ging, hatt’ ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntniß guten G-
s. Auf Hörensagen ehrt’ ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrenen Willkürlichkeiten gothischer Verzierungen GWB37,144,16 Von dtBaukunst 1773 Auf, meine Herren! trompeten Sie mir alle edle Seelen, aus dem Elysium, des sogenanndten guten G-s, wo sie schlaftruncken, in langweiliger Dämmerung halb sind, halb nicht sind GWB37,135,1 ShakespTag [
zu den Musen des Theaters] Auch das Gefolg, das um euch sich ergießt, | Dem der G. die Thüren ekel schließt, | Das leichte, tolle, scheckige Geschlecht, | Es kam zu Hauf, und immer kam es recht GWB16,138 MiedingsTod 150 Wir ergötzten uns als genießende Menschen an der Größe und der Pracht [
des Petersdoms], ohne durch allzu eklen und zu verständigen G. uns dießmal irre machen zu lassen, und unterdrückten jedes schärfere Urtheil. Wir erfreuten uns des Erfreulichen GWB30,221,20 ItR~GWBB8,64,1 Weim Freunde 22.11.86 B(32,492,5u7) Knebel? [März 90] K GWB45,172,2 RamNeffeAnm Geschmack
uö metonym für (klassische, klassizist) Kunstwerke u für schöne Literatur (od allg: Nahrung für geistige u ästhet Bedürfnisse) In Berlin ist nunmehr eine so große Masse guten G-s, daß der falsche Noth haben wird, sich irgend hervorzuthun GWB49
2,134,7 Üb:Klöden,Progr Gewerbeschulprüfg [
Dank für Wielands ‘Sokrates Mainomenos’] Vergnügen .. in dieser Franckfurter Hungersnoth des guten G-s .. wenn man ein neues Buch geschwind in die Hände kriegt GWBB1,229,6 Reich 20.2.70 Gespr(He1,516) Falk [24.6.]92 f
eine bestimmte, mehr od weniger ausgeprägte ästhetische, auch allgemein geistige Richtung od Mode α
vorherrschende Tendenz meist in einer Gruppe, Nation od Epoche; vereinzelt ‘herrschender G.’, einmal ‘jd ist in einem best G.’ dort [
bei der Münchner Oper] sind sie im moralischen G. .. der schlimmste für den
[] Künstler und der glücklichste für den Pfuscher GWBB7,137,3 Kayser 4.12.85 den Gedanken, die deutschen Stücke, die sich erhalten ließen, theils .. verändert und in’s Enge gezogen der neueren Zeit und ihrem G. näher zu bringen GWB35,82,15 TuJ 1799 Teppichfabrik [
in Hanau] .. deren Muster dem abwechselnden G. genug thun müssen GWB34
2,35,15 KuARheinMain Plp GWBB22,39,2 Hzgin vKurld 21.2.11 K GWB7,119,26 DivNot
uö die einem Künstler (od einer Schule) eigentümliche ästhet Grundrichtung werde ich mich eilen wo möglich die kleine Oper [
ScherzLR] fertig zu machen, nicht daß Sie gerade diese komponiren sollen; sondern nur damit wir sehen in wie ferne wir in G. und Grundsätzen überein stimmen GWBB18,22,21 Kayser [Ende 84] GWB36,329,1 Zu brüderlAndenk Wielands 1813 GWB49
1,293,16 Üb:Giotto,LaCena [G/Meyer]
uö Pl: von JHMeyer übernommene3) Karikierung des Titels ‘Darstellung u Geschichte des Geschmacks der vorzüglichsten Völker, in Beziehung auf die .. Baukunst’ von JFRacknitz (1796) Ehmals hatte man Einen Geschmack. Nun gibt es Geschmäcke; | Aber sagt mir, wo sitzt dieser Geschmäcke Geschmack? GWB5
1,209 Xen 27(407) GWBB11,55,17 Meyer 18.[4.]96
uö β
(Mach-)Art, Stil, Manier; fast ausschließl mit näherer Bestimmung, häufig ‘in/im .. G.’ [
Oeser] ein abgesagter Feind des Schnörkel- und Muschelwesens und des ganzen barocken G-s GWB27,154,19 DuW 8 [
Gartenkunst] Nachgeäffter englischer G. .. Chinesischer G. GWB47,311,15u17 Üb Dilettantism Schema 1799 [Schiller/G] [
Beaum:] fällt er [
Clavigo] auf den Gedanken, der Stadt Madrid das seiner Nation noch unbekannte Vergnügen einer Wochenschrift im G. [
genre] des Englischen Zuschauers zu geben GWB11,66,21 Clav II daß .. hier [
bei dem Tempel zu Pozzuoli] noch viel zu thun bleibe .. genaue Untersuchung der noch umherliegenden Trümmer, kennerhafte Beurtheilung des G-s daran GWBN10,196,26 ArchitNathistProbl GWB46,303,8 Hackert GWBT1,257,4 v 3.10.86
uö g
dem allgemeinen Ideal des Gefälligen, Kultivierten, Diskreten entsprechender Sinn (bzw das Geschick dazu), auch als geltende gesellschaftl Norm α
in der materiellen Lebenskultur, bes in der Mode, in Gebrauchskünsten, dekorativen Arrangements uä; vereinzelt auch in der wiss Darstellung; mehrf neben od iUz ‘Pracht’ uä Ferner verlange ich daß du .. den Putz mit G. wohl verstehest GWBB1,109,16 Cornelia [12.]10.67 Eben so [
wie die Gräfin] hatte die Baronesse das Mögliche gethan, um sich mit Pracht und G. anzukleiden GWB21,321,3 Lj III 12 Eine gewisse Verwegenheit der Farben und des Schnitts seiner [
des ‘Junkers’] Kleidung war durch natürlichen G. gedämpft GWB24,158,17 Wj I 9 [
Theater-]Decorateur .. der .. unsere kleinen Räume in’s Gränzenlose zu erweitern .. und durch G. und Zierlichkeit höchst angenehm zu machen wußte GWB36,101,8 TuJ 1815 das Werk [
eine wiss Edition] .. ist .. mit Gründlichkeit und gutem G. ohne prunkende Gelehrsamkeit verfaßt GWBB27,42,21 Voigt 2.6.16 GWB24,294,15 Wj II 4 GWBB25,135,13 Nicolovius [7.1.15] K GWBB39,114,14 CarlAug 14.2.25
uö β
im gesellschaftl u zwischenmenschl Umgang, auch speziell iSv Takt, Delikatesse, feine Lebensart u öfter als Merkmal des gebildeten Menschen (od einer Nation), mehrf ‘ein Mann, Personen von, voll G.’ G. = Euphemism. | Cultur der Sprache und Styl besteht in Ausbildung des Euphemismus. | Deutsche Derbheit diesem entgegen. | Nothwendig diplomatische und Weltausbildung GWB42
2,392 Plp Herrn Bendel .. den wir, wenn wir es nicht für unanständig und ein Wortspiel dem guten G-e ungenießbar hielten, kurz und gut Herr Bengel nennen .. würden GWB51,250,20 ThS III 10 war es mir höchst erfreulich, dieses Geschäft [
Archivierung der Korrespondenz von Hzgin Anna Amalia] in Ihren Händen zu wissen, das ebensowohl mit Einsicht und Treue als mit Vorsicht und G. zu behandeln ist GWBB44,219,2 Kanzl Müller [24.7.28] K Vier männliche Silhouetten .. 1. Reine Erkenntnißkraft ohne hohen Scharf- und Tiefsinn. Viel feine Beurtheilung, G., gefällige Sprache GWB37,344,13 PhysiognFragm Oeser war hier. Ich lerne ihn erst recht kennen. Ein Mann voll G. und Geist und stiller Künstler und Weltmanns Klugheit GWBB6,98,11 Knebel 21.11.82 GWB28,57,1 DuW 11 GWB27,240,19 DuW 9
uö h
(sicherer) Blick für weibl Schönheit (bei der Wahl einer Frau) [
Egm zum Sekretär:] Du zeigst einen guten G. Sie ist hübsch GWB8,214,3 Egm II GWBHermDor IX 79 GWBB19,164,5 ChStein 21.7.06 4
Neigung zu, Gefallen an etw; gelegentl im Spiel bzw (bei kulinar Genüssen) in Berührung mit der sinnl Bed (2) a
(für jdn typische) Vorliebe, Lust auf etw; öfter ‘nach jds G.’, vereinzelt ‘etw ist, bleibt jds G.’ u ‘G. für, zu etw’ [
Neffe:] Laster, die mir natürlich .. die nach dem G. [
goût] meiner Beschützer sind GWB45,63,21 RamNeffe Man liebt seine Freunde .. aber einem flüchtigen G-e .. irgend einer Grille genug zu thun sind wir .. zu bequem GWBB16,211,20 Eybenbg 4.4.03 [
Schüler:] Ein starkes Bier, ein beizender Toback, | Und eine Magd im Putz das ist nun mein G. GWBFaust I 831 die sonst gewöhnliche Accomodation [
bei Übersetzungen] .. wo man seinem Volke alles Mitzutheilende so nach G. und Gaumen zurichten und anrichten mußte, um einigermaßen dem Fremden Eingang zu verschaffen GWB41
2,282,3 SerbGed [
Reineke:] Fische gibt es .. die heißen .. | .. Pullus und Gallus .. | Das sind Fische nach meinem G. [
van mynen dyngen] GWBReinF VI 230 [
für: goût] GWB45,115,21 RamNeffe GWB27,183,27 DuW 8 GWBReinF III 49 Var
uö die generellen (wesensbedingten, lebensbestimmenden) Präferenzen einer Person, auch einer Gruppe Was konnte das sein, das meinen G. und meine Sinnesart so änderte, daß ich im zwei und zwanzigsten Jahre .. kein Vergnügen an Dingen fand, die Leute von diesem Alter unschuldig belustigen können GWB22,291,6 Lj VI Schöne Seele [
Neffe:] Eure [
der Philosophen] Art von Ehre verlangt eine gewisse romanenhafte Wendung des Geistes, die wir nicht haben, eine sonderbare Seele, einen eigenen G. [
goût] GWB45,56,23 RamNeffe GWB11,132,24 Stella I
uö b
Gefallen, Vergnügen an etw; meist in festen Verb-Vbdgn [
Fabrice:] Es thut mir gar wohl wieder so zu lieben und .. geliebt zu werden! Es ist doch eine Sache woran man nie den G. verliert GWB9,133,22 Geschw
uö ‘einer Sache (einen) G. abgewinnen’, ‘(einen .. ) G. finden, kriegen an etw’: den Reiz einer Sache entdecken, etw genießen, goutieren; auch mBez auf Eßbares, einmal im Bild Mein Sohn .. seine tägliche Unterhaltung deutet unablässig auf Ihren Unterricht, wodurch er dem Alterthum G. und Sinn abgewonnen GWBB32,199,6 Riemer 19.3.20 K Lobgesang auf Maria .. Auch diesem [
Gedicht] läßt sich vielleicht ein G. abgewinnen GWB40,345,5 Üb:Wunderhorn ein Fäßchen Caviar .. Sollten Sie .. diese wunderliche Speise nicht selbst lieben, so finden wohl Ihre Gäste G. daran GWBB11,33,16 ChKalb [16.2.96] “Warum magst du gewisse Schriften nicht lesen?” | Das ist
[] auch sonst meine Speise gewesen; | Eilt aber die Raupe sich einzuspinnen, | Nicht kann sie mehr Blättern G. abgewinnen GWB2,248 Sprichw 569 GWB28,116,2 DuW 12 GWBB2,154,5 Höpfner [Anf Apr 74] GWB21,52,4 Lj I 10~GWB51,178,18 ThS II 8
uö ‘etw gewinnt jdm G. ab’: etw schmeckt jdm gut das .. Product böhmischer Landwirthschaft [
ein Käse] .. Möge es Höchst Denenselben G. und Beyfall abgewinnen GWBB35,180,21 CarlAug 20.11.21 K
‘in den G. einer Sache kommen’ (nur bis ca 1800): seine Neigung, Lust zu, sein Gefallen an etw entdecken alle die kleinen Sachen .. mit denen ich mir das Leben würze, ich bin nun auch in den G. der Inschrifften/Epigramms gekommen GWBB5,313,11 Knebel 17.4.82 GWB22,16,2 Lj IV 2~GWB52,173,22 ThS V 12
uö → GWB
Abgeschmack GWB
Beigeschmack GWB
Halbgeschmack GWB
Kirchengeschmack GWB
Kunstgeschmack GWB
Künstlergeschmack GWB
Lieblingsgeschmack GWB
Un- GWB
Volks- GWB
Vor- GWB
Wohl- GWB
Zeit- GWB
abgeschmackt Syn zu 1u2
GWB
Schmack zu 2a
GWB
Geschmacksinn zu 3b
GWB
Schönheitsgefühl GWB
Schönheitssinn zu 3c
GWB
Gefühl GWB
Kunsturteil zu 3d
GWB
Anstand GWB
Kunstgefühl GWB
Schönheitssinn zu 3e
GWB
Kunstsinn GWB
Schönheitsprinzip zu 3f
GWB
Gusto GWB
Mode zu 3fα
GWB
Geschmacksrichtung zu 3fβ
GWB
Anstand GWB
Genre GWB
Manier GWB
Stil GWB
Weise zu 3gβ
GWB
Anstand GWB
Delikatesse GWB
Takt zu 4
GWB
Belieben GWB
Gefallen GWB
Lust GWB
Neigung GWB
Vergnügen GWB
Vorliebe 1) vgl die Artikel ‘Geschmack’ in HistWbPhilos 3 u HistWbRhetorik 3 sowie ebd den Artikel ‘Geschmacksurteil’ 2) vgl hierzu auch GvMolnár, G-s Kantstudien, 1994 3) vgl Meyer an G, 19.3.96: “das Werk von den allerley Geschmäcken” (Briefw G/Meyer, SchrGG32,214) Rose UnterbergerR.U.