Manier Das breite Bedeutungsspektrum folgt weitgehend der tradierten Wort- u Begriffsgeschichte1): Manier als stilsichere, kultivierte Lebensform (1) sowie als individuell charakteristische Art u Weise des Verhaltens (2a) bzw der intellektuellen Anschauung (2b). Im ästhetischen Bereich wird M. ganz überwiegend wertneutral als überhistorische Beschreibungskategorie zur Kennzeichnung einer (generativen) Schaffensweise (3a) bzw künstlerischen Technik (3b) gebraucht. Gelegentlich, bes in typologisierendem Zshg, zeigt sich eine qualifizierende Nuance; dabei ist der Begriff iUz zeitgenössischen Kunsttheorie nur selten eindeutig negativ konnotiert (3c). In der nachitalienischen Kunsttheorie Goethes erscheint M. ambivalent, insofern der subjektiven Darstellungsleistung des Künstlers ein auf Objektivität zielendes Stilideal übergeordnet wird (3d). Durch wechselnde Kontextualisierung u variierenden Begriffsgebrauch bleibt M. im engeren Sinne terminologisch unscharf u eher ein (vorläufiger) Arbeitsbegriff 1
Umgangsform, gesellschaftliches Benehmen, Auftreten; ‘von/mit guter M.’, ‘mit guten M-en’ iSv wohlgesittet, artig; auch mit dem Aspekt des äußeren Scheins; überwiegend pl Er [
der italienische Rechtsgelehrte u Literat GFLazzarelli] hatte anmuthige und gefällige M-en GWB41
1,73,11 DonCiccio [
mBez auf den Wundarzt] Seine M-en waren mehr rauh als einnehmend GWB22,44,7 Lj IV 6~52,199,5 ThS VI 1 eine Magd, die bei einer großer Dummheit alle M-en einer sich empfindsam zierenden deutschen Fräulein hat GWB19,257,26 BrSchweiz II [
Meerkatze:] Meine Kinder, betheuert’ er [
Reineke] hoch, er finde sie sämmtlich | Schön und sittig, von guter
M. GWB50,164 ReinF XI 283 GWB38,50 HanswurstsHochz 98 GWB8,176,1 Egm I GWB50,91 ReinF VII 7
uö prägnant ‘mit M.’ iSv mit Anstand, auf gute Art u Weise; einmal iSv glimpflich Daß doch die lieben kostbaren Deutschen nicht lernen etwas mit
M. zu sagen GWBB26,258,10 Eichstädt 12.2.16 [
Franz:] Wir .. überliessen ihnen das Schloss, und kämen mit
M. davon GWB39,114,8 Götz
1 III~8,112,26 Götz
2 III GWBB2,185,19 Sophie La Roche [20.?8.74] 2
typisches Gebaren, charakteristische Art und Weise; wiederholt mit spezifizierenden bzw wertenden Attributen a
Eigenart, auch Eigentümlichkeit des Betragens, Handelns; usuelle Verhaltensweise; überwiegend als Ausdruck eines Naturells, einer Wesensart; vereinzelt mit typisierender Nuance Nun mach ich ihnen [
den Veronesern] auch ihre M-en nach. Sie schlendern Z.E. alle im Gehen mit den Armen GWBT1,204,7 v 17.9.86 [
mBez auf die schöne Witwe] ihre zarte, schweigende, halbschweigende, halbandeutende
M. GWB24,289,23 Wj II 3 Sie haben .. die sehr grandiose
M. uns Ihre Gaben immer recht in Masse zu senden GWBB20,21,16 Bettine 24.2.08 Er [
der Graf] war ganz aus seiner
M. herausgegangen; von seinen gewöhnlichen Scherzen hörte man keinen GWB21,317,6 Lj III 12 Sie [
Fahlmer] beschämte uns .. durch ihre Geduld mit unserer grellen oberdeutschen
M. GWB28,282,11 DuW 14 GWBB17,253,20 Zelter 29.1.05 GWBB1,124,28 Behrisch 24.10.67 GWB22,16,1 Lj IV 2~52,173,21 ThS V 12 GWBB51,134 Voigt 30.3.98
uö ‘französische, italienische M.’; in sexueller Anspielung GWB44,93,1 Cell III 7
‘etw in spanischer M. sagen’ iSv großsprecherisch GWB43,63,23 Cell I 4
iSv (vorsätzlich eingenommene od demonstrativ ausgestellte) Haltung, Einstellung; auch iSv Attitüde, Rollenspiel; vereinzelt unter Einschluß von 2b um eine großthuige verachtende
M. gelten zu machen, besitzt er [
JWArchenholtz in ‘England u Italien’, 1785/87] viel zu wenig Kenntnisse und stolpert lobend und tadelnd GWB30,229,8 ItR ist der entscheidende Ton und die
M., womit man sich das Ansehn eines umfassenden Geistes zu geben denkt, in dem Kreise unserer Kritik nichts weniger als neu GWB40,196,12 LiterarSansculottism daß er [
Serlo] .. sich angewöhnt hatte, im Gespräch .. den Sophisten zu machen .. Besonders gebrauchte er diese
M. gegen Wilhelm GWB22,120,6 Lj IV 18 GWB23,226,11 Lj VIII 6 GWB33,198,21 Camp GWBB17,217,13 Eichstädt 21.11.04
uö iSv (bewußt geführte) Lebensweise nun ist mein Münchner Pensum auch absolvirt .. ich richte mich eilig ein, und will und muß nun einmal diese
M. versuchen, um von der alten hockenden und schleichenden ganz abzukommen GWBT1,153,3 v 6.9.86 b
(intellektuelle) Anschauungs-, Behandlungs-, Verfahrensweise; auch iSv wiss Methode; wiederholt in polemischem Zshg (bes ‘Farbenlehre’) Fortdauernde scholastische
M. GWBN5
2,270,18 Fl Plp [
mBez auf JChPErxlebens ‘Anfangsgründe der Naturlehre’] Er trägt .. die Newtonische und Eulersche Lehre in der bösen, halb historischen, halb didaktischen
M. vor, die .. immer noch eine Hinterthüre findet, wenn die Lehre auch falsch befunden würde GWBN4,183,19 FlH VI Dt gelehrteWelt ist die zerstückelte
M. zu erkennen, womit die Societät .. verfuhr und die Wissenschaften verspätete GWBN4,5,6 FlH VI Birch [
Serlo:] Ich kenne das Abscheuliche dieser
M. [
Zusammenstreichen eines Textes] GWB22,156,28 Lj V 4 GWBB8,66,17 ChStein 24.11.86 GWBN2,218,14 FlP 476 GWBB19,446,9 Cotta 1.11.07 GWBB51,242 Cotta 20.9.08
uö auf individuelle Argumentationsstrategien bzw Diskurstechniken bezogen; auch iSv (musikalische) Vortragsweise [
betr ‘Wider Mendelssohns Beschuldigungen’] alles Leidenschafftliche dabey kann ich nicht billigen .. Je knapper ie besser. Du wirst sagen es ist meine
M., ieder hat die seine GWBB7,212,20 Jacobi 5.5.86 Spötter .. welche diese weiche und .. entnervende
M. [
Gellerts in seinen “Moralischen Vorlesungen”] uns verdächtig zu machen wußten GWB27,128,18 DuW 7 Erlaube mir diese wunderbar hin- und herspringende
M., es gibt sonst kein Gespräch und keine Unterhaltung GWBB48,5,2 Zelter 6.11.30 wie du am Schlusse [
der Abhandlung ‘Über die Lehre des Spinoza’] mit dem Worte glauben umgehst, dir kann ich diese
M. noch nicht passiren lassen GWBB7,110,17 Jacobi 21.10.85 eine der mißwollenden Kritik nicht fremde
M., den Autor herabzuwürdigen GWB41
2,131,18 Üb:Salvandy,DonAlonzo GWBN5
2,302,33 Fl Plp GWBB14,156,25 Schiller 17.8.99 GWB32,349,18 ÜbItal Volksgesang
uö 3
im ästhetischen Bereich a
für einen Künstler, eine Zeit od Nation charakteristische Art und Weise der Kunstausübung; Stilkonvention; sehr oft durch Adjektive u Namenszusätze präzisiert; öfter ‘in, nach .. M.’, auch ‘sich einer bestimmten M. bedienen, eine bestimmte M. nachahmen’: auf den Individualstil, die persönliche Handschrift eines Künstlers bezogen; wiederholt selbstreflexiv; auch (wertend) ‘große M.’ was doch alles schreibens anfang und Ende ist die Reproducktion der Welt um mich, durch die innre Welt die alles .. in eigner Form,
M., wieder hinstellt GWBB2,187,2 Jacobi 21.8.[74] Lass sie [
beiliegende Manuskripte] nur wenige sehn, und nur keinen prätendirenden Schrifftsteller, die Buben haben mich von ieher aus- und nachgeschrieben und meine
M. vor dem Publiko stinckend gemacht GWBB4,300,1 Lavater [etwa 20.9.80] Das Landschäfftgen [
Landschaftsgemälde] gefällt mir recht wohl, du hast würcklich etwas von der Oeserischen
M. erhascht und recht glücklich angewendet GWBB7,106,18 ChStein 7.10.85 Auf dem Theater .. wäre in dem gegenwärtigen Augenblick manches zu thun, aber man müßte es leicht nehmen und in der Gozzischen
M. tractiren GWBB12,229,8 Schiller [12.]8.97 so fuhr ich fort, mich nach der schönen
M. des Michelagnolo zu bilden GWB43,39,5 Cell I 3 GWBN12,141,25 Nathist Abbildungen [dAlton] GWB32,147,17 ItR GWB47,378,17 DresdnGalerie Gespr(FfA II 12,87,1) Eckerm 22.2.24
uö mit zeitlicher Komponente, in Kennzeichnung einer (durch bestimmte ästhetische Prinzipien geprägten) Schaffensperiode; wiederholt ‘alte, neue M.’ [
betr Überarbeitung von Texten im Zshg mit Ausgabe der ‘Schriften’] indem ich gezwungen bin, mich und meine jetzige Denckart, meine neuere
M., nach meiner ersten zurückzubilden .. so lern’ ich mich selbst .. recht kennen GWBB8,241,27 CarlAug 11.8.87 daß er [
GChBeireis] von den größten namhaften Künstlern drei Stücke besitze, von der ersten, zweiten und letzten
M. GWB35,216,3 TuJ 1805 GWB49
1,29,26 Neudt relig-patriotKunst [Meyer/G]
uö in typologisierendem Zshg; vereinzelt mit qualifizierender Nuance; auch iSv überindividueller Stil, Gesamtheit der für eine Region od Schule charakteristischen Stilmittel (unter Einschluß von 3b) Die Bilder von Titian wundernswürdig wie sie der alten deutschen holbeinischen
M. nah kommen GWBT1,236,17 v 26.9.86 sende ich einige Epigramme, sie neigen sich mehr nach der Martialischen als nach der bessern griechischen
M. GWBB9,234,7 Körner 21.10.90 die
M. des französischen Tragischen Theaters GWBB13,133,15 Schiller 2.5.98 Versuch einer kleinen Operette [
‘Scherz, List u Rache’] .. die ich angefangen habe um einen deutschen Komponisten der italienischen
M. näher zu bringen GWBB18,22,5 Kayser [Ende 84] GWB29,167,21 DuW 20 GWBN3,376,23 FlH V Gesch dKolorits [Meyer] GWB41
1,25,25 Anz:Hackert GWB47,360,34 Üb:Frz satirKupferst GWB34
1,246,27 Reise Schweiz 1797 [G/Eckerm]
uö b
(handwerklich-)künstlerische Technik, (vom Material bestimmte) Formgebung; überwiegend mBez auf bildkünstlerische Verfahren; wiederholt ‘punktierte, geritzte M.’; auch ‘eine M. ausüben, gebrauchen’ Kaaz [
Landschaftsmaler] .. unterrichtet uns in einer Art von Mittelgouache, einer gar hübschen und heitern
M. GWBB20,149,14 Meyer [17.8.08] die
M., wie lavirt zu ätzen GWBB8,309,21 FStein 18.12.87 von der damals noch nicht allgemein bekannten
M., sich der Leimfarben bei’m Mahlen zu bedienen GWB46,112,13 Hackert JgdlAnfänge [
betr Wachsmalerei] eine artige
M. Zimmer auszuzieren GWBB8,95,18 ChStein 14./16.12.86 GWB47,356,19 Üb:Frz satirKupferst GWB48,26,19 KurzgefMiszellen GWB47,250,13 Gutachten übAusbild jgMalers GWBB13,227,27 Schiller 25.7.98
uö iSv Machart, (poetische) Behandlungsweise; auch iSv Form, Gattungseigenschaft bin ich bereit .. zu einer ernsthaften Oper zu helfen, über deren
M. wir uns zum voraus vergleichen müßen GWBB7,185,15 Kayser 28.2./1.3.86 Ich binn recht fleissig und wenns glück gut ist kriegt ihr bald wieder was, auf eine andere
M. GWBB2,97,4 Kestner [Mitte Jul 73 Korr DjG 3,50] Dialogirte Vorstellungen des übertriebenen Abgeschmackten in der französischen Nation, ohne .. komische
M. GWB38,347,6 FGA Théâtre [G?] Quodlibets
M. sehr geschickt indirect zu bitten GWB7,307 DivNot Plp GWBB12,245,12 Schiller 16./17.8.97 GWBB5,285,8 ChStein 20.3.[82] GWB48,25,5 Kunst inDeutschland
uö c
pejor akzentuiert: auf handwerkliche Virtuosität, repetitive Technik beschränkte Kunstausübung; (die Naturwahrheit vernachlässigende) Künstelei, Manieriertheit; auch ‘kleine, falsche M.’ u ‘eine M. annehmen’ als er [
Cellini] sich schon zur
M. hinneigte, wo das Subject, ohne sich um Natur oder Idee ängstlich zu bekümmern, das was ihm nun einmal geläufig ist mit Bequemlichkeit ausführt GWB44,352,19 CellAnh XII [
betr Modellzeichnen als Kern der Akademieausbildung] während diesen sieben .. Jahren nimmt man in der Zeichnung eine
M. an; alle diese akademischen Stellungen, gezwungen, zugerichtet, zurechtgerückt .. was haben sie mit den Stellungen .. der Natur gemein GWB45,272,12 Diderot,Malerei Zeichng junge Schauspieler .. in einer gewissen natürlichen Gesetztheit .. die alle
M. ausschließt GWB36,5,8 TuJ 1807 GWB45,307,8 Diderot,Malerei Farbe GWBB15,63,7 Schiller 4.[5.]00
uö(selten) d
als kunsttheoretischer Terminus in spezifisch Goethescher Verwendung2): (von der Individualität des Künstlers, nicht primär vom Gegenstand bestimmte) subjektive Darstellungsweise; in der Typologie künstlerischer Schaffensweisen eine legitime, aber begrenzte Zwischenstufe (von der ‘einfachen Nachahmung’ zum ‘Stil’) kennzeichnend; auch mit qualifizierender bzw polemischer Nuance M. | Maxime des Künstler-Indiv. | In den Gebilden der Natur erscheint zuerst das Individuelle, das heißt man sieht zuerst das Individuum, und der Charakter, das Allgemeine, die Idee erscheint erst darauf Gespr(He2,431) Riemer 5.3.09 Wenn wir .. die
M. betrachten, so sehen wir, daß sie im höchsten Sinne und in der reinsten Bedeutung des Worts ein Mittel zwischen der einfachen Nachahmung und dem Stil sein könne. Je mehr sie bei ihrer leichteren Methode sich der treuen Nachahmung nähert, je eifriger sie von der andern Seite das Charakteristische der Gegenstände zu ergreifen und faßlich auszudrücken sucht, je mehr sie beides durch eine reine, lebhafte, thätige Individualität verbindet, desto höher, größer und respectabler wird sie werden GWB47,83,1 Nachahmg, Manier,Stil Das Resultat einer echten Methode nennt man Stil, im Gegensatz der
M. .. Die
M. .. individualisirt .. noch das Individuum GWB45,310,24 u 311,1 Diderot,Malerei Farbe Daß man uns in unsern Arbeiten [
betr ‘Die Teilung der Erde’ u ‘Literarischer Sansculottismus’] verwechselt, ist mir sehr angenehm; es zeigt daß wir immer mehr die
M. los werden und ins allgemeine Gute übergehen GWBB10,355,3 Schiller 26.12.95 Solange er [der Dichter] bloß seine wenigen subjektiven Empfindungen ausspricht, ist er noch keiner zu nennen; aber sobald er die Welt sich anzueignen und auszusprechen weiß, ist er ein Poet. Und dann ist er unerschöpflich .. wogegen aber eine subjektive Natur ihr Bißchen Inneres bald ausgesprochen hat und zuletzt in
M. zu Grunde geht Gespr(FfA II 12,170,4) Eckerm 29.1.26 GWB47,83,17 Nachahmg,Manier,Stil GWBB12,83,11 Schiller 5.4.97 GWBB13,53,24 Schiller 3.2.98 Gespr(FfA II 12,813,22) Eckerm 25.2. 25
uö e
in der Musik: melodische Verzierung durch ausführenden Musiker Wie verschieden kann der Sänger eine einzige haltende Note, einen einzigen Gang ausdrüken .. wenn er Methode hat und abwechselnde M-en mit Geschmack anzuwenden weiß GWB51,222,21 ThS III 6 f
mBez auf tänzerische Darbietung iSv Pose, Stellung GWB45,150,20 RamNeffe Christiane Schulz Ch.S.