zwirn,
m. ,
zweifach zusammengedrehter faden. erst in mhd. zeit belegt; ahd. gezwirnôt
s. zwirnen.
zu erschlieszen ist germ. *twizna- '
doppelt'
aus idg. *dis-no- (
lat. bīnī).
zugrunde liegt das zahlwort idg. *dis '
zweimal',
vgl. Walde-Pokorny 1, 820
und Falk-Torp 2, 1303; 1304.
während das inlautende germ. z
in hd. r
übergeht (
vgl. ahd. zwirnôn,
mhd. zwirn,
auch mnd. und mnl. twern)
und sich im nordischen die verbindung zn
zu nn
assimiliert (
vgl. an. tvennr, tvinnr '
doppelt', tvinna-þráðr '
zwirn',
isl. tvinni '
bindfaden'),
ist die entwicklung von germ. zn
im ags. ungeklärt; doch kommt für ags. twīn '
leinen, zwirn',
engl. twine '
bindfaden'
und nl. twijn '
zwirn'
auch eine grundform *twīna- (
lit. dvynaĩ '
zwillinge',
vgl. ahd. zuinal '
geminus')
in betracht, s. Brugmann
die distribut. u. koll. numeralia (1907) 31, Franck v. Wijk
etym. wb. 715
b und Weyhe
in PBB 30, 55
ff. im nd. ist der vokal der stammsilbe in der stellung vor r +
dental in der üblichen weise zu e
gebrochen, gedehnt und teilweise weiter zu E
gesenkt, s. Lasch mnd. gramm. §§ 61
u. 62; Sarauw
lautlehre d. nd. maa. (1921) 125; Teuchert
laut- u. flexionslehre 34; Martin
Waldeck 24
usw.; im nd. wird der stammvokal verschiedentlich unter schwund des r
diphthongiert: tvēan, tvan Mensing
schlesw.-holst. 5, 218; twEan
Bock nd. auf dän. substrat 20;
ferner in Mecklenburg u. Pommern. twean
Elberf. ma. 167
a; twian Leithäuser
Barmen 162
b;
dazu auch: tweern
brem.-ns. wb. 5 (1771) 143; Doornkaat Koolman 3, 455
a; Böning
Oldenburg 120.
zum vorgang vgl. Bock
a. a. o. und Leihener
Cronenberg § 81.
im moselfränkischen gebiet schwand -n
in der auslautsverbindung -rn,
s.zwer Christa
Trier 226
a; zwîr
luxemb. ma. 512
b; zwir Follmann
dt.-lothr. maa. 563
b.
derselbe vorgang bei gleichzeitiger vokalisierung des r
in der form tsvīə,
s. Müller-Wehingen
dialektgeogr. d. Saargeb. (1930) 13. 11)
der aus zwei (
oder mehreren)
strängen gedrehte faden; dwinum zwirn, zwiren, ztwirn, zwern, zwierm, twern Diefenbach
gl. 193
c;
twinum czwirn (1420)
lat.-dt. voc. 3082
Schröer. 1@aa)
lexikalische zeugnisse bringen fast durchgängig die grundbedeutung des doppelt gedrehten garnfadens zum ausdruck: tweern
filum duplex Kilian
etym. dict. (1605) 572
a; zwirn, gezwirnt garn
du filet retors, filum tortum vel duplicatum Duez
dict. (1664) 2, 743
b; zwirn,
quasi zweygarn
linum netum alias duplarium Stieler
stammb. (1691) 2662; zwirn
dà zwey,
quasi zweygarn
filo doppio e torto Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1500
a; zwirn
ist ein von flachs gesponnener und starck gedreheter doppelter faden Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 2174; Zincke
öcon. lex. (1744) 3389;
allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 813;
Noel Chomel öcon. u. phys. lex. (1750) 8, 2459.
auch bei der beschreibung des herstellungsverfahrens wird naturgemäsz auf den vorgang des zusammendrehens hingewiesen: die drehungsrichtung des zwirnes musz entgegengesetzt der drehungsrichtung der garne sein, aus welchen er gebildet ist Karmarsch-Heeren
techn. wb. 11 (1892) 527. 1@bb)
wie lange die grundbedeutung des zweifach gedrehten beim gebrauch des wortes noch lebendig war, läszt sich kaum bestimmen; zwirn
steht vielmehr für den (
gedrehten)
faden überhaupt, vgl.: wir wullin ouch nicht gestaten, daz ymant smale lynwad, rohen golczsch noch zcwern noch keynerleige garn uz unsern landen fure, unser bleiche zcu Kempnicz zcu schadin (1390)
urk.-buch d. stadt Chemnitz 50
Ermisch; item VI dossin Collens twernes (1404)
lübeck. urk.-buch 5, 102; zwirn, garn
filo, refe Hulsius
t.-it. (1605) 165; zwirn
filum Schottel
haubtspr. (1663) 1450; zwirn
filum, filamentum Steinbach
wb. (1725) 444; (
man) drehet den zusammengelaufenen faden oder zwirn auf die spindel
allg. öcon. lex. (1731) 2796; zu Lille und Valenciennes macht man eine menge zwirn von vielen graden der feinheit Schedel
waarenlex. (1863) 585
a; legt man zwei oder mehr fäden parallel nebeneinander (duplieren) und dreht sie dann um ihre gemeinsame achse so, dasz auf jede längeneinheit die gleiche zahl von windungen kommt, so bezeichnet man das erzeugnis als zwirn Glafey
spinnen u. zwirnen (1928) 11.
man kann in dem sorgfältigen hinweis der wbb. auf die zweizahl (
s. o. 1 a)
eine gelehrte bemerkung vermuten und (
wie bei zwirnen,
vb., s. u.)
annehmen, dasz in der allgemeinen verwendung des wortes die etymologie verdunkelt ist. ausdrücklich von drei- oder mehrfädigem zwirn
sprechen nur späte belege, und erst sie beweisen durch die möglichkeit solcher bildungen mit sicherheit, dasz das wissen um die verwandtschaft des wortes mit zwei
nicht mehr geläufig war: die zahl der im zwirne vereinigten garnfäden ist verschieden Prechtl
techn. encycl. 25 (1869) 471; zwirne aus 3 und auch direkt aus 4 garnfäden zusammengedreht kommen vor
ebda 484; die feinheit des zwirns wird durch angabe der nummer und der zahl der fäden ausgedrückt Karmarsch-Heeren
techn. wb. 11 (1892) 528; zwirn, ein durch das zusammendrehen mehrerer einzelfäden (garne) gebildeter faden, der nach der anzahl dieser fäden als zwei-, dreifach usw. oder zwei-, dreidrähtig bezeichnet wird
gr. Brockhaus (1928) 20, 754
a; dreedrahten twern
starker zwirn von 3
fäden Mensing
schlesw.-holst. 5, 218. 1@cc)
der plural zwirne
erscheint nur selten, und dann in der bedeutung '
zwirnarten, zwirnsorten': in den westlichen und mittlern gebieten des zollvereins werden besonders viele zwirne aus Belgien und England eingeführt Schedel
waarenlex. (1863) 586
b; zu den in der weberei verwendeten zwirnen gehören die groben sorten Prechtl
technol. encycl. 25 (1869) 489; zwirnt man ungleichartig gedrehte garne oder zwirne zusammen, ... so dreht sich der eine faden oder zwirn auf Glafey
spinnen u. zwirnen (1928) 146. 22) zwirn
in verarbeitetem zustand, bzw. als ausgangsprodukt späterer verarbeitung. 2@aa)
als materialangabe, stoffbezeichnung: waz ich ye für seyden bant, daz waz tzwirm Suchenwirt 147
Primisser; en rik man, de kledede sik ... bynnen myt wytteme weken klede van lynneme tweerne
hs. d. 15.
jhs. bei Schiller-Lübben 4, 641
a; und got der wirt in darumb plagen, das ich in meynen alten tagen enpern sol einer jungen dieren, die mir spn in das hausz den zwieren czu hemden und zu leinlachen
pfarrer v. Kalenberg 46, 934
ndr.; dabey traget er einen von blauen zwirn gewirckten ordensband (1716)
Berliner geschrieb. ztg. 7
Friedl.; ferner musz hierzu ein inngarn von gutem festen zwirn gestrickt werden Döbel
neueröffn. jägerprakt. (1754) 238; ich kenn es (
das band) gar zu gut. ich trug es um die stirne. der eintrag war von garn, der boden war von zwirne Gellert
s. schr. (1784) 3, 443; der feinste leinene zwirn wird zum spitzenklöppeln gebraucht Herfort
allg. waarenlex. (1856) 615
b; der gesponnene flachs (zwirn) wird nur noch selten zu netzen benutzt, er ist durch die viel billigere baumwolle ersetzt Seligo
d. fanggeräte (1914) 2; in einem weiszen kleid mit schwarzem umhang, halbhandschuhen aus zwirn und einer hohen capotte Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 9. 2@bb) zwirn
in vernähtem zustand: ermel unde mueder sint gesteppet; mit rotem zwirn sint diu irn gollier uf gereppet
in: minnesinger 3, 191
a v. d. Hagen; wer etwas an sich trägt, das mit christnachts gesponnenem zwirn genäht ist, an dem haftet kein ungeziefer
hwb. d. dt. aberglaubens 8 (1936-37) 1423. 33)
in breiter verwendung erscheint zwirn
als elementarer gegenstand des allgemeinen, täglichen bedarfs; vgl. die lexikalisch verzeichneten verbindungen zur bezeichnung gebräuchlicher masze: ein strang zwirn
fasciculus filorum Stieler
stammb. (1691) 2663;
una matassa di refe Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1500
b; ein strang oder sträne zwirn
a skain of thread Ludwig
t.-engl. (1716) 2669; kneuel zwirn
glomus Stieler
stammb. (1691) 2663;
un gomitolo di refe Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1500
b;
a bottom of thread Ludwig
t.-engl. (1716) 2669. 3@aa)
in urkunden häufig und früh als industrie- und handelsprodukt gebucht: ind sowilcher zwirn wirket, de gilt dubbel boisse (1397)
Kölner zunfturk. 1, 31
Loesch; item 8 scot vor boumwolle vor weitgarn vor weis zwirn (1402)
Marienburger tresslerb. 254
Joachim; 70 pfd. luters czwirens. kummt umb 5 pfd. umb 1 gulden (1446) Ott Ruland
handlungsb. 2
lit. ver.; eyn vat mit twern, kopper vnde anderen guderen (1460)
lübeck. urk. buch 9, 919; man bleichet garn, zwirn und leinwath (
ca. 1570)
haush. in vorwerken 252
E.-W. 3@bb)
literarische zeugnisse verwenden zwirn
als notwendigen haushaltsbedarf. eine bedeutungsdifferenzierung zu garn, faden
o. ä. will im allgemeinen nicht getroffen werden, zwirn
bezeichnet lediglich '
nähmaterial': gab seiner frawen gelt, sy solt im zwirn kauffen Wickram
w. 3, 22
lit. ver.; noch einmahl schickt er sie nach zwürn da brachte sie dagegen bürn Voigtländer
oden u. lieder (1642) 88; ihr zwirn, darmit sie die kleider nehen, ist von sehnen und adern gemachet Olearius
pers. reise-beschr. (1696) 81; er misset mir den zwirn mit ellen, zehlet mir die neh- und stecknadeln, wieget mir auch das brot und butter zu
Leipz. avanturieur 1 (1756) 176; und ging ein kleines altes nähkörbchen holen, in welchem ein nadelkissen und einige knäulchen zwirn lagen G. Keller
ges. w. (1889) 7, 139; geh, hol fer zehn fennig zwirn beim koofmann G. Hauptmann
biberpelz (1893) 84; die Livländer legten ihren toten käse, brot, zwirn, geld bei, damit sie auf der reise nicht notleiden
hdwb. d. dt. aberglaubens 4 (1931) 1053.
vielfach in der verbindung nadel und zwirn,
die als fester begriff das wesentliche nähgerät bezeichnet und damit auf den vorgang des nähens hinweist; vgl. nadel und zwirn
filum acu trajectum Stieler
stammb. (1691) 2663; eine nadel mit zwirn
a needle threaded Ludwig
t.-engl. (1716) 2669: o nimm doch zwirn und nadel hin, geliebte schwester Lüttmannin, und mache noch einmal boucletten Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 185; (
sie) forderte bei ihrer zuhausekunft nähnadel und zwirn und vernähte damit sorgfältig den bisamapfel in das unterfutter des kleides Musäus
volksmärchen 4, 45
Hempel; kurz, in den nächsten acht tagen werden und dürfen keine andern gedanken durch meinen kopf fahren als nadel, zwirn, bügeleisen, bindfaden und dergleichen mehr nützliche als poetische dinge (1837) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 211
Schulte-K.; die glücklichen wesen, welchen materiell kein augenblick verloren geht, den sie nicht benutzen können, wie man nadel und zwirn, waschwasser
u. dgl. benutzt (1843) G. Keller
br. u. tageb. 2 (1916) 103
Erm.; sie ... stopfte verbandmull, ein fläschchen mit jod, schere, nadel und zwirn in ihre henkeltasche Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 236.
sprichwörtlich: sachen, nadel und zwirn sind ein kleid Hippel
lebensläufe (1778) 1, 195; zwirn und eine nadel, das ist das halbe kleid Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677. 3@cc) zwirn
als täglicher gebrauchsgegenstand führt zu verschiedenen sprichwörtlichen redensarten (
vgl. auch die übertragenen wendungen unter 5): wenn man zwirn näht, wird er kürzer Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; Rother
sprichw. u. redensarten (1928) 138; die freundschaft hat einen risz ins lebendige und läszt sich nimmermehr zusammennähen. geflickt war sie schon lange — na, wenn man mit zwirne näht, wird er kürzer Holtei
erz. schr. (1861) 23, 38; zwirn wickeln
auf dem ball sitzen bleiben Hertel
Thür. 268; sie hat blauen zwirn feil
von einem mädchen, das zum tanz gegangen ist, aber nicht dazu aufgefordert wird Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; Spiess
Henneberg 296; Bauer-Collitz
Waldeck 106; tanzt nu goer mei schatz mit mî, ... sätz tut hä, es wäll hä gleich all die wenn naus renn. doe es nachbers Greätebärb, traurig sitt se zu, zwern fael hat se tak o nacht, jêder läszt s'en ruh (
frk.-henneberg. ma.)
bei Frommann
dt. maa. 2 (1855) 270;
als harmloser fluch: du himmelblauer zwirn! Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; schwerenot und zwirn, der mensch der kann sich irrn! Zoozmann
zitatenschatz (1911) 1707.
zahlreiche weitere sprichwörtliche wendungen s. bei Wander
a. a. o. 3@dd)
in der volkstümlichen bezeichnung meister zwirn
für den schneider, vgl. Günther
gaunerspr. (1919) 86; Gottschald
personennamen in: Maurer-Stroh
dt. wortgesch. 3, 210; meister twern Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 218;
dazu auch zwirnschani
schneiderlehrling Jakob
Wien 233
b. 44)
der gedanke an beschaffenheit und länge des zwirns, an seinen fadenartigen charakter beherrscht die bedeutung. 4@aa)
zur bezeichnung eines (
dünnen)
fadens schlechthin: sie (
anrede) hätten ... das paketlein blosz mit einem zwirn oder kreuzband umwickeln sollen (1883) G. Keller
br. u. tageb. 3 (1916) 422; gab man ihm eine anzahl streichholzschachteln, ein wenig steifes papier, ein biszchen zwirn, ... so machte er daraus die halbe welt H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1928) 303; zwei ringe, sagst du ihm, da ist das masz, diese beiden knoten in dem zwirn Waggerl
mütter (1935) 173.
im bildlichen vergleich dünn wie zwirn,
scherzhaft: ich bat ihn leise, mir zu sagen, wer der gefällige mann sei dort im grauen kleide. — dieser, der wie ein ende zwirn aussieht? der einem schneider aus der nadel entlaufen ist? Chamisso
w. (1836) 4, 241.
vgl. unten: dünn wie ein zwirnsfaden. 4@bb)
dichterisch für '
schicksalsfaden': oft haben stürmende affekte den weichen zwirn herumgezerrt, oft riesenmäszige projekte des fadens freien schwung gesperrt Schiller 1, 235
G. (
an die parzen);
von daher beeinfluszt: wer zog den nerv im weltgehirne? du! wer hält das all an diesem zwirne? du! Platen
ges. w. (1843) 2, 9. 4@cc)
der verworrene, verfitzte faden führt zu sprichwörtlichen wendungen: ich will diesen verwirrten zwirn nicht aufwickeln
von einer sehr verworrenen angelegenheit Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; wer wirren zwirn ordnen will, musz sich zeit nehmen
ebda 677.
bildlich (
vielleicht in anlehnung an die sage vom Ariadnefaden): er ... hatte, bey seinem nachforschen durch die häufigen krümmungen und wendungen eines liebhabers dornigten pfades, ein manches ehrliches verworrnes bind zwirn abzuwickeln gefunden Bode
Tristram Schandi (1776) 4, 67. 55)
das wort zwirn
in seiner bezeichnung eines elementaren stoffes der lebenshaltung (
vgl. o. 3)
gewinnt in zahlreichen verbindungen und wendungen, die als allgemeine redensarten verbreitet sind, bildliche oder übertragene bedeutung. 5@aa)
ausgehend von der vorstellung des langen, sich zumal beim spinnen oder beim abwickeln kontinuierlich fortsetzenden fadens, tritt zwirn
umgangssprachlich und ironisch für dinge und begriffe ein, die '
gesponnen', '
abgewickelt', '
entwickelt'
werden; vgl. das scherzhafte schulmeisterzwirn
langes orgelvorspiel Müller-Fraureuth
obersächs. maa. 2, 722
a.
auch: he spinnt twern
er schnarcht Mensing
schlesw.-holst. 5, 218; die katze spinnt zwirn
schnurrt Albrecht
Leipzig 243
b;
vgl. zwirnen 2 c. 5@a@aα) zwirn spinnen
gedankenarbeit tun, s. Heyne
wb. 3, 1462: habe die nacht durch manches knäulgen gedancken zwirn auf und abgewickelt Göthe IV 3, 46
W. zwirn
für '
gedanken'
überhaupt: das mag gott wissen, was der kerl für zwirn im kopfe hat: ich verstehe kein wort davon Musäus
physiogn. reisen (1778) 1, 63; o, sprach der vater, die hat zwirn im kopf (
ist gescheit)
kinder- u. hausmärchen 1, 162
Reclam. zugleich mit abwertender bedeutung: egal schlimmen zwirn haben
verdacht, argwohn haben Müller-Fraureuth
obersächs. maa. 2, 722
a;
grämlichkeit, üble laune, verstimmung Unger-Khull
steir. 661
a.
vereinzelt tritt zwirn
auch für die ergebnisse der gedankentätigkeit ein: herr gevatter, was machen sie für zwirn? Gotter
schausp. (1795) 291; blauer zwirn
lustige einfälle Campe 5, 972
b; Kaltschmidt
wb. (1834) 1108
a; zwirn machen
böse streiche ausführen Hertel
Thür. 268; zwirn mach
bezeichnet die listigen und lustigen streiche, mit denen man sich die gunst der menschen erwirbt Regel
Ruhla 296. 5@a@bβ) zwirn abwinden, spinnen
o. ä. für '
erzählen', '
reden': richter, er leugt; ich hab ein meit, der hat er so vil vor geseit und vil zwirns mit ir abgewunden, und han sie auf eim haufen gefunden, und waisz ich, was er ir gehiesz
fastnachtsp. a. d. 15. jh. 1, 269
lit. ver.; bisz du flickst, spickst, zwickst, strickst im hirn, ist mir schon abgehasplt der zwirn Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 2 (1657) 32; er ... konnte schmachten und girren, zwirn abwinden, anekdoten erzählen Bauernfeld
ges. schr. (1871) 1, 102; aber Heinrich Binder hatte gar keine lust, den faden aufzunehmen und am geschichtlichen zwirn zu spinnen (
vom vergangenen zu erzählen) J. Ponten
d. väter zogen aus 194; sie ist vom zwirn auf die nadel gekommen
sie ist von einem aufs andere gekommen, hat alles haarklein mit allen nebenumständen erzählt Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; mach mer ne a zwern verwärrt
rede nicht dazwischen Rother
sprichw. u. redensarten (1928) 183
a; der zwirn geht ihm aus
er ist fertig, er hat sich ausgegeben, er hat keinen stoff mehr, um darüber zu reden Borchardt-Wustmann
sprichw. redensarten (1925) 514; der zwirn gît em aus
seine gedanken sind erschöpft, er weisz nichts mehr zu sagen Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677.
geringschätzig und abwertend: mit groben zwirn nehen
parlare sporcamente, lascivamente, parlar, riprender brusco ò bruscamente Kramer 2 (1702) 1500
a; zwirn
närrische, unwahrscheinliche geschichte Hertel
Thür. 268; blauen twern
gerede, gewäsch Mensing
schlesw.-holst. 5, 218. 5@bb) zwirn
als bezeichnung für geld, vermögen; '
das volk (
greift)
für seine bildlichen ausdrücke »
gern zu den nächstliegenden beispielen«,
so dasz der handwerker »
das geld oft nach dem hauptbindemittel benennt, das er (
bei seiner arbeit)
verwendet« (O. Weise
mutterspr. [1909] 77
f.),
also z. b. der schneider von zwirn,
der bürstenbinder von draht,
der tischler von leim
spricht' Günther
gaunerspr. (1919) 48; zwirn
geld Bischoff
wb. d. geheim- u. berufsspr. 93; der zwirn wird mr z kurz oder geht mr aus Jakob
Wien 233
b; sein zwirn ist alle (zu ende)
seine mittel sind erschöpft Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; ich habe keinen zwirn mehr
die weiteren mittel fehlen mir Albrecht
Leipzig 243
b; keinen zwirn mehr haben
keine mittel Müller-Fraureuth
obersächs. maa. 2, 722
a; a hot vail zwirn Rother
sprichw. u. redensarten (1928) 413
b. 5@cc) zwirn
in euphemistischer anwendung. 5@c@aα)
als scherzhafte, volkstümliche umschreibung für '
alkohol', '
schnaps' (
vgl.stoff teil 10, 3
sp. 160),
meist in der wendung blauer zwirn,
s. Campe 5, 972
b; Kaltschmidt
wb. (1834) 1108
a; zwirn
surnom de l'alcool Delcourt
express. d'argot allem. (1917) 177
b: Schlesier, da hast du zwei münzgroschen. hole mich von jene marketenderin einen blauen zwirn und vor dir einen halben Grabbe
s. w. 3, 155
Blumenthal; hei di ditlum, blaue twêrn, böst mîn mann, on seh dî gêrn Frischbier 2, 502
b.
in z. t. mundartlichen formen über das ganze deutsche sprachgebiet verbreitet: blauen tweern
schlechter brantwein, fusel Schütze
holstein. (1800) 4, 293; blagen twern
branntwein, fusel Mensing
schlesw.-holst. 5, 218; Mi
mecklenb. 96
a; Müller
Reuter-lex. 142
a; blauen twärn
der brantewein Danneil
altm.-plattdt. ma. (1859) 229
b; en fetzken blauen twian
gläschen branntwein Leithäuser
Barmen 162
b; Böning
Oldenburg 120; Hönig
Köln 211; Albrecht
Leipzig 243
b; Gangler
luxemb. 495; Schmidt
westerwäld. id. 344; Crecelius
oberhess. 941;
für Bayern bei Horn
soldatenspr. 95. 5@c@bβ)
als semen virile, vor allem in fester redensart: denn es ist solchen alten frauen ihrs guts halben gar wenig zu trauen. soll ich dann nichts von jr bekommen, wer besser, ich hett eine arme gnommen. ach, es reut mich all mein lebtack, dasz ich in diesen alten sack hab so verneht mein guten zwirn, soll mein jung tag bey jhr verlirn Ayrer
dramen 4, 2394
lit. ver.; er hat den guten zwirn früher in schlechte säcke vernäht
wenn des ledigen lebemanns endlicher ehestand kinderlos bleibt Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; seinen zwirn in fremde säcke vernähen Rother
sprichw. u. redensarten (1928) 374
b; er will seinen jungen zwirn in keine alten lumpen vernähen
von jungen männern, die keine alten frauen heirathen wollen Wander
sprichw.-lex. 5 (1880) 677; wie manche frau liebt einen mann, der gleichwohl hinter ihrem rücken, den ihr gehörgen zwirn an mägden zu verflicken, sich heimlich angewöhnt und folglich dann und wann die zahl der kinder mehrt, die keinen vater wissen Stoppe
Parnasz (1735) 428; er hat seinen zwirn (beym frauenzimmer) schon vernehet, er hat das seinige gethan, er kan nicht mehr Rädlein (1711) 1125
a; der zwirn ist ihm ausgegangen
er ist impotent Frischbier
sprichw. (1865) 290.
vgl. auch: 'krebszwirn,
so heiszen die aus langen fäden bestehenden samengefäsze beim männchen der krebse. insonderheit nennt man sie also zur begattungszeit, da sie sehr aufschwellen' Nemnich
naturgesch. 5 (1796) 329: wenn sie (
die krebse) im september hin beginnen zwirn zu bekommen, welches gleich einer weissen feinen flechse ist, so durch den schwantz gehet Döbel
jägerpractica (1754) 4, 88
b. 5@dd)
im österreichischen für militärischen diensteifer oder drill, nach zwirnen,
vb., 2 e (
s. d.): '
in Bayern und Österreich sagt man von einem übertrieben diensteifrigen, aufgeregten menschen: er ... hat oder entwickelt zwirn' Imme
soldatenspr. (1917) 78; Horn
soldatenspr. 76;
militärischer diensteifer oder auch übereifer Mauszer
dt. soldatenspr. (1917) 42;
der endlose, kleinliche gamaschendienst beim militär Jakob
Wien 233
b: dass kein äuszerlicher zwirn es vermag, die soldaten an den gehorsam zu binden
qu. a. d. j. 1939.
vgl. auch: zwirn
überpedantisches wesen Unger-Khull
steir. 661
a; der zwirn
angst, plage; an zwirn hab'n
peinlich sauber sein Petrikovits
Wiener gaunerspr. (1922) 56.