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zwirn

mhd. bis spez. · 16 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

zwirn m.

Bd. 32, Sp. 1304
zwirn, m. , zweifach zusammengedrehter faden. erst in mhd. zeit belegt; ahd. gezwirnôt s. zwirnen. zu erschlieszen ist germ. *twizna- 'doppelt' aus idg. *dis-no- (lat. bīnī). zugrunde liegt das zahlwort idg. *dis 'zweimal', vgl. Walde-Pokorny 1, 820 und Falk-Torp 2, 1303; 1304. während das inlautende germ. z in hd. r übergeht (vgl. ahd. zwirnôn, mhd. zwirn, auch mnd. und mnl. twern) und sich im nordischen die verbindung zn zu nn assimiliert (vgl. an. tvennr, tvinnr 'doppelt', tvinna-þráðr 'zwirn', isl. tvinni 'bindfaden'), ist die entwicklung von germ. zn im ags. ungeklärt; doch kommt für ags. twīn 'leinen, zwirn', engl. twine 'bindfaden' und nl. twijn 'zwirn' auch eine grundform *twīna- (lit. dvynaĩ 'zwillinge', vgl. ahd. zuinal 'geminus') in betracht, s. Brugmann die distribut. u. koll. numeralia (1907) 31, Franck v. Wijk etym. wb. 715b und Weyhe in PBB 30, 55 ff. im nd. ist der vokal der stammsilbe in der stellung vor r + dental in der üblichen weise zu e gebrochen, gedehnt und teilweise weiter zu E gesenkt, s. Lasch mnd. gramm. §§ 61 u. 62; Sarauw lautlehre d. nd. maa. (1921) 125; Teuchert laut- u. flexionslehre 34; Martin Waldeck 24 usw.; im nd. wird der stammvokal verschiedentlich unter schwund des r diphthongiert: tvēan, tvan Mensing schlesw.-holst. 5, 218; twEan Bock nd. aufn. substrat 20; ferner in Mecklenburg u. Pommern. twean Elberf. ma. 167a; twian Leithäuser Barmen 162b; dazu auch: tweern brem.-ns. wb. 5 (1771) 143; Doornkaat Koolman 3, 455a; Böning Oldenburg 120. zum vorgang vgl. Bock a. a. o. und Leihener Cronenberg § 81. im moselfränkischen gebiet schwand -n in der auslautsverbindung -rn, s.zwer Christa Trier 226a; zwîr luxemb. ma. 512b; zwir Follmann dt.-lothr. maa. 563b. derselbe vorgang bei gleichzeitiger vokalisierung des r in der form tsvīə, s. Müller-Wehingen dialektgeogr. d. Saargeb. (1930) 13. 11) der aus zwei (oder mehreren) strängen gedrehte faden; dwinum zwirn, zwiren, ztwirn, zwern, zwierm, twern Diefenbach gl. 193c; twinum czwirn (1420) lat.-dt. voc. 3082 Schröer. 1@aa) lexikalische zeugnisse bringen fast durchgängig die grundbedeutung des doppelt gedrehten garnfadens zum ausdruck: tweern filum duplex Kilian etym. dict. (1605) 572a; zwirn, gezwirnt garn du filet retors, filum tortum vel duplicatum Duez dict. (1664) 2, 743b; zwirn, quasi zweygarn linum netum alias duplarium Stieler stammb. (1691) 2662; zwirn zwey, quasi zweygarn filo doppio e torto Kramer t.-ital. 2 (1702) 1500a; zwirn ist ein von flachs gesponnener und starck gedreheter doppelter faden Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2174; Zincke öcon. lex. (1744) 3389; allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 813; Noel Chomel öcon. u. phys. lex. (1750) 8, 2459. auch bei der beschreibung des herstellungsverfahrens wird naturgemäsz auf den vorgang des zusammendrehens hingewiesen: die drehungsrichtung des zwirnes musz entgegengesetzt der drehungsrichtung der garne sein, aus welchen er gebildet ist Karmarsch-Heeren techn. wb. 11 (1892) 527. 1@bb) wie lange die grundbedeutung des zweifach gedrehten beim gebrauch des wortes noch lebendig war, läszt sich kaum bestimmen; zwirn steht vielmehr für den (gedrehten) faden überhaupt, vgl.: wir wullin ouch nicht gestaten, daz ymant smale lynwad, rohen golczsch noch zcwern noch keynerleige garn uz unsern landen fure, unser bleiche zcu Kempnicz zcu schadin (1390) urk.-buch d. stadt Chemnitz 50 Ermisch; item VI dossin Collens twernes (1404) lübeck. urk.-buch 5, 102; zwirn, garn filo, refe Hulsius t.-it. (1605) 165; zwirn filum Schottel haubtspr. (1663) 1450; zwirn filum, filamentum Steinbach wb. (1725) 444; (man) drehet den zusammengelaufenen faden oder zwirn auf die spindel allg. öcon. lex. (1731) 2796; zu Lille und Valenciennes macht man eine menge zwirn von vielen graden der feinheit Schedel waarenlex. (1863) 585a; legt man zwei oder mehr fäden parallel nebeneinander (duplieren) und dreht sie dann um ihre gemeinsame achse so, dasz auf jede längeneinheit die gleiche zahl von windungen kommt, so bezeichnet man das erzeugnis als zwirn Glafey spinnen u. zwirnen (1928) 11. man kann in dem sorgfältigen hinweis der wbb. auf die zweizahl (s. o. 1 a) eine gelehrte bemerkung vermuten und (wie bei zwirnen, vb., s. u.) annehmen, dasz in der allgemeinen verwendung des wortes die etymologie verdunkelt ist. ausdrücklich von drei- oder mehrfädigem zwirn sprechen nur späte belege, und erst sie beweisen durch die möglichkeit solcher bildungen mit sicherheit, dasz das wissen um die verwandtschaft des wortes mit zwei nicht mehr geläufig war: die zahl der im zwirne vereinigten garnfäden ist verschieden Prechtl techn. encycl. 25 (1869) 471; zwirne aus 3 und auch direkt aus 4 garnfäden zusammengedreht kommen vor ebda 484; die feinheit des zwirns wird durch angabe der nummer und der zahl der fäden ausgedrückt Karmarsch-Heeren techn. wb. 11 (1892) 528; zwirn, ein durch das zusammendrehen mehrerer einzelfäden (garne) gebildeter faden, der nach der anzahl dieser fäden als zwei-, dreifach usw. oder zwei-, dreidrähtig bezeichnet wird gr. Brockhaus (1928) 20, 754a; dreedrahten twern starker zwirn von 3 fäden Mensing schlesw.-holst. 5, 218. 1@cc) der plural zwirne erscheint nur selten, und dann in der bedeutung 'zwirnarten, zwirnsorten': in den westlichen und mittlern gebieten des zollvereins werden besonders viele zwirne aus Belgien und England eingeführt Schedel waarenlex. (1863) 586b; zu den in der weberei verwendeten zwirnen gehören die groben sorten Prechtl technol. encycl. 25 (1869) 489; zwirnt man ungleichartig gedrehte garne oder zwirne zusammen, ... so dreht sich der eine faden oder zwirn auf Glafey spinnen u. zwirnen (1928) 146. 22) zwirn in verarbeitetem zustand, bzw. als ausgangsprodukt späterer verarbeitung. 2@aa) als materialangabe, stoffbezeichnung: waz ich ye für seyden bant, daz waz tzwirm Suchenwirt 147 Primisser; en rik man, de kledede sik ... bynnen myt wytteme weken klede van lynneme tweerne hs. d. 15. jhs. bei Schiller-Lübben 4, 641a; und got der wirt in darumb plagen, das ich in meynen alten tagen enpern sol einer jungen dieren, die mir spn in das hausz den zwieren czu hemden und zu leinlachen pfarrer v. Kalenberg 46, 934 ndr.; dabey traget er einen von blauen zwirn gewirckten ordensband (1716) Berliner geschrieb. ztg. 7 Friedl.; ferner musz hierzu ein inngarn von gutem festen zwirn gestrickt werden Döbel neueröffn. jägerprakt. (1754) 238; ich kenn es (das band) gar zu gut. ich trug es um die stirne. der eintrag war von garn, der boden war von zwirne Gellert s. schr. (1784) 3, 443; der feinste leinene zwirn wird zum spitzenklöppeln gebraucht Herfort allg. waarenlex. (1856) 615b; der gesponnene flachs (zwirn) wird nur noch selten zu netzen benutzt, er ist durch die viel billigere baumwolle ersetzt Seligo d. fanggeräte (1914) 2; in einem weiszen kleid mit schwarzem umhang, halbhandschuhen aus zwirn und einer hohen capotte Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 9. 2@bb) zwirn in vernähtem zustand: ermel unde mueder sint gesteppet; mit rotem zwirn sint diu irn gollier uf gereppet in: minnesinger 3, 191a v. d. Hagen; wer etwas an sich trägt, das mit christnachts gesponnenem zwirn genäht ist, an dem haftet kein ungeziefer hwb. d. dt. aberglaubens 8 (1936-37) 1423. 33) in breiter verwendung erscheint zwirn als elementarer gegenstand des allgemeinen, täglichen bedarfs; vgl. die lexikalisch verzeichneten verbindungen zur bezeichnung gebräuchlicher masze: ein strang zwirn fasciculus filorum Stieler stammb. (1691) 2663; una matassa di refe Kramer t.-ital. 2 (1702) 1500b; ein strang oder sträne zwirn a skain of thread Ludwig t.-engl. (1716) 2669; kneuel zwirn glomus Stieler stammb. (1691) 2663; un gomitolo di refe Kramer t.-ital. 2 (1702) 1500b; a bottom of thread Ludwig t.-engl. (1716) 2669. 3@aa) in urkunden häufig und früh als industrie- und handelsprodukt gebucht: ind sowilcher zwirn wirket, de gilt dubbel boisse (1397) Kölner zunfturk. 1, 31 Loesch; item 8 scot vor boumwolle vor weitgarn vor weis zwirn (1402) Marienburger tresslerb. 254 Joachim; 70 pfd. luters czwirens. kummt umb 5 pfd. umb 1 gulden (1446) Ott Ruland handlungsb. 2 lit. ver.; eyn vat mit twern, kopper vnde anderen guderen (1460) lübeck. urk. buch 9, 919; man bleichet garn, zwirn und leinwath (ca. 1570) haush. in vorwerken 252 E.-W. 3@bb) literarische zeugnisse verwenden zwirn als notwendigen haushaltsbedarf. eine bedeutungsdifferenzierung zu garn, faden o. ä. will im allgemeinen nicht getroffen werden, zwirn bezeichnet lediglich 'nähmaterial': gab seiner frawen gelt, sy solt im zwirn kauffen Wickram w. 3, 22 lit. ver.; noch einmahl schickt er sie nach zwürn da brachte sie dagegen bürn Voigtländer oden u. lieder (1642) 88; ihr zwirn, darmit sie die kleider nehen, ist von sehnen und adern gemachet Olearius pers. reise-beschr. (1696) 81; er misset mir den zwirn mit ellen, zehlet mir die neh- und stecknadeln, wieget mir auch das brot und butter zu Leipz. avanturieur 1 (1756) 176; und ging ein kleines altes nähkörbchen holen, in welchem ein nadelkissen und einige knäulchen zwirn lagen G. Keller ges. w. (1889) 7, 139; geh, hol fer zehn fennig zwirn beim koofmann G. Hauptmann biberpelz (1893) 84; die Livländer legten ihren toten käse, brot, zwirn, geld bei, damit sie auf der reise nicht notleiden hdwb. d. dt. aberglaubens 4 (1931) 1053. vielfach in der verbindung nadel und zwirn, die als fester begriff das wesentliche nähgerät bezeichnet und damit auf den vorgang des nähens hinweist; vgl. nadel und zwirn filum acu trajectum Stieler stammb. (1691) 2663; eine nadel mit zwirn a needle threaded Ludwig t.-engl. (1716) 2669: o nimm doch zwirn und nadel hin, geliebte schwester Lüttmannin, und mache noch einmal boucletten Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 185; (sie) forderte bei ihrer zuhausekunft nähnadel und zwirn und vernähte damit sorgfältig den bisamapfel in das unterfutter des kleides Musäus volksmärchen 4, 45 Hempel; kurz, in den nächsten acht tagen werden und dürfen keine andern gedanken durch meinen kopf fahren als nadel, zwirn, bügeleisen, bindfaden und dergleichen mehr nützliche als poetische dinge (1837) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 211 Schulte-K.; die glücklichen wesen, welchen materiell kein augenblick verloren geht, den sie nicht benutzen können, wie man nadel und zwirn, waschwasser u. dgl. benutzt (1843) G. Keller br. u. tageb. 2 (1916) 103 Erm.; sie ... stopfte verbandmull, ein fläschchen mit jod, schere, nadel und zwirn in ihre henkeltasche Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 236. sprichwörtlich: sachen, nadel und zwirn sind ein kleid Hippel lebensläufe (1778) 1, 195; zwirn und eine nadel, das ist das halbe kleid Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677. 3@cc) zwirn als täglicher gebrauchsgegenstand führt zu verschiedenen sprichwörtlichen redensarten (vgl. auch die übertragenen wendungen unter 5): wenn man zwirn näht, wird er kürzer Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; Rother sprichw. u. redensarten (1928) 138; die freundschaft hat einen risz ins lebendige und läszt sich nimmermehr zusammennähen. geflickt war sie schon lange — na, wenn man mit zwirne näht, wird er kürzer Holtei erz. schr. (1861) 23, 38; zwirn wickeln auf dem ball sitzen bleiben Hertel Thür. 268; sie hat blauen zwirn feil von einem mädchen, das zum tanz gegangen ist, aber nicht dazu aufgefordert wird Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; Spiess Henneberg 296; Bauer-Collitz Waldeck 106; tanzt nu goer mei schatz mit mî, ... sätz tut hä, es wäll hä gleich all die wenn naus renn. doe es nachbers Greätebärb, traurig sitt se zu, zwern fael hat se tak o nacht, jêder läszt s'en ruh (frk.-henneberg. ma.) bei Frommann dt. maa. 2 (1855) 270; als harmloser fluch: du himmelblauer zwirn! Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; schwerenot und zwirn, der mensch der kann sich irrn! Zoozmann zitatenschatz (1911) 1707. zahlreiche weitere sprichwörtliche wendungen s. bei Wander a. a. o. 3@dd) in der volkstümlichen bezeichnung meister zwirn für den schneider, vgl. Günther gaunerspr. (1919) 86; Gottschald personennamen in: Maurer-Stroh dt. wortgesch. 3, 210; meister twern Mensing schlesw.-holst. wb. 5, 218; dazu auch zwirnschani schneiderlehrling Jakob Wien 233b. 44) der gedanke an beschaffenheit und länge des zwirns, an seinen fadenartigen charakter beherrscht die bedeutung. 4@aa) zur bezeichnung eines (dünnen) fadens schlechthin: sie (anrede) hätten ... das paketlein blosz mit einem zwirn oder kreuzband umwickeln sollen (1883) G. Keller br. u. tageb. 3 (1916) 422; gab man ihm eine anzahl streichholzschachteln, ein wenig steifes papier, ein biszchen zwirn, ... so machte er daraus die halbe welt H. Seidel Leberecht Hühnchen (1928) 303; zwei ringe, sagst du ihm, da ist das masz, diese beiden knoten in dem zwirn Waggerl mütter (1935) 173. im bildlichen vergleich dünn wie zwirn, scherzhaft: ich bat ihn leise, mir zu sagen, wer der gefällige mann sei dort im grauen kleide. — dieser, der wie ein ende zwirn aussieht? der einem schneider aus der nadel entlaufen ist? Chamisso w. (1836) 4, 241. vgl. unten: dünn wie ein zwirnsfaden. 4@bb) dichterisch für 'schicksalsfaden': oft haben stürmende affekte den weichen zwirn herumgezerrt, oft riesenmäszige projekte des fadens freien schwung gesperrt Schiller 1, 235 G. (an die parzen); von daher beeinfluszt: wer zog den nerv im weltgehirne? du! wer hält das all an diesem zwirne? du! Platen ges. w. (1843) 2, 9. 4@cc) der verworrene, verfitzte faden führt zu sprichwörtlichen wendungen: ich will diesen verwirrten zwirn nicht aufwickeln von einer sehr verworrenen angelegenheit Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; wer wirren zwirn ordnen will, musz sich zeit nehmen ebda 677. bildlich (vielleicht in anlehnung an die sage vom Ariadnefaden): er ... hatte, bey seinem nachforschen durch die häufigen krümmungen und wendungen eines liebhabers dornigten pfades, ein manches ehrliches verworrnes bind zwirn abzuwickeln gefunden Bode Tristram Schandi (1776) 4, 67. 55) das wort zwirn in seiner bezeichnung eines elementaren stoffes der lebenshaltung (vgl. o. 3) gewinnt in zahlreichen verbindungen und wendungen, die als allgemeine redensarten verbreitet sind, bildliche oder übertragene bedeutung. 5@aa) ausgehend von der vorstellung des langen, sich zumal beim spinnen oder beim abwickeln kontinuierlich fortsetzenden fadens, tritt zwirn umgangssprachlich und ironisch für dinge und begriffe ein, die 'gesponnen', 'abgewickelt', 'entwickelt' werden; vgl. das scherzhafte schulmeisterzwirn langes orgelvorspiel Müller-Fraureuth obersächs. maa. 2, 722a. auch: he spinnt twern er schnarcht Mensing schlesw.-holst. 5, 218; die katze spinnt zwirn schnurrt Albrecht Leipzig 243b; vgl. zwirnen 2 c. 5@a@aα) zwirn spinnen gedankenarbeit tun, s. Heyne wb. 3, 1462: habe die nacht durch manches knäulgen gedancken zwirn auf und abgewickelt Göthe IV 3, 46 W. zwirn für 'gedanken' überhaupt: das mag gott wissen, was der kerl für zwirn im kopfe hat: ich verstehe kein wort davon Musäus physiogn. reisen (1778) 1, 63; o, sprach der vater, die hat zwirn im kopf (ist gescheit) kinder- u. hausmärchen 1, 162 Reclam. zugleich mit abwertender bedeutung: egal schlimmen zwirn haben verdacht, argwohn haben Müller-Fraureuth obersächs. maa. 2, 722a; grämlichkeit, üble laune, verstimmung Unger-Khull steir. 661a. vereinzelt tritt zwirn auch für die ergebnisse der gedankentätigkeit ein: herr gevatter, was machen sie für zwirn? Gotter schausp. (1795) 291; blauer zwirn lustige einfälle Campe 5, 972b; Kaltschmidt wb. (1834) 1108a; zwirn machen böse streiche ausführen Hertel Thür. 268; zwirn mach bezeichnet die listigen und lustigen streiche, mit denen man sich die gunst der menschen erwirbt Regel Ruhla 296. 5@a@bβ) zwirn abwinden, spinnen o. ä. für 'erzählen', 'reden': richter, er leugt; ich hab ein meit, der hat er so vil vor geseit und vil zwirns mit ir abgewunden, und han sie auf eim haufen gefunden, und waisz ich, was er ir gehiesz fastnachtsp. a. d. 15. jh. 1, 269 lit. ver.; bisz du flickst, spickst, zwickst, strickst im hirn, ist mir schon abgehasplt der zwirn Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 2 (1657) 32; er ... konnte schmachten und girren, zwirn abwinden, anekdoten erzählen Bauernfeld ges. schr. (1871) 1, 102; aber Heinrich Binder hatte gar keine lust, den faden aufzunehmen und am geschichtlichen zwirn zu spinnen (vom vergangenen zu erzählen) J. Ponten d. väter zogen aus 194; sie ist vom zwirn auf die nadel gekommen sie ist von einem aufs andere gekommen, hat alles haarklein mit allen nebenumständen erzählt Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; mach mer ne a zwern verwärrt rede nicht dazwischen Rother sprichw. u. redensarten (1928) 183a; der zwirn geht ihm aus er ist fertig, er hat sich ausgegeben, er hat keinen stoff mehr, um darüber zu reden Borchardt-Wustmann sprichw. redensarten (1925) 514; der zwirn gît em aus seine gedanken sind erschöpft, er weisz nichts mehr zu sagen Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677. geringschätzig und abwertend: mit groben zwirn nehen parlare sporcamente, lascivamente, parlar, riprender brusco ò bruscamente Kramer 2 (1702) 1500a; zwirn närrische, unwahrscheinliche geschichte Hertel Thür. 268; blauen twern gerede, gewäsch Mensing schlesw.-holst. 5, 218. 5@bb) zwirn als bezeichnung für geld, vermögen; 'das volk (greift) für seine bildlichen ausdrücke »gern zu den nächstliegenden beispielen«, so dasz der handwerker »das geld oft nach dem hauptbindemittel benennt, das er (bei seiner arbeit) verwendet« (O. Weise mutterspr. [1909] 77 f.), also z. b. der schneider von zwirn, der bürstenbinder von draht, der tischler von leim spricht' Günther gaunerspr. (1919) 48; zwirn geld Bischoff wb. d. geheim- u. berufsspr. 93; der zwirn wird mr z kurz oder geht mr aus Jakob Wien 233b; sein zwirn ist alle (zu ende) seine mittel sind erschöpft Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; ich habe keinen zwirn mehr die weiteren mittel fehlen mir Albrecht Leipzig 243b; keinen zwirn mehr haben keine mittel Müller-Fraureuth obersächs. maa. 2, 722a; a hot vail zwirn Rother sprichw. u. redensarten (1928) 413b. 5@cc) zwirn in euphemistischer anwendung. 5@c@aα) als scherzhafte, volkstümliche umschreibung für 'alkohol', 'schnaps' (vgl.stoff teil 10, 3 sp. 160), meist in der wendung blauer zwirn, s. Campe 5, 972b; Kaltschmidt wb. (1834) 1108a; zwirn surnom de l'alcool Delcourt express. d'argot allem. (1917) 177b: Schlesier, da hast du zwei münzgroschen. hole mich von jene marketenderin einen blauen zwirn und vor dir einen halben Grabbe s. w. 3, 155 Blumenthal; hei di ditlum, blaue twêrn, böst mîn mann, on seh dî gêrn Frischbier 2, 502b. in z. t. mundartlichen formen über das ganze deutsche sprachgebiet verbreitet: blauen tweern schlechter brantwein, fusel Schütze holstein. (1800) 4, 293; blagen twern branntwein, fusel Mensing schlesw.-holst. 5, 218; Mi mecklenb. 96a; Müller Reuter-lex. 142a; blauen twärn der brantewein Danneil altm.-plattdt. ma. (1859) 229b; en fetzken blauen twian gläschen branntwein Leithäuser Barmen 162b; Böning Oldenburg 120; Hönig Köln 211; Albrecht Leipzig 243b; Gangler luxemb. 495; Schmidt westerwäld. id. 344; Crecelius oberhess. 941; für Bayern bei Horn soldatenspr. 95. 5@c@bβ) als semen virile, vor allem in fester redensart: denn es ist solchen alten frauen ihrs guts halben gar wenig zu trauen. soll ich dann nichts von jr bekommen, wer besser, ich hett eine arme gnommen. ach, es reut mich all mein lebtack, dasz ich in diesen alten sack hab so verneht mein guten zwirn, soll mein jung tag bey jhr verlirn Ayrer dramen 4, 2394 lit. ver.; er hat den guten zwirn früher in schlechte säcke vernäht wenn des ledigen lebemanns endlicher ehestand kinderlos bleibt Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; seinen zwirn in fremde säcke vernähen Rother sprichw. u. redensarten (1928) 374b; er will seinen jungen zwirn in keine alten lumpen vernähen von jungen männern, die keine alten frauen heirathen wollen Wander sprichw.-lex. 5 (1880) 677; wie manche frau liebt einen mann, der gleichwohl hinter ihrem rücken, den ihr gehörgen zwirn an mägden zu verflicken, sich heimlich angewöhnt und folglich dann und wann die zahl der kinder mehrt, die keinen vater wissen Stoppe Parnasz (1735) 428; er hat seinen zwirn (beym frauenzimmer) schon vernehet, er hat das seinige gethan, er kan nicht mehr Rädlein (1711) 1125a; der zwirn ist ihm ausgegangen er ist impotent Frischbier sprichw. (1865) 290. vgl. auch: 'krebszwirn, so heiszen die aus langen fäden bestehenden samengefäsze beim männchen der krebse. insonderheit nennt man sie also zur begattungszeit, da sie sehr aufschwellen' Nemnich naturgesch. 5 (1796) 329: wenn sie (die krebse) im september hin beginnen zwirn zu bekommen, welches gleich einer weissen feinen flechse ist, so durch den schwantz gehet Döbel jägerpractica (1754) 4, 88b. 5@dd) im österreichischen für militärischen diensteifer oder drill, nach zwirnen, vb., 2 e (s. d.): 'in Bayern und Österreich sagt man von einem übertrieben diensteifrigen, aufgeregten menschen: er ... hat oder entwickelt zwirn' Imme soldatenspr. (1917) 78; Horn soldatenspr. 76; militärischer diensteifer oder auch übereifer Mauszer dt. soldatenspr. (1917) 42; der endlose, kleinliche gamaschendienst beim militär Jakob Wien 233b: dass kein äuszerlicher zwirn es vermag, die soldaten an den gehorsam zu binden qu. a. d. j. 1939. vgl. auch: zwirn überpedantisches wesen Unger-Khull steir. 661a; der zwirn angst, plage; an zwirn hab'n peinlich sauber sein Petrikovits Wiener gaunerspr. (1922) 56.
21637 Zeichen · 442 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    zwirnstm.

    Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke) · +5 Parallelbelege

    zwirn stm. zwirn, zwei zusammengedrehte fäden. vgl. kürn, quirn. zwirn Suchenw. 44,53. Schmeller 4, 309. duinum Diefenb.…

  2. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Zwirn

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Der Zwirn , des -es, plur. doch nur von mehrern Arten, oder Quantitäten, die -e, ein stark zusammen gedreheter doppelter…

  3. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Zwirn

    Goethe-Wörterbuch

    Zwirn [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  4. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Zwirn

    Herder (Konv.-Lex., 1854–57) · +1 Parallelbeleg

    Zwirn , ein aus 2 od. mehren Fäden zusammengedrehter Faden.

  5. modern
    Dialekt
    Zwirn

    Elsässisches Wb. · +4 Parallelbelege

    Zwirn [Tswern Co. K. Z. ] m. wie hochd. — Bayer. 2, 1183.

  6. Sprichwörter
    Zwirn

    Wander (Sprichwörter)

    Zwirn 1. Feiner Zwirn hält nicht. Dän. : Smaal traad holder intet. ( Prov. dan., 241. ) 2. Guter Zwirn gibt feste Naht. …

  7. Spezial
    Zwirn

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Zwirn m. (-[e]s,-e) fi m.

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit zwirn

105 Bildungen · 98 Erstglied · 3 Zweitglied · 4 Ableitungen

zwirn‑ als Erstglied (30 von 98)

Zwirn-bock

SHW

Zwirn--bock Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirnarsch

SHW

Zwirn-arsch Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirnfadem

SHW

Zwirn-fadem Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirngeiß

SHW

Zwirn-geiß Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirnjockel

SHW

Zwirn-jockel Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirnkopf

SHW

Zwirn-kopf Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirnrolle

SHW

Zwirn-rolle Band 6, Spalte 1003-1004

Zwirnsbein

SHW

Zwirn-s-bein Band 6, Spalte 1003-1004

zwirnband

DWB

zwirn·band

zwirnband , n. , zu zwirn 2 a; 'zwirnband ist ein schmales, leinen gewebtes weiszes bändlein, so dasz frauenzimmer in die schürtzen zu ziehe…

zwirnbock

DWB

zwirn·bock

zwirnbock , m. , spottname für den schneider; ' wie bock im volksmunde ganz allgemein den schneider bedeutet, so bei den kunden das noch deu…

Zwirnbrêt

Adelung

zwirn·bret

Das Zwirnbrêt , des -es, plur. die -er, bey den Seidenarbeitern, ein Kästchen mit zwey Pfosten, die rohe Seite darauf zu zwirnen.

zwirnbrett

DWB

zwirn·brett

zwirnbrett , n. , ' bey den seidenarbeitern ein kästchen mit zwey pfosten, die rohe seide darauf zu zwirnen ' Adelung 5, 1 (1786) 473 ; Camp…

Zwirnbuckse

RhWB

zwirn·buckse

Zwirn-buckse -sbutsə Gummb-Berghsn f.: Zwirnhaspel, eine Kombination zum Spinnrad.

zwirnchen

DWB

zwirn·chen

zwirnchen , n. , diminutive gelegenheitsbildung zu zwirn 2: die hagerosen, flinke bauerndirnchen, sie zeigten sich, sobald ich winkte, ferti…

zwirndünn

DWB

zwirn·duenn

zwirndünn , adj. , eigentlich ' dünn wie ein zwirnsfaden ', vgl. zwirn 4 a, zwirnsfaden 1 c, sowie zwirnsfadendünn; doch nur in der übertrag…

zwirnen

DWB

zwir·nen

zwirnen , adj. , ' aus zwirn, von zwirn ' ; denominatives stoffadjektiv zu zwirn. nicht häufig, da zur bezeichnung des ausgangsmaterials ein…

zwirn als Zweitglied (3 von 3)

hasenzwirn

DWB

hasen·zwirn

hasenzwirn , m. 1 1) starker zwirn, wie er zum hasennetze verwendet wird: grober sive hasenzwirn, filum crassum Stieler 2662 . 2 2) auf eine…

klosterzwirn

DWB

kloster·zwirn

klosterzwirn , m. ein feiner zwirn, aus Brabant ( Adelung ), nl. kloostergaren, vgl. klosterleinwand: ij sch. umb closterzwirn. inventar Els…

klōsterzwirn

KöblerMhd

klōster·zwirn

klōsterzwirn , st. M. nhd. „Klosterzwirn“, ein feiner Zwirn Q.: DW (1410) E.: s. klōster, zwirn (1) W.: nhd. (ält.) Klosterzwirn, M., „Klost…

Ableitungen von zwirn (4 von 4)

bezwirnen

RhWB

be-zwirnen: -twērnən fest, sicher machen Rees-Haldern .

gezwirne

DWB

gezwirne , n. , zum vb. zwirnen; Campe ; ' ein fortwährendes oder ungeschicktes zwirnen ' Hoffmann dtsch. wb. 2, 612 ; bildlich: muse, hexe,…

verzwirnen

DWB

verzwirnen , vb. , im 19. jh. zu zwirnen ( s. d. ) gebildet. mundartl.: fěrtwinni Schmidt-Petersen nordfries. 41 b . 1 1) von fäden, zusamme…

zwirne

BMZ

zwirne swv. zwirne, drehe. vgl. ahd. gazwirnôt, -it tortus, byssus Graff 5,723. duinare zwirnen Diefenb. gl. 102. zu einer schœnen dieren (d…