stumm,
adj. ,
mutus. form und verbreitung. 11)
ursprünglich auf den continent beschränkt: ahd. stum, -mm-,
as. stum,
mnl. stom,
afries. stum;
heute fries. stom
wohl aus dem nd.; norw. dän. schwed. stum
aus dem dtsch., s. Hellquist
svensk et. ordb. 889; Falk-Torp 1189;
engl. stum '
ungegorener most'
aus dem nl., s. III A 6 g.
gemeingerm. ist dagegen dumm. stumm
steht im ablautverhältnis mit dem in der bedeutung nahen (
s. I A)
ahd. stam, -mm-,
nordfries. stâm Outzen 342,
ags. stom(m), stam,
got. stamms,
an. stamr (-mm-) '
stammelnd',
s. th. 10, 2, 648.
in weiterem zusammenhang, auf grund einer gemeinsamen bedeutung '
hemmen, gehemmt',
ahd. kestemo dir
animaequior esto ahd. gl. 1, 723, 27; kistemit
compascit 1, 247, 8,
mhd. stemen
einhalt thun mhd. wb. 2, 2, 638
b; 639
a.
dehnstufig ungestüm,
vgl. s. v. stüm,
adj. auszerhalb des germ. könnte dehnstufig lett. stuômîtiês '
stammeln, stolpern, stehen bleiben'
zugehören Walde - Pokorny 2, 626; Mühlenbach-Endzelin
lett.-dt. wb. 3, 1112;
vgl. ferner 1stumpeln
und dessen entsprechungen. 22)
die grundlage der seit ahd. zeit bezeugten doppelconsonans bleibt verborgen; s. E. Schröder
zs. f. d. a. 42, 66.
seit der mhd. blütezeit bis ins 17.
jh. sind formen mit labialem verschluszlaut reich bezeugt: wenne wurdent ir ein stumbe (: umbe)
Iwein 2259;
im auslaut auch verhärtet als stump.
die formen mit verschluszlaut treten ohne spuren einer stattgehabten wanderung im bair.-österr., alem., md. und nl. (
schon mnl.)
auf; ebenso bei dem abgeleiteten stummen.
dennoch können diese formen, gegen Torp
bei Fick
4 3, 484,
wegen ihres völligen fehlens im ahd. kaum auf eine andere wurzel als die ohne verschluszlaut zurückgeführt werden, sondern beruhen eher auf analogien; so hat im nl. und nd. vielleicht mischung mit dem in der bed. sehr nahen stump '
stumpf'
gewirkt, s. Franck
et. wb. 670,
etwa unter benennung des stummen als eines geistig stumpfen oder eines reglosen (
dummen)
klotzes, s. III A 1;
jedoch kann auch formale einbeziehung in die reihe tump, tumber
dumm, krump, krumbe
krumm, umbe
um gewirkt haben. 33)
seit ahd. zeit bis ins 16.
jh. überwiegt substantivischer gebrauch stark; erst später setzt sich attributiver, und zuletzt adverbieller durch. meistens bleibt zweifelhaft, ob substantivierung der schwachen form des adj. oder ein echtes schwaches masc. subst. vorliegt: hogereht oder blint oder krump oder ein stumme oder ein tôre Berthold v. Regensburg 1, 323
Pfeiffer; ist aus geburt blind, toub, ain stumb A. v. Eyb
sp. d. s. (1511) j 3
b;
jedoch weisen andere zeugnisse sicher auf ein schwaches subst.: unsprechent ich si zallen ziten bitte in stummen wis und mit verswignem muote sus flehe ich si nach toren sitte Walther v. Mezze
in Pfaff
gr. Heidelb. liederhs. 581 (
nicht adjectivisch in stummer wîs v.
d. Hagen
minnes. 1, 309); dine gote stummen sint, toube tôren Rudolf v. Ems
Barlaam 210
Pf.; krüppel geen und stummen reden
hertzog Aymont v. Dordons süne (1535) f 4
b.
apokopiert: von stund an was er ein stumm Boltz
Terentii com. 40
b;
häufig lexikalisch: ein stumm, der nit reden kann Frisius
dict. 852;
heute obd. in gleicher bedeutung: stumm,
m., Stalder 2, 413; Schöpf 725; stomm,
m., stömm,
pl., Tobler
appenzell [] 411
b; stumm,
m., stumme,
pl., Hunziker
Aargauer wb. 264;
selten nördlicher: stömm,
m., Spiesz
henneberg. 245;
veraltet: stumm, stumme Kehrein
Nassau 1, 399.
ganz vereinzelt als subst. starker flexion: die stomme ende die blinden H. v. Veldeke
Servatius 101
Piper; da worden sprekende die stomme 201; nu swigen (
sie) als die stumbe Ottokar v. Steiermark
reimchron. 81606. 44)
in allen dtsch. mundarten verbreitet; häufig stomm, štomm.
umgelautete formen äuszerst selten: (
ihr) seyt so stümme als die klotze Luther 23, 132
W.; jüdisch-deutsch: alle stümme wöllen a sach reden Wander 4, 941;
mehrmals für das ostfrk. bezeugt: si isch e stümme Halm
skizz. a. d. Frankenland (1892) 25;
s. Reinwald
henneberg. id. 1, 157; er ist stümmer denn ein visch Eyering
prov. 3, 60;
sogar im endungslosen nom.: mutus stüm Diefenbach
mlat. hd. böhm. wb. 186;
hebedus stüm
i. stultus (
nd. v. j. 1417)
nov. gl. 201.
steigerung des adj. ist selten: stumm, stummer, stummester Stieler 2223;
auch in jüngerer lyrik. 55)
bair.-österr. auch strumm,
m., stummer mensch; vielleicht auf mischung von stumm
mit bair. striem, striemel,
m., striemin,
f., taubstummer, -e Schmeller-Fr. 2, 814
beruhend: vo man gsang ... herst schier weng, und i selm bi schan holbnthail a strum Stelzhamer
ausgew. dicht. 1, 50; so schweignts, und hlten s maul so föst als wie a strumm Lindermayer
dicht. (1822) 91;
auch demin.: strummerl,
m., in den Alpen ein stummer oder cretin Loritza
id. vienn. 128.
bedeutung und gebrauch. dem wort wohnen die drei hauptbedeutungen '
redeunfähig', '
lautlos', '
schweigend'
inne. sie treten mit zeitlich verschiedener bevorzugung und in verschiedener verbindung miteinander hervor. entsprechend der etymologie ist die bedeutung '
redeunfähig',
also '
gehemmt',
als älteste bezeugt. II.
der fähigkeit verständlichen redens physisch ermangelnd. I@AA.
vom körperlichen gebrechen des menschen; die ältest bezeugte bedeutung. synonymik: das verhältnis von stumm
zu stammelnd, sprachlos
u. ä. auf den physiologischen verhältnissen beruht, dasz stumm
gelegentlich für '
stammelnd'
steht: balbus stummer
ahd. gl. 4, 39, 11;
mutire mumlen
vel stum sin Diefenbach 374
b; und sy brachtend zu im einen stummen, der redt schwarlich
Zürch. bib. dd 4
b (
Marc. 7, 32); nüselen oder nüderen oder durch die zän reden wie ein stumm Frisius
dict. 852;
ähnlich: stumm reden,
id est lallen und deuten wie die stummen Kramer
t.-ital. 2, 1024
b.
ebenso heiszt in der medicinischen fachsprache stumm
auch der, der nur unverständliche laute hervorzubringen vermag. sonst jedoch in der gemein- und literatursprache geschieden: es ist besser, ... stöttern als stamlen, lispelen als stumm sein Comenius
sprachenthür (1643) 282; die ganze race (
der Schwaben) scheint den übergang von den stammelnden zu den stummen darzustellen Hebbel
br. 4, 355
Werner. seit ahd. bis in die älter nhd. zeit hat auch sprachlos
die bedeutung physisch bedingter redeunfähigkeit, s. th. 10, 1, 2768,
und steht häufig an stelle von stumm;
diese synonymität ist im nhd. erloschen, da sprachlos
die bedeutung '
physisch redeunfähig'
aufgab und heute im sinne von '
psychisch redeunfähig'
oft stumm III
entspricht. beide synonyma in älterer zeit gelegentlich nebeneinander: solt ich stumm und sprachlosz seyn oder lahm an füszen P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 409;
häufig in den wbb.: stumm, sprachlos, der nicht reden kann Emmelius
sylva L l 7
a.
auch ergänzung durch andere synonyma ist, besonders in älterer zeit, nicht selten: unde suigeta ih also der unsprechento stummo Notker
[] ps. 37, 14; stum oder unredend bleiben Grass
schöne hist. (1570) 160
a; wellicher stumm ist und nicht reden kan Guarinonius
grewel d. verw. 224.
ausdrücklich gegen schweigen
abgegrenzt: nieht ein suigenten nube samo stummen unde zungelosen Notker 1, 16, 18
Piper; er (
Zacharias) was stum unde sweich
passional 346
Hahn. I@A@11)
allgemeinste anwendung: ni tharft thu (
Zacharias) stum wesan lengron hwîla
Heliand 169 (
Luc. 1, 20
ff.); ez kümt dick, daz von stummen und von ungehoerend kindel koment, diu auch stummen sint und ungehoerend Konrad v. Megenberg
buch d. natur 491
Pf.; das man stummen, und die sonst auch verhyndert ... sind, nit predigen lest Luther 8, 497
W.; er hiebevor wol 4 jahr ein stumm gewesen wäre, welche art zu betteln ihme so wol zugeschlagen Grimmelshausen 3, 348
Keller; typisch im älteren drama (
anders als III F 1): vier gewapnet stum person H. Sachs 2, 21
Keller; den Slaven ist der Deutsche ein stummer, ... weil ihrer sprache unkund J. Grimm
kl. schr. 7, 205; dargegen schlaicht die gotseligkeyt stil in der tief daher, ... und ist der fromm wol ein halber stumm, niemandt wil in hören Seb. Franck
sprichw. 1, 146;
sprichwörtlich: besser stumm als eine böse zunge Kern
sprichw. 6;
als glied eines vergleiches: vor liebe er ertôrte daz er als ein stumme reit Pleier
Meleranz 7355; das teütten sie wie die stummen Nas
antipap. eins u. hund. (1567) 191
a; und schweig do stil recht als ein stumb
pfarrer v. Kalenberg 63
ndr.; ähnlich: er ist verschwiegener dann ein stum Eyering 2, 366;
vgl. auch 1, 291.
sich stumm stellen u. ä.: solt er sich stellen für ein stummen Georg Rollenhagen
froschmeus. (1595) q 4
a; sich in einer sache stumm stellen Steinbach (1725) 757. I@A@1@aa)
besonderer bekräftigung, in jüngerer zeit vor allem der betonung gegenüber III,
dient die verbindung stumm geboren: einen menschen der was toub und ein stumme geborn Tauler
pred. 190
V.; seit dem 18.
jh. mehr oder weniger fest zusammengerückt: taub und stumgebohrne kinder zu haben
br. die neueste lit. betr. 17, 116; wie blind-, taub- und stummgebohrne zeigen Herder 21, 84
S. I@A@1@bb)
schon seit althochdeutscher zeit auch auf das organ bezogen: zunga sîn was stummu Otfrid I 9, 28;
bildlich: bis der geköpfte leichnam ihm mit stummer zunge treue ... zurufe Lessing 10, 72
L.-M.; stum werden truge lefsa Notker
ps. 30, 19
Piper; das macht mir nur den mund stum, deswegen dasz er kein einziges wörtlein aussprechen kann
engl. comed. u. trag. (1624) z vi;
sogar: den ungesprechen stummen lybe Niclas v. Wyle
translat. 71
Keller; in präpositionaler verbindung: stumm an zunge, todt die hand Grillparzer (1887) 6, 207; stumm am mund Kehrein
gramm. d. dtsch. spr. d. 15.
bis 17.
jh. 3, 149. I@A@1@cc)
heilung und reden eines stummen,
besonders im anschlusz an die berichte des neuen testaments, als symbol für die bewirkung des unmöglichen: er deta thaz ... stumme man ... riafun Otfrid III 1, 13; er hat dy toubin hornde gemacht und dy stuommen sprechinde Dietrich v. Gotha
pred. 122
a Leipziger hs.; die stummen redend, die todten lebendig Spee
güldenes tugendb. 103;
sprichwortartig: im ist der muot verirt, swer stummen sprechen leren will v.
d. Hagen
minnes. 3, 452
a; du hetsts an eim stummen ehe erfahren Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 53; eher werden die stummen reden Eiselein
sprichw. u. sinnr. 583;
in paradoxien: es (
das haar) was von ainer alten kue, die was gehaissen mumme, das sagt mir vert ain stumme Oswald v. Wolkenstein 63, 72
Sch.; der stumme sagts dem tauben an, der lahm erwischt den hasen Mittler
deutsche volksl. (1865) 797;
[] in bezeichnungen höchster möglichkeiten oder unmöglichkeiten: niemand als der stumme spricht nicht von Herkules
br. über merkwürd. d. lit. 3, 352
lit.-dkm.; lehrt ich doch selbst die stummen süsz zu lallen Cl. Brentano
ges. schr. 2, 491
Br.; in zeitungen: ereignisse, die einen stummen den mund öffnen müssen. I@A@1@dd)
stummer teufel, stummer geist, auf die heilungsgeschichten des neuen test. beschränkt; entsprechen daemonium mutum, spiritus mutus der vulgata; auszerdem auf der im kirchlichen milieu alter zeit besonders stark in negativer richtung entwickelten bedeutung von stumm,
s. III A 2
und 4 b,
beruhend; andererseits haben diese verbindungen selbst mit zu jener entwicklung beigetragen; von Luther
und den übrigen bibelübers. des 16.
jhs. vermieden mit ersetzung von stumm
durch sprachlos
oder stumm und besessen.
seit ahd. zeit: man stumman diuval habentan
Tatian 61, 5; thu toubo inti stummo geist ... uzgang 92, 6 (
entsprechend tauber geist und tummer
erste dtsche bib. 1, 155; Luther sprachloser und tauber geist
Marc. 9, 25); eynen bosin geist, der waz stump Dietrich v. Gotha
pred. 47
a Leipziger hs.; einen menschen der war stum und besessen
Matth. 9, 32,
entsprechend den besAesznen stummen Eck
bibel (1537) A A a 5
b; den stummbesessnen heilt er durch den teufel gleich Cl. Brentano
ges. schr. 1, 302
Br. I@A@22) stumm
als glied einer reihe von wörtern für als typisch geltende gebrechen, besonders sinnesgebrechen: wer hat den stummen, oder tauben, oder sehenden, oder blinden gemacht?
2. Mos. 4, 11; ist sie (
die jrau) blind, lahm, krum und stumm, ist sie rasend, thöricht, thumm, ... musz er (
der mann) sie dannach behalten Stranitzky
ollapatrida 299
Wien. ndr.; übertragen: im bapstumb alle menschen lam, blind, stumm ... gewesen Nas
antipap. eins u. hund. 1, 158
b;
in civilrechtlichen bestimmungen: wirt ok ein kint geboren stum oder handelos oder votelos oder blind
Sachsenspiegel 1, 4; errichtung eines testamentes durch einen stummen Ehmcke
wb. d. bürgerl. gesetzb. 2, 995. I@A@2@aa)
in engster wechselbeziehung steht stumm
mit taub.
das erst seit Campe
bezeugte taubstumm
bezeichnet sowohl lediglich die verbindung von taubheit und stummheit, als auch die bedingtheit der stummheit durch taubheit im gegensatz zu anders bedingter stummheit. in anwendung einerseits des den sinnfälligeren teil der taubstummheit bezeichnenden simplex auf die gesamte erscheinung, andererseits des alle arten der stummheit umfassenden wortes auf die in der überwiegenden mehrheit der fälle vorliegende specielle taubstummheit steht seit alter zeit bis in die moderne gemeinsprache häufig stumm
im sinne von taubstumm. I@A@2@a@aα)
oft, besonders in älterer zeit, in verbindung mit taub,
erlangt stumm
in ausdrücklicher begrenzung die bedeutung '
nicht redefähig, jedoch nicht taub': es gibt stumme, die hören können, nicht taub sind Krünitz 177, 285; zu den taubstummen kindern gehören auch stumme ... kinder
bekanntmachung d. bezirksschuldeput. Berlin 25. 9. 31;
so auch heute in medicinischer, besonders psychotherapeutischer fachsprache. stumm
und taub
gegenübergestellt auf zwei verschiedene subjecte bezogen: inti touba teta horente inti stumma sprechente
Tatian 86, 2; dasz beydes, taube und stumme, blinde und lame arbeiten Grimmelshausen 3, 351
Keller; auf das gleiche subject bezogen: was uns bedute der stumme und der toube Dietrich v. Gotha
pred. 122
a Leipziger hs.; by deme stummen und toubin 122
a; von gote ein zeichen do geschach an dem stummen touben
passional 143, 69
Köpke; sie brachten zu im einen tauben, der stum war
Marc. 7, 32,
entsprechend touban inti stumman
Tatian 86, 1; ich will sie zu einer familie führen, wo sie alle taub und stumm sind H. P. Sturz
schr. 2, 393.
[] I@A@2@a@bβ)
in der bedeutung '
unfähig zu hören und zu sprechen',
mit starker betonung des ersten und zurücktreten des zweiten elementes: das gehör nemen oder zu einem stummen machen
auditum auferre Frisius 138
b;
redensartlich: dan so deutlich ist mein theorica gesetzt, es verstünde ein stummer Paracelsus
op. 1, 316
Huser; wiewol er von dem bapst ... täglich seiner pflicht ermanet, ... so ward es doch alles einem stummen gesungen Seb. Franck
chron. zeytb. (1531) 187
a; als sie aber mit ihrer klag (dem stummen ein mAerle sagende) des abt gemt nicht erreichen Stumpf
Schweizer chron. (1606) 427
b (
ebenso einem tauben ein lied singen
s. th. 11, 1, 162; dem tauben ein mährlein sagen,
s. th. 11, 1, 163).
in jüngerer poetischer sprache metaphorisch: seyens lieder, harfen entflohn, mögen sie an stummen felsen verhallen maler Müller
w. (1811) 1, 204,
genau entsprechend taube felsenwände. I@A@2@a@gγ) stumm und taub
in gewissen anwendungen übertragen im sinne von '
dumm, unkräftig im verstande, lahm im lebensgefühl': darmit ich euch flOeh stillen mag, das ihr werd stumm und daub und zag Fischart
flöhhaz 47
ndr.; sie verdarben nicht den geist durch stumm- und taubmachendes kartenspiel Fr. L. Jahn 1, 310
Euler; ähnlich: de mynsche, de gheboren wert stom unde doff
buch Sidrach 128
lit. ver.; auch 170;
s. weiter III A 6
f. I@A@2@a@dδ)
substantivisches stumm
neben tor,
m., entsprechend dessen älterer bedeutung, s. th. 11, 1, 1, 391,
in mhd. und älternhd. zeit in der bedeutung '
stummer und tauber': und unsinnig leut, und plinden, und toren, die nicht gehörent, und stummen (
können nicht zeuge vor gericht sein)
stadtrecht v. München 35
Auer; hierher (
gegen th. 11, 1, 1, 392): ern (
der richter) sol niht lam sîn ... ern sol ouch niht blint sî
n. ern sol ouch niht ein stumme noch ein tôre sîn
Schwabenspiegel 71
Wackernagel; tôren, blinden unde stumben (
genasen) Lamprecht v. Regensburg
sct. Franc. leben 4830
Weinhold; den stummen unde den toren mit den tovben oren, gesehende und blinde bin ich piledende
Milstäter exodus (
2. Mos. 4)
Diemer 1, 129;
entsprechend bei Luther den stummen und tauben.
nicht immer klar, ob tor '
tauber'
oder '
narr',
in welchem fall auch stumm
sich auf die verstandeskraft beziehen müszte (
vgl. III A 1): (
die herren) sæzen vor dem rîch als tôren unde stumben, swie vil ir kunt des krumben mit iwer kunst machen sleht Ottokar v. Steiermark
österreich. reimchron. 13119; wollt lieber wie vor leben in armute, sicher und fröhlich singen, dan wie ein tor und stum sein traurig H. Sachs
dicht. 1, 303
Gödeke; hufhalcz, lammen, krummen, stummen, toren, tumben schweizer Wernher 12948
P. I@A@2@a@eε) stumm
neben dumm
in der bedeutung '
stumm und taub'
; wegen des gleitens von dumm
zwischen den bedeutungen des mangels eines bestimmten sinnes und allgemeiner verstandesuntüchtigkeit nur selten eindeutig: er macht die dummen hörend, die stummen jehend Joh. Aal
tragöd. Johannis (1549) p 4; macht nicht die leut doll, dumm und stumm gleich wie die hörner und die schellen Fischart 1, 367
Hauffen. dagegen anders III A 1. I@BB.
von der den tieren und dingen innewohnenden unfähigkeit zum sprechen, als charakteristisches attribut des nicht menschlichen: den unvernünfftigen thieren, bäumen, und andern stummen dingen Xylander
Polybii röm. hist. ):( 3
a; in allen dingen sein geist und leben ist, in den wachsenden und stummen so wol als in den lebendigen J. Böhme
schr. (1620) 3, 18.
[] I@B@11)
von den tieren: zu zeiten mangel in den gemainden ... an der waid ist, das der lieb stum wenig narung hat
österreich. weisth. 3, 112; wie wir nach einer ihm mangelnden menschlichen fähigkeit das thier das unredende und stumme nennen Jac. Grimm
kl. schr. 2, 366; ein jeder in den stall zu seinem stummen reist und zäumt und sattelt auf W. Scherffer
geist- u. weltl. ged. (1652) 61,
ebenso 539; 614;
so noch jetzt im schles., s. Weinhold
beitr. z. e. schles. wb. 95; dasz der hungrige wolff nicht ... die armen und stummen schafe zerrisse Prätorius
saturnalia (1663) 260.
so als pejoratives attribut des viehs, s. th. 11, 373: ausdrückend ist also der name der morgenländer, mit dem sie die thiere die stummen der erde nennen; nur mit der organisation zur rede empfing der mensch den atem der gottheit Herder 13, 142
S.; da ligt denn der stoltze man und feiner helt als ein stum, unvernunfftig thier, wie eine saw ligen solt, das nichts mehr menschliches an yhm ist denn das eusserliche ansehen Luther 19, 397
W.; wie das dumme und stumme vieh der grausamen gewalt gehorchen E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 1, 235; des byn ik wedder nu bedrogen van eneme stummen dullen queke meister Stephan
schachbuch 4258;
fester formel sich nähernd: das stumme vieh Stieler 2223; und bringt ein gantze herde mit, das stumme vieh mit sambt den hunden W. Spangenberg
griech. dram. 2, 79
Dähnhardt; vereinzelt dem nl. dat stomme dier '
arm, deerniswaardig' van Dale
gr. wb. 2, 1719,
entsprechend: stomm dier '
armes tier' Rovenhagen
wb. d. Aachener ma. 141. I@B@22)
von leblosen dingen: so bin ich wie ein stumme seul
M. Agricola
musica instr. 136
Eitner; das stumme wasser
bei C. Agricola
conc. bibl. (1674)
s. v. stumm; du stummes holtz sey nur nicht stoltz, dasz du dem wort must eine cantzel werden Joh. G. Schmidt
rockenphilos. (1706) 1, 142; die stummen wände und tapezereyen kriegen zuweilen zungen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1168
b; weh dem, der zum holtz spricht, wach auf, und zum stummen steine, stehe auf
Habakuk 2, 19;
sprichwörtlich: gelt das stumm, macht schlecht was krum Seb. Franck
sprichw. 2, 61
a;
so auch nl., s. van Dale
gr. wb. 2, 1719; der ssse wein, das stumme geld, verkehrt die weisen in der welt Petri
weish. 2, p l r;
ähnlich: das ... stumme klingende ... geld Treuer
Dädal. 1, 636. IIII. '
lautlos, klanglos'.
obwohl in der sache oft mit I
sich deckend, beruht die eigentliche bedeutung auf dem gegensatz zu '
laut, klang erzeugend',
nicht auf dem zu '
redefähig'.
nicht vor dem 15.,
meistens erst im 16.
jh. auftretend. II@AA.
von tieren in der bedeutung '
entsprechend ihrer gattung, im gegensatz zu anderen, lautlos': rechne mich selbst willig unter die stummen heuschrecken Lohenstein
lobschr. auf herzog George Wilhelm (1679) a 4
a; stumme sänger
bezeichnung für läuse Imme
d. dtsche soldatenspr. 94; auf den Antillen wurden der stumme hund und auf Haiti das meerschweinchen als hausthiere gezogen Peschel
völkerk. 453; der einzige stumme, aber ganz stumme hund A. v. Humboldt
ans. d. nat. 1 (1808) 88. II@A@11)
fachsprachlich besonders von vögeln: das disze art der adler ... stumm sey, on ein zunge Eppendorff
Plinius 139;
der stumme schwan,
auch gemeiner schwan, höckerschwan,
cygnus gibbus wird vom singschwan,
cygnus musicus unterschieden, s. Behlen 5, 731; Oken 7, 483;
th. 9, 2204; und wenn Megenberg weiter bemerkt: 'er habe ihn nie singen hören und ihrer doch viele gesehen', so meint er damit den stummen höckerschwan Wimmer
gesch. d. dtschen bodens 356; dies schneehuhn (
moorschneehuhn) verdient keineswegs den beinamen eines
[] stummen J. A. Naumann
naturgesch. d. vögel 6, 392; stumme schnepfe, stummschnepfe, stumme bekassine
name der haar-, moor- oder sumpfschnepfe Riesenthal
jagdlex. (1916) 474; stumme schnepfe
zuerst bei Campe 4, 730; stummsnepp
scolopax gallinula K. Schiller
thier- und kräuterb. 1, 9
a; nennt man sie in Frankreich die taube. bei den deutschen jägern heiszt sie dagegen die stumme, weil sie ohne geschrei auffliegt; sie ist indessen so wenig taub als stumm; jedoch (
hat) ... sie nur eine sehr schwache stimme ... und läszt diese höchst selten hören, während man beim aufsteigen der gemeinen bekassine stets ein lautes wiederholtes schreien zu hören gewohnt ist Naumann
naturgesch. d. vögel 8, 353;
vgl. stumpfschnepfe. II@A@22) stummer fisch
seit dem 16.
jh. in mannigfacher anwendung als symbol des lautlosen; s. fischstumm
gramm. 2, 575: den stufengang ..., auf dem die natur vom stummen fisch, wurm und insekt das geschöpf allmählich zum schall und zur stimme hinauffördert Herder 13, 140
S.; stumme wasserschaar ... lautes federvolck Treuer
Dädal. 1, 597. der helffant ein keyser, ein grosz ohr ein weiser, ... eins menschen haupt ein gelehrten, ein eselskopf ein unverstAendigen, fisch stumm Fischart
Gargantua 188
ndr.; im formelhaften vergleich: woher kommt es aber, dasz man im sprichwort sagt: man ist so stumm als ein fisch. können die fische denn nicht sprechen?
Holberg. dän. schaub. 3, 157;
auch in anderen sprachen, s. Körte
sprichw. (1861) 107;
in gleichem sinne: so stumm sein als ein karpfen Wieland
w. (1853ff.) 2, 25; so stumm wie ein hecht J. G. Kohl
reisen in Engl. (1844) 3, 184.
im übertreibenden comparativ schon im 16.
jh.: er ist stummer dann eyn fisch Tappius
germ. adag. (1545) 5
β; Eyering 2, 365; 3, 60. II@A@33)
auf dem vergleich mit den stummen wassertieren beruht die benennung einiger zeichen der ekliptik als stumme zeichen:
signa muta, stumme zeichen, nennen die sterndeuter den krebs, den scorpion und die fische, weil sie die fertigkeit der zunge hindern sollen Chr. Wolff
mathem. lex. (1716) 1274; stumme zeichen ... werden ... diejenigen himmlischen zeichen genennet, so der stummen thiere oder leblosen geschöpfe figur haben
Chomel 8, 1765. II@BB.
von occasioneller lautlosigkeit sonst lautgebender tiere; '
schweigend'
im gegensatz zu '
bellend, schreiend'
usw., nicht, wie I B,
zu '
redend': in dem winter ist er (
der wiedehopf) verporgen und ist ain stumm, aber in dem sumer ... so ist er gar ungestüem mit seim geschrai Konr. v. Megenberg
b. d. natur 228
Pfeiffer; so man ... will der gänse grosz geschrey verhindern, so stecke man ihnen nur erbis in die ohren, so werden sie taub und stumm Michael Böhme
viehenartzney (1655) 53;
das lautlose verhalten des wildes, namentlich des wildgeflügels heiszt weidmännisch stumm,
s. Behlen 5, 731: der ... birkhahn ist stumm, wenn er in der balzarie innehält Riesenthal
jagdlex. (1916) 524;
vom hunde, der beim verfolgen des wildes nicht laut gibt, vgl. laut,
adj., 4,
th. 6, 368: diese pflegen auch gerne ganz stumm hinter das verwundete thier zu jagen Döbel
jägerpractica (1754) 1, 107; stumm jagen die hunde, wenn sie nicht bellen Laute
jagdbrevier (1841) 292;
anders sprichwörtlich: stumme hunde und stille wasser sind gefährlich Lüpkes
seemannsspr. 130; Fischer 5, 1911. II@CC.
von dingen im sinne von '
geräuschlos'
; oft technisch und halbtechnisch: von dem sogenannten stummen pulver, das nicht knallet, ist auch viel wesens in der welt Knorr v. Rosenroth
pseudodoxia (1680) 509; man sieht die luft, sich abzukühlen, mit stummen blitzen häufig spielen Lessing 1, 185
L.-M.; bildlich: die musik aufhörte und eine fürchterliche stille wie ein stummer blitz einfiel G. Keller
w. 5, 43;
musikalisch: gleichen den griffen eines flötenspielers, der ... willkürliche verkettungen stummer und tönender öffnungen zu machen scheint Novalis
schr. 2, 112
Minor; [] stumme pfeifen
dasselbe wie blinde pfeifen,
die prospectpfeifen einer orgel, welche nur zur zierde aufgestellt sind und keinen ton geben Perthes
handlex. f. evang. theol. 3, 420; stumme klaviatur, stumme tastatur Sanders
erg. wb. 538
c.
speciell im sinne von '
nicht klingend': ez (
das zinn) ist ain stumm an im selber, aber wenn man ez mischt mit silber oder mit gold, sô wirt ez wol und süezleich hellend Konr. v. Megenberg
b. d. nat. 480
Pf. von mehr momentaner geräuschlosigkeit, der bedeutung '
schweigend'
nahe stehend: während die nahe stadt, die doch sonst so lärmte, fast noch völlig stumm war Stifter 3, 266; es waren stumme begräbnisse, kein zügenglöcklein läutete Watzlik
pfarrer v. Dornloh (1930) 275; eine ungerührte saite (
einer geige) ist stumm Treuer 1, 814;
in zeitungen heiszen stumm
die elektrischen locomotiven der stadtbahn im gegensatz zu den dampflocomotiven; ein unbenütztes telephon. II@DD.
im sinne von '
nicht selbst lautend, klingend, tönend'
in der grammatischen terminologie; seit dem 16.
jh. II@D@11) stumme buchstaben, stumme laute
als gemeinsame bezeichnung der mediae und tenues, dem heute ebenfalls veralteten mutae und dem gebräuchlichen explosivae entsprechend; stumme
wie mutae
schon im 16.
jh. im unterschied von den als halblaute, mitstimmer, mitlautende,
s. th. 6, 2355,
bezeichneten liquiden und spiranten; jedoch auch oft auf einige von diesen, besonders die spiranten, oder gar alle, also schlechthin auf alle consonanten sich erstreckend: dise buochstaben (
sechs mediae und tenues) ... haben ... ein sonderliche schwäre und subtile nennung, und heyssen billich allein die rechten stummen dann sie geben allein gar kein stimm und man kan sie nit hören
V. Ickelsamer
teütsche gramm. b 2
Fechner; darumb auch die grammatici die selben sechs mutas, das ist rechte stumben heissen
die rechte weis a 6
a Fechner; disse zehen buchstaben (
mediae, tenues und spiranten) werden darumb stummen genannt, dieweyl sie gar nicht on ein beygesetzten lautbuchstaben erkenntlich mit unterscheid mögen genennet werden P. Jordan
leyenschuol a 5
Fechner; viel frembde ... herren mir unserer poesy mangel ... fürgeworfen; ... dasz sie von unsern zusamengezognen worten und vieler syllaben, stummer und mitstimmer zusamenzwingung davon abgeschröcket wurden Weckherlin
ged. 1, 293
lit. ver.; da ich die bescheidenheit gebrauchte, mich nur blosz der stummen buchstaben des namens des hn. Backmeisters zu bedienen Liscow
sat. u. ernsth. schr. (1739)
vorrede 13; die einfachen (
consonanten) zerfallen sodann in flüszige (liquidae) und stumme (mutae). ... die mutae theilen sich ... in labiales b, p, v; dentales d, t, s; gutturales g, k, h
gramm.2 1, 10;
vgl. auch th. 2, 1; 481;
th. 3, 1797; Jac. Grimm
kl. schr. 5, 438;
im 19.
jh. oft auf die explosivae beschränkt: (
ein schulgrammatiker des 19.
jhs.) giebt die eintheilung der 'mitlaute' in wehende, flüssige, stumme; letztere zugleich mit einer zweiten benennung als starrlaute und der überflüssigen bezeichnung als 'eigentliche mitlaute' W. Scherer
kl. schr. 1, 405; die erste reihe der stummen buchstaben, nämlich b, g, d, ... die zweite reihe, p, k, t Birlinger
volksthüml. a. Schwaben einl. 5;
im 19.
und 20.
jh. noch wieder fälschlich: stumme buchstaben sind die consonanten oder mitlauter Hoffmann
vollst. wb. 5, 538; im gegensatz zu den mutae (stummen) = k, g, ch, t Giese
psychol. wb. 95. II@D@22) stumme buchstaben
die geschrieben, aber nicht gesprochen werden; ebenfalls seit dem 16.
jh., in der heutigen sprache jedoch lebendiger als 1: ein stummes b (
unterschieden vom starken
und mittleren) hat vor im ein
m. etliche meiden dieses b im schreiben und setzen am end eines wortes ein anderes m darzue: als fur lamb lamm Helber
teutsches syllabierbüchlein 6
Roethe; das stumme h ist, welliches man einem selbstlautenden buchstaben (wie in sehr) oder dem t in teutschen worten pflegt anzuhengen 8; stummes h
h muette Schrader
dtsch.-frz. wb. (1781) 2, 1333
b; andrerseits hat diese sprache freilich auch endvocale stumm gelegt Fr. Th. Vischer
altes und [] neues 3, 66;
vereinzelt von ganzen silben: da sie (
die provençalische sprache) mit so vielen sanften buchstaben und stummen sylben angefüllt war Adelung
mag. f. d. dtsche spr. 2, 4, 42.
metrisch besonders von dem e,
das den ictus nicht tragen kann: so wie tonlose vocale in den tiefton, gehen stumme ins verschwinden über; beide, tonlose und stumme, wechseln aber niemahls untereinander
gramm. 1, 373; stumm (
ist jedes e), wenn es auf eine kurze silbe ... folgt; es stehet noch da und musz geschrieben werden, es wird gleich einem stummen anwesenden nicht mehr gehört, aber noch gesehen
ebda; der zusammenstosz des stummen e mit dem a (kleinste ader) macht eine lücke in dem verse J. J. Spreng
zu Drollinger
ged. (1743) 98. IIIIII. '
schweigend, nicht redend, aus absicht oder psychischer unfähigkeit'.
die neue bedeutung geht unmittelbar auf die alte '
redeunfähigkeit'
zurück; sie beruht auf dem verkürzten vergleich: stumm sein '
schweigen'
ist '
sein wie ein stummer'.
die reine aussage ist seit frühester zeit meistens mit starken werturteilen verbunden und tritt vor ihnen zurück. die völlige herrschaft des wertaccentes führt sogar eigentlich auf I
u. II
beruhende anwendungen hierher. III@AA.
bedeutungen abschätzigen, negativen gehaltes; schon im mhd. reich entfaltet, für das ältere nhd. charakteristisch. III@A@11)
noch am festesten auf '
redeunfähig'
beruhend im sinne von '
dumm'
; redeunfähigkeit wird als äuszerung von dummheit gewertet; s. th. 2, 1511;
so auch nl. stom
dumm van Dale 2, 1719;
mnl. stom
esel Verwijs-Verdam 7, 2199;
s. Franck
et. wb. 670.
einen ausgangspunkt für die entwicklung bildet stummes vieh '
dummes vieh',
s. I B 1;
ähnliche entwicklung zeigt taub,
s. th. 11, 167; 527.
in älterer zeit vorwiegend md. und nd.: die stummen unbedachten ... sie waren unversunnen Wickram 7, 5 (
Albrechts v. Halberstadt metamorph.)
Bolte; de in der wysheyt is vil stum und bringhet syn gud in den brum (
vgl. th. 2, 427) meister Stephan
schachb. 4694; das her (
der teufel) den menschin besitzit und en stum machit an syner redelichin vornunfte Dietr. v. Gotha
pred. 48
a Leipziger hs.; in nd. und md. glossaren entspricht hebes, obtusus '
geistig stumpf',
stultus sowohl stumm
wie stumpf,
s. sp. 453:
hebedus stm
i. stultus Diefenbach
nov. 201
a;
hebidus tumm, stumm
ebda; hebetatus stum, dul
ebda; obtusus stum, stum von synden Diefenbach 391
a,
so auch 273
c;
nov. gl. 269
a.
ähnlich heute obersächs.: stumm sein
etwas dumm sein Müller-Fraureuth 2, 584;
die ortsnamen Stumsdorf
und Dummsdorf
entsprechen einander in der volksetymologie, s. Albrecht
Leipz. ma. 219;
seltener auch obd.: an witzen nicht ein stumbe der selbe bote was Ottokar v. Steiermark
österreich. reimchron. 21235; wie stumb ich bin, wie wenig ich han zu sinnreicher meisterschaft gezewges, dannoch weiss ich wol
bair. ls. für stumpf
ackermann a. Böhmen 13, 4
Bernt-Burdach. seit dem 16.
jh. nur noch in engerem anschlusz an die bedeutung '
sprechunfähig': damit man sehe, dasz die Teutschen keine barbari ... noch also stumme leut seyen, ... sondern das sie ... einen solchen spitzkopff mit rath und that ... beschlagen können Zinkgref
apophthegmata (1628) b 4; vor forcht würt oft der weisz ain stum Schwartzenberg
d. teütsch Cicero (1535) 157
d.
stärker neben dumm: die Cartheuser sind dumme und stumme unfläter, weil sie eitel flegmatische fisch fressen Fischart
Garg. 337
ndr.; mit dinglichem subject: die stumme und dumme uberschriften, inn leblose seulen ... eingegraben 428; wer will aber endlich einem solch dummen und stummen holtze eine so grosse wissenschafft zuschreiben J. Prätorius
glückstopf 17;
seit dem 19.
jh. stumm und dumm
in fester verbindung: wenn so ein ... zugestutzter schauspieler seine ... sechs rollen gespielt hat, steht er da wie eine abgelaufene spieldose, stumm
[] und dumm Gutzkow
ges. w. 12, 439; darfst stumm und dumm vor dich hinbrüten Th. Mann
Buddenbrooks (1925) 2, 159. III@A@22)
im anschlusz an verschiedene bibelstellen ist stumm
seit mhd. zeit das attribut der heidnischen götter und gilt als hauptmerkmal ihrer minderwertigkeit: dîne gote stummen sint, toube tôren, si sint blint Rudolf v. Ems
Barlaam 210
Pjeiffer; das falsche gegossene bilde, darauf sich verlesst sein meister, das er stummen götzen machte
Habakuk 2, 19; ein armer, geschnitzter, ... hirnsüchtiger, stummer, lahmer, sinnloser ... unbewegter götze Treuer
Dädal. 1, 797;
seit dem 17.
jh. im vergleich: stummer als ein götz J. G. Seybold
viridarium 581;
übertragen: aus den kaisern unthätige und stumme götzen zu machen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 1, 125;
ebenso scheltend von kultgegenständen im 16.
und 17.
jh.: das man keine bilder ... soll haben, dadurch gottes geystlich wesen ... mit irdischen, schnöden, leblosen, onmächtigen und stummen creaturen auszzutrucken Fischart
binenkorb 14
a;
anders: nur müszige und stumme bilder Ramler
einl. i. d. schönen wissensch. 1, 320. III@A@33)
in mannigfaltiger anwendung im sinne von '
nichtssagend, nichts bedeutend, nicht sinn gebend, auskunftslos': wir wollen nicht stumm schreiben, sondern beweiszlich J. Böhme
schr. (1620) 4, 121; hie von (
aus mangel der andacht) ist das gebet kalt an sinem wort und stum
passional 168
Köpke; die heilig schrift zieh hinder sich und hinder nur, sey unnütz ding, ein kalter stummer buchstab gring Fischart 1, 125
Kurz; von diesen haubtendungen, die an sich selbst stumm sind, und nichts bedeuten Schottel 322;
vgl. dagegen B 4 b; ohne seh- und gehörsinnsubstanz wäre diese farbenglühende, tönende welt um uns her finster und stumm du Bois-Reymond
gr. d. naturerk. 10; unwiszend einer stummen, aus todten lettern gelernten weisheit Herder 6, 70
S.; in moderner sprache: stummes material
das man in einer wissenschaftlichen darstellung ohne es zu deuten citiert; stumme regionen des gehirns
deren function der medicin noch nicht bekannt sind. III@A@44) '
ohne teilnahme, pflichten der wachsamkeit und sorge versäumend'. III@A@4@aa)
seit mhd. zeit vom verhalten gegen gott: swelch mensche niht gotes minne hat, daz ist ein stumme, wa ez gat: aleine sin munt si worte vol, doch ist sin herze gein gote hol Hugo v. Trimberg
renner 20970
Ehr.; Christus liebt die reinen hertzen und nit die befleckten, will das liecht und nit den stummen, will ein ruhigen, und nit ein beladenen Paracelsus
op. (1616) 1, 122
Huser; ich bin oft geistlich stumm B. Schmolck
trost- u. geistr. schr. 1, 405;
vgl. J. J. Schmidt
bibl. medicus (1743) 416,
vgl. dort auch geistliche taubheit 414. III@A@4@bb)
auf Jes. 56, 10
beruhend stumme hunde
als bezeichnung pflichtvergessener und unzulänglicher geistlicher: alle ire wechter sind blind, sie wissen alle nichts, stumme hunde sind sie, die nicht straffen können, sind faul, liegen und schlaffen gerne
Jes. 56, 10; prediger genug, fragen sie? o das sind stumme hunde, wie Esaias sagt K. Fr. Bahrdt
gesch. s. lebens 1, 300; um erhaltung der gnade und des dienst ein stummer hund sein Kramer 2 (1702) 1024
b.
auch von ihre glaubenspflichten versäumenden laien: seit nicht ein stummer hund, wan das gesang zur ehre und preisz gottes musz geführet werden Moscherosch
insomnis cura 105
ndr.; auszerhalb der kirchlichen sphäre: ein redlicher mann soll böse anschläge verhüten, sonst ist er wie ein fauler stummer hund, der für die herd nicht wacht Lehman
flor. pol. 2, 636.
in gleicher bedeutung auch alleinstehend: da werden die wachtbaren zu eitel stummen Guarinonius
greuel d. verw. 1078. III@A@4@cc)
vom verhalten gegen die welt, häufig im sinne von '
interesselos',
besonders lebendig im 19.
jh.: nit daz he ein
[] stume wer von reden, dan he was ein stome von werken
Limburger chron. 67, 4
Wyss; dieses stumme vorbeigehn an den helden des tages de Lagarde
dtsche schr. 34; in stummer gleichgültigkeit Bismarck
ged. u. erinn. 2, 123
volksausg.; gern mit folgendem dat., mit oder ohne präp.: freilich will der lebendige mensch aufs leben wirken und so wünscht er dasz seine zeit nicht stumm gegen ihn bleibe Göthe II 4, 158
W.; da man von trefflichen freunden entfernt, ihnen oft länger als billig stumm bleibt IV 25, 159.
anders, fester auf C 5
beruhend: weil die göttingischen anzeigen, stumm von ihm, benachbartes verdienst würdigten J. H. Voss
antisymb. 2, 42;
besonders vom herzen: herre sol myn hertz ein stumme gegen aller diser welt sin
betbüchlein (1518) 4
a; sein herz war bisher ganz stumm und gleichgültig gewesen G. Frenssen
Jörn Uhl (1929) 165. III@A@55) '
ohne widerrede, gehorsam, machtlos'
; seit mhd. zeit. anfangs einfach '
schweigend',
dann symbolischen charakter gewinnend: wie lang sol ich ein stumbe ze diser fuore sîn? Ottokar v. Steiermark
österreich. reimchron. 25435; magnifaceremus verbum de fide et omnia alia stum und taub Luther 34, 2, 517
W.; hie müssen wir alle zu stummen werden 17, 1, 304; die stummen, das ist die erschrockenen kleinmütigen prediger Ph. Regius
v. luth. wunderz. (1524) 4 e,
vgl. C 1 b; in der bibel heiszen stumme solche leute ..., die alles mit geduld ertragen J. J. Schmidt
bibl. medicus (1743) 416;
vgl. weish. Sal. 10, 21; gelt ist fromm, armuot ein stumm Seb. Franck
sprichw. 1, 118
a; die feuersqual ist gegen dem geiste als stumm, tod oder unmächtig J. Böhme
schr. (1620) 4, 18; heroismus des stummen dienstes wird zum heroismus der schmeichelei Hegel 2, 384; stumme diener der abgötterei Herder 13, 389
S.; die that ist stumm, der gehorsam blind Schiller 12, 28
G.; in künstlicher antithese (
vgl. th. 11, 3, 878): der ermahnt hat, den lahmen und den krummen kein haar zu krümmen, und zu speisen den stummen und den ungestümmen Rückert 11, 408. stumm machen
im sinne von '
matt setzen',
besonders '
durch argumente widerlegen': redete ... so nett ... dasz er sie alle stumm machte
pers. baumgarten 52
a Olearius; machten durch ihren gesunden verstand den witz berühmter philosophen stumm J. v. Müller
s. w. 1, 68. stumm sein, werden
im sinne von '
kraftlos, erloschen sein, werden': die gesetze werden stumm und endlich verachtet G. W. Rabener
s. schr. 4, 188;
von feindseligen gefühlen: ob schon seine eifersucht nunmehr stumm worden war Lohenstein
Arminius 2, 55
b; um jeden zweifel, um jeden argwohn schleunig stumm zu machen? Schiller 12, 431
G. III@A@66) '
unbewegt, leblos, tot'. III@A@6@aa)
weniger charakteristisch als b
ff., jedoch am weitesten verbreitet vom psychischen verhalten des menschen. grundbedeutung '
aus psychischer hemmung nicht redefähig'. III@A@6@a@aα)
am ältesten in den wendungen stumm wie ein block, klotz, stock (
vgl. gramm.2 2, 30): nicht seten stum lyck alze eyn block efte alze eyn slymmer thunstock H. v. Ghetelen
narrenschyp 14
B.; sitzt er stumm wie ein stock J.
M. R. Lenz
ges. schr. 1, 30;
vgl.stockstumm
gramm.2 2, 575;
th. 10, 3, 39;
wie neben stock
steht stumm,
besonders in der jüngeren literatur, gerne neben den mit ihm stabreimenden starr (
β), staunen (D), steif (
β), still (C), stumpf (f)
u. a. in freierer anwendung: von dergleichen stummen gemüthern der unteren volksklassen Hegel 10, 2, 205; dat is wull bedurlich, dat uns lüde allto stumm, swarfällig unn kold sünd G. Frenssen
pastor v. Poggsee (1921) 304. III@A@6@a@bβ)
am reichsten entfaltet in der bedeutung '
vor erregung sprachlos': weil den Vasaces mehr die verwunderung als seine mattigkeit stumm liesse A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 33;
seit dem 18.
jh. häufig neben steif
und starr:
[] ihr blick bezaubert ihn, er bückt sich starr und stumm Zachariä
poet. schr. 1, 100; steht stumm und starr wie eine bildsäule Schiller 2, 197
G.; ich starre stumm aus dem fenster G. Frenssen
O. Babendieck (1926) 472; sie ... gehen, von spiel, dampf und dem portwein allmälig übermannt, stumm und steif ... zu bette Gutzkow
w. 8, 9.
der gruppe D
am nächsten stehend: ich ward vor schrecken stumm Gottsched
dtsche schaub. (1740) 2, 4; stumm vor bittrer wuth Bürger
w. 156
B.; die leidenschaften ... scheinen die weiber nicht stumm zu machen Hippel
über die ehe 142; die bestürtzung hatte ihn eine ziemliche weile stumm gemacht Lohenstein
Arminius 1, 77
b. III@A@6@bb)
symbolisch, selten euphemistisch, vom toten menschen: der alte Moengal gedenkt sobald noch nicht ein stummer mann zu werden v. Scheffel
w. 1, 174; der mit dem kopfschusz hockt neben dem toten ... (
und) blickt mit einem auge auf den stummen kameraden G. v.
d. Vring
soldat Suhren (1928) 242.
im älteren nhd. gerne von nicht zeitgenössischen autoren und ihren werken: dann ewer tode schrifften jagen den leuten ein mehr scham als lebend reden stiften. ja auch die lebendigen müssen noch reden ausz euch stummen Fischart
Garg. 444
ndr.; stumm machen
im sinne von '
töten': um nicht vor der zeit stumm gemacht, um nicht auf dem wege zum gericht erschlagen zu werden Hebbel
w. 1, 356
Werner; auf das organ bezogen: durch den zeitlichen tod wird sein mund stumm und versigelt Dannhawer
catechismusmilch ):( 1, 3
b;
vgl. auch totstumm
gramm. 2, 575; todesstumm
th. 11, 1, 1, 576; leichenstumm
th. 6, 623.
ähnlich von nicht erscheinenden zeitungen: die alten Berliner zeitungen waren stumm Ruge
briefw. u. tageb. 2, 34. III@A@6@cc)
im weitesten sinn von '
nicht lebendig, reglos'
; in junger sprache häufig neben tot: er wird mir gegenüber sitzen, stumm und todt Tieck
schr. 2, 305;
meistens mit dinglichem beziehungswort: auf der stelle aber, von der eigentlich die rede sein sollte, blieb alles todt und stumm Göthe I 33, 286
W.; mit stummem, totem gesicht G. Frenssen
unterg. d. A. Hollmann (1922) 89;
in mannigfacher, besonders poetischer anwendung: auf der stummen entblätterten landschaft Hölderlin 2, 85
L.; die augen sinken zu, die sinne werden stummer Wieland (1856) 20, 135; in jede woge taucht sein bildnis nieder, ob stumm sie ruht, ob leuchtend sie sich bricht Herwegh
ged. e. leb. 190; als hätten sie (
die äcker) sehnsucht ... ihre stummen kräfte in tausend grünen keimen ... zu erproben H. Hesse
diesseits (1907) 11; das stumme leben in Windsloh ..., die einsamkeit Fr. Thiesz
d. verdammten (1930) 481.
in moderner sprache gerne neben grau
und schwarz: eine stumme rauchgraue wolkenwand Dauthendey
w. (1930) 3, 528; die häuser standen schwarz und stumm H. Voigt-Diederichs
ring um Roderich (1929) 284. III@A@6@dd)
von der beschaffenheit der atmosphäre und stimmung der natur: schwer niederhängend die wucht stummer, warmer, dicker wolken Stifter 1, 131,
vgl.wetterwolkenstumm Sanders 3, 1255
b; mit dem stummen brüten in der luft Fr. Th. Vischer
auch einer (1897) 2, 422;
anders: kein athemzug regte sich in der stummen, funkelnden mondluft Stifter 1, 280. III@A@6@ee)
im sinne von '
leer, öde, seelenlos',
mit dinglichem beziehungswort: meinen geist umfängt die stumme leere einer seelenlosen einsamkeit Tiedge
w. 2, 144; der hangende himmel wölbt sich um Golgatha, wie um verwesungen todtengewölbe, graunvoll, fürchterlich, stumm! Klopstock
Messias (1780) 251;
[] in dem kalten, stummen, nach welkem sommer duftenden raum H. Voigt-Diederichs
ring um Roderich (1929) 89; dasz er (
der tod) uns nimmt und in das stumme stöszt Rilke
ges. w. 3 (1927) 126;
stumme nacht ist feste verbindung, besonders lyrisch: ... wie ist es hier öde! wie so stumm die entsetzliche nacht! Klopstock
Messias (1780) 183; da du uns aus jener stummen nacht (
des todes) zurücke kehrst Göthe I 10, 258
W.; vgl. mit ähnlichem gehalt blinde nacht
th. 2, 119;
ebenso vom grabe: das finstere, gemeine stumme ... grab Treuer
Dädal. 1, 798;
besonders im vergleich: stumm liegt die welt wie das grab! Göthe I 14, 237
W.; III@A@6@ff)
im sinne von '
unempfindlich, gefühllos'
; neben taub: die starre, stumm und taube gefühllosigkeit Bode
M. Montaignes ged. 1, 13; eine taube stumme einsamkeit lag kalt Tieck
schr. 8, 111;
in ähnlichen anwendungen wie uneigentliches taub: herrschte vor zeiten ein eisernes schicksal mit stummer gewalt Novalis
schr. 1, 26
M.; neben stumpf: bei uns daheim die steifen bürgermädchen, blond, stumm und stumpf, rothbackig und langweilig! Bauernfeld
ges. sch. 5, 41;
s. auch sp. 458;
ebenso neben dumpf: so lag er, stumm und dumpf, die augen halb geschlossen G. Frenssen
unterg. d. A. Hollmann (1922) 146. III@A@6@gg)
in der bedeutung '
unbewegt, ohne gärung, matt'
technisch: stummer wein ungegorener, stark geschwefelter, sehr süszer wein, s. Jacobsson 2, 37.
entsprechend nl. stom wijn v. Dale 1798, stommen
sterke dranken vervalschen Franck
et. wb. 670;
daraus, schon im 17.
jh. bezeugt, engl. stum,
m., ds.; s. Murray 9, 1, 1189; Holthausen 179;
auch frz. vin muet;
in ähnlicher benennung dummes salz,
s. th. 2, 1512; stumpfer wein,
s. sp. 452; stiller wein Heyne 3, 818.
seit dem 16.
jh. bezeugt: als den sie nennen aiglyces, das ist stäts mostwein, oder unverjären wein, stummen wein, vinum mutum, suffocatum, dieweil er verstrempft wirdt in dem fasz ehe er verjäret A. Lonicerus
kreuterbuch (1593) 34; die stummen fässer sind besser dan die haisern, darum gebt ine zuckerkandel durch ein trachter ein Gengenbach 425
Goed.; nach Frankfurt a. M. weist, wie Lonicerus,
auch: im jar 1540 hat ein ersamer rathe dieser stat Frankenfurt den wirthen die keller lassen besehen des gefelschten weins halben, der stum genant
bei Grotefend
quell. z. Frankfurter gesch. 2, 14; (
die wirthe) hatten die wein gemacht, dasz man sagt, sie weren stumm 290,
auch 267, 22; stumm
bedeutet hier (
gegen Götze in lit.-bl. f. germ. u. rom. phil. 1920, 158)
nicht '
heimlich'.
in neuer zeit nur für das nd. sicher bezeugt: witten bastert, eine art süssen weins: besonders der junge franzwein, welcher in Holland mit schwefel stumm und süsz gemacht wird
brem. wb. 5, 332,
auch 4, 1078.
auf engl. herkunft weist stum
most, neuer wein Gilow
de planten 3079;
so vielleicht auch: stummer wein ...
engl. stum Ludwig
teutsch-engl. 1912.
in jüngeren wb. mit secundären erklärungen: nennt man auch den wein stumm, wenn er so geschwefelt ist, dasz er darüber den geist verloren hat Adelung 4, 854; stumm ... wenn er (
der wein) ohne geist ist, und daher nicht redselig macht Campe 4, 730. III@BB.
mit positivem gehalt am ältesten im sinne von '
stummberedt'
bezeugt; stumm
heiszt, was nicht mit menschlicher sprache redet oder geredet wird, dennoch aber einen sinn und inhalt mitteilt; die auf dieser gegensätzlichkeit ruhenden anwendungen gehören in ihrer hauptmasse einer jüngeren zeit an als die negativer richtung (A). III@B@11)
seit dem 16.
jh. in besonders antithetischen ausdrücken: nit alleine wir ... sondern es zeugen auch davon die
[] stummen prediger an dem himmel Ringwalt
lauter warh. a 2
b; auge, augenblick, augapfel. ihr stummen redener, ihr sagets ohne zung, und redets ohne mund Treuer
Dädal. 1, 135; mit stummer und stiller sprach ihrer ... gedancken
theatr. amoris 6; nach dero (
nur noch in ihren werken lebenden poeten) vielmals zepflogener gesellschaft und stummer sprachhaltung (
unterhaltung) J. Grob
dicht. versuchgabe 3; in stummer unterhaltung begriffen Göthe I 24, 164
W.; kan liebe mich stumm reden lehren Roberthin
in Königsb. dichterkr. 99
ndr.; was der unberedte mund nicht hat vollbringen können, soll dieser schneeweisse leib durch seine stumme wohlredenheit Chr. Weise
überflüss. ged. 203
ndr.; durch gewandtes fingerbeugen auszusprechen stumme worte
F. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 57;
anders redensartlich im sinne von '
gar kein wort',
verstärkend empfunden: ohne ein stummes wort des beweises Herder 3, 473
S.; er spricht kein stummes wörtlein
er schweigt ganz und gar Spiess
henneberg. id. 248;
so auch Reinwald
henneberg. id. 123; ich habe ihm keine stumme rede gegeben
kein wort erwidert Fischer
schwäb. 5, 1911;
ebenso kein sterbenswörtchen Heyne 3, 800.
in weiterer anwendung: schickst uns aus milder güte auch stumme lehrer zu Heinrich Albert
bei Fischer-Tümpel 3, 49; dasz dergleichen bücher stumme hofemeister seyn Lohenstein
Arminius 1, c 2
b; briefe, die stumme boten Treuer
Dädal. 1, 223;
so namentlich stummer zeuge: so sollen diese zeilen ... stumme zeugen meiner wahrheit ... seyn Ziegler
asiat. Banise (1689) 126; mit den mineralien, diesen stummen zeugen einer stillen, tausendfach schaffenden tätigkeit der natur Fröbel
schr. I 1, 111; auf derlei stummes zeugnis wirkender naturkraft Scheffel
w. 1, 140. III@B@22)
seit dem 17.
jh. von der bildenden kunst, meist der malerei, im gegensatz zur dichtkunst: die mahlerey (
ist) aber ein stummes gedicht, und zu vorgedachter dichtkunst gehörig Harsdörffer
gesprächsp. 4, 91.
besonders stummepoesie, seit dem 18.
jh.: die malerey, die gleichsam eine stumme poesie ist Gottsched
anm. gelehrs. 8, 673; die blendende antithese des griechischen Voltaire, dasz die mahlerey eine stumme poesie, und die poesie eine redende mahlerey sey Lessing
w. 9, 4
L.-M. III@B@33)
in weitem umfang von allem wortlosen, meist gestenhaften ausdruck: ein wildes vieh entdeckt mit stummen zeichen des innern hertzens sinn; durch reden herrschen wir! Gryphius
trauersp. 41
Palm; auf einen stummen wink Tieck 19, 212; das böse gewissen, der stumme wer da Abraham a
s. Clara
etw. für alle 2, 11; ein stummer seuffzer soll nur nach dem himmel dringen v. Hoffmannswaldau-Neukirch
ged. 1, 335; kalt und wie in stummer klage starrten sie ihn an Storm 4, 147
Köster; mit ausdrücken des sehens: trifft einst ein stummer blick die schönen augen an, und sagt mehr, als mein mund, das was mein herze denkt Weichmann
poesie d. Niedersachs. 2, 259;
der oxymorische gehalt ist so verschieden stark, dasz wechselbeziehungen zu III E
bestehen: der weise siehet stumm dem gaukler nach und läszt ihn ziehen Gökingk
ged. 1, 25;
anders: die stummen, forschenden augen der kinder G. Frenssen
Hilligenlei (1905) 93;
mit ausdrücken des grüszens: mit stummem grusz Storm 1, 300; machte ihr ... eine stumme verbeugung Pfeffel
pros. vers. 5, 50;
von solchen mitteilungen, die im allgemeinen durch die rede erfolgen: dein (
der natur) stum gebot Dusch
verm. w. 16; ich vernahm sein stummes flehn Göthe I 2, 325
W.; [] den stummen tadel seines strengen gesichts J. A. Cramer
nord. aufs. 1, 43; einen stummen auftrag ... deuten Schiller 12, 442
G.; seine stumme lüge Mile gegenüber H. Voigt-Diederichs
abendrot (1920) 75.
häufig stumme frage: dasz ich seine stumme frage mit kopfschütteln und achselzucken beantwortet habe Hebbel
w. 2, 130
Werner; ebenso stummer dank: ein stummer dank, ein dank mit schall; wir danken unserm gott! Overbeck
samml. verm. ged. 222; mein dank ... muste beim abschied stumm bleiben J. Grimm
in briefw. zw. Jac. u. Wilh. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 290. III@CC.
in reinster ausprägung des positiven affectgehaltes im sinne von '
still, bescheiden, andächtig, nicht geschwätzig, nicht laut'
; am reichsten in jüngerer sprache ausgebildet: mach mich mein schöpfer nur ganz stumm, und in die still mich bringe; mein will ist doch verkehrt und dumm A. v. Arnim
w. 17, 328; die der groszsprecher glück durch stumme wunden erkauften Lenz
ged. 27
Weinhold; das heilige, unschuldvolle, stumme, schweigende, unbefleckte, makelreine ... lamm (
gottes) Treuer
Dädal. 1, 314; ein sanft hingleitendes leben, schatticht und stumm Bode
M. Montaignes ged. 6, 117; die stumme andacht, mit der ich halbe tage lang sitzen und lauschen mochte Holtei
vierzig jahre 1, 273; die alte stumme kapelle verschwimmt in des abends duft Hebbel
w. 7, 152
Werner; besonders gern neben ausdrücken der schönheit und grösze: die stumme grösze der kunst Wackenroder
herzensergiesz. 214; seine stumme lieblichkeit Hebbel
w. 6, 179
Werner; in stummer ernster pracht G. Frenssen
pastor v. Poggsee (1921) 513;
von der ruhe und lautlosigkeit der natur: wir beten nicht so sehr an die seulbilder, als die häyne und in ihnen das stumme stillschweigen S. v. Birken
forts. d. Pegnitz-schäferey ):( 3
b; durch die stummen wälder irrte ... träumerisch ein armer hirte Cl. Brentano 2, 182
B.; die stummen, wachsamen sterne Gutzkow
ges. w. 5, 366.
seit dem 17.
jh. mit dem im gegensatz zu laut
stehenden still,
s. th. 6, 367,
zu fester formel verbunden: ichs wohl will übertragen (
erdulden) im dunklen still und stumm Spee
trutznachtigall 60
Brentano; wir reiten still, wir reiten stumm, wir reiten ins verderben Herwegh
ged. e. leb. 34.
im nd. auch mit anderem affectgehalt im sinne von '
leblos' (III A 6): stell on stomm Leithäuser
Barmer ma. 152; he ward gans stum un stil ten Doornkaat-K. 3, 353; Abel war still und stumm mit leblosem gesicht nach dem hof gegangen G. Frenssen
pastor v. Poggsee (1921) 390. III@DD.
von den starken gefühlsregungen in dreierlei sinn: '
den davon betroffenen sprachlos machend'; '
nicht in worten, sondern auf andere weise kund getan'; '
verhalten, heimlich, dem auszenstehenden verborgen'.
diese inhalte meistens von positivem oder negativem affect begleitet. besonders jüngerer sprache eigen: kein stummes erlebnis belastete sie Th. Mann
Buddenbrooks (1925) 2, 364; die stumb freud des gemühts Guarinonius
greuel d. verw. 220; drückte im stummen entzücken seine hand S. Geszner
schr. 2, 28; es (
das geld) wird mit stummer lust beschaut Hagedorn
poet. w. 121; aus dem behäglichen zustande des stummen staunens gerissen Lessing 13, 351
L.-M.; minder schrecklich als die stumme verzweiflung 2, 350;
[] nur euer reiz beschwor, aus stummstem gram, auf meine zunge das herbe wort Dor. Tieck
Cymbeline akt 1, 7; und stummre schmerzen traten an die stelle Deinhardstein 4, 207; trauerte in stummem schmerz ein adeliger fräuleinverein Cl. Brentano 5, 67;
gleichbedeutend tauber schmerz,
s. th. 11, 1, 1, 164; (
höre) die säuftzer meiner seel, in dem das stumme leid mir red und zunge knüpft Lohenstein
Ibrahim sult. (1701) 74; stumme, stamlende furcht Treuer
Dädal. 1, 599; des donnergerührten jünglings wilde stumme betäubung Hölderlin
ges. dicht. 1, 69
L.; in unaussprechlicher stummer und zitternder erregung Th. Mann
Buddenbrooks (1925) 2, 182;
anders, jedoch mit gleichem subjectswechsel, von den tränen: mit stummen thränen geantwortet Lessing 2, 271
L.-M.; mit besonders deutlichem hervortreten der bedeutung '
heimlich, verborgen': ich brenn in einer stummen glut v. Hoffmannswaldau-Neukirch
ged. 2, 89; stumme leidenschaft Mörike
ges. schr. (1905) 3, 13; in stummer liebe leid Fontane I 1, 128.
dagegen ohne den sinn '
verborgen',
nur in lyrischer steigerung: in wunderbar geflochtner stummer liebe A. v. Arnim 22, 253
Gr. III@EE.
in der reinen bedeutung '
schweigend, nicht redend',
ohne den sinn irgendwelcher physischer oder psychischer redeunfähigkeit und ohne verbindung mit jeglichem werturteil; diese auszerordentlich häufige bedeutung der modernen umgangssprache scheint für viele entwicklungen von III A-D
die grundlage sein zu müssen, ist jedoch in älterer zeit sehr selten bezeugt. III@E@11)
mit persönlichem beziehungswort: wenn die fraw stumme ist, das ist, wenn sie schweigen kan, und nicht wort noch schlege gibt E. Sarcerius
b. v. h. ehestande (1553) 3
b; er war kein ganz stummer, aber doch schweigsamer begleiter T. Kröger
nov. (1914) 6, 220; stummer beisitzer,
s. th. 9, 2430;
elinguis curia der nit reden darf, stumm Frisius 468; Plinius aber ist in den xx büchern von der Deutschen hendel und geschichten gar stum B. Faber
Saxonia (1563) 9
b; sind die schriftlichen quellen stumm Mommsen
röm. gesch. 1, 414;
auf das organ bezogen: min ungelenke zunge muz darinne wesen stum wande daz herze ist zu tum
passional 145, 22
Hahn; hinter den stummen lippen werden die zähne knirschen A. v. Arnim
trösteinsamk. 29. III@E@22)
mit dinglichem beziehungswort im sinne von '
stillschweigend, nicht von worten begleitet': ein schön weib ist ein stummer betrug Lehman
flor. 1, 169; wenn ihre stummen vorzüge sich nicht klar genug darthäten, sie noch mit worten ... zu empfehlen Göthe I 24, 302
W.; aus einer sehr eigenartigen stummen und tiefen gegenseitigen vertrautheit und kenntnis Th. Mann
Buddenbrooks (1925) 2, 329;
den verbalen wendungen (4)
entsprechend: trieben jene art des stummen handels, salz gegen salz hinlegend Ritter
erdk. 1, 419; ein stummer, allgemeinen gesetzen gehorchender umschwung unzähliger himmelskörper Lotze
mikrok. 1, xii; stumme erwartungsvolle pause Fr. Th. Vischer
auch einer (1897) 1, 352; du, der worte verstummt macht, fürchtest stumme gedanken nicht? Herder 27, 69
S.; auch im gegensatz zu lauter gedanke,
s. th. 4, 1, 1957;
mit den gesuchtesten beziehungswörtern im 18.
jh.: den nährt ein singendes geschrey und den ein stummer strich auf einem hohlen brete Stoppe
Parnasz 62; die seele schreit von stummen bissen (
in der hölle) Chr. Günther 16;
[] von dem ort, an dem schweigen herrscht: sie muszten aus dem oberen stummen gebüsch (
aus dem sie dabei keinen laut vernahmen) herab steinwurf auf steinwurf erfahren Göthe I 29, 136
W. III@E@33) stumm bleiben, stumm sein
im sinne von '
schweigen'
; im 18.
jh. noch in lockerer fügung: bleibt immer stumm! (
an die dichter) Blumauer
ged. 92; der treueste freund des vaterlandes blieb stumm Moltke
ges. schr. 2, 137;
in fester wendung, meist im 19.
und 20.
jh.: von Carlsbad werde ich nicht ganz stumm bleiben Göthe IV 21, 291
W.; wie die australischen initiierten: ... verstehen nicht zu essen und bleiben stumm Th. Reik
d. ritual (1928) 87; das stummbleiben der theologischen presse de Lagarde
dtsche schr. (1886) 166; stumm sein
selten schon älter: du schalt to male wesen stum in dessen grundelosen saken dar du nicht enkanst ut gheraken
d. engels u. Jesu unterw. 2, 573
Peters; keyn antwort gab, sonder war mit seinem gedancken stum J. Agricola
sprichw. A a 8
a; abers lüftchen ... schweigt, ... so musz ich auch stumm sein B. v. Arnim
Günder. 1, 162; wurde der zimmermann wieder stumm T. Kröger
nov. (1914) 1, 288. III@E@44)
in jüngerer zeit adverbiell neben mannigfaltigen verben: der stumm harrenden menge Mommsen
röm. gesch.4 3, 179; er stimmte mit seiner geduldigen art stumm bei Dauthendey
w. 3 (1930) 494; wenn ich nicht stumm von hinnen scheiden soll Göthe IV 28, 182
W.; stumm stand er da A. G. Meiszner
skizzen 2, 30; (
wirkt) des professors vortrag auf den stumm hörenden studenten J. Grimm
kl. schr. 1, 244. III@E@55)
im sinne von '
schweigsam'
als eines anhaltenden gemütszustandes: sie soll zu rasch im maul nicht seyn, auch nicht zu stumm Voigtländer
od. u. lieder (1642) 73; es giebt augenblicke, in denen ich sehr stumm bin Rabener
s. schr. 6, 49; beide nationen schienen ihren charakter vertauscht zu haben, der Spanier war jetzt der redselige und der Brabanter der stumme Schiller 7, 314
G.; denn geschwätzig sind die zeiten und sie sind auch wieder stumm Göthe I 4, 19
W. III@FF.
auf der bedeutung '
schweigend'
beruhende technische ausdrücke. III@F@11)
auf der bühne stumme person gar nicht oder nur wenig redender mitspieler, statist. entspricht persona muta der lat. comödie; zuerst, im 16.
jh., belegt mit bezug auf die Archillis in den Andria des Terentius: die auch eine stumme person ist Riccius
Terentii comoedia Andria 53; fürsten und herren sind oft wie in comoedien stumme personen, die auf- und abgehen, und nichts auszrichten oder reden, dann was jhnen eingeblasen oder eingetruckt worden Lehman
flor. 2, 690; stumme person in der komödie ...
qui ne parle point sur le théâtre Schrader
dtsch.-franz. 2, 1333; würde er (
ein neuerer dichter) ... eines von den kindern des Herkules, welche seine (
des dichters) beyden vorgänger nur stumm aufführen, mündig machen können Lessing 6, 195
L.-M. seit dem 18.
jh. daneben gleichbedeutend stumme rolle; oft im wegwerfenden sinne für eine kleine statistenrolle, s. Düringer-Barthels
theaterlex. 1019; die folglich eine von den vornehmsten personen des stückes seyn sollte, ... spielt ... gemeiniglich die stumme rolle Lessing
w. 6, 262
L.-M.; auch in weiterer anwendung: dasz die blutsverwandte fürsten nicht nur als appendices sich nachschleppen lassen oder als stumme personen in der comödie spielen Leibniz
dtsche schr. 1, 164; stumm wie ein statist Eiselein 577. doch dein stock wird stumme rolle spielen? nicht von der unterhaltung sein? versprich mir, wir schlieszen waffenstillstand H. v. Kleist
w. 1, 215
Schm.; seit dem 18.
jh. stummes spiel
u. a.: (
der schauspieler)
[] bemüht sich, durch ein stummes spiel auch alsdann zu sprechen, wenn ihm der dichter das stillschweigen auflegt Lessing 6, 146
L.-M.; die ausführung durch gebärden und mienen, ausrufungen und was dazu gehört, kurz das stumme, halblaute spiel Göthe I 21, 190
W.; scheint der schwertertanz ein stummes spiel, ohne gesang gewesen
F. M. Böhme
gesch. d. tanzes 6; eine schauderhafte stille, eine unruhige stumme scene, wie vor einem ungewitter, herrscht im Olymp! Herder 3, 208
S.; besonders von der pantomime und vom schattenspiel: pantomime, geberdenschauspiel, stummes schauspiel Kinderling
reinigk. d. dtschen spr. 195; diese häuser oft und viel, die am wagen die laterne streift im stummen schattenspiel Mörike
ges. schr. (1905) 1, 26.
in freierer anwendung: spielt zwar in diesem stücke eine wichtige rolle, aber blos durch ihre stumme anwesenheit
br. d. neueste lit. betr. 7, 138; nach dem stummen und unbewuszten drama, das seit jahren der poet unseres schicksals mit diesen beiden menschen hatte spielen lassen Gutzkow
ges. w. 3, 58. stummer film
heiszt seit aufkommen des ton- oder sprechfilms, i. j. 1930,
der film alter art im gegensatz zu diesem; seltener stummfilm,
m., in analogie zu sprechfilm, tonfilm; stummfilmapparatur
Voss. ztg. (1932)
nr. 561, 1.
beil. III@F@22)
von gebrauchsgegenständen, die einen menschen ersetzen: stummer diener
kleiner anrichtetisch, entsprechend älterem servirtisch
und modernerem teewagen: schaute nur hinüber nach dem sogenannten stummen diener, der halb von der wand abgerückt mit der ecke ins zimmer vorstand E. Strausz
kreuzungen (1920) 199;
mündlich bezeugt in Berlin, Lübeck u. sonst; s. Sanders 1, 295
a;
auch zusammengerückt stummerdiener;
in Holstein stummdiener;
daraus vielleicht norw. stumtjener
ds. Brynildsen
norsk-tysk. ordb. 844; stumme knechte
ds. Jean Paul
bei Sanders
erg. 538
c.
mit der technischen bedeutung nur spielend: ich ... stehe, mit geschenken ... beladen, als stummer diener hinter Ernemann G. Frenssen
O. Babendieck (1926) 492.
in Berlin stummer portier
das im flur hängende einwohnerverzeichnis eines mietshauses Lasch
berlinisch 150.
in anderer beziehung auf das subject: stummes postamt
amtliche bezeichnung eines modernen ohne beamte durch automaten betriebenen hilfspostamtes. III@F@33)
in verschiedenen technischen ausdrücken im gegensatz zu einem nur uneigentlichen reden. in der numismatik von münzen ohne inschrift, auch anepigraphe münzen: die mittelalterlichen stummen münzen sind solche, die trugschrift oder gar keine umschrift haben v. Schrötter
wb. d. münzk. (1930) 669; (
wenn gepräge nur bilder zeigen) pflegt man von schriftlosen oder stummen geprägen zu sprechen Luschin v. Ebengreuth
münzk. u. geldgesch. 42.
in Österreich: stumme landkarten
landkarten ohne aufschriften. im sinne von '
nicht geschrieben',
s. IV,
von einer nur gedachten unsichtbaren linie: zihe die punct h und b mit einer stummen linie zusammen, so ist hb die oberbreite A. Freitag
architectura militaris (1631) 54. IVIV.
passivisch heiszt stumm
das, wovon man stumm ist, was man nicht nennt; in beschränkter anwendung. IV@AA. stumme sünde,
seltener stumme unzucht, stummes laster
eine der vier rufenden oder himmelschreienden sünden, alle sexuellen abnormitäten auszer der blutschande umfassend; so Berthold v. Regensburg 1, 93
Pfeiffer, s. u.; Matthäi
bei Moufang
kath. katech. d. 16.
jh. 608; Buchberger
kirchl. handlex. 2, 2137;
s.stummend;
auch mnl. stomme sonde,
s. Verwijs-Verdam 7, 2199;
schwed. stumme synder,
s. Hellquist
svensk. et. ordb. 889. IV@A@11)
eigentliche bedeutung '
nicht genannte, unnennbare sünde'; '
unnennbar'
entspricht genau die lat. bezeichnung nefandum;
im 15.
und 16.
jh. in gleicher bed. ungenannte sünde,
s. th. 11, 3, 780; Fischer
schwäb. 5, 1958; du Cange 5, 162;
dem entspricht bei Berthold v. Regensburg: (
ein vergehen) ist ein sô getâniu unkiusche, dâ von eht
[] niemanne ze reden ist 1, 278
Pf.; so noch in den wb. des 18.
jh. verstanden und erklärt: stumme sünden, stumme laster, ... die fromme hertzen ihres greuels, und zur vermeidung des ärgernis einen scheu tragen zu nennen Kramer
t.-ital. 2, 1024
b; stumme sünde,
flagitium mutum, sensu passivo, i. e. silendum, silentioque damnandum Haltaus 1762.
auf die bedeutung '
ungenannt, unnennbar'
weist auch das vermeiden der nennung durch umschreibung: die sich vergehen in der vermaledeieten sünde, die gegen die natur ist (1480) Moufang
kath. katech. des 16.
jh. xvi.
in der modernen theologie: das widernatürliche laster
homosexualität. dagegen bis ende des 16.
jhs., also in der eigentlichen lebenszeit der verbindung, nie als '
heimlich (
th. 4, 2, 877)
begangene', '
verborgen gebliebene'
sünde verstanden; vgl. s. v. sünde;
auf nachträglicher deutung beruhend: stumme sünden,
occulta crimina, scelera abdita, ... crimina tacita, tenebricosae libidines Stieler 2223; geheimsünden,
alias stumme sünden 2240. IV@A@22)
anwendung. IV@A@2@aa)
meistens von homosexualität und bestialität: wenn ein mensch mit einem vieh, oder ein mann mit einem mann, ein weib mit einem weib unzucht treibt, ... diese unnatürliche sünd ... ist ... ihrer schande halben nicht werth, dasz man die feder oder das papier damit besudlen sol. deszwegen sie auch bey uns eine stumme sünde wird genennet Poppus v. Tratzberg
holländ. kriegsrecht (1632) 58; übernamen hât sie vil, diu verfluochte sünde: keinen rehten namen mohte ir weder mensche noch tiuvel nie gegeben. sie heizet in übernamen diu rôte sünde. ... sie heizet diu stumme sünde Berthold v. Regensburg 1, 93
Pfeiffer, oder zu c?; (
es fällt in den amtsbereich einer behörde) auch die müntzfelscher und die stummen sünd (
peccato contra natura) zu straffen H. Kilian
res publica Venetum (1557) j 5
b; die ubertretung des sechsten gebots. wer jungkfrawen schwecht, ehebricht, blutschanden und der gleichen unkeuscheit wirckt. were unnatürlicher weysze oder personen (das sein stummen sunde) gebraucht Luther 1, 253
W.; so 10, 2, 383;
ähnlich 2, 63; 10, 2, 276; 277;
vom pabsttum (
s. auch unten): mit blutpractic und greulichkeyt, ... mit händeln wider das gewissen, mit stummer sünd, verräterei, und mamelucken allerley Fischart
sämtl. dicht. 2, 266
Kurz; häufig neben dem aus der bibel stammenden etwa gleichbedeutenden sodomitisch,
s. th. 10, 1, 1400: das sie sodomitische und stumme sünden begehen Phil. Wagner
der 128.
psalm. (1580) p 2;
vgl. Fischer
schwäb. 5, 1959;
auf homosexualität allein zielend: eine swaire unsprechliche stumme sunde as manspersone mit manspersonen
akten z. gesch. d. stadt Köln 2, 583; 585; yhn gehet wie S. Paulus Rom. 1 sagt von dem schendlichen laster der stummen sunden, das sie gott yn verkereten synn dahyngibt, ... das sie beyde (
pabsttum und Türke) die stummen sunde unverschampt treiben ... das eitel hundehochzeit, ... ja eitel welsche hochzeit, und florentinische breute bei inen sind Luther 30, 2, 142
W.; wälsche hochzeit und stumme sünd Eiselein
sprichw. und sinnr. (1840) 625;
auf bestialität allein zielend: dass ... etwann einer diese stumme sünde begangen, und mit einer solchen studten zu thun gehabt haben müsse Fr. Merc. v. Helmont
bei Proksch
gesch. d. venerischen krankh. 2, 265.
seit dem 18.
jh. selten: stumme sünden
sodomia Haym
jur. lex. 1189;
meistens in wenig präciser bedeutung: er hatte ... zwar schon von allerlei sünden gehört, wovon er sich nie einen rechten begriff machen konnte, als von sodomiterei, stummen sünden, und dem laster der selbstbefleckung K. Ph. Moritz
Anton Reiser 130
lit.-dkm.; die schamlosen unfläther, die in widernatürlichen stummen lastern leben Jung-Stilling 3, 408
Grollmann; besonders durch die bibel erhalten, nativitatis immutatio
der vulgata übersetzend: so geht bei ihnen her ... stumme sünden, blutschande, ehebruch, unzucht
weish. 14, 26;
vgl. Fischer
schwäb. 5, 1959.
[] IV@A@2@bb)
seltener von einem keuschheitsvergehen innerhalb der ehe: hi sollen sich di elichen auch mercken das si ir e mit kuscheit wercken, nicht mit suntlichen nuwen funden nach mit reissen zu stummen sunden, sundern durch frochte willen sich nemen und sich aller unzuchte schemen Joh. Rothe
lob d. keuschheit 1653
Neumann; die vierte sünde ist gegen die natur und geschieht mannigfaltiger weise, als mit gedanken, tasten, und mit frauen oder mit männern, oder auch in mancherlei sadsamkeit und verlaesenheit; sei es unter ehelichen leuten oder unter unehelichen, oder anders; welche sünde gröszer ist, als wenn ein vater mit seiner eigenen tochter sündigte. ... diese sünde ruft in den himmel um rache. diese grosze sünde machet den menschen stumm, da er beichten soll. diese sünde ist noch gröszer, wenn sie geschieht unter eheleuten
christenspiegel bei Moufang
kath. katech. des 16.
jh. 21; solche bosheit und sunde das sie ore wibe missebruchten und begingen bosze stummen sunde Peter Moller
bei Haltaus 1762. IV@A@2@cc)
vom vergehen der onanie. in älterer sprache nicht eindeutig bezeugt, vgl. unter a Berthold von Regensburg: in blutschanden dich auch nicht steck. unordentliche vermischung, und stumme sündn, bei alt und jung, die wil ernst straffn der keusche gott
M. Liebig
drei tröstl. pred. (1588) b 4
a;
vgl. Götze
frühnhd. gl. 212;
seit dem 17.
jh. jedoch sicher: von stummen sündern und weichlingen J. Ellinger
hexencoppel (1629) 47; kein hurer noch götzenknecht, noch ehebrecher, noch stummer sünder, noch knabenschänder ... wird theil am reiche gottes haben Zinzendorf
übers. d. lehr- u. proph. bücher d. n. test. (1739) 42 (
1. Cor. 6, 9),
entsprechend bei Luther: die weichlingen,
vgl. th. 14, 1, 527; die ... so genannte stumme sünde, welche iemand, es sey inn- oder auszerhalb der ehe, mit seinem saamen ... treibet ... auch die onanitische sünde ... genennet J. J. Schmidt
bibl. medic. (1743) 138; (
die pollutionen) waren ... zuerst wirkungen eines durch stumme sünden geschwächten körpers J. G. Zimmermann
einsamk. (1784ff.) 2, 288.
in moderner sprache ausschlieszlich in diesem sinne geläufig, und zwar jetzt umgedeutet als '
heimlich begangene sünde',
s. 1: stumme sünden, ... welche ohne zuziehung einer anderen person am eigenen körper begangen werden Adelung 4, 854; die stumme gewohnheitssünde H. Muckermann
stauungsprinzip und reifezeit (1931) 45;
entsprechend verschwiegende sünde
ebda. IV@A@2@dd)
vereinzelt auch auf nicht sexuelle, und zwar auf die vergehen gegen das 5.
und 7.
gebot, die sonst mit der stummen sünde
im gewöhnlichen sinne zusammen zu den rufenden sünden gestellt werden, sich mit erstreckend: die frembden sünde sind in allen geboten. ... die ruffenden und stummen sünde sind wider das fünfft, sechst und sibend gebot Luther 1, 254
W.; 10, 2, 385;
vgl. auch stummend 5. IV@A@2@ee)
seit dem 18.
jh. auf miszverständnis und individueller umdeutung beruhende anwendungen: nichts ist unausstehlicher, als die methode der redner, zu fragen — ist nicht also? was könnet ihr dagegen sagen, meine freunde! er nannte dies stumme fragen, so wie es stumme sünden giebt v. Hippel
lebensläufe 2, 270; dasz eine stillschweigende lüge eine himmelschreiende stumme sünde sei 1, 56; so viel taube als stumme sünden begehen Jean Paul
bei Hoffmann
vollständ. wb. 5, 538; wir kehren zu ... seinem zorne über die schreienden sünden an der tonkunst zurück, und gehen mit ihm zu den stummen der leibkunst der neueren ... gliedermänninnen über E. Th. A. Hoffmann 1, 5
Gr. IV@BB.
in anderen anwendungen ganz vereinzelt: ouch solen sy ir gesellen offenbar nuomen ind egeyne stumme gesellen hawen
Aachener stadtrechn. a. d. 14.
jh. 77
J. Laurent, anders als stiller teilhaber;
vielleicht auch hierher: drum untersuche selbst die hier gemachten züge, was vor ein stummer zweck darin verborgen liege Günther
bei Steinbach (1725) 757.
[] VV.
composita. auszer seltenen substantivischen zusammensetzungen wird stumm
in jüngerer sprache mit participien, meist präs., seltener prät., und adjectiven zusammengesetzt; es fügt dem grundwort die bedeutung '
von schweigen begleitet',
im sinne von III,
hinzu; als gelegenheitsbildungen unbegrenzt, bewahren sie meistens den charakter loser zusammenrückungen und gelangen, auszer stummberedt,
nicht zu allgemeiner bedeutung.