kemenate,
f. ein mhd. wort, das die dichter in neuerer zeit alterthümelnd wieder aufgenommen haben, wie es die übersetzer aus dem mhd. beibehalten: kommt hervor aus euren kemenaten, brüder, rathet mir, ich möchte gerne frein. Göthe 13, 237,
im maskenzug russischer nationen aus d. j. 1810,
er hatte in den jahren vorher die Nibelungen genauer kennen gelernt (
vgl. 32, 45. 29. 13, 229); mit binsen ist die diele schon bestreut und eingerichtet sind die kemenaten. Lenau
dicht. nachlasz s. 107 (
Helena); und als das morgengrau in die kemnate sich stahl. Annette v. Droste
ged. 267,
in einer ballade. Es ist aber auch auf lebendigem wege in die nhd. zeit gekommen, einzeln selbst bis in die gegenwart. 11)
mhd. kemenâte,
mnd. kemenâde,
ahd. cheminâta,
aus mlat. caminata (
scil. camera),
eig. zimmer mit einem caminus, daher auch it. caminata
saal, frz. aber cheminée
rauchfang (
engl. chimney).
vorrichtungen zur zimmerheizung hatten freilich unsre vorfahren schon lange (
vgl. kieke, stube, durnitz, pfiesel, ofen),
daher musz die roman. caminata
sich durch eine anziehende verbesserung empfohlen haben, und das war gewiss die vorrichtung des caminus,
der sich ja auch früh bei uns festsetzte, offene feuerstätte mit gutem rauchfang (
doch vgl. schlot).
Die kemenâte,
wol von höfen, burgen, klöstern ausgegangen (
vgl. Ducange),
ist in der mhd. zeit bereits völlig heimisch, wie es scheint auch im bürgerlichen leben, und ist auch zu den slavischen nachbarn gekommen (
s. 2,
d),
scheint aber dem scand. norden fremd geblieben. Es ist das heizbare wohnzimmer auf burgen, dann auch das gewöhnliche wohnhaus gegenüber dem alten haupttheil der burg, dem (
meist wol unheizbaren) sal, palas,
endlich auch gröszeren burgen gegenüber ein kleinerer burgstall, befestigtes haus. der begriff wohnzimmer galt im besondern vom frauengemach, auch vom schlafzimmer, krankenzimmer, es fällt aber auch mit kamer
zusammen, als wohn- und geschäftszimmer des fürsten, herrn, selbst als schatzkammer, kleider- und waffenkammer u. a.; vgl. mhd. wb. 1, 795
b, Schmeller 2, 295.
Hier nur einige nähere nachweise: so daʒ wîp des kindes (
d. h. zur niederkunft) z kemenâten sal gê, sô sal man disen brief (
einen zauberspruch) schrîben und sal ir den lege uffe den lîp.
zeitschr. für myth. 2, 77,
hessisch aus d. 14.
jh., wie schon in der genesis (
fundgr. 2,) 51, 28 dô si sîn (
des kindes) ze chemenâten gie,
als verhüllender ausdruck wie unser 'niederkommen' (
d. h. in die kammer gehen und sich legen müssen, vgl. sp. 110
unten).
als gerichtszimmer, wie kammer
sp. 113,
weisth. 1, 312. 4, 487. Schilter 508
b: an der kemenaten, genant camergericht, in dem gotzhus zu Sant Blasien. Mones
zeitschr. 7, 109. 108. 22)
seit der übergangszeit erfährt die fremde form allerlei schicksale, obwol auch die volle form sich noch lange findet: si (
die liebenden) giengen da gedrat (
schnell) hinein .. in ain kemenaten vein.
Hätzl. 11
b; ich gieng ains nachts von huse spat und kam für liebes (
liebchens) kemenat. 305
b.
im 16.
jh. auch kemmenate,
z. b. bei H. Sachs. 2@aa)
natürlich ist das schwinden des mittlern e: (
man) schosz (
bei der belagerung einer burg) 2 türn am zwinger ab und ein loch in die groszen kemnaten.
Nürnb. chron. 2, 66
v. j. 1444,
also die grosze
neben anderen; kemnaten,
caminata, cominata (
vgl. d),
et dicitur locus melior munitiorque in castro toto. voc. inc. teut., beide stellen meinen wol das hauptwohngebäude, zugleich vorzugsweise fest gegen belagerung (
oder ganz gleich mhd. palas, sal?); kemnate, kempnat,
conclave, caminata, kamer. voc. 1482 q 3
a.
diesz kempnat
schon im anf. des 15.
jh. (Schm. 2, 295). kemnat
conclavum Diefenbachs
wb. v. 1470 57. 72. 2@bb)
das â
ward auch zu ô (
vgl. sp. 409): kemenote Dief. 93
a, kemnot, kempnot Scherz 773, kemnotte
camera Stieler 911; sie volgten ir und giengen trodt (
mhd. drâte,
rasch) hin in irs vatters kemminodt. Wickram
Albrechts metamorph. (1545) 73
c. 2@cc)
das mn
störte die aussprache. man entfernte es durch angleichung: kemmate Frisch 1, 509
b,
anderseits kennode (
md.)
testudo Dief. 581
c (
vgl. nennen).
aber auch ml
ward aus dem mn,
die verschmelzung zu verhüten: kemlate
bei Stieler 911
als alte form, kemlat Schilter 508
b; a. 1472 den 19. jun. ist ein feuer .. aufgangen .. in der pergamentergasse hinter der kemmelatte (
in Erfurt). J. Chr. Olearius
rer. thur. synt. (1707) 2, 52.
noch in Pommern kemlade Dähnert 224
a (
s. 3,
c a. e.). 2@dd)
merkwürdig ward auch das erste, kurze a
zu o,
z. b. chomenâte Schilter 508
b, chomnat
in einer hs. des 14.
jh. von Wolframs
Wh. 147, 28,
auch im lat. des 15.
jh. comineta, cominota Dief. 93
a, '
testudo kommet' 581
c.
so bei den Slaven: altböhm. komnyeta Diefenb.
wb. v. 1470
sp. 57,
jetzt böhm. poln. russ. komnata
kammer, zimmer, sloven. čumnata. 2@ee)
man verlegte den ton nach deutscher weise, was an der kürzung des â
sich verrät: mit sambt der kempnetten. Schm. 2, 295, 15.
jh.; kemnete, kempnet Frisch 1, 509
b, kemmet, kemit
caminata Dief. 93
a.
wahrscheinlich gilt derselbe ton in dem oberd. gewöhnlichen kemat,
auch kämmat (Frisch), kemmat,
s. u. 3,
a. vgl. kámmet, kámmete
sp. 132,
und kamerte
sp. 98. 2@ff)
man brauchte es auch als n.: N. bricht das eine kemmat zu Scherneck bis auf die gewelb ab und bauets wider auf. Hund
bair. stammenbuch 2, 309 (Schm.),
wol nach haus.
vgl. 3,
e. 33)
Der nhd. gebrauch zeigt auch die bedeutung weitergebildet. 3@aa)
kammer, zimmer, im voc. 1482
conclave (
s. 2,
a).
schlafkammer, s. aus der Hätzl. unter 2. '
armarium ein kemnoten' Trochus (
Lpz. 1517) O 5
a unter andern kammern.
so bei Luther kemnote, kemnot,
verschlossenes gemach: so komen die poltergeister teglich in verschlossene kamer und kemnoten. 3, 459
b,
trotz der verschlossenen thüre; die sprachen sind die scheiden, darinne dis messer des geists steckt, sie sind das gefesz darinnen man diesen trank fasset, sie sind die kemnot darinnen diese speise ligt. 2, 474
b in dem sendschr. an die rathherrn u. s. w.; die feldmaus zog mit ihr hin in ein herrlich schön haus, darin die stadmaus wonet, und giengen in die kemnoten (
sing.), da war vol auf. 5, 272
b,
also speisekammer, als nachklang der mhd. bed. schatz- oder vorratskammer. Es lebt noch im süden, niederöstr. kémad
kammer, wohn- und schlafgemach Castelli 182,
in Kärnten kématn, kemmetn,
auch speisekammer Lexer 157 (
das. aus einem kärnt. voc. d. 15.
jh. kemmat).
schweiz. kämmete
und kammete,
kleines nebengemach, und wieder auch speisegewölbe (Stalder);
vgl. bair. kammet
sp. 109
unten. in Lüneburg dagegen heiszt noch jetzt kemnat
ein groszes gesellschaftszimmer in alten kaufmannshäusern, salon. 3@bb)
der übergang in kammer
u. a. zeigt sich auch in der bed. '
conclave arcuatum' Stieler 911,
gewölbtes zimmer; schon im 15.
jh. wird testudo
erklärt kemnat, kommet, kennode Dief. 581
c,
vgl. 'gewölbe'
für gewölbter raum, z. b. speisegewölbe. 3@cc)
als haus, s. Schmellers
beispiele aus d. 14. 15.
jh., hier unter 2,
c und f: (
das angezündete pulver) hat die kematen im kastenhof zurissen.
Wilw. v. Schaumburg 71 (kastenhof
zugleich als bestätigender beleg zu sp. 270); zu Aurolzmünster hat es im schlosz ein sonderen stock oder kemnat, heiszt man 'auf dem wasen'; Sulzenmosz (
das schlosz) hab ich .. alles von grund auferbauen, an dem rechten stock oder khemat mehr nit als die 4 haupt- und innen die zwo schidmauer bevor gehabt (
beibehalten können). Wig. v. Hund
bei Schmeller.
daher bis in neuere zeit: 'kemmate, kemmete,
name verschiedener einzelner steinerner häuser und höfe, oder örter wo dergleichen gestanden haben'. Reinwald 2, 68,
ähnlich Adelung.
in Pommern kemlade, kemnad,
das angebäude am hause längs des hofes Dähnert 224
a. 3@dd)
als festes haus, kleinere burg (
vgl. den voc. inc. teut. unter 2,
a): ein kemnada oder thurmlein, so man Frankenaw genennet. Dilich
chron. 2, 98,
er behandelt es gelehrt mit lat. endung; du (
gott) bist mein fels und stark kemmet. Melissus
ps. M 3
b,
wie 'feste burg'
bei Luther.
Danach denn oder nach c als ortsname, z. b. stadt Kemnath
in der Oberpfalz, Kemnaten
bei München (
seit 1665
Nymphenburg)
; häufig dörfer, bair. Kemenaten,
schwäb. Kemnat,
östr. tirol. Kematen,
schweiz. Kempten (14.
jh. Kemnâton
im habsb. urbarb.),
ein bauerhof bei Bremen Kemnade,
meist auffallend wolerhalten. auch Kemenadenberg
hess. 15.
jh. (
jetzt Camberg), Keminadanberg 11.
jh. Förstemann
ortsn. 118,
auch Keminata
u. ä. häufig ahd., schon im 9.
jh., s. Förstemann
namenbuch 2, 349. 3@ee)
die bed. schrank deutet sich an in dem kammet
sp. 109
unten (
als m. wie schrank,
vgl. 2,
f)
; vgl. ostfries. kammnett
schrank Stürenb. 101
b,
der es jedoch als '
cabinet'
auslegt. 3@ff)
endlich ahd. 'chemenati
camino' Graff 4, 400. Schm. 2, 296
zeigt eine vermischung mit kamin,
nach dem ja die kemenate
benannt war, wie im 15.
jh. '
conclave schornstein' Dief. 139
a.
daher kämet, kemmat
kamin, s. sp. 99.