wund,
adj. ,
verletzt, verwundet. got. wunds (
in haubiþwundan brahtedun
Mc. 12, 4),
ags. as. wund,
anfr. *wund (
hs. uuanda '
vulnerati'
Lipsius'sche gll. 764
v. Helten),
mnl. wont,
ahd. mhd. wunt;
das wort fehlt in den nordgerm. sprachen, statt dessen an. sárr
usw. =
nhd. sehr (
t. 10, 1, 163
f.).
vgl. auch das danebenstehende subst. nhd. wunde,
f. (
s. d.).
partizipialbildung zur idg. wz. *en- '
schlagen, verwunden',
vgl. ags. wenn '
geschwulst' (
urspr. '
beule infolge eines schlages'),
engl. wen,
mnd. wene,
dän. dial. vann, væne,
cymr. ym-wan '
kämpfen', gweint '
ich durchbohrte',
corn. gwane '
perforare',
s. Walde-Pokorny 1, 212. —
in den maa. findet sich teilweise senkung des stammvokals > o (
entsprechend bei wunde,
f.),
s. Müller-Schlösser
Düsseldorf 269
a;
luxemb. ma. 491; (
aus älterer zeit vgl. für Frankfurt [1422]
PBB 4, 14);
ebenso mit auslautendem gutturalem nasal wongk Leithäuser
Barmen 173
a;
wb. d. Elberf. ma. 177
a; Leihener
Cronenberg 135
b.
eingeschränkt ist die verwendung des wortes durch sr Doorn kaat Koolman
ostfries. 3, 580
b; blessiert Hunziker
Aargau 303.
der attributive gebrauch von wund,
der mhd. gut bezeugt ist, tritt späterhin zurück. daher: wund
wird in der guten schreibart nicht mit einem hauptworte gegattet. eine wunder finger, eine wunde haut ...
welches alles Adelung anführt, ohne es zu tadeln. man kann ja verwundet
dafür gebrauchen Heynatz
antibarb. (1796) 2, 654;
sogar das indeklinable wund,
das es nicht weniger war als unpasz, feind,
hat Wieland ... für uns alle deklinabel gemacht Jean Paul
w. 49/51, 316
Hempel. in neuerer zeit ist attributives wund
durchaus üblich, wird jedoch im allgemeinen sprachgebrauch dann fast nur im sinne von '
offene stelle der hautoberfläche' (
s. u. 2)
verstanden. 11)
verletzt, verwundet, d. h. mit offener blutender wunde behaftet: der antichristo stet pi demo altfiante, stet pi demo Satanase, der inan uarsenkan scal: pidiu scal er in deru uuicsteti uunt piuallan enti in demo sinde sigalos uuerdan
Muspilli 46
in: kl. ahd. sprachdenkm. 68
Steinmeyer; Crist unte Judas spiliten mit spîeza, do wart der heiligo Xrist wnd in sine sîton ... Crist wart hien erden wnt
Bamberger blutsegen 1
und 5
in: kl. ahd. sprachdenkm. 377
Steinmeyer; ... he (
Malchus) uuard an that hobid uund
Heliand 4877
Sievers; wan swer von wâfen wirt wunt, der wirdet schiere gesunt, ist er sîm arzâte bî Hartmann v. Aue
Iwein 1551
B.; vil und me tot unde wunt leiten in deme strite irslagen Rudolf v. Ems
weltchronik 26 244
E.; diu wart hiuwer wunt in einen vinger, dôs ir muomen gersten sneit Neidhart
lieder 36, 34
H.-W.; er tet nie uf sinen munt, swie sere er wâre wunt, do er an dem kriuze hienc
schausp. d. mittelalters 1, 225
Mone; wurde auch derselben zuelauffer einer oder mer in solchen romorn wundt (1463)
qu. bei Lori
baier. bergrecht 63; wende deine hand und führe mich aus dem heer, den ich bin wund Luther
1. kön. 22, 34 (
dafür: verwundet
erste dt. bibel; Lübecker bibel [1533]; Eck [1537]); nuhn bin ich wundt vnnd krangk gewest vnnd in das landt ze Behemen gezogen, bys ich (
der landsknecht) heill bin worden (
Erfurt um 1530)
mitt. d. ver. f. gesch. v. Erfurt 4, 17; sie (
sollten) den Rickarten bey derselbigen nacht ... auff den todt wundt schlagen oder gar umbringen Wickram
w. 2, 157
lit. ver.; was zeyt wund wurt, das ficht all sein tag gern S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 16
a; einer davon (
war von dem tiger) in einen schenkel wund worden
generalchronicon (
Frankf. 1576) 76
a; wird einer wund, bricht arm vnd bein, das thut den badern nützlich sein Eyering
proverb. copia (1601) 1, 621; Hainricus ward vbel wund vnd kranck Stumpf
Schweizerchron. (1606) 74
a; da stürzt ein mattgejagtes wundes reh zu meinen füszen nieder Herder 23, 249
S. in neuerer sprache dem gehobenen stil angehörend und weithin verdrängt durch verwundet: wer die runen einschnitt ..., der vermochte wunde glieder zu heilen G. Freytag
ges. w. 17 (1888) 193; der schwung der groszen zeit ... führte jetzt (
sie) unter die wunden krieger der Berliner hospitäler Treitschke
hist. aufs. (1886) 1, 137; kämpfer, ... die wund oder krank (
aus dem kriege) zurückkehrten
kr. dep. (31. 7. 1915).
oft adverbiell gesteigert: sêre wunt Wolfram v. Eschenbach
Parzival 594, 11; gar sehr wundt
buch d. liebe (1587) 81
a; starke wunt Hartmann v. Aue
Iwein 5463
B.; hart wundt S. Franck
chron. Germ. (1538) 246
a; ze verhe wunt Wolfram v. Eschenbach
Parzival 578, 25
L.; ze tode wunt Rudolf v. Ems
weltchron. 26, 267
Ehrism.; dötlich wunde Hans Sachs 22, 197
lit. ver.; wunt unz uf den tot
schausp. d. mittelalters 1, 212
Mone; zum tode wund Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 1, 23.
vereinzelt von dem durch verletzung getöteten: es kam der feind in sturmeslauf mit grimmen todesstreichen; das hüttlein sank, ein aschenhauf, die eltern, wunde leichen Lenau
ged. (1857) 1, 291; die nonne flog, wie nacht begann, zur kleinen dorfkapelle, und risz den wunden rittersmann aus seiner ruhestelle Hölty
ged. (1870) 24.
als objektsprädikativ in bestimmten verbalen verbindungen; nur in älterer sprache begegnet wund machen,
heutigem verwunden
entsprechend: da kam ain hiers, den macht nyemant wunden dann Allexander
Seifrits Alexander 25
Gereke; an dem ort machten sie etliche wund, vnd felten zween oder drey reisigen Luther
bücher u. schriften 3 (1560) 130
b; (
ein nix, der) mit steinen geschmissen und mit knütteln ist wund gemacht worden Prätorius
anthrop. Pluton. (1666) 2, 57. wund schlagen,
vgl. Frisius
dict. (1556) 58
a s. v. afficio; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1329
a: der man schlug jn wund
1. kön. 20, 37 (verwundete ihn
erste dt. bibel; Lüb. bibel [1533]; Eck [1537]); (
er hat) sein gegentheil wehrlosz wundt geschlagen Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) B 3
b; ob ainer den andern auf den todt wunt schlüege (16.
jh.)
österr. weist. 5, 704;
oft auch in der zusammenrückung wundschlagen, wundgeschlagen,
s. Zimmer. chron. 22, 475
Barack; Frisius
dict. (1556) 659
a; Dannhawer
catech.-milch (1657) 2, 152; Lavater
physiogn. fragm. (1775) 4, 123. wund beiszen: sein aigene jaghunde, pissen in dötlich wunde Hans Sachs 22, 197
lit. ver.; von der schlangen wund gebissen Simon Dach 101
Öst.; im winkel sasz die lästerung, mit dem Arndt in der hand, bisz sich die lippen wund und verfluchte alles
anmuth. gelehrsamk. 4, 498
Gottsched. vereinzelt wund schieszen: in letzter noth sie theten schweben, dann Teucer schosz sie tödtlich wund Spreng
Ilias (1610) 100
b; Amor schosz ihn wund Göthe I 37, 40
W. 22)
in neuerer zeit vor allem von der offenen stelle der hautoberfläche, die in der regel nicht das ergebnis eines einmaligen, vor allem fremden eingriffes ist, sondern die folge eines länger währenden prozesses der abnutzung, reibung, ätzung, entzündung usw., häufig begriffen wie aufgerieben, entzündet, gerötet, geschwollen
usw. nahekommend; ein beissender flusz, der etwas rohe oder wund macht Corvinus
fons lat. (1646) 7; das kind ist wund zwischen den beinen von harn Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1399
a: seine füsse yhm gantz wund waren, denn er ynn dem kalten und eyse die nacht nackend und barfus gegangen Luther 18, 238
W.; offne, faule oder wunde zung (
des pferdes) Sebiz
feldbau (1579) 152; wann das zäpfel (
uvula) wund ist Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 275; mein unmuth ändert nicht die ordnung aller dinge, wenn ich voll ungeduld die wunden hände ringe Uz
s. poet. w. 262
lit.-denkm.; seine wunden füsze lieszen in dem schnee blutige spuren zurück Ch. v. Schmid
ges. schr. (1858) 8, 130; die augen (
des kranken) waren blutig und wund J. G. Forster
s. schr. (1843) 1, 349; der sand glühte unter den wunden füszen, dann stürzten die thiere röchelnd zusammen Droysen
gesch. Alexanders d. Gr. (1833) 474;
bildlich: er fühlte die stille der ergebung wie balsam und wurde nicht mehr wund vom zerren an unzerreiszbaren ketten P. Dörfler
Peter Farde (1929) 406; (
er) hatte sie (
die zuversicht) mit wunden händen ausgegraben aus den noch glühenden trümmern E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 551.
häufig in enger verbindung mit verben (
im part. prät. oft bis zur zusammenschreibung, vgl. u. an alphab. stelle wundge-),
die jedoch, abweichend von der unter 1
genannten gruppe, nur einen länger währenden oder sich wiederholenden vorgang bezeichnen können; vgl. sich wundreiten, -gehen, -reiben, -riffeln, -wetzen, -kratzen
calterirsi, scalfirsi etc. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1399
a: das sich die krancken gar auff vnd wund ligen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 1216; wenn sonst ein pferd auff der reise mit dem sattel wund gedruckt wird Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 54; wie wund ich meine füsse gelauffen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 879; von wundgezogenen ochsen
viehbüchlein (1667) 15; ich habe mich fürwahr gantz wund gegangen (1696) Chr. Reuter
Schlampampe 109
ndr.; stellet sich der hund ... sehr wunderlich an, ... weil sie (
die nase) ihm noch zu weich ist, und er sie lieber schonen, als wund suchen will Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 321; die pärs, die ritterschaft, wir alle knieten, rund um seinen thron, uns schier die kniee wund Wieland
schr. I 13, 23
akad. (
Oberon I 64, 5); Tasso hatte sich wund gegangen, wollte nicht weiter Göthe I 43, 40
W.; ganz von den harten fesseln wund gefeilt Bürger
s. w. 163
Bohtz; die ... übermäszig vollgepackten körbe schneiden ihnen beinahe die ... arme wund E. T. A. Hoffmann
s. w. 14, 165
Gr.; und wenn wir armen mädchen uns die finger wund nähen sollten Bauernfeld
ges. schr. (1871) 4, 93.
vielfach in hyperbolischer redeweise: gebete sollen sie für ihn gen himmel senden, und sollen wund sich knien an den altären, bis die erweichten götter sie erhören Schiller 13, 364
G.; wir singen den schlund und die kehlen uns wund Kotzebue
s. dram. w. (1827) 1, 188; alle andern (
zuschauer) klatschten sich die hände wund (1842) A. v. Droste-Hülshoff
br. 2, 119
Sch.; ich habe vor den heiligen die kniee mir wund gekniet Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 2, 14; und verzehren die sorgen, wir reiben uns die kniee wund im gebete für die heilige kirche Sperl
söhne d. hrn. Budiwoj (1927) 391.
im bilde: wer bleibt mir? dieser leib, der sich der jugend schämet, entkräftet vor der zeit, im marke wund gegrämet (1738) Haller
ged. 180
Hirzel; das bleibende ist ihnen verhaszt, das alltägliche drückt sie wund Görres
ges. schr. (1854) 1, 94. wunde augen,
vom weinen, vom angestrengten sehen, ausschauen u. dgl.; oft als dichterische metapher: von thränen wunde augen Klinger
neues theater 2 (1790) 19; doch dein (
westwind) mildes sanftes wehen kühlt die wunden augenlieder Göthe I 6, 187
W.; das blizende spiel der perlen, das einem die augen bald wund brennt Schiller 3, 43
G.; und dort schaut sich mein armes auge wund Novalis
schr. 1, 134
Minor; ich hab mir die augen schon fast wund geweint Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 184; die augen werden wund und erblinden gar wieder, wenn sie zu früh ins licht sehen Heyse
nov. 2, 46; er hat ... die tiefliegenden, charakteristischen, gleichsam wunden weberaugen Gerhart Hauptmann
die weber (1892) 95; seine augen, die in schmerzvollem ausschauen wund wurden H. Stehr
stundenglas (1936) 10. 33)
von gegenständlichem '
beschädigt'
; dieser gebrauch ist schon früh fest und dann offenbar nicht mehr als übertragen empfunden worden: das schiff ... was von vil stössen wundt vnnd löchericht worden Carbach
Livius (1551) 342
b; die taue sind verwirrt, die segel wund und nasz Ramler
fabellese (1783) 1, 208; das wunde schiff ward in der eile ... auf offner see nun ausgebessert Pfeffel
poet. versuche (1802) 8, 108; der wunde und ausgeholzte wald strömte starken harzgeruch aus Walter Flex
ges. w. (1927) 1, 99.
in terminologischer verwendung: wunder boden
wird derjenige genannt, der so wenig benarbt oder beschwühlt ist, dasz man ohne weitere vorbereitung holzsamen darauf säen kann, und denselben nur unterzuharken oder unterzueggen braucht, um sein aufkeimen zu bewirken Hartig
forstl. convers. lex. (1836) 951; wäre aber ... zu befürchten, dasz das feuer (
bei einem waldbrande) durch einen solchen wunden streifen nicht werde können abgehalten werden
ders., entw. e. allg. forst- u. jagdordn. 27; ist der platz (
zur kieferpflanzung) mit heide, moos oder gras überzogen, so musz er wund geharkt werden, ehe die aussaat geschieht Bechstein
forstbotanik (1815) 753. 44)
bereits im mittelalterl. deutsch entwickelt sich ein auszerordentlich verbreiteter bildlicher und übertragener gebrauch. er hält sich, zumal in der sprache der poesie, bis zur gegenwart. 4@aa)
auf dem gebiete des religiösen ist die vorstellung von der sünde als wunde der seele in der bibel vorgebildet: dem wîsen ist daz allez kunt, daz niemer sêle wirt gesunt, diu mit der sünden swert ist wunt, sin habe von grunde heiles funt Walther v.
d. Vogelweide 6, 15
Kraus vgl. dazu: ein jgliche sünde ist, wie ein scharff schwert, vnd verwundet das niemand heilen kan
Jesus Sirach 21, 4; sîn wundiu sêle wirt niht heil. kumt er mit rehte niht dâ von, ie grœzer wirt der sünden meil
Winsbeke 54, 5
Haupt; daz dritt ist dar umbe got mentsch wart, daz er unser wunden (
die wunden der erbsünde) hailti; won wir warent alle sere wund, daz nie mentsch so wol moht getuon, daz es ie ze hymelriche möhti komen vor sim tode
St. Georgener pred. 162, 27
Rieder. von der strafenden hand gottes: gott aber wird sie schrecklich schiessen, dasz sie wund werden mit verdriessen (1566) Hans Sachs 18, 255
lit. ver.; dein (
gottes) hand ist mir zu schwer, sie schlägt mich kranck und wund Treuer
dt. Dädalus (1675) 1, 245.
überleitend zum folgenden: der erste grat der minne heisset eine wunde minne, wan die sele mit der stralen der minne von gotte wirt verwunt Tauler
pred. 290
Vetter. 4@bb)
bereits dem klassischen schrifttum ist die vorstellung vom minnewunden herzen geläufig. noch ganz bildlich: ouch wart diu vrouwe an im baz gerochen danne ir wære kunt: wan er was tœtlichen wunt. die wunden sluoc der minnen hant Hartmann v. Aue
Iwein 1546
Benecke; frowe minne, ich klage iu mêre: rihtet mir und rihtet über mich. der ie streit umb iuwer êre wider unstæte liute, daz was ich. in den dingen bin ich wunt. ir hât mich geschozzen Walther v.
d. Vogelweide 40, 31
Kraus; drutz-nachtigal mans nennet, ist wund von süssen pfeil: die lieb esz lieblich brennet, wird nie der wunden heil (1649) Spee
trutznachtigall 2
ndr.; was ich leiden müsse, da ich wund von deinem (
Amors) pfeile bin Karschin
in: br., die neueste litt. betr. 17 (1764) 148.
bis in die gegenwart üblich, vor allem in der sprache der dichtung: noch wâren im die sinne von sîner vrouwen minne sô manegen wîs ze verhe wunt Hartmann v. Aue
Iwein 7785
Benecke; ach mein vatter, sprach ich zustund, mein hertz ist gegen jhr vast wund Fischart
flöhhatz 22
ndr.; wo ist doch meine Rosemund, die mier mein hertz macht wund? Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 266; und küss ich stirne, bogen, auge, mund, dann bin ich frisch und immer wieder wund Göthe I 6, 54
W.; und wenn ich ferne war von dir, und wund und müd dir wiederkehre; heilst du mich, und singst in ruhe mich, du holde muse! (
die geliebte) Hölderlin
s. w. 3, 38
Hell.; warum bist du schnell verschwunden, da mein erster blick dich sah; ach, dein herz war meinem wunden, deinem mund mein mund so nah! O. Ludwig
ges. schr. 1 (1891) 54 (
gedichte). 4@cc)
darüber hinaus steht wund
seit je vom seelischen schmerz jeder art, von sorge und sehnsucht, von enttäuschung und kränkung. für das persönliche objekt steht häufig, wie schon im voraufgehenden, eine metonymische umschreibung seele, gemüt, gewissen, brust, herz (
bes. häufig): dem recken wart in sorgeein teil sîn herze wunt
Kudrun 418, 1
Symons; er wart vil tiefer sorgen wunt und inneclicher swære Konrad v. Würzburg
herzmære 258; die erdt ir haupt gantz jämerlich hub inn die höch, ir hend deszglich und fürt also ausz wundtem hertzen ir klag inn jammer, grossem schmertzen und sprach: .... Wickram
w. 7, 76
lit. ver.; vor trauren sein gemüth war wund Spreng
Ilias (1610) 286
b; ich schwöre dir, es ist mir ganz unmöglich länger zu leben; meine seele ist so wund, das mir ... das tageslicht wehe tut (10. 11. 1811) H. v. Kleist
w. 5, 433
E. Schmidt; wund und ermüdet von den schlägen des schicksals Klinger
w. 6 (1815) 22; mit düsternisz umhangen wie oft war dir die wunde brust? Arndt
w. 5, 263
R.-M.; ich habe den narren oft gemacht mit wunder brust Strachwitz
ged. (1850) 205; wie mit tausend dolchen durchbohrt die bittere täuschung ... (
seine) wunde brust E. T. A. Hoffmann
s. w. 6, 162
Gr.; sie war wund vor heimweh und sehnte sich danach, sterben zu können P. Dörfler
tör. jungfrau (1930) 43. — ein wundes gewissen
coscienza calterita, ferita etc. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1399
a; wie ihr gewissen innen wundt, wie nah vielleicht die letzte stund Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch d. reimged. (1647) 203; doch ein gewissen, welches wund, ist auf der welt durch nichts zu heilen Triller
poet. betracht. (1750) 1, 72;
ungewöhnlich: Imhoffs trauriger, unzufriedener ... charakter, voll wunder gewissensbisse, liesz bald ... schwer tropfen seines bösen humors auf uns fallen, die uns alles vergifteten Knebel
an Herder in: br. von u. an Herder 3, 22. 4@dd)
jung, aber schon früh festgeworden ist die verbindung wunde stelle, wunder fleck, wunder punkt
u. dgl. 4@d@aα)
rein sachlich feststellend im sinne von '
schadhaft, fehlerhaft',
auch '
gefährdet, kritisch': Spanien ist jetzt ein sehr wunder fleck auf der landcharte (1811) Göthe IV 22, 32
W.; es war ein münzsystem, das ... im alterthum einzig dasteht ... doch hat auch dies seinen wunden fleck Mommsen
röm. gesch. 2 (1874) 398; nur ein kleiner anstosz ... und diese wunden stellen des reiches fielen widerstandslos der erobernden propaganda in die hände Häusser
dt. gesch. (1854) 1, 371; eine eigenhändige denkschrift ..., worin er alle die wunden stellen des heerwesens mit sicherem griffe heraushob, die mittel der heilung richtig angab Treitschke
dt. gesch. 1 (
31897) 289; der wunde punkt in diesem darstellungssystem ist leicht zu erkennen Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 393. 4@d@bβ)
im sinne von '
schmerzhaft, empfindlich, heikel',
immer bezogen auf persönliche verletzlichkeit: die wunde stelle seines künstlerstolzes Holtei
erz. schr. (1861) 5, 41; (
er antwortete) empfindlich berührt durch die erinnerung an seinen wunden fleck Gutzkow
ges. w. (1872) 5, 207; man ging ... über diesen wunden punkt schweigend hinweg Treitschke
dt. gesch. (1897) 4, 353.
bes. in der wendung (an) die (den) wunde(n) stelle (fleck, punkt) (be)rühren: es liegt im karakter dieser briefe, dasz sie manchen wunden fleck berühren und manchen sinn verdrieszen (1831) Varnhagen v. Ense
an Pückler in: briefw. u. tageb. (1873) 3, 79; damit ... die wunden stellen ihrer gewissen ... nicht berührt werden E.
M. Arndt
schr. (1845) 2, 74; da rührst du ... an den wunden fleck Eichendorff
s. w. (1864) 2, 359; mein gefühl sagt mir, dasz diese leute doch nicht gern im gespräch wunde stellen berühren (1832) J. Grimm
an Dahlmann in: briefw. (1885) 1, 38
Ippel.