wunde,
f. , (
gewaltsame)
durchtrennung der körperoberfläche, verletzung, vulnus. nicht nur adjektivabstractum zu wund (
s. d.),
sondern auch (
da dieses in den nordgerm. sprachen fehlt)
tiefstufiges nomen actionis auf -tā
wie schlacht
zu schlagen,
vgl. Henzen
2121,
zur idg. wz. *en- '
schlagen, verwunden'.
ahd. wunta,
mhd. wunde,
dazu entsprechend as. wunda,
ags. wund,
engl. wound,
nl. wond,
an. und adän. und (
gegenüber aus dem dt. entlehnten neudän. vunde,
s. Falk-Torp
norw.-dän. 1399;
daneben dän. saar,
schwed. sr). —
in den nd. und md. maa. begegnet teilweise senkung des stammvokals u > o,
s. Müller-Schlösser
Düsseldorf 269
a; Leithäuser
Barmen 173
a; Leihener
Cronenberg 135
b; Rovenhagen
Aachen 164; Gangler
Luxemburg 485;
fürs fries. Jensen
nordfries. 709;
für die ältere zeit vgl. (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 334
b s. v. liuor, ebda 203
c s. v. epicausterium; Alsfelder passionssp. 5586, 6074, 6674
Grein; [] Stieler
stammb. (1691) 1387.
häufig ist assimilation nd > nn
auf nd., teilweise auch md. gebiet: wunn(e) Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 580
b; Mensing
schlesw.-holst. 5, 739; Schmoeckel-Blesken
Soest 342; Woeste-Nörrenberg
westfäl. 329
b; Schambach
Göttingen 307
b; Damköhler
Nordharz 230
b; Block
Eilsdorf 102
a; Mi
mecklenb. 109
b; Gangler
Luxemburg 485;
vgl. auch wnne (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 511
a s. v. saniare. vereinzelt ist der wandel von nd
in den gutturalen nasal η: wong Leithäuser
Barmen 173
a; Leihener
Cronenberg 135
b.
mundartliche einschränkung erfährt das wort durch blessur (Schmeller-Frommann
bayer. 2, 955)
und (
für die leichte hautwunde) bletz (plets Meisinger
Rappenau 235
a).
bedeutung und gebrauch. bereits in ahd. zeit ist der inhalt des wortes vollkommen ausgebildet; er hat im laufe seiner geschichte kaum eine nennenswerte veränderung erfahren. die ahd. glossen setzen wunta
für lat. vulnus, plaga, livor, ulcus: uestigium uulneris spor uuntun
ahd. gl. 1, 88, 5
St.-S.; liuor uulneris fr&i dera uuntun (9./10.
jh.) 2, 227, 68;
mota plaga kahrorto uunta 1, 62, 22;
plaga uunta (8.
jh.) 3, 5, 25;
roscidis liuoribus nazen vunton (11.
jh.) 2, 452, 51
und nazen uuntun (11.
jh.) 2, 395, 1,
beide zu Prudentius
perist. 10, 705:
quem (
sanguinem)
plaga flerat roscidis livoribus. weitere belege s. u. an entsprechender stelle. 11)
die frische, offene (
meist im kampf geschlagene)
verletzung: occidi illum in uulnus meum arsluac ih inan in uuntuun mina edo in tolg minaz (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 316, 19 (
zu genesis 4, 23:
occidi virum in vulnus meum et adulescentulum in livorem meum; erste dt. bibel: in miner wunten; Luther: mir zur wunden);
ulcus suo sponte nascitur tolc.
uulnus ferro fit et dicitur uunta (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 295, 9 (
vgl. dazu: vulnificus uuntuntuontaz [11.
jh., zu Vergil, Aen. 8, 446:
vulnificus chalyps]
ahd. gl. 2, 663, 23);
cassa uulnere perlata est in parietem (
1. Sam. 19, 10:
lancea, casso vulnere perlata est in parietem) italer in uuntun prungan uuard in uuant (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 411, 26;
zur gleichen bibelstelle: casso uulnere farmisseru uuntun (8./9.
jh.) 1, 276, 33; sum man steig nidar fon Hierusalem in Hiericho inti anagifiel in thioba, thie giuuesso biroubotun inan, inti vvuntun anagitanen giengun samiquekemo furlâzanemo (
Lc. 10, 13:
et plagis inpositis abierunt semivivo relicto)
Tatian 128, 7
Sievers (do sy im hetten aufgelegt die wunden
erste dt. bibel; schlugen jn Luther); anzebetten daz erst tier, des wund des todes do waz geheilet
erste dt. bibel (
offenb. 13, 12:
plaga mortis; tödlich wunde war Luther); auge umb auge, zan umb zan, ... wund umb wunde
2. Mos. 21, 25 (
vulnus pro vulnere; wunden vmb wunden
erste dt. bibel); ter heilego Tumbo uersegene tivsa uunda
Straszb. blutsegen (
ad stringendum sanguinem),
in: kl. ahd. sprachdenkm. 375, 8
Steinmeyer; noh taz plûot, taz fone fîentlichên uuundôn châme, daz neblûotegôta dia erda (
neque fusus cruor acerbis odiis tinxerat horrida arua) Notker 1, 97
P.; vil ir von wunden liten nôt
kreuzf. Ludwigs d. Frommen 5652
Naumann; im was manig starck wunde in synen lip geslagen
Lancelot 1, 330
Kluge; reiszet er (
der falke) ... dem vogel ain wunden mit den clawen Mynsinger
v. d. falken 4
lit. ver.; aber nach seinem abschied empfande der junckher erst der wunden, so jhm des Galpans diener mit der helleparten geschlagen ... dann er blutet so hefftig
Amadis 1, 79
lit. ver.; rot röslein wolt ich brechen zum hübschen krentzelein: mich dörner thaten stechen hart in die finger mein. noch wolt' ich nit lan ab. ich gunt mich weiter stecken in stauden vnd in hecken: darin mirs wunden gab P. Melissus
bei Zinkgref
auserles. ged. 7
ndr.; [] da er den pfeil in der wunde sieht, zieht er ihn aus Herder 3, 20
S.; sie fliehn! ... ... und ihre rücken kerbt das schwert mit feiger wunden schmach J. H. Voss
sämtl. ged. (1802) 4, 37; ich bin ganz erschöpft, und meine wunden fordern hülfe Schiller 13, 9
G.; es wogt der kampf, es brüllt der tod, die wunden klaffen blutigroth! Körner
w. 1, 113
Hempel. 1@aa)
bes. in geläufigen verbalen verbindungen; einem eine wunde stechen, stossen, hauen, schlagen, werffen, schneiden Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1399
b; jemanden eine wunde schlagen, hauen, stechen Adelung 5 (1786) 300;
seit mhd. zeit überwiegend eine wunde schlagen: dô sluoc er in kurzen stunden im vil manege wunden Hartmann v. Aue
Iwein 6776
Benecke; schlugen sie da einander viel schrammen vnd wunden Voigtländer
oden u. lieder (1642) 37.
seltener mit anderen verben: der wunderlîh Alexander der machete in den stunden freislîche wunden Lamprecht
Straszb. Alexander 1298
Kinzel; so sal man deme manne, de de wunden gedan hevet, de hant afhowen
Nowgoroder schra 78
Schlüter; daz swert ... ... eine grôze wunden stach Hartmann v. Aue
Iwein 3948
Benecke; einer eim ein wunden hawet Keisersberg
brösamlin (1517) 2, 42
b; eine wunde versetzen Stephanie
s. singsp. (1792) 261.
entsprechend eine wunde empfangen (empfahen Frisius
dict. [1556] 17
b s. v. accipio), bekommen (Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1399
b): hat er doch ... kain wunden nie entpfangen Schaidenreisser
Odyssea (1537) 49
b; in der bataille bei Hastinbek (!) empfieng er eine tödliche wunde Schiller 4, 212
G.; diese zween helden ... bekamen ... viel wunden A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 31. 1@bb) flieszende (blutige) wunde
als terminus früher rechtssprache (
gegensatz trockene wunde
nicht blutende verletzung): ob die nachtpauren mit einander zu stösz wurden oder schluegen ompog wunden oder fliessent wunden (1555)
österr. weist. 2, 57 (
vgl. auch ebda 2, 116; 3, 288); flieszende wunden haben die gerichtsherrn mit einbracht
weist. 6, 42
Grimm; s. auch Höfler
krankheitsnamenb. (1899) 818
a; wann ainer in ainem rumor fröffentlich schlueg pluetige wunden, sol derselb gestrafft werden (17.
jh.)
österr. weist. 1, 114. 1@cc)
als ('
ehrenvolles')
kriegs- und kampfzeichen; auch die vernarbte wunde, '
das wundmal, die narbe' (
vgl. Sanders
wb. dt. synon. [1781] 735): sî nam an im war einer der wunden Hartmann v. Aue
Iwein 3379
Benecke; sin antlicz was masig von starcken wunden
Lancelot 1, 43
Kluge; das blut, das ihr umsonst für thron und cron gewagt, die wunden, die ihr schier auf allen gliedern tragt Gryphius
trauersp. 19
lit. ver.; (
zu den in das totenreich einziehenden) das sind Sparter, sprach er, sie tragen die blutenden wunden keiner im rücken, all in der beherzten brust Herder 26, 42
S.; er blieb in der schlacht bei Zorndorf, nachdem er vorher schon zwölf wunden im dienste seines groszen königs erhielt Schubart
leben 1 (1791) 16; der eine sprach: wie weh wird mir, wie brennt meine alte wunde! H. Heine
s. w. 1, 39
Elster; [] die junge mannschaft ... ward von müttern ... und geliebten ... begrüszt, die ihnen ... im falle rühmlicher wunden verpflegung boten Dahlmann
gesch. d. frz. revolution (1845) 156.
in allgemeiner verwendung '
die narbe': (
ein mädchen) hatte über das linke, dünne, durch einen unfall entstellte auge ein haarbüschel gezogen, sehr in eile, denn wie ein fähnchen bezeichnete dieses haarbüschel die wunde, anstatt sie zu verdecken A. Seghers
d. siebte kreuz (1950) 16. 1@dd)
gelegentlich verknüpft poetische sprache pluralisches wunden
mit begriffen aus dem bereiche kriegerischen geschehens (blut, schweisz, schwert, tod)
zu einer metaphorischen gruppe für '
kampf, krieg'
u. dgl.: ist denn der scepter nur um blut und wunden feil? Gryphius
trauersp. 527
lit. ver.; wenn ihr durch wund und schweisz erworben erbtheil ihn alsz bruder lachet an (1673) Lohenstein
Ibrahim sultan 537
lit. ver.; kurtz, wo nur was zu thun, legt unter schwerdt und wunden, er immer in dem streit die schwersten proben ab Besser
schr. (1732) 1, 208; wunden und tod ist unser gelag, mit speer und schwert thun wir männern bescheid maler Müller
w. (1811) 1, 359. 22)
die wunde
als (
medizinisch zu behandelnder)
körperschaden, d. i. eine verletzung im krankheitsstadium bzw. heilungsprozesz, daher auch allgemeiner das geschwür, die (
eiter-, pest-)
beule, brandwunde u. dgl.: ulcus uunta (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 354, 7
und xxntb (= uunta) (11.
jh.) 349, 40,
beide stellen zu 3. Mos. 13, 18:
caro autem cutis, in qua ulcus natum est (das geschwer
erste dt. bibel; eine drüs Luther; vom fheürbrand wund wirt
Zürcher bibel); nîeht negeskihet ardingun eteuuannân geskihet iz îo also tôd tûot fone suhte alde fone vuundûn Notker 1, 281
P.; man liset daz die wunden aller wirst tuont an dem dritten tag
St. Georgener pred. 112, 10
Rieder; wenn er (
der magnetstein) gepulvert ist, sô hilft er den gepranten wunden Konrad v. Megenberg
buch d. natur 452
Pf.; menschenmist heilet wunden und schwarze blattern (1531) Luther
tischr. 1, 78
W.; andere seind jAemmerlich verwund, gestochen, gehawen, geschossen, gequetschet, halber todt, halber lebendig, man musz jhnen in die wunden mit allerhand instrumenten hineinfahren, die kuglen ausznehmen, mit scharpffer matery reinigen, das faule auszschneiden Spee
güld. tugendb. (1649) 473; die krankheitsstoffe brachen sich durch offene wunden nach auszen bahn Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 154; (
er) versuchte mit irgend einer metallischen klinge die schwarze pflastermasse aus der handgroszen wunde durch schaben zu entfernen Bismarck
ged. u. erinn. 1, 260
volksausg. in vorlutherischen bibelübersetzungen zur wiedergabe von kirchenlat. plaga: wan er gesund da manig also, daz si gachten an in, daz si in rurten, wan di da heten die wunden
cod. Teplensis 48 (
Mc. 3, 10:
habebant plagas; Luther: alle die geplagt waren); wann der herre quelt Pharan (
Pharao) mit michelen wunden
erste dt. bibel (
1. Mos. 12, 17:
plagis maximis; Luther: mit groszen plagen).
mit häufigen beiwörtlichen bestimmungen: tödliche, offene, frische wunde,
s. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1399.
vgl. auch: von pflastern ohne wunden (
schönheitspflaster) Rachel
satyr. ged. 67
ndr. metaphorisch (
obszön): doch geschicht es alles durch die wunden die sie hat zwischen den peinen unden
kl. mhd. erz. II 328, 9
Euling; als ein witwe war wol betagt, dennocht ward sie gar sehr geplagt von einem kützel weit dort vnden; wolt han ein fleischbeyl zu der wunden Burkard Waldis
Esopus 1, 297
Kurz. ebenfalls in bildlichem vergleich: es ekelt mir für mir, der runzeln schlaffe wunden verstellen meine haut Fleming
dt. ged. 1, 103
lit. ver. [] in medizinischer bestimmung '
eine gewaltsame gewebsdurchtrennung der freien oberfläche der haut, von schleimhäuten oder organen' (
gr. Brockhaus 20 [1935] 468): ist der darm der länge nach verwundet, so öffnen die wunde die längenfasern und sie wird eiförmig Sömmerring
menschl. körper (1839) 5, 72. 2@aa) wunden heilen (Hulsius [1618] 279
a; Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1399
b)
und in entsprechenden verbalen verbindungen (
vgl. eine wunde waschen, reinigen, butzen, auswischen; eine wunde verbinden,
s. Kramer
a. a. o.): nahenti bant sina vvuntun (
Lc. 10, 34:
adpropians alligavit vulnera eius)
Tatian 128, 9
Sievers; und nêhinde zuo ime her bant zuo sîne wuonden und gôz dar în wîn und olei (1343)
Matthias v. Beheims evangelienb. 143
Bechstein; den bevalch er in dô, dazs im sîne wunden salbetn unde bunden Hartmann v. Aue
Iwein 5615
Benecke; die jungfrauwe ... salbet im syn wunden mit herlicher salben
Lancelot 1, 335
Kluge; der artzt ... ain pflästerlin über sein wunden legt Keisersberg
predigen teütsch (1508) 65
d; der artzt Machaon vngespart, dem kOenig bald die wunden heilet, ein kOestlichs pflaster jhm mittheilet Spreng
Ilias (1610) 39
a; mit mitleidsvoller hand verbanden sie die wunden Cronegk
schr. (1761) 185; wusch ihm die böse wunde mit hellem wasser Pocci
lust. komödienbüchl. (1859) 76; begaben sich einige verwundete krieger zu einer ... heilkundigen frau, um sich von dieser die wunden verbinden zu lassen. sie reinigte die wunden Hoops
waldbäume u. kulturpfl. (1905) 643. 2@bb)
die wunde
im krankhaften, entzündlichen prozesz (
vgl. eiternde, stinckende, faule wunde Kramer
t.-ital. 2 [1702] 1399
c): ferhêiletiû uuunda fûleta unde uuard argera danne si fore uuâre Notker 2, 136
Piper; hette ein mensche ein wunden do im etwas bOeses und fules inne wchse Tauler
pred. 140, 3
Vetter; die median ader ... so sye nit recht geschlagen würt, so macht sye vil eyter, überlryechende wunden Gersdorff
feldtb. d. wundtartzney (1517) 15
a; der safft ... wirt zuo allen faulen wunden ... gebraucht Ryff
confectb. u. haussapoteck (1548) 8
b; die wunde soll schon schrecklich aussehn und riecht (1839) A. v. Droste-Hülshoff
br. 1, 352
Schulte-K. 33)
ein besonderer bereich erschlieszt sich dem wort in seiner anwendung auf die (fünf) wunden Christi.
bereits in frühchristlicher zeit wurde dem blute Christi eine von sünden befreiende und erlösende wirkung zugesprochen. die zentrale dogmatische bedeutung des kreuzestodes erfährt durch die unmittelbare bekanntschaft der abendländischen christenheit mit den wirkungs- und leidensstätten Christi während der kreuzzüge eine ergänzung in der frommen hinwendung der gläubigen zur passion. seit der mystik eines Bernhard von Clairvaux (
gest. 1153)
hat die verehrung von Christi wunden einen reichen literarischen niederschlag gefunden (
vgl. dazu Eichhorn-Baumgarten in:
religion in gesch. u. gegenwart 1 [1909] 1698
f., und Stammler in:
dt. philologie im aufrisz 2 [1954] 1320
ff.). 3@aa)
die wendung bezeichnet teils die fünf wunden Christi in gestalt der nägelmale und der offenen seite, teils in weiterem sinne (
ohne zahlenangabe)
auch die verletzungen Christi durch dornenkrone, geiszelhiebe u. dgl.; sie begegnet meist inmitten religiöser bilder, gleichnisse und auslegungen: stigma anamali uuntun (9.
jh.)
ahd. gl. 4, 229, 15
St.-S.; kaauctem im uunton in Christes fleisge perahtemu arstantan truhtinan stimmu sprichit lutmarreru (
ostensa sibi vulnera in Christi carne fulgida)
Murbacher hymnen 19, 10, 1
Sievers; sie haftun nan (
Christus) mit wunton bi unsen suaren sunton Otfrid II 9, 85
Erdm.-Schr.; [] durh dînen uuillon doleta ih dîe uuunton clauorum et lanceae an demo crûce Williram 63, 6
Seem.; er kumet mit sinen wunden dar (
am jüngsten gericht) (13.
jh.)
v. d. jungesten tage 62
Willoughby; was tet aber her David? entrúwen, er zoch sich us und nam sin schlingun und fúnf stain, daz ist dú behúgde der fúnf wunden únsers herren, da mit úberwindet der mentsche alle sin vigint. also sprichet sant Bernhart: so der getrúw ritter siht sins herren wunden blten, so wirt er so gehertz daz er siner wunden gar vergisset. ze glicher wis, sprichet er, so geschiht och den mentschen der únsers herren wunden an siht, der wirt so stark in der bekorung daz in nieman úberwinden mag
St. Georgener pred. 94
Rieder (
vgl. auch 286, 25); ir sullent úch gerne in die winkel und in die einnOete machen und do lideklichen mit gotte úch vereinen und uf den bljenden minneklichen bovm klimmen des wirdigen lebens und des lidens unsers herren Jhesu Christi und in sine klarificierten wunden Tauler
pred. 271, 19
Vetter; eyn buchel, das ist gebessert mit etlichen gebethen von den heyligen funff wunden (
ca. 1490)
bei Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 279; darumb sehe wir, das lieb, gerechtikeit, buessz und ander tugent fliessen aus den wunden Christi (1518) Luther 9, 145
W.; (
an die seele) hlle dich in Christi wunden, der empfunden was zu leiden dir gebhrt Simon Dach
in: Königsb. dichterkreis 76
ndr.; o häupt voll blut und wunden Paul Gerhardt
in: ev. kirchenl. 3, 413
Fischer-Tümpel; die hochheiligen, heilwehrten fünf wunden Jesu Christi des gekreutzigten, unsern herren und heylands Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1399
b; was auch helden gethan, was kluge gelehrt, es verachtets wähnender christlicher stolz neben den wunden des herrn Göthe I 1, 452
W.; und bluten, bluten! bluten wirds (
ein kruzifix), aus allen wunden wird es bluten Schubart
sämmtl. ged. (1825) 2, 34. 3@bb)
in unmittelbarer anlehnung an a
die wunden der stigmatisation: do erschinen sus zuo den stunden an sînem lîbe die vünf wunden an sînen füezen und an handen, als er gekriuzet wær gestanden Lamprecht v. Regensburg
St. Francisken leben 3431
Weinhold; Francisci wunden (1521) Judas Nazarei
vom alten u. neuen gott 35
ndr.; die prediger han für gewisz, dasz jr Cathrina von Senis, hab die fnff wunden Christi recht Fischart
s. dicht. 1, 136
Kurz. allgemeiner die verletzungen der märtyrer: der glaube ist geweissaget durch die propheten ... und ist bevestiget durch die wunden und pluot vergiessen der hailigen martrer Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) A 5
a. 3@cc)
in formelhaftem gebrauche; bes. als beschwörungsformel in blut- und wundsegen: unde man dich, herre, diner vûnf wunden, daz du mir helfende sîst
Benediktbeurer glauben u. beichte, in: kl. ahd. sprachdenkm. 359, 95
Steinm.; ich besuere dich bi den heiligen funf wnten. heil sis tu wnde
Bamberger blutsegen, in: kl. ahd. sprachdenkm. 377, 13
Steinm. vgl. dazu die reiche belegsammlung bei Ebermann
blut- und wundsegen in ihrer entwickl. (1903).
in vielfach abgewandelter gestalt als beteuerungsformel: Evchen! ich flehe dich! um alle wunden! H. v. Kleist 1, 353
E. Schmidt; sag ihm: ich fleht ihn an bei unsrer liebe, bei Jesu wunden Eichendorff
s. w. (1864) 4, 334;
und im fluche: wellicher ... schwördt, fluocht, oder sagt ... gots leichnam, marter, wunden ... der yeklicher soll von einem yeden fluoch ... ein pfenning geben
d. fürstenth. Wirtemberg newe landsordn. (1536) A 4
a; botz wunden
theatrum diab. (1569) 520
b;
[] ey das dich tausent wunden schend (1580) B. Krüger
spiel v. d. bäur. richtern 21
Bolte; da hat er gewisz gflucht alle wunden Fischart
w. 2, 52
Hauffen; vnd flucht marter, creutz vnd wunnen Ayrer
dramen 2442
Keller; etliche fluchten wunden und marter J. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 148; 3@dd)
die religiöse vorstellung von der heilstat Christi, der durch sein leiden die sünden der mit gott zerfallenen menschheit stellvertretend sühnt, eröffnet dem wort in der christlichen literatur einen verbreiteten bildlichen anwendungsbereich, indem den körperlichen wunden Christi die seelischen wunden der menschen im sinne von sünden, bzw. schmerzen, gebrechen, leiden, die letztlich auf die menschliche sündhaftigkeit zurückzuführen sind, gegenübergestellt werden: thu unserero prustio eino spurrento pist thu uuntono luzzentero cuater az standanter lachi (
tu uulnerum latentium bonus adsistens medicus)
Murbacher hymnen 24, 14, 3
Sievers (
vgl. auch 24, 16, 2); ni maht avur thaz gimachon, thara ingegin rachon, wio managfalto wunta hiar thulten thuruh sunta Otfrid V 23, 134
Erdm.-Schr.; (
das blut aus dem abendmahlskelch) iz heilit liuto wunta joh managero sunta; iz ist managfaltaz thing, yrlosit thesan woroltring!
ebda IV 10, 15; (
vgl. noch I 18, 22; II 17, 3; III 1, 16);
et delicta mea a te non sunt abscondita vnde mînero membrorum delicta (
interlinear: lido undâte) nesint ferborgen fore dir. dir irbaront siê iro uulnera (
interlinear: uuunda), uuanda dû iro sanator (
interlinear: heîlare) bist Notker 2, 265
P.; daz dritt ist dar umbe got mentsch wart, daz er únser wunden hailti; won wir warent alle sere wund, daz nie mentsch so wol moht getuon daz es ie ze hýmelriche mOehti komen vor sim tode. und mit sinen wunden hailte er únser wunden
St. Georgener pred. 162
Rieder; du bist darum in allem dinem leib verwunt worden, dz du die wunden unser sel heiltest Stephan Fridolin
dt. pred. 38, 4
Schmidt; zu der tzeytt, wenn gott seynes volcks wunden verwunden und dieselbige seyner vorletzung heylen wirt (1522) Luther 10, 1, 2, 117
W.; ja ist auch öfftermals mit scheützlichen wunden der sünd beschedigt J. Nas
antipap. eins u. hundert (1567) 2, 252
a; eben der uns schlägt und plagt, wird die wunden unsrer sünden wieder heilen und verbinden Paul Gerhardt
in: ev. kirchenl. 3, 383
Fischer-Tümpel; wie ein kranker mensch seine wunden ... zudekt, ... also bedekt der snder die wunden der seelen Butschky
Pathmos (1677) 87. 44)
gelegentlich (
bildlichem gebrauche sich nähernd)
für verletzung, beschädigung von pflanzen und leblosen gegenständen, sowie für menschliche eingriffe in die oberfläche des erdreichs: dar nach schnid ab die winreben, die du in beltzen oder impten wilt, und ebnen die plǎg und wunden Österreicher
Columella 1, 136
Ö.; schneiden etlich nicht mehr dann ein wunden in den gesatzten zweig
M. Herr
feldbau (1551) 66
a; der acker liget stille und duldet nicht wie vor, dass ihm viel wunden schlug dess bauers frecher arm und ein tyrannisch pflug Logau
sinnged. 6
lit. ver.; seine rotte (
der geister) hatte in dem berge bald eine weite wunde geöffnet, und rippen von gold hervorgegraben Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 43; statt gemeinen gummi und harzes, flieszt kampher, flieszt benzoe aus den wunden der bäume J. G. Forster
s. schr. (1843) 4, 334; er fügte auch noch dem braten eine ziemlich bedeutende wunde zu
M. Meyr
erz. a. d. Ries (1868) 1, 281; schaukelpferde ... hatten sich auf der wunderbaren himmelswiese des weihnachtsmannes wieder glänzend herangefüttert, ihre wunden waren
[] geheilt H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 83; einen hügel, in dessen flanken tiefe wunden gerissen sind durch die gelben brüche, aus denen man den lehm für die nahe ziegelei gräbt A. Supper
holunderduft (1910) 130. 55)
bildliche verwendungen. 5@aa)
für inneren schmerz, verletzungen der seele und des gemüts durch äuszere, das seelische empfinden treffende anlässe; seit mhd. zeit geläufig: wir haben ubel gethan: wir haben im zestunden gefrischett seine wunden Heinrich v. Neustadt
Apollonius 1733
Singer; Hulderich Theanders heilpflaster auff die melancholische wunden Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, N 7
b; was fühlt disz hertze nicht vor allzeit frische wunden Gryphius
trauersp. 158
lit. ver.; soll ich von deinem tode singen? ... ich öffne meines herzens wunden und fühle nochmals deinen tod Haller
ged. (1882) 158 diesz (
der schlechte gesundheitszustand Hardenbergs) bekümmert Schlegeln besonders sehr tief und ist eine neue wunde neben der unheilbaren (1801) Caroline
br. 2, 22
Waitz; gemeiniglich blieb es also zwischen beiden göttinnen bei blicken, bei ironieen, bei anspielungen: kurz, bei dem ganzen kleinen nadelgefechte, womit sich die damen oft schmerzhaftere wunden zu ritzen pflegen, als die männer sich schlagen Engel
schr. (1801) 1, 5; jedes deiner worte risz mir eine wunde hier Klinger
neues theater (1790) 1, 4; mir ist so wohl bei ihnen allen, es ist, als könnten die wunden, wodurch mir böse menschen die seele zerrissen haben, wieder durch sie könnten geheilt werden (1807) Beethoven
sämtl. br. 1, 203
Kalischer; ich bin ganz wunde, und mich heilen, heiszt mich tödten Hebbel
w. 1, 118
Werner; selig, wem wunden schlug der erde lust H. Hart
in: mod. dichtercharaktere 195
Arent-C.-H. im sprichwort: nút das man eine wunden heilen welle und zwo dobi slahe uz ungestmekeit Tauler
pred. 74, 18
Vetter; kein schAedlicher wunde, als die von freunden gehawen wird Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Ll 4
b; besser sind des freundes wunden, dann des feindes kusz S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 6
a; derhalben spricht der weysen mund, das besser sey des freundes wund, denn der kusz des heulenden feindt, der es doch nit mit trewen meint (1558) Hans Sachs 9, 161
lit. ver. für den reichen sprichwörtlichen gebrauch des wortes vgl. Wander
sprichw.-lex. 5, 443
ff., der 151
nrr. verzeichnet. in besonderen, häufig gebrauchten verwendungen bei schmerzhafter verletzung des gefühls. liebesschmerz: die wunden sluoc der minnen hant. ez ist der wunde alsô gewant, sî wellent daz sî langer swer dan von swerte ode von sper Hartmann v. Aue
Iwein 1547
Benecke; da ist für trûren veile manger hande vogele sanc. ir süezen klanc ich ze mînem teile wil dingen, daz er mîne wunden heile Neidhart
lieder 9, 35
H.-W.; an Sylvien, auf ihre augen. ich weis nicht, ob ich euch noch einmal werde sehn, ihr wundervollen augen! dennoch werden meine wunden, die ich stets von euch empfunden, und nicht mehr zu heilen taugen, ewig, ewig offen stehn! Neukirch
ged. (1744) d 8
a; wann, o wann verblutet sich die wunde? wann vergess ich, o du falsche, dich? Miller
ged. (1783) 56;
[] noch wund an dieser wunde (
einer fehlgegangenen liebe) Emil Strausz
d. schleier (1931) 53.
schicksalsschläge: ... wohl dem! der seinen wunden, die ihm die schickung schlAegt, dergleichen pflaster kaufft J. C. Günther
ged. (1735) 588; wunden, die das schicksal schlägt Göthe IV 30, 36
W. verletzungen der ehre, des ehrgefühls: Doria — fühlen sie die wunde meiner ehre Schiller 3, 53
G.; die wunde nur wäscht wunden der ehre weg Stägemann
kriegsgesänge (1813) 12. 5@bb)
für schäden jeder art, die für eine wesenheit oder institution bestehen oder ihnen zugefügt werden: denn wenn sie lange den papisten grosse wunden hawen vf der cantzel, wenn sie zu ihnen kommen, so thun sie ihnen alles guts vnd heilen inen ire wunden wider zu (1537)
bei Luther
tischr. 3, 478
W.; man solte durch eine gesandtschafft zu Rom des vaterlands wunden entdecken Lohenstein
Arminius (1689) 1, 22
a; (
er) hat mit dem finger gerade auf die heimliche wunde des französischen theaters getroffen Lessing 10, 124
L.-M.; Hermann, Siegmars sohn, vertilgte Varus mit drey legionen ... die wunde blutete die zwey jahrhunderte fort Klopstock
gelehrtenrepublik (1774) 250; das ist ihr (
der schulreform) letzter sinn, dasz sie die schule dem einflusse der geistlichen entrisz, ... will man diese wirkungen blos pragmatisch nach ihrer nächsten quelle verfolgen, so kann man sagen, dasz sich der geistliche eifer diese wunde ... selbst geschlagen habe Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 309; und doch ist das gerade (
die kirchl. spaltung) die gefährlichste wunde unseres gemeinwesens Dahlmann in:
briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 343; sofern das mittel des eroberers der krieg und eben dieses eherne werkzeug es ist, das den völkern so blutige wunden schlägt D. Fr. Strausz
schr. (1876) 6, 172; alsbald nach der hinrichtung des königs ward offenbar, wie schwere wunden diese that der sache der freiheit geschlagen Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 21; die dissidenten wurden eine gefährliche wunde des staates Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 91; französisch-Lothringen mit Metz als pflaster auf Frankreichs wunden: und wir hätten alle frieden gehabt A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 56.
vereinzelt '
die schwierigkeiten bereitende stelle' (
vgl. der wunde punkt,
s. wund 4 d): aber gesetzt, das wäre so: Horaz habe das dunkel empfunden, was B. seine schüler hier so leicht sehen läszt — da sitzt eben die wunde Herder 5, 306
S. 5@cc)
in geläufigen verbindungen; öl, balsam
u. dgl. auf (in) die wunde(n)
geben, d. h. (
im anschlusz an a)
seelische schmerzen heilen bzw. (
im anschlusz an b)
schäden mildern, beseitigen: nun wird mein hertz wider gesundt, oehl ist gegossen in die wundt Gilhusius
gramm. (1597) 3, 4, 72; nicht blosz den feinden schrecklich seyn; nein, auch den überwundnen rathen, und auf die wunden balsam streun
anmuth. gelehrsamk. (1751) 3, 266
Gottsched; es ist so ssz, auch da wo man nicht balsam des trostes in die wunde giessen kann, doch ein brderliches thrAenchen darauf zu weinen Knigge
roman m. lebens (1781) 3, 41; in des landes wunde trAeuft er balsam Schubart
s. ged. (1825) 2, 281; jedes einzelne land des preuszischen reichs kann hier (
aus der geschichte) erfahren, welche grausame leiden, welche wütende unruhen so zerfleischten, ehe die Zollern wohlthätigen balsam in die wunden träufelten und durch sanfte pflege sie heilten Jahn
w. (1884) 1, 10. wunden wieder aufreiszen
u. ä. wendungen, d. h. überwundenen, vergessenen schmerz bzw. beseitigte schäden (
vorsätzlich oder unbedacht)
erneuern: darumb ist gepoten ... gegen jnen (
den abtrünnigen christen) nit zedisputieren über der kirch beslus. damit vngehorsam lewt nit vrsach haben
[] albeg mit heiliger kirch zezancken vnd gehaylt wunden widerumb aufzekrotzen, zuo nachtail gantzer cristenhait Berthold v. Chiemsee
teutsche theol. 111
R.; ich weisz nicht, ob ich mich erkühnen darff durch eine ... condolentz die neulichst empfangene wunde (
den tod des sohnes) wieder auffzureissen Chr. Weise
polit. redner (1679) 209; o du legst glühende kohlen auf meine wunde Klinger
w. 1 (1815) 66; dein wille, königinn, macht wunden wieder bluten die keine sprache schildern kann (
renovare dolorem) Schiller 6, 346
G. (
Aeneis); an einem solchen abend springt der verband von alten wunden auf, die wir in uns tragen Jean Paul
w. 1, 267
Hempel; sie berühren die wunde scharf Iffland
theatr. w. (1827) 1, 10; warum riszt ihr wunden auf, die so tief und schmerzlich sind Müllner
dram. w. (1828) 2, 92; was jetzt kommt, die wiederholung früherer schmerzenstage reiszt alle alten wunden auf, die noch lange nicht vernarbt sind (1890) G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 448.