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grauen

ahd. bis spez. · 13 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

grauen vb.

Bd. 8, Sp. 2116
grauen, vb. , grau sein, werden. zu grau, adj. (s. d.). ahd. grâwên, mhd. grâwen. noch im 16. und frühen 17. jh. grawen mit orthographischem w für zu u vokalisiertes stimmhaftes w. die schreibung grauen, zuerst im späten 16. jh., setzt sich (später als für 2grauen) im frühen 17. jh. durch. frühnhd. nebenformen: grauwen Maaler t. spr. (1561) 192a; Boterus allg. weltbeschr. (1596) 1, 352; graen (md. 1414) Diefenbach gl. 95a; Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 4, 399 ndr.; graet (3. sg. präs.) Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 82b; groben (obd., anf. 15. jhs.) Diefenbach gl. 95a. 11) in sachbezogener anwendung, ohne nebenton. 1@aa) grau sein, grau erscheinen. so schon ahd. in der wiedergabe von lat. canere. im hinblick auf die silbergrau schimmernden blätter der weide: canentia (... salicta) (Virgil georg. 2, 13) grauventiu (11. jh.) ahd. gl. 2, 631, 13 St.-S. im hinblick auf die silbergraue färbung von gewächsen, auf denen tau liegt, offenbar im anschlusz an einen antiken topos; vgl. grau, adj. A 6 a: (gramina) canænt (Virgil georg. 3, 325) crvven (11. jh.) ebda 2, 639, 18. ähnlich in junger bezeugung im hinblick auf den von eis, reif oder tau bewirkten farbeindruck, aber schon unter einflusz des gebrauchs von 3 b: ich bin so hold den sanften tagen, wann in der ersten frühlingszeit der himmel, blaulich aufgeschlagen, zur erde glanz und wärme streut; die thäler noch von eise grauen, der hügel schon sich sonnig hebt Uhland ged. (1898) 1, 12; es graut vom morgenreif in dämmerung das feld Mörike ges. schr. 1, 110 Göschen; es tagt ... wachholderbüsche, blaugrün dichte schar, graun auf granit von perlenblässe triefend Carossa ged. (1912) 42. 1@bb) grau werden: vigen, die von den zwige slifen swenne so die ersten rifen und uzen grawen als ein schimel Heinrich v. Hesler apokalypse 12 165 Helm; ehr wird man schwarze schwanen schauen, die raben weiszlich sehen grauen, ... als eine jungfer sonder wanken Stieler geharnschte Venus 37 ndr. im spiel mit der bedeutung 2 a: ietzo wil ein iedre (frau) grauen (mit hilfe von puder), ob sie gleich nicht grauen (alt und grau werden) soll, wolln sie augen oder nasen (wer verstehts?) gefallen wol Logau s. sinnged. 656 lit. ver. mehr 'ins graue spielen': doch kritiker hört man ins ohr sich raunen: phantastische prospekte (Schinkels bauten), nicht viel dran, im colorit hat er noch nichts gethan, sein blau will grauen nicht, sein grün nicht braunen Brentano ges. schr. (1852) 7, 287. 1@cc) speziell 'schimmlig werden'. vorwiegend mundartlich, s. schweiz. id. 2, 832; Martin-Lienhart elsäss. 1, 265b; Follmann Lothr. 214b: da es sehr feucht und ungesund, und grauet alles (1637) in: schweiz. id. 2, 832; es grauet ... von schimmel tutto è bianco di muffa Kramer t.-ital. 1 (1700) 557c. dazu mundartliche wendungen wie: dem (reichen) groə die dalere 'werden schimmelig' rhein. wb. 2, 1371; 's geld lān grawen 'unbenutzt liegen lassen' schweiz. id. 2, 832; dem tāti brod grāwen (wenn er noch länger von hause fortbliebe), spöttisch von einem dienstboten, der seinen dienst vor der zeit verläszt ebda. 22) ergrauen, grau werden, als folge und zeichen des alters oder eines kummer- und sorgenvollen lebens, auch geradezu im sinne von 'altern'. der zunächst deutlich ausgeprägte gedanke an die farbqualität des haares kann gelegentlich verblassen (s. bes. unter a β) oder gänzlich zurücktreten (s.b). seit dem älteren nhd. mehr und mehr auf die gehobene sprache beschränkt und seit dem 18. jh., abgesehen von dem partizipialen gebrauch unter γ, fast ganz verdrängt durch ergrauen (s. d. 2) und grau werden (s. unter grau, adj. A 2; 3; B 1). vgl.grawen, graven (md. 15. jh.); graen (md. 1414); groben (obd. anf. 15. jhs.) Diefenbach gl. 95a s. v. canere, canescere; caneo grawen, graw werden, weysz oder alt werden, vast alten Frisius dict. (1556) 183a; vor alter grauen prœ senectute canescere Stieler stammb. (1691) 696. 2@aa) im eigentlichen sinne vom haar, im rahmen einer metonymie auch von menschen, seltener von tieren, und von körperteilen, die haare tragen. 2@a@aα) von haar, bart, schläfe u. ä.: schouwet an mîn hâr, daz gevar ist als ein îs: daz grâwet mir, des ist niht rât, wande mir von getelingen niwan leit geschach Neidhart lieder 93, 3 Haupt-W.; daz hâr grâwet von der kelten des hirns, wenne diu nâtürleich hitz sô krank wirt, daz si des hirns kelten nicht mag gesenftigen, ez sei von alter oder von sorgen oder von unfuor Konrad v. Megenberg buch d. natur 7 Pf.; nun, da die haare grauen, und sich das alter naht Triller poet. betracht. (1750) 4, 351; dasz seine haare seit einiger zeit stark zu grauen anfingen Pestalozzi s. schr. 5, 445 Buchenau-Spr.; da von so grawet mir der loc Neidhart lieder 102, 1 var. Haupt-W.; mutter, deine lokke graute früher, denn du härmtest dich Schubart leben 2 (1793) 199; waz ie meinem leben tzam, daz waz der sel widerpart, dovon so grabet mir der part Peter Suchenwirt 44, 16 dt. nat.-lit.; für alter grawet jhm der barth Rollenhagen froschmeuseler (1595) Qq 5a; mein scheitel graut vor noth, viel hoffnung ist beschnitten J. Chr. Günther ged. (1735) 581; Pfeffel poet. vers. (1802) 4, 167; das erst das da grawet an dem menschen das seind die schlAeff Keisersberg granatapfel (1510) b 5d; so bewahre dir deine sehnsucht rein und du wirst ein staunend kind bleiben, ob auch deine schläfe graut Kolbenheyer meister Pausewang (1910) 52. vereinzelt reflexiv: der leib grawet sich am har vor der zeit des alters Brentz pred. Salomo (1528) 31b. 2@a@bβ) von menschen, seltener tieren. mit deutlichem bezug auf die farbqualität des haares: unde leid habet mih alten getân. fone dîen dingen grâuuên ih ze unzite (funduntur uertice intempestiui cani) Notker 1, 8, 3 P.; niemen vrâge mich war umbe ich grâwe jâ wânte ich daz ich geruowet solde sîn vor den getelingen Neidhart lieder 60, 18 Haupt-W.; man sicht offt ein jungen bald grawe werden ... vnd einen garuil eltern sicht man nit grawen Hartlieb Ovid (1482) 11a; das die menschen in gewissen geschlechtern vor den jahren inn der besten blet zu grawen pflegen Olorinus martinsgansz (1609) 27; ferner ist ein gewisses kennzeichen des alters an einem pferd, wann es grauet, das ist, wann es bey den augbrauen ... weisse haare bekommet Hohberg georg. cur. 3 (1715) 84b. mehr im sinne von 'altern', bei gleichzeitigem verblassen des gedankens an die farbqualität: du grawist herre min könig Rother 5124 de Vries; wer das tätt, der wurd genem got vnd der liebsten muoter sein ... er wurd in sälden grawen liederb. d. Hätzlerin 115a Haltaus; wohl dreyszig jahre graut er (der krieger) in der legion: und armuth ist der preis, und landmiliz sein lohn! anmuth. gelehrsamk. 2, 379 Gottsched; wenn de aue (alten) fangen a ze graue, fange sei auch a ze kraue (mürrisch zu werden) rhein. wb. 2, 1371. 2@a@gγ) zu α und β stimmend, als attributives part. präs. neben haar, haupt, schläfe, held u. ä.; erst seit dem 18. jh. bezeugt und, im gegensatz zu α und β, auch jünger, namentlich in gehobener sprache durchaus geläufig: sein kopf im grauenden hinterhaupthaar ... ist der kopf eines gütigen verständigen mannes Gleim briefw. 1, 274 Körte; wird mir unter meinen grauenden haaren manchmal bange Chamisso w. (1836) 5, 260; das grauende haar und der bart ums kinn waren kurz geschnitten Rosegger schr. (1895) I 8, 73; du (gott) läszt mein grauend haupt mit grünem segen schmücken Triller poet. betracht. (1750) 5, 25; mit grauenden schläfen J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 230; in der seele des grauenden helden Denis lieder Sineds (1772) 169; so raubten sie dort den blühenden jüngling, grauender ältern einzigen trost Pyrker Tunisias (1820) 41. 2@a@dδ) substantiviert: in solcher zeit seins (des körpers) stillstehens vor dem grawen vnd entferbung desz haars Paracelsus opera 1, 830 Huser; in der glut des aufgangs röthlich glänzt der locken grauen A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 212. 2@a@eε) sprichwörtliches: das eysen rostet, der mensch grauet Lehman floril. polit. (1662) 1, 15; die jüngsten haar grauen gemeiniglich am ersten Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Q 6a; er graet eh zeit, wie ein katz in muotter leib Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 82b; (die im zeichen des saturn geborenen) reden wie die offenheimliche comedische spilpersonen vnd chremetes mit jhnen selber: haben esels art, grawen in mutterleib Fischart aller practick groszm. (1607) C 5a; in der obern Pfaltz fragte ein junger, doch grawer, einen alten vnd nicht grawen: warumb er nicht graw, da er doch so alt, vnd er hingegen so jung, vnd gleichwol graw were: der alte sagte: ein esel grawet auch in mutterleib. der jung antwortet: die narren aber grawen gar nicht, weil sie keine sorg haben Zinckgref apophthegmata (1628) 371; der esel graut schon im mutterleibe sagt man bei frühzeitig ergrauenden haaren Fischer schwäb. 3, 809; wer sich nicht gremet vnd schemet, der grawet nit leicht Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Iii 8a; thoren grawen nicht ebda Tt 4a; der wolff grauet zwar, aber er bleibt ein wolff M. Kramer t.-ital. 1 (1700) 557c. 2@bb) übertragen in der beziehung auf gegenständliches und abstraktes. 2@b@aα) das alter von gegenständen umschreibend: ein hausz das erst erbawet sieht einer lieber an, alsz das für alter grawet, vnd kaum noch stehen kan Tscherning dt. get. früling (1642) 232; weil das alter in ehren zu halten, so solte man auch diesen mantel, welcher bereit zu grauen angefangen, nicht so beschimfen und verunehren Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 282. anders nuanciert, im zusammenhang eines bildes von a α her, von einem wein, dem das alter nicht schadet: da ain abendtrunk war berait, auch wein von hundert virzig jar, welchem doch groet noch kain har Fischart glückhaft schiff v. Zürich 27 ndr. 2@b@bβ) in der beziehung auf abstrakte gegebenheiten. im sinne von 'bestand, dauer haben', die liebe, das glück, der friede (u. ä.) graut; z. t. in sprichwörtlicher form: das gelcke grauet selten Winckler 2000 gutte ged. (1685) G 2b; da ward das kriegs-glck, welches mit grauen hAeuptern selten grauet oder blhet, ... ihm abfAellig Valvasor hertzogth. Crain (1689) 2, 470; rechte lieb grauet nimmer Lehman floril. polit. (1662) 3, 300; was wahrheitsinn erbauet, reiszt wahnsinn trotzig um, noch eh daran herum des alters friede grauet Tiedge w. (1823) 2, 200. mehr verstärkend in tautologischer verbindung: (das laster, d. i. das papsttum) finster gerunzelt vor grauendem alter Sonnenberg Donatoa (1806) 1, 94. 33) dämmern, dämmerig erscheinen. im bereich meteorologischer und atmosphärischer erscheinungen oder, in der beziehung auf gegenstände, wesentlich von da her bestimmt. 3@aa) dämmern, von der morgen- oder abenddämmerung. 3@a@aα) im hinblick auf den tagesanbruch. 3@a@a@aaαα) der tag graut, beginnt zu grauen u. ä. mhd. vor allem im rahmen der tageliedsituation: ich sih in grâwen tägelîch als er wil tagen, den tac, der im geselleschaft erwenden wil, dem werden man Wolfram v. Eschenbach lieder 4, 11 Lachm.; do der wechter entsup daz sich der tac vf hup vnd grawen begunde Herbort v. Fritslar liet v. Troye 6657 Frommann; als man grâwen sach den tac Lohengrin 1044 Rückert. ähnlich: ich hœr die vogele singen, von liebe scheide dich enzit. ein wolken grâwet gên dem tage: ich sihe in schône ûf dringen Jacob v. Warte 6, 4 in: Schweiz. minnesänger 254 Bartsch. dann erst wieder seit dem 18. jh. neben der morgen graut (s.γγ) und unter voraussetzung des konkreteren der himmel graut (s.ββ): der tag fieng kaum an zu grauen (1745) J. E. Schlegel w. (1761) 5, 280; woher der freund so früh und schnelle, da kaum der tag im osten graut? Göthe I 1, 192 W.; es war ein sommermorgen und frühzeitig graute der tag Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 22; dann jagten sie hinaus auf die weide, über der langsam der tag graute Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 405. 3@a@a@bbββ) der himmel graut u. ä.; seit dem 17. jh. nachweisbar, aber vgl. schon 1504 unter ε: des morgens, als der himmel kaum zu grauen und der tag hAerfhr zu blikken begunte Zesen adriat. Rosemund 24 ndr.; sie (die bienen) müssen sich zur ruh verfügen, um, wenn der himmel graut, von neuem auszufliegen Triller poet. betracht. (1750) 1, 27; der himmel grauet schon bei Peter volktüml. a. Österreich.-Schles. (1865) 1, 436. 3@a@a@ggγγ) der morgen graut, seit dem 18. jh., im anschlusz an ältere typen wie der morgen kommt, bricht an (s. s. v. morgen I 1) und unter voraussetzung von der himmel graut (s. ββ): noch eh der morgen graut, gehst du, wohin du willst Zachariä poet. schr. (1763) 2, 36; das (blaukehlchen-)männchen singt ..., sobald der morgen grauet Naumann vögel (1822) 2, 1, 423; der morgen graute, die wolken trugen blutrothen saum und bargen die sonne G. Freytag ges. w. 8 (1887) 193; noch standen sterne am himmel; aber der morgen graute schon Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 160. 3@a@a@ddδδ) anderes bleibt vereinzelt: der osten graut, der tag, scheint's, will erwachen Grillparzer s. w. 8, 93 Sauer; nur sommernachts passiren die geschichten; kaum graut die nacht, so rückt der morgen nah, kaum dasz den wald die ersten strahlen lichten, entflieht mit ihrem hof Titania Storm s. w. (1899) 8, 276. 3@a@bβ) seltener und erst jünger im hinblick auf die abenddämmerung, der abend, die nacht (anders unter α δδ), die dämmerung (anders unter γ αα) graut: bald sang er (Apollo als hirte), wie der lenz die ambra von sich wehet, ... bald, wie die sommernacht, in stillen thälern grauet, von zephyr abgekühlt auf trockne matten thauet Dusch verm. w. (1754) 308; rette mich! denn sie (die menschen) donnern nach uns (den vögeln); stellen auf langen hügeln uns hin unsichtbare netze, wenn die dämmerung graut Klopstock oden (1889) 2, 119; doch wird die sonne weichen, der abend stille grauen Göthe I 12, 242 W.; H. Mann d. untertan (1949) 471. 3@a@gγ) als attributives part. präs. 3@a@g@aaαα) im hinblick auf den anbrechenden morgen. grauender himmel, morgen, tag u. ä.: sie ... lagerten sich unter dem schon grauenden himmel Hunold d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 841; sie brachen den schlaf des mächtigen auch am grauenden morgen, und hieszen ihn fliehn Denis lieder Sineds (1772) 111; bei grauendem morgen machte er sich auf den weg Ganghofer doppelte wahrh. (1893) 189; aber etwas anderes ist es, ... im grauenden morgen ... einen weiten weg zu überwinden P. Dörfler d. komm. geschlecht (1932) 120; heute, da ich (Japhet) mit dem grauenden tag vom nordlichen felsen in die unterhalb ausgebreiteten ebenen sahe Bodmer d. Noah (1752) 17; wir ... erreichten bei trüb grauendem tage das grosze dorf Carossa rumän. tageb. (1926) 62; sie war die botin der freude, diese trauer, sie war die grauende dämmerung, woran die unzähligen rosen des morgenroths sprossen Hölderlin s. w. 2, 174 Hell. 3@a@g@bbββ) selten im hinblick auf die abenddämmerung: wenn ein krieg bevorsteht, so zieht er (der geist des schloszherrn) von seinem gewöhnlichen aufenthaltsort ... bei grauender nacht aus br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 125. 3@a@dδ) in unpersönlicher konstruktion, es graut, seit dem späten 18. jh. 3@a@d@aaαα) vornehmlich im hinblick auf den tagesanbruch, vgl. α: früh so bald es nur wird grauen Stephanie d. j. sämmtl. singsp. (1792) 201; im osten graut's, der nebel fällt Eichendorff s. w. (1864) 1, 349; 's graut immer mehr, 's nebelt auch 'n biszchen Kluge Kortüm (1938) 651. 3@a@d@bbββ) seltener im hinblick auf die abenddämmerung; vgl. β: wenn's dann endlich graut und dunkelt, keine stimme ruft und hallt — schlafen musz dann auch der jäger, und es schläft mit ihm der wald Hoffmann v. Fallersleben ged. (1887) 307. 3@a@eε) substantiviert. die morgendämmerung: und so si danne mit einem cleinen schlaffe wart erleichtert, ader erquicket, wider umb uff stund so si vormercket di mitternacht, ader uff das wenigeste des himels graen vorquam (zuvorkam) Hedwigslegende (1504) E 3a; die dunkelheit der nacht verlohr sich schon im grauen spukereien d. teufels (1788) 21; der mond erlischt im grauen des morgens W. Raabe s. w. II 2, 142 Klemm; im ersten grauen des ersten weihnachtstages R. Hoffmann d. dt. soldat (1937) 102. die abenddämmerung: schon meldet sich die abendzeit in frühem grauen M. Greif ged. (1889) 26. 3@bb) in anlehnung an grau, adj. A 8 und 9 charakterisiert das verb in jüngerer gewählter sprache die farbwirkung des grauen, trüben, undeutlich verschwimmenden, die durch bestimmte witterungserscheinungen hervorgerufen wird, die aber auch gegenständen der belebten und unbelebten natur anhaften kann, besonders sofern diese in einer atmosphäre des trüben und farblosen liegen. von dem sachlich nahestehenden gebrauch unter 1 durch einen stärkeren stimmungsgehalt unterschieden und sich darin mit dem gebrauch unter a (bes. β; γ ββ; δ ββ) berührend. auch hier nicht selten in der form des part. präs.: rings um schweigt der grauende wald, die einsame luft selbst hört nicht mehr der lerche gesang, und scheint nun entvölkert Zachariä poet. schr. (1772) 2, 64; umsonst hebt ihre brust, gleich einem doppelhügel von frischem schnee, um den ein nebel graut, den dünnen weiszen flor Wieland s. w. 22 (1796) 121; mein auge stürzt durch Herschels (eines astronomen) tiefste ferne, wo kaum noch unsre sonne graut; und findet dort durch alle nebelsterne das unermeszliche betaut Seume ged. (1815) 257; ich sah im mondschein liegen die felsen und das meer ... ich sah verfallen grauen das hohe königshaus, den könig stehn und schauen vom thurm ins meer hinaus Eichendorff s. w. (1864) 1, 637; dort liegt der hafen, dorten graut die see, dort wölbt das weisze segel sich Freiligrath ges. dicht. (1870) 5, 185. auf das tagesgrauen (vgl.a α) anspielend: ein gipfel graut, der volle mond versinkt Carossa ged. (1912) 40. auch im hinblick auf räumlich fernliegendes: höheren schwung flog immer die liebe; in grauender ferne schwelgte trunken sein aug, er streckt in die ferne den arm aus Sonnenberg Donatoa (1806) 1, 433; der nebelstrich der Alpen graute in nördlicher ferne Watzlik d. rückzug d. 300 (1936) 184. substantiviert: mit entzückung, wall ich im hain der palmen, dichter, mit lust hier, wo eich und ihr graun uns dämmert Klopstock oden (1889) 1, 186; wenn hinter schwarzer wolken grauen sich jeder stern vor mir verbirgt Schubart s. ged. (1825) 1, 44; ist's jen es bild, das durch des nebels grauen, wie eine weisze klagende gestalt, im feuchten wolklichthellen moore wallt A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. 2 (1878) 245. 3@cc) uneigentlicher gebrauch. 3@c@aα) von a her bestimmt, 'dunkel, unerkennbar sein' oder 'sich gerade erhellen'; im hinblick auf zeitlich fernliegendes (vgl.grau, adj. B 2). auf die zukunft bezogen: nicht bebet. engel, wo gott wohnt, ist kein grab, und im grauenden einst, wenn die hölle mich vater nennt, im grauenden einst vollendet allvater Jehovah Sonnenberg Donatoa (1806) 1, 65. vor allem auf die ferne vergangenheit bezogen: so umwallten uns manche gesichte der grauenden vorzeit Stolberg ges. w. (1820) 1, 140; und wie in den becher mein auge schaut, das dunkel der alten geschichten ihm graut Schwab ged. (1838) 378; so ist fast alles, was vor der völkerzeit auf erden geschehen ..., im geschichtlosen graun verloren Jahn w. 2, 484 Euler. hinsichtlich der frühzeit eines persönlichen oder geschichtlichen lebens: ach, hätt' ich früher euer grün geschauet, als noch des lebens morgen mir gegrauet (1808) schr. d. Goethe-ges. (1885) 14, 19; ich sage nicht dasz mit Tullius Hostilius historisches licht aufgeht: wohl aber ... dasz hier der morgen zu grauen beginnt Niebuhr m. gesch. (1811) 1, 181. 3@c@bβ) von b her bestimmt, im hinblick auf das bedrückende oder düstere einer stimmung oder eines gefühlszustandes, vgl. grau, adj. B 3: um seine seele grauet der finstern schwermuth nebelgleicher duft Mereau ged. (1800) 2, 52; nur einen hafen läszt sie mich erschauen, an dessen mund in unerforschter nacht der ewigkeit furchtbare nebel grauen Grillparzer s. w. 2, 84 Sauer. 44) nhd. in poetischer sprache gelegentlich in transitivem gebrauch 'grau machen', an stelle des schriftsprachlich ungebräuchlich gewordenen gräuen (s. d.): der herbst umschwärzt das gebirge; der nebel grauet die hügel Bürger s. w. 278b Bohtz; die loke, die mir das elend graute (1784) Schubart br. bei Strausz ges. schr. (1876) 9, 95.
20392 Zeichen · 446 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 8.–11. Jh.
    Althochdeutsch
    grauen

    Althochdeutsches Wörterbuch

    grauen Gl 2,704,60 s. grabo 2 .

  2. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    grauensw. V.

    Köbler Mhd. Wörterbuch

    grauen , sw. V. Vw.: s. grāwen (1)

  3. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    1. Grauen

    Adelung (1793–1801) · +10 Parallelbelege

    1. Grauen , verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, grau werden, von dem Bey- und Nebenworte grau, wo e…

  4. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Grauen

    Goethe-Wörterbuch · +2 Parallelbelege

    Grauen auch synkopiert ‘Graun’ 1 als sinnl-seel Empfindung a Widerwille, Abneigung α Abscheu gegenüber einem sinnl od äs…

  5. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Grauen

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Grauen ( Grausen ), s. Furcht .

  6. modern
    Dialekt
    grauenschw.

    Pfälzisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    grauen schw. : ' schimmelig werden ', grooe [vereinzelt]; vgl. grau 2 a, grauzen . 's Heu groot [ KU-Körbn ]. 's Brot gr…

  7. Sprichwörter
    Grauen

    Wander (Sprichwörter)

    Grauen 1. Mir grawet, sagt Reuppel (Riepel), vnd fand ein frembdes nyderkleyd 1 an seinem Bettstollen hangen. – Agricola…

  8. Spezial
    grauen2

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +2 Parallelbelege

    grau|en 2 I vb.impers. (Angst haben) avëi tëma, se temëi II vb.refl. sich grauen se temëi. ▬ mir (mich) graut es vor der…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit grauen

41 Bildungen · 37 Erstglied · 1 Zweitglied · 3 Ableitungen

grauen‑ als Erstglied (30 von 37)

grauen I

SHW

grauen I Band 2, Spalte 1451-1452

grauen II

SHW

grauen II Band 2, Spalte 1451-1452

grauenbild

DWB

grauen·bild

grauenbild , n. , schreckbild, vgl. grauen , n. C 1. 1 1) von persönlichen, auch mythologischen wesen: hastend mit gräszlichem schwunge der …

grauenerfüllt

DWB

grauenerfüllt , part. adj. , soviel wie grauenvoll ( s. d. ). 1) schreckliches enthaltend, schrecken verbreitend u. ä.: in dieser graunerfül…

grauenerregend

DWB

grauenerregend , part. adj. , jünger neben grauenhaft, grauenvoll ( s. d. ), vgl. grauen , n. C 2 a. 1) schrecklich, erschreckend, in anlehn…

grauengebilde

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grauen·gebilde

grauengebilde , n. , schreckbild, vgl. grauenbild : wie's mich durchkreuzt von gedanken und graungebilden Sonnenberg Donatoa (1806) 1, 385 ;…

grauengestalt

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grauen·gestalt

grauengestalt , f. , schreckgestalt, vgl. grauenbild . von personen und personifizierten mächten: der krieg, der unter bürgern rast, wenn er…

grauenhaft

DWB

grauen·haft

grauenhaft , adj. , schrecklich, entsetzlich, mit neigung zu verstärkender und steigernder bedeutung. nach dem typus der -haft- bildungen zu…

grauenhaftig

DWB

grauen·haftig

grauenhaftig , adj. , soviel wie grauenhaft ( s. d. ), vereinzelt in früher bezeugung: da will es ( das menschenherz ) sich bald zu tod fürc…

grauenhaftigkeit

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grauen·haftigkeit

grauenhaftigkeit , f. : wohl windet sich aus der langen zeit des bannes die dunkle tradition von thaten und geschehnissen, die durch ihre gl…

grauen II

RhWB

grauen II -ǫ·u.- Eup schw.: murren, zanken.

grauente

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grau·ente

-ente : grawendte ( querquedula ) B. Faber thesaur. (1587) 52 b ; grauente ( anser torquatus ) Naumann vögel (1822) 11, 392 ,

grauentlein

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-entlein : grauwentle Heusslin Gesners vogelb. (1557) 34 a ,

grauen als Zweitglied (1 von 1)

ergrauen

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ergrauen , canescere, grau werden, mhd. ergrâwen, 1 1) vom tage, albescere, grauen: frühe, wann der tag ergraut; das tiefer ergrauende abend…

Ableitungen von grauen (3 von 3)

begrauen

DWB

begrauen , canēre, inveterari, grau werden, ergrauen: er begraut in den waffen; er ist in den lastern begraut; nd. it is darin begriset, it …

ergrauen

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ergrauen , canescere, grau werden, mhd. ergrâwen, 1 1) vom tage, albescere, grauen: frühe, wann der tag ergraut; das tiefer ergrauende abend…

vergrauen

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vergrauen , verb. grau werden. ob vergrawen aus historienbibel 535 Merzdorf hierhergezogen werden darf, ist mir zweifelhaft: ob min autem ve…

Zitieren als…
APA
Cotta, M. (2026). „grauen". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 14. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/grauen/dwb
MLA
Cotta, Marcel. „grauen". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/grauen/dwb. Abgerufen 14. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „grauen". lautwandel.de. Zugegriffen 14. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/grauen/dwb.
BibTeX
@misc{lautwandel_grauen_2026,
  author       = {Cotta, Marcel},
  title        = {„grauen"},
  year         = {2026},
  howpublished = {lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern},
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  urldate      = {2026-05-14},
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