grau,
adj. herkunft und form. ahd. grâo (
pl. grâwe),
as. grâ, grê,
afries. grē,
ae. grǣg (
engl. gray),
anord. grár,
mhd. grâ (
pl. grâwe),
mnl. gra, grau,
nl. grauw. —
mit anderen farbbezeichnungen wie blau, gelb
als wa-
stamm, germ. *grēwa-,
wobei in ae. grǣg
lt. Sievers
in PBB 9, 204
und Jellinek
ebda 14, 584
auch mit einem wja-
stamm gerechnet werden musz. auszergerm. stellt sich lat. rāvus am nächsten, dessen ā
freilich noch der erklärung bedarf. zur gleichen idg. wz. *gher-,
*ghrē- '
strahlen, glänzen'
gehören lit. žeriù, žeréti '
im glanze strahlen',
aksl. zarja, zorja '
glanz, strahl',
pl. '
morgenröte'
u. a., vgl. Walde-Pokorny 1, 602; Pokorny 441; Walde-Hofmann 2, 421
f.; Trautmann
bslav. wb. 366.
in den flektierten formen erscheint ahd. und mhd. der stammauslautende konsonant (
halbvokal) w
noch fast ausnahmslos: ahd. grâwêr,
mhd. grâwer.
wahrscheinlich bereits im frühnhd. erfolgt die vokalisierung des -w-, -aw-
wird zum diphthong -au-,
so dasz das -w-
in den auch im 15.
u. 16.
jh. noch fühlbar überwiegenden -aw-
formen nur noch graphisch zu werten und als -u-
zu lesen ist, vgl. dazu Paul
dt. gr. 1, 225;
V. Moser
frühnhd. gr. § 22; § 131, 2. -aw-
schreibung begegnet noch bis in die zweite hälfte des 17.
jhs. (
z. b. grawe Lehman
flor. pol. [1662] 3, 442),
tritt aber seit 1600
mehr und mehr hinter -au-
zurück, das seinerseits seit dem 15.
jh. vereinzelt auftritt: dem grauen haubt
erste dt. bibel 3, 426
Kurr.; grauer schwalbenstein Diefenbach
n. gl. 83
b und im 16.
jh. an umfang gewinnt. pleonastische formen treten vom 12.
bis ins frühe 17.
jh. auf: lachin grauwer (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 344, 34
St.-S.; des grauwen orden
passional 398, 64
K.; in grouwen menteln (
Straszb. 1362)
städtechron. 8, 137;
häufig im 16.
jh., dann noch vereinzelt: der grauwen völcker Stumpf
Schweizerchr. (1606) 305
a;
zur beurteilung des -w-
in den älternhd. formen dieser art vgl. V. Moser
a. a. o. § 131,
anm. 6.
intervokalisches -b-
für -w-
erscheint am häufigsten in bair.-österr. u. ofränk. quellen des 15. u. 16. jhs., vereinzelt auch früher (graben loden [1350]
Regensburg. urkd.-buch 1,
nr. 1272,
vgl. noch Niewöhner
in: der Teichner LII
N.),
ist aber hier lediglich als graphische angleichung an den nur im auslaut (
s. u.)
erfolgenden wirklichen lautwandel w > b
zu werten; als gesprochener verschluszlauf -b-
anstelle des reibelautes -w-
intervokalisch nur im schwäb. und schles., etwa in: 4 graber phenning (1465)
bei Fischer 3, 808,
vgl. V. Moser
a. a. o. § 131,
anm. 13.
ausfall des inlautenden -w-
ist nach länge bereits ahd. möglich, vgl. Braune ahd. gr. § 110,
anm. 1; § 254
anm. 1 (
mit verweis auf crâiu
statt crâwiu [8.—9.
jh.]
ahd. gl. 1, 274, 17
St.-S.),
vom 14.
bis 16.
jh. ist er in formen wie groe, groen, graem
u. ä. verhältnismäszig oft bezeugt. als intervokalische übergangslaute anstelle des ausgefallenen -w-
sind zu beurteilen -j- (-g-
geschrieben)
in: dem grogen rock
Orendel 3862 (
var. v. j. 1477)
Berger; de grage monnyk (
Lüneb. 16.
jh.)
bei Borchling
mnd. hss. 1, 161 (
dazu Lasch
mnd. gr. § 347 III; Holthausen
as. elementarb. § 173
anm. 3)
und wohl auch -h-
in: grohan Carlstadt
v. verm. d. ablas (1520) A 2
a; grohe (
sc. kuh) Schweinichen
denkw. (1820) 3, 105; von ... grahen pünden (1531)
in: schweizer. id. 2, 831.
dem obd. und md. im spätmhd. und frühnhd. häufigen vokalwechsel von â > ô
entsprechen die formen groe, groen, growen (B. Waldis
Esopus 1, 213
Kurz),
elsäss. auch grouwen ([
hs. 14.
jh. Straszb.]
städtechron. 8, 137; Murner
schelmenzunft 18
ndr.).
gelegentlich zeigen sich umgelautete formen: ausz gröben orden (
Nürnberg 15.
jh.)
städtechron. 1, 345; zun gröen munchen (1496) Röhricht
pilgerr. 324; gräuwer Stumpf
Schweizerchron. (1606) 609
b. —
im flexionslosen gebrauch lautet das wort ahd. grâ (< grâo),
mhd. grâ,
im 15.
und 16.
jh. so noch gelegentlich: gra
fastnachtsp. 776
K.; Er. Alberus
dict. (1540) E 2
b; gro Bock
kreutterb. (1539) 40,
hierher ferner in einer auch sonst (
s. u.)
nicht seltenen schreibung. mit epithetischem -e: grae (
Nürnb. 1426)
städtechron. 2, 15
a;
Fierrabras (1533) D 3
a.
im übrigen treten, vereinzelt schon im 14.
jh., das stammauslautende konsonantische -w
oder seine stellvertreter aus den flektierten formen jetzt auch in den auslaut der flexionslosen: -w
in graw (: praw, plaw) Oswald v. Wolkenstein 9, 5
Schatz; (: schaw)
Hätzlerin 1;
vom 15.
bis zum 17.
jh. bleibt graw
die vorherrschende schreibung, in der aber, wie bei den flektierten formen (
s. ob.),
das w
im allgemeinen als vokalisiert aufzufassen ist. die schreibung grau
gewinnt im 16.
u. 17.
jh. nur langsam an boden; gelegentlich erscheint eine unflektierte form grawe
mit angehängtem -e,
vgl.(
Braunschw. 1380)
städtechron. 6, 48; Fabri
eigentl. beschr. (1557) 166
a (
ein frühes der wolf grawe
des Wiener exodus in: fundgr. 2, 87, 18
ist wohl als schw. flektiert aufzufassen).
vor allem bair. und ofränk. tritt im auslaut für konsonantisches -w
der verschluszlaut -b
ein (
nicht, wie bei den flektierten formen, nur als graphisches zeichen): alt und grab (:ab) der Teichner 327, 93; 370, 31
N.; grab har (
bair. 1432)
in: zs. f. dt. maa. 4, 294
a Frommann; grab parcket (1507) Tucher
haushaltb. 75
lit. ver.; grab esel H. Sachs 17, 161
lit. ver., s. dazu V. Moser
a. a. o. § 131, 3.
auch spuren der in den flektierten formen an die stelle des -w-
getretenen übergangslaute (
s. ob.)
finden sich im unflektierten gebrauch: apfelgrog (
obd. 1492) Diefenbach
gl. 544
b;
in formen mit angehängtem -e: grahe (
md. 15.
jh.)
ebda 96
b; grohe (: nohe =
nahe) Luther
tischr. 3, 434
W. -o-
für -a-
als stammvokal in gro
Marienb. treszlerb. 34
J.; Fischart
Gargant. 71
ndr., elsäss. grow Murner
narrenbeschw. 241
ndr. und s. ob. apfelgrog. —
seit dem 18.
jh. sind schriftsprachlich alle spuren stammauslautender konsonanz des wortes verschwunden (
eine jüngere schreibung grawblaw
Blancard lex. med. renov. [1735] 420
ist regelwidrig),
während die maa. sie z. t. festhalten, z. b. das w
aus- und inlautend im obd. (
ohne das schwäb.),
inlautend auch im thür. und obersächs., in- und auslautend das b
für w
nach ausweis der wbb. im schwäb., bair.-österr., schweizer. und obersächs., das j (g)
im nd., bes. im ond. (grag Flemes
Kalenb. 337; Mi
Mecklenb. 28; Dähnert
plattdt. 159
b; grch Kück
Lüneb. 606; graag, grΧ Mensing 2, 472),
als j, i
im elsäss., vgl. Martin-Lienhart 1, 265,
als nachschlagendes i
im schweizer., vgl. schweiz. id. 2, 832,
ferner lothr. und moselfränk. grøy, gráï, gr:
χ Follmann 217
b;
rhein. wb. 2, 1368.
zu schweizer. formen mit inlautendem -n-
anstelle eines ausgefallenen -w-
vgl. schweiz. id. 2, 831.
eigentlich adverbialer gebrauch des wortes widerspricht der qualitativen grundbedeutung '
graufarbig'
; selbst eine wendung wie dasz ich so grau sehe Göthe IV 24, 153
W. ist wohl eher prädikativ als adverbial zu deuten. das gleiche gilt wohl für eine verwendung, bei der die eigentliche, qualitative bedeutung des adjektivs mit einer zweiten, eher uneigentlichen eines scheinbaren adverbs verbunden ist, eine doppelbeziehung auf ein subst. einerseits, ein vb. andererseits, die das sprachgefühl über adjektivische oder adverbiale funktion des wortes in zweifel bringt. das zwielichtige dieses in poetisierender sprache begegnenden gebrauchs bedeutet einen gewinn an stimmungsgehalt: und hinter uns kam grau die nacht geschlichen Eichendorff
s. w. (1864) 1, 507; und regen regnet grau dahin Weinheber
s. w. 2, 320
Nadler. schlieszlich scheint auch in partizipialverbindungen wie grau gekleidet, grau besäumt, grau durchklüftet
u. ä. kein eigentlich adverbialer gebrauch vorzuliegen, sondern eine attributiv zu deutende beziehung des adj. grau
auf das dem part. zu entnehmende substantiv. AA.
als farbbezeichnung im eigentlichen sinne. grau
bezeichnet verschiedengradige mischungen von schwarz und weisz, aber auch stark verblichene andere farbtöne, allgemeiner schlieszlich jede schmutzfarbe. aus der fülle möglicher gebrauchsweisen im umkreis des sichtbaren sind im folgenden nur die häufigsten ausgewählt. A@11)
als abstrakte farbqualität. in der glossierung lat. farbbezeichnungen seit dem ahd. besonders für canus, z. b.: cana grai (
l. wohl graiu) (9.
jh.)
ahd. gl. 1, 79, 12
St.-S.; vgl. ebda 2, 709, 28;
canus graw oder weysz von elte Frisius
dict. (1556) 182
b.
andere, ebenfalls mehr weiszliche farbtöne glossierend: pallidum satcra Notker 1, 472, 12
P.; grau
albus Wachter
gl. (1737) 609.
für mehr bläuliche oder grünliche farbschattierungen, besonders für glaucus: glauci grauvin (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 636, 63
St.-S.; (12.
jh.)
ebda 688, 55;
glaucus, subviridis, caeruleus ... gra, wie katzen augen Er. Alberus
dict. (1540) E 2
b.
für ins schwärzliche spielende farbbezeichnungen: criseus grawer (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 419, 55
St.-S.; grau
griseus ... in der mischung etwas mehr schwarz als weisz habend Behlen
forst- u. jagdk. (1840) 3, 487;
murinus color graw, meuszfarb Frisius
dict. (1556) 858
b.
anderes vereinzelt. als abstrakte farbbezeichnung vor allem in der verbindung graue farbe: schiltes rantt, der waz von grawer farw erkant
Göttweiger Trojanerkrieg 18 616
Koppitz; die grauen schmutzigen farben ... miszfallen ihm Herder 22, 60
S. jünger in der substantivierung das graue,
wofür aber das grau,
n. (
s. d. 1)
sehr viel geläufiger ist: dasz das graue den schatten repräsentire Göthe II 5, 1, 63
W. A@22)
in der anwendung auf den menschen ist eigentlicher gebrauch nur in der farbbezeichnung für bestimmte körperteile gegeben. A@2@aa)
vom ergrauten haupt- und barthaar. A@2@a@aα)
als blosze sachverhaltsbezeichnung, aber oft auf alter, sorge oder auch erschrecken als ursachen des grauwerdens anspielend. am geläufigsten in der attributivverbindung graues haar: craiu harir (
canos) (
gen. 42, 38) (8./9.
jh.)
ahd. gl. 1, 274, 17
St.-S.; ir (
der minne) sint vier unt zwênzec jâr vil lieber danne ir vierzec sint, und stellet sich vil übel, sihts iender grâwez hâr Walther v.
d. Vogelweide 57, 31
Kraus; besser graw haar, denn gar keines Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) K 6
a; ich (
Schiller) bin der einzige sohn, und mein vater fängt an graue haare zu bekommen (1780) Schiller
br. 1, 14
Jonas. sprichwörtlich: sorge machet grâwez hâr, sus altet jugent âne jâr Freidank
bescheidenheit 119
Bezzenberger; vil sorg vnd jar machen grawe har S. Franck
sprichw. (1545) 1, 44
a.
daneben: nu bistu gar ein alder man an manigen grawen locken
passional 299, 49
Köpke; noch steht er vor mir mit dem redlichen antlitz von grauen lokken umflogen Schubart
leben (1791) 2, 126; das treppenhaus vertheidigt der portier und schüttelt grimmig seine graue mähne
moderne dichtercharaktere 154
Arent-C.-H.; deine grauen schläfen sind gefährlicher (
als die jugend eines nebenbuhlers) Hechenröder
du mich bitte auch (1955) 37.
bildlich grauer schnee
der haare: und eh es halb vergangen, was man zu leben hat, bedeckt der graue schnee die vorhin gelben haar Gryphius
trauersp. 386
Palm; vgl. 422; du feyrst im grauen schnee, der deine haare deckt (1747) Wieland I 1, 1
akad. grauer bart: eyme herolde mit eyme langen groe barte (1406)
Marienburger treszlerb. 415
Joachim; sein grauer bart fiel bis zur brust herab Mörike
w. 3, 32
Göschen. seltener: der alte schwieg. das haupt gesenkt, die grauen wimper thränen-getränkt Dingelstedt
ged. (1845) 213.
in den gleichen beziehungen auch prädikativ, in den verbindungen grau sein, werden, sich färben: im widergienc ein ritter alt, des bart al grâ was gevar Wolfram v. Eschenbach
Parzival 446, 11
L.; es seye jhm auch bart und haar dieselbe nacht (
in der gesellschaft von geistern) gantz grau worden, wiewol er den abend als ein dreissig jähriger mann mit schwartzen haarn zu bethe gangen seye Grimmelshausen
Simpl. continuatio 76
Scholte; seine haare fiengen erst an sich grau zu färben Pfeffel
pros. versuche (1810) 5, 10; ihr haar ist grau und dünn Gerhart Hauptmann
Rose Bernd (1904) 38.
auch grau von haaren,
älter des haares (sein): ih bin sô alt der jâre niht, sô man mich grâ des hâres siht
minnes. 1, 105
a v. d. Hagen; sieh! wer sind denn diese da, so grau von haaren Schiller 13, 13
G. A@2@a@bβ)
in mehreren redensartlichen wendungen ist die beziehung auf die sorge als den grund des grauwerdens vorausgesetzt (
s. auch 3 b
γ).
namentlich sich kein graues haar
oder keine grauen haare (über etwas) wachsen lassen
u. ä. '
sich über etwas keine sorge machen': lasz dir kein graw har darumb wachsen
sprichw., schöne weise klugreden (1548) 35
b; wegen beschaffung des textes hat sich der alte natürlich kein graues haar wachsen lassen Fontane
ges. w. (1905) I 5, 24.
vereinzelt in positiver aussageform: wohlsein eines jeden! dasz sie (
die fürsten) sich nur darum graue haare wachsen lieszen! Göthe I 8, 32
W. älter auch das haar
mit dem bart
auswechselnd: Carolstat darff im auch keyn grawen bart wachsen lassen, wie wir bey got vorantwurten wollen, das wir der heiligen bilder in seyn hausz setzen H. Emser
verantwortung (1522) D 1
b.
mundartlich mit anderer nuance und in anderer form: nau kri awer graue hor! (
ausruf der verwunderung)
rhein. wb. 2, 1369.
daneben in entsprechender bedeutung etwas macht jmd. graues haar
u. ä.: sîn vil lôsez lunzen machet mir vil grâwen loc, swenne er in ir schôz sich leit Neidhart
lieder 116
Wiessner; welches (
die furcht, vater mehrerer unehelicher kinder zu sein) mir nit wenig graue haare machte Grimmelshausen
Simpl. 403
Scholte; staatsgeschäfte werden uns keine grauen haare mehr machen Schiller 3, 24
G. A@2@a@gγ)
in anderer anwendung kann die verbindung graues haar
in einer art synekdoche geradezu den begriff '
alter'
vertreten: hätte er
nicht (
recht), so müszte man doch seinen grauen haaren etwas zu gefallen thun (1780) Mozart
br. 2, 8
Schied. hier gern mit anspielung auf das alter als die lebensstufe der weisheit: klugheit unter den menschen ist das rechte grawe har, und ein unbefleckt leben, ist das rechte alter (
vulgata: cani sunt sensus hominis)
weish. Sal. 4, 9; nebst der weisheit meiner grauen haare C.
F. Meyer
d. heilige (1910) 31.
von dorther im älteren sprichwort, das an den spätantiken topos puer senilis anknüpft, vgl. dazu E. R. Curtius
europ. liter. u. lat. mittelalter 2 109
f. (
s. vor allem unten B 1 c
β): grawe har stehen wol auff einem jungen kopff
sprichw., schöne weise klugreden (1548) 150
b. A@2@a@dδ) graues haar, grauer bart
stehen daneben metonymisch für ihren träger, den alten menschen; wiederum im anschlusz an bibellat. vorbild (
genesis 42, 38).
frühmhd. substantiviert: so muozzen mine grawe (
canos meos) weinente faren zungnaden
altdeutsche genesis 4798
Dollmayr. im übrigen: zühte wellent grâwen bart Spervogel
in: minnesangs frühling 21, 32; wenn jm ein unfal auff dem wege begegnete, da jr auff reiset, würdet jr meine grawe har mit hertzeleide in die gruben bringen
1. Mose 42, 38;
vgl. 1. kön. 2, 6; 9; graue bärt schlagen den feind nicht Grimmelshausen
Simpl. 47
Scholte; wenn jetzt von flucht was, und verräterei an meinem grauen haar zu tage kommt, so ist mir das so neu, ihr herrn, als euch H. v. Kleist
w. 1, 395
E. Schmidt. A@2@bb)
seltener in der kennzeichnung anderer teile des menschlichen körpers, attributiv und prädikativ. am häufigsten von den augen, hier gern mit den nebentönen des hellen, des scharfblickenden, des klugen u. ä.: die ougen lieht unt grâ
bei Lexer 1, 1063; entgegen aber Pallas schnell mit jhren grawen augen hell Spreng
Ilias (1610) 68
a; breite stirn und breites kinn, graue, kluge leuchtende augen, kurz geschnittenes, graues, sprödes haar und ein bart von gleicher art und farbe W. Raabe
s. w. I 3, 6
Klemm. vom gesicht: da sieht das falt'ge antlitz er erbleichen; rauh tönt der graue mund (
eines greises) mit herbem spott A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 233; die wangen der schönen frau waren grau Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 6, 431; mit einem ... ausdruck tiefinnerster zufriedenheit in seinem ... grauen gesicht
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. (1893) 5, 116; unsre gesichter sind grau, verfallen, von qual zerstört Ernst Wiechert
d. todeskandidat (1934) 25.
in anderer beziehung nur gelegentlich: seine grauen soldatenfinger stopfen alles zurecht Voigt-Diederichs
mann u. frau (1923) 95. A@2@cc)
speziell in medizinischer fachsprache, attributiv in der benennung krankhafter erscheinungen oder anatomischer einzelheiten am menschlichen körper. bereits seit dem 16.
jh. als grauer star (
im unterschied zum schwarzen
und grünen)
name einer augenkrankheit, bei der die pupille einen grauen
reflex gibt: der grawe star,
cinerea cataracta, so dieser star recht zeitig und reiff wird, so erscheinet er im anschawen graw, als eine asche oder büchene rinde Bartisch
augendienst (1583) 49
a; er ist fast ganz blind, will sich im nächsten frühjahr den grauen staar operiren lassen (1888) G. Freytag
br. an seine gattin (1912) 267. die graue substanz
des gehirns oder rückenmarks: im rückenmark liegt die graue substanz zentral, die weisze an der oberfläche. im gehirn finden wir die graue substanz an der oberfläche (als rinde) und im innern (als zentrale graue kerne) ... die graue substanz des zentralnervensystems besteht vorwiegend aus nervenzellen A. Waldeyer
anatomie d. menschen (1942) 1, 75.
anders: die basis des hirntrichters ist von einem ringförmigen blutbehälter umgeben, welcher kleine venen aus dem grauen höcker, dem trichter, dem hirnanhange und dem keilbeine aufnimmt Sömmerring
menschl. körper (1839) 3, 2, 274. A@33)
von grau
als bezeichnung einer haarfarbe her in metonymisch erweiterter anwendung auf körperteile des menschen oder auf seine ganze person im sinne von '
graufarbige haare tragend'. A@3@aa)
namentlich seit alters graues haupt, grauer kopf. A@3@a@aα) '
haupt mit ergrautem haar': du (
Apollonius) wurst kunig da, das hab auff meinem haupte gra (
bei meinem grauen haupte) Heinrich v. Neustadt
Apollonius von Tyrland 4861
Singer; ein bawersmann, der ein graw haupt und einen schwartzen bart hett Kirchhof
wendunmuth 200
Öst.; dann stützte er den arm auf das knie und den grauen kopf in die hand, um sich zu sammeln Ric. Huch
kampf um Rom (1925) 126.
mit dem nebenton '
weise'
oder '
ehrwürdig': Friederich mag sein graues haupt hinsenken in die zukunft Klopstock
oden 2, 22
M.-P.; wenn sie ihn gefangen nähmen, als rebell behandelten, und sein graues haupt — Lerse, ich möchte von sinnen kommen Göthe I 8, 148
W. A@3@a@bβ)
in noch weitergehender übertragung metonymisch für den alten menschen selbst, ähnlich wie oben 2 a
δ: mîn sun andonde (
kränkend) daz mîn grâuua houbet Notker 1, 691, 13
P.; nur das unwürdige weib, das schon so viel kummer über sein graues haupt gebracht, verliesz ihn nicht Treitschke
dt. gesch. (1897) 3, 252; was aber die grauen köpfe im rat bewegte, das war dieses W. Raabe
s. w. I 6, 178
Klemm. auch hier die bedeutung '
ehrwürdig'
einbeziehend: stee auff vor dem grauen haubt: vnd ere das bilde des allten
erste dt. bibel 3, 426
Kurr., vgl. 3. Mose 19, 32; du solt den grawen kopff ehren Luther 53, 212
W.; nachdem uns 6 graue häupter zur bewillkommung entgegengeschickt waren Schnabel
insel Felsenburg 4 (1744) 201. A@3@bb)
auf den ganzen menschen bezogen, ist grau
im sinne von '
grauhaarig'
oft von der uneigentlichen bedeutung '
alt, bejahrt' (
s.B 1 a)
nicht sicher zu unterscheiden. A@3@b@aα)
in attributiver anwendung, oft in der verbindung alt
und grau,
die für grau
den sinn '
grauhaarig'
zu bewahren scheint, während sie ihn im prädikativen gebrauch (
s.B 1 a
β ββ)
fühlbar preisgibt. am geläufigsten in der verbindung mit mann:
canus, ein grob man uel grab har (
bair. 1432)
in: Frommann
zs. f. dt. maa. 4, 294
a; es waren viel grawer alter menner und weiber, auch wol bettler und böse buben zu Jerusalem, da Salomon, ein jüngling bey 20 jaren, ein herrlicher könig ward Luther 53, 479
W.; da sie nicht weit von dannen ein hausz erblickten ..., für selbtem einen alten grauen mann ... antraffen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1123
a.
anderes mehr gelegentlich: im widergienc ein rîter alt, des part al grâ was gevar ... Parzivâl bôt sînen gruoz dem grâwen rîter der dâ gienc Wolfram v. Eschenbach
Parzival 446, 23
L.; ist diese wahrheit allgemein, und trifft sie auch die grauen alten ... was darf sich denn die jugend viel (
beklagen) Gottsched
ged. (1751) 1, 279; nun litt ich das, ihr herren, um jenes grauen, unwirschen alten willen H. v. Kleist
w. 9, 190
E. Schmidt; Raphaels ewiger vater steht wie ein grauer greis: ist das der gott, der da bleibet, wie er ist? Herder 3, 256
S. A@3@b@bβ)
in der substantivierung gelegentlich hierher, meist freilich zu B (
s. d. 1 a
γ):
canus eyn grawe (
nd. 15.
jh.); grawer (
s. l. e. a.) Diefenbach
gl. 96
b; wie gfelt mein alter grauer dir, der verdrossen karg neidisch hund? Ayrer
dr. 2262
lit. ver.; und der alte mann nahm die alte graue (
frau) beim vertrockneten ohr G. Keller
ges. w. (1889) 3, 132. A@3@b@gγ)
prädikativ und halbprädikativ in einer reihe verbaler wendungen. grau sein, grau werden: dô sach er sitzen dâ einen man, der was grâ, sîn hâr von alter snêwîz Hartmann v. Aue
Erec 275
Haupt; im alter ist er (
Karl d. Grosze) ganz grâb gewesen, ist im wolund êrlich angestanden Aventin
bayer. chron. 2, 151, 27
Lexer; der arme Fritz ist ganz grau geworden. geht mir übrigens ebenso Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 414.
in präpositionaler erweiterung den anlasz des grauwerdens
bezeichnend: ach, Minne, lâ mir gelingen! ich bin grâ von den dingen daz diu liebe smâhet mich alsô vesteclich Uolrich v. Winterstetten
in: dt. liederdichter d. 13. jhs. 512
Kraus; des huoten zwêne rîter dâ, die wâren beide von alter grâ, baz danne hundert jâr alt Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 7090
Kapteyn; ich bin schir graw worden vor sorgen Hans Sachs 17, 44
lit. ver.; durch dein sehnliches entbehren werd ich vor den jahren grau J. Chr. Günther
ged. (1735) 263.
in der kopulativen wendung alt und grau werden
weist grau
stärker nach B (
s. d. 1 a
β ββ).
in halbprädikativer verwendung unfest: dasz weiber gern dem staate sich ergeben, und leben, um geputzt zu leben, darüber sorgt der mann sich grau Gellert
s. schr. 1 (1784) 297.
in der wendung die sorgen machen grau,
auf der grenze zur uneigentlichen bedeutung '
alt'
; sprichwörtlich: der ist arm, den sorgen graw machen Lehman
floril. polit. (1662) 3, 38; kummer und sorgen machten ihn lange vor der zeit grau U.
bräker
s. schr. (1789) 1, 168.
die wendung jmd.
oder etwas macht jemanden grau
u. ä. hat, wie die entsprechende verbalbindung unter 2 a
β,
die prägnante bedeutung '
jmd., etwas macht einem sorge, kummer': Condwîr âmûrs vrumt mich (
Clâmidês) grâ Wolfram v. Eschenbach
Parzival 219, 23
L.; die weil jch gepredigt hab, hat man mich auff eyner seyten gescholten eynen heuchler der herren, auf der anderen einen heuchler der gmayne, jch lass mich sollichs wölfs heulen nit graw machen Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 259
ndr. A@3@cc)
viel seltener, im anschlusz an 2 b,
im sinne von '
graue gesichtsfarbe habend'
auf den ganzen menschen bezogen. so in der wendung etwas macht jemanden grau: Auguste stand der brautstaat nicht vorteilhaft, das milchweisz des starren kleides machte sie grau Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 61.
ähnlich in reflexiver wendung: haar-poudre. welt ist mit ihr selbst nicht einig; grauen macht ihr sonst ein grauen; ietzo siht man grau sich machen junge jungfern, junge frauen Logau
sämtl. sinnged. 113
lit. ver. A@44)
in anderer metonymischer erweiterung von personen oder auch gemeinschaften in grauer kleidung, soviel wie '
grau gekleidet'. A@4@aa)
vornehmlich von bestimmten mönchsorden nach der grundfarbe ihrer tracht, vom mhd. bis ins 16.
jh., jünger nur historisierend oder unbestimmt; terminologisch, aber nicht einheitlich und konstant. satirisch von der vielzahl der ordenstrachten: wiewol etliche in schneeweisz, etliche in kohlschwartz, die andere in eselgraw, inn grasgrün, in fewrrot ... gekleidt gehn, ... der eine mönch graw wie ein spatz, der ander hellgraw wie ein klosterkatz Fischart
binenkorb (1588) 26
a. A@4@a@aα) grauer mönch.
so zunächst und zumeist von den zisterziensern (
die aber auch weisze mönche
genannt wurden)
im unterschied zu den schwarzen (
benediktiner-)
und weiszen (
prämonstratenser-)mönchen,
vgl. dazu Gaupp
german. abhandl. (1853) 94
ff.; Buchberger
lex. f. theol. u. kirche 10, 1078: al vare he ut binnen enem jare, alse grawer monecke recht stat
Sachsenspiegel I 25 § 3 (
dazu Gaupp
a. a. o.); ein munich von Citirz hette unser wrowen lip van alle sime herzen ... da sag er (
im himmel) aller der hande orden di man uf ertriche kan winden: swarz orden und wize ... van sin orden, grawe muoniche, sag er dinhein sele in himelriche
d. hl. regel 61
Priebsch; in disser duren spiseden de grawen monnike (
des zisterzienserklosters Riddagshausen) ... alle dage mer denn veirhundert volkes mit brode (14.
jh.)
städtechron. 7, 186; grawe munich
u. ä. für cisterciensis mehrfach in hd. und nd. glossaren des 15.
jhs., vgl. Diefenbach
gl. 124
a.
historisch referierend: das sumpfige waldtal ... das war die echte zisterzienserlandschaft; sie in kulturland umzuwandeln, das war die aufgabe des klosters. daraus erhellt die bedeutung der 'grauen mönche', wie sie ursprünglich von der farbe ihres skapulieres hieszen, für die deutsche ... bodenkultur Wimmer
gesch. d. dt. bodens (1905) 97.
daneben für die franziskaner und andere bettelorden, die wahrscheinlich zunächst graue statt der späteren braunen tracht trugen. gelegentlich wohl schon in mhd. zeit, wenn der folgende nachweis auf bettelmönche zielt (
s. auch unt. γ): ze Wienne, sô man ezzen wil, sie strîchent umbe nâch der pfrüent, vor der herren tisch sie lüent sam die kelber nâch den küen. ein grâwen münich möht ez müen
Seifried Helbling 111
Seemüller. durchweg im 16.
jh.: die franciscaner und grauen mönche haben erstlich sich gerühmet, als lebeten sie nach dem euangelio Christi Luther
tischr. 4, 165
W.; 5, 676; 3, 466; zu den grawen münchen, die man barfuser nennet odder minores Luther 18, 236
W.; vnd sag mir hie fein kürtzlich an, was doch die vrsach gründlich war des zorns in der beschornen schar der schwartzen münch (
der dominikaner) hie mit den grawen (
den franziskanern) Fischart
St. Dominici leben v. 261
Kurz. so in der jüngeren lexikalischen tradition, vgl. Henisch (1616) 1733
s. v. grawbruoder, grawmünch; Campe 2 (1808) 445
a.
daneben für einen bestimmten zweig der benediktiner: ebenso hieszen die vallombrosaner graue mönche Buchberger
lex. f. theol. u. kirche 4, 654.
in den gleichen spezifischen anwendungen neben graue mönche
auch graue brüder,
vgl. Buchberger
a. a. o. 4, 654.
jünger an die vorstellung einer bestimmten ordenstracht nicht mehr gebunden und wohl überhaupt komplexer empfunden: grauer mönche chor kniet betend, kerzen flammen hoch empor (
bei einer totenfeier) A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 211. A@4@a@bβ)
entsprechend graue nonne
zunächst wohl auf die gleichen orden zu beziehen wie unter α,
wenn auch in den nachweisen nicht immer erkennbar: ich enpfilhe euch der von Wirtenberg schwester, ain hailige grawe nunnen, der mich got und die mir got gar geträulich geben hat (1346) Heinrich v. Nördlingen in:
Margaretha Ebner 249, 63
Strauch; cisterciensis grawe nonne, num (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 124
a; zu den grawen nonen sol der Plarer ... gan (1528)
bei Fischer
schwäb. 3, 808. graue nonne, graue schwester
daneben aber in speziellerer anwendung: graue schwestern (
od. g. nonnen),
seit dem spätmittelalter volkstüml. name für spitalschwestern in Nordfrankreich u. den Niederlanden ..., auch für beginen gebräuchlich, ferner in neuerer zeit für die barmherz. schwestern ... stehende bezeichnung ist dieser name für die schlesischen grauen schwestern v.
d. hl. Elisabeth Buchberger
lex. f. theol. u. kirche 4, 654; da es ihr nicht möglich wurde, ... eine 'graue schwester', diakonissin oder schwanenjungfrau zu werden, so hatte sie es ... mit der politik Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 4, 47. A@4@a@gγ)
in den älteren (
uneigentlichen)
verbindungen grauer orden, graues leben,
auch hier vornehmlich von den zisterziensern: den grâwen orden er enpfienc in dem klôster Zîtes (13.
jh.)
Marienlegenden 106, 6
Pfeiffer; got selbe der gab uns die ê ... dô gap nâch der selben frist sant Bernhart daz grâwe leben
Seifried Helbling 97
Seemüller; ain manscloster Citeler ordens, in den gaistlichen rechten genant der grau orden (1531) Knebel
chron. v. Kaisheim 8
lit. ver. im folgenden beleg wohl nicht auf die zisterzienser zielend, sondern in früher anwendung auf die bettelorden: welch ein orden bist dû, werde ritterschaft! vil herter dan Franzisse und aller grâwen orden sî, Benedic, Dominic, Augustîn dâ bî, swer dich mit wird wil tragen sunder misse
Lohengrin 5378
Rückert. jünger ist grauer orden
das mönchsleben überhaupt: der Isegrim derselbe war, auf eine zeit ein munch geworden: weil ihm das glük zu wieder gar, vnd lautbar war sein grausam morden: drum dasz er nicht kehm in gefahr, erwehlet er den grauen orden
Reinicke fuchs (1650) 185.
auch eine frühe übertragung auf die herbstliche natur läszt schon an mönchisches leben schlechthin denken: des hat diu heide sich begeben in grâwen orden der von Buwenburc 6, 6
in: Schweizer minnesänger 262
Bartsch. A@4@a@dδ) graues kloster
zisterzienser- oder franziskanerkloster: ein herre waz ungenedic eime grawen closter
d. hl. regel 75
Priebsch; dat men dat grauwe closter (
der franziskaner) uplopen wolde und de monneke darut vorjagen (1531)
städtechron. 36, 458; dieses 1271 gestiftete franciscanerkloster (
in Berlin), welches von den grauen kappen der mönche, das graue kloster genannt wurde Büsching
gesch. d. Berlin. gymnasii im grauen kloster (1774) 2. A@4@bb)
in der kennzeichnung anderer grau gekleideter personen. A@4@b@aα)
vor allem als graues männlein
u. ä. für kobolde, erdgeister, vorwiegend von der kleidung her: ein graues männlein pflegt bey nächtlicher frist durch verschlossene thüren zu ihm einzugehen, die schildwachen habens oft angeschrien, und immer was groszes ist drauf geschehen, wenn je das graue röcklein kam und erschien Schiller 12, 29
G.; wie aus allen winkeln des zimmers ein kleines graues männchen sie geneckt und gehöhnt habe E. T. A. Hoffmann
s. w. 1, 203
Gr. komplexer als kennwort für die geister und für die ganze sphäre des geisterhaften, gespenstischen, spukhaften, wobei zur vorstellung grauer kleidung auch diejenige grauer gesichtsfarbe (
s. ob. 3 c)
treten kann und der gebrauch sich manchmal uneigentlicher bedeutung nähert, ohne sie ganz zu erreichen: denn hager, grau, wie ungebleichtes leinen, breitköpfig war der geist! ein spinnwebengesicht hatt er! augen hatt er nicht; aber wol eine nase Klopstock
gelehrtenrepublik (1774) 390; er ist, wie ein wandelndes hochgericht, das unschuldige freuden mordet, wie ein schwark, wie ein grauer spukgeist, als ein wehrwolf und angehender wütrich Fr. L. Jahn
w. 2, 696
Euler. substantiviert: der graue (
überschrift einer gespensterballade) A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 1 (1879) 286; br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 185.
speziell die graue eminenz.
zuerst als l'eminence grise
von dem kapuziner pére Joseph, Richelieus berater; wohl von 4 a
her, aber zugleich mit dem beisinn des unheimlich im hintergrund wirkenden. von da her auf politiker ähnlicher artung übertragen, so auf Friedrich v. Holstein (†1909),
vgl.: J. v. Kürenberg die graue eminenz (
21934)
titel. A@4@b@bβ)
im anschlusz an die verbindung grauer rock
für die feldgraue uniform des ersten weltkriegs (
s. unt. 7 a
η)
auch zur kennzeichnung ihrer träger: zwei landser von der feldküche unterhalten sich mit ein paar grauen jungens aus dem schützengraben
Liller kr.-ztg., d. lust. büchel (1916) 16; vertraut als graue kameraden (
von soldaten) O. Paust
dt. verse (1936) 72.
hier auch substantiviert, der graue '
der soldat in feldgrauer uniform': und als das regiment zum weitermarsche antrat, da waren die 'grauen' all eins
Liller kriegsztg. kriegsflugbl. inf.reg. 457 (
okt. 1917)
nr. 4.
westfront. A@55)
in der anwendung auf tiere. in streng eigentlicher beschränkung zur bezeichnung eines körperteils nur selten, meist in metonymischer erweiterung das ganze tier kennzeichnend. im sinne von '
graue haare, graues fell, graue federn habend'. A@5@aa)
vorwiegend, aber nicht ausschlieszlich, in fester attributiver verbindung. A@5@a@aα)
eine bestimmte tierart kennzeichnend, wie den wolf, den esel, die taube u. a., deren wesentliches kennzeichen die graue farbe ist: iov der wolf grawene dorfte dare gahen
exodus in: fundgr. 2, 87, 18; lasz dem grauen wolf die herde und dem hunger dein gesinde! Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 37; der esel ist graw im mutterleib
id. Austriac. 77; da sprach der graue herr (
der esel), dein bauch ist voll und satt, und deine weisheit stammt aus dem gefüllten magen (
dafür i. d. ausgabe von 1762: das graue thier) Lichtwer
Äsop. fabeln (1748) 121; ein grawe taub war ehe sein bott Rollenhagen
froschmeuseler (1595) F 1
b; schon über offene matten laufen erdspinnchen grau Carossa
stern üb. d. lichtung (1947) 9.
streng eigentlich von bestimmten körperteilen eines tieres: der schnabel (
einer nicht benannten vogelart) sihet, wie desz reigers: die füsse fallen, wie der gänse, grau und hornfarb Er. Francisci
lust. schaubühne (1697) 3, 210; grau sind seine (
des wolfes) zotteln fürwahr, doch sucht man die weisheit nur vergebens dahinter. Göthe I 50, 163
W. A@5@a@bβ)
daneben zu spezieller unterscheidung innerhalb ein und derselben art: so ist daz dritte ros gra (13.
jh.)
kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. III
nr. 186, 194
Rosenhagen; erstlich ein grawes pferdt er meidet, dann allzeit er ein falbes reitet Fischart
w. 2, 116
Hauffen; den graben hasen und rebhuen soll der richter lassen verpieten (
zu jagen) (
Wangen 1338)
österr. weist. 5, 202;
vgl. (1474) 450; (1565) 2, 143; auch zeigtte mann ... eine weisse mauss, auch eine grawe (1491)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 231; die groen wachteln seind vil leichter zu zämen dann die gesprängten Sebiz
feldbau (1579) 118; kumpt ir katzen, schwartz vnd grauw, vnd singen mauw vnd aber mauw Murner
v. d. groszen lutherischen narren 149
Kurz; ein zahmes reh erschien neugierig unter der thür, eine prachtvolle graue katze folgte G. Keller
ges. w. (1889) 1, 179; uns (
in der Mark) beschäftigt nicht der pfauen, nur der gänse lebenslauf; meine mutter zieht die grauen, meine frau die weiszen auf Göthe I 1, 147
W. substantiviert: habe also dem alten sprüchwort nachgelebet: wer zu hofe sein wil, musz itzo oben bald unten liegen und wie jener sagte: die grohe (
d. i. die graue kuh) musz ziehen, wohin sie gespannt wird Schweinichen
denkw. (1820) 3, 105;
schweiz. id. 2, 831; die morgenröthe brach an vnnd herfür, welche ... den armen Santscho Panssa ... sehr betrübt ... machte, alldieweiln er seine grawe zu vermissen begunte Bastel v.
d. Sohle
junker Harnisch (1648) 306; da er ... beim nächstfolgenden viehmarkte den wohlbekannten grauen (
esel) ... in fremde hände gerathen sah ..., so hielt er weitere verwarnungen für unnöthig Holtei
erz. schr. (1861) 14, 168. A@5@bb) graue tiere
im vergleich und im sprichwort, meist in unmittelbarem anschlusz an a: der von alter was gevar alsam ein grîsiu tûbe grâ Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 10 739; kibitzeneier ... werden vom kibitz, einem vogel gelegt, der ungefähr so grosz wie eine taube und grau wie eine schnepfe ist Brentano
ges. schr. (1852) 5, 112; su gr(au) wie en esel
rhein. wb. 2, 1368.
übertragen: wie mögt ir (
bauern) so grab esel sein, dass ir alle habt selbert frawen und thut doch all im schalcksberg hawen (
und seid ehebrecher) Hans Sachs 17, 161
lit. ver. sprichwörtlich: ein grawer schimmel zeucht eben so wol, als ein roter fuchs Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) V 3
a; in der nacht sind alle katzen graw Faber
thes. (1587) 996
a; Kern
sprichw. (1718) 33; es sieht es ja keiner; bei nacht sind alle katzen grau und es darf bloss nich 'rauskommen Fontane
ges. w. (1905) I 6, 40; wer kennt den schelm in tiefer nacht genau? schwarz sind die kühe, so die katzen grau Göthe I 15, 20
W. A@66)
seltener im pflanzlichen bereich. A@6@aa)
allgemein als farbbezeichnung für pflanzen oder pflanzenteile: der zam und recht scharlach wachszt inn gärten ... bringet zwey kleiner grawer blettlein Bock
kreutterb. (1539) 19; es neigt ein weidenbaum sich übern bach, und zeigt im klaren strom sein graues laub
Shakespeare 3 (1798) 318 (
Hamlet 4, 7); wie ein beet voll lebendiger pilze, roter, blauer, grauer O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 14.
sprichwörtlich: im winter werden die bäum auch graw, der stamm bleibt doch gesundt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 14.
hierher der poetische topos von den gräsern und wiesen, die der tau des frühen morgens grau färbt, seit dem humanismus im anschlusz an dum mane novum, dum gramina canent, et ros in tenera pecori gratissimus herba
Vergil georg. 3, 325.
vgl. schon: so der grauuo rifo uuirt an demo eccheroden touue (
cum candens pruina glaciatur tenero rore) Notker 1, 787, 28
P.; der meie hât gekrœnet berc und tal mit manger blüete wilde, die man sach von rîfen grâ Chuonrat v. Kilchberg
in: dt. liederdichter d. 13. jhs. 234
Kraus; in vere ist das allerkostlichste ding, quando aurora venit et ros cadit et coelum ist lauter, et tamen in gramine sihet man, wie es fein graw und kraus die bletter Luther 49, 24
W. (
wohl hierher und nicht zu grauen,
vb.);
dum mane novum, dum gramina canent morgen in aller frühe, wann die wiesen vom thaw gar graw sind Corvinus
fons lat. (1646) 145;
vgl. ferner bei Schönaich
ästhetik 27
Köster; alle gräser waren noch grau vom thau Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 35. A@6@bb)
daneben in spezieller kennzeichnung bestimmter pflanzenarten oder fruchtsorten: cana mala grawa epphila (12.
jh.)
ahd. gl. 2, 676, 40
St.-S.; eine gewisse sorte grauer kleiner äpfel, die er seit vielen jahren der fürstin witwe zu verehren gewohnt war Göthe I 24, 304
W.; cicera ... schwartzlecht kicheren, graw erbs Calepinus
XI ling. (1598) 236
a;
rumex scutatus L. grauer ampfer Dietrich
vollst. lex. d. gärtn. (1802) 8, 325.
von weintrauben: 'graue'
Clevner, im unterschied von schwarzen
schweiz. id. 2, 831.
substantiviert: die gute graue (
birnensorte) Dietrich
vollst. lex. d. gärtn. (1802) 7, 691; Fischer
schwäb. 3, 808. A@77)
in der anwendung auf menschliche gebrauchsgegenstände an mehreren stellen sehr ausgeprägt. A@7@aa)
besonders von der kleidung und einzelnen kleidungsstücken, meist in attributiven verbindungen wie graues kleid, grauer mantel,
besonders grauer rock,
aber auch prädikativ. A@7@a@aα)
ärmliche kleidung und die tracht von personen niederen standes, besonders die der bauern kennzeichnend, vgl. dazu W. Wackernagel
kl. schr. 1, 190
ff.: nû wil ich iu sagen umbe den bûman, waz er nâch der pfaht solte an tragen: iz sî swarz oder grâ, niht anders reloubet er (
Karl d. gr.) dâ
kaiserchron. 14793; er (
ein ritter) waz mulich gevangen und beschatzet also sere daz er niht het mere wan vil bœse grawe cleit und ein so armes pfert reit (13.
jh.)
kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. III
nr. 175, 19
Rosenhagen; trugen auch bettler ... kleydungen, welche graw Zinkgref-Weidner
teutscher nation weish. 3 (1653) 35; (
Morolf) verbarg ... sîn vil schône wât ein grâwen roc leit an der wîgant, zwêne grôze schuowe
Salman u. Morolf 701, 4
Vogt; solts darzuo noch eyn schand vnd vnrecht sein, mit den eynfeltigen vnd armen bauren eyn grawen rock tragen?
a. d. kampf d. schwärmer gegen Luther 43
ndr.; hie vor in kurzen jarn was kain paur so reich, si muosten all geleich grabe mäntl an tragen ... ain grabe kappen und ein pösen huot und ain kittl hänfein und ein joppen leinein.
fastnachtsp. 440
Keller. historisierend: wie Andreas Bodenstein von Karlstadt, der den doktorhut mit dem grauen filzhut des bauern vertauschte W. Riehl
d. dt. arbeit (1861) 211.
im sprichwort: grae rock reysz nit herrn huld erbt nit Tappius
adag. cent. septem (1545) R 5
a; es stecket offt grosse weisheit vnder einem grawen mentelein Friedrich Wilhelm
sprichwörterreg. (1577) C 1
b.
hierher wohl (
und nicht von b
her)
in einem älteren sprichwort, in dem graues tuch
für den träger desselben steht: dem grauen tuoch muosz mann also thuon, es kemen sonst die schaben drein (
zu '
demut') S. Franck
sprichw. (1541) 1, 121
b;
schweiz. id. 2, 831. A@7@a@bβ)
die gleichen oder entsprechende verbindungen begegnen für geistliche gewandung oder sonst für eine bestimmte, aus religiösen gründen gewählte kleidung, nicht ohne inneren zusammenhang mit α.
so für die tracht des pilgers, des büszers und des freiwillig armen, vgl. dazu W. Wackernagel
a. a. o. 183: ouch dede hey an dar na eynen alden kotz gra der was des armen (
pilgers) gewesen Karlmeinet A 259, 30
Keller; von ungelucke ez dô quam, daz im (
Tristrant) der grâwe rock zureiz, dar dorch man abir, got wol weiz, sach scharlachin glîzzin Eilhart v. Oberg 7823
Lichtenstein; vgl. 7446; und soltent alle die die do werent in dem rote, mit krutzen gon barfuoz in grouwen menteln ... und so der krutzegange zerginge, so soltent sü ... die grouwen kleider armen lüten geben (
Straszb. 1362)
städtechron. 8, 137; als der mey kam, nam herr Tristrant grauwe kleyder an sich, als ein bilgram
buch d. liebe (1587) 101.
historisierend: hilf himmel! schwester Berta, bleich, im grauen pilgergewand (
d. h. als bettlerin) Uhland
ged. u. dramen (1876) 2, 169.
bei Luther
gern von der bewuszt einfachen kleidung der schwärmer und wiedertäufer, deren wahl er einer falschen religiösen demut zuschreibt: (
Karlstadts anhänger) zihen einen grawen rock ahn, setzen einen grawen hudt auff, unnd stecket doch ihr hertz voller hoffart unnd begirt nach grosser ehr
w. 47, 359
W.; vgl. tischr. 6, 15;
alle bücher u. schr. (1556) 6, 317.
vor allem, ob. 4
entsprechend, vom mönchsgewand, allgemein oder auf einen bestimmten orden zielend: sin cleit was ein kutte gra und lag sin closter nahen da Ulrich v. Türheim
Rennewart 8887
Hübner; in groen parfuserkutten (
Nürnberg 1480)
städtechron. 10, 360; kum har, begin im grawen kleid Niclas Manuel 7
Bächtold; das die orden beid im grawen vnd im schwartzen kleid auch wider einander predigen (
franziskaner u. dominikaner) Fischart
s. dicht. 1, 144
Kurz. einen grauen rock antun, anziehen
u. ä. '
mönch werden': und (
ich) solt einen grawen rok antuon Tauler
pred. 255
V.; wie man soll fromm werden, darnach fraget man. ein barfüszermönch spricht: zeuhe eine graue kappe an, trag ein strick und platte Luther
tischr. 6, 156
W.; vgl. w. 47, 800.
in einer polemischen wendung der reformationszeit stehen die grauen röcke
prägnant für die mönche: gott gebe das sie zürnen müssen, biss die grawen röck vergehen (
d. h. immer, ohne ende) Luther 11, 247
W.; Petri
weiszh. (1605) Ss 1
a.
ebenso: so sag mir eins du grawe kutt, was stellest du nach meinem blut? ... die zeyt ist noch nit gangen hin das werd gerochen alles leyd, das sey dir gsagt du grawes kleyd (
randbem.: zu den barfüszern klöpperen) Hutten
schr. 3, 510; 511
Böcking. A@7@a@gγ)
für sich steht die verbindung grauer rock
als bezeichnung des legendären gewandes Christi, des '
ungenähten rockes',
wohl in der sprache der pilger, vgl. W. Wackernagel
a. a. o. 183: zu sante Johanse zu Rôme dô ist ... der grâwe rok unses herren, in der kappellen di dô heizet zu Salvatori (1343—49) Hermann v. Fritslar in:
dt. myst. 1, 69, 11
Pfeiffer; vgl. noch anm. zu 345, 39.
so namentlich im Orendel, hier auch für den könig Orendel selbst als den finder und träger des rockes: do er in (
Orendel) von ferren ane sach, gern mügent ir hœren, wie er sprach: 'got grüez iuch, hêr Grâwer Roc'
Orendel 842
Berger. A@7@a@dδ) grauer rock
als gewand des armen sünders: und sol in drei tag danach setzen bei der fleischprucken in den stock anlegen ein langen groen rock
fastnachtspiele 157
Keller (
vgl. auch s. v. rock
sp. 1097). A@7@a@eε)
als charakteristische farbe für die kleidung der witwen oder älteren frauen, in jüngerem gebrauch: und im grauen witwenhemde schleich' ich durch den grünen wald W. Müller
ged. 219
lit.-denkm.; ich sehe eine alte frau im grauen kleide Storm
s. w. (1899) 1, 59. A@7@a@zζ)
im gegensatz zu α,
aber viel seltener, als farbe von pelzgewändern oder modisch vornehmer kleidung (
s. noch unt. b): (
der geist eines toten) hat ein weise schlaffhauben ufgehapt, einen weisen bart und dann ein langen, groen nachtbelz
Zimmer. chron. 24, 173, 11
Barack; grau engelisch wil ich mich kleiden (1531)
bergreihen 99, 34
ndr. fraglich, ob hierher, das engelsch grow
bei Th. Murner
narrenbeschw. 241
ndr., vgl. dazu den kommentar des herausgebers. hierher vielleicht die wendung sich einen grauen rock verdienen
als lohn für angeberei, verleumdung, wie entsprechendes sich einen roten rock (
die hoftracht) verdienen
durch augendienerei, vgl. s. v. rock I 5,
sp. 1096
u. unten graurock: weicht ausz, ir frummen erbren gsellen, die grouwen reck nit verdienen wellen! disser standt hort myr hie zuo, das ich manch vnnutz schwetzen thuo. doch hab ich etwas guotz dor von: eyn groen rock nym ich zuo lon Murner
schelmenzunft 18
ndr. A@7@a@hη)
von der uniform des deutschen soldaten seit dem und besonders im ersten weltkrieg, abkürzend für feldgrau,
vor allem in poetischer sprache: was tust du, kind, im grauen rock, in dem dein bruder stritt und litt? ... mein bruder starb im grauen rock, drum ist's ein zweifach ehrenkleid Flex
im felde zw. nacht u. tag (1918) 6; schnitterfäuste greifen hart ins gewehr, das überm grauen kleid am riemen hängt zu schlag und schusz bereit
ebda 56. A@7@a@thθ)
in unspezifischer anwendung jüngerer sprache: deine wäsche schicke nur gerade her, dein graues beinkleid ist wenigstens noch im hause zu tragen (1823) Beethoven
s. br. 4, 322
Kalischer; zwei junge menschen in gewöhnlichen grauen überröcken Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 128; es war ein langer, hagerer, grau gekleideter mann O. Jahn
Mozart (1856) 4, 566. A@7@bb)
in der anwendung auf graufarbige tuche und stoffe: lach ingrau wer (
sacellum crisium) (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 344, 34
St.-S.; item 12
m. deme vischmeister us der Scharffow vor eyn gro laken deme meister
Marienburger treszlerbuch (1399—1409) 34
Joachim; die wände waren bis zur halben höhe mit grauem stoff bespannt Carossa
d. tag d. jungen arztes (1955) 126.
häufig, a
α entsprechend, mit bezug auf die kleidung des armen, des bauern, des bedienten: man urloubt im (
dem bauern) hûsloden grâ und des vîrtages blâ
Seifried Helbling 69
Seemüller. dies namentlich in der häufigsten verbindung graues tuch,
vgl. fachsprachl. graues tuch
für ungefärbtes, weniger wertvolles s. v. tuch II C 2 b
α,
sp. 1469
f. u. A. Schulz
höf. leben 21, 324: er (
der herzog) sol sich bewegen an sîniu bein ze legen (
wie ein bauer) zwô hosen von grâbem tuoche Ottokar
österr. reimchron. 20 020
Seemüller; verdinget ein beghartsrock und kappen zuo machen von einem wsten groben grawen hotzentuch Wickram
w. 2, 377
lit. ver.; gleichsam, als wenn es recht eigentlich auf seine demüthigung abgesehen wäre, wählte man ihm graues bediententuch zum kleide Moritz
Anton Reiser 145
lit.-denkm. auf den geringen wert des grauen tuchs
spielt das sprichwort an: an worten vnd grawem tuoch geht vil ein S. Franck
sprichw. (1541) 1, 88
a;
vgl. Körte
sprichw. (1837) 502.
substantiviert, wohl ohne rücksicht auf die qualität: unde de rat scal om gheven ... vij elne grawes (
ein in Braunschweig fabriziertes tuch) Mychaelis (
Braunschw. 1417-26)
städtechron. 6, 250; Lützelburger grawes
wollenstoff aus Luxemburg (15.
jh.)
schweiz. id. 2, 831.
seltener kennzeichnet grau
die kostbaren pelze oder stoffe vornehmer gewandung (
doch s. noch unt. grau,
n. 2 c
α u. grauwerk): roc und mantel wâren lanc: breit swarz unde grâ zobel dervor man kôs aldâ Wolfram v. Eschenbach
Parzival 168, 13
L.; Gottfried v. Straszburg
Tristan 10 927
R.; dorczu eyn feschen mit groem wergk vnd sust acht falken (1428)
urkundenb. d. st. Lübeck 7, 249;
vgl. (1457) 9, 519 (
s. unten grauwerk); de vrouwe schal nene hermelen noch grawe rugghe (
d. i. rückenfelle des grauen eichhörnchens) dregghen
ebda 9, 212;
vgl. (1467) 11, 320; item der Tomasin hat mir 4 eln grau damast geschenckt zu einen wammes Dürer
tageb. (1884) 9.
so auch graues tuch,
als '
standesgemäsze farbe der junker'
für das 16.
jh. nachgewiesen in: schweiz. id. 2, 831. A@7@cc)
von nahrungs- und genuszmitteln, vor allem in spezifizierender anwendung, art oder sorte bestimmend. so graues brot (
anders unter 8 b), graues mehl
ohne weizengehalt: im jar 94 haben die säw bei Carlstatt am Mayn ein materi in der erden funden, das sie gefreszen
etc., darausz man auch brot, doch graw, gebacken (
vorher ist die rede von weiszem brot) Kirchhof
wendunmuth 2, 471
Öst. im vergleich: pfui, und der staub! man watete wie durch graues mehl Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 8.
ferner: überdem einig saltz stârcker als das andere saltzet, wie denn das graue stärcker als das weisse
allg. haush.-lex. (1749) 1, 25
a.
substantiviert von einer weinsorte: grauer (
d. i. Klävner wein) Metzger
pflanzenk. 915;
vgl. schweiz. id. 2, 831; es zieht des wirts grauer die gäste bald wieder an die tische, und die gäste machen sich mit mut hinter des wirts sauern grauen in schönem glauben, der graue sei ein ungeschwefelter, ungemischter wein Jer. Gotthelf
s. w. 14, 205
Hunziker-Bl. A@7@dd)
auch in der beziehung auf viele andere dinge des menschlichen gebrauchs dient grau
dazu, eine spezifische art zu bezeichnen, so z. b. grauer pfennig
älternhd. im unterschied zu weiszem (
s. auch grauweisz): 4 graber phenning (1465)
bei Fischer
schwäb. 3, 808; der newen graben Wienner pfenning. und der weissen Wienner phenning und ander phening (1479?)
monum. Habsburg. I 3, 342
Chmel; vgl. 341,
ferner v. Schrötter
wb. d. münzkde (1930) 618.
älter für eine bestimmte art von salben: nim rein gepüluerte thucia ... rhür die thuciam
(in die butter) ... rhürs stehts, bisz es kalt würdt, so würdts ein grawes sälblin Gäbelkover
artzneyb. (1595) 1, 92; grau driackel
empl. diachylum simplex (
droge) Walbaum
synonima id. Lubecensia (1769) 375
in: arch. d. pharm. 149 (1859) 375
Bley. zur kennzeichnung einer papiersorte: graw papir ...
papyrus nigra Henisch (1616) 1734; man ... wiederhole das experiment mit weiszen, schwarzen, grauen papieren Göthe II 2, 33
W.; daher löste ich meine groszen gefärbten oder grauen kartons von den blendrahmen G. Keller
ges. w. (1889) 3, 75.
hierher innerhalb der künstlichen unterscheidung meistersingerlicher töne nach farben: Regenpog in dem graben don III lied Bartsch
meisterl. d. Kolmarer hs. 105
passim; Hans v. Nor:(lingen) graben thon Regenpogen Hans Sachs
gemerkbüchl. 3
ndr. (
ebda guelden radweis; rotten thon Zwingen;
ebda 5: schwarczen thon Hans Fogl
u. ä.). A@88)
auf gegenständliches im bereich der unbelebten natur angewandt. A@8@aa)
fachsprachlich oder halb fachsprachlich in spezifizierender zuordnung zu bestimmten mineralischen, metallenen oder chemischen stoffen: chelonitis grauer schwalbenstein (
obd. 15.
jh.) Diefenbach
nov. gl. 83
b; vnd ist dasselbe ertz (
alaun) ein grauwer vnd schwartzer, harter, steiffer stein Thurneysser
magna alchymia (1583) 67; der graue ackerboden, so ein wenig fahlbig mit aussiehet, als wie mörgel Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 7.
buch 13
a; das ist zwar nichts neues, wann unter dem grauen aschen glende kohlen verborgen liegen Abr. a
s. Clara
etw. f. alle (1699) 1, 239; die graue wacke an dieser seite ist glimmerig Göthe II 9, 155
W. grauer schwefel '
erdiger rohschwefel': item wiltu eylendts ein feuwerwerck ausz einer büchsen schiessen, so mach ein kugel mit weissem hartz vnd grawem schweffel Fronsperger
kriegsb. 2 (1573) Ll 1
b; (
man) nimmt dazu alt schmeer und pech ... grauen schwefel
allg. haush.-lex. (1749) 2, 627
a; nimb desz grawen galmeystein vnnd der alexandrinischen tutiae oder galmeyflug, jedes zwey loht Würtz
wundartzney (1624) 298;
spodos, spodium graw nichts
oder graw hüttenrauch Zehner
nomencl. (1645) 151; grauer nicht;
spode, la tutie Schwan
nouv. dict. (1783) 1, 786
b (
vgl. nicht,
m., n. teil 7,
sp. 712
sowie graunicht[s]); das graue ... roheisen besitzt ... körnigen bruch Karmarsch-Heeren
techn. wb. (1876) 2, 772;
vgl.graues
syn. mit gares roheisen Scheuchenstuel
id. d. österr. berg- u. hüttenspr. (1856) 107. A@8@bb)
in der bedeutung '
schimmlig'
bezeichnet das wort einen chemischen vorgang an organischen körpern, besonders älter lexikalisch und jung mundartlich, aber auszerhalb der eigentlichen fachsprache, vgl. dazu auch unter gräue,
1grauen,
1graueln,
1graulicht.
mit der bedeutung '
grauhaarig'
spielend: mucidus ... nüchtlächt, graw, schimlig Frisius
dict. (1556) 843
a; Henisch (1616) 1733; Aler
dict. (1727) 1, 978
a;
schweiz. id. 2, 831; Loritza
id. Viennense 53; kein gut stück fleisch kriegten wir auff den tisch, sondern nur das jenige, so acht tag zuvor von der studenten tafel getragen, von denselben zuvor überall wol benagt, und nunmehr vor alter so grau als Mathusalem worden war Grimmelshausen
Simpl. 284
Scholte. besonders vom brot (graues brot
anders s. ob. 7 c): wenn ma
n lang grōbs brod esst, so werd man alt (starch)
schweiz. id. 2, 831;
ähnliches bei Fischer
schwäb. 3, 808.
substantiviert: do schnitten sy (
die geizigen hauswirte) den uszwendig (
an dem verschimmelten brot) das graw ab, gabens uns zuo essen. do han ich offt grossen hunger ghan Thomas Platter 27
Boos. in vergleichbarer anwendung: de drauwe gen grō (
die trauben sind mit der edelfäule behaftet)
rhein. wb. 2, 1369.
auch in übertragenem sinn: der muss et geld rehren (
umrühren), dass et em net grō werd (
so reich ist er)
rhein. wb. 2, 1369.
hierher wohl auch: grau
scharf, beiszend, z. b. von faulem käse Hertel
Thür. 109;
rhein. wb. 2, 1369. A@8@cc)
auch von graufarbigen natursteinen, die vom menschen verarbeitet oder bearbeitet werden: zu Mecca besuchen sie ... das grab Mahomets, das nit in der höhe hengt, ... sondern in der erden, und darüber ein gebew von grawen steinen ist gemacht Kirchhof
wendunmuth 2, 101
lit. ver.; insbesondere zog eine korinthische marmorsäule meinen blick immer wieder auf sich, die, wie eine gefangene in den gewaltigen viereckigen turm eingeschlossen, mit reizender wehmut aus den grauen steinen hervorsah Ric. Huch
triumphgasse (1902) 9; auff dieser ... historienseul, die von grawem marmor ist, steht eines keysers triumph auszgehawen Schweigger
reyszbeschr. (1619) 124.
von hier aus auch auf gebäude oder gebäudeteile ausgedehnt, doch wiegt hier der uneigentliche wortsinn vor (
s. u.B 1 b): sy (
die heiden) hatend all an wis schuben und gross hüllen um ir höbter und so wier aso den grosen lustigen grawen estrich besechen mit vil anderen gebüwen (1486)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 157; aus der stadt mit grauen thürmen, aus der reichsstadt finsterm thor in den goldnen sonntagsmorgen wandelt alt und jung hervor Uhland
ged. (1898) 1, 290; die andere straszenseite verstellt mit hohen grauen häusern das licht Carossa
d. tag d. jungen arztes (1955) 215. A@8@dd)
von formen der erdoberfläche, landschaftlich-morphologischen gebilden, hier gelegentlich mit leisem unterton von B
her: das gros pirg, so von den Lateinern und Kriechen Corax und Caucasus genant wird, haben die Teutschen gehaissen das grau, crau pirg, das alweg schnê dran ligt Aventin
bayer. chron. 1, 221
Lexer; (
er) hatt recht zu halten und zu holzen unter der graben stainwant pisz an Moszwög (1573)
österr. weist. 6, 153, 2; du fluss! der du mit blendendem silberglanz hinter jenen grauen bergen hervorrauschest Sal. Gessner
schr. (1777) 1, 108; da liegen sie alle, die grauen höhn, die dunkeln thäler in milder ruh Uhland
ged. (1898) 1, 6; nur da, wo die rinnsale der wasserbäche, erkennt man ... auf diesen grauen, braunen einöden die aderige verästelung der wenigen flüsse Ritter
erdk. (1822)
teil 1, 109.
besonders grauer fels: vnd kompt der vrsprung auss dem grund der quellen, vnd dasselbige entweders auss rotem sand oder grawem felsen Sebiz
feldbau (1579) 14; einsam stand ein grauer felsen mitten in das meer gesät A. Grün
ged. (1847) 76.
oft in flurnamen, vgl. schweiz. id. 2, 831. A@8@ee)
häufig von gewässern. zufrühest in einer glossierung nd. herkunft: ceruleus grau als die zee (1421) Diefenbach
nov. gl. 87
a.
auch sonst gelegentlich in älterer sprache: vonn rechter trübe ist es (
das wasser des Nil) gleich grawe als mistlach, sie ist aber nütze die trübe (
durch fruchtbare erde, die mitgeführt wird) Fabri
eigentl. beschr. (1557) 166
a; graw wie ein eysz, eyszgraw Friedrich Wilhelm
sprichwörterreg. (1577) t 1
b.
seit der mitte des 18.
jhs., z. t. wohl unter dem einflusz Homerischer epitheta und ihrer übersetzung, in fester beziehung auf meer, see, welle, woge, flut;
vornehmlich in poetischer sprache und mehr oder weniger von dem zu B 2
gehörigen gefühlston bestimmt: aber Achilleus setzte nun weinend sich, von seinen freunden gesondert an das graue meer (
ἐφ' ἁλὸς πολιῆς) Bürger
s. w. 190
Bohtz (
Ilias I, 350); am grauen strand, am grauen meer und seitab liegt die stadt; der nebel drückt die dächer schwer, und durch die stille braust das meer eintönig um die stadt Th. Storm
ges. schr. (1884) 1, 9; von perlen baut sich eine brücke hoch über einen grauen see Schiller 11, 351
G.; wenn sie (
die ruder) bald abwärtsgehn, bald auf der fläche streiffen mit offter züge zahl die grauen wellen häuffen Pietsch
geb. schr. (1740) 12; (
d. gefährten des Odysseus) saszen in reihen (
auf dem schiff) und schlugen die graue woge mit rudern J. H. Voss
Odyssee 154
Bernays: zweimal des tages kamen die grauen fluten und bedeckten alles Allmers
marschenbuch (1900) 26. A@99)
sehr charakteristisch und vielfach bereits mit einem symbolischen ausdruckswert, aus dem weithin der uneigentliche gebrauch des wortes lebt (
s.B 2; 3),
erscheint grau
im bereich atmosphärischer und meteorologischer erscheinungen; z. t. schon mhd., in einer fülle stehender verbindungen oder fester beziehungen namentlich poetischer sprache seit dem 18.
jh., denen allen aber die eigentliche farbbezeichnung zugrunde liegt. A@9@aa)
den zustand zwischen hell und dunkel, dämmerung oder morgengrauen bezeichnend, z. t. in den gleichen verbindungen wie unter b.
schon mhd., hier besonders im rahmen der tageliedsituation: der hêrre ân allez slâfen lac, unz er erkôs den grâwen tac: der gap dennoch niht liehten schîn Wolfram v. Eschenbach
Parzival 36, 4;
ebda 800, 1; niht langer sie beliben solten, da in die wahter taten kunt ... daz diu wolken wærn gra und daz der tag sine cla hete geslagen durch die naht Ulrich v. Türheim
Rennewart 25 279
Hübner; si sprach 'owê, ich wæn der tac uns aber wil nâhen; des bin ich sendez wîp unfrô'. diu reine süeze wachte alsô daz grâwe lieht si beide an sâhen Bruno v. Hornberg
in: liederdichter d. 13. jhs. 24
Kraus; holder tag, brich an! sobald mir nur dein graues licht erscheint, räch ich den hohn, und strafe meinen feind
Shakespeare 1 (1797) 250 (
sommernachtstraum 3, 2); noch kam nicht der gott der gluten aus der purpursee heraus. endlich aber fieng sein glanz an des horizontes flächen durch die graue dämmerung purpurroth hervorzubrechen Schönaich
Heinrich d. Vogler (1757) 18; schon schweigt das käuzlein und neugierig schaut der dämm'rung graues auge durch die fichten A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 257; das kirchendach versank nach und nach in grauen schatten, das licht klomm an dem türmchen hinauf G. Keller
ges. w. (1889) 1, 34.
von da her auf tageszeiten bezogen: du weiszt, uns haben jüngst die grauen abendstunden im garten, den du liebst, geliebter H(irsch), gefunden Uz
s. poet. w. 220
Sauer; vor uns (
zwei liebenden) das thal, das hoffnungsreiche, weite, und hinter uns kam grau die nacht geschlichen Eichendorff
s. w. (1864) 1, 507; am andern morgen, in der grauesten frühe, vor eröffnung der festungstore, rasselte ein fuhrmannswagen gegen das Ostertor heran W. Raabe
s. w. I 6, 462
Klemm. A@9@bb)
auf witterungserscheinungen, namentlich wolken, nebel und regen bezogen: der mond verbirget sich, der nebel grauer schleier, deckt luft und erde nicht mehr zu Haller
ged. 3
Hirzel; allerseelen. grauer, feuchtkalter nebel umhüllt das land Saar
s. w. 2, 88
Minor; doch unten senkt sich grau und grauer aus wolkenschicht ein regenschauer Göthe I 4, 30
W.; der graue regen übt seinen einflusz auf mich, dasz ich unwillkührlich in den grämlichen doctrinären ton eines alten onkels verfalle O. v. Bismarck
br. an s. braut u. gattin 34
H. v. Bism.; grau zogen die wolken über die dächer hin Fontane
ges. w. (1905) I 4, 4; den gröszten teil des jahres wölbt sich ein grauer wolkenumzogener himmel über den marschländern Allmers
s. w. (o. j.) 1, 54. grauer reif
s. ob. A 6 a
mitte. —
allgemein das wetter und die atmosphäre im sinne des farblos trüben oder kühlen charakterisierend: es ist zu summer zeiten grimm kalt, gantz trüb und graw S. Münster
cosmogr. (1550) 401; ihr (
der Venus) wagen stäht alhihr, ihr wagen fol rubihn, dehn durch die graue luft zwe weisse schwäne zühn Zesen
adriat. rosemund 232
ndr.; hat sich denn das graue, kalte wetter bis zu ihnen nach Königsberg am himmel ausgedehnt? (1821) Jac. Grimm in:
briefw. 1, 297
Leitzm.; der nebel steigt, es fällt das laub; schenk ein den wein, den holden! wir wollen uns den grauen tag vergolden, ja vergolden Th. Storm
s. w. (1899) 8, 191; stiller, linder, grauer tag (8.
febr. 1939) Jochen Klepper
unter d. schatten deiner flügel (1956) 722.
substantiviert: der sprühregen schlug uns heftiger ins gesicht ... man führte uns drüber (
über einen weg) weg und ins graue hinein Göthe I 33, 67
W.; und beide doktoren hatten das kinn auf den stockknopf gestützt und starrten ins graue (
eines regnerischen februarnachmittags) W. Raabe
s. w. I 6, 441
Klemm. A@9@cc)
das undeutlich verschwimmende, das kontur- und gestaltlose räumlicher ferne charakterisierend, kaum vor dem späten 18.
jh., in den verbindungen graue ferne, graue weite: auf einem hügel, von dem man noch in grauer ferne Venedig sehn konnte Meissner
skizzen (1778) 3, 159; in grauer ferne beschlosz das gebirge den horizont Fr. Schlegel
Florentin (1801) 1, 33; und wagst du dich vom sichern ufer ab, reiszt dich der strom in seine grauen weiten Grillparzer 5, 147
Sauer. A@9@dd)
in den verbindungen grauer winter, grauer norden,
die auf witterung, atmosphäre und jahreszeit zugleich zielen, klingen die nebentöne des unwirtlichen, unfreundlichfreudlosen, rauhen so deutlich mit auf, dasz fast die grenze zum uneigentlichen gebrauch (
s.B 3 a)
erreicht wird: wann aber mit dem eisz und rauhen scharpffen winden der grawe winter kompt, so kan er doch was finden, auch mitten in dem schnee, das nutzet und ergetzt Martin Opitz
teutsche poemata 29
ndr.; und so möge uns denn eine gedeihliche thätigkeit durch den grauen winter geleiten Dahlmann in:
briefw. zw. Jac. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 1, 343; und doch denkt ihr vielleicht sehnsuchtsvoll nach dem grauen norden, denn schlieszlich sind es doch die menschen und nicht die gegend, welche die hauptsache sind Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 4, 171; ist die drossel weggezogen, fahl und kahl der wald geworden, o wie ist die welt so stille, o wie ist so grau der norden Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 195. A@1010)
für sich steht die verbindung grau in grau (
s. auch grau,
n.). A@10@aa)
schon seit dem 16.
jh. in der wendung grau in grau malen '
mit grauer farbe auf grauen grund malen',
als terminus technicus für die grisaillemalerei. grau
scheint hier beidemal unflektiertes adj., wird aber möglicherweise, besonders im zweiten glied der verbindung, auch als substantiviertes adjektiv aufgefaszt, wie ebenfalls in der verbindung in grau malen (
s.grau,
n. 1): 2 täfelin mit geschnitten auszzügen und grau in grau gemalet, dasz ain sezet abt Conrad auf
s. Bernhartsaltar, dasz ander auf der hailigen triveltigkait altar (1531) Knebel
chron. v. Kaisheim 372
lit. ver.; ferner sah ich hier Garrick's bildniss von unsrer landsmännin Angelika Kaufmann grau in grau gemalt Sturz
schr. (1779) 1, 9.
mit dem gefühlston '
trüb, traurig': ein kunstmaler ..., der in der umgegend ... habe landschaftern wollen und auch mehrere hübsche ansichten, allerdings etwas traurig, grau in grau gemalt, zustande gebracht habe Th. Mann
Faustus (1948) 327.
von hier aus: es ergab sich, dasz er (
der maler) gar kein auge für die farbe hatte, sondern alles grau in grau sah Gutzkow
Blasedow (1838) 1, 402.
im vergleich: der morgen so stumm, nebel ringsum, die luft so kalt, farbe nirgends und nirgends gestalt, die welt wie grau in grau gemalt Gerok
d. letzte strausz (
41886) 25.
aus der verbalen bindung gelöst: es sind einzelne bilder auf leinwand, grau in grau, mit wasserfarben aufgetragen Göthe I 49, 412
W. A@10@bb)
die maltechnische anwendung wird jünger auch in anderen zusammenhang übertragen, gewinnt aber dann den von grau B 3 b
her beeinfluszten uneigentlichen sinn von '
trübe, düster darstellen, negativ beurteilen': der Clemens hat Wieland ... grau in grau gemalt Bettina
die Günderode (1840) 1, 38; der letztere hat uns in seiner weise den congresz und seine persönlichkeiten grau in grau gemalt, und doch ... schwerlich ein wort übertrieben Häusser
dt. gesch. (1854) 2, 159. A@10@cc)
aus der ursprünglichen terminologischen verwendung gelöst, intensive graue farbtönung umschreibend. A@10@c@aα)
etwa soviel wie '
mit verschiedenen grautönen'.
von haar- und bartfarbe eines menschen: da hatte er noch blonde haare ..., eine bläuliche färbung des abrasirten bartes ... nun aber in wirklichkeit spielte bei dem schon tief vierzigjährigen alles grau in grau Gutzkow
zauberer (1858) 5, 60.
von der kleidung: einer der brunnengäste, grau in grau gekleidet Storm
s. w. (1900) 8, 108;
vgl. Ina Seidel
labyrinth (1922) 185. A@10@c@bβ)
einfaches grau
im sinne von '
ganz grau, nur grau, immer wieder grau'
verstärkend; so besonders von der atmosphäre, dem wetter u. ä., oben 9
entsprechend. im ersten beleg noch mit der maltechnischen bedeutung spielend: die ringe, die er (
der regen) unermüdlich grau in grau auf die wachsenden pfützen zeichnete O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 193; ein regentag in Arles! ... grau in grau war die provenzalische landschaft, als ich von Nîmes über Tarascon nach Arles fuhr Samosch
provenz. tage (1893) 43; eine grau in grau gehüllte hochebene Hassert
reise durch Montenegro (1893) 5. BB.
der stark entwickelte uneigentliche gebrauch des wortes, dessen grenzen zum eigentlichen hin im einzelfall freilich flieszend sein können, entwächst ganz bestimmten gebrauchsweisen von A. B@11)
seit alters, wenn auch vornehmlich jünger, kann das wort von der bedeutung '
grauhaarig'
zu der von '
alt'
hinüberwechseln und sich hier, je nach dem anwendungsbereich, weiter nuancieren. B@1@aa)
in der anwendung auf menschen, wobei die eigentliche bedeutung '
grauhaarig'
als mitgegeben zu denken ist. B@1@a@aα)
attributiv in festen oder gelegentlichen verbindungen. selten schlechthin '
alt, bejahrt'
ohne nebenton: ich stand dabei, als in Toledos mauren der stolze Karl die huldigung empfieng, als graue fürsten zu dem handkusz wankten Schiller 5, 8
G. so in der gegenüberstellung zu jung: vor bloszen bauchpfaffen, sagt ein grauer hofmann zu seinem jungen vetter, ... hütet euch
br., die neueste litt. betr. 18 (1764) 49; junge burschen, graue männer in phantastischen uniformähnlichen anzügen Carossa
d. tag d. jungen arztes (1955) 44.
oft schwingt die vorstellung '
weise, erfahren, erprobt'
fühlbar mit: ob dich ein grâ wîse man zuht wil lêren als er wol kan, dem soltu gerne volgen Wolfram v. Eschenbach
Parzival 127, 21
L. besonders in den verbindungen grauer held, grauer krieger
u. ä.: wohl oft ermahnte mich der graue kriegesheld Lykaon einst Bürger
s. w. 161
Bohtz; graue krieger mit ehrenvollen narben geziert Fr. L. Jahn
w. (1884) 1, 3; des grauen helden gottgeweiht erbleichen A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 237;
hierher? (
oder einfach '
alt'
wie unter A 3 b?
oder ganz speziell?): so sol keinem grauwen rittmeister oder herrn vber 10. oder 12. pferdt ... zugelassen oder gut gemacht werden Fronsperger
kriegsb. (1596) 3, 8
a.
auch prägnant '
erfahren',
mit dem nebenton '
leidenschaftslos, abgeklärt': aber Maximilian (
v. Bayern) war ein zu grauer staatsmann, um, wo die klugheit allein sprechen durfte, die leidenschaft zu hören Schiller 8, 410
G. grauer vater
mit dem beisinn '
ehrwürdig': ... was wird mein grauer vater sagen? Gottsched
dt. schaubühne (1741) 1, 13; er hat sich's zur freude gemacht, seinen grauen vater zu ehren Engel
schr. (1801) 5, 27.
auch negative nebentöne fehlen nicht; mit bezug auf menschen, die als bösewichter und sünder alt geworden sind und erfahrungen gesammelt haben: wie er in hab hayssen liegen als ainen alten grawen boswicht (1471)
bei Fischer
schwäb. 3, 808; ihn groen bösswicht (1533)
ebda; (
Jesus,) der manchem grauen sünder trost und neue lebenslust in die reuende seele gosz Lavater
handbibl. f. freunde (1793) 1, 294.
abgeschwächt: der alte graue sünder, der college Eckerbusch W. Raabe
Horacker (1876) 110.
hierher auch: ich (
Serlo) will einen solchen grauen, redlichen, ausdauernden, der zeit dienenden halbschelm (
wie Polonius) aufs allerhöflichste vorstellen und vortragen Göthe I 22, 174
W. B@1@a@bβ)
entsprechend in prädikativen wendungen. B@1@a@b@aaαα)
vor allem grau werden in, an, bei, unter etwas
u. ä., eine tätigkeit, einen beruf, einen dienst kennzeichnend, in denen jemand lange gestanden, erfahrungen gesammelt hat und alt geworden ist: dann war noch mit ihnen dort ein mann, der an höfen grau geworden ist Knigge
roman m. lebens (1781) 1, 168; sein amt als staatssecretair, in welchem er grau geworden Ranke
s. w. (1867) 16, 93; männer, ... die unter dem harnisch grau geworden sind Göthe I 45, 45
W.; Blücher meinte, er sei unter waffen grau geworden, habe wohl 60 jahre gelebt, verstehe aber in einer viertelstunde zu sterben, wenn es die pflicht gebiete Häusser
dt. gesch. (1854) 3, 14; ich bin im handwerke (
des falschspielens) grau geworden, und weisz, was gold ist Klinger
w. (1809) 1, 108.
anders, mehr moralisch getönt, in der seit alters durchstehenden wendung in, mit ehren grau werden '
auf ehrenhafte weise, unter bewahrung der ehre alt werden': swer ja spricht unde schiere ez tuot, der wirt in eren gra Friedrich v. Sunnenburg
in: minnesinger 3, 73
v. d. Hagen; um diesem ... mit ehren grau gewordenen dichter ... ein compliment zu machen Hippel
lebensläufe (1778) 1, 115; in ehren, herr, bin ich hier grau geworden — — so laszt uns denn von andern dingen reden Eichendorff
s. w. (1864) 4, 366.
in gegenteiligem sinne: des wirt gra sin lib mit sünden unde in schanden alt
minnesinger 3, 38
a v. d. Hagen. seltener ohne nähere bestimmung: ja, ich (
gott) wil euch tragen bis ins alter, vnd bis jr graw werdet
Jes. 46, 4.
vereinzelt in halbprädikativer verbalbindung: dasz euch (
ein hochzeitspaar) Phöbus balde schau immer fruchtbar, langsam grau Fleming
dt. ged. 1, 66
lit. ver. B@1@a@b@bbββ)
in der kopulativen wendung alt und grau werden
oder sein (
selten in umgekehrter wortfolge),
in der, anders als bei attributiver verwendung (
s. ob. A 3 b
α), grau
den ursprünglichen sinn von '
grauhaarig'
aufzugeben und mit alt
zu verschmelzen scheint: wann der man wrt alt und grab so w
ert er ein chind, wi weis er wAer Heinrich
d. Teichner 327, 93
Niewöhner; du bist zuo grae vnd alt
Fierrabras (1533) D 3
a; verhoffet alt vnd graw zu werden Spreng
Äneis (1610) 207
b; will mich mein vater, soll er auch nur kommen, und lernen auch, ist er gleich grau und alt Grillparzer
s. w. 8, 76
Sauer; vgl. Martin-Lienhart
elsäss. 1, 265
a. B@1@a@gγ)
im 17.
und 18.
jh. gern substantiviert, vereinzelt schon früh: aniles gravua (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 660, 20
St.-S.; die jungen, wie die grauen sind stets dem tode reif Fleming
dt. ged. 1, 38
lit. ver.; jung und graue müssen sterben; wohl! wann sie den himmel erben Knittel
kurtzged. 2 (1674) 31; bis mit den sternen sie (
die sonne) nicht satt gebuhlt und liebgeäugelt hat eh pflegt sie ihren grauen (
den mond) nicht einmal anzuschauen Blumauer
ged. (1782) 68. B@1@bb)
in der anwendung auf gebäude, orte, städte u. dgl. tritt über die sachlich vorauszusetzende bedeutung '
graufarbig'
hinaus (
s. ob. A 8 c)
der uneigentliche sinn von '
alt-ehrwürdig, historisch geprägt'
in den vordergrund; durchweg in jüngerem poetisierendem gebrauch: die grauen mauern meines schlosses, ... auf denen die zeit gedankenvoll zu ruhen scheint Klinger
w. 4 (1815) 59; ein zwillingsstern auf Burnecks grauer veste blinkt Alhard mit der süszen nachtigall A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. 2 (1878) 210; innerhalb der wälle und thore der stadt stand noch eine zahl grauer türme der früheren ringmauer und alter thore G. Keller
ges. w. (1889) 6, 23; durch die gassen der alten grauen stadt Gutzkow
ges. w. (1872) 3, 218.
hierher: jeder reisende ... wird diesz mit vergnügen bemerken, wenn er Bayern, diese ehrwürdige graue provinz durchreist Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 121. B@1@cc)
begriffe charakterisierend. B@1@c@aα)
an die bedeutung '
alt, bejahrt'
als eine stufe des menschlichen lebens anknüpfend, besonders in der sprache des barock. B@1@c@a@aaαα)
mit zeitbegriffen verbunden. graues alter
in tautologisch verstärkender verbindung; im ersten beleg noch von der eigentlichen bedeutung her gefärbt: o das grawe alter, ist noch weit von meinem krausen haar
Petrarca zwei trostbücher (1551) 1
b; weszwegen niemand seine sterbensbereitung dem grauen alter zuschieben musz, noch dieselbe verspahren, bisz auf ein vorzeichen desz sterbens Er. Francisci
d. höll. Proteus (1693) 999; bis in sein graues alter herrschte er siegreich J. v. Müller
s. w. (1810) 2, 232.
mit dem gefühlston von 3 b: aber das graue alter schleicht langsam heran Nietzsche
w. 1 (1933) 182.
für den alten menschen selbst: schertz ist hie befehlichshaber, hie hat kurtzweil oberhand, hie wird auch ein graues alter offt in kindheit umbgewand (
bei einer hochzeit) Simon Dach 727
Öst.; die wiederhergestellten und geheilten müssen es (
das spital) wieder verlassen, die unheilbaren und das graue alter finden nahrung, kleidung und obdach bis ans ende des lebens H. v. Kleist
br. an s. braut 72
Bied. in verbindung mit anderen zeitbegriffen den begriff '
alter'
umschreibend: segen-reiche graue jahr, Jesu! gieb dem liebsten paar S.
Bornmeister bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 5, 121; der gehorsam, den du von kind auf im ersten hauptstück gelernt und bis in deine grauen jahre noch nicht dargebracht hast W. Löhe
evangelienpostille (1848) 2, 96
a; dasz dereinst bey grauen tagen, lieb und ehstand frucht getragen Gottsched
ged. (1751) 1, 256. B@1@c@a@bbββ)
in erweiterter anwendung auf personifizierte abstracta: weil man schone bey den alten reine treu für grau gehalten, was ists wunder dieser zeit, dass sie schon im grabe leit? Logau
sinnged. 134
lit. ver.; und diese flamme brenne in deinem busen, bis die ewigkeit grau wird Schiller 2, 96
G. so auch menschliche affekte und eigenschaften kennzeichnend, die für den träger derselben stehen: die übel, die sich gern zu grauer liebe gesellen, begannen bald bey ihm sich reichlich einzustellen; je wärmer Röschen ward, je mehr ihr alter schmolz (
ihr alter ehemann) Wieland
s. w. (1794) 22, 271; indesz die graue schande, dem sarge nah, noch siegreich frevelt — stürzet im edlen gang die tugend, zu erhaben ihrer zeit, die sie ach! zu beglücken brannte Conz
ged. (1806) 77. B@1@c@bβ) '
alt'
in dem spezifischen sinne von '
lebenserfahren, weise'
; dies vor allem im anschlusz an den spätrömischen topos puer senilis (
s. ob. A 2 a
γ),
der vom mhd. bis ins 17.
jh. nachwirkt. in der beziehung auf herz, sinn, verstand, weisheit
u. ä.: wer daz ieman in der jugent von tugenden mochte wesen wis so was er gra vnde gris in sime hertzen binne Herbort v. Fritslar
liet von Troye 132
Frommann; vgl. passional 111, 21
K.; sinne grâ was iuwer jugent, daz ir ez kundent wol verstân
Flore und Blancheflur 2264
Sommer; junges gesichte, graues hertze Winckler 2000
gutte gedancken (1685) H 12
b; ist er von jahren jung, und grüne von gestalt, so ist der bräutgam doch an grauer weisheit alt P. Fleming
dt. ged. 90
lit. ver.; meine geliebte, die du unter blonden haaren, und unter so zarten gebehrden einen grauen verstand und ein männliches herz verbirgst (
übers. aus Tassos Armida 4.
ges. 23.
stanze) Heinse
s. w. 3, 282
Sch. auszerhalb der vorstellung vom jungen menschen mit der weisheit des alters: ihm war unter den erdegebornen keiner zu gleichen in der kunst, die geschildeten und die reuter zu ordnen, als der einzige Nestor, der held von grauer erfahrung Stolberg
ges. w. (1820) 11, 71.
für den träger der altersweisheit selbst: die graue weisheit hört nicht auf den jungen herrn Müllner
dram. w. (1828) 6, 168. B@1@c@gγ) '
alt'
im sinne von '
althergebracht, altüberliefert',
nur in attributiver bindung. auf begriffe des herkommens, der sitte, der überlieferung angewandt: tut, was heiszt der graue brauch P. Fleming
dt. ged. 1, 348
lit. ver.; und Maria brachte die reinen tücher und wand sie um den gewaschenen toten nach grauer sitte Lavater
ausgew. schr. (1841) 8, 145; sie boten ihm die hand, und nannten ihn den schützer ihrer grauen rechte Schubart
s. ged. (1825) 2, 282.
komplexer, von der vorstellung zeitlich ferner vergangenheit (
s. u. 2 b)
mit beeinfluszt, in der anwendung auf begriffe wie fabel, sage
u. ä.: er (
Sokrates) hoffte! war vielleicht (verzeih der kühnen frage!), war seiner hoffnung (
auf die unsterblichkeit der seele) grund nicht eine graue sage? (
im gegensatz zur lehre d. christentums) J. P. Uz
s. poet. w. 272
Sauer; ihr wiszt vom blitze eine graue märe, der im granitnen leibe des giganten, herabgeschleudert aus azurner sphäre, zum strahl verkörpert ward des diamanten Strachwitz
ged. 344
Weinhold. in personifizierter vorstellung: also spricht der mund der grauen sage, die im nebel die Bretagne durchwandert Agnes Miegel
ges. ged. (1927) 12.
ähnlich in der kennzeichnung geistiger überlieferung aus dem bereich des denkens und urteilens: geht nicht über wolken einher, wie der tiefdenkende späher grauer wahrheiten des Orients Lose
schattenrisse (1783) 1, 109.
hier besonders mit dem negativen beisinn des überholten, rückständigen, unaufgeklärten, 2 b
vergleichbar: ihr, die kein vorurtheil, kein grauer wahn berückt, die ihr mit freyem aug auf alle wesen blickt Löwen
schr. (1765) 1, 34; dieser lobenswürdige fleisz nun, der in den bibliotheken, den literarischen gottesäckern, nach altem unrath scharret (
d. h. nach mhd. dichtern), wird auch auf unsere nachkommen erben. dann werden die künftigen freunde des grauen unsinns, die jetzigen freunde desselben belohnen Jean Paul
s. w. (1826) 5, 12. B@22)
andere uneigentliche bedeutungen wurzeln in grau
als einer farbbezeichnung für atmosphärische und meteorologische erscheinungen, besonders in A 9 c,
indem grau
als kennzeichnung der verschwimmenden räumlichen ferne auf zeitbegriffe übertragen wird, wobei nur gelegentlich die zu B 1
gehörige vorstellung '
alt'
noch hineinkreuzt. B@2@aa)
als '
in ferner zukunft liegend',
in einer blick- und redeweise, die vor allem für das 17.
und ältere 18.
jh. charakteristisch zu sein scheint: solche ehrensäulen erwerben und aufrichten, welche bisz in die graue ewigkeit währen und bestehen können Rist
d. friedejauchz. Teutschl. (1653) 220; ja sein verdienst will sich allein mit grauer ewigkeit vermählen Triller
poet. betracht. (1750) 2, 540; die graue zeit sol schliessen, gelehrt durch deinen fall, dasz (ob es spät gescheh) gott doch tyrannen nicht stets durch die finger seh Gryphius
trauersp. 174
lit. ver.; würde nicht der Hunnen ruhm bis in graue zeiten schimmern? Schönaich
Heinrich d. Vogler (1757) 7; ewigkeiten — grauen welten wirds ein weiszer marmor melden Schiller 1, 328
G.; wie du in grauer ferne, o volk, dein heil erschaust
br. von u. an Herwegh (1896) 277.
substantiviert: tönet sein ewiger namen hinüber ins graue der nachzeit Denis
lieder Sineds (1772) 57. B@2@bb)
mit umgekehrter blickrichtung, aber in den gleichen oder ähnlichen attributivverbindungen, soviel wie '
in fernster vergangenheit liegend'.
seit der aufklärung und in ihr gern mit dem beisinn des finsteren, barbarischen, unaufgeklärten, vor allem aber in der geniezeit und in der romantik, und hier oft mit dem nebensinn des naiven, glücklichen, unverdorbenen. graue zeit: ich seh, ihr (
philologen) sucht mit trübem blicke des schönen werkes grösztes stücke, von dem ein theilchen zu euch kömmt. ihr müszt nicht mit dem schatten streiten, schimpft nicht die misgunst grauer zeiten Schwabe
belust. (1741) 1, 239; vor grauer undenkbarer zeit beherrschte ein guter geist, des höchsten gottes liebling, der erden geister Wieland
ges. schr. 1, 354
akad.; wer darf dem fluge der begeisterung verbieten, dasz er sich nicht in jene graue zeit, in jene einfalt der natur, in jene heiligen eichenhaine, zu jener quelle unsrer nazionaldichtkunst hinanwage? Kretschmann
s. w. (1784) 1, 6.
in spezielleren, besonders für romantisierende sehweise bezeichnenden verbindungen: ein böses wesen hat seinen wohnsitz unter diesem baum schon seit der alten grauen heidenzeit Schiller 13, 175
G.; ich hört ein märchen aus einer alten grauen dichterzeit Körner
w. 3, 133
Hempel; ewig: das weist in die gleiche richtung; wir sind die glieder einer aus grauester vorzeit stammenden kette
V. Klemperer
l. t. i. (1949) 262.
seltener: scheu blickte man zu ihnen auf wie zu mythischen wesen, die aus grauer vergangenheit herüberragten in eine neue zeit
jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 5, 223.
am häufigsten das graue altertum,
im wesentlichen frühe, vorchristliche geschichtsepochen bezeichnend: so halte gäntzlich dafür, dasz um deszwillen sich wohl keiner zu solcher ungewöhnlichen art solte verleiten lassen, lieber zu lateinisiren als teutsche verse in reimen zu schreiben, davon auch das graue alterthum allein estim gemacht Neukirch
anfangsgründe z. teutschen poesie (1724) 28; man sieht es auch ... an den überbleibseln des grauen alterthumes, z. b. in der ägyptischen und phönicischen bauart Reimarus
wahrh. d. nat. religion (1766) 65; die linienspiele der tierornamentik des grauen altertums Dehio
gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 37. vor, seit, aus grauen jahren, tagen,
im sinne eines unbestimmbar weit zurückliegenden zeitpunktes, ohne nebenton: vor grauen jahren lebt' ein mann in osten, der einen ring von unschätzbarem werth aus lieber hand besasz Lessing 3, 90
L.-M.; das bildnis eines unbekannten gottes, das dort seit grauen jahren aufgestellt Grillparzer
s. w. 5, 71
Sauer; es ist aus grauen tagen dein stammsitz schon bekannt, in liedern und in sagen durchs ganze deutsche land Hoffmann v. Fallersleben
ged. 998.
substantiviert: es (
der blick der Karstens) war ein blick, der sich nicht an der erscheinung genügen liesz, an der form des seienden. er ging rückwärts bis ins graue und vorwärts bis ins dunkle Ernst Wiechert
d. kl. passion (1953) 6.
hierher (
oder auch zu a)
vielleicht die sonst nicht belegbare wendung etwas bis ins graue treiben '
bis an die äuszerste grenze': dagegen werden wir aber eines Engländers habhaft, der die bizarrerie bis ins graue treibt Vollhann
lebensbilder (1826) 2, 11.
wohl damit vergleichbar: dat möt ein bet in de grawe grund ansürten (
angesäuerter) kirl sin Reuter
w. 2, 396
Seelm. B@33)
erst seit dem späten 18.
jh. kommt eine mehr gefühls- und stimmungsmäszige deutung und negative wertung der grauen farbe zum durchbruch, die weithin den gleichen ansatz hat wie 2
und mit dem neueren naturempfinden bzw. seiner sprachlichen bewältigung in engster verbindung steht. sie knüpft aber auch an andere eigentliche gebrauchsweisen an, so an A 1
als die farbvorstellung allgemein und an A 7 a
α u. β mit der kennzeichnung ärmlich-häszlicher oder düsterer kleidung; ein grau
anhaftender negativer symbolwert bereitet sich schon älter vor (
s. bes. unter grau,
n. 2 c
β). B@3@aa)
im sinne von '
farblos, glanzlos, eintönig, langweilig, unlebendig': gegen die briefe gehalten, ist diese praktische anweisung mit ihrem register von büchern und lehrmitteln trocken und grau Herder 12, 379
S.; grau, theurer freund, ist alle theorie, und grün des lebens goldner baum Göthe I 14, 95
W.; diese graue sphäre der mittelmäszigkeit Nietzsche
hist.-krit. ges.-ausg., abt. briefe 3 (1940) 18; wäre ich zu dem grauen leben des alltags wieder erwacht
kriegsbr. gefallener stud. (1928) 289;
vgl.grauer alltag.
auf bildhafter stufe: so kommt er (
der schmerz) im traurigen, grauen gewande des überdrusses und der langeweile Schopenhauer
w. 1, 408
Gr. substantiviert: das schlimmste war das ewige einerlei, das ewig graue Feuchtwanger
geschw. Oppermann (1948) 322.
leicht nuanciert als '
unscheinbar, unauffällig',
in der beziehung auf personen: aber warum habe ich mir nicht freunde gewählt, die keine verdienste haben, und die auf dem flecke unbekannt und grau sterben, auf dem sie geboren sind? Rabener
s. schr. (1777) 6, 150; mit dem grundbesitz steht und fällt unser stand (
der niedere adel) ... sind wir erst mal runter von der scholle, dann sinken wir zurück in die graue masse, aus der sich unsere vorfahren erhoben haben Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 369; der redakteur Nothgroschen war dran. grau und unauffällig war er plötzlich da Heinrich Mann
d. untertan (1949) 231. B@3@bb)
eher soviel wie '
bedrückend, trübe, düster': aber lasset uns unsre graue zeit verlassen Herder 6, 268
S.; das tagebuch wird mir ein asyl sein für jene grauen, hoffnungslosen tage, die mir oft in stumpfem nichtstun vorübergehen G. Keller
br. u. tageb. 2, 103
Ermat.; dennoch lag graue bedrückung auf allen (
geschwistern) im schlafen und wachen Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 126; da trottelt einer hinter'm andern her (
im schwarm der aufständischen weber), wies graue elend Gerh. Hauptmann
d. weber (1892) 102. graues elend
für '
katzenjammer'
s. bei Storffer im
dickicht d. sprache (1937) 24;
vgl. rhein. wb. 2, 1369.
seltener in der kennzeichnung von personen: unsere grauen, düstern ascetiker vom Rauhen Hause in Hamburg Gutzkow
ges. w. (1872) 10, 297.
noch stark vom eigentlichen wortgebrauch her: vier graue weiber treten auf (
mangel, schuld, sorge, not) Göthe I 15, 306
W. in verbaler bindung: verzeihen sie mir, dasz ich so grau sehe; ich thue es, um nicht schwarz zu sehen Göthe IV 24, 153
W.; manches von den schilderungen ... hat der verfasser sicher seinen eigenen erlebnissen entnommen, wenn er auch hie und da etwas ins graue gezeichnet hat Kögel
in: Grimmelshausen
Simpl. xii
1ndr.; bi dem si
eht s gräu us
mit dem steht es schlecht (
in den vermögensverhältnissen) Martin-Lienhart
elsäss. 1, 265
b. B@44)
uneigentlich noch in gewissen sonderverbindungen. B@4@aa) der graue bund.
vor allem für den 1424
gegründeten oberen
oder grauen bund
in der Ostschweiz, mit dem sich später zwei weitere benachbarte bünde zum grauen bund
oder zu den grauen bünden (
daraus der eigenname Graubünden)
zusammenschlossen. die deutung der benennung bleibt ungewisz. die älteren erklärungsversuche knüpfen nicht an grau '
alt'
oder '
zeitlich fern' (
s. B 1; 2)
an, sondern an grau
als farbe von gewässern (
s. ob. A 8 e),
vgl. schweiz. id. 2, 831: wie die grawen pünd mit unseren finden uf der Malser heid gestritten hand (1499)
ebda (
mit weiteren nachweisen); kam der bischoff von Kur und mit im der grau bunt, und waren auch mit im im bunt die aidgenossen, und nam das dorf ein (
Augsburg 1499)
städtechron. 23, 425, 12;
ebda 426, 1; Campe 2 (1808) 445
a.
vereinzelt variierend: in der grauwen völcker (jetzt Grauwpündter genent) väldboden Stumpf
Schweizer chron. (1606) 305
a.
singulär als eine sonst nicht nachweisbare benennung für den schwäbischen bund: die ein parthie nante sich der grauwe bunt ind waren die Swaven ind die sweveschen richstede (
Köln 1499)
städtechron. 14, 885.
vielleicht von dem schweizer. vorbild veranlaszt als name einer städtischen partei, hier aber mit deutlicher anknüpfung an grau
als kleiderfarbe (
s. ob. A 7 a): etlich vom rath und ir anhänger sein etwan lang beschrait und der graue bund ... gehaissen worden, als sy dann mit sonder farben und kleidung erzeigt haben (
Nördlingen 1528)
bei Fischer
schwäb. 3, 808. B@4@bb)
andere uneigentliche verbindungen wie der graue orden, das graue kloster, das graue leben
s. ob. A 4 a
γ;
δ. CC.
zusammensetzungen mit grau
im ersten wortglied treten vornhd. nur vereinzelt auf, so in mhd. grâwerc (
s.grauwerk), grâhäutel Megenberg
buch d. nat. 210, 4
Pf., grâvar
ebda 5.
vom 15.
bis zum ende des 17.
jhs. bleibt der zustrom neuer bildungen begrenzt, erst im 18.
jh., zumal in seiner zweiten hälfte, wird er kräftiger, und das 19.
jh. bringt mehr zusammensetzungen hervor als alle übrigen zusammengenommen. substantiva und adjectiva bzw. adjektivisch gebrauchte participia praeteriti halten sich etwa die waage, zu ihnen treten nur wenige participia praesentis und (
substantivierte)
verba. ihrer bedeutung nach gehören nahezu alle bildungen in den eigentlichen gebrauch von grau (
s. d. A). —
die form der komponierung ist ausschlieszlich die fugenlose. ältere bildungen treten vielfach mit den unter '
herkunft und form'
behandelten form- bzw. schreibungsvarianten auf, z. b.: mit gro-
in grolaken
Marienb. treszlerb. 586
Joachim; grolöcket G. Alt
b. d. cron. (1493) 250
b; grobarsch B. Faber
thesaur. (1587) 1033
b,
mit grö-
in grömönchen S. Grunau
pr. chron. 1, 202
Perlbach, mit graw-
in grawendten B. Faber
thesaur. (1587) 52
b; grawfärbig Hulsius (1618) 141
b,
mit grauw-
in grauwentle Heusslin
Gesners vogelb. (1557) 34
a,
mit grag-
in grageslen H. Braunschweig
chir. (1498) 68
a,
mit grab-
in grâbschôpf Hartmann
volksschausp. in Bayern 268
usw. kompositionstypen. 11)
im anschlusz an grau A 2
und 3
entstehen bildungen, die auf den menschen bezogen sind. 1@aa)
vorwiegend solche zusammensetzungen, die das graue haar des menschen und damit meist zugleich sein vorgeschrittenes lebensalter bezeichnen; die meist adjektivischen bzw. partizipialen bildungen sind nicht nur, wie unter grau A 2 a,
dem haupt- und barthaar unmittelbar, sondern oft, wie in den erweiterten gebrauchsweisen grau A 3 a
und b,
bestimmten körperteilen oder dem ganzen menschen zugeordnet: