gottseligkeit,
f. ,
frömmigkeit. genitivfuge begegnet nur selten: gotsseligkeit Luther 33, 610
W.; gottesseligkeit Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 10; E.
M. Arndt
w. 5, 162
R.-M. die abstraktbildung zu gottselig (
s. d.)
wird von Luther,
besonders in der bibelübersetzung, in bedeutung und gebrauch und bis in einzelne sprachliche wendungen hinein weitgehend festgelegt. die verbreitung in der protestantischen literatur des 16.
jhs. vollzieht sich wie bei dem zugrunde liegenden adj. überaus schnell; und wie dieses so zieht sich auch die substantivische ableitung, durch das simplex seligkeit (
s. d.)
bedeutungsmäszig nicht mehr gestützt, seit dem ende des 18.
jhs. aus dem lebendigen religiösen wortschatz mehr und mehr zurück. 11)
frömmigkeit. ursprünglich in spezifisch protestantischem, dann auch in allgemeinerem sinne. 1@aa)
bedeutungsumfang. 1@a@aα)
der verwendung von gottselig 1
entsprechend, steht gottseligkeit
neutestamentlich für gr. εὐσέβεια 1. Tim. 2, 2; 4, 7
f.; 6, 3;
Tit. 1, 1
u. ö.; einmal auch für θεοσέβεια 1. Tim. 2, 10.
in der vulgata entspricht in allen fällen lat. pietas. auszerhalb des neuen testaments begegnet das wort biblisch nur in den apokryphen, und zwar weish. 10, 12
für εὐσέβεια,
sapientia; Bar. 5, 4
für θεοσέβεια,
pietas. die vorlutherischen bibeldrucke verwenden an den entsprechenden stellen vor allem miltikeit
und erbermede, erbarmd,
selten anderes wie senftmútikeit (
1. Tim. 4, 8)
erste dt. bibel 2, 217
Kurr.; die wenig jüngeren varianten bevorzugen gütigkeit.
ältere übersetzung bietet einmal suzmutekeit (
Bar. 5, 4) Claus Cranc
prophetenübers. 176
Ziesemer. lexikalisch wird gottseligkeit
meist mit '
pietas'
wiedergegeben, vgl. Er. Alberus
dict. (1540) yy 1
b; Stieler
stammb. (1691) 1993;
jünger daneben auch mit '
devotio',
vgl. Steinbach dt. wb. (1734) 1, 625;
ferner Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 766
a. 1@a@bβ) gottseligkeit
wird gekennzeichnet als die reine form der frömmigkeit, die an einem verhalten sichtbar wird, das in der liebe zu gott gründet und seinen zweck allein in der ehre gottes hat. Luther
knüpft die inhaltliche bestimmung des begriffs an an 2.
Petr. 1, 6: so wendet allen ewren vleis daran, vnd reichet dar ... in der gedult gottseligkeit.
dazu die auslegung: das ist: das wyr ynn allem eusserlichen leben, was wyr thun odder leyden, uns also halten, das wyr gott darynne dienen, nicht unser ehre und nutz suchen, sonder das gott alleyne dadurch gepreyset werde, und das wyr uns also stellen, das man mercken kunde, das wyr alles umb gottes willen thun (1523/24) Luther 14, 21
W. jünger in prägnanter kürze: und also ist die gottseligkeit eine fertigkeit seine handlungen zur ehre gottes einzurichten Chr. Wolff
gedancken v. d. menschen thun (1720) 446; man pfleget auch einen gottseeligen menschen fromm, und die gottseeligkeit frömmigkeit zu nennen
ebda. komplexer wird die begriffsbestimmung verbunden mit dem ersten gebot: des ersten gebots tugend ist gottseligkeit, das ist gott fürchten, lieben und vertrauen
bei Luther
tischr. 1, 542
W. 1@a@gγ) gottseligkeit
als dem bereich neutestamentlicher frömmigkeit angehörig, wird abgegrenzt gegen gottesfurcht (
s. d.),
das mehr im sinne der alttestamentlichen gesetzesfrömmigkeit auf die erfüllung des göttlichen willens zielt: εὐσέβεια heiszt der gottesdienst, der rechte, auch wohl der glückselige gottesdienst, wie es ganz schön mit dem wort gottseligkeit ausgedruckt ist, und sticht gegen das alt-testamentische wort gottesfurcht recht wohl ab Zinzendorf
amerik. reden (1746) 1, 35.
zur abgrenzung der begriffe vgl. auch unter gottesfürchtig 1 c
und d
und gottselig 1 a
β.
über das verhältnis beider begriffe heiszt es: derowegen ist die gottesfurcht ein mittel zur gottseeligkeit Chr. Wolff
gedancken v. d. menschen thun (1720) 446. 1@a@dδ) gottseligkeit
kennzeichnet seiner ausprägung in der sprache Luther
s nach und gerade auch in der abgrenzung gegen den älteren begriff der gottesfurcht
in spezifischer weise die protestantische wendung zu einer frömmigkeit, die von werkgerechtigkeit und formaler gesetzeserfüllung absieht. bezeichnenderweise scheinen die katholischen bibelübersetzungen des 16.
jhs. trotz starker abhängigkeit von Luthers übersetzung das wort nicht zu verwenden; so verdeutscht z. b. Hier. Emser
das gantz new testament (1529)
lat. pietas an den entsprechenden stellen durch umschreibungen wie tzucht
1. Tim. 2, 2; gOettlich wesen
ebda 10; gOetlich leben
ebda 4, 8; gottis dienst
ebda 6, 5; gOetlichen wandel 2.
Petr. 1, 6.
andererseits kann gottseligkeit
im 16.
jh. prägnant auf die protestantische lehre zielen: zum anderen sein die pastoren vnnd seelsorger schuldig die jenigen, so die gewisse lehre von der gottseligkeidt angenomen, vnd gefazt haben, zu ermanen Hermann
V. v. Wied
reformation (1545) A 4
a.
auch in jüngerer zeit kann die protestantische note des wortes noch betont werden: er (
Winckelmann) scheint diese gewohnheit (
seine bibelstudien) als eine art frommen werks zu betrachten, das ihm bei den früheren freunden aus der alten (
luther.) kirche die anerkennung eines noch vorhandenen antheils an christlich-protestantischer gottseligkeit verschaffen soll Justi
Winckelmann (1866) 1, 57. 1@a@eε) gottseligkeit
büszt, ebenso wie das zugrunde liegende adj. gottselig,
seine protestantische note weitgehend ein; immerhin scheint es im 17.
jh. noch nicht mit '
frömmigkeit'
schlechthin identisch zu sein, da Treuer
unter zahlreichen attributiven verbindungen des wortes auch fromme gottseligkeit
dt. Dädalus (1675) 1, 780
anführen kann. spätestens seit dem 18.
jh. jedoch kann es in einem allgemeineren sinne von '
frömmigkeit'
verwendet werden; vgl. besonders die verbindung gottseligkeit und tugend
unter 1 b
γ;
ferner: die alte gottseligkeit ging (
im katholizismus des 16.
jhs.) gar oft in breiten mechanism über Görres
ges. schr. (1854) 1, 157; (
das testament von Seth) enthält allgemeine lehren der gottseligkeit in ziemlich koranmäszigem tone Rückert
ges. poet. w. (1867) 11, 547
anm. 6.
vereinzelt bedienen sich auch jüngere katholische bibelübersetzungen des wortes; z. b. Tit. 1, 1; 2.
Petr. 1, 6
f. d. ganze heil. schr. (
Prag 1781).
in seiner verallgemeinerten bedeutung erfährt gottseligkeit,
als religiöser wertbegriff den bereich von '
frömmigkeit'
und '
gottesdienst'
umschreibend, bei Kant
eine leichte abwertung dem moralischen tugendbegriff gegenüber; gottseligkeit enthält zwei bestimmungen der moralischen gesinnung im verhältnisse auf gott; furcht gottes ist diese gesinnung in befolgung seiner gebote aus schuldiger (unterthans-)pflicht ...; liebe gottes aber aus eigener freier wahl und aus wohlgefallen am gesetze Kant 6, 182
akad.; vgl. dazu: die gottseligkeitslehre kann also nicht für sich den endzweck der sittlichen bestrebung ausmachen, sondern nur zum mittel dienen, das, was an sich einen besseren menschen ausmacht, die tugendgesinnung, zu stärken; dadurch, dasz sie ihr (als einer bestrebung zum guten, selbst zur heiligkeit) die erwartung des endzwecks, dazu jene unvermögend ist, verheiszt und sichert. der tugendbegriff ist dagegen aus der seele des menschen genommen ... (
er) darf nicht, wie der religionsbegriff, durch schlüsse herausvernünftelt werden
ebda 183.
im übrigen verliert das substantiv gottseligkeit
ebenso wie das adjektiv seit dem 18.
jh. an religiöser lebenskraft (
vgl. unter 2 b);
aber im ganzen ist es, unbeschadet einer verallgemeinerung seines sinnes, in seiner ernsthaften bedeutung beständiger, da es in einer reihe fester vorstellungsbereiche und geprägter wendungen in biblischer tradition gehalten wird (
vgl. die anwendungen unter b). 1@bb)
in seiner anwendung erscheint gottseligkeit
als charakteristischer und in sich selbst verständlicher begriff im sinne von a. 1@b@aα)
als allgemeine erscheinungsform und als objektive gegebenheit mit dem charakter eines religiösen wertes, ohne rücksicht auf ihren persönlichen träger. 1@b@a@aaαα)
in objektivierender sicht als eine in irgendeinem sinne erfaszbare tugend: so jemand anders leret, vnd bleibet nicht bey den heilsamen worten vnsers herrn Jhesu Christi, vnd bey der lere von der gottseligkeit, der ist verdstert
1. Tim. 6, 3; vnd es also got gefallen hat, das man die lere der gotseligkayt mit der schrifft, gleich als mit getrewen gezeügen, erfassen solt (1524)
mon. Germ. päd. 20, 30.
ähnlich in heidnischer beziehung: als aber das gereiftere zeitalter (
eines Thales, der Sokratiker u. a.), göttlicher von gott und gottseligkeit zu denken, sich getrauete J. H. Voss
antisymb. (1824) 1, 195.
in ihrem sinn und wert bestimmt: vnd (
die weisheit) gab jm (
dem gerechten) sieg in starckem kampff, das er erfre, wie gottseligkeit mechtiger ist denn alle ding
weisheit 10, 12; denn die leibliche vbung ist wenig ntz, aber die gottseligkeit ist zu allen dingen ntz, vnd hat die verheissung, dieses vnd des zuknfftigen lebens
1. Tim. 4, 8; J. Prätorius
winterflucht d. sommer vögel (1678)
vorr. A 6
b; die gottesseligkeit ist nach dem ausspruch des heiligen geistes zu allen dingen nütze H. v. Fleming
d. vollk. soldat (1726) 10; denn für uns musz immer gültig bleiben der alte wahlspruch, dasz die gottseligkeit zu allen dingen nuz ist, und dasz sie allein die verheiszung hat des zeitlichen und des ewigen lebens Schleiermacher
s. w. (1834) II 4, 2; menschen ..., die da meinen, gottseligkeit sey ein gewerbe
1. Tim. 6, 5; sie mainen, gotseligkayt sey vmb geniesz willen Eberlin v. Günzburg 2, 9
ndr.; ebda 1, 180; J.
M. Miller
predigten f. landvolk (1776) 2, 38; die gottseligkeit selbst ist zu ihr (
der reinen Christusreligion) nur mittel, aber das kräftigste mittel, wie Christus vorbild zeiget Herder 20, 264
S. 1@b@a@bbββ)
als religiöse norm für die bewertung einer handlung oder eines verhaltens: ligt dir (
bei der erfüllung des göttlichen gebots) dein vatter im weg, spricht Hieronymus, so gehe über jn hin, vnd tritt auff jn, die grewlicheyt ist hie die hOehst gotseligkeyt Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 4
a; hier aber machte die rache die zerfleischung der gefangenen ... zur gottseligkeit Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1212
a.
jünger in historischer anwendung, unter einflusz von 2 b
α: und was sie (
die jungen leute aus Franckes waisenhaus) vernehmen lieszen, hatte wenig mit gottseligkeit zu tun Ina Seidel
Lennacker (1938) 351. 1@b@a@ggγγ)
unter dem gesichtspunkt der realisierbarkeit als allgemeine form einer religiösen lebensführung: dafür sollen wir in (
Christus) auch halten, das er das heubt und oberherr des christenthums und aller gottseligkeit ist Luther 16, 218
W.; dasz er (
der könig) gerecht sey jederzeit, vnd schütze die gottseligkeit
lieder a. d. winterkönig 12
Wolkan; könig Salomo setzet zum grundstein der weiszheit die erkantnisz solcher eitelkeiten, auf welche er nachmals stuk für stuk den bau waarer gottseligkeit erhebt und aufführet Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 246; mein vorsatz ist, alle menschen zu überführen, wie sehr es ihr eigner vortheil erfordert, einmüthig ... an der erhaltung ... der gottseeligkeit ... zu arbeiten Cramer
nord. aufseher (1758) 1, 9.
in scherzhaftem zusammenhang: und schon längst hat der tägliche verfall des wahren christenthums im Lengefeldischen haus wie eine zentnerlast auf meinem christlichen herzen gelegen!! ich stifte dieses (
eine englische bibel) zur beförderung der wahren gottseligkeit — und der englischen sprache (1788) Schiller
br. 2, 97
Jonas. mehr in begrifflicher abstraktion: dargegen schleicht die gotseligkeyt stil in der tieff daher, hat keinen platz, rhuom, gnad oder ohr auff erden, sonder ist der fromm wol ein halber stumm, niemand wil jn hOeren Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 146
b. 1@b@a@ddδδ)
in der bindung an sachliche gegebenheiten: bücher ..., die voller weisheit unnd gotsseligkeit sindt Luther 33, 610
W.; und doch erhielt ihn gott, und stärkte ihn so mächtig, dasz er in seinem kerker geistliche lieder verfertigte, die voll andacht und gottseligkeit sind Schubart
leben (1791) 2, 155.
ähnlich: wie du (
Lavater) die feste der gottseeligkeit (
kirchliche feste) ausschmückst, so schmück ich (
Goethe) die aufzüge der thorheit (
karneval) (1781)
schr. d. Götheges. (1885) 16, 149. 1@b@bβ)
in unmittelbarer beziehung auf eine person oder von einer solchen beziehung kaum zu lösen, erscheint gottseligkeit
als besitz, haltung und verhaltensweise eines menschen, neben einer individuellen auch in genereller zuweisung. 1@b@b@aaαα)
als persönlicher besitz: das (
die brüderliche liebe) ist auch eyn beweysung des glawbens, damit wyr bezeugen, das wyr die gotseligkeyt haben Luther 14, 21
W.; so bekennt Luther selbst, ... das bey den bAepstischen der recht kern der gottseligkait sey Joh. Nas
antipap. eins vnd hundert 2 (1570) 144
b; so soll auch der mensch ... zu einem schönen lichten leben die ehre, tugend und gottseligkeit in eintracht verbinden und formen Eichendorff
s. w. (1864) 2, 259.
so häufig in der verbindung mit possessivem attribut: umb willen ires vatters gottseligkeit und guten namens Kirchhof
wendunmuth 2, 474
Ö.; alwo er (
d. hl. Romedius) vnterwegs den h. Vigilium bischoff zu Trient besuecht, vnd sich in sein gottseeligkeit also verliebt Brandis
ehrenkräntzel (1678) 61; die gottesseligkeit der herzen wird ... durchzuckt von nacht und nichts mit wirren höllenschmerzen E.
M. Arndt
w. 5, 162
R.-M. 1@b@b@bbββ)
als persönliche form einer religiösen lebensführung und haltung im dienst an gott: vns aber stAerckt gottseligkeit, dieweil wir jetzt je fhren streit wieder die abgOettischen rott, welche gantz grAewlich schAenden gott. die wieder vns streiten der massen, dieweil sie gottseligkeit hassen W. Spangenberg
ausgew. dicht. (1887) 232; aber ich fieng an, und gieng in mich selber, nit zwar ausz gottseeligkeit oder trieb meines gewissens, sondern ausz sorg, dasz ich einmal auf so einer kürbe (
d. i. kirchweih
im sinne von '
zuchtloses treiben') erdappt, und nach verdienst bezahlt werden möchte Grimmelshausen
Simpl. 308
Scholte. oft in der wendung in (aller) gottseligkeit
leben, handeln: auff das wir ein gerglich vnd stilles leben fren mOegen, in aller gottseligkeit vnd erbarkeit
1. Tim. 2, 2; der ist wie ein gepflanzter baum an den wasserbächen mit raum, der sein frücht bringt zu seiner zeit gantz in aller gottseligkeit Hans Sachs 18, 23
lit. ver.; dadurch sie erbauet würden in der gottseligkeit und erbarkeit Schupp
schr. (1663) 344; gieb unserm fürsten und aller obrigkeit fried und gut regiment, dasz wir unter ihnen ein geruhiges und stilles leben führen mögen in aller gottseligkeit und ehrbarkeit
poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 39
Weichmann; Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 212.
in der nicht sehr häufigen wendung sein leben in gottseligkeit beschlieszen, endigen
liegt vielleicht einflusz von gottselig 3 a
her vor, jedoch, im gegensatz zum adjektiv, hier ohne lösung aus der bedeutung '
frömmigkeit': die jungen fürsten aber in Teutschland, Böhmen und den andern königreichen, lebeten in glüklicher gesegneter ehe ... bisz sie ... endlich ihr leben in christlicher gottseligkeit beschlossen A. H. Bucholtz
Herkuliskus (1665) 1461; und wird der mensch ... nachdem er sein leben ... in gottseeligkeit geendiget hat, ... zur ewigen freude ... geführet Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 533.
die wendung werke der gottseligkeit
umschreibt handlungen, die in der haltung der gottseligkeit
vollzogen werden: wo die werke der gottseligkeit fehlen Luther 10, 3, 95
W.; Hans Sachs 18, 336
lit. ver.; so lange du dem haus gottes abwartest und den werken der gottseligkeit, hast du kein übel zu fürchten Abr. a
s. Clara
w. 1, 27
Strigl. 1@b@b@ggγγ)
als haltung, um die sich ein mensch bemüht oder zu der er angehalten wird: vbe dich selbs aber an der gottseligkeit
1. Tim. 4, 7; jage aber nach der gerechtigkeit, der gottseligkeit, dem glauben, der liebe, der gedult, der sanfftmut
ebda 6, 11; dass sie (
die menschen) ... sich zur gottseligkeit vnd zierde der tugent, mit grosser sorge zu ehren erwecken vnd ermahnen Nigrinus
von zäuberern (1592) 14; bevorab, da der könig ... sie (
seine offiziere) zu gleichmAessiger gottseligkeit vermahnet, mit diesen mercklichen worten: je mehr betens, je mehr siegs: fleissig gebetet, sey halb gefochten Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 55
b; sofern ihr nur der gottseligkeit euch ergebet Herder 16, 423
S. hierher auch: (
Christus) erinnert die kindthait mit einem gedenckwirdigen tewrm wort zuo der lieb der gotseligkeit (
studium pietatis) (1524)
mon. Germ. päd. 20, 30; recht fürstliche gedanken mit deutscher redlichkeit haben sie (
d. kurfürstl. sächs. haus) ohn wanken auch lieb gottseligkeit
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg (1862) 47.
ähnlich in historischer anwendung: haus-freund ..., wenn ihr einmal vogt werdet, ... so müszt ihr eure untergebenen fleiszig ... zur gottseligkeit anhalten, und ihnen selber mit gutem beispiel voranleuchten J. P. Hebel
w. 2, 234
Behaghel; in dieser weltlichen lage (
in weltlicher kleidung) biete (
du, der mönch Vitalis) alsdann all deinen scharfsinn und verstand auf, mich von dir (
d. h. der liebe zu dir) ab- und der gottseligkeit zuzudrängen G. Keller
ges. w. (1889) 7, 407.
an 1. Tim. 4, 7
f. (
s. oben u. unter 1 b
α αα)
schlieszt der häufig begegnende typus übung der gottseligkeit
an: vnd in gemein diese art zu lehren, mir ... vortreffliche leute inn kirchen vnd schulen ... sind vorgegangen, vnd mich und andere ... zu solchen vnd dergleichen geringer vbungen der gottsehligkeit, gar ernst vermahnet Rinckhardt
d. Eisleb. christl. ritter 9
ndr.; ihrer viel haben ... die wissenschafft des rechten glaubens, ohne übung der gottseligkeit Butschky
Pathmos (1677) 38; vergebens suchet man in der kirche eine aufmunterung zur andacht und zur ausübung der gottseligkeit Gottsched
crit. historie (1732) 6, 454; zu strenger übung der gottseligkeit Rückert
ges. poet. w. (1867) 10, 169. 1@b@b@ddδδ)
in wendungen, die auf eine nach auszen zur schau getragene frömmigkeit zielen: wie hätte er (
Paulus) sich gerade des wortes
μορφή bedient, was sonst überall ... das gegentheil des wesens bedeutet, z. b. in einer anderen stelle (
2. Tim. 3, 5), wo von menschen gesagt ist, welche die
μόρφωσις,
d. h. die äuszere form, gestalt der gottseligkeit, an sich tragen, denen aber das wesen fehlt Schelling
w. (1856) II 4, 40.
in nicht christlicher anwendung: die unterbärte lassen sie (
die Perser) auch wegnehmen, auszgenommen ihre pyht, welches alte heilige leute sind, die ihren leib mit essen und trincken casteyen, immer beten, und einen guten schein der gottseligkeit von sich geben Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 306.
meist eine vorgetäuschte frömmigkeit umschreibend: und (
Luther) thut das alles under der gestalt der cristlichen gotseligkeit und freiheit, so doch die warhaftig gotseligkeit ist, sich unbefleckt bewaren vor dieser welt (1522)
bei Planitz
berichte 297
Wülcker; täglich sie in der statt rumorn, die jungkfrawen und weiber schenden, doch gross gotseligkeit fürwendn, als haltens vest
ob gottes gsetzen Hans Sachs 11, 319
lit. ver.; sich underm schein der gotseligkeit als einen got lassen ehren (
in beziehung auf den papst) Sleidanus
reden 97
lit. ver.; Thomasius
kl. dt. schr. (1894) 134; frechheit der frömmlinge, niederträchtigkeit und bosheit im gewande der gottseligkeit Varnhagen v. Ense
tagebücher (1861) 2, 42. 1@b@b@eeεε)
wendungen, die den mangel an gottseligkeit
in haltung und lebensführung umschreiben, festigen sich nicht: wie yhene sich verlassen auff das auffrichten gemelter ceremonien, vnd vermeynen gott eyn dienst daran zu thun, on alle gottseligkeit, vnd gefallen yhnen selbs wol Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 211
ndr.; gottseligkeit acht man nicht viel Dedekind
papista conversus (1596) D 8
a; ein christ soll diese feindin (
die welt) mit ihrem sündenwesen überwinden, und ihre gunst für einen hasz der gottseligkeit achten Harsdörffer
d. teutsche secretarius (1556) 1, 45. 1@b@gγ)
häufig in verbindungen und reihungen neben anderen begriffen religiös-sittlichen inhalts. nur älter vereinzelt neben gütigkeit
und mit diesem wohl noch synonym: aller gotseligkeyt vnd guotigkeyt, eyn unmenschlich, grausam verderbnus Hutten
opera 2, 194
Böcking. auch die verbindung mit gottesdienst
begegnet nur im älteren nhd.: der recht gottesdienst vnd die gotseligkeit ... stehet im vertrawen auff gottes guette vnd barmhertzigkeyt Agricola 750
teutscher sprichw. (1534) a 5
a; der teufel aber ... ist dem gottesdienst und aller gottseligkeit zuwider Döpler
theatrum poen. (1693) 428.
häufiger mit ehrbarkeit
verbunden, vgl. 1. Tim. 2, 2
unter 1 b
β ββ: in aller gottseligkeit, zucht, erbarkeit Mathesius
Sarepta (1571)
vorr. 2
a; jr (
der fürsten) ampt erfordert, das waare gottseeligkeit, gerechtigkeit, zucht, erbarkeit vnd zeitlicher fried erhalten werden mög Schweigger
reyszbeschr. (1619) 156; Paulus sagt, wir sollen bethen, dasz wir ein ruhiges und stilles leben in aller gottseligkeit und ehrbarkeit führen mögen Hegner
ges. schr. (1828) 5, 325.
seit dem 17.
jh. häufig gottseligkeit und tugend: weitbeschreyte kunst, tugend vnd gottseligkeit Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 48; ich solte unseren seligen mitbruder auch wegen seiner gottseligkeit und anderer tugenden halber herausstreichen Grimmelshausen 2, 356
Keller. namentlich in dieser verbindung seit dem 18.
jh. deutlich als allgemeiner religiöser wertbegriff gegenüber einem ebenso allgemeinen moralischen (
vgl. ob. unter 1 a
ε): gottseeligkeit und tugend machen den charakter aus, ohne welchen niemand an dem künftigen zustande der glückseeligkeit und sicherheit unter seiner (
gottes) gerechten und gnädigen regierung theilnehmen wird Cramer
nord. aufseher (1758) 1, 70; das ist dem ... sünder eben recht, wenn auch unvollkommenes trachten nach gottseligkeit und tugend vor gott als völlige erfüllung seiner gebote gilt
allg. dt. bibl. (1765) 90, 87; daher geschah es, dasz man ... wohl gar die tugend und gottseligkeit in einsames nachdenken und speculieren setzte Fichte
s. w. (1845) 4, 274.
verbunden mit andacht: welches alles mich zu zimlicher andacht und gottseeligkeit reitzete Grimmelshausen
Simpl. 379
Scholte; so ist demselben von jugend auff weder an dapfferkeit eines heroischen soldaten, noch an gottseeligkeit und andacht ... niemals nichts abgangen
ebda 60; die religion wird in ihren wahren verehrern empfindungen der andacht und gottseligkeit erwecken
br., d. neueste litt. betr. 19 (1764) 136
Nicolai. andere verbindungen begegnen nur vereinzelt: das offt ... die grOest ketzerey, thorhait vnnd sünd, die grOeszt frumkait, gotseligkait, weiszhait vnd gerechtigkait ist Seb. Franck
paradoxa (
o. j.) 102; dasz überflusz und sattes leben nimmer messigkeit und gottseligkeit gebieret Kirchhof
wendunmuth 1, 495
Ö.; wir, in aller ainfalt unt gotseligkait wandlende Schede
psalmen 51
ndr.; und wenn die gemachten einwürfe gar nicht einmal religion, gottseligkeit und wahrheit ... beträfen? Herder 23, 139
S.; gottseligkeit und frömmigkeit K. Ph. Moritz
Anton Reiser 130
lit.-denkm.; sein blick sprach mehr als unschuld der natur, er sprach gottseligkeit und liebe Schubart
s. ged. (1825) 2, 36. 22)
abweichungen von dem in sich gefestigten ernsthaften gebrauch des wortes. 2@aa)
ein ironischer gebrauch für ein unfrommes, gottloses verhalten findet sich im 16.
jh.: solcher heiligthuombs kremer (
der pfaffen, die aus dem reliquienkult geld schlagen) gottseligkeit köndet ir allein ausz nachbeschriebenen zwo oder dreyen schalckheiten ermessen und judiciren Kirchhof
wendunmuth 1, 538
Ö. bezeichnenderweise hier auch in sonst ungebräuchlichem plural: doctor Faustus sahe auch darjnnen ... alle schöne gottseligkeitten dess pabsts und seins geschmeiss (
Wolfenbütteler fassung)
hist. d. Johannis Fausti 59
Milchsack (
der druck von 1587
dagegen hat: alles gottloses wesen
d. volksb. v. dr. Faust 60
ndr.). 2@bb)
seit der mitte des 18.
jhs. zeigt die allmählich seltener werdende verwendung des wortes namentlich dort unsicherheit, wo sie nicht durch historische beziehung oder biblische tradition gestützt wird; ein zeichen dafür, dasz der charakter eines lebendigen religiösen wortes verloren geht. die einzelnen bedeutungsnuancen entsprechen im allgemeinen denen von gottselig (
s. d. unter 2),
sie sind aber schwächer ausgeprägt und begegnen entschieden seltener als diese;
vgl. oben 1 a
ε. 2@b@aα)
bei noch ernsthaftem religiösem gebrauch kann das wort einen ihm ursprünglich fremden gefühlsakzent erhalten. von einer betont verinnerlichten, stillen frömmigkeit: insofern man aus blosser liebe zur einsamkeit ... die welt fliehet, und sich aus wahrer andacht gänzlich der gottseligkeit wiedmet Zimmermann
einsamkeit (1784) 4, 415; wie freute er (
der dem sektierertum verfallene knabe) sich, dort von seinen groszen fortschritten in der innern gottseligkeit rechenschaft ablegen zu können K. Ph. Moritz
Anton Reiser 19
lit.-denkm. mit leichtem abstand: ach bruder, so eine stube daheim, blitzeblank, so ein bäschen ... und ein essen ... sei nur ruhig, bruder, auch die gottseligkeit sei nicht vergessen, unsere braven beginen P. Dörfler
abenteuer d. Peter Farde (1929) 204.
bei spürbarer disztanzhaltung des sprechers mit dem nebenton des übersteigerten, schwärmerischen: die gottseligkeit hat aber bei ihm (
Fr. H. Jacobi) einen andern ton angenommen, der ihm hinderlich ist. jene krankhafte sentimentalität der spielenden personen ... spannt sich dann vergeblich zu metaphysischen spekulationen in einer oft emporgetriebenen, dunkeln sprache Hegel
w. (1832) 16, 208; wer verzückt sich am tiefsten in mystischer gottseligkeit und wer spricht am gleichgiltigsten mit dem teufel? immer der Schlesier G. Freytag
ges. w. 16 (1888) 158.
mehr von einer betont ernsthaft, eifrig betriebenen frömmigkeit: denn die berufenen (
die unter Cromwell ins parlament berufenen puritaner) schienen auch auserwählt; es waren alles männer von bekannter gottseligkeit Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 16, 35. 2@b@bβ)
auf eine unechte frömmigkeit zielend, kann das wort, namentlich in abwertendem zusammenhang, einen abschätzigen beiklang erhalten: aus dieser neuen frechheit (
religiöse fabeleien zu erdichten) sind so viel schlimme stücke heiliger poesien, dieser geistlichen romane, aller der zur lust ausgeheckten histörchen entsprungen; entweder den sünder zu erschrecken, oder die einfältigen mit wundern und zeichen, und erstaunlichen abentheuern zu ergetzen, ja sie in einer dummen gottseligkeit zu unterhalten
anmuth. gelehrsamk. 2, 67
Gottsched; wie könnt es hier (
in London) anders sein, wo ... die feiste gottseligkeit des reichgewordenen speckhökers einen mit hochachtung vor all den ehrlichen leuten erfüllt, die sonntags vormittag lieber eine havannazigarre als die heiligkeit einer englisch-frommen versammlung riechen? Fontane
ges. w. (1920) II 4, 176.
mehr oder weniger persiflierend, im anschlusz an 1. Tim. 4, 8
unter 1 b
α αα: (
ein reicher, aber geiziger mann) betete nicht einmal ein vater unser umsonst; denn die gottseligkeit, sagte er, sey zu allen dingen nütze Rabener
s. schr. (1777) 2, 64; gottseligkeit ist zu allen dingen nütz, sagte der schneider, aber einen mantel kann man doch nicht daraus machen
bei Wander
dt. sprichw.-lex. 2, 116. 33)
unabhängig von dem im groszen und ganzen festen gebrauch der wortes im sinne von '
pietas'
begegnen vornehmlich im älteren nhd. einzelne andere bedeutungen. so als bezeichnung für die göttliche gnade, von der neutestamentlichen verbindung der selige gott
1. Tim. 1, 11; 6, 15
her: und der almechtige verleie uns allen sein gotseligkeit (1542)
bei Schade
satiren u. pasquille 1, 79.
wohl in die gleiche richtung weisend: im namen der gottseligkeit, hebe dich von mir, du nachtschwärmender geist, begib dich zur ruh (
ein söldner zu einem betrunkenen vorgesetzten) Eichendorff
s. w. (1864) 4, 504.
für offenbarungs- und heilswerte; vgl. 1. Tim. 3, 16: bisz dasz zu letzt in der vollkommenheit der zeit, das geheimnisz der gottseligkeit ist offenbahret Opitz
teutsche poemata 171
ndr.; woraus (
aus dieser kirchenhistorie) sodann der anfang, wachsthum, höchste gipffel, und die übrige umstände oder zufälle des geheimnisses der boszheit, so wol als der gottseligkeit, sonnenklar ersehen würden Arnold
unpart. kirchen- u. ketzerhist. (1700)
vorr. nr. 8.