gottselig,
adj. ,
fromm; des ewigen heils teilhaftig. bei H. Sachs
gelegentlich, mit einschub eines -n-, gotseling 1, 148
lit. ver.; ebda 15, 194 (
zur grammatischen erklärung vgl. Weinhold
bair. gramm. § 168).
die zusammensetzung ist von Luther
geprägt und begegnet fast durchweg in fugenloser bildung; nur vereinzelt gottsselig Spreng
Äneis (1610) 90
b;
jünger einmal gottesseliger lenz (
im vers) Weigand
renaissance (1903) 2, 81.
das wort verbreitet sich unter den anhängern Luther
s überaus rasch, bleibt aber in älterer zeit vorwiegend auf protestantische literatur beschränkt; seit dem ende des 18.
jhs. tritt es sichtlich zurück, nicht zuletzt deshalb, weil das grundwort selig
die vorherrschende aktive bedeutung des kompositums (
s. 1
u. 2)
nicht mehr zu stützen vermag. 11)
fromm. ursprünglich in der beziehung auf protestantische frömmigkeit, dann in einem allgemeineren und schlieszlich verblassenden sinne. 1@aa)
bedeutungsumfang. 1@a@aα)
der gebrauch von gottselig
wird weitgehend bestimmt durch Luther
s verwendung des wortes anstelle von gr. εὐσεβής (
bzw. εὐσεβῶς oder umschreibungen mit εὐσέβεια)
im neuen testament, wo ältere deutsche bibelbearbeitungen vor allem milte (
vulg. pius)
oder ableitungen von diesem (
s. unten),
seltener geistlich (
apostelgesch. 10, 2;
vulg. religiosus)
erste dt. bibel 2, 322
Kurr. oder umschreibungen mit erbermede (
1. Tim. 3, 16; 6, 6;
vulg. pius)
ebda 3, 216; 221
haben: so nu das alles sol zurgehen, wie solt jr denn geschickt sein, mit heiligem wandel vnd gottseligem wesen? 2.
Petr. 3, 11 (
erste dt. bibel: in milten); vnd alle, die gottselig leben wollen in Christo Jhesu, mssen verfolgung leiden
2. Tim. 3, 12 (
erste dt. bibel: miltiglich);
vgl. 2. Tim. 3, 5; 2.
Petr. 2, 9.
zu vergleichen ist: deshalb die Francken ... jn nannten pium, den gütigen oder gottsAeligen Stumpf
Schweizer chron. (1606) 232
a. 1@a@bβ)
in engem anschlusz an selig
in seiner seit dem 16.
jh. weitgehend schwindenden aktiven bedeutung, in religiöser anwendung im sinne von '
fromm' (
s. selig II 1,
bes. b
β,
teil 10, 1,
sp. 515
ff.),
bezeichnet gottselig
einen komplex des begriffsfeldes '
fromm'
in beziehung auf eine menschliche grundhaltung, '
in seinem ganzen verhalten gut und fromm seiend um der ehre gottes willen'.
im absehen von einer auf formale gesetzeserfüllung und werkgerechtigkeit gerichteten [] frömmigkeit empfängt das wort so eine spezifisch protestantische note, die u. a. greifbar wird in der abgrenzung gegen gottesfürchtig (
s. d. unter 1 c
u. d),
für das die erfüllung des göttlichen willens betont im vordergrund steht. eine solche bei Luther
bereits praktisch durchgeführte abgrenzung wird später auch theoretisch dargelegt: wer all sein thun und lassen zu gottes ehre einrichtet, der ist gottseelig ... wer nichts vornehmen wil, als weil er es erkennet dem willen gottes gemäsz zu seyn, noch etwas unterläszet, als weil er es erkennet dem willen gottes zuwieder zu seyn, der befördert gottes ehre ... und ist zugleich gottsfürchtig ... derowegen ist die gottesfurcht ein mittel zur gottseeligkeit Chr. Wolff
ged. v. d. menschen thun (1720) 466.
an der substantivischen ableitung gottseligkeit
wird der protestantische frömmigkeitsbegriff durch die definition Luther
s besonders deutlich (
vgl. gottseligkeit 1 a
β);
aber auch der gebrauch des adjektivs weist im 16.
jh. hier und da auf eine in speziellem sinne verstandene frömmigkeit: solche köpfe (
die die menschheit Christi von seiner gottheit trennen) sind nicht gottselig (
var. ingenia religiosa), sondern ehrgeizig; sie suchen nicht gottes, sondern ihre eigene ehre (1542) Luther
tischreden 5, 161
W.; dasz er im christlichen glauben, unnd gottseliger frombkeit, wol unterrichtet, gott den allmächtigen ... ausz hertzen liebe Lorichius
pädag. principum (1595) 19.
für den protestantischen charakter des wortes ist es bezeichnend, dasz die im übrigen durchaus von der Luther
-bibel beeinfluszten katholischen bibelübersetzungen des 16.
jhs. gottselig
nicht zu kennen scheinen. so ersetzt z. b. Hieron. Emser
das gantz new testament (1529)
das wort durch wendungen wie andechtig
apostelgesch. 10, 2; got dienet
1. Tim. 6, 6; geystlichen
2. Tim. 3, 5; nach got leben wöllen
ebda 12;
sogar durch gotsforchtig
Tit. 2, 12; 2.
Petr. 2, 9;
ebda 3, 11. 1@a@gγ)
wenn am anfang des 17.
jhs. das wort auch von katholiken verwendet wird, so darf man annehmen, dasz es zu dieser zeit bereits seine spezifisch protestantische note eingebüszt hat und in dem allgemeinen sinne von '
fromm'
verwendet werden kann: wann solche reichen ... was sie vbriges haben ... zu gottseligen wercken verwenden, alszdann ist solcher jhr standt gut Albertinus
Lucifers königreich 151
L. auch in jüngeren katholischen bibelübersetzungen begegnet das wort gelegentlich: (
die) lehre, die zu einem gottseligen leben führet (
1. Tim. 6, 3)
d. ganze heil. schr. (
Prag 1781).
auf der linie dieser bedeutungsverallgemeinerung liegt die namentlich im 17.
jh., vereinzelt freilich auch schon früher begegnende, nahezu typenmäszige gegenüberstellung des gottseligen
und des gottlosen;
vgl. auch unter gottlos A 2 a
β: der gottseligen und gottlosen leben (
ist) unterschidlich Hans Sachs 18, 22
lit. ver.; Ayrer
hist. proc. juris (1600) 378; der gottseligen thränen sind der gottlosen sindfluth vnd rotes meer, darin sie ersauffen Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) A 8
b; so haben auch diese mit ihrer lehr aus gottlosen gottselige gemacht Abr. a
s. Clara
w. 2, 61
Strigl. 1@a@dδ)
um 1700
und namentlich in der literatur der aufklärungszeit verliert die bedeutung '
fromm'
an religiösem gewicht. unter stärkerer ausprägung des typenhaften (
s.γ)
verblaszt gottselig
zu einem klassifizierenden beiwort, so dasz es bei allmählichem rückgang seines gebrauchs im laufe des 18.
jhs. den charakter eines lebendigen religiösen wortes einbüszt. gelegentlich mit dem nebenton des rechtschaffenen: lasz (
du, der geistliche '
von rechtem schrot und korn'
suchen soll) den muth nicht sinken, wenn du nur recht suchest, so wirst du schon gottselige männer, und gelehrte finden, die ihrer vernunft nicht trauen
anmuth. gelehrsamk. (1751) 4, 286
Gottsched. mehr in die richtung des erbaulichen weisend: die crönungs-ceremonien sind nicht etwan ... nur unnütze und vergebliche gebräuche und aufzüge: sondern gute gottselige und erbauliche gewohnheiten, die selbst in der heiligen schrifft ihren grund und auslegung finden J. Besser
schr. (1732) 1, 105.
mit noch schwächerem ausdruckswert: ich glaube, was die kirche glaubet (
d. i. wie die kirche urteilt): das ist ein
[] verfluchter ketzer, das ist ein recht gottseliger mann und wahrer christ
discourse d. mahlern (1721) 2, 67; (
als vorschlag eines themas für ein gedicht) bey dem tode eines rechts-gelehrten ... das vollkommene muster eines gottseeligen juristen und frommen christen Neukirch
anfangsgründe (1724) 249.
von hier aus in nicht christlicher beziehung, bereits mit einem anflug von spott (
vgl. unter 2 c
β): das (
die annahme der opfergeschenke) ist eben die ursache, denke ich, warum unser tempel (
in Delphi) so auszerordentlich reich ist ... das beste ist immer sie (
die geschenke) anzunehmen wie sie kommen und uns (
die Delphier), was diesen punct betrift, als blosze diener sowohl des gottes als der gottseligen geber zu betrachten Wieland
Lucian (1788) 6, 324. 1@bb)
syntaktische anwendungen. 1@b@aα)
in adjektivischem gebrauch überwiegt attributive stellung weitaus, sie herrscht seit dem 18.
jh. fast ausnahmslos. in der beziehung auf personen als lobendes, inhaltlich oft unscharfes beiwort: wo gottselige eltern sind, da geyd es wolgezogne kind Hans Sachs 1, 160
lit. ver. historisierend: haltet an, ehrwürdiger vater; ihr selbst und wohl auch andere haben mich in meinem glücke über gebühr gerühmt als ein gottseliges weib, das den heiligen treu diene G. Freytag
ges. w. 9 (1887) 277.
gelegentlich aus christlicher redeweise in einen nicht christlichen zusammenhang hinübergenommen: Äneas der gottsselig man Spreng
Äneis (1610) 90
b; Rückert
ges. poet. w. (1867) 12, 261.
in der beziehung auf unpersönliches bei bezeichnungen des menschlichen lebens, verhaltens, handelns: allerley herrliche exempel und vorbilde eines gottseligen und christlichen lebens an den altvetern und patriarchen Luther 16, 1
W.; die da haben das geperde eines gotseligen wandels
ebda 10, 1, 2, 333; und was uber solches (
erhalten der kirchen) alles überbleibt, sol er (
der lehensträger) ad pios usus, das ist: zu gottseligem brauch anlegen
ebda 50, 296; (
Faust) aber ist von diesem gottseligen fürnemmen (
theologie zu studieren) abgetretten vnd gottes wort miszbraucht
volksb. v. dr. Faust 11
ndr.; solchen gottseligen thaten (
des hl. Rochus) kann nur gott lohnen Göthe I 34, 41
W. bei bezeichnungen für geistige äuszerungen, auch solche objektiveren charakters: vnd kündlich gros ist das gottselige geheimnis (
τό τῆς εὐσεβείας μυστήριον), gott ist offenbaret im fleisch, gerechtfertiget im geist
1. Tim. 3, 16; sehet doch, was aufn concilien gehandelt ist worden ..., nichts von rechter gottseliger lehre Luther
tischr. 4, 457
W.; und man siehet, wie David und alle heiligen ihre gottselige gedanken in vers, reim und gesänge gebracht haben
ebda 6, 348; diese gute, gottselige, göttliche wort Widmann
Fausts leben 36
Keller; allerley gottselige gespräche
d. wohlgeplagte priester (1695) 22; die höflichkeit sowohl, als die christliche liebe, hat mir nicht zugelassen, ihnen dieses gottselige begehren abzuschlagen Liscow
sat. u. ernsth. schr. (1739) 5.
bei bezeichnungen menschlicher organe oder körperteile, die z. t. metonymisch für die person stehen: denn wie kan gott odder ein gottselig hertz anders von euch dencken, denn das yhr freylich eweren unterthanen feind seyd Luther 30, 2, 133
W.; allen gottsäligen oren billich zuoverhalten Stumpf
Schweizer chron. (1606) 9
b; glück zu, gottselige gemühter! wie herrlich sind die güter, mit welchen ihr, voraus am geiste, prangt!
poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 193
Weichmann; mein gottseliger sinn wollte ihre selbstständige, von einer verhaszten persönlichkeit unabhängige güte vertheidigen Fessler
Alonso (1808) 1, 50.
historisierend: wonach sein (
Melanchthons) gottseliges herz immer gedurstet hatte Ranke
s. w. (1867) 7, 59.
selten bei eigenschaftsbezeichnungen: deines gesichts gottseligen ernst Bodmer
d. Noah (1752) 101.
bei anderen ausdrücken teils mehr sachlicher, teils mehr abstrakter bedeutung: denn (
das biblische buch) Judith gibt eine gute, ernste, dapffere tragedien. so gibt
[] Tobias eine feine liebliche, gottselige comedien Luther
bibelübers. 7, 417
Bindseil; und las uns aus gottseligen büchern allerley vor Bräker
s. schr. (1789) 1, 168; denn steht er (
der christ) als ein fruchtbar baum zu gottes schutz und seinem segen, und gibt gottselig frücht allwegen Hans Sachs 18, 25
lit. ver.; ein feine gotselige hochzeit Wickram
w. 2, 120
Bolte. älter auch bei ausdrücken unbegrenzten bedeutungsumfanges: allein hielt wir nur vil gesprech von disen gottseligen dingen (
glaube, hoffnung, liebe), thettens aber ins werck nicht bringen Hans Sachs 17, 382
lit. ver.; alsdann brachte der einsidel die übrige zeit zu mit beten, und mich in gottseeligen dingen zu unterrichten Grimmelshausen
Simpl. 33
Scholte. 1@b@bβ)
prädikativer gebrauch ist selten. gewöhnlich in der beziehung auf personen: es ist aber ein grosser gewin, wer gottselig ist, vnd lesset jm genügen
1. Tim. 6, 6; Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 180
ndr.; (1542) Luther
tischr. 5, 161
W. (
s. unter a
β); man soll ... täglich gedencken zu sterben, vnd also gottseelig seyn, als wolt man ewig leben Lehman
floril. polit. (1662) 1, 402.
nur vereinzelt auf sachliches bezogen: weil dieser krieg christrühmlich und gottselig zu sein schiene
M. Krämer
leben u. tapffere thaten (1681) 150. 1@b@gγ)
häufiger begegnet substantivierung. von frommen menschen: bisz her hab ich mich geschämpt zuo bemühen mit meyner vnseligen historien der gotseligen oren, weliche auch sunst in seligern dingen bemühet seind Eberlin v. Günzburg
s. schr. 2, 97
ndr.; aber bei den gottseligen wird er (
der tod) mit seinem würgen nicht viel ausrichten Luther
tischr. 2, 598
W.; der gottseligen so da wandeln im wege dess herren Nigrinus
von zäuberern, hexen (1592) 192.
historisierend: die wenigen gottseligen unter ihnen (
den klerikern des 14.
jhs.) aber werden von den laien sehr geachtet und haben groszen zulauf von bedrängten seelen G. Freytag
ges. w. 18 (1888) 128.
anders: drmb ist das gotseligst auf ert, wer im an dem guet lest penegen, was im got teglich ist zv fegen Hans Sachs
fab. u. schwänke 2, 120
ndr. 1@b@dδ)
adverbialer gebrauch ist häufig. im 16.
und frühen 17.
jh. auch in der älteren adverbialform gottseliglich: das wir ... gottseliglich leben sollen (
ut pie vivamus) Luther 51, 124
W.; Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 278
ndr.; in seiner letzten kranckheit hat er (
Ferdinand I.) sich zum höchsten beflissen, die getrenneten kirchen gottseliglich zu vereinigen Rätel
Curäi chron. (1607) 264; was da gottseliglich gemeynt und gehandelt ist worden Albertinus
hirnschleiffer (1664) 177.
sonst in der form des adjektivs: das sie sich gern lassen tauffen (wie wir alle), das heylig sacrament gern nemen, gern predigt horen und sonst auch gotselig leben Luther 45, 23
W.; gottselig wandlen Hans Sachs 6, 190
lit. ver.; (
er) lebet gottselig und fromm, kommt zu grossen ehren und würden Prätorius
colleg. curiosum (1713) 99; will ich gottselig handeln, so muss ich meinen willen ... mit den kräften der natur in die vollkommenste harmonie zu bringen suchen
M. Mendelssohn
ges. schr. (1843) 1, 168.
historisierend: würde er dasjenige wieder aufrichten, was er gottselig abgethan, so würde er sich der göttlichen gnade auf ewig berauben Ranke
s. w. (1867) 4, 262.
aus der alten ernsthaften bedeutung mehr gelöst und in affektiver rede vielleicht von ähnlichen voraussetzungen wie der gebrauch unter 2 b
her, etwa im sinne eines beschwörenden '
um gottes willen' (?): ich habe mein herz einem raubschlosse verglichen ... machen sie's gut mit mir und schaffen sie (
Charlotte v. Stein) gottseelig den grimmenstein in friedenstein um Göthe IV 5, 71
W. 1@cc)
häufig neben anderen adjektiven und adverbien aus dem religiös-sittlichen bereich. besonders neben fromm: fromme, gottselige christen werden mehr vom tode
[] geschreckt Luther
tischr. 1, 104
W.; es ist ain gottsellige, fromme königin gewest
Zimmer. chron. 21, 192
Barack; wir sehen auch hie desz teuffels vnverdrossenen fleisz, wie er nemblich frommer vnnd gottseeliger leut keuschheit, durch vnzuochtige hurische leut nachstelle Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 72
ndr. anderes: es war aber ein man zu Cesarien ..., gottselig vnd gottfrchtig
apostelgesch. 10, 2; das wir sollen ... zchtig, gerecht vnd gottselig leben in dieser welt
Tit. 2, 12; Luther 34, 2, 108
W.; der sich guter ding fleysse, nüchtern, mäsig, gerecht, gottselig, demütig, nicht ein hochtrabender geschwollener esel, der vil von sich selbs halt Fischart
w. 3, 248
Hauffen; ich wil geschweigen kürtz halben, was noch von gottseligen unnd gelerten leuten leben in den grossen und kleinen stedlein und flecken Chr. Entzelt
altmärk. chron. (1579) 56; wir sehen also wie entfernt dieser verständige und gottselige poet gewesen, die heidnischen fabeln der mythologie vor wahrhaftige geschichten auszugeben Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 219; es war seine freude, von gottseeligen und würdigen personen reden zu hören Cramer
nord. aufseher (1758) 1, 82. 22)
seit dem ende des 17.
jhs. können sich mit der alten, bereits verblassenden bedeutung '
fromm' (
vgl. 1 a
δ)
vorstellungen verbinden, die dem wort ursprünglich fremd sind. gottselig
gelangt jedoch in dem sich so entwickelnden gebrauch über periodische und eingeschränkte anwendungsweisen nicht hinaus. 2@aa)
für diesen jüngeren gebrauch des wortes ist es entscheidend, dasz gottselig
einen gefühlsakzent erhält, der durch die seit dem 16.
jh. vorwiegend herrschende passive bedeutung von selig '
des ewigen heils teilhaftig; beseligt' (
vgl. unter selig II 2,
bes. b, c
und e)
ermöglicht wird und der der bedeutung '
fromm'
das moment inneren beglücktseins einfügt. kennzeichnend für diesen gebrauch des wortes sind jüngere, die wortbedeutung verfehlende lexikalische umschreibungen von belegen aus der Luther
-bibel (
s. o.)
durch '
in gott selig'
bei Weigand
dt. wb. 41, 718; Heyne
dt. wb. (1890) 1, 1226.
zur frage der beibehaltung oder ersetzung des heute miszverständlichen wortes in einer neuen überarbeitung der Lutherschen übersetzung des neuen testaments vgl. die muttersprache (1954) 132
f.; dazu ebda 365
ff. 2@a@aα)
andeutungen dieses neuen gebrauchs begegnen bei Abr. a
s. Clara,
der gottselig
noch in seiner allgemeinen bedeutung '
fromm'
kennt (
Judas [1686] 1, 8;
etwas f. alle [1699] 2, 19),
in wortspielen, die auf der doppeldeutigkeit des grundwortes selig
beruhen: du bist lieber goldseelig, als gottseelig
etw. f. alle (1699) 2, 305; wie gottselig, wie glückselig
w. 2, 58
Strigl; ebda 1, 57.
nahe liegt die annahme eines gefühlsbetonten gebrauchs in dem folgenden beleg: absonderlich aber dunket mich, als spiele der gottseelige waldbruder gar offt mit dem echo oder wiederhall, welcher ihme die klare seuffzer gantz artlich wiederholet
mercks Wien (1681) 215. 2@a@bβ)
deutlicher verbindet man seit dem 18.
jh. mit gottselig
die vorstellung einer verinnerlichten, stillen und beglückenden frömmigkeit. bezeichnenderweise wird gottselig
in diesem sinne gern bei erwähnung der pietisten verwendet, die sich gelegentlich auch selbst des wortes bedienen: in Wolmarshof besuchte er die frau generalin von Hallart, eine gottselige dame aus Sachsen, die gott unter anderen dazu gebraucht, dasz sie nicht nur den schriften, sondern auch den predigern von Halle den weg nach Lief- und Ruszland gebahnet David Cranz
alte u. neue brüderhist. (1771) 272; tief in meine seele würkte das gottselige beispiel des ehrwürdigen superintendenten Maiers (
eines schülers Speners), dessen herzensgebete ich oft in seinem hausze mit anhörte Schubart
leben 1 (1791) 25; er umkreiste diese niederlassung der gottseligen immer näher, drang endlich hinein und bewarb sich um die aufnahme in ihre gemeinschaft (
die Herrnhuter brüdergemeinde) G. Keller
ges. w. (1889) 2, 115;
vgl. Klinger
unter 3 d; pietismus ... (
ist) jene praktisch-religiöse bewegung im deutschen Luthertum des 17. u. 18. jahrhunderts, die das christentum
[] durch pflege des im gottseligen verhalten sich betätigenden glaubens zu erneuern suchte
lex. f. theol. u. kirche 8 (1936) 270
Buchb. aber auch sonst begegnet dieser ernsthafte, durch keinen weiteren nebenton belastete gebrauch: eilig sucht der vater den gottseligsten, den jüngsten bruder (
unter den mönchen), der entfernt in seiner zelle lebte Herder 28, 232
S. besonders in der romantik: zum gottseligen leben (
eines eremiten) gehört eine gute feste natur Eichendorff
s. w. (1864) 2, 553; dieses ehrenamt (
das fromme hühnlein zu pflegen) versieht heut zu tage jungfer Verena, eine gar gottselige jungfrau Brentano
ges. schr. (1852) 4, 60. 2@bb)
seit dem ende des 18.
jhs. verbindet man mit gottselig,
im hinblick auf den gebrauch unter a,
leicht die vorstellung einer besonderen intensität des frommseins. dabei gewinnt das wort vielfältig schillernde bedeutungsnuancen. für diesen ganzen gebrauch ist ein mehr oder weniger deutliches distanzhalten des sprechers bezeichnend, der mit dem wort gern religiöse verhältnisse umschreibt, mit denen er sich nicht identifiziert. das moment des schwärmerischen herrscht vor: (
die angeblich frommen frauen) waren boshaft genug, ihn (
den verliebten marquis) drei ganzer stunden lang gottselig schwazen zu lassen Schiller 3, 559
G.; wobei (
bei der vorlesung eines geistlichen) die frau mit gefalteten händen zuhörte, der gatte aber mit gottseligen augen der lesung folgte, indesz er aus einer vor ihm stehenden schüssel mit schinken und einer groszen korbflasche wein seinen animalischen teil 'erfrischte' Grillparzer
s. w. 19, 87
Sauer; der gottselige sänger der Messiade D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 6, 172.
mehr in die richtung einer besonders ernsthaft und eifrig vertretenen frömmigkeit weisend: dass
M. Antoine mitten in der gottseligsten familie ein kind des teufels gewesen
allg. dt. bibl. (1765) 3, 2, 107; durch diese heiligen lehren (
Christi) erleuchtet und angefeuert, verschmäheten groszmüthige, bescheidene und gottselige christen die eitelkeit der vergänglichen güter Iselin
verm. schr. (1770) 2, 64; Gluk und Emanuel Bach ... waren gottselige, für religion begeisterte männer; so wie der noch lebende grose sänger Raff sich auch durch religiöses leben auszeichnet Schubart
leben 1 (1791) 155
anm.; allein wie hätte ich (
Cromwell) miszbilligen dürfen, was so viel gottseelige männer (
d. puritanischen mitglieder d. engl. parlaments) gebilligt hätten? Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 16, 37; dieser (
dänische) monarch aber war zur betrübnis aller gottseligen leute nicht so leicht dazu zu bringen, in solchem falle auch spezialbefehl (
gegen das gottlose treiben des kurators) ergehen zu lassen W. Raabe
s. w. I 6, 435
Klemm; der frühreife knabe (
Milton) wuchs auf in einem strengen gottseligen hause. sein vater ... erfüllte bald des sohnes herz mit begeisterung für den neuen (
protestantischen) glauben Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 2; fromm hingen die augen aller familienmitglieder an dem gottseligen mann (
einem zu frommem leben ermahnenden pater) O.
M. Graf
unruhe (1948) 251.
mit dem moment des eifernden behaftet, kann das wort einem andern in den mund gelegt werden, der dadurch in einem nahezu abschätzigen sinne gekennzeichnet wird: das Wittenberger responsum ... enthielt die fadesten lobsprüche, welche der wachsamkeit und dem gottseligen eifer meiner gegner (
d. Erfurter theologen, die mir ketzerei vorwarfen) gemacht wurden Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 46; das christliche mitleid zu üben sind wir gekommen mit warnung und mit gottseligen lehren. aber wem die ohren des herzens verstockt sind, der macht auch die ohren seines leibes zu O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 176.
weniger affekthaltig erscheint gottselig,
wenn es anstelle eines zu blassen fromm
den extremen gegensatz zu weltlichen gegebenheiten charakterisieren soll: es ist begreiflich, dasz auch manchen jungen matrosen ... beim eintritt in die kirche statt der andacht ein ehrgeiziges verlangen anfiel, sich auch einmal den platz dort oben (
auf dem chor, der den angesehenen bürgern vorbehalten war) zu erwerben, und dasz er trotz der eindringlichen predigt
[] dann statt mit gottseligen gedanken mit erregten weltlichen entschlüssen in sein quartier oder auf sein schiff zurückkehrte Storm
s. w. (1899) 6, 5. 2@cc)
in ironischer und persiflierender verwendung. 2@c@aα)
ironischer gebrauch des wortes in der bedeutung 1
begegnet vereinzelt schon früh: sihe da, das ist ir (
der mönche) gottselig leben, das sie den armen, einfeltigen leyen fürgeben für heylig unnd gott angenehm Montanus
schwankbücher 81
lit. ver.; sagt einer zum andern, an statt behüt dich gott; strick zu, strick zu, morgen kommen wir vielleicht zusammen, dann wollen wir brav miteinander sauffen. ist das nicht ein schöner gottseeliger willkomm? Grimmelshausen
Simpl. 75
Scholte. 2@c@bβ)
sonst durchaus auf der grundlage von 2 a
und b.
auf eine geheuchelte frömmigkeit anspielend: und welch ein gottseliges gesicht! Max, ich wette, es ist in einer falschen münze geprägt, das kupfer scheint durch (
von dem gesicht eines gauners) G. Freytag
ges. w. 2 (1886) 2, 15.
spottend: aber wie sie aus sind aufs geld, die hochwürdigen, gottseligen herrn (
die patres) O.
M. Graf
unruhe (1948) 394; ich wünsch dir glück zu deiner gottseligen himmelfahrtsübung (
den exerzitien im jesuitenkloster)
ebda 259.
höhnisch: ja so! haha! sie meinen den gottseligen reichthum (
die arbeit)! damit kauft man wenig Iffland
theatr. w. (1827) 10, 31.
überhaupt abwertend: mit dem orientalischen cult der göttermutter gelangten unter anderem gottseligen unfug auch die jährlich an festen tagen wiederkehrenden pfennigcollecten von haus zu haus ... nach Rom Mommsen
röm. gesch. 1 (1856) 841. 33)
seit der zweiten hälfte des 16.
jhs. begegnet bis in die gegenwart hinein ein nicht sehr häufiger gebrauch von gottselig,
der unabhängig von der bedeutung '
fromm' (
s. oben 1
und 2)
unmittelbar an einzelne religiöse gebrauchsweisen von selig
in dem passiven sinne von '
des ewigen heils teilhaftig' (
s. selig II 2 b)
anschlieszt. das kompositionsglied gott
erfüllt in diesen fällen vorwiegend eine verstärkende funktion. 3@aa) selig II 2 b
α ββ entsprechend, im hinblick auf die ruhe in gott. selten in adverbialem gebrauch: da er auch in gegenwart viler ehrlicher leüt ... gottselig vnd christlich im herrn entschlaffen Joh. Nas
antipap. eins vnd hundert 1 (1567) 25
a.
in ironischem zusammenhang: einst im himmel werden wir ganz verklärt zu frommen englein, und wir wandeln dort gottselig, in den händen lilienstenglein H. Heine
s. w. 1, 470
E.; gewöhnlich adjektivisch: dergleichen gnad von got zehaben, ain solches christliches vnd gottseliges end zenemen erzherzog Ferdinand
speculum 45
ndr.; bis er (
Brandan) in seine heimat zu einem gottseligen tode wiederkehren darf Drescher in:
Euphorion 25 (1924) 357.
sich nur leicht aus der religiösen beziehung lösend, von dem beglückten zustand der weltabgeschiedenheit und des friedens: umspielt vom traumodem der wonnesam schlummernden allmutter natur trink auch ich unaussprechlicher inbrunst voll gottseligen frieden
moderne dichtercharaktere 2
Arent-C.-H. 3@bb)
anstelle von selig II 2 b
β γγ in der beziehung auf verstorbene: sie legte es ihm zur last, dasz seine vorfahren nicht lieber ein stück von dem psalmbuch zurückgelassen, welches der gottselige herzog Gotthard zum druck befördert Hippel
lebensläufe (1778) 1, 71; seit dem ableben unsrer gottseligen mademoiselle Elise wohnen wir stets den hl. seelenmessen in Argelès bei Werfel
Bernadette (1948) 69.
auch substantiviert: hätt ihm auch sagen mögen, dasz sich ein bildnisz, wie er es auf seiner gottseligen grab gestellt, in einen christlichen friedhof gar nicht reimt Rosegger
schr. (1895) I 12, 112. 3@cc)
die im zusammenhang mit der erwähnung eines verstorbenen begegnende formel gottseligen andenkens, gedächtnisses
geht letztlich zurück auf den seit der spätantike [] bezeugten typus μακαρίας μνήμης,
sanctae memoriae, beatae memoriae, der mit vielfach variierendem attribut begegnet (
bonus, venerabilis, illustris, felix, pius u. a.);
vgl. du Cange
gl. 5, 336
b.
in frühnhd. zeit finden sich entsprechende lehnübersetzungen: guotter gedachtnúsz Joh. Hartlieb
dialog. mirac. 176, 13
Drescher; gotlicher gedechtnüs (
ca. 1440)
s. v. gedächtnis II 3 f,
teil 4, 1, 1,
sp. 1933; loblicher gedechtnuss Wickram
u. a. ebda; milder gedacht (1509)
u. ö. bei Schiller-Lübben
mnd. wb. 2, 27;
mit längerer lebensdauer seliger gedacht
ebda; seliger gedechtnis Luther
s. v. gedächtnis
a. a. o.; vgl. ferner s. v. selig II 2 b
β γγ am ende; s. v. gedachtenis
woordenboek d. nederl. taal 4, 573
f. seit dem 16.
jh. begegnet dann die formel auch mit attributivem gottselig (
s. u.).
das attribut zielt in der deutschen formel, ebenso wie in der lateinischen, auf eine der person des verstorbenen meist auszeichnend zugeschriebene eigenschaft. demnach zeigt auch gottselig
hier ursprünglich wohl noch seine aktive bedeutung '
fromm' (
s. 1),
die aber bald durch die passive bedeutung (
s. 3)
überlagert wird, so dasz die wendung in dem sinne verstanden wird, dasz das andenken an den verstorbenen als an einen des ewigen heils teilhaftigen bewahrt wird; vgl. die gleiche doppeldeutigkeit in der verbindung mit selig (
s. besonders s. v. gedächtnis
a. a. o.): gottseliger, christlicher und hochlöblicher gedächtnus hatte weiland Philippus magnanimus ... von seinen underthanen eine bewilligte schatzung und landsteur erfordert Kirchhof
wendunmuth 2, 285
lit. ver.; mein vater gottseliger gedächtnisz
my father of blessed memory Ludwig
t.-engl. (1716) 704.
unter verlust des religiösen gehalts kann sich die formel auf vergangenes, überholtes allgemein beziehen (
vgl. den entsprechenden gebrauch unter d): ich bin major Berg gottseligen andenkens, und will den pflug in die hand nehmen und will vater Berg werden Lenz
ges. schr. 1, 36
Tieck. 3@dd)
von b
her ergibt sich die beziehung auf vergangenes, überholtes. obwohl noch religiös gebunden, zeigt das wort doch schon einen ironischen beiklang: der mann hat gar zu viel von jener sündenlast auf sich geladen — und glaubt an gott, als sey er zu Frankens gottseligen zeiten im hallischen waysenhause auferzogen worden Klinger
w. (1809) 11, 228.
unter vollständigem verlust des religiösen gehalts: auf alle fälle hat sich endlich (
für die ästhetik) die aufgabe herausgestellt, ... eine graduelle methode zu finden statt der gottseligen prinzipiellen, dynamische maszstäbe zu erlangen statt der — dynastischen anmaszungen R. Dehmel
ges. w. 8 (1909) 73. 3@ee)
an stelle von selig II 2 b
β ββ vertritt gottselig
in der beziehung auf heilig gesprochene personen gelegentlich attributives oder substantiviertes heilig: lag ja auch zum exempel, ein solches bild der gottseligen jungfrau Maria in dem liederbuch Martin Luthers W. Raabe
s. w. I 3, 46
Klemm; ein bäckerbub antwortete ihr: nun, halt ins klösterle zur gottseligen (
wollen wir gehen) P. Dörfler
Apollonias sommer (1932) 189. 44)
stärker als unter 3
kann das kompositum in auszerreligiösem gebrauch die entsprechende bedeutung des grundwortes intensivieren. auf der aktiven bedeutung beruhend und zu selig II 1 a
ε stimmend, im sinne von '
hochbeglückend, herrlich, vorzüglich': e gottseligs tröpfel '
ein gutes glas wein, bier' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 349.
den religiösen gebrauch unter 3 a
säkularisierend und auf der passiven bedeutung von selig II 2 d
beruhend, zielt gottselig
im sinne von '
beglückt und gesichert'
auf den zustand der ruhe und stille: horch! wie die lümmels da drin so ruhig und gottselig schnarchen Tieck
schr. (1828) 5, 491.
ähnlich, aber mit abschätzigem akzent: dasz er (
der deutsche handwerker) die berühmte gottseelige ruhe als seine erste pflicht zu erkennen in tiefster ersterbung und erstorbenheit allersubmissest bereit ist
bei Schwegler
jahrb. d. gegenw. (1846) 66.
bezeichnend für die vielfachen und unsicheren vorstellungen, die sich in jüngerer zeit mit dem wort verbinden und seine bedeutung verblassen lassen, ist der folgende beleg, in dem gottselig,
durchaus säkularisiert und im passiven. sinne gebraucht, zugleich [] eine ältere gewichtige verbindung (
vgl. unter 1 b
α)
bewahrt und zudem unter dem einflusz des gefühlsbetonten gebrauchs (
vgl. unter 2 a)
steht: wir führten ein sehr stilles, gottseliges leben: am tage lehrten und lernten wir, Tuli (
ein lehrer) das abc, ich lateinisch, der theologe las hochbeinige klassiker H. Laube
ges. schr. (1875) 8, 72.