gotteshaus,
n. ,
tempel; kirchliches institut, kloster, stift; kirchengebäude. lehnübersetzung aus lat. templum dei, domus dei, casa dei. got. gudhûs;
ahd. nur in der genitivverbindung gotes hûs
bezeugt; mhd. einigemal in echter komposition: gotehuosis
Trierer Agidius (
unt. 2a); gothûs Rudolf v. Ems (
unt. 2a
am ende); gotehusirn Claus Cranc (
unt. 2c);
noch frühnhd. gothaus Luther 45, 4
W.; gotthäuser Bech
Agricolas bergwerckb. (1621) 67;
sonst mhd. regelmäszig goteshûs;
daneben dringt gotshus, gotzhus (
schon 1238
in: altdt. originalurk. 1, 19, 45
Wilhelm)
vor, es gilt im 16.
jh. überwiegend und wird im 17.
jh. durch nhd. gotteshaus
verdrängt, aber gottshausz
noch bei Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 566. —
zu kotzhus, lotzhus
entstellte formen begegnen vereinzelt im 16.
jh. abwertend in der anwendung 2a,
s. schweiz. id. 2, 1715; 1717. 11)
der jüdische tempel der bibel. vgl. schon im got. anstelle des sonst gebrauchten alhs: ik sinteino laisida in gaqumþai jah in gudhusa (
τῷ ἱερῷ), þarei sinteino Judaies gaquimand (
Joh. 18, 20)
d. got. bibel 81
Streitberg. in ahd. zeit regelmäszig als genitivverbindung (
s.gott sp. 1075),
die im 12.
jh. zum kompositum zusammengerückt ist: templum goteshus (12.
jh.)
ahd. gl. 3, 180, 17
St.-S.; daz siv got erhorte enzit, ê si rden zeuuoret unde ir gotshus zestoret (12.
jh.)
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 142, 3
Diemer; werdet jr mir den Judam nicht gebunden uberantworten, so wil ich dis gotteshaus schleiffen, und den altar umbreissen 2.
Makk. 14, 33; als Zirus die Ebreer aus der babilonischen gefängnüs erlöset, und unter Zorobabel ihr gotteshaus wieder gebauet worden Ph. Zesen
rosenmând (1651) 47; der vater und die brüder sind erwürgt, die diener, und was nur im gotteshause gelebt Rückert
ges. poet. w. (1867) 9, 159.
vgl., wenn nicht z. t. zu 2 c
gehörig: templum, edes gotzhus
voc. opt. 16
a Wackernagel; templum gottis husz (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 576
c; gotteshaus
templum, œdes sacra Steinbach
dt. wb. (1734) 1, 716. 22)
seit dem mhd. begegnet gotteshaus
in zwei getrennten anwendungen als lehnübersetzung von lat. casa dei und domus dei. casa dei, zunächst wohl auf einzelne gebäude oder gebäudeteile zielend, die als wohnung oder versammlungsraum für geistliche dienen, die versammlung selbst (
das kollegium, den konvent)
miteinbegreifend, bezeichnet im allgemeinen mehr das kloster als institution, körperschaft, domus dei dagegen mehr die kirche, das kirchengebäude; eine strenge abgrenzung der lat. termini gegeneinander besteht freilich nicht; vgl. Du Cange
gloss. 2, 197
c; 3, 177
b. 2@aa)
in älterer zeit überaus häufig, seit dem 18.
jh. nur noch gelegentlich das durch ein kollegium konstituierte geistliche institut, die kirchliche körperschaft, das geistliche territorium. vorwiegend, aber nicht ausschlieszlich, im obd. ein stift oder, häufiger, ein kloster als institut oder, besonders im alem., als grundherrschaft; vgl. collegium gotz husz, closter (15.
jh.) Diefenbach
gl. 132
b; gottesheuser,
etiam dicuntur monasteria, et abbatiœ, ac qvilibet locus sacer habitationi aptus; olim casa dei vocabatur Stieler
stammb. (1691) 799;
bei Campe 2 (1808) 431
b noch als im obd. gebräuchlich verzeichnet: do sente Egidius der guote sich gearbeitet hete ... vnd sines gotehuosis sache so hete geschaffit daz iz an nichte ne missequam
Trierer Aegidius 1559
in: Germania 26, 51; gotes hiusern viel daz ander teil (
seiner güter zu) (
var. den klostern) Hartmann v. Aue
armer Heinrich 256
Haupt; vnd hant die selben lúte ze Verrich mit gemeinem gunst vnd willen frilich geben vnserm gotzhus ze Rúti (
ecclesie nostre) ... alle ir ligenden gter (1238)
corp. d. altdt. originalurk. 1, 19, 45
Wilhelm; und (
der könig v. Irland) wil sich niht lan gezemen das er von mir (
der äbtissin) iht welle nemen, won das er fogt und herre sig úber alles gozhus, das ist vrig Rudolf v. Ems
Willehalm 11 866
Junk; dis sint dú recht, dú daz gotzhus von Engelberg het in dem ampte vnd in dien höven in Zürichgoewe, die daz gotzhus anhoerent (
ende 13.
jh.)
weist. (1840) 1, 1; (
Galahut) halff witwen und weisen und macht arme gotteshuser rich
Lancelot 1, 544
Kluge; (
die angehörigen der vogtei Weidenthal) sollen
auch keine kolen brennen in des gotzhus (
des klosters Limburg) walt, dan mit eins abts laube und siner forster (
pfälz. 1448)
weist. (1840) 5, 596; dann solch dorf Bollingen und das ampt hat
vor vil jaren dem gotzhaus Salmansweil zugehört
Zimmer. chron. 23, 16
Barack; sein grunt, die er von dem gotzhaus inhat (17.
jh.)
österr. weist. 1, 47, 44; bekannt mit alter und neuer literatur, ... kann er (
der mönch) noch ein gemeinnütziger schriftsteller, besonders für sein gotteshaus werden Lavater
physiogn. fragm. (1775) 1, 261; die behagliche absicht in fetten gotteshäusern heilige bäuche zu mästen Zimmermann
einsamkeit (1784) 1, 140.
nur selten im nd.: men denst vnde manrecht schal wesen vnde blyuoen des godeshuozes thuo Dargun (1390)
mecklenb. urkundenb. 21, 400; den vorscreuenen heren vnde broderen ... des godeshus tho Tempzyn (1390)
ebda 21, 388; godeshuslüde oppe goddeshus (
dem stift zu Bücken)
weist. (1840) 3, 212.
jünger noch in historischer anwendung: hofft man ein bequem gelegenes wieslein oder äckerlein für sein hart erspartes geld zu erwerben, so ist schon ein gotteshaus da, unten, oben, hinten, vorn am berge, das es nimmt G. Keller
ges. w. (1889) 6, 31; und mög euch ein unwürdig geschenk wenigstens den guten willen des euch stets getreuen gotteshauses beweisen Scheffel
ges. w. (1907) 2, 86.
hierher wohl auch und nicht zu b,
wie Kraus
Walther v. d. Vogelweide, untersuch. (1935) 21
will, die folgende stelle aus Walther;
vgl. Wilmanns
Walther v. d. Vogelweide 2 (1924) 78
u. 82,
der freilich '
gottesdienst'
interpretiert, während es sich doch eher um die kirchliche körperschaft selbst und ihre rechte und ordnungen im allgemeinen handelt: do störte man diu goteshus Walther 9, 34
L.; vgl. 10, 35.
nd. und md. häufiger, aber auch sonst (
bes. bair.)
gelegentlich, das stifts- oder domkapitel als kirchliche körperschaft und dessen macht- und herrschaftsbereich, (
erz)
bistum (
ähnlich dom '
domkapitel, kollegialstift'
aus domus ecclesiae '
priesterwohnung',
s. Kretschmer in:
zs. f. vgl. sprachf. 39, 545
ff.; Kluge-Götze
etym. wb. 15142
a): so daz er (
der könig v. Böhmen) von sînen wegen daz goteshûs (
von Salzburg) het in sînen phlegen und den bischolf schermte vor gewalt Ottokar
österr. reimchron. 8343
u. ö.; ainen iegleichen tuom, dâ ain pischolf weisel ist der kôrherren ... die leident under in niht mêr dann ain haupt, wan sie fürhtent, mahten si mêr dann ain haupt, daz ir gotshaus verdürb Konrad v. Megenberg
buch d. natur 294, 16
Pfeiffer; de underbischope des godeshuses Magdeborch (
Magdeburg 14.
jh.)
städtechron. 7, 83; der graveschop leide de koning ein grot deil to dem godeshuse to Merseborch
ebda 78; wenn mich mein obgenanter gnediger herr ... vodert auf welche vesten vnd geslosz in seinem gotshaus ze Brichsen er will (1407)
bei Sinnacher
beytr. z. gesch. d. bischöfl. kirche Säben u. Brixen in Tyrol 6, 198; so ist auch die pflicht, damit die stände (
die Naumburger stiftsstände) dem kapitel verwandt (
verpflichtet), nicht auf die gegenwärtige person (
des bischofs), sondern auf die erhaltung der kirchen im grund gemeinet. darum auch die worte also lauten: ich schwöre dem gotteshaus
etc. Luther
br. 9, 598
W. so auch sicher in der beziehung auf das erzbistum Magdeburg: und der keiser rehte ersach gezierde und grôze rîcheit diu an daz gothûs was geleit Rudolf v. Ems
d. gute Gerhard 226
Haupt. seltener, und dem anschein nach ebenfalls mehr dem nd. und md. zugehörig, die pfarre als institut, körperschaft: alle guter unnd gerechtigkeit, erblehen ... unnd so allenthalben an gewissen und zufelligen dingen unnserm gots hawsze (
zu Leisnig) zustendig, sollen ... in den gemeinen kasten miteingezogen sein (1523) Luther 12, 18
W.; die vier altarlehen ynn unnsern gots hawsze (1523)
ebda; die pfarren, gotteshäuser, commenden und cüstereyen sollen auch bey jhren alten privilegien, einkommen vnd gerechtigkeiten gelassen ... werden Scheplitz
consuetudines elect. et marchiae Brandenburg. (1616) 15;
ähnlich: in die kirche gehören nur kichliche handlungen, das gotteshaus darf kein schauspiel aufführen (wie der passionsunfug) Fr. L. Jahn
w. 1, 215
Euler. 2@bb)
kirchengebäude (
zunächst für dom, stiftskirche?).
anfangs nur zögernd vordringend, breitet sich diese anwendung in berührung mit 1
in frühnhd. zeit rasch aus. jünger fast nur noch literarisch in gehobener sprache und in steigerndem sinn, die heiligkeit des ortes betonend; in umgangssprache und mundart kaum gebräuchlich: man nützet daz holz zuo den ältern in den gotshäusern Konrad v. Megenberg
buch d. natur 355, 23
Pfeiffer; und wieden dit godeshus (
den dom) mit groter êre und werdicheit (
Magdeburg 1364)
städtechron. 7, 251; alle die frommenn christenn menschenn, wielche ihnn dasselbige gottes hauss (
die kapelle) ... kamenn (1491)
bei Röhricht
pilgerreisen (1880) 237; daz man an keinen ort got mer gelestert und geschendet hat, denn ebenn in den kirchen und gotsheusern, wie man sie genennet hat (1527) Luther 17, 2, 342
W.; er sahe auch ab die weite häuser vnd hohen thürn vnd zierde der gottshäuser vnd gebäw (
in Venedig) mitten in dem wasser gegründet vnd auffgerichtet
volksb. v. dr. Faust 60
ndr.; es endet sich eur leiden die seelen-lust bricht an, geht hin ins gotteshausz, und hohlet wiedrum trost nach vielem kreutz herausz Rist
Parnasz (1652) 598; daher findet man neben einer ziemlichen anzahl wirtshäuser auch viel herrliche gotteshäuser Abr. a
s. Clara
w. 2, 72
Strigl; es ist gewisz höchlich zu beklagen, dasz unsere gottes-häuser vielen wollüstigen manns-personen zu rechten kuppel-plätzen dienen müssen
vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 24
Gottsched; solch bild gehört eher in einen anatomischen lehrsaal als in ein gotteshaus H. Heine
s. w. 3, 36
E.; auf die stufen des gotteshauses schwang sich der bedrängte missionar Herm. Hesse
kleine welt (1943) 265.
in besonders deutlicher steigerung: dem nach kanstu urteylen und schliessen, das unsere clöster und stift kirchen nicht gottes heuser sind, denn da ists alles also gestifft, das man kein gottes wort darynne hat, denn wo
gott wonet, da schweiget er nicht stille, und wo er redet, da wonet er auch, darmb sol man kein haus gottes nennen, man sey denn gewis, das er da rede (1527) Luther 24, 498
W.; die versammelte gemeine nur macht sie (
die kirche) zum gotteshaus Rückert
ges. poet. w. (1867) 7, 173.
seltener vom kloster als bloszem gebäude: vff die ander frag, wa ist es mitten vff dem erdtreich, der apt sprach, mein gotzhausz ist mitten vff dem erdreich Pauli
schimpf u. ernst 47
lit. ver.; ei, so will ich das kloster anzünden, das schöne gotteshaus
bei Erlach
volkslieder d. Deutschen (1834) 3, 63;
vgl. auch oben Luther 24, 498
W. 2@cc)
von b
aus, älter wohl auch in berührung mit 1,
in der anwendung auf nichtchristliche tempel und kultische gebäude: unde wirt inzundin eyn vuer in Egyptin gotehusirn (
in delubris deorum) Claus Cranc
prophetenübers. 144
Zies.; die meisten gotteshäuser in Rom waren tempel K. O. Müller
Etrusker (1828) 2, 137; der Inder, der Ägypter, der Grieche, der Mohammedaner, der katholische christ bauten ihre gotteshäuser, wie ihre anschauung von ihren göttern, ihrem gott war W. Raabe
s. w. I 2, 153
Klemm. 33)
armenhaus, spital. zu vergleichen ist mlat. domus dei in dieser bedeutung bei Du Cange
gloss. 3, 177
c;
frz. maison-dieu, hôtel-dieu (
seit dem 13.
jh.).
dem kompositionstyp gott I D 5
entsprechend, häufig im nl., vgl. Verwijs-Verdam 2, 2013;
woordenboek 5, 280;
auch im nd.: vmme bestenticheyt des godeshuses (
siechenhaus) (1443)
urk.-buch d. st. Lübeck 8, 159; im suluen yare (1556) wert dat gadeshus vor dat schardor gebuwet, dar de armen seevarende lude ere kost vnd behusynghe yn hebben scholden
bei Schiller-Lübben 2, 128
a.
nur vereinzelt im hd. sprachgebiet, das diesen kompositionstyp sonst kaum kennt: (
die reichen geizigen) weisen arme ... leuth nur zum bettelhausz, zum spittal, zum allmusen, andern gottshäusern zu C. Dieterich
ecclesiastes (1642) 2, 761. 44)
übertragener und bildlicher gebrauch geht in mhd. zeit von der bedeutung 1
aus. so die metapher für Maria: dû irweltez gotes hûs, sacrarium sancti spiritus
Melker Marienlied 94
Waag. für die seele: were dis hindernis abe und werent die kouflúte uzgetriben und der tempel gerumet, so zuohant so wurde es und so were es ein bettehus, ein gotzhus, do got inne wonen solte Tauler
pred. 394, 31
Vetter; ebda 393, 31.
jünger in verschiedenartigen, mehr gelegentlichen übertragungen von 2 b
her: in dir (
Christus) wohnt alle gottesfüll, hast alles, was ich wündsch und wil. du bist das rechte gotteshaus Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 3, 411; und endlich bau (
gott) in unser seelen dir ein lebendig gottes-haus Schmolck
trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 45; nach des tages schwüle geht es froh hinaus in das grosze, kühle, grüne gotteshaus (
die natur) Tiedge
s. w. (1841) 5, 88; aber der ganze glänzende und stille weltsaal wäre für mich das gotteshaus deines gedächtnisses, deine grabkirche G. Keller
ges. w. (1889) 5, 353.
so auch in nicht christlicher beziehung: der staat mit seiner ordnung ist durch einen religiösen weiheakt unter den schutz derselben (
der götter) gestellt, gewissermaszen zu einem gotteshaus gemacht, an dem man ohne willen der götter, die es bewohnen, nichts ändern darf Jhering
geist d. röm. rechts (1852) 1, 268.
in bestimmter wendung auf die im gotteshaus
versammelte gemeinde zielend: sie allein predigten vor gefüllten gotteshäusern Treitschke
dt. gesch. (1897) 4, 497.
nur selten für den gottesdienst: das gottshausz fleissig besuchen Kramer
teutsch-ital. 1 (1700) 551
a;
vgl. dazu den häufigeren entsprechenden gebrauch unter kirche II 2,
teil 5,
sp. 795. 55)
ableitungen von und zusammensetzungen mit gotteshaus
gehören vorwiegend der spätmhd. und frühnhd. zeit an. sie knüpfen zumeist an gotteshaus 2 a
an unter berücksichtigung der meist sachlich bedingten regionalen unterschiede im gebrauch des grundwortes. zu weiteren, im folgenden nicht aufgeführten bildungen vgl. vor allem die obd. mundartwbb. und dt. rechtswb. 4, 1019
ff. —