gelichter,
n. sippe, schlag, art, eigentlich geschwister. 11) 1@aa)
das mutterwort ist ein ahd. lëhtar,
auch gilëhtar,
gebärmutter, bezeugt in lehter, gilehter,
matrix, secundae Graff 2, 162;
dazu musz es eine bildung gilihtiri
n., auch völliger gilihtiridi (
s. sp. 1610)
gegeben haben, eigentlich geschwister, die aus éinem mutterschosz stammen (
vgl. übrigens 3
a. e.),
wie mlat. co-uterini, geswistergot.
voc. von 1419
b. Schmeller 3, 551,
was wie aus dem deutschen ausdruck übersetzt aussieht. die zweite form erscheint mhd., aber als fem., und schon bildlich, alle sîniu glihtride
oder glihtrîde Berthold I, 93, 7,
von sünden. dasselbe ist vielleicht gliherte
f. in den gereimten hexametern aus dem 11.
oder 12.
jh., wenn es als bequem gemachte sprechform für glihterde
gefaszt werden darf, von den seelen im himmel: ire wesen ist gezechet in michelere gliherte, in semfte unde in swifte (
stille) ist alleʒ ire geverte. Haupt 8, 153,
ihr leben ist vereinigt in groszer geschwisterlichkeit. 1@bb)
mhd. gelihter
ist im eigentlichen sinn noch nicht gefunden, während es doch reichlich in gebrauch gewesen sein wird; im anfang des 15.
jh. einmal durch den reimbedarf herbeigeführt, aber in sehr abstract bildlicher verwendung, wie sie doch selbst einen reichlichen gebrauch voraussetzt: wann got in seinem tron ist ein gerechter richter, der ye nach gleichem glichter sein urteil wigt und miszt. Beheim
ged. 9, 936
Jän., er macht unter den schulden und schuldigen keinen unterschied nach gunst oder ungunst, behandelt alle als '
éines gelichters',
wie von einer sippe. aus dem leben dagegen ist die vollere form schwäbisch bezeugt, bei Schmid
schwäb. wb. 465,
eine meszstiftung v. j. 1391
lautet auf ain schilling haller ewigs gelts (
s.geld 3,
a, γ) usz des Künerz gelichtergit,
aus dessen sippe zahlbar, oder auch aus dem familiengut wie es Schmid
auffaszt (
besitz und besitzer wie sonst als eins gedacht);
auch der einzelne heiszt der gelichtergit,
in einer urk. v. 1358
verkauft ein bürger zu Gmünd zinse, die der gelichtergit Hans der Vetzär von Gemündt hat.
die form ist wie geswistergit
neben geswisteride
wb. 2
2, 776
b. 1@cc)
merkwürdig ist daneben gelifter, bair. glifter Schm. 2, 446,
mit belegen aus Abr. a S. Clara, solches glifters schlimme bursch (
Judas 1, 298), sie haben ihres glifters noch mehrere.
auch tirol. glifter Schöpf 194,
mit beleg aus Buchers
pred.: ha ha, wenn diese da nöt a seins glüfters wär, wie der Zacheus, hät a nix z'thun mit ihm.
auch sonst: gleiches gelifters,
ejusdem notae, ejusdem farinae, corii, lanae. Odilo Schreger
studiosus jovialis 1751; meines alters und gelifters mitgenossen.
Ceriziers die unschuld in drei ständen 3, 247 (
s. Zacher 5, 71);
auch im Fuchsmundi 232;
mit ü
für i: und thäte neben anderen meines gelüfters spieszgesellen personen ... convoyren. Abele
unordn. 3, 40.
auch siebenb., mit ä
für i, 'geläfter
n. eines vom paar' Haltrich
plan 12
a (
s. 3).
mit ä
aber auch gelächter Harnisch 74 (
s. 2,
a),
was immerhin alt sein kann, vergl. mhd. geswesterde, geswestergit
wb. 2
2, 776
b, 30. 39.
das -ft
dagegen kann nach obigem nicht alt sein, und wenn sich sonst hd. -ft
und nd. -cht
entsprechen, z. b. in after
und achter, echt
und mhd. êhaft, beschwichtigen
und mhd. beswiften,
so musz hier einmal das sprachgefühl, das auch misgriffe thut (
s. z. b. sp. 1603),
den irrthum begangen haben, gelichter
für nd. oder md. zu nehmen, das hd. in gelifter
zu berichtigen wäre;
s. einen ähnlichen fall unter geleger 2. 22)
auch nhd. ist von dem leben des wortes kein vollständiges bild zu geben, das sich der aufzeichung zufällig entzogen hat, gibt es doch von den wbb. erst Steinbach
i. j. 1734 (
s. b)
und Frisch
wieder nicht. 2@aa)
der begriff geschwister musz sich erweitert haben zu dem von familie, sippe überhaupt, wie es schon im 14.
jh. u. 1,
b erscheint. aber auch dafür fehlen ältere belege, statt dessen bildlich von dingen, zu dem begriffe art erweitert (
s. schon mhd. u. 1,
a und noch Adelung
a. e.): der art und gelichters findet man vil in der alten büchern und gesengen. Mathes.
Sar. 69
b (63
b),
es sind bilder unter denen sich die leute das höchste glück denken, auch als stüflein, da rotgülden erz anstehet,
bezeichnet; gleichen gelichters ist die (
folgende) xxii. geschicht. Abele
unordn. 4, 227; weil er vermeinte, dasz alle die übrigen (
bücher) gleiches
gelächters weren (
d. h. auch gedichte), sprach er: diese haben nicht verdient verbrennt zu werden.
Harnisch 74; ihre (
der fahrenden ritter) gewöhnliche speise wird solche gewesen sein, wie sie uf dörfern und unter bawern bräuchlich ist, eben des gelichters mit dieser speise, so du mir anjetzo angeboten. 120.
auch dessen gelichter,
dessen gleichen: als er den sack (
mehlsack), dessen gelichter er in seines vaters werkstatt öfters gesehen ..
gespenst 251,
eigentlich dessen sippschaft. so im 16.
jh. schlechtweg des glichter,
der art (
dinge, eigentlich leute),
derartiges: und weisz kein mensch, der euch args thet, dem des glichter nit von mir begegnet (
wäre).
Aimon T,
man konnte dabei an das anklingende des gleich (
dergleichen)
denken, und dasz man so that, bestätigt 'der
gleichter',
der art: es wer nu an ir, auch der gleichter ein histori zuo sagen. Steinh.
Bocc. 19 (17),
gemischt aus der gleichen
und des glichter.
selbst mit amt
und beruf
gesellt: diese hendel gehen mich nicht an, denn sie sind nicht meines ampts, gelichters und berufs. Mathesius
Syrach 1, 141
b,
vielleicht durch anwendung von gelichter (
sippschaft)
auf eine zunft vermittelt. 2@bb)
erhalten hat es sich nur von menschen éiner art, zunft, gattung u. ä., also in der ursprünglichen verwendung, nur der begriff sippschaft erweitert, aber noch im 18.
jh. nicht notwendig in dem üblen sinne, wie jetzt: sie sind einerlei gelichters,
ejusdem sunt generis Steinbach 1, 1065,
auch sie sind einerlei gelichter Weber 338
a (
mit verweisung auf art),
doch ist die genitivische wendung durchaus vorherschend, wie schon im vorigen: die frau (
die herzogin Luise) ist würklich eine der besten auf gottes boden, und ich zweifle sehr daran, dasz es unter ihrem stande eine geben kann ... mit welcher leute unsers gelichters auf einem honnetteren und angenehmeren fusz existiren könnten. Wieland
an Merck in dessen br. 1, 300; die ursache (
des schwierigen briefschreibens) ist diejenige vermuthlich, welche man leuten unsers gelichters gewöhnlich schuld gibt, nehmlich dasz wir (
fürsten) weniger für diejenigen thun, denen wir viel schuldig sind, als für unsre schuldner.
herz. Carl August
das. 2, 219,
es wird nur auch da schon volksmäszig derb gemeint sein, nicht geringschätzig. noch jetzt z. b. in Nassau mein, sein glichter (glichters)
u. ä. Kehrein 1, 167. 2@cc)
verächtlich wie jetzt doch auch schon im 17.
jh., mit der klangfarbe die ja sippschaft
gleichfalls angenommen hat (
vielleicht von dem misbrauch den in gemeinden die herschenden sippschaften von ihrer gewalt machten): woraus aber die ganze erbare welt abzunehmen, dasz gemeiniglich gaul als (
wie) gurr, hurn und buben eins gelichters und keins umb ein haar besser als das ander sei.
Simpl. 3, 12
Kz. (
Courage 1
a. e.),
zugleich '
einer art' (
nach a)
und von der erbaren welt
ausgeschlossen; ich muthmaszete hieraus nicht viel gutes, sondern gedachte, dasz sich vielleicht einige ihres gelichters in diesem walde aufhalten würden, welche mit ihr zurück kommen dürften und sodann mir alle das meinige abnehmen oder wol gar das leben rauben würden.
Plesse 1, 196; und wer sonst noch dieses gelichters, geschmeiszes und gezüchts sein mag. Klopstock 12, 59; da saszen andre richter (
kunstrichter, bei den olymp. spielen) als die vom heutigen gelichter. 12, 193; dieser schlaue heuchler hatte sich .. einen kleinen plan ausgedacht .. sich in den besitz aller der vortheile zu setzen, um derentwillen ein mensch seines gelichters hätte wünschen mögen, unumschränkter sultan zu sein. Wieland 8, 429; lieg, du ihres gelichters! Fr. Müller 2, 25,
Lucifer zu einem teufel (
den er dabei wegschleudert),
der ihm von schlechten malern auf der erde bericht gegeben; der urheber dieses ganzen handels (
ein hörer Kants) hat .. sich mit vier seines gelichters unterschrieben, dasz keine sittenlehre noch gesunde vernunft noch öffentliche glückseligkeit mit dem christenthume bestehen könne. Hamann 7, 275,
briefl. an Herder v. j. 1785; und ich kannte das gelichter, zog den schächer vor gericht. Göthe 1, 155 (
rechenschaft); um die groszen finden sich viele von diesem gelichter. 40, 181 (
Rein. F. 10); das drama setzt eine müszige menge, vielleicht gar einen pöbel voraus, desgleichen sich bei uns nicht findet, denn solches gelichter wird ... über die gränze gebracht. 22, 170 (
wanderj. 2, 9); weil er .. nach der aprilsitte seines musikalischen gelichters aus dem pianissimo in ein zu wildes fortissimo hinaufsprang. J. Paul 22, 15; aber solche eures gelichters sind mir lieb. Tieck 5, 35; eine art excellenz, ein grafwesen, was man so das vornehme gelichter nennt.
nov. 3, 218; doch unter allen (
sündern), welche schon verwesen, erreichte keiner dich und dein gelichter. Platen 67 (1, 254); die guten lieb ich allgesammt und horche gern der weisen rat, doch halt ich freilich lieber stets zu luftigem gelichter mich. 81 (
gasel. 96); und ist das gelichter nun alles verdammt, erheben die richter sich insgesammt. H. Lingg
ged. 2, 87; den wahn und dünkel des alltags-gelichters zerschmettert mit dem spotte des vernichters. 2, 320. 2@dd)
nur ausnahmsweise von thieren, schwerlich nach alter überlieferung: statt den menschen in den thieren zu verlîeren, findest du (
Tischbein) ihn klar darin, und belebst, als wahrer dichter, schaf- und säuisches gelichter. Göthe 2, 168; quaken mag im sumpfe dorten jenes tückische gelichter. Platen 56 (1, 209),
an Göthe 1821. 2@ee)
doch bei Adelung
auch noch alle diese dinge sind von einem gelichter,
von derselben schlechten art. 33)
besonders bemerkenswert aber siebenb. von einem paar, und zwar ausschlieszlich so, z. b. stiefeln Frommann 4, 194,
aber auch von menschen und thieren, im ernst und im spott, dann auch '
eines vom paar' Haltrich
plan 12
a,
z. b. dât äs senj geläfter,
der ist ihm gleich, gehört mit ihm zusammen (
ist sein gelichter),
oder einem thier oder dinge e geläfter kîfen,
ein zweites dazu passendes kaufen, z. b. pferd, kuh, stuhl, stiefel, schuh u. s. w. (Haltrich
briefl.);
auch von zwillingen (
corresp. bl. f. sieb. landesk. 1883
s. 26),
und musz das nicht für das sieb. wort die älteste bedeutung sein, oder für das wort überhaupt nach 'gilehter
secundae',
erst dann zu geschwister und sippe erweitert?