kirchweih,
kirchweihe,
f. dedicatio templi, encaenia, ahd. chirihwîhî Graff 1, 724,
mhd. kirchwîhe
Amis 352. 934,
auch kirwîhe
Amis 352
var., wie schon ahd. in alem. kilwîha Schmeller 2, 329,
s. über die ausstoszung des ch kirchspiel 1,
c. überhaupt hat das vielgebrauchte wort an seiner form viel veränderungen erfahren. II.
Die formen. I@aa)
der wegfall des ch
ist im gebrauch des lebens vorherschend, ganz wie bei kirchmesse,
kirchtag;
nur für die kirchliche bedeutung wird die volle form meist beibehalten. das h
des zweiten wortes wird auch verhärtet: von der pawren chirbeiche. Mones
anz. 5, 337; kirchweich Schm. 2, 329
v. j. 1331,
voc. 1482 q 4
a, kirchweig
voc. opt. Lpz. 1501 H 4
a,
elsäss. kirwige Scherz 790 14.
jh., kirchwich Wickram
rollw. 13, 6. I@bb)
aber auch das zweite wort ward, wie bei kirchmesse, kirchtag
verkürzt. daher zunächst kirbei
fastn. sp. 735, 19. 267, 21
u. ö., Scherz 787,
und kirweih
bei Fischart
u. a. ist nichts anderes. aus der mhd. form kirwîhe
ward kirwi, kirbi, kirwy (Scherz 787): wer solche vögel kennen wil, der findt sie auf den kirwin wol. Wickram
irr. bilg. 14; also auch auf den kirbin gschicht.
das. P 2 (
bl. 54). I@cc)
das ward aber weiter zu kirbe
weisth. 2, 192. 3, 887,
noch bei Charlotte v. Orleans 174 (
sp. 831 3
a. e.),
sie braucht ihren Pfälzer ausdruck; kirwe
z. b. in kirwenschlemmer
Garg. 66
Scheible (
die ganze stelle ist in der ausg. von 1594 43
a nicht enthalten).
selbst kirm
nordfränk. Schm. 2, 330, Fromm. 6, 169. 318,
merkwürdig auch in Kärnten Lexer 158,
aus kirben?
Weiter kirb: uf disen tag ist kirb zum h. crüz zu Rom. Scherz 787
aus einem kalender; nit lang darnach begab es sich, dasz man im dorf kirb halten solt. Alberus
Es. 89
b,
auch im diction. so: paganalia dorfkirb, dorffest,
epulum ein grosz mal, als uf einer hochzeit, kirb, fest;
ebenso im 17.
jh. bei Lehmann (II, 3
a. e.). kirbe (kerbe)
ist noch schwäb., auch bair. kirwe Schm. 2, 329;
wetterauisch kirb,
in Nassau kirb, kerb,
auf dem Hundsrück kêreb (
pl. kêrwe) Rottmann
ged. in H. mundart. Fränkisch kirwa, kerwa,
nürnb. körwa,
mit a
für mhd. î
in unbetonten silben (Frommann
zu Grübel 3, 231);
auch diesz schon im 16.
jh.: morgen die kirba hat ein end. H. Sachs 3, 2, 29
d. I@dd)
mit entstelltem vocal kürbe,
so schwäb. 16.
jh. Soltau 2, 155,
häufig im Simpl. (II, 4,
e),
schon in einem voc. d. 15.
jh. kurbe Dief. 202
a (
vgl. sp. 776
u. β); kürwîche
weisth. 1, 384 15.
jh. bei Hebel chülbi. I@ee)
alem. natürlich noch mit l, kilchwih Brant 61, 20 (
aber kirchwich 110
b, 31), kilwihi (
mit ahd. endung) 15.
jh. Dief. 202
a, Tobler 104
a, kilweih
auch Frischlin
dicht. 25; kilwy Maaler 243
b, dorfkilwe 91
d, kilbe Lenz
Schwab. 121
a (
eigen selbst im Simpl. haberkilbe 3, 119).
jetzt schweiz. kilbi, kilwe,
dazu selbst kilben, kilbelen
kirmse halten, oder auf der kirmse tanzen und jubeln Stalder 2, 99,
appenz. chilbela
buntscheckig sein, geschmacklos verziert sein (
nach der kirchweihtracht der bauern) Tobler 104
a,
vgl. kirchweihen als verbum im pl. kilwine (
schon 16.
jh.),
bei Hebel chülbene, Tschudi 2, 120 kilchwine. I@ff)
über diesen entstellungen, die zum theil noch jetzt in büchern und zeitungen ihr recht haben, ist aber die volle form nie vergessen worden, während doch kirchmesse
über kirmes
wirklich so gut wie vergessen ist. ja kirchweih
hat heute noch die geltung des gewählteren ausdrucks im ganzen bereiche der schriftsprache: kirchweihen und jahrmärkte Göthe 26, 157,
wie es auch früher im mitteld. bereiche neben den heimischen formen sich findet, z. b. kirchwey
enceneatus in Diefenbachs
md. voc. v. 1470
sp. 108 (
neben kirmes
dedicacio 89), kirchweig
dedicatio im Leipz. voc. 1501 (
neben kirmesse
encenia K 1
a).
das volle kirchweihe
geben auch oberd. vocc. d. 15.
jh. Dief. 169
b,
der voc. 1482 q 5
a, Maaler 244
a,
allerdings besonders in der kirchlichen bed., für die auch kirchweihung (
s. d.)
galt, aber nicht allein. I@gg)
auch kirchenweihe
kommt vor, wie kirchenspiel
für kirchspiel;
s. sp. 815
und nachher II, 1,
b. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11, II@1@aa)
kirchlich, einweihung einer neuen kirche (
genauer jetzt kirchenweihe)
und die jährliche erinnerungsfeier der weihe: und die kirche (
auf dem Grünenwerd zu Straszburg) wart gewîhet in êre der heiligen drîvaltikeit ...,
gleich darauf ist die rede von der begehung dieser kirwîhe alle jôr jêrliche (
daher 'jârkirmesse'
myst. 1, 230). C. Schmidt,
die gottesfreunde im 14.
jh. s. 36;
es ist die rede von zwein kirwîhen (
s. 38),
die zweite fällt ûf den achtesten tag der alten (
ersten) kirchwîhen,
an dem ein '
groszer ablasz'
ertheilt wird (37),
vgl. nachkirchweih
u. b. hie mite vuor er in ein lant dâ er ein kirchwîhe vant, unt bat den phaffen der dâ was ... daʒ er in dâ predigen lieʒ.
pf. Amis 352,
vgl. 934 (kirchweihpredigt). so spricht sie 'narr, kniestu dar für (
um liebe flehend)! nun pistu doch auf keinr kirwei, meinstu dan das ich heilig sei?' H. Folz
bei Haupt 8, 515.
übertragen auf ein jüdisches fest: das ir itzt wolt die kirchweihe (
σκηνοπηγία) mit uns halten. 2
Macc. 1, 9,
vgl. 2, 9 da die kirche geweihet und der tempel fertig ward; es ward aber kirchweihe (
τὰ ἐγκαίνια) zu Jerusalem.
Joh. 10, 22; sie (
die Juden) hetten dreierlei kilchweih des tempels. Keisersberg
evang. 1517 67
a; an statt der lauberhüttenfest haben wir unsere messtäg und kirweihen. Fischart
bien. 1588 167
a. II@1@bb)
es hiesz die heilige kirchweihe (
vgl. kirchmesse 1,
a): 'nun vergelts gott und die heilig kirchweih'.
Garg. 51
b (83),
als redensart, freilich hier satirisch, von unzüchtiger 'nachkirchweih'
des pfarrers, mit personification wie die Fasnacht
als person behandelt wird. die satire erklärt sich aus folgendem gebrauche: die priester richten (
bei der kirchweih) ihre krämerei auch zu, thun die tafel auf, setzen die heiligen gözen (
heiligenbilder) herfür mit einem aufgesetzten kranze, von diesen musz man 'die heilige kirchenweihe' lösen (
mit geschenken). einer (
priester) sitzt darbei, der musz dem stummen gözen das wort thun, der hat auch seinen sold, zu den gebenden sagt er 'vergelt es gott und die heilige kirchweihe'. Hormayr
taschenbuch für die vaterl. gesch. 1835
s. 261 (
aus einer nicht genannten alten quelle).
ebenda vorher: darnach kommt die heilig kirchweihe, daran ein grosz gefräsz ist
unter den pfaffen und laien, die einander weit darzu laden. die bauern laden gemeinlich ihren pfarrer zu sich in das wirtshaus mit seiner köchin ... zu morgens (
darauf) halten die priester gemeinlich einen jahrtag, dazu kommen viel pfaffen geladen ... darnach halten sie um die präsenz nachkirchweihe im wirtshause oder pfarrhofe ... doch geht man früh zuvor in den tempel, sonderlich an der kirchweihung (
dem haupttage), mit spieszen und hellebarten, grüszen die heiligen darnach mit der sackpfeifen auf dem platze. II@1@cc)
die verweltlichung des festes ist alt (
vgl. unter kirchtag): so weis ich ganz uf erterich kein schimpf, der si eim ernst so glich, als das man danzen hat erdocht, uf kilchwih, erste mess ouch brocht. Brant
narr. 61, 20; und zuvor (
unter den überflüssigen kirchenfesten) solte man die kirchweye ganz austilgen, seintemal sie nit anders sein dan rechte tabernn, jarmarkt und spielhoffe worden. Luther
an den adel H 4
b. II@22)
weltlich, kirchspielsfest, ortsfest, mit häuslichem schmause, öffentlichen lustbarkeiten, jahrmarkt, wovon nach umständen und örtlichem gebrauche eins oder das andere allein gemeint sein kann II@2@aa)
als ortsfest: wann kirwyhen sint in demselben gericht, was dan von spieler und kegelschieber gescheen will, das moisz mit der drier herren (
des orts) erlaubunge sament gescheen.
weisth. 2, 208; darnach kumbt sich der herbst daher und bringt uns vil der kirchwey. da schlagen (
schlachten) die bawren küe, kelber und seu, da hebt sich denn ein saufen und fressen
u. s. w. Neidhartslied bei Schade
bergreien s. 160; zuo einer zeit begab es sich, dasz er (
der pfaff) von einem andren dorfpfaffen auf die kirchwich geladen ward. Wickram
rollw. 13, 6; noch viel minder vergasz die lieb Grandgurgel die ordenliche kirchweihen, die messtag, die jarmärkt, da lindiert er (
tanzte um die dorflinde), kelberiert er, dorfariert er, kegelt, sprang umb die hosen, jagt umb den barchat
u. s. w. Garg. 51
a (82); da (
damals) liefen sie nit also selbs, wie die huoren auf ein kirchweich, ungefordert zuo (
zum kriege, wie nun die landsknechte). S.
Frank chron. 1536 1, 253
b.
die bauerburschen kamen übrigens bewaffnet dazu: zuo der kirchweihe kummen die jungen gesellen mit trummen und pfeifen, gewapnet als zuo einem krieg, den si auch etwan (
manchmal) finden oder erwegen, und geen oft mit pluotigen köpfen von der kirchweihe, so si den aplasz (
den sonst an kirchweihen die kirche austheilt) zur vesperzeit mit spieszen haben auszteilt, wider heim. S. Frank
weltb. 1534 51
a (Wack.
leseb. 3, 1, 340),
vgl. unter 1,
b aus Hormayr,
es erschien wol urspr. auf der kirchweih als dem orts- und gemeindefest die bewaffnete gemeinde. II@2@bb)
als jahrmarkt, wie kirchmesse, kirchtag
schon im 14.
jh.: ze Cheverlôch an Sant Egidien âbent und an seinem tag, sô ze kirchweich ist (
auf die kirchweih fällt).
mon. boica 8, 545
v. j. 1331,
von demselben orte das. 543 an Sand Gilgen (
d. i. Egidien) tag, als tult dâ ist,
es ist der jetzt noch berühmte viehmarkt zu Keferloh bei München (
s. Schmeller 2, 285); zum dreizehenden (
fragt der schultheisz), wie man die zwo kirchweihung zu Nunkirch und die kirchweihung zu Biebern handhaben soll? daruf der scheffen erkant, wer uf die kirbe komme, der möge freien kauf (
handel) haben und treiben .... wie weit die freiheit gehe gemelter dreier kirben?
weisth. 2, 192,
vom Hundsrück 16.
jh., bemerkenswert die würdige vollste form und die kurze volksmäszige dicht beisammen; (
der krämer) musz durchlaufen all kirchweich und auch die jarmärk dergeleich. H. Sachs 1 (1590), 398
b H. Sachs
erzählt einmal von der kirchweih zu Tettelbach, von lust und schwänken aller art, dabei: da ich nun auf die kirchweih kam, da sah ich gar mannichen kram, mit leckuchen und brändtenwein, kölchte haarband und schlötterlein, mit gürtel, beutel, nestel, taschen, mit roten schüsseln, plechen flaschen, pfeifen, schabhüt (
schaubhüte), würfel und karten, lange messer und spitzbarten. 1, 529
c (1590 396
c).
in Baiern heiszt z. b. der michaelismarkt zu Amberg noch die kalte kirchweih.
am Bodensee heiszen die jahrmärkte gewöhnlich kilben.
In der geschichte Nürnbergs spielt im 15. 16.
jh. eine rolle die kirchweih
zu Affalterbach, auch kirchtag (Soltau 1, 176
ff.)
genannt, kirchliches fest mit wallfahrten, weitberühmtem jahrmarkt und lustbarkeiten, dessen mittelpunkt immer das kirchle,
die kapelle im orte blieb; Nürnberg und die markgrafen von Ansbach lagen um den kirchweihschutz,
die besetzung der messnerstelle in der kapelle, den besitz der kirchenschlüssel, die erhebung des kirchtaggeldes u. a. in langem heftigem hader, öfter blutig ausgefochten (
s. v. Soden
gesch. des ehemal. weilers Affalterbach. Nürnb. 1841). II@2@cc)
sprichwörter und redensarten: es ist kein dörflein so klein, es wird eins jars einmal kirchweihe darinnen. Agricola
nr. 342; man lasz den edelleuten ir wildpret und den bawren ir kirchweihe, den hunden ir hochzeit, so bleibt man ungerauft.
nr. 425; kein dörfchen so klein, des jahrs doch einmahl kirchweih drein, sagts sprüchwort. Fr. Müller 1, 280; wer sich nicht schämt, macht sich die kilbe zu nutz. Simrock 8875; auf andrer leute kirchweih ist gut gäste laden. 5692; auf solcher kirchweih gibt man solchen ablasz. 5693,
s. unter a S. Frank; Zachäus ist auf allen kirchweihen. 11954 (
s. darüber kirmesfahne); von ungefähr, wie die predigermönche nach Dieszenhofen auf die kilbe kommen. 10640
b;
s. auch unter kirmes. zu spät auf die kirchweih kommen,
post festum venire, μετὰ τὴν ἑορτὴν ἥκειν: wer sich der wiber zank annem, derselb versumpt (versûmt) uf dkilchwih kem. Murner
geuchm. 1083
Scheible. II@2@dd)
s. auch dorfkirchweih, nachkirchweih,
der letztern gegenüber heiszt die hauptkirchweih die grosze (
schwäb. saukirwe Meier
sagen s. 447).
auch nach den heiligen und dem kirchspiel benannt, z. b. in Augsburg Jacoberkirchweih, St. Ulrichskirchweih,
auch michelikirchweih (Birlinger
Augsb. wb. 279
a).
vorarlb. allerweltskilbe
das allgemeine kirchweihfest im oct. Felder
Nümmamüllers 40. II@33)
geschenk von der kirchweih, jahrmarktsgeschenk, wie kirchtag
und kirchmesse (kirmes, kirmse)
auch: trumetten, pfeifen, lautenschlagen, der kirweich (
var. kirmesz) kaufen, singen, sagen ich hab umb ein (
eine jungfrau) geübet stet.
fastn. sp. 285, 3; so dunk ich mich ein stolze diern und hor die knaben gern hofiern mit singen und mit seitenspil ... den wil ich allen der kirbei kaufen: 520, 2. 735, 19; so will ich dir bringen der kirchwei, es si dann das der tüfel darinnen si.
de fide meretricum 74, 20 Zarncke,
über den genit. obj. s. kirchtag 1,
c, s. auch hier 4,
i. ich will dir schon ein kirchwey schenken. Ayrer 21
b; und wenn ich morgen komm zu haus, so bring ich dir ein kirchwey mit.
ders. fastn. 115
a; er wolt seinen teufeln so wol kommen, als wann er ein kirchweih von einem jarmarkt mitbrechte. Ayrer
proc. ij 5; ehrlichen leuten ist gut ein kirb kaufen, sie gedenkens lang. Lehmann
flor. 1, 134; ich habe eüch ja versprochen alle jahr eine kirbe von Versaille zu schicken, hiebei kompt sie. Elis. Ch. von Orleans 174 (
i. j. 1714). II@44)
Von welcher wichtigkeit die kirchweih
im gemeindeleben war, zeigt die vielfache, zum theil merkwürdige weitere anwendung des wortes. II@4@aa)
als fest überhaupt, lust, festfreude, d. h. in ganz natürlicher weise der allgemeine begriff '
fest'
entnommen von dem hauptfeste des orts. bei Alberus 'kirb
solemnitas',
und '
solemnitas, ein jargezeit, fest, kirb'.
in einem weingrusz des 15.
jh.: nun grüsz dich gott, du gesunde arzney, wo du rast, da ist grosze kirchwey, genad und ablasz gelerten und leien.
altd. bl. 1, 412.
fastn. sp. 1344, '
gnade und ablasz'
sind eben auf der kirchweihe zu haben, s. unter 1,
a und 2,
a a. e.; bemerkenswert ist, wie da noch die kirchliche und die weltliche seite der kirchweihe ungetrennt erscheinen. die fastnacht heiszt der narren kirchwich Brant
narr. 110
b 31
und im schluszworte; narrenkirchweihe
der montag vor fastnacht, s. westfäl. anzeiger 1807 561
ff. ebenso ist ja fest
erweitert, z. b. 'das ist ein fest für die kinder!' II@4@bb)
der kindtaufschmaus heiszt auf dem Hundsrück '
kindchenskirchweih', kinncheskêreb,
fränk. kindskerwa, kindleskirm Fromm. 6, 329,
ebenso henneb. kirmes Reinwald 2, 70,
thür. kinnerkerms,
osterl. kengerkerms,
in der Zips kirms Schröer 69
b,
vgl. kirchtag 1,
d. ebenso md. erntekirms
ernteschmaus Krünitz 38, 434. II@4@cc)
öfter noch im schlimmen sinne, mit vorkehrung der genuszsucht, ausgelassenheit, roheit die ein theil der kirchweih wurden: also ist Christus abendmal hie auch zur kirchwey worden. Luther 3, 379
b,
schmaus; das sie eine kirchwey oder fastnacht draus machen. 380
a; so ist aber die kirchweih aus. H. Sachs 3 (1588), 1, 147
b,
so klagt eine buhlerin, deren liebhaber (
der verlorne sohn) '
ausgebeutelt'
hat; botz küre leiden! was soll ich sagen, der hagel hat int kirchweih gschlagen!
das., klage des schmarotzers in gesellschaft des verlornen sohnes. Fischart
sagt von Rom: derhalben (
weil es mit morden, rauben und notzüchtigen gegründet sei) es kein wunder ist, dasz alle dergleichen vögel alda ir kirchweihe halten.
bien. 230
a (1588 254
a),
bei Marnix 249
a kermis houden. II@4@dd)
ausgelassener scherz, derber spasz, schwank (
wie fest
auch neckerei, scherz bedeutet, 'sein fest mit einem haben'): in dem ein hündlein sprang entpor, erwischt ein kalbskopf bei eim ohr, raisz den herab, zöscht ihn darvan. der kirchwey lachet iederman. H. Sachs 2, 4, 61
d. II@4@ee)
überhaupt wo es bunt zugeht, wo es drunter und drüber geht, ist eine kirchweih,
wie ähnlich wirtschaft
solchen sinn bekommen hat, mehr komisch beschönigende ausdrücke: also erwarteten wir der käiserlichen völker einbruch in die stadt, meine kostfrau zwar mit angst und zittern, ich aber mit groszer begierde zu sehen was es doch vor eine neue ungewöhnliche kürbe setzen würde.
Simpl. 2, 122 (3, 14, 13
Kurz); aus sorge dasz ich einmahl auf so einer kürbe (
unzucht) erdappt .. werden mögte. 1, 371 (1, 377, 4); mit solchem sündlichen wollust brachte ich die nacht vollends zu, bis es anfieng zu tagen und meine gewesene jungfer anhub zu schlafen ... wie aber diese kürbe dem guten menschen (
neutr.) künftig bekommen sei, davon hab ich weiter keine nachricht erhalten. 2, 327 (3, 416),
es geschieht eben auf einer kirchweih. appenz. hest e schöne chilbe angstellt,
eine saubere geschichte; von einem burschen der vater eines unehelichen kindes wird, sagt man er habe e schöne chilbe Tobler 103
b.
schweiz. heiszt bauernkilbi
auch eine geschmacklose macherei, z. b. verschnörkeltes schnitzwerk. Stalder 2, 99,
s. kilbelen
sp. 829
mitte. II@4@ff)
besonders oft werden aber schlägereien, kampf und streit verblümt so bezeichnet (
vgl. S. Frank
u. 2,
a): die (
bauern) fiengen an so greulich zu schreien, so grimmig darein zu setzen und darauf zu schieszen (
auf die plündernden soldaten), dasz mir alle haar gen berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen kürbe gewesen.
Simpl. 1, 49 (1, 47
Kurz).
in dem liede von der schlacht vor Pavia 1525
am schlusse: der uns das liedlein newes sang, von newem hat gesungen, das hat gethan ein lantzknecht guot, den reien hat er (
mit) gesprungen (
im streit). wan (
denn) er ist auf der kirchwey (
mit) gewest, der pfeffer (
bratenbrüh) ward versalzen, man richt in mit langen spieszen an, mit helleparten (
war er) geschmalzen. Soltau 1, 293,
der reie
ist als kirchweihtanz, der braten
als kirchweihbraten gedacht. besonders der sieger eben nennt den waffentanz triumphierend eine kirchweih (
vgl. unter kirchmesse 4),
schon im 14.
jh.: dér kirchwih ward si (
die bauern) verdrieszen, dér ablasz ward in sure. Liliencron
hist. volksl. 1, 182
a. II@4@gg)
man droht seinem feinde, man wolle ihm auf die kirchweih kommen (
wie auf die hochzeit Scheit
grob. R 1
b, hochzeit
noch als fest).
ganz eigentlich in dem streite der Nürnberger und Ansbacher um den kirchweihschutz von Affalterbach (
sp. 831): ist (
a. 1502) der markgraf und die von Nürnberg uneins und aufstöszig worden der jurisdiction halb einer kirchweich, von denen nie nichts guots kummen ist (dan sie des teüfels fest seind) ... als die Nürnberger solten auf die kirchweich ziehen fielen (
die markgräfler) hinaus, lägerten sich in Nürnberger wald, in hoffnung den Nürnbergern, so sie auf die kirchweich zugen oder darvon, auf die kirchweich zuokummen. S. Frank
chronica 1536 1, 254
a,
sie in der feststimmung zu überrumpeln; sie hetten gar wol vernumen, das (
der) markgraf put auf in all sein land, er wolt auf die kierchwey kumen.
landsknechtlied bei Soden 138; were er zu in auf die kirchwey kommen, sie wolten in gar schon han entpfangen. 139.
es war eine alte kriegslist, dem feinde bei einem solchen feste über den hals zu kommen, so enthält auch diese redensart sicher ein stückchen wirklicher geschichte. in einem spruche von dem kriegszuge des landgr. Philipp und kurf. Joh. Friedrich gegen herzog Heinrich von Braunschweig 1542
heiszt es von den beiden verbündeten, die den herzog überraschten, dasz er nicht stand halten konnte: sind dem fromen man zu frü auf die kerbei kommen, haben im also ein rang abgelaufen. Wolffs
hist. volksl. 126.
ähnlich von dem kriegszug landgr. Philipps 1534
nach Würtemberg: Hessen thet sich nicht saumen, zu schimpf gar wol gerüst, wolt auf der kürbe kramen. Soltau 2, 155,
er kommt den Österreichern auf die kirchweih, um einzukaufen, gleichsam '
seinen schlag zu machen'.
in einem schweiz. liede von der schlacht auf der Malser heide 1499,
wo die Graubündener die Tiroler zurückschlugen, trutzen diese jenen, sie sollten künftig ihrer kirchweih sich enthalten, d. i. sie wollen sie '
heimschicken': wir wends inen wol erbieten (
ironisch) den bünden allgemein, unser kilwy (
gen.) sönd si sich nieten, keiner kumpt in wider heim. wir wend in schenken usz eim fasz (
auf der kirchweih): in der Etsch wend wirs ertrenken, so dörfends (
brauchen sie) nienen glas. Körner
hist. volksl. 36. Lenz
Schwabenkr. 121
a. II@4@hh)
der ausdruck ist sogar kräftig genug, um als bild von hölle und jüngstem gericht zu dienen: als er (
pabst Silvester II.) mess darinnen that, ward er krank und vermerkt, das der teufel ihn auf die kirchweih zuholen käme. Fischart
bien. 1588 240
a, dat de duyvels hem quamen ter kermisse halen Marnix 233
b; reist zu seinem meister auf die fegfewrkirben ins seelfegerland. 240
b (
d. i. starb), te kermis, int vagevyer 234
a; das er kurz hernach die seelen im fegfewr solte besuchen und kirchweih auf aller seelen kegelplatz mit ihnen halten.
das. II@4@ii)
der redensart unter g gleich heiszt es auch einem eine kirchweih kaufen: so gébt ir in (
den feinden) einen fürlasz (
vorsprung), alsdánn wil ich zuo rechter masz kúmen und in mit meim haufen érst der rechten kirchweich kaufen.
Teuerdank 93, 18; ich wil der siben freud mit in spilen (
ironisch) und in all tag der kirbei kaufen, das in die zeher die packen ablaufen, das in der ruck vor freuden erplabt (
blau wird).
fastn. sp. 267, 20). II@4@kk)
noch jetzt ist eine südd. höhnende redensart, dasz man einen auf die kirchweih ladet (
ad lambendas nates),
wie auf den kirchtag
sp. 827
e, s. z. b. Fromm. 2, 415. 6, 318, 227
aus Franken; auch sächs. einen auf die kirmst bitten.