kobern ,
ein merkwürdiges wort mit vielfacher, zum theil dunkler bedeutung. dazu erkobern, bekobern.
es soll aus lat. recuperare
entstanden sein. 11)
Am sichersten ist das bei der bedeutung sich erholen. 1@aa)
so mhd. sich koberen (
wb. 1, 855
b),
auch sich erkobern
und sich bekobern,
zuweilen blosz erkoberen (
livl. chr. 7933),
von leuten die im kampfe oder nach krankheit wieder zu kräften kommen; auch das ahd. irkoborôn (
schon ohne sih)
vom überwundenen teufel Otfried
V. 2, 14
läszt sich so fassen: thaʒ iamêr er nirkoborôt,
dasz er für immer sich nicht wieder erholt, in einer hs. ohne das ir- 'ni koborôt'.
aber auch ags. âcofran
convalescere Bosworth 3
b,
altengl. cover. 1@bb)
noch jetzt bairisch sich
kofern sich erholen, an kräften zunehmen Schm. 2, 286,
schwäb. sich erkobern 276,
auch in Nassau, Hessen u. a., und dasselbe ist schweiz. sich erköfern
sich letzen, erquicken Tobler 170
b.
das f
geht zurück auf eine mhd. nebenform (er)koveren,
schon ahd. einmal obercoverôn,
vgl.kofern unter 2,
c. mehr von nhd. erkobern
s. 3, 879. 1@cc)
das stimmt nun ganz zu lat. se recuperare,
das in allen rom. sprachen fortlebt, franz. in recouvrement, recouvrer la santé
u. ä., altfranz. kurz recouvrer, recovrer,
wie noch engl. recover,
mnl. recoevereren,
schon früh mlat. recuperare
genesen. das lat. wort hatte offenbar noch aus alter zeit her von der ganzen westl. culturwelt besitz ergriffen, und auch unser wort schlieszt sich zu deutlich diesem kreise an. Doch bei bloszer entlehnung bleibt einiges höchst auffallende, vor allem der umsatz des re-
in das heimische ir-
der schwerlich wieder vorkommt (
vollends in das ags. â-),
aber auch der des u
in o
der sonst umgekehrt vorkommt (
sp. 844
mitte)
und hier wenigstens ein urspr. irkobarôn
fordert, wie es wirklich erscheint in uparchoparari Graff 4, 358.
endlich das b
für p,
das doch auch in '
increpare increbôn' (Graff 4, 587)
vorliegt, es setzt wenigstens ein volksmäsziges b
schon in lat. munde voraus (
vgl. unter kette 'cadina');
das hd. v
ist vielleicht frz. einwirkung, wie im nl., auch nrh. koverunge Liliencr.
volksl. 1, 7
a.
Im mnl. übrigens auch vercoeveren (
lekensp.),
und ebenso selbst schwed. förkofra sig
zunehmen, auch trans. förkofra
vervollkommnen, wie altdänisch koffres,
trans. koffre Molbech
dansk gloss. 1, 445 (14.
jh.)
; das för-, ver-
entspricht dort auch sonst dem hd. er-. 1@dd)
aber ein anlasz zu dieser auffallenden verbreitung eines so abstracten fremdwortes bleibt zu finden. das hd. sich erkobern
deckt sich mit sich erholen
nach allen seiten, wie sie in der rechtssprache auch ausdrücklich verbunden wurden: so möchten sie sich des (
schadens) .. an mîme lîbe und gûte .. erholen und erkobern mit gerichte oder âne gerichte. Haltaus 397,
v. j. 1420.
das rechtliche sich erholen
nun galt auch von einem klagenden, schwörenden u. ä., der wegen eines formfehlers die begonnene klage oder den eid von neuem beginnen durfte (
daher auch '
sich anders besinnen'
Gudr. 1287): sô mac he vregen eines urteiles, wie dicke he sich irholen sulle (
dürfe) an dem geschreie (
der klage, s. sp. 910).
Freiberger stadtr. s. 227. 187,
diese wiederaufnahme heiszt ebenda kurz holunge (
ohne er-,
wie koverunge).
das glückliche durchkommen aber heiszt einfach gestên (
auch bestên),
das gegentheil ervallen,
z. b.: sprechen si (
die gegner) daʒ he gestanden sî, sô ist he gestanden, sprechen si aber daʒ he nicht gestanden sî, sô mûʒ man in anderweide manen (
zum eid auffordern), wend im die holunge gedinget ist
u. s. w. 187,
da er die '
wiederholung'
sich ausgedingt hat; welcher zeinem mâle irvellit, der ist irvallen, der mac nicht mê gestê
n. 230. 1@ee)
diesz führt aber auf stehn oder fallen im kampfe als eigentliche bed., da die ausdrücke für den gerichtsstreit fast durchgängig aus denen für den waffenstreit flieszen, und so wird auch das ganze sich erholen
aus dem kampfleben stammen, eig. '
sich aufraffen'
von einem falle, wie deutlich noch Trist. 177, 23 (
dann auch von einer ermattung, einem schreck u. s. w.).
nicht anders nun sich kovern
z. b. Lohengr. 2716, koverunge pflegen 2715,
und altfranz. recovrer '
se relever, reprendre sa position'. Burguy
gramm. de la langue d'oïl 3, 317
b,
ja noch englisch recover
von gestürzten pferden die sich wieder aufraffen, beim wettrennen, daher selbst trans. to recover a hare,
einen hasen aufjagen Halliw. 672
b.
am merkw. aber im commando recover arms!
gewehr hoch! also '
nehmt (
rafft)
die waffen in die höhe'.
vgl. 3,
e. 1@ff)
es ist wol klar, dasz da (
wie oft)
ein germ. und ein rom. wort sich an einander entwickelt haben, jenem kam lat. recuperare
schon in verwandter bed. entgegen (
s. c),
dieses aber erhielt von dem deutschen, fränk. sich erholen, irhalôn
seine weitere richtung, drang aber so innerlich umgedeutscht und neugeboren auch selbst nach osten vor. das merkwürdigste dabei ist, wie das alternde recuperare
von dem jungen bruderworte eine nie besessene sinnliche bed. gewann, ein rechtes bild des röm. und germ. wesens im kleinen. seine entwickelung werden dem worte das kampfleben und rechtsleben hand in hand gegeben haben. denn auch das rechtliche u. a. sich erkobern
oder bekobern (1, 1425,
mhd. Iw. 3733
var.),
einen verlust wieder einbringen, ganz wie sich erholen (7,
a),
musz seinen sinnlichen anlasz im kampfleben haben. 22)
Doch spielt da schon die zweite bed. des lat. rom. wortes mit hinein. 2@aa) recuperare
hiesz auch und eig. wiedergewinnen (
daher eben se rec.,
sich erholen),
und so noch it. ricovrare,
span. recobrar,
franz. recouvrer,
engl. recover,
aber auch 'erkobern
recuperare'
noch im 15.
jh. Dief. 488
a,
wenn das nicht zu 1
gehört. denn bei uns zeigt sich das '
wieder'
daraus geschwunden: erkobern
oder erwerben,
indipisci, acquirere. voc. 1482 h iij
a; erkobern und erwinnen (
etwas vor gericht). Baur
hess. urk. 1, 288,
vom jahre 1326,
durch gerichtliches verfahren zugesprochen erhalten; das die egen. apt und convent die egen. sachen erwonnen und erkobert haben. Haltaus 397,
v. j. 1403.
dann auch auszer dem rechtsleben, ein jäger z. b., der gefragt wird: sag, was im jar du mit deim paiszen magst erobern? er sprach: was vögel ich erkobern mag, die isz ich hewer als fert. H. Sachs 1, 537
a (1, 61
Göz).
der wegfall des '
wieder'
begreift sich wol eben aus dem rechtsleben, da man etwas vor gericht als sein eigen fordert, also eigentlich zurückfordert, er zeigt sich übrigens auch schon in altfrz. recovrer,
trouver, mlat. recuperare
ausfindig machen (
s. Hentschel). 2@bb) erkobern
lucrari gibt noch Stieler 1014,
es lebt noch in Posen nach Bernd 54 ('
erlangen'),
henneberg. erwischen, erkobern und erkriegen
alle mittel anwenden etwas zu erlangen Fromm. 3, 136. 142,
und mit dieser üblen wendung des begriffs (
die sich auch aus dem rechtsleben erklären könnte)
blosz kobern,
z. b. in Leipzig: wer weisz wo er das wieder einmal gekobert hat; was die nicht alles zusammen kobert!
in der Lausitz u. a. kabbern,
z. b. bei einer erbtheilung, sich heimlich aneignen. daher wol auch koberlehen,
ein '
erkobertes'
im gegensatz zum rechtlich erworbenen ('lehen'
scherzhaft oder höhnisch),
auch das kobereisen,
vielleicht der koberjude (
und Köberlin?
vgl. Chöverle 14.
jh. Haupt 6, 420),
mögen vielmehr von diesem kobern
sein, nicht anders östr. koberin
f. kupplerin Castelli 183.
mehr spaszhaft wol in folg.: so gieng sie schnippisch davon, als wenn sie einen ehemann gekobert hätte. Gutzkow
ritter v. g. 4, 112.
man dachte aber später dabei an kober,
wie Campe
und wol schon Stieler,
der erkobern
mit einkobern
erklärt, er gibt auch als gegensatz auskobern
perdere, damnum facere (?). 2@cc)
hier erklärt sich vielleicht mhd. kobern
von einem hazardspiel, urspr. etwa als beschönigender ausdruck der spieler von unredlichem spiel: mir ist ie gewesen unmær kobern, zechen, al die site, dâ man kompt ze kriege (
streit) mite. Teichner
im lieders. 1, 447;
in einem andern spruche über den verkommenen adel bei Karajan 283
beklagt er ir kobern und ir trank.
auch kofern, wie mhd. koveren
unter 1,
b: alle spil und chofern mit würfeln, mit chugeln, mit charten,
oder alles choffern mit dem würfel oder mit der chugl
wird verboten Gemeiner
Regensb. chron. 2, 189. 301,
v. j. 1378. 2@dd)
freilich könnte einen diesz kobern,
schon die blosze form, an recuperare
irre machen. aber wie es schon in der 1.
bed. mhd., selbst ahd. um das er-, ir-
verkürzt bestand, so in dieser die kürzung schon auf rom. boden: franz. dial. couvrer, covrer,
altfrz. cobrer,
prov. span. cobrar,
erwerben, bekommen, auch wiederbekommen (
span. auch cobrarse
sich erholen),
ja auch mlat. cuperare,
förmlich und rechtlich erwerben. ebenso altengl. cover,
nl. bei Kil. koeveren
erwerben, auch mit franz. endung koeveréren.
aber merkw. auch ein adj. koever
reichlich, abundans bei Kil. (
noch fläm. Schuerm. 273
a),
mnl. ein subst. coever
m. fülle, vorrat (
h. belg. 3, 142
a, De Vries
gloss. zum lekensp. 644). 33)
Es kommt aber noch mehr in frage. 3@aa)
das ahd. irkoborôn
bei Otfried
heiszt auch überwinden, bezwingen V. 12, 34. 23, 1,
noch deutlicher 12, 40 ubarkoborôn,
und diesz IV. 31, 30
in der bed. übertreffen, alles ohne anhalt im roman., und alles schon bildlich, sodasz ein weit älterer bestand anzunehmen ist. unbildlich uparchoparari
exstinctor (
antichristi) Graff 4, 358.
es weist wieder auf das kampfleben hin, woher aber da das fremdwort? Ich wüszte nur eine möglichkeit. für die 2.
bed. war das heimische wort gewinnen,
diesz aber gehörte gleichmäszig dem rechtsleben wie dem kampfleben an, eig. durch rechtsspruch oder kampf erwerben; und wie nun erwinnen und erkobern
verbunden ward (2,
a),
wie dem ubarkoborôn
ahd. ubarwinnan '
überwinden'
entspricht, so müszte das lat. wort sich vor gericht mit gawinnan
verschmolzen haben, wie unter 1
mit irhalô
n. dem römischen recuperare
durch rechtsspruch müszte sich der begriff des germanischen gawinnan
durch gerichtlichen zweikampf (
vgl. uberchoberôn
convincere, contendere in judicio bei Graff)
untergeschoben haben und so zu diesem ubarkoborôn, irkoborôn
geworden sein, der ganze vorgang aber müszte wol bis in die älteste zeit etwa der fränk. herschaft in Gallien zurückreichen. sonst bliebe doch nur die annahme einer deutschen wurzel übrig. 3@bb)
eine verbindung mit vorigem könnte wol ein merkw. mhd. kobern
haben, bei Hadamar von Laber 51. 110. 114. 118
u. oft von jagdhunden, die eifrig der fährte nachjagen, nachstreben, einmal 406
mit hin,
als zeitwort der bewegung, eig. sich anstrengen wie ein kämpfer? dazu stimmte, was Schöpf 331
aus Tirol gibt, kobern
angestrengt arbeiten. Laber
braucht aber auch ein adj. kober, ein hungerig kobrer habich 175,
ein eifriger, kampflustiger wie es scheint. so bestand zu dem dän. koffre (1,
c a. e.)
ein adj. koffer
tüchtig, tapfer Molbech
a. a. o., in Schonen en kober karl,
vir frugi Ihre 1, 549,
kann das von dem fremden stamme neugebildet sein? 3@cc)
ganz anders in mhd. zeit bei Jeroschin 13838. 12775 sich kobern (in ein)
von den Preuszen die geschlagen sich '
rückwärts concentricren'
; es ist ein anklang von 1,
sich wieder fassen, erholen drin, doch der hauptbegriff ist räumlich. aber schon das mlat. recuperari
heiszt auch se recipere, sich wohin retten, zurückziehen, wie noch it. ricovrare. 3@dd)
wieders anders mhd. erkobern
fangen, nach Schmid
schw. wb. 321
in einer schwäb. urk. von 1394 (
er schlieszt es an kober
zum fischfange an)
; das kann von der bed. gewinnen ausgehen, auch altfranz. cobrer
saisir, s'emparer (Burguy 3, 318
a),
span. cobrar
von geschossenem wilde, vgl. H. Sachs
unter 2,
a. 3@ee)
ähnlich vielleicht folgendes, in der verblümten sprache eines hochzeitgedichts aus der zweiten schles. schule: doch weisz der schlauhe feind die burg zu attaquiren ... die äuszersten posten sind schleunig erobert, es wird die besatzung zurücke gekobert.
Hoffmannsw. u. a. ged. 5, 94.
aber es stimmt mit dem eigentlich gemeinten auch zu einem sächs. kobern,
ein weites kleid kobert (kobbert) sich,
zieht oder schoppt sich nach oben, in einem weiten kleide geht man koberig.
s. auch 'recover arms'
unter 1,
e zuletzt. 3@ff)
ferner ein bergm. kobern,
in Steiermark vom zerschlagen der groszen eisensteine, knauer mit handhämmern Scheuchenstuel 141.
ist es gemeint wie bergm. gewinnen,
eigentlich bezwingen? 3@gg)
wieder ganz anders kobern
durchprügeln, kober kriegen,
prügel kriegen. Stieler 1014 (
auch abkobern, zerkobern),
z. b. noch in Sachsen, Anhalt gebräuchlich (einem das leder auskobern): der mahler hatte die diener schon aufgebotten, die .. den armen stutzer .. dermaszen koberten, dasz er seines kusses .. hätte vergessen mö
gen. Weise
erzn. 149
cap. 13; des unreifen studentens stubengesellen aber koberte ich gottsjämmerlich ab, und ich sage dasz ich ihn endlich gar hätte zu tode gekobert ...
Schelmufsky 2, 64. 63,
es geschieht aber da mit einem kober,
korb. eigen oberlaus. einem ein koberlied singen,
ihn schlagen Anton 2, 6.
es könnte irgend eine scherzhafte anwendung einer vorigen bedeutung sein. 3@hh)
ähnlich vielleicht schon erkobern
in einem spottreichen spruche auf die niederlage Karls von Burgund 1477: damit sie Ellekort eroberten und der Burgundier gar vil zum tode erkoberten. Haupt 8, 330,
spöttischer gegensatz von sich erkobern,
erholen? 3@ii)
in einem pfälz. weisthum von 1507
heiszt es von zinsen, die nicht rechtzeitig erlegt, auch nach mahnung nicht erlegt würden: were es aber sach, dasz sie iemants liesz auszer kobern ..
weisth. 1, 791,
oben 1, 851
ist auserkobern
angesetzt; es scheint durch pfändung erheben und erinnert an franz. recouvrer,
mlat. recuperare
vom erheben der gefälle. 3@kk)
was ist sich kobern
im folg.? wo ein ast zweizinkig ist, da ligt ein stein, der sich da kobert. Spangenberg
lustg. 384. 3@ll)
nd. kuvern,
kränkeln brem. wb. 2, 903,
wo als preusz. kowern
angegeben ist. jenes auch bei Richey 145,
dazu ûtkuvern
auskränkeln und dadurch gesund werden. 3@mm)
endlich mit umlaut köbern,
zerren o. ä.: oder es musz sich (
von lustigen gesellen im rausche) der herrliche dank- und buszpsalm Davids 'der herr ist mein getreuer hirt' von ihnen auf den bierbenken abpeitschen und herumb köbern lassen, absonderlich die schönen wort 'und schenkest voll ein meiner seel'.
Simpl. 1685 2, 431.
vgl.erköfern
unter 1,
b. Man sieht, es will sich nicht alles unter den einen rom. hut zwingen lassen, es wird doch zugleich ein abgestorbener germ. stamm in splittern vorliegen, aber wie verwachsen mit dem fremden!