weltwunder,
n. (
mundartlich auch m., s. unter 1 b
δ),
vgl. ndl. wereldwonder;
nordfries. wĕrldwonner Schmidt-Petersen 162; wràlswonner Jensen 714. 11) '
etwas durch bewunderungswürdige eigenschaften vor allen anderen erscheinungen der welt sich auszeichnendes',
so in anschlusz an lat. wendungen wie mirabilia mundi, miraculum orbis (
s. Wattenbach
schriftwesen i. mittelalter [1871] 303, Stieler
stammb. [1691] 1391
sowie Herberger
unter 1 b
β)
aufgekommen. 1@aa)
zufrühest in der verbindung die sieben weltwunder,
die sich auf die sieben besonders hervorragenden und viel bewunderten bau- und kunstwerke des altertums bezieht (
nach gewöhnlicher überlieferung die ägypt. pyramiden, die hängenden gärten zu Babylon, der tempel der Artemis zu Ephesus, das kultbild des olymp. Zeus von Phidias, das mausoleum zu Halikarnassos, der kolosz von Rhodos u. der leuchtturm auf der insel Pharos [
vgl. Meyers konv.-lex. 18 (1907) 438;
d. gr. Brockhaus 17 (1934) 379]): fraw Artemisien vnkost, so sie an jres herrn grab vnd grabschrifft wendet vnnd inn der nerrischen welt fr der siben grossen weltwunder eines gehalten ist, wird mit keinem wort erwehnet Mathesius
ausgew. w. 4, 475
L.; es mag nur jeder (
beim anblick des zauberschlosses) schweigen, der die sieben weltwunder sonst zu solchem ruhm getrieben Gries
Ariost (1804) 3, 394; weltwunder zählten die alten sieben Voigt
hdwb. f. d. geschäftsf. (1807) 2, 562. 1@bb)
dann mit bezug auf wesenheiten verschiedener art, die den sieben weltwundern
der alten an die seite zu stellen oder zu vergleichen sind. 1@b@aα)
von einem hervorragenden bau- oder kunstwerk: hat er (
Chlodwig I.) angefangen diesen tempel (
d. Straszburger münster) zu bawen, welcher endlich je mehr vnd mehr, bisz er vnder die weltwunder gezehlet worden, auffgefhret ... Wimphelingus schreibt, wann die alten bawmeister Phidias, Ctesiphon, Archimedes noch im leben, sie wrden dieses weltwunder dem tempel der Dianae vnnd den fewerpfeilern in Aegypten weit frziehen Dannhawer
catech. (1657) 4, 120; der zutritt zu diesem weltwunder (
terrasse d. bischöfl. schlosses in Beziers) ... wAere ... jedem durchreisenden vergOennt Thümmel
reise (1791) 10, 94; alsdann wirst du rührend finden, ... wie das bild (
abendmahl des Leonardo da Vinci) veranlaszt ... und als weltwunder vollendet worden (16. 12. 1817) Göthe IV 28, 336
W.; hat er (
d. reisende) nun dieses leider nur beabsichtigten weltwunders (
der Kölner dom ist gemeint) unvollendung von auszen und innen beschaut, so wird er sich von einer schmerzlichen empfindung belastet fühlen
ebda. I 34, 1, 81; das glockenspiel der parochialkirche war für den knaben eines der mehreren weltwunder Gutzkow
ges. w. (1872) 1, 109; die Alhambra in Granada ist zum theil abgebrannt, ... den bauwerken, welche als weltwunder gefeiert werden, ist ein verhängniszvolles schiksal (!) zugetheilt (19. 9. 1890) G. Freytag
br. a. s. gattin 560
Strakosch-Freytag; auch in der verbindung achtes weltwunder: dieser turm ist es — nicht das dem empfinden des ausgehenden mittelalters schon sehr entfremdete schiff des 13. jahrhunderts — der dem Straszburger münster den namen des achten weltwunders eintrug Dehio
gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 153. 1@b@bβ)
auf bewundernswerte persönlichkeiten bezogen: also sind gerechte leute warhafftige weltwunder, miracula mundi, rosen unter den dornen Herberger
trawrbinden (1618) 5, 133; Carolus der fnffte, dieses weltwunder, pflegte zu sagen, nachdem er sich in das closter S. Hieronymi retirirt, dasz er in einem tag mehrer freud und ergOetzlichkeit daselbst empfinde, als die zeit seines lebens in so grossem triumph und victorien Abraham a
s. Clara
Judas 3 (1692) 41;
mit verdeutlichendem zusatz: sie war ein weltwunder von geist L. v. François
letzte Reckenburgerin (1871) 1, 150; weltwunder an tugend Heyse
nov. (1855) 11, 82; wir haben'n weltwunder von chef (
sagt ein sanitäter anerkennend von einem stabsarzt)
qu. a. d. j. 1952.
oft scherzhaft oder ironisch: ich gebe mir hier ein fürchterliches ansehen, und die bauern, die sehen, wie höflich ihr verwalter mit mir ist, sehen mich wenigstens für ein halbes weltwunder an (10. 9. 1807) Grillparzer
br. a. s. mutter in: jahrb.
d. Grillparzerges. 1 (1891) 5; besinn er sich, freund! auf schwindlichen höh'n musz er (
der zum general aufgestiegene soldat) wie ein dachdecker auf dem Stephansthurm stehn, ... da schwindelt der kopf, da dreht sich die welt, da schwanket der thurm ... eis wird der schweisz, gluth wird das blut, ... klirr fällt ein stein, ein schrei! und herunter fällt in den abgrund das stolze weltwunder! Brentano
ges. schr. (1852) 7, 363; von ... der mutter und der base wurde er (
Hans) ... als kronprinz, heros und weltwunder behandelt und verehrt W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 43; wenn einer sich ihr (
der jungen mutter, die ihr kind zur taufe brachte) näherte und neugierig nach dem kleinen weltwunder schielte, stand sie sogleich still, schlug den alten flor zurück, der das schlafende gesichtlein bedeckte ... Heyse
Meraner nov. (
13-151923) 321;
verstärkend: das achte weltwunder (
vgl. 1 a
und unter 1 b
α): so, da ist das achte weltwunder! schauts euch's gut an, ihr ... gauner! einen grimassigen bengel sehts und nichts weiter E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 2, 145. 1@b@gγ)
für ein '
ganz wunderbares ereignis, ding' (Fischer
schwäb. 6, 1, 674);
meist in scherzhafter und übertreibender anwendung: 'sie werden sehen, der bube ist ein genie, gedanken bringt er ihnen vor, man musz erstaunen. sage mir, Ludwig: welches ist das vorzüglichste weltwunder?' 'eine pastete', antwortete der knabe schnell und bestimmt Castelli
s. w. (1844) 10, 8; alles ist ein wunder. wann ein vogel daherfleugt und ... (
sic!) einem von ihnen auf den schädel, laufens auch zusammen, dann das ist ein weltwunder E. v. Handel-Mazzetti
Jesse u. Maria (1911) 2, 142. 1@b@dδ)
in mundartlicher sonderanwendung als name einer kartoffelsorte: weltwunder,
n. Fischer
schwäb. 6, 1, 674;
auch als masc.: der wältwunder, der sehr grosz wird, aber an seinem setzlig,
d. h. am knospenende, blosz vier bis fünf augen statt einer viel gröszern zahl haben sollte Friedli
bärndütsch 4 (1914) 201;
s. auch ebda. 6 (1925) 352: frühe wältwunder (im august reif; nasz; gut für röösti). 22)
sonderanwendungen. 2@aa)
vereinzelte anwendung des 17.
jhs., '
die weithin sichtbaren, verwunderung und schrecken der ganzen menschheit erregenden zeichen beim tode Christi': also sol durch diese grosse wunder
(die bei Christi tode geschahen) ein grosz gerede gemacht werden, durch die gantze welt, von deinem tode, alle welt sols hOeren ... alle menschen sollens wissen ... ach hilff, das mein hertz durch diese wunder auffgemuntert werde auff dich zu sehen, denn diese zusammen lauffende weltwunder seyn ein klarer beweisz, dasz du allein mein herr und seligmacher bist Herberger
passionszeiger (1611) 451. 2@bb)
poetische einzelanwendung in der komposition mit dem gen. pl. '
wunder des weltalls, der vielheit der welten': freude heiszt die starke feder in der ewigen natur. freude, freude treibt die räder in der groszen weltenuhr. blumen lockt sie aus den keimen, sonnen aus dem firmament, sphären rollt sie in den räumen, die des sehers rohr nicht kennt! wer gebar das weltenwunder? wo der starke, der es hält? brüder, von dem sternenzelt winkt ein groszer gott herunter Schiller 4, 3
G. (
la. i. d. anm.).