unbescheiden,
adj. adv. ,
nicht oder wenig bescheiden. mhd. unbescheiden;
mnd. unbeschêden, unbescheiden;
mnl. onbesceiden
wb. 5, 256;
nl. onbescheiden
wb. 10, 1036; Dijkstra 2, 280
a;
dän. ubeskeden;
schwed. obeskedlig Falk-Torp 1, 62;
mnd. unbeschêdelik; unbescheidlich Zwingli 1, 126.
vgl. unbescheidenlich.
die mundarten berücksichtigen die heute häufigste abgeschwächte bedeutung 4
am wenigsten (
vgl. bescheiden Fischer 1, 892)
oder wählen andere wörter, z. b. ostfr. unbeläfd, unbeschâmd, unbeschuft Doornkaat-Koolman 3, 467
b. 11)
veraltet passivisch non distinctus, indiscretus, non constitutus, irritus; mnd. mnl. auch unabgesondert, unausgemacht; unverständlich: di rede ist gar unbescheiden Brun v. Schonebeck 11773
Fischer; söllich unbeschayden puncten und articul
anfechtbar privatbr. 1, 373
Steinhausen; welche schanckung eines eegenoszen an den anderen für beschaiden oder unbeschaiden zu halten, soll
Nürnb. ref. 170
b; ain
so unbescheiden guet und gelt abschätzen Aventin 5, 580, 29. 22)
in der schriftsprache so gut wie verschwunden ist die act. bed. unwissend, unverständig; wohl auch aus der pass. (
nicht beschieden, unterwiesen, erzogen)
hervorgegangen. heute wird unbescheiden
gelegentlich beinahe als gegensatz von unverständig
empfunden: nicht unbescheiden nur, auch unklug wär's mit meinem königlichen herrn zu streiten Raupach
ernst. 15, 108; Schmeller 2, 371; Drechsler
Scherffer 221; Richey 327.
meist von personen: er ist ein thor, unbescheiden
insulsus Boltz
Ter. 59
a; ein unbescheidener kopf Luther
br. 2, 423; prediger Mathesius
leichenr. 4, 197, 29; wir nar sind so unbescheiden, die wir weise wollen sein, dasz wir da ein ding erwählen, das doch nur beschwert die seelen Fleming 1, 346, 35; die thoren und unbescheidene
pers. rosenthal 2, 16.
seltener von sachen: in unbescheidner auszgebung eweres gottes (
irrationabili; vgl. auch bed. 1)
off. d. h. Brigitte (1502) 4, 29.
vielleicht noch bei Herder: unbescheidene nachahmung, unverständige regelannahme 22, 198.
für infrunitus
gemma 1508
m 9
b. 33)
im sittlichen sinne bedeutet unbescheiden
schon mhd. maszlos, ungebührlich, rücksichtslos, ruchlos; importunus, protervus, inquietus, impetuosus gemma 1508
m. 3 b
a;
nimius Frisius 869
a;
agrestis et inurbanus Apinus (1728) 338;
importun, grob, unzeitig Belemnon 89;
ondeugend Kramer-Moorbeek 2, 361
a.
noch Musäus
verbindet es mit bengelhaft, roh (
volksm. 1, 5), Kinderling (118)
setzt es für brüske, stolz, trotzig, ungestü
m. vgl. sich bescheiden
und 4: und wann sy chomen von dem wein, so wöllens unbeschaiden sein (
gegen ihre schwangeren frauen) Hätzlerin 288, 152; ein unbescheidene, überflüssige oder unmeszige sorg Keisersberg
post. 3, 81
a; unzüchtig und unbeschayden Sachs 1, 197, 29
K.; mit troworten unbescheiden 12, 346, 25
K.; man hat einem fleischer, welcher etwa der religion halben mit den decano in gespräch gerathen und sich solle unbescheiden erzeiget haben, ... ein urthel gesprochen
acta p. 2, 248
Palm; der unbescheidne tod macht endlich alles kalt Rist
Parn. B. 7 g; die umbgekehrte musqueten so unbescheiden seyn, dass sie keine festigkeit respectirn Grimmelshausen 4, 676, 8
Keller; hencker Prätorius
glückstopf 75; der unbescheidenen willkühr der rasenden wellen Lohenstein
Arm. 2, 1238
a; die unbescheidenen (
zudringlichen) landläuffer Chr. Weise
kl. l. 191; unbescheidene wütheriche Schmidt
rockenphil. 2, 272; du unbescheidnes thier (
mala bestia) Gottsched
schaub. 2, 84; einen tobenden, unbändigen, wüthenden, unbescheidenen schelten
neueste 1, 371.
besonders trunken, nimius mero Maaler 454
c; es steht einem kriegsmann viel basz an gottsförchtig, nüchtern, bescheiden ... dann verruckt, truncken, unbescheiden ... zu seyn Fronsperger
kriegsb. 1, c 5
r; Landolf thut so viel bescheid, dasz er schleünig unbescheiden und den leuten mühsam wird Grob
vers. 73.
veraltet. 44)
in der abschwächung immoderatus, immodestus, unartig, die allerdings auch früher schon aufgetreten war und ebenso auch später noch einen herben tadel enthalten kann, hat sich dann unbescheiden
in der neueren sprache gemeingültigkeit errungen. fertig und geneigt, sich ungegründete rechte oder freiheiten anzumaszen Adelung: welcher dan auch sogar unbescheyden ist gewesen, das er auch gott eyne andere weis die welt zumehren hat wöllen fürschreiben Fischart
ehzb. 269, 18
H.; ein unbescheidener und unbarmherziger spötter Liscow 225; nur der unbescheidne rühmet jedes, was er thut Voss
ged. 6, 6; überall galt er für einen harmlosen, nie unbescheidenen ... gast Holtei
erz. schr. 5, 141.
übertragen auf lebloses: die unbescheidnen federn
der damen im theater Göthe 4, 318
W.; ströme Arndt
schr. 1, 447;
auf thiere: vogel Immermann 5, 157.
von begriffen und sachen: unbescheidnes fragen Stoppe
Parn. 216; seufzer Wieland I 3, 55; accompagnement Quantz
anw. 166; in jenem beynahe unbescheidenen wunsche Göthe IV 37, 185
W.; neugier Tieck 1, 139; bedingungen, von denen die beiden ersten anmaaszend und ganz unbescheiden sind Schopenhauer 1, 14. auch etwas, zu, nicht ganz, geradezu
u. ä. unbescheiden: seine unbescheidene meinung ... ging dahin Treitschke
aufs. 1, 178,
aus dem gegentheil bescheidene meinung
hervorgeholt. verbale verbindungen: ich wollte nicht unbescheiden seyn Pfeffel
pros. vers. 5, 41.
vgl.so grob sein
sich die freiheit nehmen und grobheit für unbescheidenheit Unger-Khull 308; ich bin so unbescheiden nicht Jacobi 5, 219; ohne unbescheiden zu seyn Göthe IV 14, 230, 1
W.; der oberste .. ward in kurzem so unbescheiden Nicolai
Noth. 2, 205; wenn ich unbescheiden scheine Schiller 14, 259; sie werden mich aber auch nicht für unbescheiden halten
jahrb. der Grillparzerges. 1, 197. mehr zu verlangen würde unbescheiden seyn Göthe IV 33, 96
W.; es ist vielleicht unbescheiden von mir, wenn Moltke 1, 193; es kann nicht für unbescheiden gelten, ... zu erwähnen Hegel 16, 166; wenn es nicht zu unbescheiden ist Pückler
br. 3, 169; ich fände es unbescheiden ... beizuwohnen Pocci
com. 220.
adv. 11)
der 1.
bed. des adj. entsprechend, sine justa causa, frustra: warum toben die heyden und reden auch so unbescheyden, gar vergeblich der leute hauff? Sachs 18, 27
K.; Luther 1, 453
W.; in der ersten tages stund wart er (
Christus) unbescheiden als ein mörder dargestellt Wackernagel
kirchenl. 3, 259.
umgebogen in bed. 4: die kometen werden nicht unbescheiden am himmel sichtbar, wie manchmal ein ungezogener mensch in einer wohlgezogenen gesellschaft, sondern sie kommen unbeschieden, das ist ungerufen, weil sie selber wissen, wann ihre zeit da ist .., besser als ein unbescheidener mensch Hebel 2, 206, 17; 2, 165. 22)
unklug, unverständig: es reden auch viel vom freyen willen unbescheiden Luther 26, 226
W.; dasz ich mich gar unbescheiden mortificiret
in todesgefahr gebracht Simpl. 2, 208, 23
Kell.; das gute wort cantabel, das man jetzt so unbescheiden zu miszbrauchen anfängt Gerstenberg
rec. 343, 19. 33)
grob, rücksichtslos, ungebührlich, maszlos: und flucht so unpeschaiden, als ob er wer ain haiden Sachs 22, 209, 19
K.-G. vgl. unbescheidner weisz Kirchhof
wend. 1, 93; mit unbescheidenheit
ungebührlich Sachs 17, 231, 28
K.; unbescheyden unde mordtgirich Rotmann
rest. 103; so grob und unbescheiden Schütz
hist. rer. Pr. 7, p ii
b; dasz ihr so unbescheiden verabsäumt euren gott Lohenstein
himmelschl. 10, 172.
in der bedeutung übertrieben, nimis noch heute: dasz man mich ... unbescheiden lobet
vern. tadl. 1, 223; dasz du dich auszeichnest unbescheiden Rückert 8, 61. eine unbescheidene summe fordern, nennen.
doch klingt bed. 4
an. vgl. unverschämt. 44)
auf der grenze zwischen 3
und 4: nachdem .. bemelte schiffer mit dem lohn ... unersätlich und unbescheiden sich verhalten (1616) Lori
bergr. 497.
sonst bescheiden oder unbescheiden sich hervorthun Göthe 49, 2, 232
W.; mögen unbescheiden andre quälen mich durch dicke bände Platen 1, 530; wie ich unbescheidener weise von mir zu sagen pflege Brunner
erz. 1, 166; damit ich sie nicht unbescheiden ermüde Pückler
br. 1, 354.
gesteigert: je unbescheidener Jakob ihn ... vorwärtszog Holtei
erz. schr. 16, 91; es sind die freyesten, verwegensten, unbescheidensten leute von der welt Stephanie 12, 20.
subst.: diesem ins unbescheidene fallenden tone hat er es zuzuschreiben, dasz
allg. d. bibl. anh. 37—52, 1382.
personenname (
vgl. Unbescheid):
curia dicta Unbescheidens hof 1424 Schmidt
Straszb. gassen- u. häusernamen 37.
sprichw. Wander 4, 1420.