siele,
f. riemen, zugriemen, pferdegeschirr. das wort steht im ablaut zu seil,
s. dieses, sp. 208
f., und seilen,
m., sp. 221,
und ist wie dieses eine l-
ableitung zu der indogerm. wurzel si-
binden; die dritte ablautsstufe (
*seilo-)
liegt vor in kirchensl. silo,
n., silŭkŭ,
m. seil, s. Fick
3 2, 482
f. 674.
vgl. ferner J. Grimm
gramm. 2, 44
und kl. schr. 6, 215
f. Weigand 2, 713. Kluge
6 365
a.
die form mit i
findet sich auch in den nord. sprachen: altn. sili
und seli,
m. Cleasby-Vigfusson 521
a. 528
b,
dän. schwed. norw. sele,
scheint also urgerm. zu sein. II.
formales. I@11)
das wort ist ursprünglich ein schwaches masc., wie die übereinstimmung des altn. und ahd. zeigt: silo
epihredium, traheria, esseda, sielo
epiredia Graff 6, 185;
doch ist schon mhd. grosze verwirrung eingetreten: neben der schwachen flexion begegnet starke, neben dem masc. das fem. und neutr., neben der form sile, sil
auch siel, sele, sel,
besonders mitteldeutsch, s. Lexer
handwb. 2, 921
und die belege. I@22)
im nd.-nl. ist die grenze gegen sêl = seil
schwankend; im holl. sind beide in zeel,
n. zusammengefallen, s. Franck 1196.
im mnd. sele,
f., s. Schiller-Lübben 4, 178
b f., wo es irrig als
plur. zu sêl,
seil, gefaszt wird, und 179
b,
wo daneben [] ein besonderes wort sele '
wagen ohne rad, schleife, schlitten'
angesetzt ist. in den heutigen mundarten gewöhnlich säle,
s. brem. wb. 4, 582. 746. 6, 298. Dähnert 394
a, sääl, säle Stürenburg 208
b, séle, säle, sêl, sl ten Doornkaat Koolman 3, 172
a, sl, sîl Danneil 179
a,
häufig im plur. sälen Mi 73
b, seelen Schütze 4, 89, selen, sellen, sielen Strodtmann 210,
oder dafür sêlentg Schütze 4, 89. Schambach 189
b, selentüch Frommann 5, 293 (
um Fallersleben), sälentüg
brem. wb. 4, 582. Dähnert 394
a. I@33)
im nhd. findet sich das wort besonders bei oberdeutschen autoren des 15. 16.
jahrh. und hier noch durchaus als schwaches masc., so auch: eyner der an eynem sielen zeucht,
helciarius. Dasypodius.
bei Luther
dagegen mit abweichender, zum nd. stimmender vocalisation: sie haben meine
saelen ausgespannen ... und das meine abgezeumet.
Hiob 30, 11; dehne deine
seele lang.
Jes. 54, 2,
var.; ich lies sie ein menschlich joch zihen, und in seelen der liebe gehen.
Hos. 11, 4; hie ist kein achse, deistel (
deichsel), gestell, lonsen (
lünse), leiter, woge, seele, noch strenge.
bibelübers. 7, 351
Bindseil (8.
vorr. zu Hes.).
s. auch unter seil I.
ebenso: funiculus .. dy szelen. Trochus Q 4
b.
in neuerer sprache hat sich die hochd. form siele (
auch sihle, siehle geschrieben)
durchgesetzt, dagegen das weibliche geschlecht. (von ainer sil
in einer Scheirer dienstordn. von 1500
bei Schm. 2, 260; Frisch 2, 276
c gibt an: siele,
n. helcium, ein kommet, fuhrmanns-pferds-kumt,
scheint indessen das wort nur aus ältern quellen zu kennen und hier das masc. miszverstanden zu haben. Adelung
kennt oberd. die siehle
und der siehlen,
nd. plur. sälen
bez. die siehlen).
doch ist das wort in der litteratur überhaupt selten geworden. neben siele
steht sille, das für sich behandelt wird. I@44)
neuere mundarten bieten folgende formen: schweiz. sila, sili Bühler
Davos 1, 129,
vgl. J. Grimm
kl. schr. 6, 216, sille
und silm Stalder 2, 374 (sil-
und sim-
in compositen Hunziker 241);
schwäb. siele,
f. pferdegeschirr ohne kummet. Schmid 495;
bair. sil, sile
und sele, silla,
s. Schm. 2, 260,
österr. das sihl Höfer 3, 142,
tirol. sil, silen,
m. f., sillen, sile,
f. Schöpf 674,
ung. silln,
m. Schröer 206
b;
mittelfränk. siele Reinwald 2, 160;
hess. silen, sellen, süllen, sinn,
m. Vilmar 385,
westerwäld. sille,
n. Kehrein 1, 377;
thür. síle
und sílen Hertel
sprachsch. 227
f., nordthür. sîlen,
f. Kleemann 21
a, sîle,
f. Liesenberg 214;
siebenb. siln,
m., gewöhnlich plur. Haltrich 22
b. Kramer 123;
preusz. siel, sîl,
plattd. sël, säl,
n., siele,
f., gewöhnlich im plur. sielen,
nd. sëlen,
und sielenzeug,
s. Frischbier 2, 340
b. 549
b,
in Liv- und Estland siel,
n. und siele,
f. Hupel 218,
vgl. Sallmann 38. (
über die nd. mundarten s. 2.)
vielfach auch dafür sielenzeug
oder sielscheit,
vgl. diese. das fehlen des wortes ist bezeugt für den Handschuhsheimer dialekt, Lenz 65
b. IIII.
bedeutung. II@11)
gewöhnlich zugriemen, geschirr der zugthiere. Adelung,
stränge, woran die pferde einen wagen ziehen oder das ganze pferdegeschirr. Jacobsson 4, 160
a;
bald mit kummet
gleichgesetzt, bald davon geschieden, vgl.: 'die siele,
ein theil des pferdegeschirrs, welches aus breiten gepolsterten oder gefutterten lederstücken bestehet, welche den pferden über brust und schultern gelegt werden und woran sie ziehen; zum unterschiede von dem kummet,
welches ein hölzernes gestell hat.' Campe:
epirhedium .. chomat, sielo, sele
episea. Dief.
gloss. 204
c,
piredia sele.
nov. gl. 153
b;
epiphia ein sil,
episia eyn zele der perde. 153
b;
epiphya pl. illud per quod equus trahit currum sil
vel affersil.
gloss. 206
a;
reda, rheda hd. nd. slede, sele (
in curru). 488
b, zele, sile o. wagen.
nov. gl. 315
a,
vgl. Schiller - Lübben 4, 179
a,
der danach ein sele '
schleife, schlitten'
ansetzt, und: reda dicitur a rodo quod rodit collum equi vulgariter sil
vel ruggwid
et impropere sumitur pro curru. quelle v. j. 1412
bei Schm. 2, 260; silen
rhedare, uno modo proprius dicitur rhedale id est collipendium equorum in curru. voc. ante, s. auch Dief.
gl. 488
b;
riga hd. czile, zyle, czeylle, zeil, ziel, sczijl, czylle
vel rijge, zil, zilet, sil. 498
a, ling, ein zilet, czil, roge. zuogel.
nov. gl. 319
a;
trahale langwid an einem wagen; langkwijde. seel an den w., sele in dem wagen o. wayne, sil. ..
traheria silo, zugsayl, leyne.
gloss. 592
a; syl, sel, sele in dem waghene .. züge seil, sela.
nov. gl. 369
b;
exedula zele. 157
a (
vgl. auch zülle).
im eigentlichen sinne: item eczliche reder und gestelle, leitern, dünghorde, sielen, flechten und solich zugehorunge zu wagen, karren, plugen und solichem geferte.
inventar der Else v. Holczhusen, 1410,
im Frankf. archiv, in einem andern verzeichnisse: item iij gulden umb vier wagen sielen, seche, scharen und ander gerede.
ebenda; it. mangel an silen, daʒ man oft wegen zu peut het gepracht, so mangelten sillen.
d. städtechron. 2, 335, 3
f.; der soll nemmen sein pferdt in sein handt undt
[] sein silen undt ihnen do helffen. Grimm
weisth. 2, 164 (
weisth. von Gutenberg, 1498); nimmt er das thier allein one silen und strick, so mag er nüts entwegen; harwiderum, nimmt er allein das gschirr one das thier, schaffet er aber nüts. Zwingli 3, 3; nuon müsz es gott trewlich erbarmen, das ich noch so vier guoter, starcker, geruoheter ross im stal hab ston, und ist deren keins, es möcht basz ziehen dann ich, unnd wirdt mir als dem schwächsten die gröste bürde uffgelegt, also das ich allein ziehen muosz. ich gedenck, ich werd am sielen ersticken. Frey
gartenges. s. 19, 24
Bolte; so seden se ick scholler naer stadt voyren, aseck dat nich dann wol, do brüden se meck use vahle mercken uthn sehlen.
nd. bauernkomöd. s. 270
Jellingh.; dâ rihte man siln unde spien diu ros dar in.
Moriz von Craon 728; Concordiâ deu küniginne deu maʒ sie (
die rosse) schône in die sil. Heinr. v. Neustadt
von gotes zuokunft 899; dur die (
speise) du zallen zîten strebest, als in dem siln der esel tuot. Boner 41, 11; si aʒʒen schuoch, sil, chnt (
kummete) und hewt. Suchenwirt 18, 129; da hingen an haken in graden fluchten sielen und sättel mit zügel und zaum. Wolff
der landsknecht von Cochem s. 254. II@22)
häufig in freierer verwendung. II@2@aa)
mhd. besonders in der wendung in eines sil(n) ziehen
ihm dienen, angehören: lâ mich mit dir gelîche ziehen in der êren sil.
minnes, 2, 231
a Hagen; die er (
der antichrist) vaʒʒet an sînen sil. Heinr. v. Neustadt
von gotes zuokunft 5552; wanne si zwu sint gespilen, und ziehent auch in des teufels silen.
renner 7633. II@2@bb)
obscön: ich ... hab mich nie daran gespart, den frauen zu dienen auf zwaien knien und in dem rauhen sielen zu ziehen.
fastn. sp. 238, 19; in rauhem silen er also zeucht und kein loch noch pfutzen fleuht, das er einer frauen als ir traurn hinfürt. 347, 12.
vgl. 733, 3. II@2@cc)
sprichwörtlich in éinem sielen ziehen,
zu einander passen, einander gleich(
wertig)
sein, vgl.: kalbfleysch und rindtfleysch seudt nimmer gleich mit einander, so wenig als ein junger unnd alter ochs gleich in einem sylen zusamen copelt, ziehen. Franck
sprichw. 2, 105
a; der nemer ist in disem fall wol so edel als der geber, weil er der diener seinem herrn ein anders, nemlich seinn dienst umb sein gelt geben hat, drumb ziehen sie wol in eim silen, und hat keiner dem andern nicht auffzurucken, noch ein esel den andern ein mülthier zu nennen. 45
a;
vgl. auch sielen 2. II@2@dd)
bei Hans Sachs
begegnet wiederholt die redensart: sie hat ein gang wie ein samrosz, kein sillen thut sie dir zerreyssen. H. Sachs 1, 527
a ('
der alten weiber roszmarck'); der hett ein faulen reysing knecht, drumb hiesz man jhn den faulen Fritzen, war grosz von leib und klein von witzen, der keinen sielen nicht zurisz. sich nur der grossen brocken flisz. 4, 3, 67
c; tag unde nacht ist sie stets vol, und schewet wo man arbeitn sol. derhalb kein sillen sie zureist. 5, 382
c. II@2@ee)
weitere sprichwörtliche redewendungen: in den sielen gehen,
stets arbeiten. Campe; man kommt den ganzen tag nicht aus den sielen. he mot ömmer ön e säle ligge. Frischbier 2, 340
b. — in allen sîlen trecken,
in allen sätteln gerecht sein. Wander 4, 561. wier in de aulen sîlen smiten (
ins alte geleise bringen?).
ebenda. II@33)
nähere bestimmungen werden durch zusammensetzung gegeben, so besonders aftersiele hintergeschirr (
als gegensatz zu siele,
vordergeschirr),
s. theil 1, 188;
vgl. hintersiele: das der beclagte Hans Wagenern dem hoffmann zu Fronhausen negst verschienen herbst einen zugk siell und ein affter siell gestolen hat.
quelle vom j. 1601
bei Vilmar 385; zugblätter, aftersillen, steigleder
in einem mandat v. 1754
bei Schm. 2, 260; so ich das ross einsetzen wil, do het es verlorn den aftersil, den satel, kumat, zaum und hacken.
fastn. sp. 566, 1; wa kumat, geschirr und aftersil? wa strickleder und echssil? Uhland
volksl.2 s. 558 (
nr. 278, 8).
[] arbeitssiele (
bildlich, vgl. 2,
e): der mann ist freilich für mich unschätzbar, und darum bin ich so unschuldig, es darauf ankommen zu lassen, dasz er im arbeitssielen, vor meiner egge verendet. Goltz
jugendleb. 3, 55.
echssiele, s. theil 3, 20 (
und oben Uhland
unter aftersiele).
halssiele, siele um den hals, nd. halssël Frischbier 2, 340
b (
s. auch halsel, halssêl,
n. f. 1, 269
b).
hintersiele, nd. hindersël,
siele für ein pferd des hintergespannes (
demnach von achtersiele
verschieden?).
ebenda; sprichwörtlich in die hintersielen kommen,
im geschäfte, in der wirtschaft zurückkommen. 549
b.
tragsiele, -sël,
tragriemen, traggurt, den lastträger über den schultern haben. 340
b, dragsäle Adelung.
vordersiele, nd. värsël,
siele für ein pferd des vordergespanns. Frischbier 2, 340
b.
zugsiele: die lebendigen pferde .., welche im gegerbten und mit ihrem bruderfett geschmierten thierleder, sich unter peitschenhieben zu tode zogen, um sich dann ebenfalls wieder in zugsielen und peitschenleder verwandelt zu sehen. Goltz
jugendl. 3, 93;
s. auch die stelle aus Vilmar
unter aftersiele. II@44)
abweichende bedeutungen. II@4@aa)
österr. sihl,
beim schiffszuge ein gekrümmtes holz, das den pferden hinten über beide füsze reicht und woran die seile zum ziehen des schiffes befestigt werden. Höfer 3, 142. II@4@bb)
tragriemen der karrenschieber. Campe. Kleemann 21
a; 'siehlen,
sind lederne riemen, welche die karnläuferjungen theils über die achsel, theils auch übern hindersten hängen haben, und daher achsel-
oder arschsiehlen
genannt werden.' Jacobsson 7, 349
a.
so besonders im bergwesen, s. Veith 449, sielen, sillen,
courroie. Jacobsson 4, 162
a. II@4@cc)
in vielen mundarten (
nicht nur fränkisch, wie Campe
meint)
wird siele
für '
hosenträger'
gesagt, so schweiz. sille,
f. Stalder 2, 374 (
unterschieden von silm,
pferdegeschirr ohne kummet), sila,
f. Bühler
Davos 1, 129. 2, 34, sili,
vgl. J. Grimm
kl. schr. 6, 216,
tirol. (
im obern Innthal) Schöpf 674,
in verschiedenen gegenden Baierns. Schm. 2, 260,
besonders in Mittelfranken. Reinwald 2, 160. II@4@dd)
in der weidmannssprache sillen '
heisset ein ins dreyeck zusammen geschlungenes starkes bändlein oder ein riemen von einer nestel zum ansillen
der vögel'. Kehrein
weidmannsspr. 273. II@55)
unverwandt sind II@5@aa)
schweiz. sîla,
f. ziege, als lockruf (
als deminutiv zu sie?
vgl. das. II, 2,
i, α,
sp. 767). Bühler
Davos 1, 130,
und II@5@bb)
schlesw. syle, sihle
für hering, clupea harengus. Nemnich. Campe (
aus dän. sild).