vorzeit,
f. ,
mnd. vortît Lübben
hwb. 528;
mndl. voretijt Verwijs-Verdam 9, 1, 1112;
ndl. voortijd Dale 2, 1931.
aus dem mnd. bzw. mndl. ins fries. und in die nord. sprachen entlehnt: afries. fortīd Holthausen 30,
fries. foartiid Dijkstra 381;
mschwed. fortith Söderwall 1, 310;
schwed. förtid
ordbok över svenska sprket F 3392;
dän. fortid
ordbog over det danske sprog 5, 974;
im engl. entspricht foretime Murray 4, 1, 446.
aus heutiger mundart nur vereinzelt (
nd.)
bezeugt: förtîd Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 545 (
ebda auch förtîde
vorgezeite, vorflut); vörtid Müller
Reuter-lex. 159; vorzeit A. Lasch
berlinisch 95. —
komposition aus temporalem vor-
und zeit (
teil 15, 526
ff. [II]),
die dem dt. erst im 18.
jh. als rückbildung (
s. u.A)
geläufig wird. AA. '(
der gegenwart, mitzeit)
vorausliegender, vergangener zeitraum (
gegens.: nachzeit
teil 7, 235)'.
in dieser bedeutung tritt vorzeit
bereits mndl., mnd., vereinzelt auch frühnhd. auf, jedoch ausschlieszlich in adverbieller wendung, vor allem in der fügung in vor(e)tiden
bzw. in vorzeiten '
in früheren zeiten, ehedem, ehemals' (
als substantivierende umdeutung an synonymes vor-zeiten (
adv., s. u.)
anknüpfend): sin voghet scolde us ... by den vryheyden, gnaden unde aller olden wonheyd laten, dar we in vortyden by ghewest sin (1381)
städtechron. 6, 59 (
Braunschweig),
weitere belege ebda 7, 478
und 36, 543; den
[] aeltesten der räthe ... ist wissentlich, das jhnen jn vorzeiten vom hochmeister ... befohlen ist (
streitfälle zwischen seefahrenden zu richten)
qu. v. j. 1425
in: Th. Hirsch
handels- und gewerbsgesch. Danzigs unter d. herrsch. d. dt. ordens (1858) 75; dann man in vorzeiten sehr geklagt über den ablasz (1530)
augsburgische konfession 113
Kolde. der singular kommt erst im 18.
jh. auf, aus vorzeiten
oder vorzeitig (3)
rückgebildet und erhält besonders durch die romantik weite verbreitung (
s. dt. wortgesch. 2 (1934) 299
u. 304
Maurer-Stroh; über vorzeit
als literarisches motiv der romantik s. Ch. Schiffler
Eichendorff u. d. motiv der '
vorzeit',
diss. Frankfurt a. M. 1944
maschinenschrift). A@11)
allgemein auf ein vergangenes, weit zurückliegendes zeitalter bezogen (
vgl. urzeit
teil 11, 3, 2612
und vorwelt 12, 2, 1913);
in verschiedenen, von nebenvorstellungen bestimmten bedeutungsschattierungen: jede sprache ist das geheimnisvolle urbild zuerst einer weit zurückliegenden vorzeit, wovon wir uns höchstens noch einen traum machen können E.
M. Arndt
w. 9, 169
Bong (
geist d. zeit 4); die historische erzählung 'Witiko' ... erzählt in chronikartiger darstellung die geschichte des ersten Rosenbergers ... und spielt somit in ferner vorzeit Schlossar in:
allg. dt. biogr. 36, 227; zwei derselben (
rassentypen) fallen für eine ferne vorzeit in ein einziges (
bevölkerungselement) zusammen Behn
vorgesch. Europas (1949) 53.
zur weite des zeitlichen abstands von der gegenwart tritt mitunter das gefühl menschlicher ferne, vorzeit
ist das zeitalter des altertümlichen, fremden (
entfremdeten)
und mythischen: eine zackenkrone im kunstsinne der vorzeit, wie man wohl ähnliche auf den häuptern alterthümlicher königinnen gesehen Göthe I 29, 114
W.; an ihr (
der besitzerin einer Schweizer pension in Rom) hatte sich das nornenhafte, das gleichsam aus der vorzeit kommende, noch entschiedener ausgeformt Carossa
winterliches Rom (1947) 9; für sie (
die 80
jährige) waren die dinge wahrheit, die uns längst vorzeit und legende geworden Stefan Zweig
welt v. gestern (1947) 194.
häufiger jedoch verbindet sich damit die vorstellung des dunklen, unübersehbaren, geschichtlich nicht erhellten (
vgl. u. vorzeitgrau): bedeutsam drückt die formel 'als noch die thiere sprachen', mit welcher wir das dunkel einer geschwundnen vorzeit bezeichnen, den untergang jenes im glauben der poesie vorhandnen engeren verkehrs mit den thieren aus Jacob Grimm
einl. zu Reinhart Fuchs (1834) v; nebelbilder steigen dämmernd aus der vorzeit dunklen tagen Fr. Wilh. Weber
ges. dicht. (1922) 3, 5 (
Dreizehnlinden); haben aber die mundartenlinien sich nicht in grauer vorzeit, sondern erst an der schwelle zur neuzeit herausgebildet, so läszt sich auch ... nachweisen, dasz die alte gaugeographie zur heutigen sprachkarte nicht stimmt Fr. Wilhelm
altdt. orig.-urk. xxvii; wir sehen so, wie die historisch-komparative grammatik des griechischen allmählich aus grauer vorzeit in die geschichtliche epoche hineinführt Kieckers
hist. griech. gr. 1 (1925) 16.
vielfach auch verknüpft mit der vorstellung des heidnischen, unkultivierten, ungeheuren (
s. auch unter vorzeitlich): jede lüsternheit, jeder wunsch (
angesichts der zarten erscheinung) schienen regungen aus einer unvorstellbar tierischen vorzeit Werfel
Verdi (1930) 274; nicht nur dasz dieser verpönte brauch (
menschenopfer) aus heidnischen vorzeiten herüberklang, machte ihn so grauenerregend Hesse
glasperlenspiel 2 (1946) 311; mit vorbedacht hat sich Thomas Mann gerade dieses sagenstoffes (
bibl. erzählung von Joseph und seinen brüdern) bemächtigt, in dem alles barbarisch grausame und dunkel triebhafte der vorzeit gemildert scheint durch das über ihm stehende sittengesetz A. Bauer
Thomas Mann (1946) 130;
des elementaren, urgewaltigen: über ... (
ihn) kam das gefühl, er stände hier in einem begebnis der vorzeit, als noch die berge wuchsen und dort dieser Kolmberg eben tosend aus der zitternden erde quoll Kluge
Kòrtüm (1940) 398;
oder —
in gegensätzlicher, romantisch-elegischer weltanschauung —
mit dem gefühlston der sehnsucht nach der schöneren vergangenheit: ach die
[] glücklichen menschen der goldenen vorzeit Eschenburg
beispielslg. (1788) 1, 309; die vorzeit, wo noch blütenreich uralte stämme prangen und kinder für das himmelreich ... die vorzeit, wo in jugendglut gott selbst sich kundgegeben Novalis
gesamtausg. 52
insel (
sehnsucht nach d. tode); da fühl ich wie einst in der friedvollen vorzeit gemächlichem graun in dem murmeln der haine und abends im hüttenrauch eine ganze verträumte kindheit erzittern ... uns ist immer dahin frist behaglichen glücks und der altväter gefühl mit den schalmeien der schäfer Stefan George
das neue reich (1928) 55;
bzw. der hochachtung und bewunderung: er sieht ihn treu an Guelfo's munde hangen und edler vorzeit würd'ge kund' empfangen J. D. Gries
Tassos befr. Jerusalem 1 (1837) 4; nun gewahrten sie (
die wendischen) bald, dasz Worschula zu jenen frauen gehörte, denen das heilige wissen der vorzeit zu hüten übertragen war Bergengruen
am himmel wie auf erden (1940) 236. A@22)
mit bezug auf einen bestimmten zeitraum der vergangenheit. A@2@aa)
in allgemeinem, literarischem sprachgebrauch; auf das mittelalter angewandt: sagen der vorzeit Veit Weber (Leonhard Wächter)
titel (1790); jene ahnungsvolle spannung (
bei der wiederherstellung der Marienburg), womit, wie in einem bergwerke, die wackeren steiger bald da, bald dort anklopfend und schürfend, sich in den dunkeln, reichen schacht der vorzeit vertieften Eichendorff
s. w. 10, 71
Kosch; vgl. aus neuerem sprachgebrauch: ich wuszte wohl, wie man bei Vossens über den frommen, verschönenden cultus der vorzeit, der deutschen und christlichen, dachte ... der alte war im begriffe, gegen diesen ... dunkelmännischen beschöniger des mittelalters (
Arnim) literarisch vom leder zu ziehen Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 307.
auf germanische frühzeit bezogen: ich bevölkerte die gegend (
Teutoburger wald) mit den gestalten der vorzeit. ich sah die achtzehnte, neunzehnte und zwanzigste legion unter dem prokonsul Varus gegen die Weser ziehen W. Raabe
s. w. I 1, 150
Klemm; das heimweh nach der germanischen vorzeit, das durch den glorreichen krieg eine art genugtuung gefunden hat, wird wieder dem nach der hellenischen welt platz machen (9. 1. 1876) G. Keller
br. u. tageb. 3, 160
Erm. —
vereinzelt auch sonst mit bezug auf frühgeschichtliche perioden: pfui über das schlappe kastraten-jahrhundert, zu nichts nüze, als die thaten der vorzeit wiederzukäuen, und die helden des alterthums mit kommentationen zu schinden Schiller 2, 29
G.; wo sich einst vielleicht im schatten edle deutsche ritter streckten ... wo, schon silberweis vom haare, eines barden lieder schallten und von Walhallas altare düfte durch die zweige wallten, hier steh ich, und staunend walle ich jahrhunderte zurücke, in der vorzeit düstern halle (1802) Eichendorff
in: H. Schulhof
Eichendorffs jugendged. (1915) 168; so hatte er ... die lenkende aufgabe erfüllen dürfen, die in der biblischen vorzeit den engeln und gottesboten zugeteilt war Werfel
geschwister von Neapel (1931) 359. A@2@bb)
in fachsprachlicher verwendung. als wissenschaftlicher terminus (
seit etwa 1790
belegt, s. H. Gummel
forschungsgesch. i. Deutschl. (1938) 42 =
d. urgeschichtsforschg. I)
hat vorzeit
bisher keine allgemeingültige bedeutung erlangt; es findet sich bei paläontologen, historikern und kulturphilosophen in mannigfacher anwendung für nahezu jede vor- oder [] frühgeschichtl. epoche (
vgl. auch den gebrauch von vorzeitlich). — K. Gripp
bezeichnet damit die gesamtheit der voralluvialen erdzeitalter (
kambrium bis quartär): das leben in der vorzeit
in: buch der natur (1935) 158
Klein; ähnlich Martin Schwarzbach: das klima der vorzeit, eine einführung in die paläo-klimatologie (1950).
für '
eiszeit'
gebraucht es W. Soergel: die jagd der vorzeit (1922).
als bezeichnung der älteren steinzeit findet es sich bei H. Weinert: menschen der vorzeit, ein überblick über die altsteinzeitlichen menschenreste (1930);
im dt. kulturatlas umfassen vorzeit
und frühzeit
die periode vom paläolithikum bis zum jahre 1000
n. Chr. 1 (1931,
titelseite)
Lüdtke-Mackensen; Adama van Scheltema
definiert: wir (
haben) eine scharfe grenzlinie zu ziehen ... zwischen der urzeit des menschengeschlechts, die also der altsteinzeit oder den stufen des diluvialen jägertums entspricht, und einer vorzeit, die, bis zum mittelalter, die epoche des bauerntums in den stufen der jungsteinzeit, der bronze- und der eisenzeit umfaszt
die kunst unserer vorzeit (1936) 10.
vielfach wird damit die '
germanische frühzeit'
bezeichnet (
s. auch unter 2 a): altertümer unserer heidnischen vorzeit,
hg. v. römisch-german. zentral-museum Mainz (1858-1911);
ebenso bei W. Schulz: die germanische familie in der vorzeit (1925).
als kulturphilosophische definition findet sich u. a.: vorzeit nennen wir die fünf jahrtausende, die zwischen dem eintritt der menschheit in das für uns heute klar erkennbare geschichtliche leben und dem untergang der alten welt liegen. ... gesehen vom standpunkt des heutigen Europa ... bedeutet die zeit von 5000
v. Chr. bis 400
n. Chr. nur die vorstufe seiner geschichte
qu. v. j. 1930. A@2@cc)
gelegentliche verwendungen. A@2@c@aα)
auf eine frühere entwicklungsphase bzw. lebensperiode eines individuums oder einer körperschaft bezogen (
zu zeit II 3 a
teil 15, 529): noch tiefer hinter all diesen gesichtern schliefen fernere, tiefere, ältere gesichter, vormenschliche, tierische, pflanzliche, steinerne, so als erinnere sich der letzte mensch auf erden im augenblick vor dem tode nochmals traumschnell an alle gestaltungen seiner vorzeit und weltenjugend Hesse
Klingsors letzter sommer (1920) 212; jene vorzeit (
der Rilkeschen entwicklung) (17. 8. 1924) Rilke
br. 2 (1950) 459 (
ebda 204: die vorzeit in der militärschule); im spiele stets ein groszer arbeiter, sammelte er (
Tegularius) mit wachsendem appetit symptomatische anekdoten aus jener epoche, der düstern vorzeit des ordens Hesse
glasperlenspiel (1943) 2, 84; eine rückkehr ins tal gab es nicht, in die paradiesische vorzeit, aus der diese kleine menschheit (
Armeniergemeinde) ... durch einen grausamen befehl der höchsten regierungsstelle verjagt worden war Werfel
d. vierzig tage des Musa Dagh 1 (1947) 414. A@2@c@bβ)
als bezeichnung der vergangenheit (
des —
der gegenwart —
unmittelbar vorausgehenden zeitraums)
schlechthin (
gegensatz: nachzeit '
zukunft',
s. teil 7, 235
u. vgl. vorzeitig 3): ist er (
der künstler) nun nicht geneigt, von höher ausgebildeten künstlern der vor- und mitzeit das zu lernen, was ihm fehlt Göthe
w. 22 (1829) 222; der geschichtliche sinn lehrt uns, uns selber in der geschichte lebend zu betrachten, unter den mannigfaltigsten einflüssen der vorzeit und gegenwart stehend, und in der zukunft nach denselben gesetzen verflieszend, wie wir rückwärts alle vorzeit verflieszen sehen können Savigny
zs. f. geschichtl. rechtsaltertümer 1 (1815) 4; weil die vergangenheit unsere theilnahme nicht mehr hat, ist es uns gleich, wie die gelehrten herren die charaktere und ereignisse der vorzeit darstellen. mögen sie die groszen angeklagten der geschichte, die Maria Stuart, Tilly, Wallenstein u.
s. w., verdammen oder freisprechen Levin Schücking
verschlungene wege 1 (1874) 194; die vorzeit ist nicht eine reihe historischer tatsachen, die ... unverrückbar festgestellt werden können; die vergangenheit ist vielmehr auch eine zeit, die erlebt worden ist de Vries
d. geistige welt der Germanen (1945) 1.
auch von einer vorangehenden, älteren sprachperiode gebraucht: von dieser sprache der vorzeit (
altarmen.) weichen die neuarmenischen volksdialekte
[] stark ab Karsten
die Germanen (1928) 9; wir überschreiten ... die schwelle von dem schriftlosen deutsch der vorzeit zu seinen ersten literarischen aufzeichnungen Baesecke
frühgesch. d. dt. schrifttums (1950) 52.
für einen vorausgehenden geschichtsabschnitt: von solchem gesichtspunkt wird uns die zeit zwischen den Hohenstaufen und dem dreiszigjährigen kriege, die vierhundertjährige periode zwischen 1254 und 1648 ein einheitlicher geschlossener zeitraum der deutschen geschichte, welcher sich von der vorzeit und folge stark abhebt Friedell
kulturgesch. d. neuzeit (1929) 64; dies (
gleichheit vor dem gesetz) sei ... die wichtigste errungenschaft der revolution von 1908; dasz sich einige gewohnheiten der vorzeit erhalten hätten ..., gehöre zu jenen erscheinungen, die man ... nicht abschaffen könne Werfel
d. vierzig tage des Musa Dagh 1 (1947) 35. BB.
komposita zu vorzeit A,
vereinzelt —
z. t. mit fugen-s
bezeugt: vorzeitsfamilienmordgemälde, n., dekompositum mit vorzeit A 1
als erstem glied; als '
aristophanische wortfügung' (
s. zs. f. dt. wortforschg. 12, 248)
bei Platen: ein historisches vorzeitsfamilienmordgemälde (
Ödipus) bühnenhaft dem publikum vorbeizuführen
s. w. 10, 94
Max Koch. —
vorzeitrest, m., vorgeschichtliches relikt (
zu vorzeit A 2 b): eine vollständige auswertung dieser einzigartigen vorzeitreste (
in seen und mooren) wird nur durch die methode der flächenabdeckung ermöglicht
qu. v. j. 1937. —