vorzeitig,
adj. ,
dän. fortidig
ordbog over det danske sprog 5, 975;
schwed. förtidig
ordbok över svenska sprket F 3393.
mundartlich nur vereinzelt gebucht: förtîdîg Doornkaat-Koolman
ostfries. 1, 545; vorzeiti' Hügel
Wien 183; vorzytig
schweiz. (
bei Fanny Oschwald
alti liebi (1919) 87). —
bahuvrihi-kompositum aus temporalem vor-
und zeit
nach einem im dt. sehr produktiven typus (
s. Wilmanns 2, 462
f., Henzen
dt. wortbildung 199
f.). 11) '
frühreif' (
zu zeitig 1 a
teil 15, 584;
vgl. unzeitig 1 a
teil 11, 3, 2279):
precoquus vorziteger (
ende 9.
jh.)
ahd. gl. 4, 88
St.-S.; vorzijtig ee wan die ander frucht
precoquus id est prematurus voc. inc. teut. (
Speyer um 1485) mm 4
a;
ebenso: voc. inc. teut. (
ca 1495) B 8
b und voc. (
Straszburg 1515) b 5
a.
vereinzelt auch noch in neuerem sprachgebrauch: vorzeitig
maturus, prœmaturus, festinatus, prœcox Weber-Heyde
dt.-lat. 3 (1770) 792
b; vorzeitige früchte Herder
bei Campe 5 (1811) 523. 22)
in neuerem sprachgebrauch vorwiegend in der abgeblaszten bedeutung '
frühzeitig, allzu zeitig, verfrüht' (
zu zeitig 2 b
teil 15, 586;
vgl. die entwicklung von frühzeitig
teil 4, 1, 1, 324
und unzeitig
teil 11, 3, 2282 [2 c]),
nunmehr auch adverbiell auftretend, eine handlung oder ein geschehen als verfrüht kennzeichnend: am 24. (
sept.) war alhier das allgemeine gerüchte (
einer verlustreichen schlacht) ..., welches alhier nicht wenig vorzeitige thränen unter den officier- und soldatenfrauen verursachet (1715)
Berliner geschriebene zeitungen 385
Friedländer; und lasz sie, wie die arme mutter, nicht vorzeitig sterben! Kosegarten
bei Campe 5 (1811) 523; felle, die von vorzeitig geborenen lämmern herkommen Petermann
bei Sanders 2, 2 (1865) 1728; durch den weihrauch einer frühzeitigen, einer vorzeitigen popularität bedenklich eingenommen Scherr
Blücher (1862) 1, 251; bei vorzeitiger freilassung besteht daher die gefahr ... Kunter
weltreise nach Dachau (1947) 155; (
Schildknapp) grämte sich über die neigung seines gesichtes zu verfrühter runzelbildung, vorzeitigem verwittern Th. Mann
Faustus (1948) 271.
in poetischem sprachgebrauch wird der zusammenhang mit der älteren bedeutung mitunter deutlich spürbar: ich meine das zeitmasz der dinge zu kennen ... so habe ich nicht die gewohnheit, dich vorzeitig nach dem stande deiner untersuchungen zu fragen, sondern ich
[] lasse mir, da ja ackerleute und regenten sich auf die geduld verstehen müssen, an den reifgewordenen ergebnissen genügen Bergengruen
grosztyrann (1947) 14;
ähnlich bei der verwendung in sexuellem sinne (
vgl. dazu zeitig 1 c
teil 15, 585): es gibt männer, die vorzeitig nach allerhand frauen greifen, gattungsgebunden und unpersönlich in verfrühten süchten Carl Hauptmann
Einhart der lächler 2 (1907) 65. —
vielfach nähert sich vorzeitig
der bedeutung '
voreilig, übereilt, unbedacht': vor ihrem (
anrede) urtheil (
über die grammatik) fürchte ich mich ein wenig, und wie mögen sie sagen, dasz ich Beneckes vorzeitiges lob unverzagt hinnehmen könne? (14. 1. 1821) Jacob Grimm
briefw. 1, 262
Leitzmann; nehmen sie (
anrede) aber die leicht und vorzeitig hingeworfene frage nicht schwerer als sie wiegt (14. 2. 1880) C.
F. Meyer
br. 63
Langm.; mit vorzeitigen bücklingen trat ich in den schnapsladen; denn der herr war nicht drin J. Thaeter in:
Julius Thaeter, der kupferstecher (1942) 16. 33)
seit dem frühen nhd. findet sich vereinzelt auch die bedeutung '
einer früheren zeit (
der vor-zeit)
angehörig, vorherig': folgends verschaffte er, dass bey der versammlunge ... eine handlunge bekräfftiget wurde zu auffrichtung einer kirchen-ordnung und extrahirunge etlicher neuen regeln aus den alten zerstreueten acten der vorzeitigen versammlungen Gryphius
trauersp. 476
lit. ver.; sie (
anrede) nehmen daran (
an den festgedichten) gewisz den unmittelbarsten antheil, denn sie haben ja alles mit erlebt und getheilt was hier freundlich wieder hervorgerufen wird. begeben sie sich in gedanken in unsere vorzeitige mitte ... herr Unzelmann, der gegenwärtiges überbringt, ist gewisz auch noch aus vorigen zeiten erinnerlich (16. 6. 1819) Göthe IV 31, 186
W.; das ist ein denkmal, sohn, der wundereigenschaft vorzeit'ger heiligen und ihrer busze kraft Rückert
brahman. erz. (1839) 337; Maria (
auf einem gemälde Michelangelos) sitzt in der stube in einem rothen vorzeitigen kleide, fast wie ein weiberhemd mit langen aermeln gefaltet (1876) Heinse in:
br. zw. Gleim, Wilh. Heinse u. Joh. v. Müller 1, 278
Körte. in neuerer zeit vereinzelt als terminus der grammatik (
s. auch unter vorzeitigkeit): wenn die zeit des nebensatzes mit bezug auf die des hauptsatzes als gleichzeitig (unvollendet), vorzeitig (vollendet) oder nachzeitig (zukünftig) dargestellt wird Blatz
nhd. gr. 2 (1896) 518; in jeder dieser drei bedeutungskategorien — gegenwart, vergangenheit und zukunft — erhält man drei unterabteilungen, wenn man sein augenmerk darauf richtet, ob das durch die finite glosse vergegenwärtigte geschehen in bezug auf eine vom sprecher irgendwie angegebene ... zeit vorzeitig (
lat. antecedens), gleichzeitig (simultaneum) oder nachzeitig (succedens) ist Noreen-Pollak
einf. i. d. wissensch. betr. d. spr. (1923) 427; doch kann das gleiche partizip sowohl perfektiv vorzeitig (
die vorzeitigkeit der handlung bezeichnend) wie durativ gleichzeitig (
die gleichzeitigkeit des durch die handlung hervorgerufenen zustandes bezeichnend) sein Paul-Stolte
kurze dt. gr. (1950) 312; H. Becker
scheidet in seiner tabelle der zeitlichen dreiteilung: vorzeitig (vor dem essen), gleichzeitig (beim essen ...), nachzeitig (nach dem essen ...)
dt. sprachkunde 1 (1941) 264.