gegensatz,
m. subst. zu entgegen setzen (
vgl. u. gegen III, 1,
b),
seit dem 16.
jh.: gegensatz,
oppositio, oppositus Maaler 162
d,
nach Frisius 922
a (
wo auch oppositus gegen gesetzt);
noch bei Dasyp. 189
b nur oppositio, gegensetzung,
wie noch jetzt widersetzung,
nicht widersatz (
aber mhd.),
vergl.entgegensetzung,
gegensetzung.
nl. teghensettinge
oppositio Kil. 11)
als beispiel gibt Maaler
nur: gegensatz zuo milterung, als zuo dem eisen oder anderem metall,
temperatura ferri, nach Frisius 1294
a,
also eigentlich: entgegengesetzter zusatz, vermutlich sowol das zusetzen wie das zugesetzte. bei Henisch 1423
oppositus corporum et laterum (
Cic.),
entgegensetzung im kampfe, was doch belegt werden müszte; mhd. widersatz. 22)
gewöhnlich vielmehr von worten und gedanken u. ähnl. 2@aa)
im rechte: erster satz
prima positio, anderer
sive gegensatz
exceptio, klägers gegensatz
replica, beklagtens anderer gegensatz
duplica Stieler 2041,
auch wol mehr aus der schule als aus dem leben. doch auch bei Aler gegensatz,
replicatio als rechtswort, und noch bei Adelung.
es wird aber im disputieren überhaupt (
s. e)
schon früher bestanden haben nach gegensetzer
für opponent bei Luther. 2@bb)
in der kunst, dichtkunst wie musik; im 17.
für antistropha, z. b. bei Gryphius 1, 56
fg. (
Leo Arm. 3, 5
a. e.)
gliedert sich ein reyen (
chor)
in satz, gegensatz
und zusatz,
ebenso 2, 118
fg. eine ode, eine andere 2, 47
ff. in satz, gegensatz
und abgesang,
bei S.
Dach 589
fg. eine ode in satz, gegensatz
und absang,
wie es von den drei gliedern im bau der minnelieder heiszt, doch vom inhalte (
s. d): jedem gliede auch für den inhalt eine besondere bestimmung und bedeutung anzuweisen, etwa .. als satz, gegensatz, vermittlung. Uhland
schr. 5, 185.
noch bei Frisch, Gottsched
wb. der sch. wiss., Adelung gegensatz
für antistrophe. musikalisch in der fuge: fügung des gegensatzes zum hauptsatze,
d. h. fuge und contrapunct. Zelter
an Göthe 2, 122 (
s. unter gegengedanke),
vgl. Sulzer theorie 2, 337 (
auch contrasubject). 2@cc) gegensatz
gleich contrast
in der kunst überhaupt (
was zugleich in 3
übergreift),
s. Sulzer 2, 332
ff.; dasz die gruppe des Laokoon .. zugleich ein muster sei von symmetrie und mannichfaltigkeit, von ruhe und bewegung, von gegensätzen und stufengängen. Göthe 38, 39. mahlerischer gegensatz,
zugleich vom dichter: das erste buch (
des Wilhelm Meister) ist eine reihe von veränderten stellungen und mahlerischen gegensätzen, in deren jedem Wilhelms karakter von einer anderen seite, in einem neuen helleren lichte gezeigt wird. Schlegels
Athen. 1
2, 151. Lessing 4, 115
hatte gegensatz
für contrast verworfen, er bildete abstechung.
s. auch gegenstellung 2. 2@dd)
mehr inhaltlich, bei dichtern, rednern (
vgl. Adelung),
für das antithesis
der schulsprache, franz. antithèse,
das denn jetzt wieder beliebter ist: gegensatz,
antithesis, ist eine figur in der dichtkunst, wo man widerwärtige dinge gegen einander stellet, um das eine destomehr ins licht zu setzen (
folgen beispiele aus Opitz, Besser). Gottsched
wb. d. sch. wiss. 748; daher ist seine (
Bessers) klag-rede auch kunstreicher und voller gegensätze (
in vergleich mit der von Canitz). Bodmer
poet. gem. 351.
ähnlich vom sonett, doch zugleich nach c oder b: doch wem in mir geheimer zauber winket, dem leih ich hoheit, füll' in engen gränzen, und reines ebenmasz der gegensätze. A. W. Schlegel
ged. 1800
s. 198 (
das sonett).
zum begriff ist noch eine gewisse verschiebung zu bemerken, dasz nämlich auch satz
und gegensatz
zusammen als gegensätze
bezeichnet werden (
also eigentlich zu gegen
gleich gegeneinander sp. 2236),
wie bei Schlegel
unter d, wol auch bei Bodmer;
bei Gottsched
aber umfaszt eigentlich schon der sing. den wechsel von sätzen und gegensätzen, obwol zugleich entgegensetzung gemeint ist. 2@ee)
philosophisch und sonst in gedankenmäsziger erörterung: so wol satz als gegensatz kann durch beweise dargethan werden. Kant 3, 264,
thesis und antithesis, eigentlich zwischen gegnern, beim disputieren, z. b.: er sagt, es sei ein höchst böses und gottloses büchelchen. ich aber sage, es sei ein sehr gutes und rechtgläubiges büchelchen. wie werde ich diesen gegensatz am besten beweisen? Lessing 4, 69; ihm (
Goeze) ... lust zu machen, habe ich mich in diesem bogen aller gleichnisse .. enthalten, und bin es weiter zu thun erbötig, wenn er sich eben der präcision und simplicität in seinen gegensätzen bedienen will. 10, 244,
d. h. erwiderungen auf die von Lessing
aufgestellten 20 sätze (
thesen)
s. 241
ff.; den fragmenten aus den papieren des ungenannten, die offenbarung betreffend, folgen als anhang gegensätze des herausgebers 10, v,
beitr. zur gesch. u. litt. 4, 544.
erst aus dieser jetzt absterbenden bedeutung hat der jetzt vorherschende begriff (3)
sich entwickelt. 33)
der begriff hat auch inhaltlich eine merkwürdige verschiebung erfahren, wie noch deutlicher ist bei widerspruch
und widersprechen (
auch entsprechen),
d. h. von einem entgegengesetzten satze oder ausspruch auf ein gegensätzliches verhältnis (
b),
wo endlich auch von worten und sprechen gar nicht mehr die rede ist. 3@aa)
wie es sich an das ursprüngliche anschlieszt, zeigen wendungen wie diese behauptung (meinung, forderung
u. ä.) ist der gerade gegensatz zu dem was du gestern gesagt hast; er bewegt sich gern in gegensätzen, schwankt zwischen gegensätzen (
vgl. 2,
d a. e.),
im reden, denken, aber auch im streben, leben und handeln; sein jetziges streben bildet den äuszersten gegensatz (
das extrem), stellt den vollen gegensatz dar zu seinem früheren.
dann auch von dingen und begriffen ohne alle beschränkung, z. b. das dunkle ist der gegensatz zum hellen
oder nun lieber genitivisch der gegensatz des hellen,
es ist von der schule, von rhetorik, grammatik, logik aus uns ein völliges begriffswort geworden, ungefähr wie gegentheil, widerspiel, gegenspiel (
die vom leben ausgegangen, aber nicht zu dieser völligen entwickelung gekommen sind, wie antithese
auch nicht),
und zwar im vorigen jh., zum theil wol erst in unserem. es heiszt wie gerader, äuszerster,
so völliger, entschiedener gegensatz,
diese gern mit dem bestimmten artikel, ein schroffer, greller, scharfer, unvereinbarer gegensatz; etwas durch den (
oder seinen) gegensatz erklären Campe.
übrigens mhd. so widersatz,
z. b. armut ist ein gerichte (
gerader) widersatz wider rîchtûm
myst. 1, 220, 22,
gewiss nach dem lat. oppositum
der schulsprache, vgl. opponere, darwider setzen Melber q 8
a. 3@bb)
der begriff ist aber wieder doppelt, mit scharfem unterschied, wenn es z. b. heiszt dunkel und hell sind gegensätze (
zugleich nach 2,
d a. e.),
aber auch bilden einen gegensatz;
dort also jedes selbst ein gegensatz, hier aber beide zusammen einen darstellend, herstellend (
mit zwei gliedern,
s. Pfizer
e am ende),
genauer: ein gegensätzliches verhältnis. und das zweite noch etwas anders: die kunst ist an sich der gegensatz der natur,
oder umgekehrt, aber auch zwischen kunst und natur ist
oder besteht an sich ein gegensatz,
also dort das gegensätzliche selber, hier die gegensätzlichkeit. doch verflieszt beides oft, z. b.: bei Blumauer ... ist es eigentlich der gegensatz vom alten und neuen, edlen und gemeinen, erhabenen und niederträchtigen was uns belustigt. Göthe 46, 214. 3@cc)
daher auch mit statt zu
oder gegen,
welches doch das genaueste ist (
vgl. mhd. widersatz wider ..
vorhin): die natur im gegensatz gegen die künsteley und die wahrheit im gegensatz gegen den betrug musz jederzeit achtung erregen. Schiller X, 433, 11.
dafür mit: wie lange denkst du so? versetzt Musarion. der gegensatz ist stark, den dieser neue ton mit diesem anfang macht. Wieland
Musar. (1768) 24; aller gegensatz der wirklichkeit mit dem ideale. Schiller X, 490, 8; wenn man daher von einem gegensatze der poësie mit der kunst spricht ... W. v. Humboldt
über Herm. u. Dor. (1799) 50; habe ich diesen gegensatz der schweizerischen löblichen ordnung .. mit einem solchen .. naturleben zu schildern gesucht. Göthe 48, 139;
denn zwei dinge bilden mit einander (
oder selbst zusammen) einen gegensatz,
wie zwei mit einander
in irgend einem verhältnis
stehen, das zusammenfassende mit
bezeichnet zugleich die gegenseitigkeit. daher auch im gegensatz,
wie im verhältnis (
stehend, befindlich, gedacht, gemessen u. ä.),
mit verschiedener fügung: so legen wir .. der natur .. im gegensatz
gegen die willkür .. des menschen einen naiven charakter bei. Schiller X, 440, 21; die nachsicht, die er mit meinem lebhaften, fahrigen .. wesen, im gegensatz
mit dem seinigen, haben muszte. Göthe 25, 84; beide brüder haben sich im gegensatz
zu einander entwickelt.
aber auch mit gen.: und noch viel dunkeler, als wie des mondes schein im gegensatz der sonne selbst wird sein. Brockes (1728) 1, 49; so wie es ein bürgerliches trauerspiel im gegensatz des heroischen giebt. Humboldt
Herm. u. Dor. 268; die gedichtsammlung .. hat auf mich den wolthuenden eindruck .. gemacht, im gegensatz der in dieser zeit vorherschenden künstelei und gefallsucht. Uhland
an Stieglitz in Uhlands leben (1874) 188. 3@dd)
nach dieser seite, als verhältnisbegriff, hat es hauptsächlich seine weiterentwickelung. daher, wie bei verhältnis,
mit wendungen die auf eine räumliche vorstellung zurück gehen, das begriffliche ins anschauliche zurückholen. zwei stehn im gegensatz zu
oder mit einander, treten, stellen sich in gegensatz,
wie gegner sich '
gegen einander setzen' (
mhd. widersatz
gegnerschaft): nach der zeit so hastu dich ganz gesetzet gegen mich. ich bin ganz erpicht auf züge (
reisen), du erwehlest dir die ruh. Fleming 390 (
Lapp. 315),
bist gleichsam mein gegensatz geworden; im gegensatze steht die prüfung des neuen. Göthe 23, 208; ihnen gegenüber und in den entschiedensten gegensatz haben jene sich gestellt, die oben mit dem namen mechaniker bezeichnet sind. Görres
Eur. 19; das war der einzige punkt, wo herr Hahn mit seinem sohne zuweilen in gegensatz gerieth. Freytag
handschrift 1, 44.
auch geradezu gleich gegenerschaft: dieser gegensatz (
zwischen dem realisten und idealisten) ist ohne zweifel so alt, als der anfang der cultur. Schiller X, 510, 29,
vorher mehrmals antagonism
genannt, daher nachher von seinem beilegen
die rede ist (
z. 32),
wie bei einem kampfe; auch in dem briefe an Humboldt 274
spricht er von zwei einander ganz entgegengesetzten menschencharakteren
und ihrem antagonism,
das franz. wort war ihm also noch geläufiger, vgl. auch entgegensetzung s. 299,
wo jetzt gegensatz
das wort wäre. 3@ee)
daneben findet aber auch der concrete gebrauch eine ausdehnung ohne schranken (
anders als das beschränkt gebliebene gegentheil), gegensätze
im leben, im gröszten und kleinsten, im innersten und äuszersten, kräfte, einflüsse u. ä., die gegeneinander stehen, wirken u. s. w.: der schatten dunkelheit allein verursacht diesen glanz, gebieret diesen schein durch ihren gegen-satz. Brockes (1728) 1, 48; dasz zwei gegensätze zu gleicher zeit hervortreten und sich einander das gleichgewicht halten können. Göthe 46, 64; in allen dingen ist das äuszerste jedesmal der wendepunkt zu seinem gegensatze. Görres
Eur. 307,
wo das begriffliche noch anklingt; jede geistige gährung entspringt, wie die chemische, aus dem stosz und kampf von gegensätzen, und je tiefgreifender diese gährung das geisterreich bewegt .. um so gröszere allgemeinheit werden jene gegensätze gewinnen. 11; einem klaren auge .. erscheinen drei grosze gegensätze, gehend durch kirche und staat und alle bewegungen der zeit, die aber wieder in seinem vierten gröszeren, der alle umschlieszt, begriffen sind. 12; aber diese (
abstracte) anschauung, die .. in ihrer überschwänglichkeit alle gegensätze völlig vernichtet, schlieszt eben darum alle würdigung irdischer verhältnisse aus, die .. in diesen gegensätzen und entzweiungen verstrickt und befangen erscheinen. 59,
zugleich doch wieder im verhältnisbegriff; das gesetz der compensation, wornach jedes glied eines gegensatzes mit nothwendigkeit das andere fordert und sich indifferenzirt. Pfizer
briefw. zw. D. 259. gegensätze verschärfen sich, spitzen sich zu (
im und zum kampfe),
sie verlieren ihre schärfe, gleichen sich aus (heben sich auf),
werden versöhnt, vermittelt.
aber in den gegensätzen
bewegt sich das leben weiter.