rad,
n. rota. 11)
ahd. rad (
unrichtig hrad: quadrige feor hrediro reitun Steinmeyer-Sievers 2, 764, 39),
mhd. rat;
alts. rath,
axem (
Prud. gloss. 196),
mnd. mnl. rad, rat;
fries. reth;
mit dem plur. räder,
ahd. redir,
mhd. reder,
woneben die pluralform diu rat,
auf der die rade
des ältern nhd. beruht: rade sollen gute eichene naben haben. Colerus
hausb. 3, 108; ein klein wegelein mit vier kleinen raden. 109.
im englischen ersetzt das wort wheel,
was auf ags. hweól, hweohul, hweowul (
plur. hweowlu)
zurückführt, im schwed. und dän. hjul,
das altnord. hvel,
später hjól;
der gothische ausdruck entgeht uns. urverwandt ist das litt. masc. rata-s,
rad, das lat. fem. rota,
und das sanskrit. masc. rata-s,
wagen, zweirädriger kriegswagen (Fick
2 164),
und wenn die letztere sprache die ursprünglichere bedeutung des wortes bewahrt hat, so bezeichnete das deutsche rad
und seine urverwandten wörter eigentlich vor der einengung des begriffs wol das ganze wagengestell auf rädern, das ags. hweól
nur eine radscheibe für sich. bestätigung dieser vermutung könnte darin liegen, dasz im niederd. und niederl., wo noch beide ausdrücke neben einander leben, rat
das wagenrad, wêl,
niederl. wiel, spinwiel,
vorzüglich das spinnrad bedeutet. 22) rad
im ältesten sinne, als rad an einem gefährt: rota, rat, rad, radt, rath, rade, rate Dief. 500
c; das rad,
rota, als ein wagenrad, pfluograd. Maaler 321
c; als nu die morgenwache kam, schawet der herr auf der Egypter heer, .. und sties die reder von jren wagen, stürzet sie mit ungestü
m. 2 Mos. 14, 25; warumb verzeucht sein wagen, das er nicht kompt? wie bleiben die reder seiner wagen so da hinden?
richt. 5, 28; da wird man hören die geiszeln klappen, und die reder rasseln, die rosse schreien, und die wagen rollen.
Nahum 3, 2; nun kan der ackerman nit pflügen, er hab dann räder, pfluog, pfluogschare, pferd. Agr.
sprichw. 195
b; der wagen steht auf rädern,
currus rotatus est. Steinbach 2, 213; runde räder, eherne, achtspeichigte. Lessing 6, 480; auf das wir nicht (
beim fahren) ein rad zubrechn. B. Ringwald
spec. mundi (1590) G 6
b; weil man uns gerne sieht (
als besuch), so laszt die räder rauschen! Caniz 124; weil schon dein muntrer knecht die räder eingeschmiert, damit du bald genug mit den geliebten deinen, auf meinem meyerhof am freytag kanst erscheinen. 128; die räder rollen sanft (
auf der guten strasze) und zeichnen ihre reise mit einem leichten strich und nicht mehr tiefem gleise. Drollinger 84;
nach anzahl seiner räder wird der wagen bei entschädigungsfragen geschätzt: trettit ein man einen newen weg ubir einen georin acker oder gesahetin, er sol den schaden geltin uf recht .. ist abir der acker nicht besahit, er gibit vor iclich rat einen pfenning, der rytinde einen halben pfenning.
Magdeb. blume 2, 2, 289; rad
steht auch für wagen oder gefährt selbst: der bischof hât sîn zol ze Basil. der stât alsô. der soum einen pfenning, daʒ rat (
d. h. die einrädrige schiebkarre) einen, zwei (
der zweirädrige karren) zwene, vier reder (
der eigentliche wagen) viere, eʒ trage luzzel oder vil.
Basler rechtsqu. 1, 9; fliegen jetzt auf verschiedenen straszen rosse und räder mit lebenden menschen. Freytag
handschr. 3, 281; hiefür hab ich die segel den trügrischen winden gespannet, habe mit rädern den staub fernester straszen erregt. Arndt
ged. 255. 33) rad
des fuhrwerks, bildlich und sprichwörtlich. 3@aa)
bilder und vergleiche lehnen gern an umdrehen und rollen eines rades an: deus meus pone illos ut rotam. got mînêr macho sie unstâte iro râtes, also rad. alde sus. rad puret sih (
hebt sich empor) after, fornân fallet iʒ: hier an dien afterôsten bonis (kuoten) stîgen inimici domini (gotes fienda), hinafure an dien beʒʒesten fallen sie. Notker
ps. 82, 14;
und hier greift mit einer aus dem alterthume überkommenen, im mittelalter höchst verbreiteten vorstellung (
vgl. Wackernagel
kl. schriften 1, 241
ff.) das rad des glückes
ein, das den auf ihm treibenden bald oben bald unten sein läszt: sie wâren hôhe gestigen ûf des gelückes rat, nû müeʒen sie von der stat aber nider rucken.
Flore 6149; der ist ein narr der stiget hoch .. und gdenket nit an glückes rad: ein yedes ding wann es uffkunt zuom höchsten, felt es selbst zuo grunt. Brant
narrensch. 37, 4;
eine vorstellung, die noch später und bis heute sich fortsetzt: über Fortunens rad setz ich lächelnd weg und dreh es nach meinen gefallen. Fr. Müller 2, 174; wie dann begehren wir, dasz uns das gute glück ersehe für und für? disz ist sein altes thun; es steht auf einem rade: was neulich oben war, erfüllt mit gunst und gnade, das ist jetzt unten an, und was vor unten war, das steht jetzt oben auf, ist auszer der gefahr. Opitz 3, 285; hat sich nun dein rad gedrehet, du o mehr als falsches glück? Neumark
lustwäldchen 54; hofft nicht zu viel von diesem ersten sieg. bedenkt, wie schnell des glückes rad sich dreht. Schiller
Wallensteins tod 4, 7; sausender rollt auch das rad des glückes heute denn jemals hin auf dem schlüpfrigen pfad, ewig begossen mit blut. Arndt
ged. 265; das glück, das glatt und schlüpfrig rollt, tauscht in sekunden seine pfade, ist heute dir, mir morgen hold, und treibt die narren rund im rade. 175;
auch im plur., wie von einem wagen des glücks
gebraucht: ihm (
dem herscher) fielst du, Venedig; aber er fiel bald selbst
unter die räder des glücks! Platen 149
a;
dann rad
schlechthin, als sinnbild des wechsels oder niedergangs (
vergl. dazu 9,
a): verbœset ist diu niwe jugent: êre, zucht unt tugent, die nîgent sam umb ein rat. H. v. Melk
erinnerung 397,
auch das rad wendet sich, wird gewendet
u. ähnl.: aber nu sichs rad gewendet hat, und die oberherrn obligen und glück haben, die bawren aber erschlagen sind. Luther 3, 235
b; ir sitzen zwor in glückes fall. sindt witzig, und trachtend das end das gott das rad üch nit umb wend. Brant
narrensch. 56, 42; bis sich das schnelle rad umwendet, und ein schneller augenblick die herrligkeit in nichts: die cron in brand und strick, die ehr in schmach, die lust in tiefste schmerzen endet. A. Gryphius (1698) 1, 397;
beim glücksspiel geht das rad herum: ein andres (
spiel im bret) wolln wir heben an gar bald, das rad musz umbher gan. Heros
ird. pilgerer (1562) 30
a;
verblaszt, das rad treiben,
sein geschick gestalten, sein leben führen: der untrew hab ich entpfunden vil darumb ich do heimen bliben wil by kinden und by wiben, und wil ein wyle luogen zuo wie man das rad wel triben. P. Gengenbach
alt eidgnosz 341. 3@bb)
vom rad des glückes
her nun auch ein rad der schickung, des verhängnisses: und weil des vaters (
gottes) hand das rad der schickung dreht, sind, eher küsse noch, als schläge, zu vermuthen. Caniz 27; sie wollen allein in ganz Europa — sich dem rade des weltverhängnisses, das unaufhaltsam im vollen laufe rollt, entgegenwerfen? Schiller
don Carlos 3, 10. 3@cc)
der sonnenwagen auf rädern: jetzt wicklet sich der himmel auf, jetzt wegen sich die räder, der frühling rüstet sich zum lauf. Spee
trutzn. 85, 2
Balke; wie schnell der sonnen räder (
sind). S.
Dach in den gedichten des Königsberger dichterkreises s. 165; schon färbt die lichte morgenröthe den himmel weisz und flammenwerfend steigen der sonne räder schon herauf. Schiller
hist.-krit. ausg. 6, 158.
und die sonne selbst ein rad (rota solis. Lucret. 5, 433): der sonnen güldnes radt begunte vor zu steigen, und seinen lebensglanz der muntern welt zu zeigen. P. Fleming 52; ein angenähmer (
für angenehmrer) tag ist mir erschienen nicht, so lange Föbus hat sein radt herümb getragen. 625; als ein verfluchtes blei die theure stirn verletzt, das, eh der sonnen rad den andern morgen brachte, ihn leider! gar zu bald zu einer leiche machte! Caniz 178. 3@dd) rad
oder räder
der zeit, der stunden: die stunde der abfahrt rollte auf schnellen rädern heran. J. Paul
Tit. 3, 45; es wär ein eitel und vergeblich wagen, zu fallen ins bewegte rad der zeit. geflügelt fort entführen es die stunden. Schiller
hist.-krit. ausg. 11, 323. 3@ee)
sprichwörtliche bilder und vergleiche: des narren herz ist wie ein rad am wagen, und seine gedanken laufen umb, wie die nabe.
Sir. 33, 5; wo aber ein herz were, das jm künd gnügen lassen, und zu frieden sein, so hette es ruge, und das himelreich dazu, da es sonst bei groszem gut, oder ja mit seinem geiz, hie das fegfewr, und dort das hellische fewer dazu mus haben, und wie man sagt, hie mit einem karn, und dort mit einem rad mus faren, das ist hie jamer und angst, dort das herzleid haben. Luther 5, 350
a; ich wolt wol gerne so gleuben und leben, wie ich solt, aber ich füle wol, das es nicht fort wil, und der alte sack mich jmer zurück zeucht, als der kod am rad. 6, 45
b; die welt ist eitel arge lieb, und suochet sich der natürlich mensch inn allem selbst, darumb henket er sich an das grosz, herrlich und glückhaftig, hoch, wie kat ans rad, dasz er der höhe, glücks
etc. theilhaftig werde. Agr.
spr. 39
a; einen wie ein rad ümtreiben,
rotare aliquem. Stieler 1499; der kopf gehet mir herüm, wie ein rad,
caput meum vertigine laborat. ebenda; daʒ werte der Krîmhilde man und sluoc daʒ Madelgêres kint daʒ er als ein rat sint vor dem helde umbe gie.
Biterolf 10902;
etwas anders gewendet bei Göthe: es wälzet sich ein rad von freud und schmerz durch meine seele. 9, 54; das fünfte rad am wagen,
vergl. unter fünfte
th. 4
1, 575; wie das fünfte rad am wagen. Fischart
bienk. 83
b; bistu schon besteckt, scheub und greif ans radt, so geht der karren. Agr.
sprichw. 307
a; so gehets dann, sprich ich, so mann bede räder schmieret. 384
b; das schlimmste rad am wagen knarrt am ärgsten. rappelige räder laufen am längsten. ungeschmierte räder knarren. er ist das fünfte rad am wagen. es geht noch manch rad um, eh das geschieht. Simrock
sprichw. 437. 3@ff)
bei Keisersberg
eine redensart an das rad kommen,
vorn hin kommen, maszgebend werden: so wär jhene geren an das rad, und wenn sy an das rad komen, und man zuo jnen gnadfrau spricht, so thuot es jnen wol; sy nämen nit feigen darfür.
häslein 1510 Cc 1
b; wenn dann die lieben beichtvätter an das rad kommen oder vielleicht in das beichthaus, da die vorbeicht und die nachbeicht lenger seind weder die recht beicht, ach so ist es der allerliebest vatter ... Ee 3
b. 44) rad,
an einem getriebe. 4@aa)
an einer mühle (
vergl.mühlenrad,
mühlrad, wasserrad): ich enwil niht werben zuo der mül, dâ der stein sô riuschent umbe gât, und daʒ rat sô mange unwîse hât. Walther 65, 15; wo die mühlen in den städten und auf dem lande nahe beisammen liegen, und einer dem andern das wasser unter die räder stauchet. Löhneysz
regierkunst 315
a; oder sollte man den müller nicht in die lache werfen, der die räder nicht laufen liesze, ausz beisorge es möchte zu viel wasser darneben weg flieszen. Chr. Weise
erzn. 64
Braune; dann stürz ich (
bach) auf die räder mich mit brausen, und alle schaufeln drehen sich mit sausen. Göthe 1, 208; nur das rieselnde rohr neben der mühle wacht, und an des rades speichen schwellende tropfen schleichen. A. v. Droste-Hülshoff
ged. 52. 4@bb)
an einem brunnen, vergl. brunnenrad, ziehrad: ehe .. der eimer zuleche am born, und das rad zubreche am born.
pred. Sal. 12, 6; das ist der Taillefer, der so gerne singt im hofe, wann er das rad am brunnen schwingt. Uhland
ged. 349; er treibt mein rad und schüret mein feuer gut.
ebenda; bildlich von der sonne: du schnelle post, o schöne sonn, o gülden ross und wagen! o reines rad auf reinem brunn, mit zartem glanz beschlagen! jetzt schöpfest uns den besten schein, so winters war verloren, da rad und eimer schienen sein von kält gar angefroren. Spee
trutzn. 86, 13.
vergl. rädchen. 4@cc) rad,
spinnrad (
s. d.): das spinnen an denen rädern gehet zwar leichter und geschwinder von statten, als an der spindel, welches viel mühsamer; iedoch ist das an der spindel gesponnene garn weit fester, schöner und gleicher ... als das garn, so an dem rade gesponnen worden.
öcon. lex. 2331; wenn die langen winterabende herankamen, liesz sie die hausmägde ... mit ihren rädern in die spinnstube kommen. Möser
patr. phant. 1, 46; die spinnerinnen, die das rad im arm, nach hause gehn. Hölty 187
Halm; (
morgen) ist keine schule, dann wird rad und spule samt dem zeichentuch verwahrt. Voss 4, 176. 4@dd) rad,
das irgend ein gangwerk treibt, zum drehen, ziehen oder treten: rad das man tritt etwas aufzeziehen,
tympanum. Maaler 321
c;
tympanum, ein kranchrade, ein gerüste mit eim groszen rad das getretten würt, so man etwas schwärs aufhebet. Dasyp.; lassen das getreide mit einem rade und langen seil oben hinauf (
auf den kornboden) ziehen. Coler.
hausb. 3, 148; rad bei den webern, das grosze rad,
rota ferrea major, am tuchbaum, das kleine rad am garnbaum,
utraque in machina textoria Frisch 2, 81
a; das rad des seilergeschirres. Jacobsson 4, 133
b; und scheinet, das ein lahmer elender sei, als ein tauber oder blinder, der noch etwa ein rad ziehen, und sein stük brodt gewinnen kan. Butschky
Patm. 418; (
im salzwerk zu Halle) treten an jedes rad oder haspel, vier personen, je zweene und zweene gegen einander über .. zweene die auf einer seite, an jedem haspelrade beisammen stehen, treiben beide zugleich das rad mit den händen umb, und wann sie einen eimer voll sole herauf gehaspelt, und derselbe in den trog oder kahn ausgestürzet, so setzen die sich nieder, und greifen die andern beeden, die gegen über an demselben rade stehen, also fort das rad
an. Hondorff
beschreib. des salzwerks (1749) 30; uns gab sie (
die geometrie) erst den hebel in die hand, dann ward es rad und schraube dem verstand. Göthe 47. 126;
sprichwörtlich einen am rade herum führen,
wie sonst am seile ziehen lassen,
ihn bei einem thun lange erhalten: schau einer dem alten narrn zu! dem läst die lieb kein rast noch ruh zu einer solchen gemeinen dirn. sie wird jhn wol am radt rumb führn, bisz sie das gelt hat von jhm bracht. J. Ayrer 444
c (2232, 33
Keller). 4@ee) rad
überhaupt auch in einem kleineren mechanischen oder einem uhrwerke: in der mechanik wird ein jeder an einer welle befestigter cirkel, welcher zugleich mit der welle um ihr gemeines centrum beweget werden kann, ein rad genennet. Eggers
kriegslex. 2, 540; rad und getriebe (
als eine zusammengesetzte maschine).
ebenda; die räder einer uhr,
unterschieden wird hauptrad, bodenrad, steigrad,
nach der form auch zahnrad,
s. d.; uhre mit 5 rädern. Jacobsson 4, 473
b; wenn nämlich ein andrer die federn, ein andrer die räder, und ein dritter die zifferblätter verfertiget, sodann der uhrmacher nur blos zusammensetzt. Möser
patr. phant. 1, 98. 4@ff) rad
in der bedeutung 4
oft bildlich, und in bezug auf den menschen, der und dessen bau oder inneres einem getriebe, einem uhrwerke verglichen wird: in solchen augenblicken ... spielen alle federn, räder, druck- und saugwerke unsrer einbildung und unsres herzens leicht und harmonisch zusammen. Wieland 8, 37; sage mir nichts von der menge der antriebe. lieber einem einzigen antriebe alle mögliche intensive kraft gegeben! die menge solcher antriebe ist wie die menge der räder in einer maschine. je mehr räder: desto wandelbarer. Lessing 10, 257; (
ein arzt) der die gröbern räder des seelenvollsten uhrwerks nur terminologisch und örtlich weiszt, kann vielleicht vor dem krankenbette wunder thun .. Schiller
hist.-krit. ausg. 1, 139; das sind ihre (
der wehmut) tränen nicht — nicht jener warme wollüstige thau, der in die wunde der seele flieszt und das starre rad der empfindung wieder in gang bringt. 3, 500 (
kabale u. liebe 5, 7); die bewegung des rades, das sich in meinem herzen dreht, sind keine worte vermögend auszudrücken. Göthe 18, 100; der reiszende strom (
der empfindung) ging hoch über die räder ihres lebens. J. Paul
Titan 5, 118; eingesperrte glut jeder art trieb alle räder seiner natur heftig um.
komet 2, 143; der mensch ist selbst ein rad, das getrieben wird.
lit. nachl. 4, 23; ihr wiszt ja, wie der zeiger an unsres lebens seiger so hurtig weiter rückt! man flickt daran und flickt, bis dasz die zeit die räder mit einmal stehen heiszt. Gökingk 1, 291; die räder der seele, sie rollen in herrlichen kreisen. Arndt
ged. 255; das leben war zu kurz für meine liebe, die welt zu klein, zu arm an lust und schmerz, die müszgen räder stockten im getriebe. Körner
werke 2, 53;
ebenso in bezug auf schöpfung, natur, welt, staat: mit aller nur ersinnlichen hochachtung, die er für die weisen, welche alle räder der körperwelt durch geister treiben lassen, zu hegen vorgab. Wieland 12, 74; der mensch denkt er sei das wasser, das die räder der schöpfung treibt. J. Paul
lit. nachl. 4, 23; bist du es nicht, mein leichter sinn, der wechselnd die natur durch seine arme leitet, umwirbelt ihr rad im schnellsten schwung? Arnim
Hollins liebeleben 54
Minor; die räder des staats in bewegung setzen. Klinger 12, 172; (
gott) vollbringt sein thun durch wunderwerke, und heiszt das rad der schöpfung stehn. Drollinger 31; er gab dir einen geist, der durch den bau des ganzen dringt, und kennt die räder der natur. E. v. Kleist 1, 37; der will, das seinetwegen sich umwende jedes rad, das gott so gottesmeisterlich ins gleis gefuget hat! Gleim 4, 236; freude, freude treibt die räder in der groszen weltenuhr. Schiller
an die freude; in bezug auf ereignisse u. ähnl.: (
leser) welche eine geschichte nur alsdann recht zu wissen glauben, wenn ihnen das spiel der räder und triebfedern mit dem ganzen zusammenhang der ursachen und folgen einer begebenheit aufgeschlossen wird. Wieland 20, 18; so ward ich wohl zum Columbus der hölle ausgerüstet und mein anstand und bangen vor der that gehört mit in die feinern federwerke, die das grosze hingezogene rad ein wenig einhalten, dasz es nicht in schnelligkeit überspringe. Fr. Müller 2, 93; ihr kennt nun, freunde, so viel euch für itzt zu wissen dient, die hauptpersonen im stücke. die übrigen werden vor euerm günstigen blicke sich stellen, wie es dem schöpfer und herrn von ihrem geschicke, zum besten des ganzen, worin sie blosze räder sind, nützt. 4, 15 (
n. Amadis 1, 18). 55) rad,
als marterwerkzeug, mit dem der leib eines armen sünders zerstoszen wird (
ursprünglich ward gewiss die tödtung durch fahrende wagen vollzogen, von welchem brauche das zerstoszen mit einzelnen rädern nur ein rest ist, vgl. rechtsalt. 688): so ist der dritte schade, sæhe sî mich ûf dem rade, si gespræche nimmer ach. Neidhart 99, 21; ein fürst hat einen zum radt verdampten ubelthäter mit dem schwerdt begnädigt. Zinkgref
apophth. 2, 71; bei der feueresse des Pluto! bist du vom rad auferstanden? Schiller
räuber 2, 3; ein fluch .. den die rache des himmels auch dem dieb auf dem rade hält.
kab. u. liebe 3, 4; strang, pfal, rad, schwert und brand. Weckherlin 184; hoch hinter dem garten am rabenstein, hoch über dem steine am rade blickt, hohl und düster, ein schädel herab. Bürger 62
b;
formelhaft verbunden galgen und rad (
vgl.galgen II, 2,
d, theil 4
1, 1169): vor galgen und rad kan man sich wol hüten, aber nicht vor dem schwert. Pistorius 7, 38; ach mann, es sind zwei leute hier, auf kundschaft wohl, gewesen; ihr düstres auge voller gier liesz rad und galgen lesen! Voss 6, 148; man soll ihn begraben wie einen hund, wie einen schelm, der auf galgen und rad schon fütterte krähen und raben satt. Arndt
ged. 198; schwert und rad: unsere neuern gesetzgeber mögen dem menschen hände und füsze binden; sie mögen ihm schwerdt und rad vormalen; er wird seine kraft allemal gegen seinen feind versuchen, so oft er beleidigt wird. Möser
patr. phant. 1, 321; so schrie mein satyr gleich: die schärfste striegel her! und wenn auch rad und schwerdt darauf gestanden wär. Günther 485;
die handhabung des rades von seiten des henkers heiszt das spielen mit dem rade: mit dem rad gut spielen können, ist unter den rechten verrichtungen eines henkers,
rota scienter in supplicio uti posse. Frisch 1, 81
a;
es hiesz einen aufs rad setzen: und wurdent dise zwene verreter von Bruomat gefangen und uf reder gesetzet.
d. städtechron. 9, 818, 16; man satzte in pînlich ûf ein rat.
livländ. reimchron. 711; aufs rad stoszen: die so man aufs rad stöszet, umb gestolen kirchengut. Luther 5, 328; entweder stöst man dich aufs rad, oder must gehn den galgenpfadt. L. Sandrub
kurzweil 189, aufs rad legen, flechten: also lebendig auf ein rad geleget wurde. Schütz
Preuszen 76; er ward ergriffen und auf ein rad gelegt. Waissel
chron. 56; der herzog aber hat ... die anfänger der unruhe aufs rad legen lassen. Micrälius
altes Pommern 3, 420; weil ich dich in der brautnacht erdrosselte, und mich dann mit wollust aufs rad flechten liesze. Schiller
kab. u. liebe 3, 6; wahrheit flicht man auf das rad, in der acht sind tapferkeit und tugend. Arndt
ged. 13; auf dem rade liegen, sitzen, aufs rad kommen: (
wenn der verbrecher) siehet, dasz sein gesunder leib am galgen hangen, oder auf dem rad liegen solle. Schuppius 133; sol einer aufs radt kommen, so muosz das sein mittel sein, dasz jn der teufel reize zu mord, raub und diebstal. Agr.
spr. 113
b; du must noch sitzen auf dem rad. ich will dich füren inn ein pad, darinn dich musz der henker krawen. H. Sachs
fastn. sp. 1, 51, 417; (
ich) will sie (
die böse frau) reiszen so marter übel, und solt ich kommen auf ein rad. 2, 65, 178; mein vater, hob er (
ein dieb) an, ein engel im vergiften, schwang sich durch seine kunst aufs rad. Lichtwer
fab. 3, 5;
den toten verbrecher hacken die raben vom rade: mich hacken die raben vom rade. Bürger 62
a; rad
bildlich, für eine grosze marter: von dem pfeil meines leids, von dem rad meiner pein. Weckherlin 329. 66) rad,
radförmige unterlage für ein storchnest auf dem first eines hauses. 77) rad,
radförmige halskrause: soll der beding sein, dasz er den schmuck (
des priesters) anleg, um recht amtsmäszig und ehrbar auszusehn. nur schad um die fehlende priesterperücke und das gekräuselte rad! Voss
Luise 2, 452. 88) rad,
der radförmige schweif eines pfauen, wenn er empor getragen wird: eine feder aus dem rade eines pfauen. Bechstein
märchen 108; auf eines fürsten hof ging eine herde pfauen; ein aufzug, welchen anzuschauen kein auge müde ward; denn jeder trug sein rad mit farben, wie sie nur der regenbogen hat. Gleim 3, 329; aus den empor getragnen rädern entfielen wunderschöne federn.
ebenda; die pfaue machet ein rad,
pavo rotat caudam. Stieler 1499,
auch schlägt ein rad,
verschieden von unten 9,
b. 99) rad,
von rad- oder kreisförmigen bewegungen. 9@aa) ein rad machen, im rade laufen
u. ähnl.: nichts bestendiges odder newes, ist auf erden. es lauft in eim rad und cirkel herumb, und bleibt nit in eim wesen stehn, was heut steht, ligt morgen. Agr.
spr. 214
b; wer solche blumen anrühret, dem klebet ihr edler geruch an, und stärket ihm besser, denn die holdreichste mayenblumen, sein gehirn für den schwindel; wenn entweder das glük, oder andere fälle, ihm vor den augen ein rad machen. Butschky
Patm. 442,
in solchen fällen ist die bewegung senkrecht gehend gedacht, in andern wagerecht: der Rein mocht dis kaum hören aus, da wund er um das schiff sich kraus, macht um die ruder ain weit rad, und schlug mit freuden ans gestad. Fischart
glückh. schiff 281; er seufzt und ängstigt sich, und wirft sich umb im bette, er machet manches radt, und findet keine stätte. D. v.
d. Werder
Ariost 23, 282, 6; drauf er sich weit herumb in einem rade sprengt, und mehlich, mehlich sich nab gegen erde senkt. 6, 19, 3; die brüste (
des schlangenpaares) steigen aus dem wellenbade, hoch aus den wassern steigt der kämme blutge glut, und nachgeschleift in ungeheurem rade netzt sich der lange rücken in der flut. Schiller
zerstörung von Troja 35,
vergl. Vergil. Aen. 2, 204:
gemini .. immensis orbibus angues incumbunt pelago. 9@bb) ein rad schlagen,
von einer kugelnden bewegung des körpers auf armen und beinen, die einem rollenden rade ähnelt: von liebeshändeln .. wie der witzigen Mustasche und ihres faden Kormorans, der so schöne epigramme macht und so schöne räder schlägt. Wieland 6, 35; das kind konnte nämlich radschlagen oder purzelbäume schieszen, ohne die schamhaftigkeit zu verletzen. Immermann
Münchh. 1, 112; Cotill gieng also vor die stadt, und machte sich etwas zu schaffen. er gieng, und schlug im gehen oft ein rad. Gellert 1, 198; aus deiner groszen königsstadt kam, gestern abend, müd und matt, dein freund zurück nach seinem flecken. vor freuden schlug mein Fritz ein rad. Gökingk 2, 79; doch nun ist frei, wo jedermann rad schlagen und rumoren kann. Claudius 6, 75; ein rad zu schlagen, aufm kopf zu stehn, das mag für lustige jungen gehn. Göthe 3, 264; die plumpen schlagen rad auf rad und stürzen ärschlings in die hölle. 41, 328;
in anderer verwendung: beweg deinen stab schnell herum, dasz die äuszerste spitze dir ein beständig rad bilde: sieh, solch ein rad schlag ich durch die ganze schöpfung, überall sichtbar, hörbar, gegenwärtig! (
sechster teufel zu Faust). Fr. Müller 2, 162.
der birkhahn schlägt ein rad,
wenn er zur balzzeit auf dem platze in einer scheibe herum läuft und schleift. Jacobsson 3, 347
a. 1010) rad,
ein feuerwerkskörper: wasser-bricken, leucht- lustkugeln grosz und klein, racketen, räder, töpf. Rist
Parn. 841. 1111) rad,
im bergwerk, ein masz, nach welchem die bergwasser verliehen werden. Jacobsson 3, 338
a. 1212) rad,
bei den glasschleifern eine kupferne oder eiserne scheibe, zum glasschleifen gebraucht. ebenda. 1313) rad,
eine scheibe mit scharfen zacken, zum ausformen des teiges: schleusz das (
confect) hübsch zusammen mit einem andern teige, und zerschneid das, wie confectstück gros, mit einem rade. Colerus
hausb. (1604) 1, 124. 1414) rad,
in nonnenklöstern, rota. Schm. 2, 50
Fromm.; das rad oder hölzerne gerüst in denen nonnenclöstern .. so zum theil offen, zum theil aber geschlossen ist, also dasz man einander wohl hören, aber nicht sehen, auch durch dessen öffnung beim herumdrehen allerhand nothwendigkeiten hinein, und heraus bringen kan. Nehring
hist.-polit. lex. (1736) 1041.