radebrechen,
radbrechen,
verb. rädern. 11)
das wort, schon mhd. radebrechen (
rotare, radprechen, radbrechen Dief. 500
c)
heiszt eine breche oder brechung auf dem rade vornehmen, und hat zu seiner voraussetzung ein subst. die radbreche,
aus dem es hervorgebildet ist. daher folgt es der schwachen conjugation, er radebrecht,
prät. radebrechte,
part. geradebrecht: darumbe man sü (
die juden) radebrehte.
d. städtechron. 8, 127, 16; der jude wart geschleufet uf einre swinin hut und geradebrechet. 138, 3; wie man die diebe radbrecht. Luther 3, 84
b; einen gehenkten oder geradbrechten heiden.
br. 5, 79; drum mach ich mir auch ietzt zu nütze was nechst ihr reim geradebrecht. Günther 637 (
weitere belege unten 2. 3);
part. auch radgebrecht: da mus spanisch, wälsch, französisch und dergleichen das radgebrechte teütsch durchspicken und bereichen. Rompler 114;
versuche, das wort nach dem starken verbum brechen
zu conjugieren, begegnen vereinzelt seit dem 16.
jahrh.: das nicht not ist hie zu trewmen, wie Christus leib im brot geradebrochen werde. Luther 3, 84
b; Beff, der kein einig wort nach rechter art ausspricht; der reimenmacher Meff, der wörter radebricht, fassen mit viel schmach und rasen, wie die hund einander
an. A. Gryphius (1698) 2, 483; dort (
in Berlin) lehre man uns, wie man sprache verdirbt, mit schrauben sie foltert und radbricht. Platen 271. 22) radebrechen,
im eigentlichen sinne, die glieder eines verurtheilten seitens des henkers mit dem rade zerstoszen (
vgl.rad 5
und rädern): genuoge wurden verbrant, versteinet und mit swerte erslagen sach man manigen bî den tagen, schinden und radebrechen, und etslîche durchstechen.
Barlaam 113, 15; da schleift man in und radbrecht in.
heiligen leben (1472) 97
b; wo komen so viel schelke her, die man teglich hengen, köpfen und radbrechen mus, denn aus ungehorsam? Luther 4, 397
a; sie werden geradbrecht, verbrand, erseuft. 5, 503
b; so ein statt bei radbrechen oder spieszen verbüte, es sölle kein bürger von dheinem ausländer miet, gaben oder schenke nemen. Zwingli 1, 214; von unten auf oder oben nider radebrechen. Reuter v. Speir
kriegsordn. 72; ein solcher cumpe (
kumpan) ist bei uns geradbrecht worden, dem ich selbst das geleid gegeben. Pape
bettel- und garteteufel k 7
b; der hoemeister nam ihnen die güter und liesz sie radbrechen als kirchenräuber. Henneberger
preusz. landtafel (1595) 131; ein fürst hat einen zum radt verdampten ubelthäter mit dem schwerdt begnädigt, darwider waren etliche der meinung, es were zu gelind gestraft, man solt jhn einmahl radtbrechen. Zinkgref
apophth. 2, 71; unter leichtfertigen schelmen, dieben, mördern, straszenräubern, hexen und zauberin, und dergleichen leichtfertigen huren und buben, welche jetzt bei gesundem leib des todes erwarten, und geköpft, gehenkt, verbrant oder geradebrecht werden sollen. Schuppius 133; allwo man uns berichtet, dasz morgen einer würde geradbrecht werden.
Jucundiss. 135; das der könig wolt, dasz man mich drumb rahtbrechen solt, dasz ich jm den (
brief) ind händ hab gebn. J. Ayrer 23
a (129, 17
Keller). 33) radebrechen,
bildlich. 3@aa)
vom martern und quälen des leibes, des gewissens oder des sonst einer person verglichenen: kurzum dasz ich (
das podagra) den ganzen leib verkrümme, erschwäche und radbreche. Fischart
podagr. trostb. k 8
a; was liegt daran, sprach er, ob mir hier auf einer elenden streu der rücken geradebrecht wird oder vom ritter Bronkhorst? Musäus
volksm. 463; die mein gewissen selbs radbrechen. Weckherlin 150; sind ihre (
der braut) jahre reif, und sieht der spiegel schlecht, so wird der appetit fürwahr geradebrecht, weil stirne, wang und brust nach faulen äpfeln schmecken. Günther 468; da nichts als streit und zank mir ietzt die feder schwächt, und ofters die gedult der finger radebrecht. 785; (
hier) wo mich die einsamkeit mit sorgen radebrecht. 1099;
und in noch deutlicherer beziehung auf die henkerische strafe: o die mutter und der vater sind des teufels, sie schenden gott seine creatur, sie morden, henken, würgen, radbrechen die edle tugend der jungfrauschaft, in jrem eigen kinde. Luther 3, 52
a; der kopf möchte mir zerspringen. die knie sind mir wie geradbrecht. Göthe 57, 194.
im abendmahlsstreite nannten die reformierten das brechen des leibes Christi im brote ein radbrechen: gots lyb sich nit radbrechen ladt, er ist uff gen himmel gfaren. U. Eckstein
concil 766
Scheible; wogegen Luther: denn unser ist keiner so toll, der da sage, das Christus werde im sacrament zubrochen sichtbarlich, wie man diebe radbrecht. 3, 84
b. 3@bb)
vom gewaltsamen verdrehen und verstümmeln des sinnes einer schriftstelle: zum dritten, kompt dieser text Luce, ... der mus sich leiden, und sind noch heutiges tages nicht eines, wie sie denselbigen gnug martern und radbrechen wollen. Luther 3, 494
a; so musz man die schrift dehnen, zihen und radbrechen. Nigrinus 1.
centur. (1571) Ji 3
a; dasz Luther die heiligen geschrift nie geradbrecht habe. Nas
vortrab 55
b; exempel, wie man alle heiligen geschrift radbrechen könne.
ebenda. 3@cc)
vom stümperhaften sprechen einer sprache, und in diesem sinne fast einzig wird das wort auch heute noch gekannt: das radbrechen der wörter (
von der unvollkommenen sprache der kinder). Kant 10, 122; mit lateinischen und französischen wörtern, die er vielmals selbst nicht verstand und oftermals jämmerlich radebrechte.
Siegfr. von Lindenb. 2, 161; so radbrech auch das teütsch, misch etwasz griechisch ein. Rompler 56; ich kan auch kein fransch verstehen, weder das von Wälischland, ich kan auch nicht englisch sprächen, noch das spannisch radebrächen. Greflinger
Seladons weltl. lieder (1651) 163; der sylben radebrecht, und mit dem nahmen spielt. Günther 394; die zwei, so soll die nachwelt sprechen, betaumelte kein modewahn, die sprache schön zu radebrechen. Lessing 1, 98; französisch kann ich noch zur noth wohl etwas radebrechen. Gökingk 3, 34;
von versen: wer wird nicht lieber eine körnichte, wohlklingende prosa hören wollen, als matte, geradebrechte verse? Lessing 7, 86; wenn einen würdigen biedermann pastorn oder rathsherrn lobesan die wittib läszt in kupfer stechen und drunter ein verslein radebrechen. Göthe 2, 281;
von schriftzügen: die vertipfelte, verzwickte, geradprechte, verzogene, zeichentrügliche, zifferreterische ... buchstaben.
Garg. 33
a.