schmiele,
f. grasart mit langem halm, grashalm. II.
form. I@11)
das wort ist auf das hd. gebiet beschränkt, hier aber seit ahd. zeit zu hause. Graff 6, 830
setzt es als smalicha
f. an; belegt ist der nom. sing. smelohe,
wol eine ableitung zu schmal;
das ableitende h
findet sich auch in dem mitteldeutschen adj. smelhe
schmal, gering (ainen smelhen spruch) Lexer
handwb. 2, 1006.
dieses scheint auch noch im ältesten nhd. vorzukommen: und do nun die bruoder sin gedult sahen, do namen sie inn in fünff ioren usz der buosz, und namen in wiider in das closter, und hetten in schmelchen. Keisersberg
bilger 64
a.
da neben smelehe
auch formen mit w
bez. b
auftreten (3,
f.),
so setzt Kluge
5 331
a als grundform ahd. *smëlaha, smilaha
und *smelawa, smilawa,
goth. *smilhvi (?)
an. doch wird man sich nicht gern entschlieszen, dem erst spät in mhd. zeit und auf md. boden auftretenden i, ie
zu liebe altes e-i
anzunehmen und den unmittelbaren zusammenhang mit schmal
aufzugeben. vgl. auch Weigand 2, 606.
[] I@22)
die formentfaltung in der historischen zeit ist auszerordentlich reich und mannigfaltig. vgl. z. b. die zusammenstellung bei Pritzel-Jessen
s. v. avena caespitosa (
s. II, 3,
a).
für das mhd. führt Lexer
a. a. o. folgende formen an: smelehe, smêle, schmêle, schmelle, smeil;
zu den belegen ist nachzutragen: dir blifft gar kome ein smelen (
im reime auf gesellen). Muskatblut 64, 45.
dazu das deminutiv smelhlein Oswald v. Wolkenstein 33, 2, 15. I@33)
die formen der neueren sprache, besonders der mundarten, gruppieren sich in folgender weise: I@3@aa)
mit erhaltenem guttural, vgl. mhd. smelehe,
so mit smelehen
schon in der Wiener genesis, s. Hoffmann
fundgruben 2, 19, 23;
in der bibel von 1483 349
a steht des smelhen
als übersetzung von junci, s. unten. dazu schmelhen
vimeus, est aliquod de vimine factum. voc. ante; smelhen, smelhenn, smelehe, smelhe, schmelchach (
collectivbildung dazu?)
als glossierung von mirica bei Schm. 2, 549.
so heute noch in bair.-österr. mundarten: bair. die (
auch der) schmelchen
ebenda, kärntn. schmelche,
f. Lexer 221,
tirol. schmelchen, schmelch Schöpf 630, smelhe Hintner 222, Frommann 6, 203.
vgl. auch preusz. schmelchenzagel,
plattdeutsch umgesetzt zu smêlkezagel,
s. unten. I@3@bb)
vereinzelt erscheint der guttural zu k
verhärtet: oder nimm einen strohalm, oder schmelcken von heu. Hohberg 1, 368
a. I@3@cc)
zuweilen wird das lh
zu ll
assimiliert: schmellen,
vimen, est virgula mollis et graminea. voc. ante. schmelle
neben schmele
bei Nemnich. Pritzel-Jessen,
bei letzteren auch schmillen
und schmöllen,
bair. schmellen
neben schmelhen Schm.
a. a. o., schwäb. schmele, schmelle, schmiele Schmid 471. I@3@dd)
gewöhnlich fällt indes das h
aus und es tritt dafür dehnung der ersten silbe ein, wie in befehl, befehlen.
so entsteht die form schmele,
so schon mhd., s. Lexer
a. a. o.,
nhd.: ackerstrausgras, kornstrausgras, schmelen (
aira caespitosa) Schwenkfelt
stirpium et fossilium Silesiae catalogus (
Leipzig 1600) 93; ackerriedgras, strausgras, grosze schmelen (
aira aquatica) 94.
ferner bei Adelung, Nemnich (
aira), Pritzel-Jessen (
s. unten),
öcon. lex.2 2613,
vergl. auch Wander 4, 266.
mundartlich im schwäb. s. c., daneben schmäle
geschrieben Pritzel-Jessen (
vgl. unten).
die heutige schriftsprache bevorzugt andrerseits die form schmiele.
das wort ist aus der schriftsprache auch in benachbarte nd. gebiete eingedrungen in der form schmêle, schmîl Frischbier 2, 296
b, smêle Schambach 197
b,
westf. smiele Woeste 244
a. Frommann 5, 167, 144.
auch schmêle, schmîle
in Stiege, das hart an der nd. grenze gelegen ist, hat neben dem gewöhnlichen thüringischen schmulme
wol als nd. zu gelten, s. Liesenberg 197.
österr. mit eigenthümlicher erweiterung die schmeler Höfer 3, 101. I@3@ee)
vereinzelte formen mit ganz abweichendem vocal, so schweiz. schmale Seiler 257
a. Hunziker 225
neben schmiele 226;
in Aachen schmeil Müller-Weitz 215 (
vgl. mhd. smeil
s. oben);
thüring. schmule Keller 41. I@3@ff)
besonders auf hess.-thüringischem boden finden sich formen, die anstatt des ableitenden gutturals ein stammbildendes b
oder m
aufweisen, s. schmelm, schmelme
sp. 1010;
dazu ferner thüring. schmilme, schmelme, schmulme(n) Hertel
sprachsch. 215;
im nordthüring. speciell schmullemen Schultze 43
b. Kleemann 19
c, schmulme Jecht 97
a. Liesenberg 197,
vergl. d. schmalm
in Baiern, schmolme
in Koburg, s. Pritzel-Jessen,
vergl. auch schmilben,
scirpus bei Alberus.
hierher auch schmalf, schmilf,
in der Eifel, metallene spitze am stabe Frommann 6, 18 ?.
die erklärung dieser formen hat wol von *smelwe, smilwe
als einer nebenform zu smelehe
auszugehen und die entwicklung smilwesmilbe-smilme
anzunehmen, vgl. namentlich Pfister 258
f. I@44)
aus dem deutschen stammt wol lit. smìlgas,
poln. śmiałek Frischbier
a. a. o. IIII.
bedeutung. II@11)
grashalm, stengel Schöpf 630. Pfister 258. Frischbier 2, 296
b.
das schweizerische unterscheidet die schmiele,
den gröszeren grashalm, von der kleineren schmale Hunziker 225
f.; eine schmelcken von heu Hohberg 1, 368
a,
s. I, 3,
b. so wird vimen
mit schmellen
glossiert, s. I, 3,
c und a. Dief. 619
c. II@22)
dünnes, langhalmiges hohes gras Seiler 257
a. Kehrein 1, 357;
so besonders thür. Hertel
sprachsch. 215. Keller 41. Kleemann 19
c. Jecht 97
a. Liesenberg 197, 'schmellen
hohe gräser der kulturwiesen' Pritzel-Jessen: einen acker ain zeitlang nach der schmelhen nutzen,
zu gras liegen lassen. qu. bei Schm. 2, 549. II@33)
insbesondere bezeichnung gewisser grasarten und ähnlicher gewächse, so namentlich II@3@aa)
aira schmellen
oder schmielen, schmelengras, schilf Nemnich
mit den unterarten: aira alpina alpenschmelen, silberschmelen,
[] weisze schmelen;
aira aquatica wasserschmelen, quellgras;
aira arundinacea levantische rohrschmelen;
aira caespitosa rasenschmelen, hohe schmelen, glanzschmelen, moorschmelen, ackerriedgras;
aira canescens graue schmelen;
aira caryophyllaea nägleinschmelen;
aira flexuosa gebogene schmelen, dratschmelen, buschgras;
aira minuta zwergschmelen;
aira montana bergschmelen;
aira praecox frühschmelen;
aira subspicata ährleinschmelen,
s. ebenda; vgl. Behlen 5, 508
f., der auszerdem noch aira cristata kanne - schmelen
anführt; ferner bei Höfer 3, 101. Schmid 471. Kehrein 1, 357. Müller-Weitz 215. Frischbier 2, 296
b;
besonders aira caespitosa Kleemann 19
c. Schambach 197
b. Pritzel-Jessen
gibt als gleichbedeutend mit aira avena
an, speciell avena caespitosa schmäle (
Luzern, Basel), schmalm (
Baiern), schmelchen (
Baiern), schmele (
Österreich, Baiern, Schwaben, Wetterau), die schmeler (
Österreich), schmelle (
Schwaben), schmiele (
Schlesien, Schwaben), schmillen (
Siebenbürgen), schmöllen (
Salzungen), schmolme (
Koburg), smele (
Göttingen), rasenschmelen (
Schlesien). II@3@bb) strauszgras,
agrostis Oken 3, 401
f., speciell ackerwindhalm,
agrostis spica venti Frischbier 2, 296
b. Schambach 197
b. II@3@cc)
in Kärnthen schmelchen,
phleum pratense bez. alpinum Lexer 221. Pritzel-Jessen. II@3@dd)
holcus lanatus, in Bern schmalen, honigschmalen,
auch honiggras Pritzel-Jessen. II@3@ee)
quecke, triticum repens, in Wallis schmäle Pritzel-Jessen. II@3@ff)
binse Adelung.
öcon. lex.2 337, schmilben
scirpus Alberus
bei Frisch 2, 208
c: in den hölern in den zu dem ersten wonten die tracken wirt geborn die grün des pimsen und des sahers oder smelhen.
bibel 1483 349
a (
Jsaias 35, 7:
viror calami et junci). II@3@gg)
in alten glossen häufig für myrica: smeyl
mirica. voc. 1420
bei Schröer 202
b; smelhen
mirica, smelhenn
merica, mirica smelehe
vel haidah,
mirica smelhe, als die schmelchach,
quasi miricae in deserto, ahd. smelohe
mirica Schm. 2, 549
f. II@3@hh)
perlgras, melica coerulea Frischbier 2, 296
b. II@3@ii) weid-smelchen
das gelbe ruchgras, anthoxanthum odoratum Schm. 2, 549. II@44)
sprichwörtliche redensarten: ihm geht keine schmîle
oder kein schmîlchen mehr in den arsch;
als ausdruck der fettheit. Frischbier 2, 296
b;
märkisch dat es jüst, as wamme ne smiele int balkenhual hänged. Frommann 5, 163, 147;
westf. einem 'ne smiele dör de nase trecken,
ihn listig eines erwarteten vortheils berauben. Wander 4, 275,
vgl. Woeste 244
a. II@55)
übertragen auf II@5@aa)
schmale, über die stirn herunterhängende haare Müller-Weitz 215. II@5@bb)
dünne beine Schm. 2, 549. Schöpf 630. II@5@cc)
dünne, hagere menschen. ebenda. II@5@dd)
etwas kleines überhaupt, besonders zur verstärkung der negation, mhd. kûme ein smêle Lexer
handwb. a. a. o.; koa schmelhe hâ Hintner 222. II@66)
nicht hierher gehört wol das landschaftlich vorkommende schmiele
für schwiele,
vgl. dieses. Campe. Bernd 266; schmiele
callus; schmielen bekommen,
occallescere Schottel 1404. II@77)
ebensowenig schmiele, schmille
im sinne von ocker (
gelb): offt bricht ertz .. inn ein letten, greusz, gilbe, welches die Raurieser schmillen, unnd Plinius sil, unnd die maler ocher oder obergel (
ockergelb?) nennen. Mathesius
Sar. 63
b; diesz (
galmei) ist ein zechstein, darein bleyertz bricht, ist gelblicht schier wie ein schmielen oder trippel. 110
b;
in demselben sinne auch schmilgar: das noch unzeitig und in rauchs, öhls, vapors, lettens, schmilgars oder gestockten bluts gestalt geformirt quecksilber (
ein gelbes amalgam). Thurneisser
magna alchymia (1583) 1, 81. IIIIII.
die ableitungen und zusammensetzungen mögen mit rücksicht auf die wechselnde gestalt des stammwortes hier zusammengestellt werden. III@11)
schmelchen, verb., in Tirol und Kärnthen. III@1@aa)
zu schmelche,
schmiele, ein kinderspiel, wobei die schmielen mit zusammengepresztem daumen und zeigefinger gegen das ende zu gestreift werden, so dasz der saft an der spitze als ein tropfen herausquillt; dann werden zwei schmielen gegen einander gehalten, und wessen tropfen beim trennen den des andern nach sich zieht, der hat gewonnen. Lexer 222. Frommann 6, 203. Hintner 222. Schm. 2, 550. III@1@bb)
dorren, schrumpfen Schöpf 630,
abnehmen, zusammenschrumpfen Lexer 222. Schm.
a. a. o. wol zu dem
adj. smelhe,
s. I, 1. III@22)
zusammensetzungen: thür.