gnatz,
m., f. , '
grind, krätze; geiz, knauserei',
seit dem ausgehenden 13.
jh. belegt, s. den beleg unten aus der mhd. Elisabeth und den beinamen Bertoldus gnazoge (1296),
meist als gnazouge (gnazovge)
gefaszt, doch vgl. auch unter 2gnatzig;
häufiger im 16./17.
jh., ursprünglich wohl ein md. wort, das sich weithin über das nd. sprachgebiet verbreitete. gänzlich zu fehlen scheint es heute nur dem westen (
Rheinland und Westfalen)
und osten (
Sachsen, Schlesien),
doch vgl. unten den hist. beleg von Ulenberg
und von Schickfusz
unter gnätze.
das ausgangsgebiet (
vermutlich Hessen und Thüringen)
kennt gnatz
nur als masc., vgl. Vilmar
Kurhessen 131; Hertel
Thüringer sprachschatz 108 (
s. auch unten die hist. belege aus dem md.),
ebenso auch die angrenzenden nd. gebiete, s. Schambach
Göttingen 65; Jecht
Mansfelder ma. 43; Damköhler
Nordharzer wb. 63 (
die mundart von Oberellenbach gebraucht gnatz
als neutrum, s. Hofmann
niederhess. wb. 143),
in den übrigen nd. mundarten wird das masc. nur im preuszischen sicher bezeugt, und zwar in der abgeleiteten bedeutung '
geiz',
bzw. '
geizhals',
neben gewöhnlichem gnatz,
f., '
krätze, grind',
s. Frischbier 1, 241,
vgl. ferner gnatz,
f., Mensing
schlesw.-holstein. 2, 409
und gnatze,
f., Bernd
Posen 77; Teuchert
neumärk. 156;
vermutlich ist daher in den nd. mundarten, für die eine genaue genusangabe fehlt, gnatz(e)
mehrfach femininum, vgl. brem.-niedersächs. wb. 2, 523; Richey
idiot. Hamburg. 77; Schumann
wortschatz von Lübeck 10; Mi
mecklenburg. 27; Dähnert
pommerschrügische ma. 155; Fischer
Samland 61; Danneil
altmärkische ma. 66. gnatze,
das als fem. literarisch nicht bezeugt ist, liegt wahrscheinlich vor in gnatze, gnätze, genetz (1619) Mrongovius
poln. wb. 354;
glaber ein gnatze
aus einem alten handschr. vocabular bei Bernd
a. a. o. die übliche aussprache in Hessen ist knatz,
s. Vilmar
a. a. o., auch in Nordthüringen,
s. Schultze 35. gnatz
wie gnätze (
s. u.)
gehen auf die dentalerweiterung ghnədh-
der idg. wurzel ghen- '
zernagen, zerreiben, kratzen'
zurück, s. Walde-Pokorny 1, 584;
zu der lautsymbolischen konsonantendehnung als ausdruck der geringschätzung wie auch sonst bei hautübeln (
z. b. mnd. pocke, poche,
nhd. pocke '
blatter, pustel',
mhd. rappe, rapfe '
räude, krätze',
nhd. rappe, räpfe '
pferdekrankheit'
u. a.),
vgl. Wissmann
nomina postverb. 1, 167. 11) '
grind, krätze, schorf',
so in den erwähnten mundartenwbb. umschrieben, insbesondere als '
kopfgrind, kopfausschlag',
s. Vilmar
und Danneil
a. a. o., allgemeiner als '
hautausschlag' Jecht, Danneil
und Mi
a. a. o., '
hautschmutz' Hertel
a. a. o. und Liesenberg
Stieger ma. 146.
von kindern: '
schmutz auf den köpfen der kinder' Damköhler
a. a. o., in den historischen wbb. mit genauerer angabe: achores der seigende gnatz oder grind auf dem heupt der kinder Bas. Faber
thes. (1587) 8
b; gneis, gnatz
rogna ò tigna della testa di bambini Kramer
teutsch-ital. 1 (1700) 545
c; der gnatz, die gnätze oder der gneisz auf den köpfen der kinder
the scall or scurf on children's heads Ludwig (1716) 798.
im übrigen lassen auch die hist. wbb. die art der krankheit nicht genauer erkennen: glaber gnaz (15.
jh.) Diefenbach
gl. 264
a;
scabies, prurigo gnatz Henisch (1616) 1672, 6; gnatz
kretz Harsdörffer
poet. trichter (1647) 2, 144; gnatz,
m., scabies, prurigo Schottel (1663) 1328.
nach Höfler
krankheitsnamenb. 197,
wo eine genauere beschreibung der arten gegeben wird, ist gnatz
auch pferde-, schafräude; dazu: vom schurff und gnatz der pferde: ich mus hier wider der reudigkeit der pferde gedencken ...; der rechte böse anfellige schurff ist daran zu erkennen,
[] wenn er trähnet und gar gelbicht wasser heraus leufft und nicht austreugen (
trocknen) wil Colerus
hausbuch 4 (1598) o 3
b;
vgl. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 103.
mundartlich auch '
von früchten, wenn die oberfläche nicht rein ist' Danneil
a. a. o.; '
auswüchse bei den kartoffeln' Mi
a. a. o. 76
b s. v. schorf; '
schorf an kartoffeln und obst' Damköhler
a. a. o.; allgemein '
an knollengewächsen' Schambach
a. a. o. literarisch bis ins 17.
jh. hinein belegbar: der leichnam ... leszt ... von sich eitel unflat ... schweren, blattern, grind, gnatze (
pl.?), flus, eiter, mist und harm Luther 38, 340
W.; (
die hoffart) straff ich und mit nicht daz kleidt, darunter offt verborgen leit ein böse haut, die voller list und mit dem gnatz bezogen ist Ringwaldt
christl. warnung (1588) l 7
b; sie ward uber ihren gantzen leib reudig und bekam scheuszlichen genatz W. Bütner
epitome historiarum (1596) 274
a; es ist ein frembd gebein, ein frembde ripp, voll gnatzes Tob. Hübner
die feldobersten (1619) 191.
gern in paarformel (gnatz und grind, gnatz und kretz),
so in der redensart den (seinen) gnatz an jemandem, an etwas (ab)reiben: ein lesterschrifft ... darin er an meines gnedigsten herrn des churfursten zu Sachsen ehren, seinen grind und gnatz zu reiben furgenommen, auch mich zweimal angetastet und gelocket Luther
wider Hans Worst 3
ndr.; (
herzog Georg) wolt gern seinen bösen grind und gnatz an mir abreiben und durch mich rein und schön werden (
durch eine lästerschrift). wie gar ein gewaltig ding ists doch umb ein böse gewissen! wie wütet und tobet es, wie unrügig ists und imer in sorgen, es habe sich nicht gnug entschüldigt
ders. 38, 165
W.; im sagen wir unverholen, das die genanten evangelischen ... die zwelff artickel ... entweder von ihrem rechten sinne verrücken oder sunst ihren unartigen gnatz und grind daran reiben C. Ulenberg
erhebliche u. wichtige ursachen (1589) 575.
im sinne von '
jemanden anstecken, verleiten, verführen': darnach sollen wir unsern glauben und gantzes leben regulirn, auff dasz uns ... die reudige schaff unter den eigenwilligen maulchristen nicht verunreinigen, den gnatz und kretz ihres gottlosen, unzüchtigen, schwülstigen, auffrürischen, schinderischen, epicurischen lebens nicht affricirn und anhengen S. Artomedes
christl. auszlegung (1609) 1, 816;
vgl. seinen grind an jemand reiben
sedurlo, pervertirlo col suo cattivo esempio Kramer
teutsch-ital. 1 (1700) 566
a. 22)
geiz, kargheit, knauserei: umme deilen si began (
Elisabeth das geld) same ein wise godes maget, di an dugent unverzaget ein getruwe schefferin des selben geldes wolde sin unde ouch sunder allen gnatz wolde nit irs herren schatz verbergen in der erden
Elisabeth 7545
Rieger, vgl. auch v. 1141;
noch mundartlich '(
schmutziger)
geiz, kargheit' Vilmar, Hertel, Liesenberg
a. a. o.; Block
id. v. Eilsdorf 65; Frischbier
preusz. 1, 241 (
neben gnatze,
f.);
vgl.gnatz,
m., '
geizhals' Schambach
und Frischbier
a. a. o.