geleben ,
verstärktes leben,
mhd. geleben,
mnd. geleven,
ahd. gilebên (
selten),
nhd. noch lange geläufig. 11)
vom leiblichen leben. 1@aa) geleben
vivere, vita frui Henisch 1454.
auch mit der alten vollen kraft des ge- (
s. gebringen, gelachen
a. e.) geläben,
bisz zum end läben, das läben vollstrecken, pervivere, perfrui vita Maaler 164
d.
so wol in folgendem: Ottnit der keiser vor jahrn hat meinem vatter endbotten zu, wenn er geleben wolt in ruh, so sollt er und die kinder sein hinfort sein unterthan allein. Ayrer 1052, 11. 1@bb)
mit gen. zur bezeichnung der lebensmittel, wie leben (
s. d. 4,
d, α): sîne harphen hieʒ er ouch dar în (
in das schiff) und in der mâʒe spîse geben, daʒ er ir möhte geleben drî tage oder viere.
Tristan 7432 (187, 34); der milch geläben,
tolerare victum lacte. Maaler 164
d; die Finni geleben der kräuter. Micyll
Tac. 452
a; so das kind lebendig wirt, wes gelebts bis es geboren wirt?
Elucidarius K 1
b; dann die flöh kain kartäuser geben (
abgeben), weil karthäuser kains flaischs geleben. Fischart
ged. 2, 32
Kz.; diese fisch geleben allein des schleims und wusts. Forer
fischb. 37
a; das chamaeleon gelebt doch keiner speis, keines tranks, sonder allein des lufts.
dess. thierb. 165
a; der geieradler
gläbt der todten cörplen. Heuslin
Gesners vogelb. 8
b (lebet von dem aasz Horst); der steinadler gläbt allein des fleisches. 10
a.
im folg. mit das statt des (
wie es
in solchen fällen aus dem gen. in den acc. übertrat): nun weiter sollen ihr sinnen, dasz die erden alle frucht gibt, das aus der ursachen, dasz ðer mensch das gelebe und des ernehrt werde. Paracelsus 1, 13
c.
auch folgendes etwas
musz eigentlich als gen. gemeint sein (
für etwes,
wie so häufig das
für des): spricht die fraw: ach mein Crista (
ihr mann), ain krank mentsch musz etwas geleben.
Zimm. chron. 4, 279,
musz doch von irgend etwas leben. 1@cc)
mit gen. auch von dem, was die lebensmittel gewährt: zur selben zeit wirdt der mann eins klins und zweier schäflin geläben.
Züricher bibel 1530 323
b,
Jes. 7, 21 (nutriet homo vaccam boum et duas oves); sie geleben eins mannes.
sprichw. Frankf. 1570 71
a; das wir (
mönche) der almosen geleben, essen was fromme leut uns geben. Waldis
Es. IV, 18, 19; menschen die des allmusens geleben müssen.
bair. landordn. 1553 174 Schm. 2, 412; das sie entlich des gemeinen kastens (
von der gemeindecasse) geleben und für ander leut thüren ihr tegliche speise und aufenthaltung suchen müssen. Pape
bettel- u. garteteufel H 4
a; des bättels geläben Maaler 164
d, des ackerbauws 165
a; kein wolf auch hasset oder vertilget seines gleichen oder andere thier, die des raubs, wie er, geleben. Kirchhof
wend. 293
a (1, 362
Öst.). 1@dd)
statt des gen. auch deutlicher mit aus, von (
wie leben): der weisze adler gläbt aus raub der hasen, künelinen und andern dergleichen kleinen thieren. Heuslin
a. a. o. 8
a (lebt Horst 1669
s. 15); sy geleben nur aus dem wildfang und fischfang. S.
Frank weltb. 30
a; sy geleben des merteil von einer frucht palmule. 12
a; sie (
die wespen) beiszen ihnen (
den mücken) den kopf ab, und geleben alsdan vom jenen was uberbleibt. Fischart
bien. 237
b (1588 vom jenigen 263
a). 22)
vom leben im inneren, höheren, weiteren sinne, gleichfalls mit gen. 2@aa)
den übergang vom leiblichen zu diesem leben zeigt recht hübsch folgendes geleben
in einer rätselfrage, die beim singen um den kranz die jungfrau dem singer aufgibt: hübscher junger knab, uf mines vatter giwel sitzen der fögelin süben: wes die fögelin geleben, künnen ir mir das gesagen
u. s. w., der singer aber weisz anzugeben wovon sie leben: der erst gelebt üger (
eurer) jugent, der ander üger tugent
u. s. w. der sübende ügers reinen herzen schrins. Uhlands
volksl. 7
fg. vom leben zugleich im weitesten oder höchsten sinne: man gelebt eins gots, aber nit eins menschen,
unus deus, et plures amici (
sind zum leben nötig). S. Frank
sprichw. 2, 5
a,
vergl. in der erläuternden ausführung 5
b besonders, wie ye einer sich dem andern geboren sein gedenken sol. 2@bb)
dann, ebenso mit gen., eines rechtes,
einer gnade, huld, freiheit, hoffnung
u. ähnl. geleben,
die eigentlich ebenso als nahrung des lebens gedacht sein müssen, wie dort bei den vögeln die jugend und tugend und schönheit des mädchens: ich habe hie kein bürgerrecht, nere und gelebe auch der Wittemberger recht (
für rechtes) und güter nicht. Luther 3, 481
a,
vom abendmal Christi 1528 s ij
a; (
der teufel hat den mönchen) solche freiheit geben, derselben müssen sie geleben. Alberus
Es. 100; darum sind ir (
Straszburg) die freihait geben, deren sie gotlob noch geleben. Fischart 2, 229
Kz.; darf (
braucht) andrer leut gnad nicht geleben. 3, 309,
wer sein eigen feld baut; die astronomi .. meint noch höher an das brett zu kommen, die theologos vom predigstuhl zu stürzen, die arzet ihrer gnaden lehren zu geleben.
groszm. 5 (
Sch. 547); das die concilien ehe müszten verdampt werden, ehe dasz die h. kirch ihrer gnaden müszt geleben.
bien. 45
a (44
a),
bei Marnix daer onder soude moeten staen 35
b; sie sehen nicht auf zeitliche ehr, besoldung oder beförderung, sondern blos auf ihre schuldigkeit, geleben indesz der gnade gottes. Otho 262; alda die sterblichen geleben deiner gnaden. Weckherlin 211 (
ps. 102, 29); sie dürfen torrecht schon sich widerklagend fragen: wie! müssen wir dan nu geleben seiner huld? 621; ich gelebe der hoffnung, meine gute meinung soll nicht übel angenommen werden.
abentheur 1656
vorr.; gelebe sonst der hoffnung, das mir .. nichtes kan verdacht werden. Micrälius
Pomm. 3, 513; denn ein christ, und doch unvergnügt und ungeduldig sein, ist eine wahre unmöglichkeit, und gelebe ich der guten zuversicht, dasz ihr dessen .. würdet überzeugt sein. Scriver
seel. 1, 831.
bei Frisch 1, 591
b als nicht mehr gebräuchlich, '
aber einige sagen noch ich gelebe der guten hoffnung,
spe fretus,'
und noch bei Adelung, Heynatz
antib. 2, 23
als oberd., auch ich musz der gnade eines andern geleben. 2@cc)
auch das, was dem leben (
als bewegung gedacht)
die richtung gibt, wonach sich einer mit seinem leben richtet oder zu richten hat, wird mit dem gen. bezeichnet, eines urteils, willens, bescheids, rats geleben
u. ä. (
vergl.leben 6,
b, γ): aber nun fur hin (
fortan) so sönt wir
gleben der urteil (
sg.) die man uns hat geben. Mone
schausp. 2, 407,
fastn. sp. 847, 10,
obschon das auch dat. sein kann, s. 3,
a; nu wir aber unter unsern fursten, herrn und keysern sind und euszerlich ihrer gesetzen geleben mussen. Luther
b. Dietz 2, 62
a; diser lere Christi sind wir schuldig zu geleben.
das.; der marschalk antwort 'gnedigster keyser, ich geleb ewers bescheids'.
Aimon T 1; lassent keyser Carle seines willens geleben.
das. V; sie (
die ketzer) werden des Parpiller königs ... willen basz geleben. Fischart
groszm. 132 (
Sch. 651),
bei Rabelais ils condescendront au vueil du roy des Parpaillons; ein guten rath will ich euch geben, ob ir desselben wölt geleben .. Waldis
Es. I, 10, 12; die frösch kerten sich nicht daran, sprachen: wir wölln ein könig han! er (
Jupiter) sprach: das ir ewers willen geleben, geht hin, ich wil euch einen geben. I, 17, 41; zu eim juristen thet sich (
der bauer) bgeben, das er bei im mocht raths geleben. III, 15, 6; ists, das du wilt meins raths geleben. III, 16, 17; der zuvor streng gehalten wurde, wenn er nun seines willens geleben mag, vergisset er desto leichter seiner gebühr. Scriver
seel. 1, 174; welches als der apostel also dapfer einem jeden zu einer guten warnung, wessen er geleben solle, dargesagt hette .. Spee
güld. tug. 126.
wie sich das mit dem vorigen berührt, mit dem es auch zusammenfallen kann, und daraus entwickelt zu denken ist, zeigt z. b. die gnade
eines herren, deren einer gelebt,
d. h. von der er lebt, nach der er aber auch sein leben richten musz, sie gibt ihm zugleich das leben
als unterhalt und das leben
als thun und lassen. vergl. noch Göthe
im canzleistil unter gelebung. 33)
im letztern sinn aber auch mit dat. 3@aa) einem rate, gebote, urteil
u. ä. geleben,
sich danach richten, ihm als richtwege nachgehen (
vergl.leben 6,
b, β): und wie ir for ein rat hant gegeben, dem selben will ich helfen
gleben. Mone
schausp. 2, 397,
fastn. sp. 837, 12; was als dann das recht wirt geben, dem soll mein herr gern geleben.
Teuerd. 108, 80; das were ein recht keiserlich und weltlich gebot, dem wir schuldig weren zugeleben. Luther 3, 525
a; wir sind mit einem schriftlichen mandat und gebot ersucht und mit ernst vermanet worden, demselben in unseren bisthumen und landen zu geleben. 2, 74
a; dasz ihm solch mandat wolgefalle, dem er auch zu geleben willig sei.
schreiben des churf. Friedrich bei Melanchth. 1, 621
Br.; und sonderlich so will ich keyser Karls des fünften und des h. reichs peinlich gerichts ordnung getrewlichen geleben und nach meinem besten vermögen halten ..
eid des blutrichters und scheffen Carolina 3. 4; ich wil fürt unterstehen den gebotten meines vatters zugeleben.
b. d. liebe 314
b; nochdem und das götlich wort und heilig ewangelium hie zu Basel eroffnet, geortnet und von aller menglich angenommen wart .. dem zu geleben ..
Basler chron. 1, 91,
vom j. 1529; wer dem gewalt wolt widerstreben und göttlicher ordnung nit geleben. Fischart 2, 372
Kz., obschon das auch gen. sein kann nach 2,
c. noch bei Heynatz
antib. als oberd. einer verordnung geleben. 3@bb)
die vorstellung des nachgehens wird auch deutlicher ausgedrückt mit 'geleben und nachkommen'
oder umgekehrt: ob irgend einer oder mehr diesem vertrag nicht geleben und nach komen. Luther 3, 107
a; die irrung .. sei zu entlichem ausspruch getedingt und verfaszt ... nemlich das der ausschusz anderst nichtz sprechen oder machen wöllt dann das sie gegen gott und der welt zu verantworten hetten .. dem wöllte der ausschusz geleben und nachkommen. Baumann
qu. z. gesch. d. bauernkr. aus Rotenburg 263; sollen und wollen ... dem strack und unweigerlich nachkommen und geleben.
reichsrecess v. 1555
bei Hipp. a Lapide
de ratione status 123; demselben leihebriefel (
lehnsurkunde) alles seines inhalts trewlich nachzukommen und zu geleben. Lennep
landsied. 2, 15; das die von Mösskirch der herrschaft befelch in allen zimlichen sachen nachkommen und geleben sollen.
Zimm. chron. 4, 293. 3@cc)
daher denn auch nach geleben,
wie nachleben (
s. d.): hernach geschribne kriegsordnung und pollicey vor augen zu haben und deren stracks nach zu geleben. Fronsperger
kriegsb. 3, 19
b,
im gelöbnis der kriegsknechte. bemerkenswert auch im pass.: (
sollen) nachsehen, ob dem gesetzten fischmasz gelebt worden sei.
bair. landordn. v. 1553
s. 32. 149, Schmeller 2, 512,
wie auch nachleben
als pass. 44)
auch geleben
für erleben. 4@aa)
auch hier eigner weise mit dem gen., so beliebt war dieser: wenn eim ein unfall widerführ .. so denk er nur, es musz so sein, und trucks (
so l.) in die gedult hinein, das nicht, wo er will widerstreben, eins gröszern unfals musz geleben. Waldis
Es. III, 9, 20.
so wird auch folg. solchs
als gen. gemeint sein: da sprach der dieb: ach, lieben leut .. ja wenn mich het die mutter mein so jung gestraft und virgas (
die rute) geben, dörft jetzt an mir solchs nit geleben. III, 39, 46. 4@bb)
mhd. war da der acc. das gebräuchliche, wie schon ahd. (
s. J. Grimm
unter erleben),
z. b.: got welle daʒ ichʒ niht gelebe und sende mir hînaht den tôt.
Iwein 4490; eʒn gelebte nie kein man deheinen lieberen tac. 7498; und geleb ich sand Peters tag, so stirb ich niht in disem jâr.
nonne von Engelthal 14, 37; o we, dasz ich ie gelebet dissen tagk!
Alsfelder pass. 6801; o we, dasz ich hon gelebet disse stond! 5855; eia! wie groisz ere hon mer gelebet an dem konigk here! 5799.
die letztern beispiele können auch zu dem einfachen leben
gehören, das so noch nhd. anfangs gebraucht war (
mhd. Lexer 1, 1847),
z. b. in einer mahnung an die eltern wegen der kinderzucht: ich sorg, du lebest noch den tag .. dʒ dir herzlaid zu handen gang (
von den nicht erzognen kindern).
lied von der kinder zucht, Zarnckes
Brant s. cxix
a. 4@cc)
bemerkenswert diesz geleben
mhd. im höchsten sinne, wârheit geleben,
durch leben sich erwerben: ich wil iu sagen eine wîse, diu ein sloʒ ist aller der rede die ich ie getete, und in der alliu diu wârheit besloʒʒen ist die man gereden oder geleben mac. Eckhart 685, 5,
wie mit lebenne befinden 464, 35, mit lebenne besitzen (
in besitz nehmen) 452, 8. 464, 37
von der tieferen wahrheit oder erkenntnis, wilt du diz wol verstên, sô lerne iʒ leben Herm. v. Fritzlar 225, 32,
wie noch bei Keisersberg
granatapfel B 4
b ware götliche weishait der haben sy nit gelernt noch gelebt,
weder durch lehre noch durch leben erworben. 55)
übrigens erscheint auch das ge-
wesentlich von einem mag
o. ä. herbeigezogen (
sp. 1614),
wie es auch in Eckharts
worten sein kann, z. b.: recht als der mensch nicht mag geleben (
var. leben) .. ane die vier elementen. Vintler 742.