zwietracht,
f., m. ,
mhd. zwitracht,
wie mhd. eintracht
seit etwa 1300
in md. quellen bezeugt, s. u. 1 b
und Lexer 3, 1222; 1, 529;
mnd. nebenform twidracht, twidraft Schiller-Lübben 4, 636
b,
mnl. nebenform twie-, twidracht Verwijs-Verdam 8, 801,
afries. twidracht (1464) Richthofen
afries. wb. 1096
b.
wie mhd. zweitracht,
nhd. zweitracht (
s. d.)
eine compositionsbildung mit dem von tragen
abgeleiteten fem. tracht (
s. 1tracht
teil 11, 1, 1, 977).
in zwie-
und zweitracht
unmittelbare gegensatzbildung zu eintracht
anzunehmen, das in mhd. über ein tragen
wurzelt (
s. Lexer 2, 1490,
teil 11, 1, 1, 1061),
ist nicht notwendig angesichts von mhd. enzwei tragen
mhd. wb. 3, 952
b,
teil 11, 1, 1, 1061,
mnd. entwei dregen Schiller-Lübben 1, 563
b, tweidregen
ebda 4, 637
a, twidragen (
Magdeburg um 1360)
städtechron. 7, 128.
die flexion des wortes zeigt, stärker noch als das simplex tracht,
im älteren gebrauch mancherlei schwankungen. vom 15.
bis ins späte 18.
jh. tritt, am häufigsten im 16.
jh., neben das ursprüngliche fem. ein masculines zwietracht,
vgl. z. b. an frühen und späten belegen: den zwytrecht (1400)
württ. gesch.-quellen 10, 103; sollichs zwyträchts (1498)
ebda 15, 642; des zwietrachts Schwabe
belust. (1741) 2, 228; Lori
baier. bergr. (1764) xlix; von dem zwietracht
M. I. Schmidt
gesch. d. Dtsch. 3 (1778) 32.
der dem gen. und dat. sg. der fem. i-
dekl. zugehörige umlaut (von der zwytrechte
erste dtsche bibel 3, 19; zu irrung krieg und zwitrecht [1482]
lehns- u. besitzurk. 1, 243)
erscheint auch sonst. im sing.: den zwytrecht (1400)
württ. gesch.-quellen 10, 103; ain zwiträcht (1434)
österr. weist. 2, 252; zwytrecht (
nom. sg.) (
Augsburg 1460)
bei Fischer
schwäb. 6, 1473;
sogar im gen. sg. des masc.: sollichs zwyträchts (
s. ob.).
nur vereinzelt finden sich im sg. spuren schwacher flexion: in der zwitrachten Murner
a. d. adel 19
ndr.; fraglich: ein geist der einigheit, nit der zwitrachten Zwingli
dtsche schr. 1, 76.
isoliert steht, ohne erkennbares geschlecht: on verdruos und zwitrachte Schede
psalmen 140
ndr. der plural ist vielgestaltig, umgelautete formen stehen neben umlautlosen, schwache neben starken oder (
im nom., accus.)
endungslosen, vgl. zwietrachten:
nom. pl. v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 12;
gen. pl. Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 31;
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 498;
dat. pl. Zwingli
dtsche schr. 1, 261; Schmidt
a. a. o. 3, 27; zwieträchten:
nom. pl. (1494)
urk. z. gesch. Max. I. 32
Chmel; dat. pl. (1449)
dtsche städtechron. 2, 163; (1459) Eschenloer
gesch. d. stadt Breslau 1, 111; L. Hätzer
acta od. gesch. (1523) g 2
b; zwieträchte:
nom. pl. masc. v. Antesperg
schul- u. canzleywb. (1738) 2, 29
b; zwietracht:
nom. pl. Seb. Münster
cosmogr. (1550) 115; Schumann
nachtbüchl. (1559) 309
Bolte; zwieträcht:
nom. pl. erste dtsche bibel 2, 61; (1530)
dtsche städtechron. 23, 233; Frisius (1556) 855
a;
acc. pl. Zimmer. chron.2 2, 93
Barack. 11)
namentlich als spaltung von menschen in gegnerische parteien infolge der gegensätzlichkeit ihrer meinungen, gesinnungen, interessen, häufig zugleich auch streit, kampf oder krieg als folge solcher spaltung. als fester gegensatzbegriff erscheint friede: meinet ihr, das ich her komen bin, friede zu bringen auff erden? ich sage nein, sondern zwitracht
Luc. 12, 51; ich bin ein priester. meine weihung lautet: den frieden, nicht die zwietracht zu verkünden Schiller 5, 1, 134
G.; die schicksale unseres vaterlandes, dessen frieden sie in zwietracht wandelten Jac. Grimm
kl. schr. 1, 69; einigkeit: der (
wille gottes) nun einig ist, und ist ein geist der einigheit, nit der zwitrachten Zwingli
dtsche schr. 1, 76; durch einigkeit nemen klein ding zu, durch zwitracht nemen grosze ding ab Petri
d. Teutschen weiszheit (1605) 2, S 1
b;
in jüngerer zeit eintracht: die eintracht sah der zwietracht gleich Gottsched
ged. (1751) 1, 297; eintracht in zwietracht ist das reich der künste Grillparzer
s. w. 2, 67
Sauer; im wortspiel: kurz- und langweilig? spaszhaft und doch tragisch? das ist ja glühend eis und schwarzer schnee. wer findet mir die eintracht dieser zwietracht?
Shakespeare 1 (1797) 269. 1@aa)
trennung, spaltung, zwist innerhalb einer zusammengehörigen gruppe von menschen: darumb ward ein zwitracht (
ältere var. misshellunge) vnder den Juden vmb dise wort. wann manig von in sprachen ... die andern sprachen ... (
vulg.: dissensio)
erste dtsche bibel 1, 379
Kurr.; darumb ist auch inn welsch landen solch schendlich trennen, zwitracht unglug Luther 53, 677
W.; damit macht er ein solche irrung und zwitracht under dem kriegsvolk, das si ganz nimmer zusamen stimmen wolten
Wilwolt v. Schaumburg 146
lit. ver.; so dasz also die in einer parthei entstehende zwietracht, welche ein unglück scheint, vielmehr ihr glück beweist Hegel
w. (1832) 2, 435.
bei der wahl: do ein scisma oder tzwitracht was ym bischtumb der bischoffen halb Eberlin v. Günzburg
s. schr. 3, 8
ndr.; Otto ... ward in einer zwitracht wider Frideolum erwelt Stumpf
Schweizerchron. (1606) 406
b.
innerhalb einer religiösen gemeinschaft, vor allem von den glaubenskämpfen der reformation, vgl. scisma zwitracht des glaubens (15.
jh.) Diefenbach
gl. 519
a: ich bit euch, das ir merckt die, die do machent die zwitracht (
vulgata: dissensiones, ältere var. mishellungen, Luther: zertrennung und ärgernisz anrichten)
erste dtsche bibel 2, 59
Kurr.; als hab ich unrecht gelehret, den vorigen stand der kirchen ... zerrissen, viel ärgernisz, zwietracht und rotten durch meine lehre erreget Luther
tischr. 1, 459
W.; gott verbirget (
die kirche) wunderbarlicher weise jtzt mit sünden, zweitracht, irrthum 2, 283
; vgl. ders. w. 52, 830; uf den tag, so ... von wegen zwitrachts und zweyung, der leeren ... halben ... angesetzt Zwingli
dtsche schr. 1, 114
Sch.-Sch.; dan wir von Sant Ambrosio finden, das in der zwitrachten der Arrianer vnd der cristen durch die stim gottes sei dem folck für ein bischoff zuo geriefft worden Murner
an d. adel 19
ndr.; szo were es kein wunder, das solche zwitrachtt, uneynigkeit, schandungh und lesterungh under uns christen erstunde (1521) J. Egranus
ungedruckte pred. 56
Buchwald; denn es ist ja keiner stad gut, das ym volck zwytracht gelitten wurd durch offentliche anreger und prediger. es solt ein teil weichen, es weren die evangelischen odder die bepstischen (1527) Luther 23, 16
W.; verschiner zeyt ist in christenlichem glaub eingefallen vnd noch, mercklich zwitracht vnd gefaerlich jrrung (1528) Berth. v. Chiemsee
teutsche theol. 9
Reithm. gelegentlich ausdrücklich in schwächerem sinne als ketzerei: doch ists auff keiner seyten ketzerey, es ist aber eyn schisma, eine zwitracht, da solten beyde part sich fruntlich vortragen Luther 6, 80
W. 1@bb)
allgemein geistige meinungsverschiedenheit, streit um die richtige ansicht: (
jeder ruft in der not des ertrinkens einen anderen heiligen an) dô der abbt, der gute man, die zwitracht gehôrte (
um 1300)
Marienleg. 86
Pfeiffer; ein groszer zwitracht und krieg ist vor ziten gesin under inen, worinn doch die seligkeit des menschen gesetzt wer Leo Jud
ausleg. d. ersten psalmen (1520) 3
a; was aber di seele, auch wj sj imm leibe sey ..., darinn ist grosze zwytracht J. v. Schwarzenberg
d. teutsch Cicero (1535) 44
b; sag ich allen wundärtzten, so jr zwen oder mer uber ain gewundten gond, das sy vor dem siechen kainerlay zwitracht erzeygent H. Braunschweig
chirurgia (1539) 2
b;
quum sententiis uariaretur so zwytracht der meinungen halb entstnde, wenn die meinungen vngleych wAerind Frisius
dict. (1556) 1347
a; von eintracht und zwitracht der Galenisten und chymisten Harsdörffer
gesprächspiele (1641) 2, 268; über den ursprung der völker und staaten ... hat es zwietracht, zank und zerwürfnis gesetzt Fr. L. Jahn
w. 2, 555
Euler; ich möchte die heimliche eintracht der forschung in der vielfachen äuszeren zwietracht nachweisen W. Scherer
kl. schr. (1893) 1, 16.
von objekten '
mangelnde übereinstimmung, widerspruch': disze tzwytracht unter der schrifft unnd menschenn lere konnen wyr nicht eynes machen Luther 10, 2, 91
W.; und ist in den beeden namen dhein zwitracht, dann Christus hat sy beid gebrucht Zwingli
dtsche schr. 1, 249; welche zwitracht (
in den historien) so si nichts anders thet, machte doch ainen zweifelhafftig an der zuokunfft Petri gen Rom
das Petrus gen Rom nicht kommen (
o. o. u. j.) b 1
a. 1@cc)
wortgefecht, streit, hader, feindliche gesinnung in kleinerer gemeinschaft oder zwischen einzelnen menschen: der vernam ein zwytracht zwüschen eim gasthalter und eim armen mann Riederer
rhetoric (1493) c 5
a; des jars da ward die irrung und zwitracht zwischen den zwaien münchen zu Florentz, ein prediger und ein parfuser (1498,
Nürnb.)
städtechr. 11, 596; das man tzwischen den lewthen uneynickeit, tzwytracht und unfrid gemacht hat Luther 2, 64
W.; es sollent jr, so spän vnd zwytracht vnder üch entstond, hie ein vorbild nemen L. Hätzer
acta oder geschicht (1523) a 2
b; dich schem, das du nach sagst diesem und jem als, was du hörest auff und nider, tregst also merlein hin und wider, welches denn viel haders ursacht, widerwillen und zwitracht Hans Sachs 6, 363
Keller; jhr herr vater ... in feindseligkeit vnd zwitracht lebet gegen meinem herrn vatern
engl. com. u. trag. (1624) v 7
b; wann aber die weiber einander schänten, zwitrach haben oder wider iemant ehrenrührerische worth auszgüszen (
v. j. 1748)
österr. weist. 8, 59; unter den pfahlbürgern und pfahlbürgerinnen von jeder sehr kleinen stadt herrschet eben so viel ... zwietracht, verläumdungssucht ... als unter den herren in spitzen und runden kaputzen Zimmermann
über d. einsamkeit (1784) 2, 248; die schlange, die das herz vergiftet, die zwietracht und verderben stiftet, das ist der widerspenstge geist Schiller 11, 282
G.; dasz miszgunst sich bestrebt habe, ... zwietracht zwischen dem componisten und dichter zu stiften O. Jahn
Mozart (1856) 2, 523.
zwist unter verwandten: ir beyder (
der brüder) mutter Julia wurdt ob dem zwitracht hart beleydigt Hans Sachs 8, 419
K.; alle (
schwestern) gaben freundlich um die wette sich die ersten grüsze, aber schleunig glimmet zwietracht unter ihnen, jede fänget ihren ehhern an zu loben Herder 25, 196
S.; leben um leben tauschend siege jeder den dolch einbohrend in des andern brust, dasz selbst der tod nicht eure (
der brüder) zwietracht heile Schiller 14, 32
G.; so entstand in der angenehmen liebes- und brautzeit öfters zwietracht, widerwärtigkeit und gegenseitige unzufriedenheiten Göthe I 9, 151
W.; das ist halt gar zu häszlich in einer familie, solche zwietracht Holtei
erz. schr. (1861) 15, 47; (
ich) ersuchet auch den standt der ehe. erst fand ich zancks und zwitracht meh, widerwillen, schlahen und rauffn Hans Sachs 3, 328
K.; ein bösz weib nemen zu der ehe macht vnruhe, zwitracht, ach vnd wehe Petri
d. Teutschen weiszheit (1605) 2, t 1
a; wenn ihr (
der braut) die zwietracht in der eh zuletzt ein zucht-hausz baut J. Chr. Günther
ged. (1735) 258; und warum könnte man sie nicht mit ihrem gemahl aussöhnen? weil doch beständig unter ihnen miszvergnügen und zwietracht herrschen würde
samml. v. schauspielen (1764) 3, 69 (
d. verehlichte Pamela).
gern in einer häufung von synonymen: dauon yn gantz deutschem land hasz, eyffern, zwytracht vnd hader flusse, ya wer auch möglich, daz blüt vergyessen, todtschlege darausz erfolgten Hutten
op. 2, 195
B.; by üch, da hört man vyl zwitracht, zancken vnd hadren tag vnd nacht
schweizer. spiele d. 16.
jh. 2, 151
B.; kan anders nichts dann eytel unwillen, hasz, neyd, zorn, zanck, zwittracht und dergleichen darausz folgen (1618) L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 13
ndr.; todtfeind alles zancks, zwietrachts, rauffens vnd schlägereyen Bastel v.
d. Sohle
Harnisch a. Fleckenland (1648) 94; ich wünschte mir und allen geschöpfen alles gute und konnte an hasz und feindschaft, an neid und zwietracht gar nicht glauben Tieck
schr. (1828) 9, 162. 1@dd)
streitsache vor dem gericht oder schiedsmann: und dô ûf dise sache der legât dâ gehôrte clage und antworte ... er begonde wartin und darûf wendin sînen sin, wî er dî zwîtracht zwischin in vridelîch berichte Nicolaus v. Jeroschin 17685
Str.; wann auch zwen umb ain sach in zwitrecht sein und ainer peut dem andern recht (
v. j. 1474)
österr. weist. 5, 442; ein mittler ist ein schidmann, der zwüschen zweyen spänen oder zwitrachten friden findt Zwingli
dtsche schr. 1, 261
Sch.-Sch.; der zwytracht halb soltu, o richter, zwischen vns sein ein weiser schlichter Hans Sachs
fastnachtsp. 1, 55
ndr.; lis, controversia zwietracht, zanck vor gericht
nomencl. lat.-germ. (1634) 516;
vergleichbar: dardurch (
durch den vergleich zwischen käufer und verkäufer) alle künfftige ... strittigkeiten und
zwietrachten müssen verhütet seyn v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 12;
in barocker bildübertragung: wir frawenleut ... sind derer nicht wenig, welche die zwytracht jhrer haar für den gläsern-richter offtmals viel stund zu entscheiden pflegen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, f 5
b. 1@ee)
streit zwischen politisch mächtigen persönlichkeiten oder spannung zwischen groszen gruppen der bevölkerung, die zu kriegen und unruhen führt: in dem jare ... 1103, da was grot tvedracht tuosschen paves Paschalis unde keyser Hinrik (
Lübeck, 14.
jh.)
städtechr. 19, 201; dher dhritte Alexandher, mit dhem lange und mengen tach vil grozer tvidracht plach dher selbe keyser Frederich
braunschweig. reimchron. 3591
W.; und (
ich) kan auch zbitracht machen under den furstn
altdtsche pass.-sp. aus Tirol 343
W.; demnach in Polen zwischen dem könig aus Schweden und erzherzogen Maximilian wegen der kron zwietracht sich erhoben Schweinichen
denkw. 330
Öst.; wann herrn in zwitracht leben musz der arm leib und gut dargeben Eyering
prov. (1601) 3, 393; von dem zwytracht zwischen dem Caesare und Pompejo B. Schupp
schr. (1663) 757; Johannes margraf in Mären ..., bey dessen antritt sich wegen bestätigung beender erwehlten römischen keyser Ludwig vnd Fridrich ... sich vil schwäre zwitracht eraignet v. Brandis
immergrün. ehrenkr. (1678) 123; Curio, dessen einziges vermögen ... auf zwietracht der häupter Roms gegründet war grafen Stolberg
ges. w. (1820) 7, 105; den nehmlichen vortheil, den ... sein groszvater von dem zwietracht der italienischen städte unter sich gehabt (
hatte)
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 3, 32; so wurde seine (
Ruszlands) dynastische zersplitterung und die zwietracht seiner fürsten die hauptursache seiner unterjochung durch die Mongolen Döllinger
akad. vortr. (1888) 1, 14.
innerer zwist in einem volke oder reiche: dasz ihr euch kein zwitracht trennen last, so wird ewr reich bestehen fast Gilhusius
grammatica (1597) 38; o Teutschland, Teutschland, wo hat dich das unglück hingebracht! du hast es mit deiner zwitracht verdienet Chr. Weise
polit. redner (1677) 64; darüber fingen die Gothen an, sich in hasz und zwietracht zu spalten Grimm
dtsche sagen (1891) 2, 19; die Schweizer befanden sich zuletzt wohl bei der zwietracht innerhalb ihres bundes Ranke
s. w. (1867) 17, 154.
in seltener übertragung auf abstrakte vorstellungen: nachdem aber ein stettiger unverträglicher zwitracht ist zwischen der gerechtigkeit und boszheit
Calvin institutio christ. (1572) 325.
auch prägnanter; offener aufruhr, parteikampf: we twidracht machet under unser herschop unde unser stadt, sin liff und gutt steit in des rades gewalt (
v. j. 1340)
urk.-buch d. stadt Braunschweig 4, 553
Hänselmann; zwischen den gemeinden und dem rot, do so vyl zwitracht vff entstot P. Gengenbach 5
Goedeke; in der zeit, als zwischen rath und bürgerschaft ... zwitracht aufloderte
allg. dtsche bibl. (1765),
anh. z. b. 25/36, 2419; die aus parteikämpfen zwischen patriziern und zünften hervorgegangene 'zweite zwietracht' von 1340
d. königr. Württ. (1904) 3, 261,
vgl. dazu Fischer
schwäb. 6, 1473. aufruhr und zwietracht
als zwillingsformel: als sie nun ... den vertrag den christen in der besetzung der statt ansagten, ward ein grosz auffruor vnd zwitracht Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 147
a; Sicilia ... ist auch täglicher unter ihnen auffruhr und zwitracht wegen gantz leicht zu behaubten Kirchhof
wendunmuth 2, 349
Öst.; behüte uns vor aufruhr und zwietracht B. Schmolck
trost- u. geistr. schr. (1740) 2, 441; (
wir) sprachen von krieg, aufruhr und zwietracht Schubart
br., in: D. Fr. Strausz
ges. schr. 9, 275.
krieg, kampf: dhe zvidracht und daz wunder, daz dhe konige zvene treben elben jar
braunschweig. reimchron. 6275
W.; sulchir schumpfintuire sô vrech, sô ungehuire der cristenheit ûf ungewin sich hantîrte zwischin in binnen der zwîtracht sô vil daz ich inweiz kein zil Nicolaus v. Jeroschin 21058
Str.; gwerra twydracht (
nd., v. j. 1425) Diefenbach
gl. 272
c; crich, twidracht, kif, orlighe (
nd.)
ders., nov. gl. 199
b;
arma ducum dirimere ein vertrag machen, den zwytracht oder uneinigkeit zerlegen Frisius
dict. (1556) 119
b; wie jemerlich der loblich alt stift Menz in diser zwittracht zerrissen, verderpt, ... geschweig, das ... vil erlicher leut umbkommen und ir leben verloren haben
Zimmer. chr.21, 46
B.; ach, ewr königklich mayestat soll sich in solch gefahr nit geben, in seinem reich mit frieden leben. was geht uns frembde zwitracht an? Hans Sachs 8, 36
K.; und versprich dir (
kaiser) min (
des papstes) waren friden und allen denen, so dir angehanget sind in disen zwitrachten Tschudi
chron. Helv. (1734) 1, 59; die zwytracht ward gestillt, des grausen krieges last verfiel in hochzeit freud A. Gryphius
trauersp. 208
Palm; doch ich (
die burg Schreckenstein), gemordet vom drange der ich sinke zur ewgen vergessenheit, zeit, seit mich die zwietracht zertrümmert Th. Körner
w. 2, 17
Hempel. zwietracht und krieg
synonym in fester paarung: zu irrung, krieg und zwietracht (1482)
lehns- u. besitzurk. 1, 243; das sucht der römisch antichrist, wie dann sein alt gewohnheit ist, solch greulich mord zu stiften, erregen krieg und zwietracht grosz, die herzen zu vergiften (1546)
bei A. v. Arnim
s. w. 13 (1845) 108; in zwytrachten und kriegen, so zwischen keyser Ludovico
V. und Friederico ertzhertzogen zu Osterreich sich zugetragen (1579) Chr. Entzelt
altmärk. chr. 209
B.; es ... begibt sich offtmahlen, dass aus solchen verbündnissen und verschreibungen groser zwietracht und harte kriege entstehen
Reinicke fuchs (1650) 39; bey gelegenheit der unter seinem sohn ... entstandenen innerlichen kriege und zwietrachten
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 1, 498. 22)
innere spaltung eines menschen in zwei selbständige oder widerstrebende teile. alt, doch nur vereinzelt in religiöser sprache belegt für die gespaltenheit in den gottzugewandten und den irdischen menschen: daz erste ist di swetracht dissis lebines fon dem lebine, da man got inne irkennit
paradisus anim. intell. 45
Str.; der unsterblichen seelen desz menschen und desz zerrinnlichen leibs zwytracht Guarinonius
grewel d. verwüst. (1610) 10.
allgemeiner von innerem zwiespalt, innerer zerrissenheit, auch nur sporadisch bezeugt (
vgl. zwiespalt 1 g),
wenn nicht, zumal im ersten beleg, '
neigung zum hader, zanksucht'
gemeint ist: (
der edelstein) syderites gelych aim ysen vnd mit etlichen zouberyen, zwytrecht in dem menschen erweckende Niclas v. Wyle
translat. 239
Keller; dasz eine förmliche gesetzgebung ... sich unmöglich auf den menschen beziehen könne, in so ferne derselbe mit vernunft begabt ..., sondern nur in so ferne er den leidenschaften unterworfen, und daher zu aller ungerechtigkeit geneigt ist; geneigt zum bruche mit andern und mit sich selbst; wankelmüthig, treulos, voller zwietracht und hader Fr. H. Jacobi
w. (1812) 2, 346. 33)
bildlicher und typologischer gebrauch; seit dem humanismus besonders als personifikation, von antiken vorstellungen (
Ἔρις als göttin der zwietracht)
bestimmt; vgl. schon: doch die göttin Discordiam, so zwitracht macht on alle scham, die darfst du laden nit zu hausz Hans Sachs 7, 42
K.; lieb, kurtzweil, wollust, frewd, gelächter, glimpf geladen seind auch an disem tisch mit speisz und tranck beladen: nur die zwitracht allein, als deren kunst und witz der ursprung alles zancks und alles haders sitz, war ... versaumet Weckherlin
ged. 2, 347
F.; sie sahe rings umher, und alsobald erblickte sie, mit todesfurcht und schrecken, die zwietracht in abscheulicher gestalt
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 6; dein vater ... hat in fesseln an der höllenpforten angel die zwietracht hingebannt Ramler
lyr. ged. (1772) 99; o glaub, ich würde heute weinen, wo ihr geschosz die zwietracht spannt v. Goekingk
ged. (1780) 1, 263; o träte doch in diese regionen, zum rathe dieser hohen wächter, nie vermummte zwietracht leisewirkend ein Göthe I 10, 262
W.; die göttinn der zwietracht und des elendes auf einem schwarzen pferde Herder 16, 76
S.; so haben die Eris oder die zwietracht ... und so viel andre allegorische wesen bey alten und neuen dichtern ihren antheil an den handlungen bekommen Sulzer
theorie d. schönen künste (1792) 1, 78.
blasser: aber als der feind den teutschen boden betrat und verwüstete, ... da wüthete die zwietracht und zeigte dem feinde die ferneren gröszren siege Fr.
M. Klinger
w. (1809) 8, 249; das band der natur ist entzwei, die alte zwietracht ist los, der sohn hat seinen vater erschlagen Schiller 2, 169
G.; mit anspielung auf den apfel der Eris: den güldnen apffel der zwytracht mit der aufschrift: detur pulcherrimae Chr. Warnecke
poet. versuch (1704) 86; in diesen friedenskreis warf Byron dann ... den apfel der zwietracht hinein Gervinus
gesch. d. 19.
jh. (1853) 1, 408; es mag unter die lose verknüpften aufständischen gemeinden das unglück als apfel der zwietracht gefallen sein Mommsen
röm. gesch. 2 (1865) 248;
vgl. zwietrachtsapfel sp. 1194.
als hydra betrachtet: der zwietracht hyder liegt in staub gedrückt Fr. Kind
ged. (1817) 5, 63.
im bilde vom feuer (
vgl. zwietrachtsfeuer sp. 1194): aus diesem funken warde ein grosz feuer der zwitracht (
um 1450) Eschenloer
Bresl. gesch. 1, 262
Kunisch; George Wilhelm gab dem reiche neues leben, weil er den alten brand der zwietracht ausgethan Hoffmannswaldau
u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 222; das feuer der zwietracht glimmt und lodert H. P. Sturz
schr. (1779) 1, 199; indesz die wahren patrioten ... die rückkehr der ordnung ... erwarteten, bliesz die zwietracht ihre fackel an Pfeffel
pros. vers. (1810) 3, 15; Hatto hauchte stets die fackel der verhaszten zwietracht an v. Schönaich
Heinrich d. vogler (1757) 40; zwietracht mit der fackel über den schiffen Göthe I 47, 343
W.; trotz dieser allgemeinen leiden brach in der Bretagne ... die lange genährte zwietracht in lichte flammen aus Dahlmann
frz. revolution (1845) 157; eine verstimmung ..., die für das reich hätte gefährlich werden können, wäre ihre alte zwietracht nicht aufs neue entflammt gewesen Ranke
s. w. (1867) 1, 108.
in neuer zeit auch in anderen bildkreisen: Romanos banner pflanz ich auf diesen fels von Padua, an dem der zwietracht woge brechen soll! Eichendorff
s. w. (1864) 4, 262.
in christlicher vorstellung gilt der teufel als erreger der zwietracht: der bösz feind, der ein vatter ist aller zwitracht vnd lügin Hieron. Gebweiler
beschirm. d. lobs Marie (1523) a 2; er dempffet vnd feget des teufels werck, vneinigkeit vnd zwietracht ausz Mathesius
Sarepta (1571) 235
a; hat ... der teufel zwischen hertzog Svantepoln und den brüdern ... ein gar beschwerliche zwietracht erregt Schütz
hist. rer. Pruss. (1592) g 4
a; die hölle ist alles zwitrachts wahrer baum und quell J. Helwig
Ormund (1666) 179; gleich wie sie dem vater des zwietrachts dienen, also haben sie auch ihren theil mit ihme zu gewarten Chr. v. Ryssel
seelenfrieden (1685) 646; denn der fürst der zwietracht, der den faden geschlungen hat, zerreiszt ihn wieder Stifter
s. w. 9 (1932) 135.
auch hinter den verbindungen samen der zwietracht
und zwietracht säen
steht wohl verwandter biblischer bildgebrauch, namentlich die gleichnisrede vom unkraut unter dem weizen Matth. 13, 24
ff., 37
ff., vgl. etwas böses aussäen, hasz säen
u. ä.: es fieng auch ... der same einer dissidentz, trennung und zwietracht so wol vnter churfürsten vnd ständen als vornemlich mit der cron Schweden an vielen orten ... herauszubrechen v. Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 6; so hat sie nun aus furcht, um uns zu trennen, der zwietracht samen zwischen uns gestreut Raupach
dram. w. kom. gattung 1, 378; sein fanatischer kampf gegen die reformation hat den samen der zwietracht und der auflösung in die furchen gelegt H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 188;
vgl. zwietrachtssamen sp. 1194; und denkt ihr, dasz der königliche name zum freibrief dienen könne, blutge zwietracht in fremdem lande straflos auszusäen? Schiller 12, 430
G.; wer zwietracht sät, der erntet dolchesspitzen v. Stägemann
kriegesgesänge (1813) 65; wer zwietracht säet, arbeitet für des teufels scheuer Binder 222; Drusus angriff auf die rittergerichte, ... sodann der zweischneidige varische prozeszkrieg hatten die bitterste zwietracht gesäet zwischen aristokratie und bourgeoisie Mommsen
röm. gesch. 2 (1865) 250; ich verabscheue ein institut, das nur dazu dient, zwietracht in der familie zu säen Spielhagen
s. w. (1877) 2, 211; einmütig und brüderlich hätten alle christen miteinander gelebt, bis die jesuiten aus dem Welschlande gekommen wären und zwietracht gesät hätten Ric. Huch
d. gr. krieg (1920) 2, 256.
vereinzelt verbindet sich damit die antike Erisvorstellung: schlau ihren apfel hatt in die völkerschaar des einen urstamms Eris-Tisiphone geworfen, und der zwietracht saaten ernteten jene, die nun verstäubt sind Stolberg
ges. w. (1820) 2, 284.