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gift

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

gift n.

Bd. 7, Sp. 7423
gift, n. und m., in älterer sprache meist f., donum; venenum. herkunft und form. 11) gift ist verbalabstraktum mit t-suffix zu geben und gemeingermanisch: got. fragifts verleihung; (plur.) verlobung (s. I A anfang); ahd., mhd. gift donum, munus, donatio; mnd. gift, gifte; mnl. gifte (gichte) immer in gleicher bedeutung; ags. gift donum, nuptiale pretium; plur. nuptiae; vgl. engl. gift gabe, geschenk; altfries. jeft(e) gabe, verleihung; an. gipt (gift) gabe, glück, vermählung (der frau). 22) in der bedeutung A 'gabe' ist gift in der regel femininum, im ags. auch neutrum, im altfries. auch mask.; einen vereinzelten fall männlichen gebrauches im mhd. s. A 1 b, anf.; fraglich, ob m. oder n.: Wickram 8, 204 Bolte, s. register. für gift in der bedeutung B 'venenum' ist in nhd. zeit kennzeichnend das unsichere schwanken des genus bis in den anfang des 19. jh., und zwar öfters innerhalb der sprache des nämlichen schriftstellers, u. zw. ohne schärferen bedeutungsunterschied auszer in bestimmter übertragener anwendung (s. u. gift, m. 'zorn' B 10 b β. ursprünglich istentsprechend gift A — das f. die vorherrschende form, die sich bis ins 18. jh. behauptet. vgl. schon ahd.: hec uenena ... tie gifte die ih sago Notker 1, 253, 22 Piper; wie im mhd. (Lexer 1, 1012) herrscht die weibliche form noch bei Luther, der daneben auch das n., seltener das m. verwendet (s. u.). das n., die heutige schriftsprachliche regel, erscheint spurweise schon mhd.: ein gift Walther 25, 17; so sint sú dir ein gift (varianten: eine gift; vergift) Seuse 461, 14 B.; ebda 135, 14; aber erst sehr allmählich hat es sich gegen das alte f. und das mit beginn des frühnhd. sich ausbreitende m.dieses mhd. noch ganz vereinzelt bezeugt: allen gift Boner edelst. 92, 41 — durchgesetzt. in mundart und umgangssprache ist das n. innerhalb bestimmter anwendungsgebiete auch heute noch nicht völlig durchgedrungen (s. u.). das oben angedeutete schwanken des genus setzt mit dem 16. jh. ein: die gifft und das gifft venenum (1578) Clajus dtsch. gramm. 26 ndr.; die gifft Luther tischr. (1568) 285a; der gifft 285b; seinen gifft 54, 172 W.; n.: solch gifft 7, 625 W.; vgl. auch 8, 395; 11, 24; bei andern autoren: der gifft H. Sachs 8, 248 lit. ver.; solch gifft (der verzweiflung) ebda 7, 386; bei Opitz ist f. die regel: die süsse gifft der sinnen t. poemata 147 ndr.; daneben n.: das süsse gifft Sidneys Arcadia (1638) 224 (aber f. 204); dieses gifft der zeiten poemata (1690) 2, 57; bei Butschky alle drei genera, z. b.: den gifft Pathmos (1677) 830; eine gifft 129; das gifft 838. die süsse gift Hoffmannswaldau heldenbr. (1680) 7; das gift ebda 46; das gift Lohenstein Arminius (1689) 1, 15b; der gifft 2, 1626b. bei Günther: die gifft ged. (1739) 367; n. 346; 701; aber: ihren gifft (1735) 6. bei Hohberg: wider den gifft georg. cur. 1 (1682) 617b; die gift 3, 1, 301a; das gift 3, 1, 178b. die unsicherheit dauert im 18. jh. fort, wenn auch die theoretiker mit gewissem recht das n. als das im hd. 'gewöhnlichste' genus hinstellen, z. b. Krünitz 18, 424; Adelung 2, 687: den gifft Fleming soldat (1726) 364a; das gift unmittelbar folgend. seinen gift J. E. Schlegel 4, 140; aber n. 5, 56; Lessing braucht anscheinend nur das n., ebenso Herder bis auf ausnahmefälle (z. b. der gift 18, 491 S.); dagegen ist Göthe neben dem n. das m. ganz geläufig, auch in gehobener sprache: der gift 9, 933 W.; den gift Faust 1053; dagegen: dieses gift 23, 289 W.; der gift 44, 291; aber ebda das gift 44, 286. ähnlich bei Schiller, konkret: du hast das gift weggelassen 2, 49 G.; aber: den gift kab. u. liebe 5, 7; abstrakt 'groll' (s. u.B 9 β): den gröszten gift briefe 5, 186 J.; aber: ihr gift auszuspritzen 8, 20 G. bei Klinger: durch heimlichen gift 3, 217; das gift 4, 118. bei Jean Paul: den gift 1, 142 H.; das gift 22, 73 R. in den mundarten ist das m. besonders in der bedeutung 'zorn, wut' (s. u.B 10 b β) weit verbreitet, namentlich obd. und md. (doch schweiz. vorwiegend n. schweiz. id. 2, 135): der gift Schmeller-Fr. 1, 875; Loritza id. Vienn. 51; Schöpf tirol. id. 189; Bacher Lusern 259; Fischer schwäb. 3, 655; Martin-Lienhart elsäss. 1, 200; rhein. wb. 2, 1227; Crecelius oberhess. 1, 421; Askenasy Frankf. ma. 199; Hofmann ndhess. 107b; Hertel Thür. 106 (aber auch n.); Reinwald henneberg. id. 50; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 421a; im nd. nicht so ausgedehnt: Schambach Gött.-Grubenhag. 64a; Woeste-N. westfäl. 80a; schlesw.-holst. noch vereinzelt m. (u. f.) Mensing 2, 378; preusz. n. und f. gebräuchlich Frischbier 1, 233; berlinisch der gift für venenum, getränke u. ä. Berghaus Sassen 1, 568b. bedeutung und gebrauch. AA. gabe, geschenk, schenkung. gift im ursprünglichen sinne (vgl. mitgift) ist alte variante zu gabe, dessen bedeutungslinien das wort im wesentlichen wiederholt. feinere differenzierung bleibt vereinzelt: daz wortelîn 'gift' vellet in zît; daz wortelî 'gâbe' denket der zît niht. gift suochet alle wege daz ir an den dingen, aber gâbe ist frî unde blôz und alzemâle lôs alles warumbe meister Eckhart 131, 24 Pfeiffer; in jüngerer sprache ist gift auszerhalb der rechtssphäre und beschränkten mundartlichen gebrauches nur noch in altertümlich gefärbter oder gehobener rede zu finden und seit der zweiten hälfte des 19. jh. erloschen. A@11) aktivisch. der aktivische charakter des ursprünglichen nomen aktionis, die handlung des 'aus der hand gebens, darreichens, überlassens', tritt nur noch selten reiner hervor. so noch in got. fragifts plur. 'verlobung' (Lucas 1, 27; 2, 5), eig. fortgabe, entlassung der jungen frau aus der hand des vaters in die des bräutigams, vgl. E. Hermann in: Gött. nachr. 1918, 221; datio gift ahd. gl. 1, 569, 16 St.-S. A@1@aa) als terminus älterer rechtssprache 'abtretung, aufgabe oder übergabe von grundstücken, auflassung' in rechtskräftiger form (traditio): da gaben sie und ir vogt mit ir baider hand den wingarten vrilich und recht und redlich uff. accipientes petunt ... sibi dari testimonium uber diese gifft und uffgebunst (1345) Haltaus gloss. germ. 721; in dusser tid worden de schepen to rade, dat men de gifte scholde in ein bok schriven städtechron. 7, 142; ebda 173; 178. A@1@bb) 'schenkung, vergabung, stiftung, vermächtnis': daz dise gift stete blibe, so gebe wir dissen ... brif mit unserm ingesigele (1334) hess. urkundenb. 2, 431 Wyss-Reimer; ebda 2, 346; der gifft (d. i. 'stiftung') ist beschehen auf Salern im 1348 jar Hintner beitrag z. dtsch. wörterb. 28; wie ausz einer donation oder gifft, so könig Heinrich der 2. an Robert Stephensen und Milo von Bregau gethan, zu ersehen G. Braun beschreibung u. contrafactur (1618) 6, 3a; gifft so künftige eheleute einander geben, donatio inter coniuges Frisch teutsch-lat. 349a; des kaisers wort ist grosz und sichert jede gift, doch zur bekräftigung bedarfs der edlen schrift Göthe 15, 284 W. (Faust 10927); 'vermächtnis' Schiller-Lübben 2, 109b: claghe ... umme ghift, dhe gheven si bi live, idher na dodhe d. mittelalt. rechtsqu. d. stadt Bremen 108; vgl. auch 45; 70. 'testament' bremisch-nieders. wb. 6, 85. A@1@cc) in der präpositionalverbindung zo gift 'als gabe, umsonst' (vom rückerstatten gefundenen gutes): swer binnin der vrist geziugit, daz er iz (das gut) verlorn habe, dem sol er iz zo gift wider gebin Sachsensp. 221 Homeyer (dazu glossar 243); vgl.to geve teil 4, 1, 1111 s. v. gabe I b. A@22) passivisch das dargereichte, dargebrachte objekt. A@2@aa) 'gabe, geschenk'. A@2@a@aα) oba thu thes biginnesthaz thu geba bringes, gifti gimuatezi themo gotes biete Otfrid II 18, 20; si (die mörder des Darius) wâren zwêne geneben und strebeten nâh gifte (belohnung) Lamprecht Alex. 3926; ihre sünden werden also durch die gifte des geldes zugedecket J. Böhme 5, 532 Schiebler; mit dem nebensinne der bestechung: ich sorge, sie (die richter) liessen sich ouch verkeren of umb dreuwunge of mit giften städtechron. 13, 294; für 'kirchenspenden, almosen': darumb musz ... nu sanct Peter von Rom zu seyner kirchen bau in der gantzen welt bettelen gehen, die almoszen und gifft umb gottis willen mit grossen hauffen samlen Luther 6, 44 W.; vgl. ein gouw xif (gifte) 'gute, wohltätige stiftung' rhein. wb. 2, 1230. A@2@a@bβ) prägnant, 'mitgift', bei Logau mit dem doppelsinn von gift spielend: desz weibes grosze gifft ist recht des mannes gifft, die nicht den leib so sehr, als seine freiheit trifft 112 Eitner; vgl. auch Gottsched dtsch. sprachkunst (1748) 176; ebenso mundartlich noch bei Mi mecklenburg. 27a; Danneil altmärk. 64a; allgemeiner, 'hochzeitsgeschenk': die ansehnlichkeit dieser gift (vom freier an den brautvater) richtet sich nach dem range des brautvaters Chamisso (1836) 2, 272; so noch in westfälischer mundart: gifte, f., gabe, nur von hochzeitsgeschenken Woeste-N. 80a. A@2@bb) in übertragenem gebrauch. A@2@b@aα) von allem, was durch höhere oder äuszere gewalten (gott, natur) dem menschen an gütern zu teil wird. schon got.: fragift weihis ahmins (donationem sancti spiritus) skeireins 3, 19 Streitberg; hierher auch 'geschenk der göttlichen gnade, geistliche gabe': gratiam gipht ahd. gl. 1, 795, 1 St.-S.?; uuîp, obe thû uuissîs,uuielîch gotes gift ist ... tû bâtîs dir unnensînes kecprunnen Christus u. d. Samar. 9 kl. ahd. sprachdenkm. 17 Steinmeyer; vgl. auch Otfrid V 12, 55; V 25, 26; daz ich trahte in der schrift die ich han von gotes gift gelernet her von kintheit väterbuch 756 Reissenberger; vgl. ebda 31222; denn das ist gottes wahre gift, wenn die blüthe zur blüthe trifft Göthe 4, 170 W.; (Hiawatha) machte kund den menschen diese neue gift (näml. mais) des groszen geistes Freiligrath ges. dicht. 6, 53; ganz isoliert bleibt prägnante anwendung auf das 'jüngste gericht': swan ez kumet an die hohsten gift unde got das rehte buch uf tut väterbuch 15298 Reissenberger. A@2@b@bβ) auch für 'geistige begabung, fähigkeiten, talent' (vgl.gabe th. 4, 1, 1115, engl. gift Oxf. dict. 4, 157a): zum andern sol keyner sein feind verachten. dann es ist nyemand on sein gab undt gifft Seb. Franck sprüchw. (1541) 1, 110b; den tag wollen wir beschliessen in vertrauter einigkeit und bei euren reichen giften eine neue freundschaft stiften P. Fleming dt. ged. 1, 390 Lappenberg. A@2@cc) als terminus älterer rechtssprache 'pflichtmäszige gabe, abgabe, zins': swelkes dages die man sime herren ... dienet mit gift oder mit anderen dingen Sachsensp. lehnr. art. 66, § 5 Homeyer; tein demede scal he (der pfarrer) ... besitten ... sunder ... gift (1443) bei Schiller-Lübben 2, 109b; in den gifften so der oberkeit ... gebüren, ist zum ersten die kost theatrum diabolorum (1569) 370b; schatzung, grundzins und anderer dergleichen herrschaftlicher gifften Mainzer landrecht (1755) 22, 2; die tenne zollt mir ihre gift, mir zinset garten, forst und trift Bürger 12b Bohtz; vgl.dat kuurn hett gift 'guten ertrag' Mensing schlesw.-holst. 2, 377; freier: du nimmst zuletzt doch auch für deine schriften, so wie es ist der brauch, reichliche giften Göthe 5, 125 W. A@2@dd) in der stabenden zwillingsformel gift und gabe von alters bis ins 19. jh. hinein lebendig: gift ist ein foemininum und in der redensart gift und gabe noch bekannt genug Bürger an Boie 13. 9. 1772 Strodtmann. A@2@d@aα) die belege beruhen auf oben bereits entwickelten bedeutungen: den er dan grosse gift unde gobe gelobete Wigand Gerstenberg chron. 156 Diemar; des romischen konigs gabe, giffte, lehen, verlihung (1428) Fischer schwäb. wb. 3, 654; noch sonst (die erbgüter) durch gifft, gabe und letzten willen vermacht, und anderwärts beständig transferiret werden können Hohberg georg. cur. auct. 3 (1715) 1, 22a; wir sind allhier vor eurem thor ... die gift und gabe zu erheben, so auf dem oberhofe ruht; die hühner, eir, die käse gut Immermann 1, 180 B. A@2@d@bβ) die formel nähert sich in frühnhd. zeit dem A 2 a α schon gestreiften sinne 'unlautere gabe', 'bestechung' (vgl. teil 4, 1, 1113 δ, s. auch woordenboek 4, 2324, Oxf. dict. 4, 157a), greift also nach B hinüber: gift und gabe largitio, corruptela Haym teutsch. jur. lex. (1738) 264; machte he sich ... vruntlich ... mit der ritterschaf mit giften ind gaven städtechron. 14, 654; eid der landschöffen: des landes beste rathen und findung weisen und das nicht lazen um vater noch um mutter ... noch um keinerhand gifte oder gabe J. Grimm rechtsalterthümer4 2, 391; besonders der konfessionellen polemik der reformationszeit geläufig: so sicht man vor augen, das yetzo schir keiner in Teutschland ein guote pfründ hat, er hab ... die ... mit gifften und gaben erworben Hutten opera 4, 158 Böcking; vgl. ebda 2, 189; mit list, gifft und goben (den pabst bearbeiten) Emser in: Luthers u. Emsers streitschriften 1, 56 ndr.; vgl. auch Luther 29, 41 W. und 16, 362; mancher kompt zu einem stattlichen ehrenampt — per dativum, durch gifft und gaben Schupp schr. (1663) 411; keene giffte edder gave nehmen sich nicht bestechen lassen (Hamburger redensart) Schütze holst. id. 2, 31; im sprichwort: der todt nimpt weder gifft noch gab, das er fürm reichen uber trab Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 1, b 3a. A@33) gift 'datum, ausstellungstag eines briefs oder einer urkunde', ein anscheinend nur auf ältere zeit beschränkter gebrauch (vgl.gabe teil 4, 1116 schlusz): nach gift diss briefs (1348) Germania 18, 377; das ir uff gifft üwers brieffs bij gesuntheit und guodem gestande syn (1431) Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 31; vgl. Schiller-Lübben 2, 109b; Lasch-Borchling mnd. hwb. 1, 2, 111. A@44) in einzelnen, nur mundartlich belegten und aufs nd. beschränkten anwendungen ruht der nachdruck weniger auf der art als auf der menge des auf einmal verabreichten: 'ration, portion'. zu grunde liegt offenbar mnd. gifte 'eine handvoll' Schiller-Lübben 2, 109b (beleg v. j. 1542): 'eine gabe futter' Stürenburg ostfries. wb. 70a; ebenso Doornkaat-Koolman 1, 626a; Mensing schlesw.-holst. 2, 377; vgl. auch Dahlerup ordbog 6, 938 s. v. gift. auch von der anzahl karten, die bei jedem spiel zugleich ausgeteilt wird: he harr dree buurn in e gift Mensing 2, 377; Dahlerup a. a. o. 6, 938; hierher auch nnl. gift mediz. 'gabe, dosis'. BB. venenum. die bedeutungsverschlimmerung von donum zu venenum, schon bei Notker vollzogen, tritt besonders anschaulich da hervor, wo mit der doppeldeutigkeit von gift noch gespielt wird: ê stuont diu kristenheit mit zühten schône: der ist ein gift nû gevallen Walther von der Vogelweide 25, 17 L., d. h., die schenkung Constantins, die einst der christenheit zufiel, ist ihr zum verderben, zum gift geworden, s. auch Kraus Walther v. d. V. (1935) 74. vgl. den entsprechenden vorgang in franz. poison Nyrop ordenes liv2 1, 30, in engl. poison Oxf. dict. 7, 2, 1057a, ferner die frühesten belege unter A 1 und trank in der bedeutung 'gift' teil 11, 1199. lüppe, gelüppe (Martin zu Parz. 479, 8), von vornherein auf einen engeren bezirk beschränkt, wurde durch gift mehr und mehr verdrängt, während andererseits eiter über seinen eigentlichen sinnbereich kaum hinausgediehen ist. B@11) gift eigentlich in medizinisch-naturwissenschaftlichem bereich. stoff, der an oder in einem lebenden organismus schädliche wirkungen, krankheit oder tod hervorruft. B@1@aa) zufrühest von dem als gifttrank verstandenen zaubertrank der Circe: ten ... herezogen (Odysseus) losti (Mercurius) fone sinero uuirtenno gifte soluerit peste hospitis (pestis nachher durch mala pocula verdeutlicht!) Notker 1, 252, 30 Piper; von Johannes Evangelista heiszt es: daz diu gift (gifttrank) in nine tarte Konrad Rolandsl. 270, 4; nun wil ich nit gedagen, der gift krafft sagen: als bald ainer die tranck, er ward bald darnach kranck Friedrich v. Schwaben 6118 Jellinek; ebenso 6241; und wann er einem krancken menschen helffen solt oder ein tranck geben ..., so hat er dem krancken ... gifft geben Hutten opera 3, 350 Böcking; auch in jüngerer sprache sehr häufig: die mutter selbst trinkt das gift Herder 23, 365 S.; Romeo: gieb mir eine dose gift (a dram of poison); solch scharfen stoff, der schnell durch alle adern sich vertheilt, dasz tot der lebensmüde trinker hinfällt Shakespeare 1, 151. allgemeiner jeder irgendwie in den körper gelangte krankheitsstoff: wenn ein schaff geschwillet, so ist eine anzeigung, dasz es gifft bey sich hat, ... welches sie leichtlich von der weyde ... bekommen können viehbüchlein (1667) 56; schleicht auch der krankheit gift in seine glieder Cramer sämtl. ged. (1781) 2, 210; der gift muss raus! Fischer schwäb. 3, 655; ähnlich Martin-Lienhart elsäss. 1, 200. gern in verbindung mit heilkräftigen arzneien, namentlich in älterer volksmedizinischer literatur, rezepten u. dgl.: hath einer die gifft inwendig im leibe, szo nim rautten ... (1460) Pfolspeundt buch d. bündtertznei 146 H.-M.; das hirschhorn ist wider gifft die herrlichste artzney Moscherosch gesichte (1650) 2, 328. B@1@bb) die herkunft der gifte spiegelt sich in den belegen. von pflanzen: die gifft des opii Hohberg georg. cur. auct. 3 (1715) 1, 301a; es wächst hier viel schierling ..., ich fürchte es aber nicht, obschons gift ist Bettine die Günderode (1840) 1, 57; freier: das getreide ... ist auch eine tödliche gifft, wann es faulet Butschky Pathmos (1677) 129. tierische gifte, voran das schlangengift: (die aspis) læzt vergift in irm piz und zersträwet ir gift mit irm peizen Konrad von Megenberg 262, 13 Pf.; nach steiermärkischem glauben 'ziehen' die schlangen, eidechsen und andern giftigen tiere ihr gift aus der sonne hwb. d. dtsch. aberglaubens 3, 846; gift gewisser insekten: wan iderman fürcht sich vor meinem (der spinne) gifte H. Sachs fabeln u. schwänke 3, 8 ndr.; viele arten der scorpionen und spinnen (werden gefährlich) durch ihr gift Sömmerring vom baue 8, 1, 410; bildlich: das otterngezicht (Zwingli und seine anhänger) wil lieb, friede und messigkeit rhumen und stickt so voller gifft wie ein bundter molch Luther 26, 402 W.; der wyn ist gar senfft im ingang zuo letzst sticht er doch wie ein schlang und güszt syn gifft durch alles bluot S. Brant narrenschiff 19 Z. mineralische gifte: disz kalte gifft (hüttenrauch, der arsenikhaltige niederschlag aus den dämpfen der schmelzhütte) ersticket das hertz Mathesius bei Göpfert d. bergmannsspr. in d. Sarepta 47; alle bergarthen, oder ertze, haben ihren gifft bey sich Herttwig vollk. bergbuch (1734) 185a; die blausäure, das tödtlichste gift Oken allgem. naturgesch. 1, 115. B@1@cc) ansteckungsstoff gewisser, namentlich seuchenartig auftretender krankheiten: contagio, contagium anfellige gifft Felbinger nomencl. (1646) k 4a; man liesz (im mittelalter) sie (die seuchen) aber kommen, wüten und toben, bis das gift sich selbst verzehrte Herder 14, 421 S.; vom miasma der pestilenz: er (ein mönch als angeblicher seuchenträger) wil alles daz (die brunnen) verunreinen mit böser gift Seuse dtsch. schr. 75 B.; denn es nicht anders daucht, aller luft were gifft, das peköme von dem grossen pösen geschmacke der krankheit und tode leichnam Arigo decam. 5 Keller; so furchtbar und entsetzlich wirkte das gift (pestartiger ausdünstungen der Maremmenniederung), dasz diejenigen, welche eben noch zu pferde steigen wollten, todt niederfielen Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 2, 210. von venerischer infektion: dieses gift der umarmungen war damals ... in groszer menge verbreitet Laube ges. schr. 4, 157; von ansteckungen leichterer art: so dich mein athem nur antrifft, ich glaub, du meinst, ich steck vol gifft Scheit Grobianus 332 ndr.; von hautausschlag: innerlicher gifft ist schädlicher denn der auszwendige an der haut Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, K k 6a. B@22) die heilkunde schränkt die bedeutung unter 1 ein. gift als 'wirksamer heilstoff, arznei, gegengift', vgl. der gift verachtet, der weisz umb das nit, das im gift ist Paracelsus opera (1589) 2, 170: hofrath Starke wirkte (gegen eine erkältung) sogleich durch spanische fliege und gift, wodurch denn freylich das übel schnell genug vertrieben wurde Göthe IV 28, 190 W.; zwischen gift und arzneimittel ist es schwer eine genaue grenzlinie zu ziehen, da arznei bald als gift und gift bald als arznei wirken kann Liebig handbuch d. chemie (1843) 1, 2; daher auch im sprichwort: gifft wird mit gifft vertrieben Lehman floril. polit. (1662) 1, 62; das quantum an giftgehalt bedingt die heilwirkung: alle ding sind gifft, und nichts ist ohn gifft, allein die dosis macht, dasz ein ding kein gifft ist Paracelsus opera (1589) 2, 170. B@33) verengerte bedeutungen. 'eiter' schweiz. id. 2, 135. 'arsenik' Frisch teutsch-lat. wb. (1741) 1, 349b. 'schnaps' Ostwald rinnsteinsprache 59. B@44) in freierer anwendung von dingen, die unter bestimmten bedingungen wie gift wirken. von speisen und getränken: kesz und krut, und was dovon gekocht ist soll er myden. wann sye dem magen gifft seint Gersdorff wundarzney (1517) 16d; gänsebraten ... der immer gift für mich ist Fontane ges. schr. I 1, 417; da der arzt die schweren rheinweine als gift für ihn erklärt hatte Polenz Grabenhäger 2, 325; jetz, bockwirt, jetz kimmst bald in d straf! dös is ja gift, dö sach (das schlechte bier) Stieler ged. 3, 50; auf rennthierkäs ist branntwein gift Gaudy s. w. 2, 220; dasz sie mir den kaffee als ein sehr schädliches und schleichendes gift widerrathen Möser s. w. 1, 197 Abeken. häufig ist ein gebrauch wie dieser: (der vorschlummer) ein gift des nachtschlafs Jean Paul 32, 24 Hempel; (affekte) das eigentliche gift des lebensorganismus Alexis erste bürgerpflicht (1852) 2, 2; abendthau aber war ... reines gift für Malte Spielhagen s. w. 1, 40. hieran knüpft reicher bildlicher gebrauch: hochmtikait ist ... ain behendes übel, ain haimlichs gyfft Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 8a; das (angriffe auf obrigkeit und klerus) gefalt dem gemeinen man wol, aber es ist gyfft, hüt dich Eberlin von Günzburg 1, 61 ndr.; (vorschriften zur heilung von gebärmutterblutungen:) vor allen dingen sol die unkeuschheit ... vermitten bleiben, dann sie das höchste gifft darzu ist Ruoff hebammenbuch (1580) 204; kunst ohne gottes furcht ist eitel gift Spanutius (1720) 523; denn ihre liebe (der fata morgana) ist verderben, ihr hauch ist gift, ihr kusz ist sterben Storm 8, 236; mit einem näher bestimmenden objekt: obs (das wort gottes) wol den gottlosen eyne gifft und gerücht des tods zum tod ist Luther 18, 195 W.; das 'fur euch' (der abendmahlsformel) ist yhm (Karlstadt) eyne gifft und der bitter tod Luther 18, 203 W.; viel borgen ist des erbes gifft Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, V v 8b; (die weiber) vermaledeyten diesen streit, den Turnus also angestifft, sein heurat war bey ihnen gifft Spreng Äneis (1610) 224b; es (das osterlamm) ist der bösen gifft, der frommen stärck und wonne Gryphius sonn- u. feiertagssonette 31 ndr.; dein einsitzen in grosz ansehen durch menschengunst ist deine gifft, du sitzest auff dem stuhl der pestilentz ... J. Böhme drey principien 16; das (komplimente) wäre eben ein rechter gifft vor meine geistreiche ohren! Stranitzky ollapatr. 120 Wiener ndr.; einsamkeit ist sein (des melancholikers) gift; aber er liebt diesen gift Zimmermann über d. einsamk. 2, 189; sein name ist gift für meine zunge! Bode gesch. d. Thom. Jones (1786) 2, 426; 'eine freie rede ist für Napoleon das schärfste gift' Schleiermacher bei Treitschke dt. gesch. (1897) 1, 254; (rath:) dies kloster war für manches arme herz ein labsal doch! (kanzler:) für viele gift! Zach. Werner Martin Luther (1807) 27; die fremdsucht ist ihr (der deutschen sprache) galle, gift und greuel Fr. L. Jahn 2, 11 Euler; Blücher, dem der schreibtisch gift war, der eines nur verstand — den feind zu schlagen Treitschke hist. u. pol. aufsätze (1886) 1, 177. B@55) gift im vergleich. wie gift schneiden, etwas wie gift fliehen u. ä.: die operation ist gleich geschehen, sprach Lebrecht, und hatte schon eine papierscheere zur hand: die wird schneiden wie gift Holtei erzähl. schr. 14, 73; weit verbreitete wendung, auch mundartlich allgemein, vgl. z. b.: dat mess schneid wie gift rhein. wb. 2, 1227; entsprechend Fischer schwäb. wb. 2, 654; da that ich mir gewalt an, mocht es bohren, brennen, stechen wie gift und feuer Holtei erzähl. schr. 5, 181; was nun das hebräische betrifft, dieses floh er vollends als gift Kortum Jobsiade (1799) 1, 25; ich fliehe die kaffeegesellschaften wie das gift fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 364; ich hasz wie gifft Fischart geschichtklitt. 385 ndr.; wenige sind mir jedoch wie gift und schlange zuwider Göthe 1, 322 W.; mir ist der kerl wie gift verhaszt Weigand renaissance (1903) 2, 72. B@66) gewisse entwicklungen und färbungen, die das wort erfahren hat, besonders auch im bildlichen und redensartlichen bereich, finden im folgenden ihre darstellung nach syntaktischen ordnungen. B@6@aa) gift in verbalen verbindungen. B@6@a@aα) gift machen, bereiten, mischen, kochen, streuen, stellen, legen: mit eyns alten weibs rat die ein Kriechin was ein grosse meysterin gift zemachen Arigo decam. 269, 31 Keller. will ich dir bereyten ein starcken gifft Wickram w. 1, 330 lit. ver.; ist ihm der gift bereitet? Göthe 9, 333 W. (Mahomet 1272); bildlich: der freygebige herr sah nicht genug ein, dasz er ... den priestern ein wahres gift mit dem reichthum zubereitete A. v. Haller Alfred (1773) 80; anders: welch scharfes gift (intrige) liesz sich nicht aus dieser überraschenden nachsicht bereiten! Holtei erzähl. schr. 3, 51. gifft mischen mescer veleni Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 61b; biblisch: mischt gift unter ihre eh, und eifersucht in ihre herzen Creizenach schausp. engl. comöd. 150, 12; zu zaubern, gift zu mischen, ist nicht so schlimm! Göthe 9, 66 W. (mitschuldigen 408). die Reutlinger auf unsern glanz erbittert, kochten gift Schiller 1, 345 Gödeke; anders: es befinden sich bei den verhandlungen eine 'darstellung', und eine 'zusammenstellung', worin das ärgste gift gekocht wird Fr. L. Jahn 2, 229 Euler; erweitert: er aber kochete in seinem hertzen nichts als gifft und rache Hahn staatshistorie (1721) 1, 230. die streuen heimlich gift (ekel und verdrusz) auf seine (des reichen) besten bissen Marstaller ged. (1774) 21. die köchin hatt ihr gift gestellt Göthe Faust 2130. ihr leute, wenn ihr gift wollt legen, so hütet doch die kinder gegen A. v. Arnim 13, 48. gift geben, beibringen, schenken u. ä.: die gift wold im Philippe geben Rudolf von Ems Alexander 5790 Junk; bildlich: mitgift! denkst du in der liebe an die mitgift, so giebst du der liebe gift Cl. Brentano ges. schr. 7, 81. (Alexander d. Gr.) den 4. julii ... vom beygebrachten gifft gestorben Kirchhoff wendunmuth 2, 18 lit. ver.; bildlich: hat schon der nachbarn etlich man gefuort auff seinen falschen wahn und seinen gifft jn beygebracht Dedekind papista conversus (1596) g 5b. die schencken hernach die giffte ynn aller menschen gewissen, und verfüren also die welt Agricola 700 sprichw. (1534) c 4a. solchen gifft seines hertzen fein, wird er dem könig treuffen ein A. Lobwasser calumnia (1583) b 6; die schlange schleichet und geüsset seine gifft in sy Tauler sermones (1508) la. gift empfangen, (ein)nehmen, trinken, saugen: (manche) an irem küncklichen tische die gift enphingen Arigo decam. 105 Keller; da er bald darauf heftige schmerzen in dem ganzen leib verspürte, urtheilten die ärzte, er müsse gift empfangen haben M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 467; übertragen: die empfangen gift (liebe zur frau eines andern) er nicht on sunde verdewen mocht Arigo decam. 113, 12 Keller; ebda 535, 28. Klärchen nimmt gift Göthe 40, 93 W.; Diaeos ... nahm selber gift Mommsen m. gesch.4 2, 47. einnehmen heute unüblich: (man hat) zeichen des eingenomenen ... gifts bei im gespürt Zimmerische chron.2 2, 514 Barack; übertragen: wer diese gifft (geld) nimmt unbesonnen ein, wird ehstes seelenarm und sinnenlose seyn Logau sinnged. 252 Eitner. gift trinken, von jeher besonders geläufige wendung, beispiele s. o. 1 a. gift saugen schon früh gern in hinblick auf die tätigkeit der spinne sprichwörtlich gebrauchte wendung: gleicher weisz ein spinn usz den bluomen kein honig, sunder gifft suogt Hier. Gebweiler lob Marie (1523) 28b; entsprechend Luther 18, 385 W.; 18, 389; Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, y 5a; freier: er hatte das unglück, alles in der natur schief anzusehen, und nach dem sprüchwort aus allem gift (hasz u. dgl.) zu saugen Herder 24, 112 S.; ebda 26, 28. gift speien, (ver)spritzen, sprühen, hauchen, ausschütten, -gieszen, -lassen: noch speit dein käl gift wie ain schlang Fischart glückh. schiff, kehrab v. 619 ndr.; in einem lande ..., wo die frechsten schmierer täglich ihren gift in öffentlichen blättern ausspeyen Archenholz England u. Italien (1785) I 1, 203; gern erweitert: er speit, indem er nichts, als von aufrichtig, spricht, dem nächsten gall und gift aufrichtig ins gesicht Weichmann poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 336; speit der römische stolz gift und galle gegen die Griechen Justi Winckelmann 2, 1, 351. er (der neid) hatte schon den gift dreymal nach ihr gesprützt Rost verm. ged. (1769) 9; glücklich genug, wenn sich diese theologische wuth an dem gemeinschaftlichen religionsfeind erschöpft hätte, ohne gegen die eignen religionsverwandten ihr gift auszusprützen Schiller 8, 20 Gödeke; anders: Friedrich erwartete von dem tage von Soor eine ähnlich entscheidende wendung zum frieden ... die feinde, meinte er, hätten ihr letztes gift verspritzt Prutz preusz. gesch. 3, 36. Cupido ... haucht sein gift in das hertz der königin Ramler einl. in d. schön. wissensch. (1758) 2, 55; anders: wie aber die feinsten organisationen, wenn sie aufgelöset in verwesung gehen, das schädlichste gift hauchen Herder 20, 47 S. wider diese predigt schüttet er seinen gifft aus Thomasius ernsth. gedancken (1720) 3, 53; der teuffel mus alle seyne gifft an disen Christo ausgissen Luther 29, 244 W.; gern erweitert: euomere virus acerbitatis suae seine bittere gallen und gifft ... ausschütten B. Faber thesaurus (1587) cb; herzogin Amalie: ich war eben im begriff, meinen ganzen gift und galle in diesem brief gegen sie (anrede) auszuschütten briefe an J. H. Merck (1835) 274; eine welle von hasz, verleumdung ... und gift wurde über die ganze welt ausgegossen W. Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 303. du schändliche kröte, nun hast du den gifft an meiner unschuld auszgelassen Weise überfl. gedancken 105 ndr.; so noch mundartlich: den (die) gift auslassen sein mütchen kühlen Martin-Lienhart elsäss. 1, 200; an einem seine gift auslassen Frischbier preusz. wb. 1, 233. B@6@a@bβ) auf etwas gift nehmen 'für die richtigkeit einer aussage voll einstehen'. die junge, literarisch anscheinend erst seit der zweiten hälfte des 19. jh. bezeugte, heute allgemein verbreitete formel dient als ausdruck der beteuerung, und zwar meist in 2. person (s. u.). siegleich verwandten wendungen wie dafür die hand ins feuer legen, darauf das abendmahl nehmen u. ä.auf erinnerungen an gottesurteile zurückzuführen (so schweiz. id. 2, 135; Fischer 2, 654 mit recht zweifelnd), ist kaum möglich, da giftordale im germanischen bereich unbekannt sind. als vorstufe der wendung vgl.: ja, sagt sie, wanns nicht wahr ist, so soll dieser trunck gifft werden in mir Agyrtas grillenvertreiber (1670) 75; in heute geläufiger form: (1856) 'rede doch nicht so spaszhaft', sagte Manz, 'es (der acker) wird wohl grad gemacht, und zwar auf deiner seite, darauf kannst du gift nehmen!' G. Keller 4, 86; (1862) die briefe ... existieren wirklich, darauf können sie (anrede) gift nehmen Spielhagen durch nacht zum licht 135; der hat seinen schatz, darauf darfst du gift nehmen Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 2, 268, ebda 4, 392; seltener in der 1. person: darauf nehme ich gift, dies da (das kind) hat die englische krankheit P. Dörfler die lampe der törichten jungfrau (1930) 277; der lexikalische befund entspricht dem literarischen: bei Frisch, Adelung, Campe, Schmeller noch nicht gebucht; zuerst, wie es scheint, bei Frischbier preusz. sprichwörter u. redensarten2 (1865) 91; vgl. ferner Hügel Wiener dialekt (1873) 67; Berghaus Sassen (1880) 1, 568; Mensing 2, 378; K. Rother schles. sprichw. (1928) 230; auch in die nordischen sprachen entlehnt, aber ebenfalls erst im letzten drittel d. 19. jh. begegnend, s. Dahlerup ordbog s. v. gift 6, 939; ordbok över svenska sprket 10, 373; auch bei Brynildsen norsk-tysk ordbog (1926) 277. B@6@a@gγ) einer person oder sache das gift nehmen 'sie unschädlich, unwirksam machen', ursprünglich auf das schlangengift zu beziehen: das gillt yhm gleich viel und geht yhn nichts an, gleich als wenn der schlangen die gifft genomen ist Luther 18, 74 W.; Locke wars, der den ersten streich (gegen den theismus) that: denn Hobbes charakter und seine sklavischen grundsätze von der regierungsform nahmen seiner philosophie alles gift Herder 23, 136 S.; milder: (Jupiter gibt der Juno einen shawl): da, teuferl, hast ein präsent, ... o ich kenn ihr schwaches herz, so ein 1000 ducaten shawl nimmt ihr s ganze gift Meisl theatr. quodlibet 1, 79; als redensart: das gift ist ihm benommen Schellhorn (1797) 49; auch mundartlich, namentlich oberdeutsch verbreitet: einem s gift nemen Schmeller-Fr. 1, 876; Fischer 2, 655; schweiz. idiot. 2, 134; Martin-Lienhart 1, 200. B@6@a@dδ) in präpositionalen wendungen. einem (einen) mit gift vergeben, wesentlich auf die ältere sprache beschränkte formel, vgl. vergeben teil 12, 386: dann eins tags vergab ihm die frau mit gifft im wein Montanus schwankbücher 425 lit. ver.; als bischoff Paulus an der pestilentz gestorben, oder ime, wie etliche meinen, mit gifft vergeben worden Schütz historia rer. pruss. (1592) buch vii, s 3a; im andern jahre seiner regierung wurde er ... von seiner schwester mit gifft vergeben Olearius pers. reisebeschr. (1696) 334b. mit (durch) gift töten, umbringen, hinrichten, aus dem wege räumen u. ä.: suochen mich selbs mit gifte zeertöten Wyle translationen 30 Keller; übertragen: sie (böse gedanken) töten mit jrem schlangischen gyfft die seel des menschen Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) d 3b; man gedenck mich heimlich mit waffen oder gifft zuo ermorden Hutten opera 1, 407 Böcking; mit gifft ... hinweg ... nemmen Münzer Livius (1562) 393b; da gremet er sich so seer, das er sich selbs mit gifft umbracht 2. Macc. 10, 13; von Gossenbrod wird behauptet, man habe ihn mit gift ums leben gebracht Ranke reform.-gesch. 1, 135; mit gift getödtet Zinkgref apophth. (1628) 1, 317; die freunde ... werden betrogen, viele auch durch gift hingerichtet M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 147. bald man mit grossem gelt und gut, die widersacher stürtzen thut, und die reumbt aus dem weg mit gifft Lobwasser calumnia b 5; indem er es ... für rathsamer hielt ... sich des papstes mit gift zu entledigen Ranke reform.-gesch. 1, 203; aber ich hatte weder zeit noch gelegenheit sie (die läuse) ... durch gifft auszurotten Grimmelshausen Simplicissimus 179 Kögel. an (von) gift sterben u. ä.: da starb er von gifft Seb. Franck chron. Germ. (1538) 83; durch den tod des grafen von Troja, der, wie einige glauben, an gift starb Platen 3, 27 Redlich; wie der grosz Alexander starb, da er so schnell mit gifft verdarb C. Scheit fröhl. heimfahrt 985 Strauch; Chariclien will die alt vergeben, und kompt sie selber vom gifft um buch d. liebe (1587) 215c. mit gift nachstellen u. ä.: dannoch mir ... mit gifft nachgestalt, mit waffen und geweer zuogesetzt wirt Hutten opera 1, 413 Böcking; dem feind mit gift nachstellen, ist unehrlich Lehman floril. polit. (1662) 1, 471; gewaltige feinde, die ihnen mit gifft und andern dingen nach leib und leben stehen J. G. Schmidt rockenphilosophie (1706) 1, 328. B@6@bb) adjektiva neben gift. manche sind bevorzugt, so namentlich seit dem 16. jh. süsz, vgl. noch u. 10 a γ: nit leicht verlaszt man das süsz gifft (wein) des wollust süsze übertrifft Greg. Wickgram Obsopei kunst zu trincken 73 neuausg.; vorwiegend auf erotische vorstellungen bezogen, darum von liebespein, die nach antiker anschauung als vergiftung, 'venenum Amoris' aufgefaszt wird, vgl. Properz II 12, 19; in der renaissancedichtung und ihrer folgezeit bis zur übersättigung verwendet: drum will ich mich gantz embsiglich von dem leyden allzeit scheiden und die süsse gifft vermeiden Opitz teutsche poemata 61, 7 ndr.; allwo ich ... mein verstorbenes weib das erste mal sahe, und das süsse gifft der liebe einsoff Grimmelshausen Simplicissimus 407 Kögel; susser gifft verliebter hertzen ... du berühmte jungfernschafft! Weise überfl. gedanken 10 ndr.; im volkslied: sie bläset durch ihren rothen mund den süssen gifft der mich verwund bei R. Hildebrand materialien 19; vgl. selbst noch: und eben er (geheimrat Hedemeyer), ... und neben ihm Cecile, ... sich ihm zubeugend, als könne sies nicht abwarten, immer mehr von seinen frivolitäten einzusaugen, von all dem süszen gift, darin er meister ist Fontane ges. w. I 4, 437; in anderer sphäre: gegen andrer beifall bin ich sicherer, aber wie soll ich mich vertheidigen, wenn freundesmund mir das süsze gift reicht G. Forster s. schr. 7, 140. sonstiges typische, in meist bildlichen belegen: ablas, heyligen dienst ... meydet wie todtliche gifft Luther 12, 149 W.; ebda 7, 296; es steckt ein böses gifft darhinder (hinter dem hölzernen pferd) Spreng Äneis (1610) 23a; die wollust ... ein sehr schedliches gifft Reinicke fuchs (1650) 257; die allerschärffste gifft ist rasender verdacht Gryphius trauerspiele 50 Palm; das verderbliche gift (ihres alten gesindellebens) Pestalozzi Lienhard3 (1819) 3, 420; weiter das subtilere gift, dasz diesz (die rückkehr zum naturrecht) ein ideal sey, nach welchem man streben müsse L. v. Haller restauration d. staatswiss. (1816) 1, xxvii. partizipia präsentis, auf jüngere zeit beschränkt und sehr beliebt, dienen zu feinerer sinnesabtönung von gift: vielfach wirken die pfeile des Amor: einige ritzen, und vom schleichenden gift kranket auf jahre das herz Göthe 1, 236 W.; was gab sie (die natur) ihm also mittels des feuers? ... künste, dies fressende gift nicht nur unschädlich zu machen ..., sondern es selbst zum mannigfaltigsten vortheil zu gebrauchen Herder 14, 221 S.; selbst dem nagenden gift der eifersucht ... schient ihr zu widerstehen Klinger neues theater (1790) 1, 121. B@6@cc) gift in verbindung mit anderen substantiven. B@6@c@aα) in der seit dem 16. jh. vielgebrauchten stabenden formel gift und galle (s. auch teil 4, 1, 1186, ferner gicht und galle teil 4, 1, 4, 7281, abschn. 3 a): gift und galle speien, vgl. die belege oben 6 a α; es (die verkündung des wortes) ist inen (den papisten) gyfft und gall Clemen reform.-flugschr. 1, 238; weychwasser ist dem teuffel gifft und gall Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 44b; nur gift und galle war, o papst, was du vom pol bis zu den tropen der welt mit deinem scepter gabst Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 116; in der bedeutung 'zorn, wut', s. u. 10 b β: der feind (der teufel) ligt und legt abe gift, gall und ungestüm P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 310; gerechticheit byn yck ghenant gyft unde gall synt my unbekant (unter einer Gerechtigkeit, 16. jh.) Mithoff kunstdenkmale im Hannoverschen 1, 87; es ist schade, dasz die herren vor lauter gift und galle das maass des schicklichen und honnetten oft weit überschritten haben Göthejahrbuch 1, 319 Geiger; das arme kind in deinem leib ... musz von der mutter zuerst erfahren böse laune, gift und galle P. Dörfler die lampe der törichten jungfrau (1930) 358; die formel ist auch umgangssprachlich und mundartlich allgemein verbreitet: vor lauter gift und gall Jakob Wiener dialekt 69b; namentlich in anwendung auf leicht erregbare, jähzornige personen: hei is loûter gift un gale Bauer-Collitz 40a; er war gleich gift und galle (Altenburg) zs. f. hd. maa. 6, 100. andere verbindungen. gift und geifer: also haben sy (papst u. kirchenväter) uns jren gayfer, gifft und treüm eingeschenckt Luther 10, 3, 236 W.; im verderbten blute kreisen gift und geifer, die ein neidhart ... ihm geimpft mit falschem eisen Fr. W. Weber Dreizehnlinden136 204. gift und tod u. ä.: das halt ich warlich auch, ... das Christus leib leiblich essen on geist und glauben gifft und tod sey Luther 26, 293 W.; freier: dabei hatte er gift und tod im herzen und wuszte, dasz seine frau durch das betragen doppelt litt G. Keller 1, 79; on ursach mich betrüben, und reden eitel mordt und gifft B. Waldis psalter (1553) 199b. gift und dolch u. dgl.: gift und dolch sollen mich rächen Lessing 2, 295 L.-M.; freier: Frankreich! ha — was wird dort verhandelt? gift? dolch? emeuten? Carbonaris? Herwegh ged. e. lebendigen 1; diese mit wasser, gifft, schwert, oder strick selbst uber sich ein schrecklich urtheil sprechen Zinkgref auserl. ged. 34 ndr. gift und pest: hierzwischen kam der neid, die pest und gift der erden Rachel satyr. ged. 93 ndr. verschiedenes: vor yhrem rotten huttet euch als vor gifft und dampff Luther 18, 428 W.; gifft und feur im busen tragen bringt reuen Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, F f 5a; Miller: ist mirs doch wie gift und operment (d. i. geschwefelter arsenik, also: im höchsten grade zuwider), wenn ich den federfuchser zu gesichte krieg Schiller 3, 315 Gödeke. B@6@c@bβ) seltener neben antithetischen begriffen: alsso sollen wyr auch lernen die laster der menschen hassen, aber doch den menschen lieben, das wyr auch honig und gifft von eynander sondern Luther 10, 607 W.; besonders beliebt in der paarung mit arznei: hab ich nicht offt, wenn aller trost verschwunden, die artzney bei dem gifft, und glück im sturm, gefunden? Canitz ged. (1727) 18; Recha! Recha! es ist arzney, nicht gift, was ich dir reiche Lessing 3, 18 M. (Nathan I 2); an solche bildliche gegenüberstellung knüpft die wendung an: die artzney vor dem gifft nemen Seb. Franck sprüchwörter (1545) 1, 3b (nach Hieron. adv. Rufin. 2, 34: prius antidotum quam venenum, 'sich verteidigen, bevor man angegriffen wird', bei Otto sprichwörter d. Römer 27). besondere behandlung verlangt gift mit honig (zucker) mischen 'unter lockendem schein böse absichten verbergen', eine viel gebrauchte und oft variierte wendung (vgl. die parallele formel galle und honig teil 4, 1, 1183). zu grunde liegt Ovid amor. 1, 8, 104 (impia sub dulci melle venena latent), vgl. Otto sprichw. d. Römer 218; ein anklang schon bei Walther: owê wie uns mit süezen dingen ist vergeben! ich sihe die gallen mitten in dem honege sweben 124, 35; sonst mhd. selten: fro Venus ... hat honig in dem munde und gift in hertzen Seuse dtsch. schr. 435, 6 Bihlmeyer; erst seit der reformationszeit voll entwickelt: (die anhänger Luthers) appellieren bisz uff das iungste gericht, dasz sie ... unseren glauben mit irem gifft under dem honig verkaufft durchrennen und zertrennen mögen Murner an d. adel 5 ndr.; also kumpt sy (ein arglistiges weib) dem gouch darzwischen und kan im gifft mit zucker mischen Murner gäuchmatt 1021 Uhl; vgl. ebda 1318; 4707; schelmenzunft 40, 8 ndr.; er (Arnold v. Brescia) ... understund durch sin glatte wort gifft under das honig zu mischen Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 67; vielfach im sprichwort: gifft wird offt unter honig gemischet Petri d. Teutschen weiszh. (1604) 2, F f 5a; ähnlich: eitel honigred sind nicht ohn gifft ebda 2, z 3a; honig im munde gift im herzensgrunde Binder 92. B@77) genitive neben gift eröffnen reiche möglichkeiten bildlichen gebrauchs. objektiver genitiv mit der bestimmung, wofür etwas schädlich, verderblich ist; mit religiösem ausgangspunkt: spunzieren (buhlen), das da ist ein gift geischlicher selikeit Seuse dtsch. schr. 135, 14 Bihlmeyer; by grosser straff söllen yn allem land abgethon werden die syben tag zeit, als ein gyfft rechtes gots dienst Eberlin von Günzburg 1, 110 ndr.; der cörper (ist) ein gifft der heiligkeit Abr. a s. Clara etwas f. alle (1699) 2, 271; darüber hinaus neben abstraktis verschiedenster art: diese schandliche ... meinung: des gemeinen nutzes höchstes gift, dasz, was einem gefall und gelieb, er thun möge Hedio kirchenchr. (1607) 665; diese (betrüger und verleumder), das gift der menschlichen gesellschaft Herder 16, 308 S.; verdacht ist der freundschafft gifft Winckler 2000 gutte gedancken (1685) j 5b; zwang ist der freyheyt gift, ist tod Göckingk ged. (1780) 1, 26. weit häufiger sind subjektive oder explikative genitive; öfters, namentlich in älterer sprache, zeigen genitivattribut und regens gleiche bedeutungsrichtung und somit engere verbindung: wann boze gift der lgen (venenum aspidum) in irem mund gewesen ist Johann von Neumarkt schriften 2, 30 Klapper (Hieronymus kap. 9); do liesz er (Husz) ausz seinem munt fallen die gift falscher lere städtechron. 3, 172; ein weisser teuffel, der dir ... einsenckt die gifft des ewigenn todes Luther 10, 3, 371 W.; das gift der eitelkeit hat dich wohl nie befleckt Gottsched ged. (1751) 1, 400; das schleichende gift der heuchelei Justi Winckelmann (1866) 1, 58; die eitelkeit ... lebt von dem gifte der schmeichelei Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 27; gern von reizungen, regungen der sinnlichkeit: er die gift der liebe (amoroso veleno) mit seinen augen trancke Arigo decam. 113, 10 Keller; ich weiss mich ... in diesem aber reich, dasz niemals mein hertz das gifft der wollust geschmecket habe Ziegler asiat. Banise (1689) 520; in barockdichtung und folgezeit ein oft gebrauchtes bild; entsprechend: entkräftet von dem gift des luxus Göckingk ged. (1780) 3, 199; geschwächt vom gifte weicher sitten Uz poet. w. 41 Sauer; anderes: o dies ist gift des tiefen grams: es quillt aus ihres vaters tod Shakespeare 3, 299 (Hamlet 4, 5); anstatt dessen verdirbt mir der gift dieses parteigeistes die schönsten, glücklichsten ... augenblicke meines lebens Göthe 26, 162 W. (dicht. u. wahrh. 1, 3); das gift der aufklärung, von Voltaire gemischt, ist bis in den reinen deutschen magen gekommen Börne ges. schr. (1829) 1, 179; das gefährliche gift des wissens und forschens Klinger w. 3, 22; die quelle des innern gifts des aberglaubens und der vorurtheile Pestalozzi Lienhard3 (1819) 1, 288; dem gifte der polygamie und der haremserziehung musz eine dynastie zuletzt erliegen Döllinger vorträge (1888) 1, 7. B@88) metaphorisch von bösartigen, verhaszten, verderblichen personen, ein aus biblischer umwelt und antike stammender gebrauch, im 16. jh. voll entfaltet: der Mahomet mit seinem alcoran ist gifft und der teuffel S. Franck chron. d. Türkey (1530) f 2a; kein scherpffer tödlicher gifft uff erden erdacht ... mag werden, dann ein falscher betruglicher predicant Judas Nazarei vom alten u. neuen gott 63 ndr.; ich bekenns, ich bin ... ein gemeine verderbnusz der jünglingen, ein meinaidiger unnd das bösest gifft (pernicies communis ... adulescentium, periurus, pestis) Boltz Terenz (1567) 132b; hoch und niedrig in ganz Teutschland würden dich verfluchen, und dich vor ihren schädlichsten gift halten Bucholtz Herkuliskus (1665) 457; durch objektiven genitiv erweitert: wiss o christlicher kaiser, das curtisanen und bättelmünch ein sunder gyfft sind eines christenlichen wäsen Eberlin von Günzburg 1, 6 ndr.; und schalt jhn ein schädlich gifft des vaterlandes J. Schickfus schles. chron. (1625) 128; durch dativobjekt erweitert: wan ane alle glose sind sú (die klosterfreundinnen) dir ein gift Seuse dtsch. schr. 372, 10 Bihlmeyer; tod, ich wil dir eine gifft sein (ero mors tua, o mors) Hosea 13, 14; Saul zu Michal: ein gifft bistu dem vatter dein W. Spangenberg dichtungen 200 Martin; in heutiger mundart geradezu als schimpfwort: des gift! dieses lumpenmädchen Schmeller-Fr. 1, 876; gift 'schadenfroher, verhaszter mensch' Martin-Lienhart 1, 200; stichler, giftler schweiz. id. 2, 135; dem. giftche 'zorniger mensch' rhein. wb. 2, 1227. vgl. oben 6 c gift und galle im gleichen gebrauch. B@99) gern wird gift im ausruf, als fluch oder verwünschung gebraucht: potz hundert gifft, wie haben wir einen spass ... gehabt Grimmelshausen Simplicissimus 72 Kögel; so fresze mir die gift das marck! Günther sämtl. w. 2, 117 Krämer; dasz du gift saufen müsztest! J. J. Engel d. dankbare sohn (1771) 31; beliebter in steigernder formel: gift und blattern auf ihre zunge! Lessing 10, 24 L.-M.; gift und pest! Grillparzer s. w. (1892) 6, 16; ebenso 6, 46; 130; dasz gift und pest! ebda 6, 154 u. ö.; gift und tod, was hat der kerl für glück! Grabbe s. w. 3, 129 Grisebach; gift, tod und rache! was bedeutet dies? H. v. Kleist 2, 391 Schmidt (Hermannsschl. 1431); gift in deinen becher und galle in deinen imbisz! graf Pocci komödienbüchlein 2 (1861) 161; gift un bobberment! (vgl. oben 6 c α, schlusz) Askenasy Frankfurter ma. 50. B@1010) uneigentlicher gebrauch. zu bemerken ist, dasz die sinnliche herkunft noch vielfach aus der umgebung, besonders auch der verwendung gewisser verba, abzulesen ist. B@10@aa) von allem, was in geistig-seelischer und sittlicher hinsicht als zersetzender, zerstörender stoff wirkt. schon ahd.: tie gifte die ih sago die getuont ten mennisken sin ungeuualtigoren (hęc venena i. uitia) Notker 1, 253, 22 Piper. B@10@a@aα) in religiös-dogmatischem bereich. mit beziehung auf die (erb)sünde und ihre wirkungen wie fluch, tod, verdammnis: von dir (gott) geschach im (dem teufel) ungemach, diu gift zerbrach Konrad v. Würzburg lieder u. sprüche 1, 143 Bartsch; so schenket er (der teufel) alrerst die gift väterbuch 18865 Reissenberger; in dasselb gift (fomes) fellt nothalben ein yedes fleisch so aus Adam herkumbt Berthold von Chiemsee tewtsche theologey 250 R.; es ist die gifft der erbsünde uns angeboren und der bisse vom apffel, dadurch uns der teufel hat klug und gotte gleich gemacht Luther 51, 214 W.; und davon ist das erste gift entstanden ... und dadurch der bittere, giftige tod ins fleisch gekommen J. Böhme 2, 151 Schiebler. geradezu 'verderben, verdammnis': dar um get hin, empfacht die ewig gifft (worte Christi am jüngsten gericht) Hans Folz meisterl. 5, 138; dem artzat (Jesus) sag wir billich danck der unns vertraib die ewig gift Hermann v. Sachsenheim Jesus der arzt v. 42 Martin. mehr abstrakt auf verderbliche lehrmeinungen, irrlehren, bezogen, namentlich als schlagwort der reformationszeit der konfessionellen polemik aller lager geläufig. ein lieblingsausdruck Luthers: er (Carlstadt) lies sich düncken, seyne gifft were nuo gnug aus gebreytet ... und der pofel hienge nuo an yhm 18, 99 W.; vgl. auch 18, 181; 18, 213; auff das yderman sagen soll: 'ey behut gott, leret solch gifft der Luther?' ebda 7, 625; von der predigt der wiedertäufer 30, 3, 318; vom papismus: das ist eyttel endchristisch gifft ausz den hohen schulen ebda 8, 395; ebenso 6, 619; alles gift von Rom Zwingli dtsch. schr. 1, 80; purgirt euch von dem jesuwitterischen gifft Londorp acta publica (1668) 289b; in einer als handschrift verbreiteten widerlegung sprach auch ... Johann Eck von böhmischem gift Ranke reformationsgesch. 1, 23. B@10@a@bβ) auch in profaner sprache von im höchsten grade schädlichen anschauungen, grundsätzen, einflüssen: der böse geist möchte in die new erfundenen (bücher) allerley gifft und ärgerliche exempel mit einschieben volksb. v. dr. Faust 151 Petsch; wo sie (die durch Masaniellos aufreizende reden geschürte volksempörung) zeit gewinnet, bisz das gift auch in andern gassen seine operation ausbreitet Chr. Weise Masaniello 9 Petsch; dieses gift (des politischen fanatismus unter Philipp II.) verbreitete sich bald durch alle adern der regierung Schiller 4, 90 G.; der schutz der gesammtheit ist uns anvertraut, wir müssen das gift ableiten, die tollkühnheit in bande schlagen, die heimtücke ersticken Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 2, 469; das gift der heimat begann wie überall, so auch hier (an der front) wirksam zu werden Ad. Hitler mein kampf (1933) 220; von irrlehren der wissenschaft: es liegt in ihr (der theologie) so viel verborgnes gift Göthe 14, 93 W. (Faust 1986). B@10@a@gγ) mit erotischer note von dem einschmeichelnden, sittlich nicht immer ungefährlichen sinnenreiz, den literarische und musikalische werke ausüben können: lose leichtfertige bücher ... fliehet sie als ein gifft, welches kan euere seele tödten Moscherosch cura parentum 63 ndr.; gern mit dem epitheton süsz: so sehr wahr ist es, dasz bücher voll verliebter empfindungen ... in ein junges herz ... den süssen gift weit tiefer hineinflöszen, als selbst die reden des geliebten Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 222; ihr (der poeten) gift ist süszer, flieszt leichter ein, wirkt länger und stärker Herder 3, 373 S.; anders: dies (die geistig-sittliche haltung eines autors) ist die salbung oder das gift, mit dem berühmte schriftsteller ohne ihr wiszen unwillkührlich auf ihre zeit wirken ebda 23, 238; von musik: es will sich ein beredtes gifft durch ohr und adern schleichen Günther ged. (1739) 346; vor allen geilen auswüchsen unter dem choral musz man sich um so mehr hüthen, als sie wie gift in das herz des zuhörers einschleichen Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 283. B@10@bb) von bösartigen eigenschaften, handlungen, zuständen, mit oft noch erkennbarer sinnlicher wurzel. doch auch wieder farblos und in unbestimmter bedeutung, vgl.: ouch die wisen lerer munder vil glosen han dar under gemachet in der heiligen schrift recht verteclich, an alle gift Hiob 212 Karsten; ebda 14126. B@10@b@aα) 'arglist, falschheit, bosheit': ir (des weibes) üble gift ist aller welte gram Oswald von Wolkenstein 88, 18 Schatz; gifft ist verborgen in deim haybt, unselg würt der so dir gelaybt Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 141; Sappho zu Melitta: so jung noch und so schlau, so heiter blühend und gift und moder in der argen brust Grillparzer s. w. (1892) 4, 184; anders, halb sprichwörtlich: der kerl hat viel gifft bey sich (d. h. er ist gefährlich) Creizenach schausp. engl. comöd. 122, 10. von übler nachrede, verleumdung, beleidigung: ja, das dienet nicht also wol zu der gifft, damit sie dem gemeinen man einbilden möchten, des Luthers lere sey vom teuffel Luther 26, 402 W.; und liesz ich den gift (die beleidigung) an ihr (Rose) hängen dahier? G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 142. von spott, hohn, sarkasmus: herr hofrath Kästner hat ... mir ... seine besserung gemeldet; es war doch schon wieder gifft in dem brief, freylich etwas diluirt Lichtenberg briefe 1, 54 Leitzmann-Schüddekopf; milder, 'spitze bemerkungen, anzüglichkeiten': es ist zu himmlisch, wie die beiden in ihrem umgang mit liebenswürdigkeit, gift, ironie und wuth auf einander einzuwirken suchen Raabe Horacker (1876) 101. B@10@b@bβ) im besondern von heftigen, mehr oder weniger lange aufgestauten, nach entladung drängenden affekten bösartiger färbung, heute durchaus der lebendigste gebrauch; 'ingrimm, ärger, wut, zorn, groll' u. ä.: gifft und zorn virus acerbitatis Frisius dict. (1556) 109b; gifft vulg. ira Frisch teutsch-lat. (1741) 349b; wenn er bey tische sitzt, so hat sie (die ehefrau) viel zu klagen, da friszt der liebe mann nur lauter gifft in sich Henrici ged. (1727) 1, 465; der kopf wurde mir schwindlicht, ich ... legte mich voll gift an ein fenster S. v. Laroche gesch. d. frl. v. Sternheim (1771) 1, 305; was haben die da? sind voller gift (unwille, erbitterung) Schiller Wallenst. lager 686; gegen Kant und die neusten philosophen hat er (Herder) den gröszten gift auf dem herzen, aber er wagt sich nicht recht heraus ... und beiszt nur zuweilen einen in die waden Schiller briefe 5, 186 Jonas; dat helle gift schot ehr ut de ogen Fr. Reuter w. 2, 191 Seelmann; anders, halbironisch: ich hadd an jennen dag en hellschen gift (wütendes verlangen) up de arbeit ebda 7, 156. in neuerer zeit gern in der präpositionalverbindung vor gift: schnaubend für gift soffiante di stizza Kramer teutsch-ital. (1702) 2, 621a; ich hätte vor gifft über dieser oration zerspringen mögen jungfer Robinsone (1724) 124; die kleinen tückischen mausaugen (Wurms) — die haare brandrot — das kinn herausgequollen, gerade als wenn die natur für purem gift über das verhunzte stück arbeit meinen schlingel da angefaszt und in irgend eine ecke geworfen hätte Schiller 3, 365 G. (kabale u. liebe I 2). mit anderer präposition: 'hört bursch, was lacht ihr?' — 'je nun, dasz ihr wohlehrwürden in der gift die perücke vergessen haben' J. Th. Hermes verheimlichung und eil (1802) 1, 115. neben ähnliches oder gleiches bedeutenden substantiven: vor neid konnt er (der papst) nicht warten mehr. aus eitel gift und grimmen zorn gab er befehl ... Erlach volksl. d. Deutschen 2, 332; (die päpste) ... stellen ... sich eben, als ob sie ein mitleidens hetten, so sie doch im hertzen eitel gifft und verbitterung umbtragen Sleidanus reden 211 Böhmer; sein (des teufels) grimm und gifft ist gar nicht zu begüten H. Albert bei Fischer-Tümpel 3, 49; würdet ihr nicht ... die zähne vor gifft und boszheit zusammenbeiszen Schuster christerbauliches sendschreiben (1742) 408; der Norfolk ward ganz braun vor gift und ärger Zach. Werner söhne d. thals (1803) 1, 91; voll gift und groll Gries Bojardos Roland 1, 161; in seinem gifft und rachbegierde M. Krämer leben und thaten (1681) 879. auch in mundarten verbreitet, ebenso in mundartlich gefärbter dichtung, namentlich süddeutscher, sehr beliebt. typische wendungen. gift auf jemand haben, kriegen: da kan i ən rechten gift kriəgng Schmeller-Fr. 1, 876; er is ganz ausanand, der bua, und hat an gift auf mi, groszmächti! Stieler ged. 4, 48 Reclam; so en gift hot er, wann mer emol e rechnung e halb johr lenger steh leszt Niebergall humor. werke (1894) 27; voller gift sein: der alte wirt is voller gift und arbet rum un schreit Stieler ged. 4, 43 Reclam; vgl. ebda 1, 28. vor gift zergehen u. ä.: i möcht oft vor lauter gîft grd z' gên Hartmann-Abele volksschausp. 283; na, ich möcht mich vor gift selbst fressen Meisl quodl. 1, 44; ich heirat ihnen, dann sind sie a frau und d madeln sind nur madeln, da werden alle weinen vor gift Nestroy ges. w. (1890) 3, 37; vgl.er kann vor gift nit barmen (gedeihen) Fischer schwäb. 3, 655; seltener: s gift schlod ena use die bosheit schaut ihnen aus der haut schweiz. id. 2, 134. CC. gift in zusammensetzungen. substantivkomposition tritt vereinzelt schon im 14. und 15. jh. (vgl. giftsäcklein, -erz), in gröszerm umfange mit dem 16. jh. auf. auch persönliche verbalsubstantiva setzen bereits im 14. und 15. jh. ein (s. giftträger, -trägerin), um dann mit dem 16. mächtig anzuschwellen; gleichzeitig erscheinen verbalsubstantiva auf -ung (s. giftbereitung, -mischung). dem gegenüber stehen adjektivkomposita stärker zurück und entfalten sich reicher erst in neuerer zeit. die folgende übersicht verzeichnet die heraustretenden typischen gruppen. C@11) substantivkomposita. C@1@aa) gift- in pflanzennamen. meist bezeichnet hier gift die giftige beschaffenheit des zweiten bestandteils. in einer kleineren gruppe gibt der hauptbegriff das gegen gift wirksame mittel, die arznei an, vgl. giftbalsam, -heil, -nusz, -wende, -wurz (vgl. auch unter c giftessig, -magnet, -pflaster, -pille, -stein). im 16. jh. begegnen die ersten komposita: giftheil, -kraut, -wende, -wurz, sie erfahren im 17. nur zuwachs durch giftbalsam und entfalten sich mehr und mehr im 18. und 19. jh. in fachsprachlichen und volksmäszigen bezeichnungen: giftapfel, -baum, -beere, -blume, -bohne, -eiche, -esche, -feindin, -feldpilz, -hahnenfusz, -heil, -hirschling, -holzbaum, -kirsche, -kraut, -kresse, -lattich, -lilie, -milchling, -morchel, -nusz, -pfännlein, -pilz, -ranunkel, -rebe, -rebenstrauch, -reizker, -rose, -salat, -schierling, -schlingbaum, -schwamm, -schwanz, -staude, -strauch, -sturmhut, -sumach, -traube, -wende, -wicke, -wurz, -wurzel, -wüterich, -zwiebel. C@1@bb) weit weniger ausgebreitet ist gift- als erstes kompositionsglied in tiernamen. die frühesten belege wiederum seit dem 16. jh.: gifthund, -kuttel, -rochen, -spinne; im 17. jh. treten dazu: giftschlange, -tier, -wurm; der hauptanteil entfällt auf das 18. und 19. jh.: giftbarsch, -eidechse, -fisch, -fliege, -flunder, -frosch, -käfer, -krabbe, -natter, -otter, -stachelfisch, -wanze, -zecke. C@1@cc) ziemlich häufig erscheint gift in fachwörtern (und volksmäszigen bezeichnungen) der mineralogie, chemie, pharmazie und der technischen wissenschaften. vereinzelt schon im 15. jh.: gifterz, -pulver; im 16. jh. begegnet: -stein; im 17.: -essig, -kugel, -latwerge, -pille, -salbe; in jüngerer zeit mehren sich die bildungen: giftfang, -gas, -haus, -hütte, -kammer, -kies, -kobalt, -magnet, -mehl, -öl, -pflaster, -schrank. C@1@dd) reich entfaltet in umgangssprachlichem und mundartlichem gebrauch ist gift- als erster kompositionsbestandteil in jederzeit vermehrbaren drastischen gelegenheitsbildungen wie schimpfwörtern, z. t. halb scherzhafter art. die freude an solchen fügungen veranschaulicht etwa rhein. wb. 2, 1227 ff. schon im 16. jh. treten auf: giftkegel; im 17.: -galle, -kerl, -sau; im 18.: -michel, -molch, -nickel, -schlegel; sie blühen im 19. jh.: -becherlein, -beutel, -grille, -hahn, -kröte, -kugel, -löffel, -luder, -nudel, -racker, -sack, -schieszer, -spritze; verwandt sind junge vulgär-scherzhafte sachbezeichnungen wie: giftbude, -hütte, -stange, -stengel. C@1@ee) persönliche verbalsubstantiva. die ersten bildungen setzen im 14./15. jh. ein, vgl. giftträger, -macher, erreichen im 16. jh. ihren höhepunkt, s. giftbereiter, -beschwörer, -bläser, -eingeber, -esser, -fresser, -köcherin, -krämer, -mischer, -mischerin, -mörder, -nehmer, -zubereiter, und gehen seit dem 17. jh. langsam zurück: gift(an)schmierer, -färberin, -geber, -künstler, -säufer, -sauger; dem 18. jh. gehören an: gifthändler, -haucher, dem 19. jh.: giftsieder. C@1@ff) verbalsubstantiva auf -ung sind seit dem 16. jh. nachweisbar, vgl. giftbereitung, -eingebung, -mischung, -verwarnung; im 17. jh. treten dazu: giftanschmierung, -aussaugung, -vermischung, -vertreibung, -wirkung, -zubereitung; im 18. jh. gehen sie merklich zurück, vgl. giftverwahrung; im 19. jh. erfahren sie keine starke vermehrung: giftaushauchung, -ausscheidung, -äuszerung, -verordnung, also im wesentlichen fachsprachliche bildungen. C@22) adjektivkomposita. C@2@aa) zusammenrückungen mit dem part. präs., durchweg mehr zufällige, beliebig vermehrbare bildungen, tauchen vereinzelt schon im 15. jh. auf, vgl. gifttragend; im 17. nehmen sie stark zu, vgl. giftatmend, -fangend, -flammend, -führend, -hauchend, -reinigend, -saugend, -schieszend, -speiend, -treibend, -vertreibend, -ziehend; das 18. jh. steuert nur bei: giftabtreibend, -dämpfend, -tötend, -wehrend; im 19. entfalten sie sich um so reicher, und zwar vorwiegend in gehobener sprache, vgl. giftausbrütend, -beklemmend, -geifernd, -kochend, -mischend, -schäumend, -sprühend, -träufelnd, -träufend, -züngelnd. C@2@bb) etwa ebenso zahlreich, aber noch ausgesprochener blosz poetischer sphäre angehörig, sind zusammenrückungen mit partizipien des präteritums; die einzige festere fügung ist giftgeschwollen. sie setzen erst mit dem 17. jh., dann aber gleich in gröszerm umfange, ein, vgl. giftaufgelaufen, -belaufen, -benetzt, -beschaumt, -erfüllt, -gefüllt, -vermengt; im 18. jh. treten dazu: giftbestrichen, -betaut, -gemischt, -geschwollen, -getränkt; sie erfreuen sich steigender beliebtheit in junger dichtersprache, vgl. giftbeladen, -bestreut, -geätzt, -gebläht, -gedunsen, -genährt, -geschwängert, -getaucht. C@2@cc) seit dem 16. jh.vereinzelt schon früher, vgl. giftreichbeginnen zusammenrückungen mit adjektiven. besonders beliebt sind verbindungen mit farb- und geschmacksbezeichnungen, in denen gift- eine verstärkung des hauptbegriffes ausdrückt; vgl. giftblau, -gelb, -grün, -rot, -rötlich, -schwarz; giftbitter, -süsz. gleiche funktion hat gift- in bildungen wie: giftböse, -gallig, -scharf, -weich. im 16. jh. treten solche adjektivkompositionen schon in gröszerer menge auf, vgl. giftbitter, -böse, -grün, -mächtig, -voll, -weich; im 17. jh. begegnen nur giftblau, -frei, -gallig; auch im 18. jh. bleiben die belege spärlich: s. giftfähig, -los, -schwanger, -widrig, sind aber im 19. jh. um so reicher entwickelt, vgl. giftfest, -gelb, -kundig, -rot, -rötlich, -scharf, -schlammig, -schwarz, -süsz.
64356 Zeichen · 1332 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 8.–11. Jh.
    Altenglisch
    giftst. F. (i), st. N. (i?)

    Köbler Ae. Wörterbuch

    gift , st. F. (i), st. N. (i?) nhd. Gabe, Belohnung, Geschenk, Anteil, Brautgabe, Mitgift, Hochzeit, Heirat Vw.: s. feoh…

  2. 8.–14. Jh.
    Altnordisch
    giftst. F. (i)

    Köbler An. Wörterbuch

    gift , st. F. (i) Hw.: s. gipt

  3. 8.–11. Jh.
    Althochdeutsch
    giftst. f.

    Althochdeutsches Wörterbuch · +2 Parallelbelege

    gift st. f. , mhd. gift, nhd. gift n. m., älter f. ; mnd. gift, gifte, mnl. gifte, gift; afries. ieft, iefte, iefta f.n.…

  4. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    giftstf.

    Mhd. Wb. (Benecke/Müller/Zarncke) · +5 Parallelbelege

    gift ( Gr. 2,197. Graff 4,124 ) stf. 1. gabe. wider gift sal man gâbe warten Wernh. v. Elmend. 496,2. das gift. daʒ diu …

  5. 1200–1600
    Mittelniederdeutsch
    giftst. F.

    Köbler Mnd. Wörterbuch · +8 Parallelbelege

    gift , st. F. nhd. Gabe, Geschenk, Morgengabe, Mitgift, Vermächtnis, Vergabung, Vergebung, Besetzung einer Kirchenstelle…

  6. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    1. Gift

    Adelung (1793–1801) · +5 Parallelbelege

    1. Die Gift , plur. die -e, eine jede Sache, welche man einem andern gibt, eine Gabe, und in engerer Bedeutung, ein Gesc…

  7. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Gift

    Goethe-Wörterbuch · +1 Parallelbeleg

    1 Gift neutr, 1/7 der etwa 115 Belege erkennbar mask (dies vereinzelt in vorital Zeit, später bevorzugt mit historisiere…

  8. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Gift

    Herder (Konv.-Lex., 1854–57) · +1 Parallelbeleg

    Gift , nennt man alle sowohl organ. als unorgan. Stoffe, welche schon in verhältnißmäßig geringer Quantität eine schnell…

  9. modern
    Dialekt
    Gift

    Elsässisches Wb. · +8 Parallelbelege

    Gift [Kìft, Keft allg. ] 1. n. ( Hf. Wh. ) Gift. Bildl. eim G. gë be n, rede n verletzend sprechen; G. bekumme n zornig …

  10. Spezial
    Gift

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    Gift n. (-[e]s,-e) 1 tosser (-i) m. 2 ‹ant› aunëi (-s) m. ▬ Gift und Galle speien ‹fig› (sehr wütend sein) spodé fe y to…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit gift

850 Bildungen · 738 Erstglied · 96 Zweitglied · 16 Ableitungen

gift‑ als Erstglied (30 von 738)

gift(e)leⁿ

Idiotikon

gift(e)leⁿ Band 2, Spalte 136 gift(e)leⁿ 2,136

Giftapfel

SHW

Gift-apfel Band 2, Spalte 1357-1358

Giftblase

SHW

Gift-blase Band 2, Spalte 1357-1358

Giftblatt

SHW

Gift-blatt Band 2, Spalte 1357-1358

Giftblume

SHW

Gift-blume Band 2, Spalte 1357-1358

Giftbrühe

SHW

Gift-brühe Band 2, Spalte 1357-1358

giftgrün

SHW

gift-grün Band 2, Spalte 1359-1360

Gifthafen

SHW

Gift-hafen Band 2, Spalte 1359-1360

Giftheft

SHW

Gift-heft Band 2, Spalte 1359-1360

Gifthorn

SHW

Gift-horn Band 2, Spalte 1359-1360

Gifthütte

SHW

Gift-hütte Band 2, Spalte 1359-1360

Giftkorn

SHW

Gift-korn Band 2, Spalte 1359-1360

Giftkraut

SHW

Gift-kraut Band 2, Spalte 1359-1360

Giftkrott

SHW

Gift-krott Band 2, Spalte 1359-1360

Giftlattich

SHW

Gift-lattich Band 2, Spalte 1359-1360

Giftmaul

SHW

Gift-maul Band 2, Spalte 1359-1360

Giftmichel

SHW

Gift-michel Band 2, Spalte 1359-1360

Giftmischer

SHW

Gift-mischer Band 2, Spalte 1359-1360

Giftmücke

SHW

Gift-mücke Band 2, Spalte 1359-1360

Giftnickel

SHW

Gift-nickel Band 2, Spalte 1359-1360

Giftnudel

SHW

Gift-nudel Band 2, Spalte 1359-1360

Giftpiddel

SHW

Gift-piddel Band 2, Spalte 1359-1360

Giftpoche

SHW

Gift-poche Band 2, Spalte 1359-1360

Giftsack

SHW

Gift-sack Band 2, Spalte 1359-1360

giftsauer

SHW

gift-sauer Band 2, Spalte 1359-1360

gift als Zweitglied (30 von 96)

Mitgift

RDWB1

Mitgift f Braut ohne Mitgift - см. RDWB1 Braut

abgift

DWB

abgift , f. donum, exactio, verhält sich, der form nach, zu abgabe wie gift zu gabe, und gilt zumal bei gerichten: der staat duldete es nich…

adderengift

KöblerMnd

adder·en·gift

adderengift , F. nhd. Natterngift Hw.: s. adderenvörgift E.: s. adder (2), gift W.: s. nhd. Ottergift, Otterngift, F., Otterngift, Ottergift…

adderenvörgift

KöblerMnd

adderenvörgift , F. nhd. Natterngift Hw.: s. adderengift E.: s. adder (2), vörgift (2) L.: MndHwb 1, 12 (adder[e]nvorgift)

anagift

AWB

ana·gift

anagift st. f. — Graff IV, 125. ana-gifti: dat. sg. O 2,1,7. das Hervorbringen, Entstehenlassen, der Anbeginn: êr alleru a. theru druhtines …

angift

DWB

ang·ift

angift , f. arrha, was angabe, angeld. schon ahd. ein anagift, aber in allgemeinem sinn, wie es scheint, für principium ( Graff 4, 125 ).

antgift

MWB

ant·gift

antgift stF. ‘Gegenmittel’, mit dem man einen Zauber brechen kann: alle, die da gelauben an antgift, aniganch [...] und an ander ding Jeline…

aufgift

DWB

auf·gift

aufgift , f. traditio: über liegend gut aufgift und wehrschaft thun. Frankf. ref. II. 3, 6. 7. 12. 14. nach Haltaus 58 resignatio. vgl. aufg…

Ausgift

DRW

aus·gift

Ausgift nd. utgift; mnl. auch m. I Herausgabe umme de utgifft unde de betalinge des goldes 1427 OstfriesUB. I 317 Faksimile II Ausgabe, Unko…

begift

MWB

beg·ift

begift stF. ‘Gift, Verderben bringende Gabe’ pfi dich! waz din [der Welt] lon hie git / swær und hertzen laiden! / under dinen claiden / beg…

brūtgift

KöblerMhd

brūt·gift

brūtgift , st. F. nhd. „Brautgift“, Brautgabe, Mitgift Hw.: vgl. mnd. brūtgift E.: s. brūt, gift W.: nhd. DW- L.: Lexer 27c (brūtgift), DRW

Chor(n)gift

Idiotikon

Chor(n)gift Band 2, Spalte 135 Chor(n)gift 2,135

Chüegift

Idiotikon

Chüegift Band 2, Spalte 135 Chüegift 2,135

dīkgift

KöblerMnd

dīk·gift

dīkgift , F. nhd. Deichabgabe, Deichpflichtleistung E.: s. dīk, gift (1) L.: MndHwb 1, 426 (dîkgift)

eitergift

DWB

eiter·gift

eitergift , n. aconitum, giftkraut. Oberlin 299 . im voc. rerum ed. Wackernagel steht eitergift für virus.

erbgift

DWB

erb·gift

erbgift , f. was erbgabe. Frisch 1, 229 c . 349 b .

erfgift

MNWB

erf·gift

erfgift , f. , feste, dauernde, erbliche Schenkung.

ervegift

KöblerMnd

erve·gift

ervegift , F. nhd. „Erbgift“, erbliche dauernde Gabe, feste Schenkung, erbliche Schenkung E.: s. erve (1), gift W.: s. nhd. (ält.) Erbgift, …

feohgift

KöblerAe

feohgift , st. F. (i), st. N. (i?) nhd. Schenkung eines Schatzes, wertvolles Geschenk E.: s. feoh, gift L.: Hall/Meritt 115a, Lehnert 74a

firgift

AWB

fir·gift

fir- gift st. f. , mhd. vergift st. f. n. m., nhd. vergift f. n. ; mnd. vorgift, mnl. vergift; got. fragifts. — Graff IV, 125. fir-gift-: da…

frumagift

AWB

fruma·gift

frumagift st. f. ; vgl. ae. frumgifu; an. frumgjöf. — Graff IV, 126. frumi-kift: acc. sg. Gl 1,287,51 ( Jb-Rd ); frume- gifte: acc. pl. Np 1…

gegengift

DWB

gegen·gift

gegengift , n. m. antidotum, alexipharmacum Stieler 651 , arzenei die gegen genommenes gift wirkt. gern bildlich: die treflichen poeten, die…

Ableitungen von gift (16 von 16)

begift

MWB

begift stF. ‘Gift, Verderben bringende Gabe’ pfi dich! waz din [der Welt] lon hie git / swær und hertzen laiden! / under dinen claiden / beg…

begifte

BMZ

begifte swv. begabe. Haltaus 116.

begiften

DWB

begiften , dotare, donare, begaben, nnl. begiftigen: drumb hat gott ... disz herlich neuw edict reichlich begiftet und gespickt, mit brief u…

begiftung

DWB

begiftung , f. : auf das aber auf der churfürsten erlangete kaiserliche begiftunge an dem entfang der lande kein abbruch geschehe. Micrälius…

entgiften

DWB

entgiften , veneno privare, venenum adimere, nnl. ontgiftigen: der blitz, welcher die giftigen thiere entgiftet. Lohenst. Arm. 1, 620 ; die …

Entgiftung

LDWB2

Ent|gif|tung f. (-,-en) dejintossiamënt (-nc) m.

ergiften

DWB

ergiften , acerbissime irasci, in gift und galle gerathen: welcher sich sowol als der cantor dergestalt ergiftet hatte, dasz er kein glied s…

gifte

BMZ

gifte ( Gr. 2,196 ) stf. — die gifte venena N. Boeth. vgl. Graff 4, 125. — 1. gabe. daʒ was ein sælec gifte livl. 500. er sante ze Littowen …

ungift

DWB

ungift , n. , gth. von gift: das gifft von dem ungifft zu separiren Basilius Valentinus chymische schr. 1, 360 ( Lange 1677 ). unüblich. —

ungifte

KöblerMnd

ungifte , F. Vw.: s. ungicht*

urgift

DWB

urgift , f. , ahd. urgift reditus, restitutio Graff 4, 125 zu argeban (ur- A 1); mhd. urgift Lexer 2, 2004 . rechtssprachlich Haym 1288 . vi…

vergift

DWB

vergift , f. n. gift, mhd. vergift, ahd. firgift, goth. fragifts, zusammensetzung mit dem einfachen gift, hat einen diesem und dem zeitwort …

vergifte

Lexer

ver-gifte , ver-gift stf. vergiftung, toxicatio Dfg. 590 b . Schm. Fr. 1,876. daʒ sü an der vergift schuldig wêrent Chr. 8. 127,17 ;

vergiften

DWB

vergiften , verb. gift beibringen, mhd. vergiften, ahd. fargiftjan, zusammensetzung mit dem einfachen giften, welches schenken und vergiften…

vergiftlich

KöblerMhd

vergiftlich , Adj. nhd. vergiftet, giftig, vergiftend Hw.: vgl. mnd. vörgiftlīk Q.: Tauler (vor 1350) (FB vergiftlich) E.: s. vergiften W.: …

vergiftung

DWB

vergiftung , f. substantivbildung zu vergiften, dessen verschiedene bedeutungen es theilt, zunächst jene ältere ( die hingabe, abtretung ): …