er ,
das männliche pronomen dritter person, deren casus hier zur übersicht vorausgeschickt werden. erste classe. nhd. sg. er sie es
pl. sie sie sie sein,seiner ihrer sein,seiner ihrer ihrer ihrer ihm ihr ihm ihnen ihnen ihnen ihn sie es sie sie sie
mhd. ër si,sie ëʒ sie sie sie sîn ir ës ir ir ir im ir im in in in in sie ëʒ sie sie sie
ahd. ir,ër siu iʒ,eʒ siê siô siu sîn irâ is,ës irô irô irô imo iru imo im im im inan sia iʒ,ëʒ siê siô siu
goth. is si ita eis ijôs ija is izôs is izê izô izê imma izai imma im im im ina ija ita ins ijôs ija
lat. is ea id ii eae ea ejus ejus ejus eorum earum eorum ei ei ei iis,eis iis,eis iis,eis eum eam id eos eas ea
lit. jis ji jie jos jo jôs jû jû jam jei jems joms jî j juos jes
diese ganze classe hat nirgend anlautendes H,
das inlautende im nhd. ihr ihm ihn ihnen
ist unorganisches dehnzeichen. den wurzelvocal I
hält die goth. sprache rein, verlängert ihn nur im nom. pl. m., ahd. tritt bald die brechung ein in ër ëʒ ës,
wie sie mhd. nhd. entschieden waltet; doch auszerdem dauert i,
selbst vor dem r
in iro, ir.
lat. ist i
nur geblieben in is, id, ii = î,
vor vocalen überall e
geworden. die litauische form jotiert das i.
ihr gebricht das neutrum, wie überhaupt, wogegen sie noch duale, instrumentale und locative, gleich dem lat. ablativ entfaltet, die hier nicht angeführt zu werden brauchen. die gen. sg. sein
und sîn
werden ahd. mhd. nhd. aus dem reflexivum eingeschwärzt, analog dem mein
und dein, mîn
und dîn;
blosz im gen. n. haften spuren des alten es;
goth. bleiben is
und seina,
wie lat. ejus
und sui
streng geschieden. das merkwürdigste ist eine andere einschaltung des anlautenden S,
welche lat. und lit. noch gar nicht erscheint, goth. den einzigen nom. sg. f. ergreift, in allen hd. dialecten aber auch den acc. sg. f., so wie den nom. und acc. pl. aller geschlechter einnimmt. vermutungen über den ursprung dieses si
und sie
sollen unter diesem artikel selbst vorgetragen werden. was die circumflexion der ahd. vocale angeht, leiden siê siô siu
theoretisch sowenig widerspruch als diê diô diu,
da beide zu plîntê plintô plintiu
stimmen, wie der nom. sg. siu,
acc. sia, diu
und dia
zu plintiu plinta,
auch im lat. pl. ei eae ea,
sg. ea eam
dieselbe adjectivische bildung an den tag tritt. practisch hat sich freilich schon bei Kero,
geschweige bei Notker
die länge des ê
und ô
verloren und die zweisilbige form in einsilbige verwandelt; den denkmälern mag nicht aufgedrungen werden, was die grammatik hinstellen musz. die schöne unterscheidung der goth. gen. pl. izê
und izô,
wieder entsprechend dem þizê þizô, blindaizê blindaizô,
dem lat. eorum earum
aber darin unähnlich, dasz die characteristischen vocale gothisch nach dem z,
lateinisch vor dem r
eintreten, ist ahd. längst erloschen und zu einförmigem irô
geworden, wie plinterô
für beide geschlechter dient. im gen. sg. m. scheint bereits die goth. form einbusze erfahren zu haben, weil dies is
ganz mit dem nom. zusammenfällt; man darf aus dem lat. ejus
folgern, dasz auch der goth. gen. früher einmal ijis
lautete, wie der acc. ija
dem lat. eam
oder der nom. acc. pl. n. dem lat. ea
gleicht. ahd. mhd. und selbst nhd. hat sich der organische gen. es,
statt des reflexiven, die syntax trübenden sein,
zumal für das neutrum in bestimmten redensarten enthalten, was unter 'es'
näher zu erörtern ist; die verdünnung des nominativischen ëʒ
in es
wirkt, wie im adj. überhaupt, wo blindes
caecum und blindes
caeci verflieszen, sehr nachtheilig. das
für daʒ
scheidet sich wenigstens im vocal von des.
einzelner geringerer abweichungen, die ahd. und mhd. auftauchen, und deren die grammatik erwähnt, ist hier zu gedenken unvonnöthen. unter 'es'
soll noch ein merkwürdiges schweizerisches ins
für es
hervorgehoben werden. zweite classe. nnd. sg. he,hei se,sei et
pl. se,sei se,sei se,sei er erer erer erer em er em en en en en se et se se se
nnl. hij zij het zij zij zij zijns harer zijns hunner harer hunner hem haar hem hun haar hun hem haar het hen haar hen
alts. he,hie siu it sia siâ siu is ira is iro iro iro imu iru imu im im im ina sia it sia siâ siu
ags. he heo hit bî,hig hî,hig heo his hire his hira,heora hira,heora hira,heora him hire him him,heom him,heom him,heom hine hî hit hî,hig hî,hig heo
engl. he she it his her its him her him him her it
fries. hi hiu hit hia hia hiu his hiri his hiara hiara hiara him hiri him hiam hiam hiam hini hia hit hia hia hiu
altn. hann hon,hûn hans hennar honum henni hann hana
schw. han hon hans hennes honom henne honom henne
dän. han hun hans hendes ham hende ham hende
die nordischen pronomina dritter person sind sämtlich, von altersher, ohne pl. und im sg. ohne neutrum, den pl. liesz auch die englische sprache fahren; welche ersatzmittel eintreten, gehört nicht hierher. augenscheinliches kennzeichen der ganzen zweiten classe ist der anlaut H,
der nur alts. und nnd. im obliquen casus schwindet, im nom. sg. m. immer festgehalten wird. und hier zeigt sich auch berührung mit hd. formen erster classe, indem schon einzelne ahd. denkmäler, namentlich T.
und selbst O. II. 7, 34 hër
für ër
darbieten, mhd. die hessischthüringischen und andere an Niederdeutschland grenzenden desgleichen he
und her;
wie also in den hochdeutschen nom. die niederdeutsche spirans schlich, entfernte sie sich nach hochd. weise aus den niederdeutschen obliquen casus. am allerfestesten haftet H
bei den Friesen und Angelsachsen, bis in den nom. sg. f., wo und im neutr. die Engländer es tilgten. dies hiu, heo = siu,
zeigt es uns den urtypus, aus dem siu,
folglich auch das goth. si
abwich? neben ags. heo
steht seo
als demonstrativum =
goth. sô
und ahd. diu.
auszer dasz sie H
streng bewahren, stechen die nordischen formen eigenthümlich ab, blosz das nnl. hun
und hunner
liesze sich ihnen vergleichen. Zu keiner von beiden classen gewährt nun das sanskrit und das griechische unmittelbar stimmende persönliche pronomina, denn skr. ajam, ijam, idam
ist demonstrativum und bedeutet hic, haec, hoc; jas, jâ, jat
relativum, qui, quae, quod; unverkennbar rühren ijam
und idam
an den goth. acc. ija
und an ita.
die griechischen seltnen oder nur epischen formen ἵ,
gen. ἕο =
οὗ,
dat. acc. ἴν gelten reflexivisch und scheinen mehr zu ἕ,
lat. se,
goth. sik,
als zu dem hier verhandelten pronomen gehörig, obschon auch dieses höher aufwärts mit dem reflexivum zusammenhängen könnte. desto entschiedner und bedeutsamer ist die gleichheit des lat. is, ea, id
mit unsrer ersten classe, während das lit. jota an die spirans der zweiten gemahnt. Wie seltsam aber, dasz dies alte lateinische is ea id
in den romanischen zungen fast erlischt und durch ille illa illud,
aus welchem sie auch ihren artikel ziehen, musz ersetzt werden; im it. egli ella,
fr. il elle
ist das vollere ille illa,
im artikel it. il la,
fr. le la
das gekürzte enthalten. also wiederum übergriffe demonstrativer formen in die des reinen pronomens dritter person. nur it. ei
neben egli, gli,
it. ivi,
fr. y =
lat. ibi
und it. ne,
fr. en =
lat. inde
sind vom stamm is ea id
übrig. zum ersatz für die weichende flexion des nomens wie der dritten person des verbums muste gleichmäszig das vortretende ille illa,
nur für jeden dieser fälle anders gestaltet dienen, während den deutschen artikel das demonstrativum, die personen des verbums das persönliche pronomen hergab. Nach dieser allgemeinen erörterung des pronomens dritter person schränken sich die folgenden betrachtungen auf den sg. des männlichen er
ein, da rathsam scheint, unter dem worte es
das neutrum, unter sie
sowol das fem. als die pluralcasus besonders abzuhandeln. doch werden einigemal auch schon diese mit berührt werden müssen. 11)
es leuchtet ein, dasz die nhd. formen des dritten persönlichen pronomens fast ganz zu den mhd. stimmen, nur durch die dehnende schreibung ihm, ihn, ihr, ihrer, ihnen
entstellt sind; hat man doch im 17
jh. hin und wieder sogar ehr
für er
und ehs, ehsz
für es
versucht. Luther
und seine zeitgenossen enthielten sich hier noch des übeln dehnzeichens, unterschieden aber unzulässigerweise jn
eum von in
der praep., jr
ei von irren.
mehr hierüber unter j. 22)
wichtiger ist, dasz der ahd. acc. inan,
eum, wie er mhd. neben dem herschenden in
noch nachhallt, z. b. daʒ gefingir ër nam abe sîner hant wolgetân, inen er iʒ ane legite, zi deme giwalt inen stabite.
Diut. 3, 100; den troum erscheinde siu ûf inen (: erschinen).
Lanz. 4244;
ebenso auch nhd. fortzuckt: wenn der den teufel vienge und inen zu in hienge.
fastn. 511, 21; und soll an der euszersten düren am haus drei spän ausschneiden und die mit im tragen, damit kan er inen (
eum) seiner klag für ein warzeichen überzeugen.
weisth. 2, 538.
in Ickelsamers
clag etlicher brüder (1525)
heiszt es: uber dise geringe sach klagt einmal zuo Nüremberg in D. Pirkheimers haus eins kaufmans knecht von Leipzig, der sagt, er hielt nichts von dir (
Luther), du künst die lauten wol schlagen und trügst hemder an mit bendlin, darumb ich inen (
den knecht) selbmals gern ein narren, aus lieb so ich zuo dir truog, gescholten het. a 4
b.
in Aimon häufig solches inen,
eum. andere, z. b. Fischart
gewähren ine: seins vatters hofmeister Silenus ine mehr dann einmal hat berichtet.
Garg. 63
b; erkennt der hausfürst seines tachtropfes reichsgrenzen, daraus ihne niemand ziehet.
ebenda. für beides stehen noch viele belege zu gebot. 33)
gramm. 4, 324. 327. 329
wurde gelehrt, dasz der organische dativ des reflexivums, goth. sis =
lat. sibi
ahd. und mhd. geschwunden sei und durch den des persönlichen imo,
mhd. im
m., ahd. iru,
mhd. ir
f., im pl. für alle geschlechter durch ahd. im,
mhd. in
vertreten werde. nicht anders ist dem gen. sg. f. und dem gen. pl. aller geschlechter das reflexive sîn,
goth. seina
entzogen, nur im gen. sg. m. und n. erhalten. nhd. hingegen kehrte die reflexive form zurück, doch mit falscher ausdehnung der accusativform sich
auf den dativ. gleichwol konnten die langeingewohnten ihm
und ihr,
im pl. ihnen
für sich =
sibi nicht alsogleich und gänzlich ausgerottet werden, sondern dauerten bis auf die neuste zeit mehr oder minder fort. Luther,
überhaupt die schriftsteller des 16
jh. bieten allenthalben solche im, ir, inen
für heutiges sich
dar. hier genügen wenige belege für ihm,
andere für ihr
sind unter 'sie'
nachzusehen: wie Ischarioth, als er zu den pharisäern ging, ihm den weg bereit (
sich den weg bereitete) zum strang. Alberus
wider Witzel K 4
b; wer sein haus bawet, der samblet ihme stein zum grab. Lehmann 70; wer überlegt, der sucht bewegungsgründe, nicht zu dürfen. wer sich knall und fall, ihm selbst zu leben, nicht entschlieszen kann, der lebet andrer sklav auf immer. Lessing 2, 259,
wo in der that neben dem acc. sich
der gleichlautende dat. übel stände, obschon die meinung ist sibi,
nicht ei. das interim hat den schalk hinter ihm. Göthe 2, 244,
war ein hergebrachter unabänderlicher spruch. im alten entwurf der Iphigenie 57, 81
schrieb Göthe: so wunderbar ist dies geschlecht gebildet und verknüpft, dasz keiner mit ihm selbst noch andern sich rein und unverworren halten kann.
später heiszt dies 9, 75: dasz keiner in sich selbst noch mit den andern sich rein und unverworren halten kann,
die form sich
für acc. und dat. war durchgedrungen. nicht bei Claudius 6, 116: der mensch würde der ordnung in der natur nicht gewahr, wenn er sie nicht auf etwas, das er in ihm hat, bezichen könnte.
unser heutiges er fürchtet sich, sie fürchtet sich
lautete mhd. nur er vürhtet im, si vürhtet ir. 44)
wie jedes pronomen, seiner natur nach, ein nomen vertritt oder bestimmt, hat auch er
den sg. eines männlichen nomens dritter person zu ersetzen. dies geschieht im obliquen casus nothwendig: ich gebe ihm, schlage ihn
drückt unerläszlich den aus, dem gegeben, der geschlagen wird. für den casus rectus erliesz sich aber die alte sprache meistentheils den äuszerlichen beisatz des pronomens, und verleibte es der verbalflexion selbst ein, so dasz lat. dat,
goth. gibiþ
für sich schon aussagen was unser heutiges er gibt.
am längsten entbehrlich blieb späterhin das er
nach conjunctiven, z. b. mhd. nu sî uns willekomen; lâʒe eht eine rede; nu lône als ich gedienet hân (
gramm. 4, 207. 208).
ferner, wenn das nomen oder pronomen bereits im obliquen fall vorausgegangen war: dô badet man in und wart gekleit.
Wigal. 154, 30; des nam in wunder, und gie dar. 205, 5.
so steht noch im pers. rosenthal 7, 4: diese rede gefiel dem könig gar wol, nahm die entschuldigung willig an;
oder bei Klinger 3, 168: dem teufel war es darum zu thun, eine solche seele dem himmel zu stehlen und stand in einem augenblick unter der gestalt eines alten mannes mit einem gaukler vor Faust.
wo zwei verba, in gleicher stellung, unmittelbar aufeinander folgen, darf vor dem zweiten das er
unterbleiben: er kam und gieng; er asz und trank.
es herscht hier aber, zumal bei älteren schriftstellern, völlige freiheit, z. b. Keisersberg
läszt bald das pronomen aus, bald setzt ers: es ist bös sein wider ein künig, dann er hat lange arm, reichet weit. anders ist es, da einer wider ein schlechten menschen ist. also gott der herr hat lange arm, er reichet wol hundert meilen wegs.
s. d. m. 18
a. 55)
während die erste und zweite person jedesmal auf ein bestimmtes individuum geht, liegt es im wesen der dritten, dasz sie mehrere einzelne hintereinander bezeichnen könne; diese gehäuften er
würden dunkelheit nach sich ziehen, wenn der zusammenhang der rede sie nicht verständigte. ahd. unz ër (
gott) nan gileitta, sîn rîchi mo gibreitta, bî thiu mag ër (
der könig) sîn in ahtu thëra Davîdes slahtu. O.
ad Lud. 55.
mhd. als ër (
Reinhart) ensweic, do want ër (
Schanteklêr) sâ den hals ûʒ sînem munde.
Reinh. 148; ër (
der wirt) fuorte in, dâ ër (
der gast) vant sîn wîp (
er führte ihn zu seiner, des wirtes frau.)
Parz. 20, 24; den schilt reicht im diu künegîn, daʒ spër diu maget wol getân, der ër (
jener) gewalt hêt getân mit dem ër solde strîten.
Wigal. 80, 8; Tristan begunde wenken, iedoch entwancter niht alsô, ërn wurfe im daʒ ors dô vor den goffen gar enzwei.
Trist. 402, 30,
wo das erste er
auf Tristan, das zweite auf Urgan geht; ër (
Hildebrant) wolt in ûʒ dem hûse mit im tragen dan, ër (
Wolfhart) was ein teil ze swære, er (
Hildebr.) muose in ligen lâ
n. Nib. 2237.
in mehrern dieser stellen ist schon durch einen vorhergehenden acc. auf die person des zweiten er
vorbereitet. nhd. da wolt der Saul seinen sun lassen töten, darumb das er (
der sohn) sein gebot hett gebrochen. aber das volk bat den Saul für in und sprachen zu im, er (
der sohn) hett es nicht gewüst, das er (
Saul) es verbotten hett. Keisersberg
s. d. m. 4
a.
in stellen wie: er meint er könne es thun, er sagt er dürfe ihn holen, er sprach er müsse ihm aus dem weg gehn,
ist das zweite er
an sich zweideutig und erst der zusammenhang entscheidet darüber, ob es auf den redenden oder einen andern gehe, wie ja auch beim lateinischen, ohne pronomen gesetzten verbum diese bezüge aus der rede selbst klar werden. phrasen wie donet si velit, dicat si possit
empfangen ihren sinn ebenfalls durch die verbindung der rede. unsere heutige prosa strebt solchem doppelsinn auszuweichen, wenigstens, was doch ein schlechter behelf ist, durch eingeklammerte nomina vorzubeugen. die sprache des gemeinen lebens nimmt daran weniger anstosz. Nib. 579, 1 ër dâhte ër læge
sind beide er
von Günther gemeint, ein andermal könnte aber auch das zweite von einer andern person gelten. man hört auch in gesprochner rede er, der könig, ihn, den könig
verdeutlichen. 66)
die stelle des pronomens bestimmen die in der syntax vorgetragnen regeln von dem vorausgang oder der nachfolge des subjects neben dem verbum überhaupt. wir sagen: er ist, er hat, er gibt; er sei, er habe, er gebe; dasz er sei, habe, gebe; wenn er will, wenn er kann; ob, wie, wenn er wolle, könne; da er gieng, als er kam, nachdem er gesprochen hatte; er sprach diese worte flieszend; er entfernte sich schweigend; er gab dem knaben gute lehren.
hingegen: hat er? gibt er?; kommt er bald, so freuen wir uns; weisz er das, so reicht es hin; käme er doch einmal wieder!; nun ist er fort!; fort ist er!; so ist er geschieden; froh schied er von uns; schweigend entfernte er sich; dem knaben gab er gute lehren; einen stab trug er in der hand; unerschöpflich war er in ihrem lobe.
von dem strengen wechsel dieser ausdrucksweisen hatte das latein keine ahnung, es heiszt excessit tacitus, laetus abiit,
auch mit gefühl des voranstellens oder nachsetzens, aber es war dazu keine allgemeine nöthigung, si veniat
entspricht beidem, unserm wenn er kommt
und kommt er,
d. h. auf unsere unterscheidung wird lat. nicht geachtet. es liegt hier ab genau zu untersuchen, warum diese wechselnde wortstellung der neueren sprachen (
auch die romanischen kennen sie)
nothwendig wurde, nachdem ihre flexion gestört oder theilweise vernichtet war, und welchen vortheil sie daraus zu ziehen wusten. einleuchtend scheint, wo durch frage oder bedingung, durch bedeutsam vorausgehende partikeln oder auch andere wörter der nachdruck auf das verbum falle, dasz dann das pronomen an kraft verliere und nachgeschoben werde. mhd. dichter bringen es zuweilen ganz in den schlusz des satzes: mit êren wol geblüemet wart von schœnen wîben ër.
tr. kr. 702; sprach bescheidenlîchen ër. 783. 77)
stärker noch als das nachsetzen ist die anlehnung und dadurch kürzung des pronomens. 7@aa)
angelehnte ahd. dat. und acc. begegnen bei O.
auf allen blättern, solche mo, nan
für imo, inan
sind gesammelt von Graff 1, 42. 43.
in den hss. und ausg. stehen sie getrennt vom vorausgehenden wort, besser würden sie ihm verbunden. häufigst folgen mo
und nan
auf andere pronomina: thiumo, siumo, ërmo, mirnan, thirnan, irnan, siunan, ërnan,
und der dichter wechselt nach bedürfnis des metrums günstig mit ërmo, ërnan
und dem vollen ër imo, ër inan
ab. Auch mhd. sind die beispiele unselten: zuo zime ërn sazte, daʒ ërn Josêbes irgazte.
fundgr. 2, 62, 28; wan vüerstun danne hër ze mir.
Iw. 2212; sô hüeter sich danne, daʒ ërn iht beswîche. 3859; daʒn kundërme anders niht gesagen. 3890; wandërn ouh darnider stach. 4690; ûʒem satel ërn für sich huop.
Parz. 73, 19; 'wëlt irn?' gërne herre, nu gëbt mirn.
Helmbr. 1526;
und mit dem dat. pl. in = ihnen: die sëlben unser scholn sein in die æhte geschrirn, und seit dës vleiʒic, ob wirn die schulde mit hëlfen megen ûf ir ruke gelegen.
urstende 40,
wo die hs. geschriren: wiren
gibt, wie sancte in
Nib. 1077, 3
A. in C sancten,
in B schutten
lautet. auszerhalb reims sind solche hüeten, huoten, leinden, sanden
u. s. w. noch häufiger. i'n
für ich in
hat Lachmann
verschiedentlich gegen die hss. versucht, z. b. Parz. 26, 30. 27, 13,
wie er anlehnungen mehr wagte, z. b. ann
Parz. 137, 15
für an in,
von welchen anderswo gehandelt werden soll. Späterhin haben sich diese anlehnungen nicht verloren, und bis ins 16
jh. kommen sie zum vorschein: laszt mirn, er hat mich oft ernert. H. Sachs I, 468
b; hab ich dirn nit geschnitten ab? 468
d; zum land liesz ern ausjagen. Hildebrand
volksl. 196.
heutzutage hört man im gemeinen leben überall: gib mirn, ich nehm dirn, hat ern schon?, gab erm nichts?, mit dem fusze stieszern fort
u. s. w., die schriftsprache meidet aber so zu kürzen und ist schon durch die falsche schreibung ihn, ihm
gehindert auf das einfache n
zurückzukommen; unsern dichtern geht der vortheil des wechsels zwischen er ihm
und erm, er ihn
und ern
u. s. w. verloren. freilich liegt in m
und n
etwas unsicheres, da sie sowol ihm
und ihn
ausdrücken können als dem
und den (
gramm. 4, 368. 369),
wie z. b. lât mirn zoum.
Parz. 40, 15
der artikel unverkennbar ist. doch beseitigt schon alle zweideutigkeit, dasz auf artikelhaftes m
und n
immer ein nomen folgt, nicht hinter den kürzungen des persönlichen pronomens. schwächung des ihn
in en
kommt auch ohne anlehnung vor, z. b. in der sp. 645
unter entwältigen 1
angeführten ersten stelle. man weisz aber nicht, ob nicht diese mundart überhaupt schon, nach niederdeutscher weise, in
zu en
hatte erblassen lassen. 7@bb)
anlehnung des nom. er
an vorausgehende verba lehren wieder am sichersten die reime, 7@b@aα)
an starke praeterita, mhd. bater: vater; waʒʒer: aʒʒer.
Wh. 276, 9 (
wo Lachm.
unrichtig waʒer: aʒer); waʒʒer: vergaʒʒer.
Ernst 1892; lager: mager (
macer); mager (
potest): hager; luoder (
oneravit): fuoder; reiter: breiter; bôter: tôter; gôʒer: blôʒer; vander: Alexander; swanger (
vibravit): anger.
diese formen sind verschieden von dem unangelehnten bat ër, aʒ ër, lac ër, luot ër, gôʒ ër, vant ër, swanc ër,
welche keinen inlautenden übergang des ʒ, c, t
in ʒʒ, g, d
gestatten. warum sollte nicht auch nhd. dichtern erlaubt sein bater: vater; asser: wasser; lager: hager; ritter: bitter; luder: bruder; fander: ander; sanger: anger,
neben unanlehnendem bat er, asz er, lag er, ritt er, lud er, sang er?
ohne dasz man die angelehnten wörter getrennt oder gehäkelt schreibe. denn im ton wie metrisch unterscheiden sich bater
und bat er, sanger
und sang er. 7@b@bβ)
an die tertia praes. conj., mhd. gëber: ëber; jëher: swëher.
Wh. 183, 1; schaber (
radat): aber; verlieser: kieser; lober (
laudet): grober; singer: finger; suocher: wuocher.
hier rinnen, könnte man glauben, auslaut des conj. und anlaut des pronomens in einander, was einen langen vocal erzeugen müste, der doch nie entspringt. richtiger also wird der anlaut des pronomens ër
verschluckt, gerade wie das i
von imo, inan
im otfriedischen mo
und nan,
während des vorausgehenden wortes vocal haftet, vgl. ahd. thiumo, suntamo
für thiu imo, sunta imo.
dazu stimmt die schwächung des mhd. in
zu en (sancten, schutten)
und der gänzliche ausfall des vocals (mirn, dirn, ërn).
nhd. haben anlehnungen wie geber, leber, meider, leider, gieszer, singer
nicht das geringste bedenken und finden neben dem vollen gebe er, lebe er, meide er
statt. starke praet. conj. folgen derselben weise, z. b. mhd. büecher (
coqueret panem), schüeber (
raderet), trüeger (
ferret);
nhd. trüger, gäber, schnitter. 7@b@gγ)
an schwache praeterita, mhd. mohter: tohter; begunder: wunder; sparter, zarter (
von sperren, zerren): marter; master (
von mesten): laster,
und in andern, worauf reime fehlen, fuorter, reinter, gedâhter
u. s. w. auch hier absorbiert das e
der verbalflexion den anlaut des pronomens. nhd. mochter, konnter, wollter, hatter, sperrter, führter
neben den vollen mochte er, konnte er, wollte er
u. s. w. zum fusz des ermüdeten grafen, der, schläfter nicht, möchter doch schlafen. Göthe 1, 196.
wer häkeln will, hätte mochte'r
zu setzen, nicht mocht'er. 7@b@dδ)
selten erfolgt mhd. anlehnung an die tertia praes. ind., auszer tuoter: muoter
habe ich kein beispiel im reim, namentlich kein gâter, stâter, gîter, wirpter
für wirbet ër, brincter
für bringet ër.
schwache verba liefen hier gefahr praes. und praet. zu mengen, da reinter
sowol reinet ër
als reinte ër
ausdrücken könnte; doch würde rückumlaut oft den unterschied wahren und rüerter
von ruorter
sondern. nhd. steht dem angelehnten gehter, stehter, gibter, bringter, scheinter, meinter, liebter, glaubter
wenig entgegen, den zweifel zwischen praes. und praet. bei sagter, scheinter
u. s. w. mag der zusammenhang leicht heben. hater, hatter, hätter
für hat er, hatte er, hätte er
sind genug unterschieden. 7@b@eε)
nicht hierher gehört das aus anlehnung des gen. pl. erwachsende er,
wovon unter ihr
zu handeln ist. 88)
in diesen anlehnungen sahen wir unbetontes, tonlos gewordnes er,
umgekehrt aber fällt ein mehr oder minder starker ton darauf, 8@aa)
wenn es nachdrücklich wiederholt wird: er läszt sich wiedersehn! er läszt sich wiedersehn! 'wer, Daja, wer?' ér, ér! 'ér, ér? wann läszt sich dér nicht sehn! ja so, nur euer ér heiszt er'. Lessing 2, 213.
gleiches gilt von íhm, íhm; íhn, íhn.
im gegensatz oder sonst bei nachdruck, wo dann êr
gesprochen wird: ich oder êr,
einer musz fort. 8@bb)
nach bejahungen und verneinungen. wie mhd. in betheuernder antwort zu jâ
und nein
persönliche pronomina treten, vgl. jâ ich, nein ich (
wb. 1, 763
a. 2, 328
b),
ist auch in früheren nhd. schriften dieser gebrauch unerloschen: wenn der bapst einem sein sigel geben hat ... und er thet eins und versiglete damit falsche brief, wer der selb nit ein falscher? ja er warlich. Keisersb.
s. d. m. 22
a.
nach nicht
und niemals
empfängt er
den ton: ich habe es zuerst gesehn, nicht ér; mir gehört es zu, nicht íhm; nicht ér trug die schuld des haders, eine menge ursachen, die zusammentrafen, musten auch íhn darein verflechten; der dichter, welcher nie gelogen, dem stets der reim, und niemals ér dem lieben reime nachgezogen. Lessing 1, 80; keiner als ér hatte gewalt über sie; ér oder keiner soll der meine werden. 8@cc)
schon ahd. trat sëlbo
dem persönlichen pronomen verstärkend zu: ih sëlpo, dû sëlpo, ër sëlpo (
gramm. 3, 5);
ebenso mhd. und nhd. und ér selb ain munich was.
fastn. 438, 4; ér selbst hat es gesagt; íhm selbst war es so recht; íhn selbst trift aller vorwurf. eben ér,
ipsissimus. Dasypod. 320
d. 99)
wie den formen des persönlichen pronomens demonstrative beigemischt werden und zu manigfachem ersatz gereichen musten, zeigt sich auch syntactische berührung beider pronomina. 9@aa)
wir pflegen heute, preisend oder scheltend, das nomen mit dem artikel zu setzen: der engel! der edle mann! der glückliche! der thor! der narr! der elende!
mhd. hiesz es: ër gouch! ër schalc! ër tôre!
gramm. 4, 349. 350.
mhd. wb. 1, 436
a; ër sælic, dër dës gedinget!
MS. 2, 135
a; ër sælic munt, dër reiner zungen walde! 2, 143
b.
wir können gleichwol auch nhd. sagen: er betrieger! er glücklicher! 9@bb)
in der gerichtssprache ist es üblich, den auftretenden, erscheinenden personen ein solches er
vorzusetzen: er kläger, er beklagter, er zeuge
und im obliquen casus: ihm kläger, ihn zeugen.
die Carolina häuft er der: also, dasz er der ankläger, wo er die peinliche rechtfertigung nit ausfüren würd, den kosten abtrag thun wölle.
art. 12; und soll alwegen durch den schreiber jar tag und stund, auch wer jedesmal dabei gewest sei, gemelt werden, und er der schreiber soll sich, dasz er solches gehort und beschriben hab, mit seinem tauf und zunamen selbs auch underschreiben.
art. 182.
ebenso: im dem ankläger
u. s. w. 9@cc)
dieselbe apposition oder verbindung findet häufig statt, entweder um das er
durch den artikel mit dem nomen näher zu erklären oder diese durch ein vorgesetztes er
zu beleben: er der herr soll zwischen uns richten; auf ihn den könig vertrauen wir; er der dritte gieng zu den feinden über (
war der dritte übergebende); er der reiche weisz nicht, was den armen quält; ihm dem treuen will ich mein herz entdecken. er leutnant Adam Kurz.
Erbach contra Löwenstein 31. 9@dd)
das vorstehende er
kann auch als andeutung oder ankündigung des folgenden der
genommen werden. mhd. mit hurte vlouger under sie dër valke.
Parz. 282, 15; dar nâch ër sicherheite pflac dër stolze dëgen wërt erkant. 382, 6; sîn houbet ër ûf rihte dër wol gelobete wîgant.
En. 23, 6;
vgl. gramm. 4, 349.
mhd. wb. 1, 435
b. 436
a.
nhd. er schwingt sich vom rosse der mutige held; er höhnt ihn mit worten den armen gesell. 9@ee)
noch häufiger geht das demonstrativ voraus und das persönliche pronomen folgt. mhd. der junge stolze âne bart, sîn ors und ër gewâpent wart.
Parz. 286, 24; dër wërden tavelrunder bote, het ër die kraft niht von gote. 380, 12.
nhd. der mond und noch immer er scheinet so hell. Göthe 1, 230; die glocke sie donnert ein mächtiges eins. 1, 231; der kirchhof er liegt wie am tage. 1, 229; der lüsterne knabe er winkt mir ins haus. 1, 33;
wie andremal auch zwei demonstrativa gesetzt sind: der thürmer der schaut zu mitten der nacht hinab auf die gräber in lage, der mond der hat alles ins helle gebracht. 1, 229,
wozu man das schwed. dän. pronomen vor dem verbum halte, welchem schon das nomen mit oder ohne artikel vorangegangen war: förrn döden han kom; hör huru hanen han gal; konungsson han gngar sig; at hjorten den var tam.
diese überflieszenden pronomina eignen sich besonders für den ton des volkslieds. 9@ff)
in verwickelten und ausgedehnten sätzen hebt nach vorausgegangnem wer
ein weit dahinter folgendes er
die person wieder hervor: wer heute durch eine düstere novembernacht sich in der gegend des adelichen schlosses verirrt hätte und bei dem schwachen lichte eines bedeckten mondes äcker, wiesen, baumgruppen, hügel und gebüsche düster vor sich liegen sähe, auf einmal aber bei einer schnellen wendung um eine ecke die ganz erleuchtete fensterreihe eines langen gebäudes vor sich erblickte, er hätte gewis geglaubt eine festlich geschmückte gesellschaft dort anzutreffen. Göthe 22, 83.
hier wäre statt er
auch der
zulässig gewesen, doch klingt jenes lebendiger. 9@gg)
nicht weniger tritt er
einem relativen der
oder so
voraus: wol im dërs erbeiten mac. Walth. 48, 21; also ist er an witzen blind, der selbst dem teufel geit ein kind. Schwarzenberg 140, 1; vielleicht das er nicht zu verdamnen ist, so wider die lere des apostolischen stuls redet. Luther 1, 131
a.
doch zieht die heutige sprache beidemal ein der,
oder ein der, welcher
vor. 9@hh)
wenn Logau 2, 59, 30
sagt: die welt ist wie ein meer, ein jeder geht und fischt. nur dasz den walfisch der, den stockfisch er erwischt,
meint er unter er
soviel als jener. 9@ii)
kaum ein andrer schriftsteller bedient sich des er
so frei und vielfach wie Keisersberg.
es findet manchmal seine stelle, ohne dasz ein subject vorher gegangen war, auf das es sich unmittelbar beziehen liesze und der zusammenhang musz ihm dann seinen sinn, wie unter 5
gesagt wurde, anweisen. in den sünden des munds 38
b steht: zum ersten so geschicht böses wünschen usz guoter meinung, umb brüderlicher liebe willen, das er guot werd oder das er guote menschen ungeirret lasz. zum andern so geschicht es umb der gerechtikeit willen und liebe gottes. er sicht das das die meinung gottes des herren ist, darum wünschet er im böses, dem willen gottes wil er sich gleichförmig machen.
hier geht das erste er
auf den, welchem angewünscht wird, das zweite auf den wünschenden, beidemal aber ist das vorher unausgedrückte subject hinzuzudenken oder beidemal das er
als jemand oder einer zu verstehen. die ältere rede fand sich leicht in solche übergänge zurecht. anscheinend noch nachlässiger geht bei Keisersberg
der sg. er
hinter einem voraus im pl. ausgedrückten subject: etwann gieng man den frummen armen entgegen und name sie in die hüser und gab inen zuoessen, und welichem er (
d. i. einer unter diesen armen leuten) nicht werden mocht, dem was nicht recht, aber ietzundan ist es nicht mer.
s. d. m. 33
b. dem
geht auf welichem. 1010)
das pronomen er
und sie
richten sich ihrem begriffe nach auf die dritte person, erst in der jüngeren sprache, seit dem 17
jh., beginnen sie auch auf die zweite erstreckt zu werden. um diese seltsam scheinende ausdehnung hat es folgende bewandtnis. 10@aa)
schon in den alten sprachen gab es ein pronomen reverentiae, d. h. der höhere wurde nicht mit du,
sondern mit einem namen angeredet, der den glanz seiner würde ausdrückte, vgl. über den personenwechsel in der rede s. 11. 12.
zu diesem namen gesellte sich das verbum in dritter person. statt du hast mich angesehen
sagte der unterthänige: der herr hat mich angesehen,
oder mit beigefügtem possessivum zweiter person: deine gnade, deine durchlaucht hat mich angesehen. 10@bb)
solche namen giengen im laufe der zeit ihres gehalts verlustig und wurden zu leeren appellativen und titeln. mit herr
oder mein herr, frau
oder meine frau,
romanisch signore, sieur, monsieur
und madame, eccellenza, excellence
und andern mehr verband sich blosz der sinn einer in bestimmter lage gebührenden anrede und je mehr man sie häufte, desto mehr verloren sie an farbe. gegen das 17
jh. hatte der gebrauch dieser höfischen wörter in Frankreich und Italien so überhand genommen, dasz sie die natürliche anrede mit der zweiten person fast verdrängten. im fall gehäufter wiederholung der sich ganz im kreise der dritten person herumdrehenden anrede, muste aber auch das sie vertretende egli
und ella, il
und elle
genügen. 10@cc)
in unsre deutsche gesellschaftssprache, die von der welschen damals abhängig war, muste diese ausdrucksweise leicht eingang finden. so liest man z. b. in dem freundlichen gespräch zweier augspurgischer burger, die beurlaubung ihrer päpstischen ehehalten betreffend. Ingolstatt 1609: nun sage mir mein herr.
s. 41; sihet jetzt der herr, wer an diesem .... schuldig ist.
s. 72; weisz der herr sich auch zu berichten?
s. 90; warumb sagt der herr aber, aber?
s. 91;
und wol lassen sich aus schriften dieser zeit auch noch etwas frühere beispiele vorbringen. in Isac Winkelfelder, Augsb. 1617
s. 185
beginnt einer so zu reden: wann es dem herrn nit zuwider were oder er zu antworten nit bedenkens, so möcht ich gern wissen, wo der herr daheimb, wohin er zu reisen vorhabens und was ungefehrlich sein thun und lassen were? Scriver
schreibt im j. 1640
an eine vornehme person: mein in Christo Jesu hochgeehrter und geliebter herr! ich zweifele zwar nicht, dasz er seinem gott bereits wird abgebeten haben.
seelenschatz 1, 699.
im Simplicissimus, Mümpelg. 1669
s. 276 =
K. 390
heiszt es: der herr wird ihm belieben lassen, vor mir hin in busch zu gehen, wofern er nicht als feind tractiert sein will. ich aber dummelt ihn höflich fort und sagte, der herr wird ihm nicht zuwider sein lassen sich vor diesmal in die zeit zu schicken;
s. 366 =
K. 502: ich weisz nicht, herr schwehrvater, warumb er alles so widersinns anstellt, wenn andere neue eheleut copuliert werden, so führen sie die nächste verwandte schlafen, er aber jagt mich nach der copulation aus dem bett
u. s. w.; s. 429 =
K. 586: monsieur Schönstein ist ers oder ist ers nicht?
im j. 1689
schreiben sich gerichtspersonen einander: monsieur, mon très honoré amy. hierbei hat er eine registratur wegen Annen Marien Braunin bösen gerüchts zu empfangen ... kan ich demselben ümb des teufels werke zu zerstören ferner dienen, werde ich mich willigst dazu finden lassen. ich verbleibe meines hochgeehrten herren dienstw. Jacob Moritz Bandelow. er wird von allen meinigen gegrüszet.
neue mitth. des thür. sächs. vereins 9, 86.
vgl. 90. 10@dd)
in diesen belegen steht das er
gewöhnlich noch im geleite eines ausgedrückten herr,
als sich die redeweise eingebürgert hatte, war dies nicht mehr nöthig und das er
und sie
für du
oder ihr
konnten auch allein verwendet werden: dieweil er ein junger frischer soldat ist, will ich ihm ein fähnlein geben, wann er will.
Simpl. s. 370 =
K. 507.
in Weises
erznarren werden lebendige gespräche auf diese weise geführt: jungfer Mariegen, wie so allein? suchet sie johannisbeeren?
A. wie er sieht.
St. soll ihr niemand helfen?
A. was ich pflücke schmeckt mir am besten.
St. sie bemühe sich nicht, ich will schon pflücken.
s. 139. 140
und so durchgehends weiter. nicht anders im polit. stockfisch von 1681.
Solande. hat denn eure jungfer auch rothe augen?
M. wie er siehet.
s. 60; und musz er wissen.
s. 62.
die verdeutschung von Fontenelles pluralité des mondes, gespräche von mehr als einer welt. Lp. 1698
gibt que pensez vous?
welche frage an eine markgräfin gerichtet ist, wieder durch: was meinet sie?
und croyez vous donc? gläubet er denn?
hier geht die anwendung der dritten person weiter als im original selbst. die dritte person war aus einer vornehmen bald schon eine zutrauliche geworden, deren sich verliebte, eheleute untereinander, eltern und lehrer gegen die kinder und schüler, wenn sie freundlich und lobend sein wollten, bedienten. ei, mein hühnchen, schäme er sich doch!
ehe eines weibes s. 23; herr sohn, lasz er es immer gut sein.
s. 126; es isset doch niemand hiervon, meine tochter, lasse sie mir solches bis auf den abend bewahren.
s. 240; wie er nach dem becher greifen wollte, kam die liebste dazwischen. ach, mein engel, sagte sie, was will er mit dem ungesunden wein in dem leibe, er gedenke doch, dasz er durch einen jedweden becher etliche tage von seinem alter und noch einmal so viel blutstropfen von meinem herzen absaufen musz. ach, er thu den becher weg! Weise
erzn. 18.
alle diese reden klangen zu jener zeit natürlich und ungezwungen; noch Schillers
vater redet ihn in seinen briefen immer er
an, die mutler er
und du
hintereinander. beide er
und sie
galten auch für vornehmer und ehrender, als das seit dem mittelalter übliche plurale ihr,
etwa wie franz. monsieur il
höflicher war als der pl. vous.
der altvater auf Felsenburg 2, 518
wird angeredet mit er,
gibt aber nur ihr
zurück; auch anstatt uns der rector zuvor ihr betitulte, so nennete er uns bei empfang des degens er.
Leipz. avant. 1, 72; der rector und seine frau nennten uns nicht mehr ihr, sondern er, dieses machte uns doppelt stolz. 1, 75. 10@ee)
allmälich und im lauf der ersten hälfte des vorigen jh. änderte sich dieser verhalt, das er
sank aus doppeltem grunde. einmal gerieth man auf die übertreibung, deren selbst die romanische höflichkeit sich nicht schuldig gemacht hatte, dieses er
in den pl. sie
zu schrauben, dann auch das verbum im pl. folgen zu lassen; für er hat = du hast, er thue = thu du,
setzte man das unnatürlich gesteigerte sie haben, sie thuen
für denselben sg. zweiter person durch; weil aber solches plural sie
dem er
und sie
des sg. noch überwog, muste sich der letzteren werth verringern. dazu trat, dasz jenes im 17
jh. niedrigere ihr =
vos im 18
wieder höher aufgebracht und in gewissen fällen dem sinn des franz. vous,
engl. you,
oder mhd. ir
gleichgestellt wurde. im Rameau übersetzt Göthe
das vous
durch ihr,
nicht durch sie,
und mit gutem grund. heutzutage ist demnach ihr
zwar weniger als sie (
auszer in gedichten),
allein mehr als er
oder sie
f. sg. wir reden jetzt einen freund wol auch ihr
an, geben aber das er
nur einem geringer scheinenden bauer und handwerker. wo sie
zu viel scheint, du
den angeredeten dem anredenden zu sehr gleichstellen würde, wählt man er.
die feinere geltung dieser pronomina weicht nach kurzen zeitfristen ab und bestimmt sich anders, z. b. bemühe er sich nicht, herr richter,
heiszt es noch bei Göthe 14, 296; so laszt euch bedeuten, herr richter. 14, 300; ja recht lächerlich sieht er aus, herr Schnaps. 14, 307; so gut solls ihm nicht werden. 14, 307.
scherzhaften ton hat bei Gotter 1, 82: allein, herr bräutigam, nehm er sich wol in acht, und werd er, nach der ersten nacht, kein murrkopf, dulden musz er, ja selbst gerne sehen, dasz junge herrn zu seinem weibchen gehen.
ein gedicht Bürgers
an Gökingk beginnt 40
a: nun nun, verschütt er nur nicht gar das kindlein mit dem bade!
und führt das er
weiter durch, doch 40
b mit rückfall in du sieh, was die reimerei beschert, die du vermaledeiet.
ein anderes erzt
munter und zierlich den sperling: bons dies herr spatz! ei seht doch mal, willkommen hier auf meinem saal, er ist gefangen, sieht er wol. 20
a.
und so braucht man jetzt das er
fast nur noch scherzhaft gegen kinder, hunde, vögel: will er gleich parieren! will er wol!
und dergleichen. wie eifersüchtig man ehmals auf die abstufung der anrede achtete, zeigt folgende stelle aus Wagners
kindermörderin (1776)
s. 88:
Humbrecht: ich heisz Martin Humbrecht, metzger und burger allhier (
zu Straszburg), und für mein geld, das ich der stadt abgeben musz, heiszt mich ihre gnaden, der herr ammeister selbst, er.
fiskal: ich versteh schon, herr Humbrecht. er, sie, mir gilts gleich.
Die fortschreitende ausgleichung aller stände arbeitet darauf hin, die überreste des er
wegzuätzen, womit wir zufrieden sein könnten, wäre aus ihm nicht das noch unedlere sie
des pl. hervorgegangen. 10@ff)
natürlicher als der ersatz zweiter person durch er
und die dritte ist der ihm allerdings verwandte durch den eigennamen mit gleichfalls dritter person. einem namentlich angeredeten gebührt zwar die zweite: Heinrich komm, du bleibst lange aus, warum bist du nicht da?
weil aber der andere sich auch als dritten denken läszt, so kann in dritter person ausgedrückt: Heinrich bleibt lange aus, warum ist Heinrich nicht da?
immerhin die zweite meinen. so bei Lessing 1, 408: wie versteht Lisette das?; sie meint es sehr gut, Lisette; aber ich sehe, Lisette hat verstand; offenbar = wie meinst du das? du meinst es sehr gut, ich sehe du hast verstand.
diese redeweise könnte scheinen überhaupt den schlüssel herzugeben für das er
mit dritter person statt zweiter, ohne dasz man der erklärung aus herr
und ähnlichen wörtern bedürfte, es wäre nichts als eine den sinn unverändert lassende verwandlung der person. dann jedoch würde man nicht einsehen, warum solche umwendungen in früherer zeit unterblieben seien und deshalb musz es näher liegen dieser er
unmittelbar auf den romanischen sprachgebrauch zurückzuleiten. 10@gg)
man könnte die frage aufwerfen, da männliches er
und weibliches sie
mit der dritten person zu umschreibung der zweiten gereichen, warum nicht auch das neutrum es
dafür diene? nirgend aber findet sich in diesem sinn es
verwandt, worin ich eine neue bestärkung der romanischen abkunft der redensart erblicke, da den romanischen sprachen das neutrum erloschen ist. denkbar wäre, dasz, wie unter f)
männliche und weibliche namen, ebenso auch neutra in dritter person statt der zweiten gesetzt würden, z. b. Lisettchen, das kind, das mädchen kommt nicht.
traulich könnte wol mit es
angeredet werden, nicht höflich und ehrbezeugend wie mit er
und sie. 1111)
von altersher pflegt unsere sprache die pronomina er
und sie
substantivisch für mann und weib, männchen und weibchen, vorzugsweise der vögel zu gebrauchen. die frühste stelle begegnet schon im physiologus: dannan von (
der hyäne) zellit physiologus, daʒ iʒ (
das thier) zuei geslahte habe, sibenstunt ist iʒ ër, wîlen si.
Diut. 3, 26 (
bei Karajan 82, 7 undir stunden ist ëʒ dër ër, dâ nâch diu si ein vrist); diu fulica ist ein unreine vogil, si nist ze frume, ër noch si.
in Wolframs
Tit. 64
heiszt es: minne, ist daʒ ein ër? maht du minn mir diuten? ist daʒ ein sie? kumet mir minn, wie sol ich minne getriuten? muoʒ ich si behalten bî den tocken? od fliuget minne ungërne ûf hant durch die wilde? ich kann minn wol locken,
wo der gedanke an einen heranfliegenden vogel, den man auf die empor gehaltne hand lockt, um so näher liegt, da auch Eros geflügelt erscheint. in Lichtensteins
frauendienst 434, 26
steht dafür: hërre, saget mir, waʒ ist minne? ist ëʒ wîp odr ist ëʒ man?
und im gedicht von Mai 64, 26 ist minne wîp oder man? 190, 20: si sâhen daʒ ëʒ was ein ër (
ein knabe);
bei Heinzelin von Konstanz 1802: minne ist weder wîp noch man und ist doch bî in beiden;
GA. 3, 34
von dem gefürchteten gespenst: ist ëʒ ein si oder ein ër, oder wie kumt ëʒ geslichen hër?
aber in den gestis Roman. K. s. 11. 12
von einem storchspaar: do geschach daʒ, daʒ die si auszoch (
ausbrütete) zwei störichlein und der er floch aus, da er mocht vinden speis seinen chinden und der si. nu ist gaistlichen zu versten, die zwen storchen, der er und die si, bezaichent uns Christum. Megenberg
bedient sich dieser wörtchen oft, aber nur von vögeln und pflanzen, gibt ihnen meist schwache, einigemal starke flexion, auch zeugt er davon neutrale diminutiva. die stellen verdienen hier alle ausgehoben zu werden: diu krâw speist (
füttert) ir sien, wenne diu prüett und nit auʒfleugt. 178, 7; eʒ sint auch etleich tauben, wenne si ir gemaheln verliesent, daʒ si witiben beleibent, und die vermeident auch gemainen häuser der tauben, die ir gemahel habent, dâ von daʒ si (
eas) die ern (
mares) niht unruoen, und fliehent von in und wonent in den wilden velsen. 181, 32; wiʒʒ auch, daʒ under den wahteln mêr ern sint denn sien, und under den vischen, die ze latein pectines haiʒent, sint auch mêr ern wan sien, aber under den menschen werdent mêr dirnkint geporn dann degenkint. 182, 32—183, 3; die langen air, diu spitzig haupt habent, die pringent erl, aber sinwelliu air, diu an der spitz sinwel sint, diu pringent siel. 195, 3. 4; er spricht auch, daʒ kain ai perhaft sei, denn der gevogelten sien air, dâ des ern sâm zuo gemischet ist. 195, 9; der vogel ist gar schraiig, iedoch allermaist in der zeit der unkäusch, als in dem lenzen, und in der selben zeit speist er die sien vor rehter lieb. 200, 3; die sien werdent fruhtbær allain von dem trahten des gailn gelustes. 201, 11; wenn die ern mitenander streitent umb die sien. 215, 27; wan sô der wint von den ern wæt zuo der sien in der zeit irr unkäusch, sô gevæt si zuo. 216, 10; diu ander aigenhait ist, daʒ under der lai paumen (
den palmen) si und er ist, und der er pringt nümmer kain fruht, man muoʒ si paid nâhent zuo enander pelzen. sô dan diu reht zeit kümt, sô naiget sich der er zuo der sien und schrenket sein este zwischen ir este, und ie der sien zwên este druckent sich ze samen und umbvâhent des ers ainen ast. dar nâch richtent si sich wider auf, wan sô hât diu si zuogevangen und ist fruhtpær worden. 337, 8—15; und ist (
die alraun) zwair lai, si und er, und der er hât pleter geleich pieʒenpletern, aber diu si sam lactukenpleter. 406, 32; wenn man des krautes wurzel ain tail in wein legt, so macht er dester mê trunken und das tuot aller maist des ern wurzel. 407, 23; alsô ist an etleichem gefügel, dâ sint die sien auch sterker wan die ern. 493, 8; unter dem kraut (
aristolochia) ist eins si, das ander ere. Ortolphs
arzneibuch von 1488; wird er aber ein schaf zum sündopfer bringen, so bringe er das eine sie ist, on wandel (
vulg. ovem immaculatam).
3 Mos. 4, 32,
wo die nd. bibel hat: dat ein se is,
die nnl. dat een wijfken is; nu hatte er alle thier geschaffen, sie und er, aber seine sie und geferten fand er nicht. Luther 4, 19
b; siehe, das ist eine sie, das ist ein er. 4, 20
b.
In der Schweiz: ists ein eher (
wie Stalder 1, 338
schreibt), oder eine sie?
ein männchen oder ein weibchen? in Baiern er oder se? er oder is? Schm. 1, 121. 3, 182.
in Hessen he und sä
für mann und frau, nd. heken und seeken, he und sieke (
wie für reh rieke);
schon bei Arnold von Imensen 1735
sagt gott zu Noe: gank an de arken mit dîner frauwen, dîne kinder unde or wîf lât mit di rauwen in dîner arken dâr, aller vogel unde dêrte io ein pâr van dusser aller sclechte, he unde se, so deistu rechte.
man hat das nord. pronomen han
und hon
verschiedentlich auf die vorstellung von hahn
und huhn
bezogen, das mag falsch sein, stimmen könnte dazu, dasz für er und sie
oft auch hahn und sie
steht, z. b. der hahn und die sie. Gellert 3, 397; hahn und sieke (Döbel 3, 183
a); ich weisz manchmal nicht, ob ich ein hänchen (
l. hänichen) oder sieichen (
bübchen oder mädchen) bin.
causenmacher 81,
wie auch nach Buttmanns
gramm. 1, 160
ὄρνις zuweilen die sie
ausdrückt, und wir er
und sie
ganz besonders auf vögel angewandt sahen; beides lag nah, sowol das pronomen auch von thieren, als thierische appellativa von menschen gelten zu lassen. man findet fröwlin
vom thierweibchen gesagt, die Finnen setzen koiras ja naaras
hund und hündin auch für das männchen und weibchen andrer thiere. in Schwaben nennt das volk des königs gemahlin sui (
die sie).
gleich unserm er
und sie
gilt auch den Slaven on
und ona
für männchen und weibchen, vgl. Vuk
Montenegro 95.
es zieht an, diese naiven ausdrücke in unserm alterthum wie bei andern völkern aufzuspüren. Logau
setzte auch abstractes er,
wie ich,
als männliches subst., das ist aber nicht volksmäszig: mein andrer ich ist tod! o ich sein andrer er erwünschte dasz ich er, er aber ich noch wär. 1, 84, 46.