reizen,
verb. ,
prät. reizte,
incitare, provocare. II.
Formales. das wurzelauslautende z
verhält sich zu ʒ
in mhd. ahd. reiʒen,
wie in nhd. heizen
calefacere zu älterem heiʒen, beizen
zu beiʒen, weizen
zu weiʒe.
vgl. Grimm gramm. 1, 412. Holtzmann
altd. gramm. 1, 298.
für Notker
steht reiʒen
fest Graff 2, 558.
dasselbe wird für das mhd. und das ältere nhd. durch reime oder schreibung bestätigt: Segudaris geheiʒen. sie begunden sich underreiʒen von êrst mit den worten. Herbort
troj. krieg 1447; si kan den man darûf wol reiʒen, daʒ er unbildes vil begât an armen küejen und an geiʒen.
minnes. 2, 313
a Hagen; du rayszest mich vil sêr auff der fart. Suchenwirt 46, 116; wir süllen ainander reyssen, schellen, grymmen und peissen. Hätzlerin 2, 52, 13; wer den andern nOetet oder reiszet zuo sweren an deme sunnendage, der ist verfluchet mit deme der den eit sweret.
d. städtechron. 8, 114, 17 (
Closener); domit hestu mich gereiszet, das mir desto noter zuo dir ist. 8, 306, 31 (
um 1400); hetzete und reysete sin volg. 9, 664, 17 (
um 1400);
provocare an raisen Dief. 468
c, reysen
nov. gloss. 307
b,
incitata geraisset 213
a.
vgl. auch raissen
der minne falkner 103, 3, baiste : raisste 182, 1. 3: damit uns understeht zu reissen: denn thut uns das gewissen beissen. B. Waldis
Esopus 2, 21, 85; da er sie lang het underweiszt, mit guter ler zum besten greiszt.
leben Esopi 283.
diesem mhd. reiʒen
entspricht altnord. reita,
schwed. reta.
früh schon musz neben reiʒen reizen
aufgetreten sein, vgl. mhd. wb. 2
1, 674
a: zeitige tateln sint warm unde veuht unde reitzent die huorgelust.
arzneib. a. a. o. des mhd. wb., vgl. reitzære Hahn
ged. des 12.
und 13.
jahrh. 45, 74, reitzen 53, 37, reytzen, raitzen
incitare Dief. 292
a,
irritare 310
a,
provocare 468
c. IIII.
Gebrauch. II@11)
im allgemeinsten sinne erregen, besonders im physiologisch - psychologischen sinne empfindung, lebensbethätigung erregen: sinnesorgane, nerven werden gereizt. die sinne reizen
in freierem gebrauch, s. unten 2,
a. den magen, die zunge, die hautthätigkeit, den appetit reizen; o schöne fecalische materi unnd trusenmszlein, schöne krebsmszlin, und gebachen haselstaudenkätzlin .. das reytzt und trib die geburt. Fischart
Garg. 82
a; kommt denn und schmaust, ihr lieben; die feldluft reizet den hunger. Voss
Luise 1, 555.
dann über das zuträgliche masz erregen, schmerzhaft erregen: das reitzen und stächen desz schmertzens. Maaler 330
d; allzu grelles licht reizt das auge. II@22)
auf das seelische leben übertragen. II@2@aa)
lebhafte anmuthende empfindung hervorrufen, lockend anziehen. II@2@a@aα)
von sinnlich-geschlechtlicher reizung, erweckung sinnlichen begehrens und ebenso der mehr vergeistigten und verfeinerten art des verlangens. siehe in dieser beziehung besonders den gebrauch des part. präs., unten 4,
b: gewene dich nicht zu der singerin, das sie dich nicht fahe mit jrem reitzen.
Sir. 9, 4; ein jglicher wird versucht, wenn er von seiner eigen lust gereitzet und gelocket wird. 1
Jac. 1, 14;
mhd. dâ reitzet minne mit ir spil. Lichtenstein 578, 17; der jungelinc was niht ze laʒ, er ranc mit ir umb minniclîcheʒ reiʒen.
meisterl. der Kolm. handschr. 2, 126; die macht gereizter zärtlichkeiten, der liebe schmeichelnde gewalt. die werden doch dein herz erbeuten. Hagedorn 3, 31; ja, die blonde gleichet oft der braunen; eine reizet eben, wie die andern. Göthe 1, 218. II@2@a@bβ)
freier gewendet, anziehen, locken, anstacheln: ewer exempel hat viel gereitzet.
2 Cor. 9, 2; das erhabene rührt, das schöne reizt. Kant 2, 231
Hartenstein (
Leipzig 1867); mich reizt das landleben, die einsamkeit; ihn reizte grade die schwierigkeit des unternehmens; diese dichtung vermag wohl zu reizen, aber nicht zu fesseln
u. ähnl. der gebrauch von reizen
in dieser richtung ist in der älteren sprache beweglicher: aus raitzen seiner hausfrauen und etlicher rät schrib er die lehenpflicht künig Rudolphen wider auf. Aventinus 2, 391, 20; die trummeten reitzend und machend gehertzt die kriegsleut. Maaler 330
c; wenn dich die bösen buben reizen, so folge ihnen nicht. Stieler 1604; es reitzt mich kein berühmter tittel, es rührt mich weder hoff noch pracht. Günther 197; die saat ist aufgeschossen und reizt der schnitter hand. Hagedorn 3, 70; nun reizt mein ohr kein lied der Philomele, kein blümchen meinen blick. Hölty 134
Halm; der plan, den sie mir zeigen, erschreckt und — reitzt mich auch zugleich. Schiller 5
2, 331 (
don Carlos 4, 3); ja! vieles reizt mich hier, ich will's nicht läugnen, mich reizt die bunte, kriegerische bühne, die vielfach mir ein liebes bild erneuert.
Piccol. 3, 4; lieblich hör' ich schon von weiten und es reizet mich die menge; ja sie wallen, ja sie schreiten von dem hügel in das thal. Göthe 2, 35; denn zwar reizt es den mann zu sehn die drängende menge seinetwegen versammelt, im leben, gierig des schauens. 40, 366; endlich ist es sommer worden, und beim ersten morgenschimmer reizt mich aus dem holden schlummer die geschäftig frühe fliege. 2, 101; locken uns lieder, reizen uns wonnen, blühet das leben lieblich im schein. Arndt
ged. 133; die einbildungskraft, die empfindlichkeit jemandes reizen,
besonders den unwillen, den zorn reizen,
in bildlicher wendung die galle reizen,
ebenso das zwerchfell reizen (
zum lachen reizen); den verstand reitzen und fruotig machen. Maaler 330
c.
die ältere sprache bewegte sich hier wieder freier, reizen
wird bisweilen ganz im sinne von in bewegung setzen, herbeiführen gebraucht: reiʒende die chrefte des muotes. Notker
bei Graff 2, 558; wenne got raizzit sînen zorn.
spec. eccl. 50; sô reizzet er sîn âhtesal uber alle die christenheit. 173; wer die nasen hart schneutzt, zwingt blut eraus, und wer den zorn reitzet, zwingt hadder eraus.
spr. 30, 33; diu zunge reiʒet manegen strît unt dicke lange wernden nît .. diu zunge reiʒet manege nôt, die nieman wendet wan der tôt ... diu zunge stœret manegiu lant, si reiʒet roup unde brant. Freidank 164, 5; eʒ reiʒt daʒ ungevüere, daʒ man wol verswüere.
Gregor. 249; dô gienc diu küneginne, niht nâch sölher minne diu sölhen namen reiʒet der meide wîp heiʒet.
Parz. 192, 9. II@2@bb) reizen,
erregen in engerem sinne, zu unwillen und zorn erregen. so besonders das part. prät. gereizt
in adjectivischem gebrauche: diu slang schat niemant, dann man raiz si gar vil. Megenberg 285, 2; sie haben mich gereitzt an dem, das nicht gott ist, mit jrer abgötterey haben sie mich erzürnet. 5
Mos. 32, 21; umb der sünde willen Jerobeam die er thet, und da mit Israel sündigen macht, mit dem reitzen, damit er den herrn den got Israel erzürnet.
1 kön. 15, 30; niemand ist so küne, der jn reitzen thar.
Hiob 41, 1; sich selbs reitzen und zuo zorn bewegen. Maaler 330
d; einen hund reizen,
canem irritare, durch necken, schlagen u. ähnl. unwillig machen. Stieler 1604; die thorheiten der menschen belustigen mich lange, eh sie mich reizen. Schiller 3, 127 (
Fiesko 4, 13); der schwäbische bund, durch die alten und neuen beleidigungen gereizt. L. v. Ranke
werke 1, 252; der alte gegensatz beider lager .. machte sich in gereiztem briefwechsel geltend. L. Häusser
deutsche gesch. 4
2, 284; sich in gereizter stimmung befinden; in gereiztem tone sprechen.
milder den feind durch beunruhigung der vorposten reizen; die nâch ir antheiʒen got gitorsten reiʒen (reitzen
hs.) mit maniger unvuore, mit übermuot unt mit huore. Hahn
ged. des 12. u. 13. jahrh. 53, 36; dô sprach der küene Wolfhart'got weiʒ wol hêr spilman, irn durft (
braucht) uns niht reiʒen:ir hapt uns übel getâ
n. törst ich vor mînem hêrren,sô kœmet irs in nôt: des müeʒe wirʒ lâʒen,wan er uns strîten hie verbôt'.
Nib. 2204, 1; dô wart daʒ volch gereiʒet: 'swer sich chunich heiʒet, der tuot wider daʒ rîche', sprâchn si alle gelîche. H. Heszler
evang. Nicodemi 1479; sie reizen mich mit sünden: was gilts, es soll einmal sich wider etwas finden zu ihrem zorn und qual! P. Gerhardt 282
Gödeke; wer zu sehr die nase schnäutzet und die hunde töricht reitzet, gehet blutig offt davon. S.
Dach in ged. des Königsb. dichterkr. 83
neudr.; Bysantz erkenn' anietzt den wehrt von Rudolphs göttlichem geblüte, und küsse Carls gereiztes schwerdt! Günther 126; denn fürchten musz er die gerechte rache des freien mannes, den er schwer gereizt! Schiller
Tell 4, 1. II@2@cc) reizen
mit näherer bestimmung der richtung, nach welcher sich die erregung äuszert. II@2@c@aα) reizen zu etwas: got reizton sie ze zorne dâr in durri. durre uuas daz lant, durre uuas iro muot: daz reizta got ze zorne. Notker 77, 17; unde in iro abgotpilden reizton sie in ze fientscefte. 58; die reissete er ouch zuo bosheit.
deutsche städtechron. 8, 240, 9; sant Bernhardus, der in stetiglich zu allen tugenden geraitzt hat mit seiner göttlicher lere. 3, 90, 20; denn sie reden stoltze wort, da nichts hinder ist, und reitzen durch unzucht zur fleischlichen lust, die jenigen, die recht entrunnen waren, und nu im jrthum wandeln. 2
Petr. 2, 18; hat sich mein hertz lassen reitzen zum weibe.
Hiob 31, 9; sonder (
der teufel) reitzet auch Euam eben dardurch zum ungehorsam gegen gott.
doctor Faust 7
neudr.; es solt uns zuor buosz und besserung reitzen und ermanen. Wickram
irr. reit. bilger vorred A 2; anmuth und würde stehen in einem zu hohen werth, um die eitelkeit und thorheit nicht zur nachahmung zu reizen. Schiller 10, 123; reitzt satan dich zur missethat, bedenck was sie zum auszgang hat!
ged. des Königsb. dichterkr. 265
neudr.; ihrer freiheit segen — saget was wohl mehr zu herrscherlust reizt den wurm, der rastlos naget in des übermächt'gen brust? Stolberg 2, 50. II@2@c@bβ)
mit dem infinitiv, oder einem nebensatze: so raitzen wir die lebendigen, der tôten sünd zu volstrecken.
d. städtechron. 3, 109, 21; ob ich möchte die, so mein fleisch sind, zu eivern reitzen, und jrer etliche selig machen.
Röm. 11, 14; keiner soll yemant anders zuo trincken reytzen. Franck
weltb. 36
b; einen reitzen die weyszheit zu lieben. einen zuo kriegen reitzen. ze weynen reitzen, ze läsen reitzen. reitzen zekotzen. Maaler; zu husten, zu lachen reizen
u. ähnl.; und wo des bauches weiches vliesz den scharfen bissen blösze liesz, da
reiz ich sie den wurm zu packen. Schiller 11, 277.
nebensatz mit dasz: und der zorn des herrn ergrimmet aber mal wider Israel, und reitzt David unter jnen, das er sprach. 2
Sam. 24, 1;
mhd. er reiʒte ires vaters kneht, daʒ er ir begerte zuo der ê.
pass. 130, 38
Köpke. II@2@c@gγ)
andere verbindungen, mehr der älteren sprache, reizen in: ich merckt gar bald, wie mich meine köchin mit falschen threnen unterstund widderumb in die lutherische sect zu reytzen. Alberus
widder Jörg Witzeln mammeluken K 6
a.
ganz räumlich vorgestellt: so ein mäsziger fisch ist dieser, dasz er sich mit keinem aas in die fach reitzen läszt. Forer
fischb. 21; sie war so alt doch nicht (
die buhlerin), und reizte manchen noch, durch willigkeit und scherz in ihr gemächlich joch. Lessing 1, 24;
mhd. ich gên dir vor, du gêst mir nâch, unt reiʒe dich in der minnen strik.
minnes. 1, 337
b Hagen. reizen auf etwas: Machomet raytzt der seinen gier, auff synnlich wollüst als di thier. J. v. Schwartzenberg 154.
im mhd. ist reizen
in verbindungen dieser art freier als in der neueren sprache, vgl. mhd. wb. 2, 1, 674. Grimm
gramm. 4, 858. II@33)
in der weidmännischen sprache durch nachahmung von thierstimmen wild locken: reitzen, schmutzen, locken oder rufen ist der stimme eines thieres nachahmen, damit solches auf das reitzen oder locken zukomme. Heppe
wohlred. jäger 242
a; wer ein guter laufschütze ist, kann auch durch das reizen, welches das nachahmen des hasen- oder vogelgeschreies ist, füchse herbeilocken, wenn er sich unter wind anstellet.
jagdlust (1783) 1, 412. II@44)
gebrauch des part. präs. II@4@aa)
anschlieszend an die bedeutungsnüancen des verbums: das organ (
das auge in einem finsteren raume) ist sich selbst überlassen, es zieht sich in sich selbst zurück, ihm fehlt jene reizende befriedigende berührung, durch die es mit der äuszern welt verbunden und zum ganzen wird. Göthe 52, 16; jeder dieser vorgänge musz eine gewisze intensität und geschwindigkeit besitzen, wenn er zum reize werden soll. ihre reizende eigenschaft verdanken aber die genannten bewegungen höchst wahrscheinlich dem umstande, dasz
u. s. w. Wundt
physiol. psychologie2 1, 293; reitzende (
aufregende) wort, unnütz geplauder Kirchhoff
wendunm. 334
a; denn die bösen exempel verfüren, und verterben eim das gut, und die reitzende lust verkeret unschldige hertzen.
weish. 4, 12.
ebenso raiʒunde fraw
in hs. bei Schm. 2, 194; und wenn ein reizend (
rührendes) wort ihm bis zur seele dringt, entschlieszt er sich, zu fliehn. J. E. Schlegel 1, 118. II@4@bb)
in neuerer sprache erscheint das part. reizend
in ganz adjectivischem gebrauch; ausgehend von der bedeutung verführerisch, verlangen erregend (reitzend,
illecebrosus, illicibilis, titilans Steinbach 2, 256),
entwickelt es neben dieser besonders den allgemeineren und abgeschwächten sinn von anmutig, lebhaftes wohlgefallen erweckend, anziehend, verlockend u. s. w., vgl. reiz: doch zeigt der himmel und die erde mir keine lust so reitzend an, als wenn ich dir vereinigt werde, und deiner huld genieszen kann. Günther 16; versteht es (
das mädchen) gleich das zehnte nicht von allen diesen tausend sachen: genug, es spricht mit lachen, und kann sehr reizend lachen. Lessing 1, 17; der eine weg war schmal, und ging nach steilen höhen; der and're breit, bequem, und reizend anzusehen. Lichtwer 174; du bist reizend, o mond, wenn du, lächelnder gott, durch das blaue gefild, im gewande von licht, deine tritte beflügelst. Hölty 67
Halm; leuchte mich durch den wald, wo mein reizendes mädchen meinen schritten entgegen lauscht. 68; mädchen, wie der kleine bube täuscht sich oft der graue greis, wenn der lebensquell in eis hingestarrt, am rand der grube, reitzend ihm und unerreicht noch geschrumpfte beeren zeigt. Stolberg 2, 61; zum weiseren gebrauch, zum reitzendern genusz des glückes, das sich ihm so oft versöhnte. Wieland 9, 111; da seh ich dich, die krone aller frauen, in weiblich reizender geschäftigkeit, in meinem haus den himmel mir erbauen. Schiller
Tell 3, 2; reizend ermattet, als hätte die nacht ihr zur ruhe nicht genüget, so senkte sie sich (
Aphrodite) in die arme des thrones. Göthe 40, 346; eine reizende schönheit, reizendes gesicht, reizende figur, reizender anstand; eine reizende gegend, lage, aufenthalt; eine reizende erzählung, reizendes gedicht, reizendes bild, reizendes lied, reizende komposition, reizender umgang, reizendes verhältnis, reizendes vergnügen
u. s. w.: man erziehe ihn (
den jüngling) im schoos einer schönen reizenden natur — er wird sich bald an schönheit und harmonie gewöhnen. Schiller 1, 35; wenn eine schlafende person reizend ist, so ist sie es keineswegs durch die bewegungen die sie macht, sondern durch ihre züge, die von vorhergegangenen bewegungen zeugen. 10, 80; nichts ist reizender in der natur als eine schöne landschaft in der abendröthe. 181; sie entwickelte bey dieser einfachen handlung des täglichen lebens unzählbare reitzende bewegungen. Arnim
Hollins liebeleben 38
Minor.