vorsprechen,
verb. ,
vgl.fürsprechen teil 4, 1, 1,
sp. 836,
wo auch die behandlung von für-
und vorsprechen
in den nhd. wörterbüchern dargelegt ist; ahd. fora-, foragi-, furi-, furigisprehhan Graff 6, 379;
as. foresprekan Wadstein
kl. as. sprachdenkm. 51, 17;
mhd. vür-, vorsprechen
mhd. wb. 2, 2, 527
a; Lexer 3, 588;
mnd. vorspreken Schiller-Lübben 5, 456
b;
mnld. vorespreken Verwijs-Verdam 9, 1100;
prefari vorsprechen Diefenbach
gloss. 453
c; Maaler 476
c d; Hulsius-Ravellus (1616) 390
a; Stieler 2368; Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 885
a; Dentzler (1716) 338
a; für-
et vorgesprochen, ich spreche vor Steinbach 2, 642; vorsprechen Frisch 2, 307
a; Adelung; Campe. 11)
insofern das verbum die tätigkeit eines rechtsbeistandes oder dann freier das eintreten für einen andern oder eine genossenschaft, auch wohl für eine sache in rede, schrift bezeichnet, ist es schon in älterer zeit selten und später dann völlig veraltet; bereits Maaler
verzeichnet diese bedeutung nicht mehr: vorsprechen,
patrocinari Stieler 2368; vorsprechen, einem das wort reden,
avocare, avocasser Rädlein (1711) 1016
b; 'vorsprechen,
in eines andern nahmen, ingleichen zu dessen besten sprechen, in welchem falle es eigentlich fürsprechen
heiszen müszte, ist nicht üblich' Adelung: welcher jare und tage alhie sitzet und keinen nachfolgenden hern hat, so sol er unsers obg. junkhern sein, der sol in fur den sinen behalten und vorsprechen (
rechtlich vertreten)
weist. 6, 64; vor unserm gericht gegen unsere burger soll niemandts vorsprechen, he sei dann ein burger
quelle d. 16.
jh. bei Bauer-Collitz 141. —
in allgemeiner anwendung: haben sie die güte ..., bei diesem herrn für uns vorzusprechen, dasz er uns eine probe seiner kunst sehen lasse Schiller 4, 211
G.; nd.: du brûkst hum net altîd forspräken un ferdägen ten Doornkaat-Koolman 1, 544
b. 22)
sprechen vor andern, das wort führen, oder auch vor der eigenen eigentlichen darstellung etwas sagen u. ä.: vorsprechen,
parler premier, parler deuant un autre Hulsius-Ravellus (1616) 390
a: einen vorsprechenden scholtheiszen
weist. 2, 230. — für-
et vorsprechen (das),
verborum praefamen Steinbach 2, 642: günstiger, geliebter leser; ich halte dafür, dasz diese meine sinngetichte viel fürredens oder fürsprechens nicht bedürffen Logau
sinnged. 1
E. (
fehlt oben unter fürsprechen);
vgl. auch forasprehhan,
praemittere Graff 6, 379;
in besonderer wendung in bezug auf wortformen, die andern vorausgehen: es sind in dem zeitworte drey personen: die erste, da man vorspricht, ich, wir Schottel
t. haubtspr. (1663) 550. —
redend zuvorkommen: praevenit eum dicens foresprak Wadstein
kl. as. sprachdenkm. 51, 17. 33)
vorher (
der zeit nach)
sprechen, sagen, anführen, erwähnen: daz chein schade den vorgenanten bruderen, von deme vorgesprochin were, geschiet
hess. urk.-buch I 1, 378. —
praeiudicium vorgangen oder vorgesprochen urteil, so in gleychem fal krafft haben mag Frisius
dict. (1556) 1040
b;
praerogativa 1043
b; ein vorgesprochenes urteihl Schottel
haubtspr. (1663) 652
b. —
rückweisend: aber bist du her in komen mit diser vorgesprochen tugende Tauler
pred. 369
V.; und daran die schilt und clainat der vorgesprochen land
dt. städtechron. 4, 61 (
Augsburg); durch die eygenschaft und namen der vorgesprochen zal
d. heiligen leben, winterteil (1471) 49
b;
mnd. vorsprôken Schiller-Lübben 5, 458
a. 44)
vorher sprechend empfehlen, vorschlagen, bestimmen, verlangen: prepetere vorsprechen Diefenbach
gloss. 455
c;
vgl. mhd. wb. 2, 2, 527
a, 6 c; der tac sî iu in allen wîs gezelt und vorgesprochen Rudolf v. Ems
Willehalm 403; da wart nicht lenger an gespart, ich gab im, was er vor sprach
kl. mhd. erz. d. Heidelbg. hs. 56, 183
R. 55)
vorherverkünden, prophezeien: nu seht! diz sint die wissagen, die alsus haben bi ir tagen gesaget von gotes kinde, des ich genuc vinde, wand ez vorgesprochen wart
passional 77, 29
K. 66)
gegenüber dem gebrauch der älteren sprache wird dann das verbum auf wenige bedeutungen eingeschränkt. 6@aa) vorsprechen
im gegensatz zu nachsprechen: die schuolmeister sprechend den knaben vor und leerend sy Maaler 476
d; die vorsprechende lehrerin Gutzkow (1872) 12, 126. —
gewöhnlich mit objekt: praeire verba eim etliche wort vorsprechen, die er nahin sage Frisius
dict. (1556) 1038
b;
praejuro ... die form des eydschwurs vorsprechen Calepinus
dict. XI ling. (1598) 1132
b; einem krancken trostgebete, trost- und lehrsprüche vorsprechen Kramer
t.-ital. dict. 2 (1702) 885
a;
hierbei ist nicht immer die meinung, dasz der andere das gehörte nachspreche, sondern oft nur, dasz er es innerlich aufnehme, übergang zu c: wann ein iunger starcker barfuosser vor hin dry tag nach einander der frawen allein ettliche gebätlein vorspräch Eberlin v. Günzburg 1, 159
ndr.; der pfarherr ... wollte im darumb das vatter unser vorsprechen Kirchhof
wendunm. 1, 297
Ö.; man sage und spreche es (
gebete) ihnen deutlich vor, von sylb zu sylb, sie werden es eben so wohl begreiffen können Moscherosch
insomnis cura parent. 99
ndr.; Lucius Seneca konte 2000 namen herwieder sagen, wie sie ihm vorgesprochen worden Grimmelshausen
Simpl. 113
ndr.; solte er ihm die grausame entsegnung vorsprechen Lohenstein
Armin. (1689) 1, 767
b; das hängt jetzt nicht allein von den gebeten ab, die du (
der bischof) ihnen vorsprichst Freytag (1886) 8, 341. ein nachgebetet wort der lehre nützet nicht, wenn in dir selbst den vorgesprochnen nichts entspricht Rückert (1867) 8, 21. 6@bb)
mit nachsprechen
verbunden: so ein gesicht ... spricht nicht ehrfurchtsvoll nach, was ein gebieter vorspricht Lavater
physiognom. fragm. (1775) 1, 258; (
man) spreche mit philosophischer kälte nach, was der tonsetzer vorsprach Schubart
ästhet. d. tonkunst (1806) 293; (
der beschlusz wird) von einem mitgliede vorgesprochen und von allen übrigen nachgesprochen Dahlmann
gesch. von Dännemark (1840) 2, 192;
T.: es hat schon zehn geschlagen.
Tr.: die glocke hat zehn geschlagen.
T.: der flegel spricht mir nach.
Tr.: der flegel spricht mir vor Brentano (1852) 7, 225.
hierbei handelt es sich keineswegs immer um das wiederholen von worten, sondern oft soll auch bezeichnet werden, dasz jemand ohne eigenes urteil die meinung eines andern übernimmt. 6@cc)
vor jemandem sprechen, zunächst mit beziehung auf die gesprochenen worte; prägnant jemandem vorsprechen,
z. b. vom schauspieler, der sich prüfen läszt; mit objekt: einem den erlkönig, die rede des Antonius vorsprechen; sprecht und singt dies fischerliedchen euch vor, so versteht ihr, was ich meine Voss
antisymb. 1 (1824) 281; deinem seligen groszvater muszt ich dies lied vorsprechen, wie er starb Holtei
erz. (1861) 10, 156. —
von einzelnen worten: oder liegt es an mir, dasz ich mir nicht getrau, ihn (
den namen) laut vorzusprechen Hippel
lebensl. (1778) 2, 547; oft sprach ich mir leise ihren namen vor Hölderlin 2, 35
L.; lebe wohl! — ach tausendmal hab ich mir es vorgesprochen Mörike 1, 45
Maync. nicht so häufig in wendungen, die sich auf den inhalt des gesprochenen beziehen: einer von den hochzeitgästen vergasze nicht dem neuen ehemann die lehre vorzusprechen, ...
d. discourse d. mahlern (1721) 3, 14; (
dasz sie) sich selbst einen commentar über diese gedrängten zeilen vorsprechen werden Göthe IV 31, 80
W.; vgl. I, 25, 114; 35, 219; (
wundersame) sagen, die der alte ihm vorspricht Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 2, 308; hörte nichts von alle dem, was der alte Valentin ... ihr vorsprach O. Ludwig (1891) 1, 313; so sie (
die geistlichen) die lere brechen, die sie der werlt vorsprechen Heinrich v. Hesler
apokal. 5838; die wacker auffheben und mit dir zechen und, was gern hörst, dir fein vorsprechen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 397; was dein vetter nur will mit all den siebensachen, die er mir täglich vorspricht Maler Müller (1811) 1, 338.
mit abhängigem satze: er liesz nicht ab, sich selber vorzusprechen, Ginevra seys, die ihm den bruder nahm Gries
Ariosts ras. Roland (1804) 1, 130. 6@dd)
die wendung von etwas vorsprechen,
früher häufig, ist jetzt selten geworden; es kann dabei der nebensinn des weitläufigen, zudringlichen vorliegen, vgl.: multiloquax vorsprechende Diefenbach
gloss. 370
c,
und vorsprechig
und vorsprecher 3;
doch ebenso oft ist der sinn neutral: man musz ihnen von gantz wasz anderst vorsprechen Elis. Charlotte v. Orleans
br. 1, 378
Holland; ehe man es wagen mochte, ihr (
der gesellschaft) von staupenschlägen und torturen vorzusprechen Möser (1842) 1, 335; ich hoffe doch nicht, dasz ihnen der schäker von liebe vorspricht Klinger
neues theater (1790) 2, 271; ihnen hatte der sohn ... von den gedichten seines vaters vorgesprochen Göthe 24, 296
W.; drum sprecht mir nicht so viel von euren fürsten vor Gottsched
dt. schaubühne 5, 503. 6@ee)
bei jemandem einen besuch machen; diese jetzt so gewöhnliche anwendung des verbums erwähnt Adelung
noch nicht. fürsprechen
scheint in diesem sinne nicht vorzukommen, vgl. teil 4, 1, 1,
sp. 837,
und vorsprechen
konnte vor dem 18.
jh. nicht belegt werden; vorsprechen,
für in jemands haus kommen
ist hauptsächlich niedersächsisch Heynatz
antibarbarus (1796) 2, 603; vorsprechen, '
bei einem vorgehen, nach seiner wohnung gehen und ihn sprechen. auch nur, bei einem vorgehen, im vorbeigehen antreten' Campe;
jetzt ist der von Norddeutschland ausgehende gebrauch wohl über das ganze sprachgebiet verbreitet. vorsprechen
steht dabei meist im gegensatze zu ausdrücken, durch die ein überlegtes, gesellschaftlich mehr oder minder bedeutungsvolles besuchmachen bezeichnet wird, s. z. b. unter α die stelle aus Cl. Viebig,
doch kann die besondere färbung des gelegentlichen auch verblassen, und ebenso braucht an den zweiten teil des kompositums nicht mehr gedacht zu werden. 6@e@aα)
besonders häufig ist die verbindung mit bei: bei der rückreise bei ihm vorzusprechen Musäus
volksm. 1, 72
Hempel; nun werde ich nicht eher als etwa gegen den 26. april bey ihnen in Göttingen vorsprechen Knigge
roman meines lebens (1781) 2, 3; ich spreche aber noch bei dir vor, um abschied zu nehmen Tieck (1828) 4, 260; sie wolte bei dem hofschulzen vorsprechen Immermann 2, 116
B.; sprechen sie morgen wieder bei mir vor Holtei
erz. (1861) 36, 229; wie fatal, ganz als steifer besuch wurde sein ungezwungenes vorsprechen beim nachbarn aufgefaszt Cl. Viebig
d. schlaf. heer (1904) 2, 421; beschlosz er, bei dem Galgenhannes auf einen dämmerschoppen vorzusprechen W. Weigand
d. gärten gottes (1930) 146; es wird sich zeigen, dasz es nützlich ist, zuweilen bei dem fischer vorzusprechen Hebbel
w. 2, 242
W. 6@e@bβ)
andere verbindungen: in Ammonium vorsprechend, eilt er (
Görres) über Memfis stracks ... nach Rom Voss
antisymb. 2 (1826) 263; war denn unser Lebrecht bewaffnet, ... da er am kranze (
einer wirtschaft) vorsprach? Holtei
erz. schr. (1861) 14, 152; mancher sprach in der grünen Fichtau ein wenig vor Stifter (1904) 2, 22; wollten auf der pfarre vorsprechen Fontane I 1, 224; Heinz, der am vierten tage am gartentor vorsprach ..., wurde nicht vorgelassen W. Weigand
d. Löffelstelze (1919) 218; doch vorher, ach! hatt ich dort vorgesprochen, wo mich der böse junker hat entdeckt Greif (1895) 3, 460. 6@e@gγ)
auch allein stehend: der täglich vorsprechende milchmann Gutzkow (1872) 7, 423; dasz er aber ein andermal wieder vorsprechen möge G. Keller (1889) 2, 165; als der zu so später stunde noch vorsprechende die klingel gezogen hatte Fontane I 4, 432; gestern, gegen den abend zu, hat der doktor (
der arzt) vorgesprochen L. Thoma
ges. w. 2, 102. 77)
übertragen: '
eine orgelpfeife spricht vor,
wenn sie zu laut vor andern gehöret wird. figürlich sagen die mahler, dasz eine farbe vorspreche,
wenn die untere farbe durch die obere durchscheinet' Adelung.
in dem sinne von mehr als billig hervortreten könnte das verbum auch jetzt noch gebraucht werden.