kritzen ,
das mutterwort zu kritzeln;
es erscheint als ablautende schwesterform zu kratzen,
s. unter 1,
b über den ablaut, schon in ahd. zeit krizôn
secare nach einer gl. zu Prud. '
foditur .. et secatur, gkrizot .. thuruhstecan ward' (
so ist wol zu lesen) Haupt 5, 200,
aus einer rheinfränk. mundart, wegen der bed. s. 1,
a; mhd. in bekritzen,
s. 4,
b. auch nd. kritsen,
s. 2,
a, merkwürdig oberrh. gritten,
s. 4,
d. 11, 1@aa)
am alterthümlichsten erscheint kritzen
einen einschnitt, eine kerbe machen Schöpf
tirol. id. 347,
es stimmt zu dem eben angeführten ahd., fränk. krizôn
secare, vgl. chrazzôn
dissecare Graff 4, 586.
einen weiteren hintergrund bietet der scand. norden. 1@bb)
dasselbe ist nämlich norw. krita
mit zieraten schmücken Aasen 238
b,
eig. zieraten ausschneiden, krit
n. ausgeschnittene gestalten als zierat 239
b;
in schwed. mundarten kreta
in holz schnitzen, hauptsächlich von kindern und pfuschern (
d. h. eine altheimische kunst so herabgekommen und dort bewahrt),
auch kröta, krta,
s. Rietz 351
a,
norw. auch krota Aasen 239
b,
wie altnorw. isl. krota
caelare, sculpere, krot
n. sculptura Biörn 1, 478
b,
deutlich mit ablautung, wie bei uns in kratzen, kritzen, krutzeln (
s. kritzeln 2,
b),
s. auch grutzgen
unter 3,
b. 1@cc)
davon erscheint auch auf deutschem boden ein deutlicher rest in nrh. kritschele
schnitzeln, ausmeiszeln, kritschelei
schnitzwerk Müller
u. Weitz
Aachener mundart 130,
vgl. das fläm. gekritscheld
gekerbt, gezahnt unter kritzeln 1
a. e. (tsch
aus ts, tz
wie in siebenb. gritscheln
unter kritzeln,
vgl. unter klatschen, klitschen).
das sind ausdrücke aus der holzschnitzkunst der germ. vorzeit, die sich den von Dietrich
in seinem aufsatz schnitzwerk
in Haupts
zeitschr. 10, 215
ff. ermittelten anreihen (
vgl.fratz);
vergl. auch Göthes kritzpossen.
dasz die nordischen wörter mit unseren im grunde eins sind, zeigt sich weiter in der gleichen entwickelung unter 4,
b a. e. 22)
dem gewöhnlichen kratzen
entsprechend. 2@aa)
schweiz. kritzen
mit einem spitzigen werkzeuge kratzen, wie z. b. die nähterin die mit der nadel eine naht vorzeichnet, trans. und intr., s. Stalder 2, 133.
ebenso nd. kritsen
br. wb. 2, 871, Dähnert 255
b, Danneil 117
b,
bei letzterem auch inkritzn
einkratzen, einkritzeln. vgl. kritz 1. 2@bb)
mit ablautspiel kritzen kratzen: wer kritzt wer kratzt an meinem haus? ich reisz ihm lung und leber raus. Peter
volksth. aus österr. Schlesien 2, 165.
vgl. kritzkratzen
und kritzeln und kratzeln
vorige sp. (4,
b). 2@cc)
in der strumpfweberei ist kritzen
die wolle aufkratzen oder rauhen, vgl. kratzen II, 4. 2@dd)
wie auf der laute kratzen (II, 5),
so kritzen: ouch hast in dinem herzen sitzen ein lutenschlaher mit sim kritzen. Murner
narrenb. x 5
b (
s. 3, 920). 33)
von dem klange des kratzens u. ä. 3@aa) kritzen
stridere, ingratum sonum edere, ut ii qui se unguibus scalpuriunt Stieler 1028,
durch gestrich und geritz einen krischlenden thon machen Schottel 1351,
auch nd. kritsen.
von einer schlechten feder (
vgl. 4,
a): nicht die feder auf dem papier können kritzen lassen. Rahel
briefe 2, 446. 3@bb)
nahe liegend schweiz. gritzen
knirschen, auch gritzgen, kritzgen,
wie z. b. sand unter den zähnen Stalder 1, 482. 2, 134,
appenz. gritza, gretza, gritzga
z. b. vom knirschen mit den zähnen Tobler 235
b (
er stellt graubündn. sgrizgiar ils dents
dazu); '
cimbrisch' kritzegen
klirren, knarren Schmeller 139
a,
vgl. tirol. grutzgen
knarren, kratzen, knirschen Schöpf 219, grutschen
stridere Dief. 556
a,
auch fläm. kritschelen, kritselen
knistern unter kritzeln 3,
a. 3@cc)
bei Tobler gritza
auch vom zwitschern der vögel, wie nass. kritscheln Kehrein 247,
vergl. mhd. krizeln
von einer henne Helbl. 1, 1339.
diesz gritzen
entfernt sich noch nicht notwendig von unserm kritzen,
denn auch unter 4,
d tritt gr-
auf, s. dort. begrifflich tritt aber auch nl. krissen
knistern u. ä. herzu, vgl. nd. krisselen
unter kritzeln
a. e., krassen
gleich kratzen. 44) kritzen
von schreiben, wie kritzeln. 4@aa)
rasch, schlecht oder mühsam schreiben: uf dem disch und an die wend, an alles ort, an alle end schreib der gouch irn nammen an, critzt und krampt das alles dran, das nit ein kirchlin ist im land, do nit der geuchin nammen stand. Murner
geuchm. x ij
a (1037
Scheible), krampt
zu krammen
kratzen (
zur sache vgl. u. kramanz 1,
a); schon gestern nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich .. und selbst jetzt fällt mirs schweer das dahin zu krizzen! Göthe
an Lotte 16.
jun. 1774 (
G. u. Werther 209),
vgl. federgekrize
das. 107, gekriz und gekraze 122.
es ist danach im mrh. gebiete heimisch; auch oberrh., schweiz. kritzen
neben kritzeln,
klein und unleserlich schreiben, gekritz, kritzete
n. schrift mit feinen, undeutlichen grundstrichen. Stalder 2, 133.
wieder auch nd. kritsen
im br. wb., auch '
die feder kritset',
sprützt (
vgl. kritzeln 3,
b. c). 4@bb)
diesem kritzen
kommt aber hohes alter zu. in der Schweiz nämlich, bei Stalder
ist kritzen
auch regelrechtes schreiben, aber in alter einfacher weise, mit strichen die man mit bleistift, kreide u. ä. macht, daher bei den bauern gleich rechnen, d. h. mit strichen statt zahlen, und von einem kartenspiele, wo mit strichen berechnet wird. das ist nichts als die schreibkunst der vorzeit, nur ist die kreide an die stelle des '
schreibmessers' (
ahd. scrîpmeʒʒir,
noch im 15.
jh., s. unter kerbholz 1,
b)
getreten, striche an die stelle der kerbe mit denen zahlen und zeichen runenartig eingeschnitten wurden. so ist diesz kritzen
im grunde dasselbe wie das unter 1
von schnitzerei; noch bei Murner
unter a mag mit kritzen
ein einschneiden in die vorhergenannten tische gemeint sein. dazu mhd. bekritzen,
mit einem zeichen als eigenthum bezeichnen: becritze, criuze, uns cristen. Frauenlob
s. 24,
nach der Weimar. hs. so erklärt sich auch kritzeln 4,
d für ausstreichen im kanzleigebrauch, weil nur striche dazu nötig sind, und kritzeln, kritzen
für schlecht schreiben selbst: der neuen, fremden kunst des schreibens (scribere)
gegenüber blieb der alte heimische ausdruck geringschätzig am kunstlosen schreiben haften. auch das norw. krota Aasen 239
b,
schwed. krta Rietz 351
b (
s. 1,
b)
bedeutet zugleich schlecht schreiben, sodasz dort wie hier dieselbe entwickelung vorliegt. 4@cc)
damit tritt aber zugleich eine mögliche beziehung zu dem starkformigen krîʒen
ritzen (
s. kreis I,
e)
hervor, davon könnte kritzen
schreiben gebildet sein wie ritzen
von rîʒen,
reiszen; da mag denn neben dem ahd. krizôn (
s. oben)
ein krizian
bestanden haben, ganz wie zu rîʒan
ahd. sowol rizzôn
als rizian
gehörte und zwar in gleicher bed. wie kritzen (
s. Graff 2, 557. 558).
überhaupt sind diese beiden reihen in bildung und bedeutung neben einander gegangen, vgl. ahd. riz '
apex, nota',
gleich kritz '
apex, nota' (
s. kritz 1,
b), rizian
secare gleich krizôn
secare; rizzare
sculptor Haupt 5, 203
a stellt sich zu kritzen 1, rizzôn
wie rîʒan
galten vom schreiben, '
scribere, exarare',
wie kritzen 4,
das sprachbewusztsein hat anfangs beide reihen als im grunde eins behandelt. und sie waren es auch, rîʒan
hiesz alts. ags. wrîtan (
engl. write),
der kritz, riz
apex goth. vrits,
d. h. es ist dem hd. vorn ein w
abgefallen; auch hd. kr-
und nd. wr-
aber sind oft ursprünglich eins, wie sich unter kring 4,
b herausstellte, die goth. urform wird danach qvreitan
gewesen sein. 4@dd)
aber noch eine merkwürdige nebenform tritt herzu: die feder, die da grittet und nit recht schreiben wil, ist verschlissen, die zerstöszt man uf dem tisch und verwürft sie der schreiber. Keisersberg
sünden des munds 49
a.
also alem. gritten neben kritzen!
wegen des anlauts vgl. schweiz. gritzen
knirschen unter 3,
b (
zu dem gr-
s. unter krimmen II, 1,
b. c),
auch das -tt
hat sein oberd. seitenstück in tirol. gratten
kratzen wie die hühner Schöpf 208. 55)
endlich eine bed., die sich von dem vorigen stark entfernt: schweiz. kritzen
zanken, streiten, sie haben mit einander gekritzt Stalder 2, 133, chrize mit enandere
altercari, rixari Fromm. 2, 483
a.
das bestätigt die vereinzelte angabe Stielers
von kritzler
zänker (
s. d. 2),
wonach es auch kritzeln
zanken gegeben haben musz. man kann an einen kampf mit nägeln denken als urspr. begriff, vgl. kratzen II, 1,
a. b, besonders das mit dir kretzen
dort aus Uhlands
volksl., wo eine blutige fehde ausdrücklich in dem bilde eines kratzens mit den nägeln erscheint. anderseits begegnet es sich mit dem nd. md. kritteln
zanken und seinen anklängen (
s. kritteln 3,
b. c),
altn. kritr
zwist, zu dem es die hd. gestalt abgäbe.