vieh,
n. II. I@11)
das wort ist gemeingermanisch: got. faihu,
an. fé,
ags. feoh,
engl. fee,
lohn, trinkgeld, altfries. fia,
altsächs. fehu (Gallée
vorstudien 69;
auch fihu
z. b. Hel. 1669 C);
ahd. fihu, feho Graff 3, 428;
mhd. vihe, vehe
mhd. wb. 3, 309
b; Lexer
mhd. hwb. 3, 346;
das wort ist auch durch zeugnisse auszerhalb des germ. als uralt erwiesen, lat. pecu (pecus, peculium, pecunia),
s.paçu,
lit. pekus (
mit anderm guttural),
ir. eoch-
in Eochaid Fick
vgl. wb. 4 1, 78; 3, 225;
im hinblick auf lat. pecto,
kämme, gr. πέκτω,
πέκω kämme, schere, gr. πέκος,
πόκος,
vliesz (
s. unter 2)
nimmt man an, dasz von anfang an ein hausthier und zwar das schaf damit bezeichnet worden sei Schrader
reallex. (1901) 708. I@22)
nl. vee, tamme beesten; hed redelooze vee, gedierte Kramer
deutsch.-holl. wb. (1768) 394
c; groot vee zyn ossen, koejen, kalveren, klein vee zyn schaapen, lammeren, bokken, geiten; gevedert vee,
federvieh Kramer
nieuw woordenboek (1768) 491
a;
in den neunord. sprachen ist das wort erhalten, aber in der uns geläufigen bedeutung veraltet, nur als schimpfwort überall lebendig. dän. fæ,
wie das deutsche, auch in zusammensetzungen, fæavl, -drift; vieh
im engern sinne wird mit quæg
bezeichnet (
nd. quek,
vgl. an. kvikfé, kvikfénaðr,
ags. cwikfeoh,
altfries. quikfia,
lebendes werthstück gegenüber dem toten)
; daher hat im norweg. fenad (
altn. fénaðr)
den sinn von kleinvieh angenommen; im schwed. wird vieh
im allgemeinen durch boskap (stor-, smboskap,
zahlreiche zusammensetzungen)
vertreten; doch ist fä
erhalten, wird als schimpfwort gebraucht; neben fé
giebt es im altnord. noch fær,
schaf (
dazu Færeyjar),
das aus *fahaz =
griech. πόκος hergeleitet wird; dän. faar,
schwed. fr
gehen auf eine form fār
zurück; im engl. hat sich das wort als fee
mit dem sinn '
bezahlung, belohnung (
auch durch land)'
erhalten, während die im deutschen herrschende bedeutung durch cattle (capitale,
vgl. kvæghøved, viehhaupt)
übernommen wurde. I@33)
form und flexion des wortes im deutschen. I@3@aa)
die flexion des u-
stammes bedingte einen wechsel des stammvocals (fihu, fehes, fehe)
; daraus entwickeln sich zwei formen des wortes vihe, vehe,
die bis heute erhalten sind; für die späteren bildungen sind bedeutsam: ausfall des schlieszenden e,
erhaltung oder verstummen des h;
die normale mhd. form ist vihe (: lihe Konrad v. Würzburg
troj. krieg 3312);
mit einem vor dem guttural entwickelten vocal viehe (: ziehe Seifrit Helbling 1, 629);
abfall der endung: viech (: siech Suchenwirt 39, 221); vich (: lich Teichner
bei Lexer
mhd. handwb. 3, 346);
mit e
in der stammsilbe vehe,
verkürzt vech
oder vē (: ê Hadlaub
minnes. 2, 288
b Hagen),
in übereinstimmung mit der nd. form; mit antretendem t: ain yedes vicht Oswald v. Wolkenstein 29, 2, 12;
hoch- und niederd. formen: pecus, fiche, fiech, vihe, fyehe, vehe, fee, vee, ve Diefenbach
gloss. 419
b ; peculium, zins von dem vich
ebenda; adaquare, vyh trencken 12
a; vie,
armentum 49
b;
eruus, wayde dorinnen sich das fych neret 210
a;
farrago, vey wder; futter vor das vieh schutten 226
a;
sanctimonia, vye offern 510
b;
victima, eyn opper des vehes, offer des vees 618
b;
catabulum, locus da man dʒ wihe tOetet
nov. gloss. 79
a;
die stammsilbe des wortes ist bei geschlossener silbe (vich)
nicht überall lang geworden; in der schriftsprache hält sich lange neben der einsilbigen form des nom. acc. die zweisilbige (
besonders auch in eigentlicher zusammensetzung)
; die form viech (vich, vīch),
in älterer zeit mit neutraler bedeutung viel gebraucht. verschwindet allmählich in der schriftsprache, wird aber in der umgangssprache und auch im litterarischen gebrauch als derb klingend in eingeschränkter bedeutung verwendet, besonders wird sie im plur. viecher
fest; grosz vich,
armentum; das von vich kompt,
pecorinus Dasypodius;
pecus, rinder vihe E. Alberus
novum dict. genus (1540) 58
b; vieh, viehe,
bestiame, armento Hulsius
dict. (1618) 262
a; vieh,
armentum, pecus Schottel 1437; vieh, viehe
et viech Stieler 2369; vieh,
pecus, zum vieh gehörig Dentzler
clavis linguae lat. (1716) 318
a; vieh,
pecus Frisch 2, 400
b; Steinbach 2, 892; viech, das, statt vieh ist falsche aussprache Hupel
idiot. d. d. sprache in Lief- u. Ehstland (1795) 251; Campe
kennt vich
als mundartliche form. I@3@bb)
das wort hat als collectivum eigentlich keinen plural (Gottsched
sprachkunst [1762] 233. 245);
nachdem aber früh das wort auf das einzelne thier bezogen wird, entsteht auch ein plur.; bei Notker (
ps. 8, 8)
lautet er feho,
daneben erscheint fihiu (Graff 3, 430),
s. Wilmanns
gr. 3, 2, § 166, 7;
in der jetzigen schriftsprache hat vieh
keinen plural; Adelung
bezeichnet viehe
als plur. und empfiehlt ihn, oberd. laute er vieher (
d. h. viecher); die viehe und die vieher kommen selten vor Braun
orthogr. gramm. wb. (1793) 288
b.
plur. nom. und acc. sind den singularformen gleichlautend (vihe, viech),
oder das e
wird gegenüber der verkürzten form als pluralzeichen aufgefaszt, sing. vieh,
plur. viehe: als der vihirt von den vihen Heinrich von Melk
erinn. 148; daʒ selbe himelische barn lac vor zweier vihe munden Lamprecht von Regensburg
tochter Syon 3096; versuchs! gieb ihm ein amt, sechs viehe vor den wagen Heraeus bei Gottsched
versuch einer krit. dichtkunst (1751) 276; sü sterbent als dü vihe Seuse 281, 6
Bihlmeyer; in menschen und vyhen Gersdorff
wundarznei (1517) XVII 1
a; die Creter sind yhe lgener gewesen, bOesze viech unnd faule beuche Luther 10, 2, 426
Weim. plural auf -er (veher Lexer
mhd. hdwb. 3, 347); viecher: die allerhand viecher wirthschafteten im dunkel ihrer kasten und käfige umher Holtei
vierzig jahre (1843ff.) 1, 220; so stirbt ein groszer mann, so sterben vieher auch Haller 47, 90
Hirzel (
vgl. 308); Haller
hat den in der Schweiz vorkommenden plur. auf -er
gekannt und darnach vieher
für das schriftdeutsche aufgestellt; diese form ist aber nicht mehr lebendig, wenn sie auch gelegentlich bezeugt wird; es handelt sich ummer nur um eine schreibung, die aussprache verlangt ch: wie er (
Adam) an die vieher 's verliebt wesen g'merkt hat Anzengruber 8, 292;
vgl. unten II 7. I@3@cc)
bei einer vergleichung der mundartlichen formen tritt als bemerkenswerth besonders hervor, einmal, dasz die formen mit ch
sehr weit in den norden hinaufgehen, und zweitens die erhaltung des e
in der stammsilbe auch auszerhalb des niederd. gebietes; genaue mittheilungen über die formen geben das schweiz. idiot. und Fischer
im schwäb. wb. für ihre bereiche; vich, viech,
oberpf. veich,
plur. vicher Schmeller 1, 836; ei
in veich
beruht auf diphthongierung des langen stammvocals; vīche,
plur. vīcher Lexer
kärnt. 95; vīch,
plur. vīcher Schoepf
tirol. 789; vich,
aus Schmellers
cimbr. wb., vighe, vihe Zingerle
luzern. 30
a; vīch, vēch, ve,
plur. vīcher, vēcher Staub-Tobler 1, 647;
das ī
wird auch hier bisweilen diphthongiert; fēë, fīë, fī, fīch,
plur. fīcher Fischer
schwäb. wb. 2, 1486; fīch, fīë, fē Martin-Lienhart
elsäss. 1, 90
b; fiech Schultze
nordthür. 33
b; viech (
d. h. vīch),
plur. viecher Anton
verzeichnisz oberlaus. wörter- u. redensarten 15, 4; vīch Weinhold
beitr. zu einem schles. wb. 102
a; viech,
plur. viecher Bernd
d. deutsche sprache in Posen 339;
berlinisch: det viech,
plur. die viecher Brendicke 189
b; vee
brem. wb. 1, 361, Dähnert
plattd. wb. 516
a; vē Danneil
altm.-plattd. 236
a; veih Schambach
Göttingen-Grubenhagen 258
b; vaih, vēh Woeste
westfäl. 285
a; fei Bauer-Collitz
waldeck. 28
b; veh Hönig
wb. d. köln. 161
a;
anlaut ph: beyde um schult, ghelt unde phe
d. städtechron. 16, 158, 1729. I@3@dd)
die schriftsprache bildet die diminutivformen viehchen, viehlein;
auch das erste wird in der norddeutschen umgangssprache kaum vorkommen. wo die gutturale spirans gesprochen wird, sind diminutivformen sehr gebräuchlich: das vichel,
einzelnes stück vieh Schmeller
bayer. 1, 836; vîchl,
kleines vieh, einzelnes stück Schöpf
tirol. 789; vīchl, vīchile Lexer
kärnt. 95; vechli, vecheli, veli Staub-Tobler 1, 647; fīchle Fischer
schwäb. 2, 1486;
nieder-österr. viecherl;
mitteldeutsch ist vīchel.
diese form wird vielfach auch in der norddeutschen umgangssprache verwendet. I@3@ee)
auch sonst tritt in norddeutscher umgangssprache die gutturale spirans auf, z. b. bei den uneigentlichen composita, wenn vieh-
verstärkend gebraucht wird: vīchsarbeit, -kerl, -zucht;
auch viecherei,
unverantwortliches verhalten, wüstes treiben, gemeinheit u. ä. hört man gelegentlich; schriftsteller, die in der sprache ihrer heimath den gutt. spiranten erhalten haben, schreiben doch oft h. I@3@ff)
im entwickelten neuhochd. ist das e
im nom. und acc. sing. abgefallen, im älteren nhd. dagegen sind die zweisilbigen formen noch gut erhalten: du salt nicht begeren deines negsten weibs, magt, knecht, vihe, odder was seyn ist
zwei älteste catechismen 27
neudruck; plumpen eynhynn wie das tolle vihe Luther 10, 2, 119
Weim.; es ist gemestet vihe, denn wilch viehe man mestet 19, 383; got gibt .. grasz und blumen fur das vihe Agricola
sprichw. (1534) A 7
b; eileten ihnen nach, nahmen jhnen das viehe wider Hennenberger
erkl. d. preusz. landtafel (1595) 37; dasz viehe ist verfaulet in seinem eignen mist Albertinus
Lucifers königreich 25, 16 (
nat. lit.); wie der stall ist, also ist auch das viehe Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 36
neudruck; der ist auch kein mensch, sondern ein vihe
engl. kom. u. trag. (1624) B b 4
b; ihr viehe versorgte sie mit fleisch Rist
d. friedewünsch. Teutschland; oben gedachte zahme schnabelweid und das kleine viehe Grimmelshausen
Simpl. 2, 43, 2
Keller; die liebe frucht und das viehe 363, 24; wie das unvernünfftige viehe Abraham a St. Clara
etwas für alle (1699ff.) 2, 346; wo man allerley viehe antrifft Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 49; trieben all ihr viehe weg Schmid
gesch. d. Deutschen (1778
ff.) 3, 192; Calvini lehr bringt diese frucht, o wehe der armen leut, gleich wie das viehe lebt in unzucht Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 63, 10. I@3@gg)
die jetzige sprache hat für den gen. und dat. die formen viehs, vieh,
im älteren nhd. dagegen lauten gen. und dat. viehes, viehe; vieh, das, des viehes, dem viehe Braun
d. orthogr. gramm. wb. (1793) 288
b; seines hohes und nideres hauszwildes oder vihes Fischart
Garg. 92
neudruck; von hegung und weide des zahmen viehes J. Grimm
vorr. zu Reinhart Fuchs (1834) II; wir habens freylich wol an unserm vihe innen worden Frey
gartenges. 73, 29
lit. ver.; blöcken .. wird .. dem groszen viehe zugeschrieben Gueintz
rechtschreibung (1669) 42; dem viehe gleich Butschky
Pathmos (1677) 199; pülverlein .. dem viehe einzugeben
polit. maulaffe (1679) 89; vom viehe nider getretten Aitinger
jagd- u. weidbuch (1681) 25; unserem .. viehe Schnabel
Felsenburg 184, 34
Ullrich; sich .. dem viehe nähert Schubart
aesth. d. tonkunst 245; der .. mit dem viehe umgeht Tieck (1828) 3, 145; das wir erfüldt han diese gegent mit fiehe, gesindt gemehret schon Ackermann Voith 262
lit. verein; und heiszen jhn zum viehe werden
Königsb. dichterkreis 59
neudr.; schon klug nach seinem sinn, doch nicht weit überm viehe (mühe) Dusch
verm. werke (1754) 245. I@3@hh)
beispiele für formen mit ch;
nom. acc. auf e
ausgehend: daʒ das volcke nider fiele als daʒ viche Arigo
decamerone 6, 24
lit. verein; gekürzte form: leben und sterben dahin wie ein viech Luther 23, 372
Weim.; menschen uont vich Melissus
psalmen 135
neudr.; dises lands gröste reychthumb ist das vych Stumpf
chron. (1606) 4
b; wohin weder mensch noch vich steigen werde Abraham a St. Clara
Judas (1689) 371; darumb das sie muotwilliglich geraubet han der sonnen viech Schaidenraiszer
Odyssee (1537) 1 a; lig da zu schnarcken wie das vich, sorg nit wer soll behten dich
Grobianus 2368
neudr.; der feind der lest gelusten sich, weil wir lassen treiben das vieg Ayrer 1, 412, 21
Keller; erstlich dieselben mit ein stich hinferckh, hinricht gleich wie das vich
Endinger judenspiel 39, 588
neudr.; ein mensch hat zwar vernunfft, lebt aber wie ein vich ein vich hat nicht vernunfft, lebt menschlich gegen sich Logau 1, 135, 83; vich
im reim auf sie: dem volgen auch sie und gont hin noch gleich wie ein vich Brant
narrenschiff s. 103,
anm. v. 45.
casus obliqui: wAer aber ein seel eines vichs schlecht
Züricher bibel (1531)
3 Mos. 24 D; seines weibs, hauszgesinds, viechs Sebiz
feldbau (1579) 2; dann die hirten eine gute zeit mit dem viech an der porten gehalten Wickram
rollw. 167, 20
Kurz; nit allain den menschen .. sondern auch .. dem vich Ferdinand II. v. Tirol
speculum vitae humanae 26
neudr.; und machst die leut zum viech und stir Fischart
kehrab (
glückhaftes schiff 41
neudr.) 139. veich: und in dem kreich wart viel veich genomen
d. städt. chron. 13, 74, 14.
diminutivformen, in mundartlich gefärbter sprache: recht saubere viechel seins Holtei
erz. schriften 16, 133; lass' mir ein viecherle sattle (
als schwäb.) Raimund 1, 223
Glossy-Sauer. I@3@ii)
vereinzeltes; erhaltung des e
der stammsilbe bei oberdeutschen: die gefangen, auch das genommen vehe erledigten
Aymon (1535) K 1
a; da ist dann kein vernunfft nit me er macht den menschen glych dem vee Manuel
weinspiel 2151
neudr.; rundung des i
der stammsilbe: der guot hirt ... laufft schnell .. zuo dem füch Wickram 2, 268, 14
lit. verein. I@3@kk)
als erstes compositionsglied erscheint in der entwickelten nhd. schriftsprache durchaus vieh,
in älterer sprache vielfach viehe-,
daneben viech-, vich-,
in uneigentlicher composition viehes-, viehs-, viechs-.
in der jetzigen sprache ist auch vich-, vichs-
sehr weit verbreitet, in der norddeutschen umgangssprache tritt aber nur dann vich-, vichs-
in zusammensetzungen auf, wenn vieh
in vergröbertem sinne gebraucht ist, als schelte, derbe verstärkung u. ä. vgl. II 13.
für die zusammensetzung vgl. vieharbeit, -art, -blut, -brunst, -diebstahl, -dumm, -fell, -geld, -geschrei, -haupt, -haut, -hirt, -hitze, -kerl, -kopf, -kur, -magen, -mäszig, -meier, -meister, -mensch, -probe, -rede, -reich, -schade, -schinder, -schlachtung, -schwemme, -stall, -sterben, -tod, -tränke, -treiber, -verderber, -weide, -wesen, -wild, -wirtschaft, -zahl, -zeug, -zorn, -zucht. IIII.
bedeutung und gebrauch. II@11)
die ursprüngliche und bis heute vorherrschende bedeutung ist die collective: die gesammtheit der zum unterhalt der menschen dienenden thiere, der in der wirthschaft gehaltenen thiere, die nahrung liefern, oder nahrung und kleidung (
schafe)
; bald werden mit dem wort auch andere zum haushalt gehörende thiere umfaszt (
hunde und katzen Adelung;
ebenda: das junge vieh im stocke,
die jungen bienen, die noch in den scheiben stecken),
bald werden einschränkungen gemacht innerhalb der zum unterhalt dienenden thiere, so dasz unter vieh
z. b. lediglich das rindvieh
verstanden wird; aber die allgemeinere anwendung des wortes bleibt daneben immer erhalten. vieh, viehe: hierdurch werden insgemein alle unvernünftige vierfüszige creaturen verstanden, welche der besitzer eines land-gutes heerdenweise hält oder der hirte treibt z. e. schaafe, ziegen, ochsen, kühe, pferde, maulesel, schweine u.
d. g.
allgem. haushalt.-lex. (1749) 3, 589; kein acht mer weder vihes noch früchte Arigo
decamerone 8, 1
lit. ver.; Abram aber war seer reich von vieh, silber und gold 1
Mos. 13, 2; hatte vieh an schafen und rindern die menge
2 chron. 32, 29; seins viehs waren sieben tausent schaf, drey tausent kamel, fünff hundert joch rinder, und fünff hundert eselin
Hiob 1, 3; das man alle bAeum treyd und vihe abhiew, schindt und schlachtet S. Franck
chron. Germ. (1538) 81
b; was ir von irem viech würdt von milch Schiltberger
reiseb. 88, 4
lit. verein.; an wein, korn, .. unnd vihe J. Nas
das antipap. eins und hundert (1567ff.) 1, 53
a; wegen dem wörtlin vich ist ein erleuterung beschechen, also dasz fürohin under dem wörtlin vich rinder, pfert, schaf, geisz, kalber udgl., wie man es nennen kann, begriffen sein solle
quelle v. 1664
bei Staub-Tobler 1, 647; ob schon ein pfärd, esel oder anderes vih sich daran reibet Bellin
hochd. rechtschreib. (1657) iiij a; gold, weitzen, oel und vieh ist sein selbsteigen gut Lohenstein
Armin. (1689ff) 1, 8
b; seine felder und vieh hatte er verpachtet
d. leipz. aventurier (1756) 1, 18; der gute mann ist auch gut gegen sein vieh Abbt (1768
ff.) 1, 149; jetzt fällen sie holz, um .. ställe für ihr vieh zu bauen Gleim
briefw. 1, 100
Körte; unser vieh war an der seuche gefallen maler Müller (1811) 1, 117; auf grasplätzen, die für das vieh schlechterdings unzugänglich sind Göthe 24, 369
Weim. (
vgl. unten die stelle aus Tell); ein tüchtiges bauerngehöfe, mit vieh, getreide und vorräthen J. H. Voss
antisymb. (1824ff.) 2, 177; ihren bedarf an vieh erhielten sie von den Hottentotten Ritter
erdkunde (1822) 1, 125; als teil des vermögens, nebst sklaven, vieh, metallen Niebuhr
röm. gesch. 1, 260; im allgemeinen werden die bewohner Göttingens eingeteilt in studenten, professoren, philister und vieh, welche vier stände doch nichts weniger als streng geschieden sind Heine 3, 16
Elster; meine früheste jugend verlebte ich .. unter dem vieh Immermann 1, 42
Hempel; ehe sich der bauer entschlieszt, seinen acker und sein vieh zu verlassen Herwegh
briefe (1896) 183; a kann's vieh behexen G. Hauptmann
weber (1892) III 54; in krippha man nan legitathar man thaʒ fihu nerita Otfrid 1, 11, 57; solt nit begern, das zehent sagt, deins nechsten weib, knecht oder magt, viech oder deines nechsten gut H. Sachs 1, 73, 20
lit. verein.; auff dem land dörffer, vieh und feldt 6, 138, 5; der aller welt ernehrer ist, beid land und vieh (: je) Hayneccius
Hans Pfriem 73, 2276
neudr.; (
das Jesuskind) inn einer krippen auff dem gras beym vieh verachtet liegend Ringwaldt
evang. D 4 a; da würgten sie zum aller ersten das vieh hinweg Spreng
Ilias (1610) 21
a; gantz England weiche dir an vieh und schöner weide Rachel
sat. ged. 56, 65
neudr.; du strömst irrendem vieh (
fons Bandusiae) Herder 26, 220; als man gebetet, und das salsenmehl gestreut, bog man des viehes häls' empor zum schlachten Bürger 147
b Bohtz; ein armer wildheuer ..., der überm abgrund weg das freie gras abmähet von den schroffen felsenwänden, wohin das vieh sich nicht getraut zu steigen Schiller 14, 397 (
Tell 4, 3); wenn das vieh nicht milch mehr geben tut schlachten wir's und saufen blut Rückert (1882) 1, 272; segne die alm, segne das vieh im hag Droste-Hülshoff 1, 403
Schücking. ein vieh
collectiv: er hat ein vieh, man könnte die schöpen (
jacken) an die beiner henken,
so dürr ist es Fischer
schwäb. 2, 1486.
verbunden mit herde: heerde weibliches geschlechtes die heerde, das ist, eine heerde viehes Gueintz
d. deutsche rechtschreib. (1666) 82; ein haufen viehes Stieler 2369; eine heerde von groszem vieh,
armentum, als cameele, pferde, esel, ochsen Frisch 2, 400
b; eine herde vieh: heerde klein vieh Stieler 2370; dasz er ein gantze herd vieh richtet hinn
griech. dramen 2, 6 (
Ajax. inhaltsangabe)
lit. verein. eigenthümliche verbindung: vor seuche heerd und vieh, ... zu beschirmen König
ged. (1745) 57.
auch vieh
selbst kann in älterer sprache im sinne von herde gebraucht werden: ein groszes viech, das in an-traff, nemlich wol sieben tausent schaff, H. Sachs 6, 29, 12
lit. verein. dem wild
gegenübergestellt: das vieh in felden jnniglich, das wild in püschen frewet sich Opitz
teutsche poemata 51
neudr.; wenn menschen, wild und vieh in hölen, dach und fach für rauchem winter fliehn Heräus
gedichte (1721) 138. II@22)
vieh halten: vieh halten,
pecora alere Frisch 2, 400
b (
vgl. viehhalter); darauf konnte ich über winter 5 malter und über sommer allenthalben 4 malter säen, beineben vieh halten Schweinichen
denkw. (1878) 286; man musz also kein vieh darauf halten (
auf dem vorwerk) Lessing
3 2, 149; so darf man nur nicht so viel vieh halten B. Mayr
päckchen satiren (1769) 24.
vieh ziehen (
vgl. viehzucht): die in hütten woneten und vieh zogen
1 Mos. 4, 20; in den entfernteren plantagen wird .. nur korn und vieh gezogen G. Forster (1843) 1, 81; wenn nun nicht zu starcken vieh-ziehen der anfang mit den lämmern gemacht wird
allg. haushalt. lex. (1749
ff.) 3, 96.
züchten: das thut sich besser, wie das
viehzüchten Rosegger II 4, 286; bei den viehzüchtenden Kaffern Ratzel
völkerkunde 2, 54; wie sie vieh züchten und die felder bauen Lenau 375
Barthel. wendungen, die sich auf das weiden, hüten, warten, die pflege, nutzung des viehs beziehen: vieh austreiben,
pecus pastum agere; vieh warten,
curare pecora Stieler 2370; das vieh auf die weide treiben, oder das vieh austreiben Frisch 2, 400
b; wenn der hirt das vieh austreibet Adelung; das vieh eintreiben,
pecus pastu repellere Frisch 2, 400
b; das vieh von der weide treiben Steinbach 2, 892.
dagegen vieh treiben,
handelnd damit umherziehen; viehtreiber,
viehhändler. geuueidotiu feho in bergen Notker
ps. 49, 10; künig und keyser .. des fihes gehüt haben Arigo
decamerone 253
lit. verein.; hüten nicht deine brüder des viehs in Sichem
1 Mos. 37, 13; (
ein knecht, der) das viehe weidet
Luc. 17, 7; es ist noch hoch tag, und ist noch nicht zeit das vieh ein zutreiben 1
Mos. 29, 7; hast du viehe, so warte sein
Sir. 7, 24; des morgens zog er mit Erichen und seinem viech zu fAeld Wickram 2, 270
lit. verein.; ob sie vieh hütt Gryphius
Horr. 68
neudr.; oder wenn ich einen bösen nachbarn hätte, der mir sein vieh auf die jungen bäumgen triebe Weise
erzn. 53
neudr.; so must du einen bettler abgeben .. oder das vieh hüten
med. maulaffe (1719) 60; das vieh wird ausgetrieben, der bauer zieht hinaus auf's feld Kotzebue (1827) 2, 33; tho warun thar in lantehirta haltente, thes fehes datun wartawidar fianta Otfrid 1, 12, 2; thar sie thes fehes goumtun 1, 13, 14; so hirti, ther thar heltitjoh sines fehes weltit 5, 20, 32; er treip sin vihe an di guten weide
deutsche gedichte 34, 28
Diemer; so man dann das vich usz trib, so wartet mein der herre ym stall Hätzlerin 306, 64; er traib das viech hin in dem thaw, die gaisz, die küe und auch die saw
pfarrer v. Kalenberg 98, 2035
neudr.; meines vatern schaf und küh, als die ich den hirten nachgetrieben, welche weiden unsrer nachbarn vieh
Königsb. dicht. 52
neudr.; auf dem felde morgens früh, früh bis an den abend, weid' ich meines vaters vieh Herder 25, 420. viehweidend,
in kühner wendung: (
es wird) von viehweidenden höh'n Inachos kommen herab
Athenäum 1, 133; das zur tränke gehende vieh Humboldt
kosmos 3, 211; dörfte nicht die heerden fremdes vieh sich tränken sehn im blutgefärbten Po Herder 27, 360; das vieh stöszt wegen der hitze auf,
pecus propter aestum laborat; das vieh entwischt dem hirten; das vieh wird kranck, weil es nicht fressen will Steinbach 2, 892; und dein vihe wird sich zu der zeit weiden in einer weiten awe
Jes. 30, 23; wie das vieh so ins feld hinab gehet 63, 14; dazwischen weidet schönes rothbraunes vieh Göthe 31, 156
Weim.; wo sie dem vieh, das hier weidete, zusah Fontane I 5, 111; auf den weiden stand das vieh in dunklen ... massen beisammen Storm (1899) 1, 80; und in den schönen awen, da geht das viech, und mestet sich B. Waldis
psalter (1553) 106
a; o we wu jammerliken dat steit dat dat ve ane herde geit
niederd. osterspiel 8
Schönemann. vieh
füttern, bestellen, beschicken u. ä.: das vieh im stalle füttern Campe; das vieh in den stall eintun Fischer
schwäb. 2, 1486;
dicitur etiam das vieh begatten,
cogere pecora Stieler 2370; nam das fuoter selber, dem vieh für ze legen Stainhöwel
Äsop 168
lit. verein.; kam des schmidts tochter vom tantze heim, das vieh zu beschicken Krüger
Clawerts historien 9
neudr.; alle sechs werktage hindurch ihre äcker und ihr vieh bestellte Keller 1, 17; ochsenknechte, wie wär's, wenn ihr euer hungriges vieh füttern .. würdet Ebner-Eschenbach (1893
ff.) 4, 183; sie hatte für ihr vieh geholt ein fütterlein Rückert (1882) 3, 139. vieh
mästen, es fleischig und fett machen, zur fleischverwerthung: er hat ochsen und gemestet vich und viel schaf geopffert
1 kön. 1, 19; die kunst des viehmästens Sprengel
chemie für landwirthe (1831) 2, 591. mit dem vieh
umgehen, mit ihm zu schaffen haben: mit vich umbgehn,
pecuaria facere Dasypodius; es sind leute die mit vieh umbgehen
1 Mos. 46, 32; unter den Römern seynd vornehme geschlechter gewesen, so sich ohn zweiffel Bubulcos ... genennet, weil sie mit dergleichen viehe umgangen
Simpl. 10
neudr. dagegen mit adverbialer bestimmung zur bezeichnung guter oder schlechter behandlung: wider diejenigen, die mit dem vieh unbarmherzig umgehn Archenholz
England und Italien (1785) 1, 2, 318. vieh
schlachten, opfern: victimare, fich offern;
victima, eyn opper des vehes Diefenbach
gloss. 618
b; schlachtet jr vieh, und trug jren wein auff, und bereitet jren tisch
sprüche 9, 2; habt jr ... mir auch je opffer und vieh geopffert
ap. gesch. 7, 42; das vieh ward geopfert Niebuhr
röm. gesch. 1, 56. vieh
abstechen: ein metzger, der das vieh absticht Eyering
prov. copia 1, 440.
viehspeisend Treuer
d. Dädalus (1675) 1, 930;
viehwürgend: du sandtest ... viehwürgende seuchen Cramer
ged. 3, 224. vieh
kaufen, verkaufen: alles vieh verkaufen Steinbach 2, 892;
rauben, stehlen, wegtreiben, erbeuten u. ä.: viel groszes und kleines vieh erbeuten Steinbach 2, 892; namen den luden ir ve
d. städtechron. 13, 43; das man einem sein viech weckgetriben hat Luther 2, 63
Weim.; achtzig crabaten ... so aus den dörffern ... das vieh weggetrieben Chemnitz
schwed. krieg 1, 88 (1648); mit brennen, sengen, plündern, schänden, vieh-wegtreiben 2, 168; oft nahm er ihnen das geraubte vieh ab Haller
Alfred 24 (1773); den .. viehraubenden tiger Brehm
thierleben (1890ff.) 1, 470. das vieh
behexen, versehen. II@33)
nähere bestimmung durch adj. oder durch zusammensetzung: groszes vieh,
rinder, seltener auch pferde, kleines vieh,
schafe, ziegen, schweine: grosz vich,
armentum Dasypodius;
pecus, cleyn fye Diefenbach
gloss. 419
b; grosz vich, klein vich
nov. gloss. 284
a; dein klein und gros vieh, und alles was du hast
1 Mos. 45, 10; von daraus ein groszes theil von Europa mit unzehlig grosz und kleinem vieh versehen ... wird Birken
verm. Donaustrand (1684) 89. klein vieh
allgemeiner: klein vieh macht auch mist,
man verachte kleine vortheile nicht. smaleʒ feho,
pecus Graff 3, 429; schmalvieh,
schafe, ziegen, kälber Staub-Tobler 1, 651; eisern vieh,
pecudes perpetuae, ferreae, i. e. quae nunquam moriuntur, licet moriantur, propter substitutionem in demortuorum locum (
besonders bei pachtgütern, wenn die bestimmung besteht, die gleiche viehzahl bei aufgabe der pacht wieder abzuliefern, eisern vieh stirbt nicht); rein vich,
oves purae; econtra schmiervieh,
unguinosae, unguentatae Stieler 2370 (
diese schafe mit unreiner haut müssen mit schmiersalbe behandelt werden).
die zusammensetzungen mit vieh
an zweiter stelle sind auszerordentlich zahlreich und können hier nicht vollständig aufgeführt werden. rind-vieh,
boves, vaccae, vituli; schaf-vieh,
pecus ovillum Frisch 2, 400
b; schweinvieh,
pecus suillum Steinbach 2, 893; geissvieh Staub-Tobler 1, 648;
schweiz. ist auch kuhvieh (1, 649), rossvieh (1, 651).
durch die zusammensetzungen werden sehr mannigfaltige bestimmungen ausgedrückt: hornvieh,
rinder; klauenvieh,
vieh mit gespaltenen hufen; borstenvieh,
schweine; federvieh
gänse, hühner; schnabelvieh Staub-Tobler 1, 652; veltgande ve,
zur weide gehendes Sachs.-sp. 1, 20, 1; stallvieh: iro stalfeho beteta er in demo tode Notker
ps. 77, 50; heimvieh,
das nicht mit auf die alp geht Staub-Tobler 1, 649; weide-, gang-, schlacht-, mast-, milch-, nutz-, jung-vieh; stamm-, zuchtvieh (ziehendes vieh,
zuchtvieh Lexer
mhd. hdwb. 3, 346); mager-, fettvieh; zugvieh
zum ziehen von lasten; zugvieh
im sinne von zuchtvieh Staub-Tobler 1, 652; dienstvieh,
pecus operarium; dorfvieh,
armentum villicum; schloszvieh,
pecuaria nobilium; stadtvieh,
oppidanorum greges; pachtvieh,
pecora censualia, et conducta Stieler 2370; allerhand last-vieh,
jumentum Frisch 2, 400
b; opfervieh,
victima, hostia Steinbach 2, 893; halbvieh,
s. oben halbvieh 2
th. 4, 2, 217; Schmeller
bayer. 1, 836;
auch halbgewachsene rinder Staub-Tobler 1, 649; faselvieh, ganzes vieh,
zuchtvieh; galtvieh,
solches, das nicht zur zucht dient Fischer
schwäb. 2, 1486; faselvieh
auch für junges und schmalvieh Staub-Tobler 1, 648; galtvieh,
das keine milch giebt, z. b. kälber, ochsen, oder das nur zeitweise nicht gemolken wird, z. b. trächtige kühe ebd.; fehlvieh,
mit mängeln behaftetes vieh; gustvieh,
jüngeres rindvieh; lebvieh,
das man aufzieht, um es leben zu lassen; schindvieh,
solches, das abgethan werden musz; mit andern zusammensetzungen bei Staub-Tobler 1, 648—652 II@44)
zur festen verbindung wird das liebe vieh,
das trauliche verhältnis zwischen mensch und hausthier kennzeichnend: vor de menschen is wol wat ewossen, wenn mant wat vor det leiwe veih ewossen wöre Schambach
Göttingen-Grubenhagen 258
b; 's lieb vechli Tobler
appenz. sprachschatz 178
a; wenn der herr vater .. nicht .. das liebe vieh gehütet hätten Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 13.
das adj. kann völlig verblassen, besonders in wendungen mit wie,
s. unten 12. II@55)
weitere und engere bedeutung des wortes. während in allgemeiner bedeutung vieh
alle nutzthiere, ja selbst die hausthiere umfaszt, die zu einer haushaltung gehören (
s. 1),
so wird in engerer bedeutung das wort beschränkt auf den rinderbestand, also gegen den ursprünglichen sinn des wortes: diese verengung des sinnes ist bis zu einem gewissen grade auch in der schriftsprache eingetreten, schärfer tritt sie in mundartlichem gebrauche hervor; daneben besteht überall die allgemeine bedeutung, auszerdem kann durch den zusammenhang vieh
auf andere hausthiere als rinder eingeschränkt werden: kuo
vel vich Diefenbach
gloss. 49
b;
schweiz. vorwiegend vom rindvieh: kein vieh, nur ein par geiszen Staub-Tobler 1, 647; das vehchli,
eine geringe anzahl kühe Tobler
appenz. sprachschatz 178
a;
schwäb. '
ohne besonderen zusatz oder zusammenhang stets das rindvieh'
; so in den bezeichnungen der rassen: Allgäuer, Limpurger, rotes (Schweizer) vieh Fischer
schwäb. 2, 1486;
daher scherzhaft: das ist eine hitz' unter dem vieh, hat jener schneider gesagt, hat eine geiss gehabt
ebd. 1487;
ebenso in andern redensarten, s. unten 6; vieh =
rindvieh Frischbier
preusz. 2, 445
a;
beispiele, in denen vieh
nach dem zusammenhange oder prägnant eine bestimmte art der nutzthiere bezeichnet (
vgl. viehgesindel): (
dachsblut) in die hOerner des vychs getrOeufft, ist guot fr die platern Gesner
thierbuch (1563) 33
b; vieh- und schaf-dienst Hohberg
georg. cur. 1, 31;
vgl. die stelle aus den wanderjahren unter viehzucht; wir mietheten uns ein kapriolet mit zwei pferden, und ich borgte von freund Herel .., um unterweges nicht mit samt unserm vieh zu verhungern Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 90.
reit-, zugvieh, bildlich: zum reiten, zum fahren wird sich der mensch des eisernen viehes bedienen Heine 2, 156
Elster; so zieht auch das vieh, sans comparaison, hier mit dem kopf Pückler
briefw. u. tageb. (1873ff.) 2, 90; einiges vieh ... schöne gesprenkelte rinder ziehen unangeregt und ruhig durch das aufgeregte, unruhige gewühl Steur
drei sommer in Tirol (1895) 1, 107; (
pferde:) uuiggeo gomean, fehes after felde
Heliand 390; (
schafe:) zuo mir ruck mit den schefflein dein .. sust weicht mein vich verrlich herdan O. v. Wolkenstein 77, 1, 4. 2, 20; gleichwie der leu, der in die hürden sprang, und bei der wollenheerde zwar verletzt vom hirten, aber nicht gefället ward, gereizten grimms unbändig wiederkehrt, zu stalle dringt, das unbewehrte vieh zerscheucht Bürger 160, 169
Bohtz. neben vieh (
z. b. mit und
oder mit oder
angeknüpft)
eine einzelne gattung bezeichnet; bisweilen ist dabei in älterer sprache vieh
doch der allgemeinbegriff, der auch die besonders bezeichnete gattung umfaszt; andererseits aber wird in solchen wendungen vieh
selbst eingeschränkt auf das rindvieh, oder etwas rinder, schafe, schweine zusammen gegenüber pferden: eʒ sey roʒ oder vich
quelle bei Schmeller
bayer. 1, 836; mit alle jrem gesinde, viehe und kamel
Tob. 11, 18; pferde und vieh, so den benachbarten dorfschafften abgenommen Chemnitz
schwed. krieg (1653) 2, 107; wo schatten und weide für seine pferde und sein vieh waren Haller
Usong (1771) 2; vieh und pferde stellen sich beim beginn eines schneesturms mit den köpfen gegen denselben Nehring
tundren u. steppen (1890) 129; die koppeln mit pferden und vieh Polenz
Grabenhäger 2, 66; das viech, die hund, und die maulthier, grimm wurden in den tod gestürtzt (
οὐρῆας μὲν πρῶτον ἐπῴχετο καὶ κύνας ἀργούς A 50) Spreng
Ilias (1610) 2
b; in einem hui verderben seine kinder, es gehet weg sein hausz, hof, vieh und rinder Neumark
poet. u. mus. lustwäldchen (1652) 4.
hühner, vgl. viehwärter (
beleg aus Kramer). II@66)
eine fülle von redensarten und sprichwörtern bezieht sich auf das vieh;
hier können nur einige beispiele gegeben werden; in den allgemeinen gebrauch aufgenommen ist: der gerechte erbarmet sich seines viehs
sprüche 12, 10; en buer, de up sin veih nich achtet, dei achtet sek sülwest nich Schambach
wb. der niederd. mundart von Göttingen-Grubenhagen 258
b; wer für sein vieh sorgt, sorgt für seinen beutel Fischer
schwäb. wb. 2, 1487; das vieh hat niemand als den menschen
ebenda; des herrn fuosz düngt den acker wol, des hern auge macht das vihe feyszt S. Franck
sprüchw. (1545) 1, 18
a; vich ist kein vích, fueter ist vich,
das futter ist die hauptsache Martin-Lienhart
elsäss. 1, 90; gibst du deinem vieh, giebt es dir wieder.
vgl.: fé er fóstri líkt
isländ. sprichwort; in gleichem sinne sagt man: wie der stall, so das vieh,
die güte des viehs richtet sich nach der pflege. ebenso: wie der hirt, so das vieh; alst den herde misgaet, misgaet den vee (
qualis rex, talis grex)
; aber dieser ursprüngliche sinn tritt zurück, die redensarten bezeichnen zusammen gehörendes, durch gleichheit verbundenes: dann es ist fast der hirte wie das vihe
quelle bei Fischer
schwäb. 2, 1487; wie sie beyde werd sind und zusamen gehOeren als vieh und stall Luther 32, 435, 22
Weim.; es ist eben vieh als stal. gleich suocht sich, gleich find sich S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 60
b; gleich sucht sich, gleich find sich: so stall, so viehe Corvinus
fons latin. (1646) 764; wann es ist das viech wie der stal H. Sachs 17, 110
lit. verein; das vieh
ist manchem wichtiger als die dienstleute: lieber für die leut nix zu essend als fürs vieh Fischer
schwäb. 2, 1487
; groszes vieh verlangt reiche weide: groszes vich wil michel gras Zingerle
sprichwörter 160 (
aus dem ring);
hunde und katzen gehören eigentlich nicht zum vieh;
daher: hierbey war mein herr sicher, soff, frasz, spielete, faulentzte, bis hund und katzen das beste vih waren Moscherosch
gesichte (1650) 2, 159; summa, wo er im hausz umbschlich, so war sein katz das beste vich (
er war völlig verarmt) H. Sachs 21, 266, 33
lit. verein; die maus tritt hinzu: also wo das weib lang pleibt aus, wird das best viech die kaz und maus Fischart
ehezuchtbüchl. 156
Hauffen; läuse: das gehört sich, dasz der spielmann läuse hat, er hätte ja sonst kein vieh Fischer
schwäb. 2, 1488;
ein pfaffe sagt von sich: aber wiewol ich in die pfaffheit binn kommen, wie Contz hinder das vyhe,
wohl in dem sinne: ohne recht zu wissen wie Eberlin von Günzburg 2, 74
neudr. II@77)
soweit vieh
als collectivum die gesammtheit der nutzthiere bezeichnet, verwendet man stück
oder haupt,
wenn das einzelne thier gemeint ist. '
im plural ist es von individuis nicht so gangbar, am wenigsten mit zahlwörtern. für zwey, vier viehe
sagt man allemahl zwey, vier stück vieh' Adelung;
vgl. viehstück;
das einzelne thier, vichle,
gewöhnlicher stück, stückle vich Fischer
schwäb. 2, 1486;
scherzhaft übertragen: da ist unserm herrgott auch ein stückle vich gefalle,
sagte der bauer als der schultheisz im wald fiel 1487;
das einzelne thier (
rind)
wird bezeichnet mit haupt, häuptli, (
vgl. viehhaupt)
mit und ohne den zusatz vich Staub-Tobler 1, 647; dis is e schöns stückel vich; mir han zehn stück ringvich Martin-Lienhart
els. 1, 90
b;
dän. qvæghøved,
ein rind; dri dusent stucke vees
d. städtechron. 13, 144, 2; so wie unter den kalmücken ohne landeigenthum einer 4000, der andere nur 4 stück viehe zu erhalten im stande ist Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778ff.) 1, 23; für sein letztes stückchen vieh Musaeus
volksmärchen 1, 35
Hempel; eine wiese, die einige stücke vieh nährte Keller 2, 96; vier haupt vieh
nachl. 215; daʒ ein arm wîp daʒ beste houbt ûʒ irem vihe muoʒ geben Hugo v. Trimberg
Renner 9267
Ehrismann; drei ochsen, vier kühe, macht sieben stück viehe Bauer-Collitz
waldeck. 295, 67.
jedoch kann vieh
auch das einzelne thier bezeichnen, der plur. eine mehrheit von individuen; bildung eines neuen collectivums: vihig,
n. Fischer
schwäb. wb. 2, 1489; das g'vichat Schmeller
bayer. 1, 836; givîche, vîchlach Lexer
kärnt. 95;
mhd. hdwb. nachtrag 395; das gevicht Staub-Tobler 1, 668; gevieche Weinhold
beitr. zu einem schles. wb. 102
a;
die ältere sprache braucht den sing. für das einzelne nutzthier oder hausthier und den plur. dazu ohne nebensinn; die neuere sprache ist nicht mehr so beweglich; in gebildeter rede fehlt der plural überhaupt, dieser verlust tritt aber erst allmählich ein (
vgl. oben I 3 b);
wenn im entwickelten nhd. vieh
das einzelne nutz- oder hausthier bezeichnet, so wirkt gewöhnlich der gebrauch im derben oder vertraulichen sinne, wie er sich im nhd. entwickelt hat, ein (
vgl. unter 8);
indessen läszt sich die ältere anwendung bis in die neue zeit verfolgen (
besonders z. b. in der verbindung mit dem unbestimmten artikel)
: iumenta in montibus, geuueidotiu feho in bergen Notker
ps. 49, 10; die vich an den bergen
die erste deutsche bibel, Kurrelmeyer; er (
der barmherzige Samariter) legt in auf sein vich
Luc. 10, 34 (thier
Luther); mit ihren ehalten, diensten und vihen
quelle bei Fischer
schwäb. 2, 1486; wollust, welche sie, gleich wie hornissen ein vihe, inn unkeusche werck treybt Ambach
vom zusaufen (1544) C 2
a; solch ein arm vieh hat kein maul zu begehren, wenn's am abend zu kurz kommt maler Müller (1811) 3, 42; wirf dem vieh (
der scheinbaren ziege) einen strick um den hals, Sebulon Immermann 2, 94
Hempel; wie das liebe vieh (
die kuh) dasteht und sich nicht rührt Fontane I 4, 332; da wurde das vieh (
ein jagdhund) bald elend und starb Moltke (1892) 1, 87 (
vgl. unten 8); da stunden sus die zwei vie gebunden an die crippe entsamet
pass. 18, 94
Hahn; könt' ein gebrantes vieh (
opfer) vor dir sein angenehm Fleming
deutsche gedichte 1, 8
lit. verein; ich habe leider nichts gethan, als meines herrn sein vieh (
sein reitpferd) getreu in acht genommen Gellert (1784) 1, 260; bei einem vieh bedenk' ich mich, eh ich das messer zücke, (sein daseyn hat 'nen zweck — es wird gegessen) Grabbe 1, 89
Grisebach; II@88)
erweiterung der bedeutung. II@8@aa)
die ältere sprache braucht vieh
in dem allgemeinen sinne von thier, und zwar sowohl collectiv als für das einzelne thier (
vgl. z. b. viehäuszerung, -fell, -geist, -geschlecht, -instinkt, -recht, -rede, -thier, -werk);
dieser gebrauch hält sich bis ins nhd. hinein, besonders unter dem einflusse der bibelsprache, wird aber dadurch zurückgedrängt, dasz vieh
einen derben, unter umständen auch traulichen klang bekommt, so dasz es sich zur allgemeinen bezeichnung nicht mehr eignet; '
in dieser ganzen weiteren bedeutung gebraucht man es nur noch zuweilen im harten und verächtlichen verstande, wenn man besonders die dummheit und höchste sinnlichkeit der unvernünftigen vierfüszigen thiere, besonders gröszerer art bezeichnen will' Adelung;
pecus .. allerley thier, ausgenommen der mensch, vihe Alberus (1540); die Zirze, die in vieh die menschen wandeln kan Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 12;
auch verbunden mit thier
kann vieh
eine allgemeine bedeutung haben: seistu verflucht fur allem vieh und fur allen thieren auff dem felde
1 Mos. 3, 14; schlang, weyl du sollichs hast gethun, so sei darumb verfluchet nun vor allem vieh und thieren auch H. Sachs 1, 46
lit. verein; die einzelne thiergattung: je mehr sich der geist vom ebenbild der gottheit entfernet, desto näher scheint auch die äuszere bildung dem viehe zu kommen, und immer demjenigen am nächsten, das diesen haupthang mit ihm gemein hat Schiller 1, 170; vieh, das ungeheuer und grosz ist,
bellua, fera immanis, als elephant Frisch 2, 400
b;
einzelnes thier: esil, wiʒun wir thaʒtheist fihu filu dumbaʒ Otfrid 4, 5, 7; geringe kleider, und darzu viél kleine vieh (
läuse), und böse schuh Ringwaldt
lauter warh. 306; der thiere groszsultan lag auf dem krankenbette .. da war kein vieh, das ihm nicht was gerathen hätte Pfeffel
poet. versuche (1812
ff.) 1, 64; II@8@bb) wildes, zahmes vieh: wildes vieh,
bestiae ferae; zames vieh,
pecudes mansuetae Stieler 2369; vieh, das wild ist,
fera Frisch 2, 400
b; also sehen wir .. dasz sie wie das wilde viech menschenfleisch fressen Heyden
Plinius (1565) 8; das wilde und das zahme viehe
discourse der mahlern 1, 3; wer nehret wild, und zahmes vieh Spee
trutzn. (1649) 146; so musste Babels herr auch seine sitze meiden .. wie ander' wildes vieh im wald und grase weiden Fleming
deutsche ged. 1, 107
lit. verein; ein wildes vieh entdeckt mit stummen zeichen des innern hertzens sinn A. Gryphius 41
lit. verein; da Reinick offt gefangen manch schönes wildes vieh
Reinicke Fuchs (1650) 59; dein reich wird dir genommen, und man wird hinab dich stoszen zu dem wilden vieh Stolberg (1820
ff.) 4, 132; löw' und wolf und tiger wild und zahmes vieh Schubart
sämtl. gedichte (1825) 2, 335; vieh des waldes, der wildnis, des feldes: darumb, dasz der mensch limbum erkenne, ausz dem er geboren ist: und das viehe im wald und im feld erkenn, auff dasz er sehe, dasz er gleich wie das viehe ist, und nichts bessers Paracelsus
opera (1616) 1, 216 B; musz das vieh der wildnisz, affen, löwen zu den kindern kommen Tieck (1828) 1, 123; vieh
ohne solchen zusatz auf das wild bezogen: da stürmt ihr hinaus alle tage, quält und mordet das arme vieh Iffland
theatr. werke 2, 63 (
die jäger 2, 5). II@8@cc) Paracelsus,
der eben citiert wurde, hat den gebrauch in besonderer weise ausgebildet, indem er damit die thierische natur des menschen bezeichnet, zunächst ohne jeden abschätzenden nebensinn, dann aber auch im gegensatze zu höherer anlage im menschen: die weiszheit kompt aus dem rechten menschen, der nit stirbet, unnd kompt nit ausz dem vich, aber durch den vichleib erzeigt es sich Paracelsus
opera (1616) 2, 178 C;
vgl. viehart, -geist;
aus seiner niederen natur gehen auch geistige fähigkeiten hervor, vgl. viehisch
und viehischwitzig
unter viehisch 1; viehleib, -verstand, -wesen. II@8@dd) vieh,
vierfüszige thiere zusammenfassend gegenüber den vögeln, fischen: alles fleisch ist nit daʒselb fleisch, wan di ainen der menschen, di andern der viehe, di andern der vogel, wan di andern der visch
codex Teplensis (1884) 39; aus allerley reinem vieh nim zu dir, ja sieben und sieben, das menlin und sein frewlin. von dem unreinen vieh aber je ein par, das menlin und sein frewlin. des selben gleichen von den vogeln unter dem himel, ja sieben und sieben, das menlin und sein frewlin
1 Mos. 7, 2. 3; der uns gelerter macht, denn das vieh auff erden, und weiser, denn die vogel unter dem himel
Hiob 35, 11; aber am vich und gevögels würt vil schaden zufallen
M. Herr
feldbau (1551) 19
a; visch, vich, und vögel, grosz und klain Schwartzenberg
teutsch Cicero 129
a; geflügel, mensch und vieh, was in den büschen kreucht, was in den lachen schwimmt, und in den thälern schleicht Besser (1732) 1, 57;
andrerseits wird auch vogel und fisch als vieh
bezeichnet: nuhn ist der vogel ein viehe Paracelsus
opera (1616) 2, 318; sô sprach das klaine vich, küngl, zeysl, mais, nû komen wir singen O. v. Wolkenstein 41, 21
Weber; ach! laszt euch dieses doch die keuschen tauben zeigen, wie ist das liebe vieh bey seinem schnäbeln still Henrici
ged. (1727) 1, 298; dafür singt uns das kleine vieh auch hübsche lieder spät und früh
Mild. liederbuch (1799) 25;
poetisch: 't geschubde vee,
fische Kramer
nieuw woordenboek (1768) 491
a. II@8@ee)
gegensatz zum menschen (
vgl. unten 12):
dem thier wird seele und vernunft abgesprochen, es hat keine articulierte sprache: unvernünftig vieh,
brutum Stieler 2369; das stumme vieh,
mutae pecudes 2370; das unvernünftige vieh, het redelooze vee Kramer
deutsch-holl. wb. (1768) 394
c; kurtz, wenn ein mensch in der wirde ist, und hat keinen verstand, so feret er davon wie ein vieh
ps. 49, 21; wer weis, ob der odem des menschen auffwerts fare, und der odem des vihes unterwerts unter die erde fare
pred. 3, 21; daʒ solches auch bei den unvernnfftigen viech unbreuchlich Fischart
Garg. 117
neudr.; warumb bin ich nit ein viehe, so one seel stirbet
volksbuch von dr. Faust 113
neudr.; dasz man einem unvernünftigen vieh nichts vermachen könne Lichtenberg
verm. schriften (1800) 2, 319. II@99)
in der neueren sprache hat nun vieh
in der erweiterten anwendung einen besondern klang angenommen (
vgl. viehwirtschaft 3, viehzeug,
auch den unter 8
aus Adelung
angeführten satz)
; es bezeichnet nicht mehr das thier schlechthin, sondern entweder mit dem nebensinne der dummheit, plumpheit oder rohen sinnlichkeit (
vgl. viehtrieb): vieh
wird, ohne dasz man immer an diese eigenschaften zu denken braucht, zum schimpfwort dem thier gegenüber, natürlich vor allem dem nutz- und hausthier gegenüber; das schimpfwort (
vgl. luder
u. ä.)
kann sich abschwächen zur derben bezeichnung, ja es wird dann auch vertraulich, mitleidig, mit zuneigung angewandt (
vgl. viehlein),
das ist besonders gegenüber hunden der fall: du armes vieh; unser pudel ist ein gutes vieh Campe; ein treues vieh; ich weisz nicht, was mit meinem hunde ist; das vieh friszt seit drei tagen nicht mehr
u. ä.; das vieh ist so stark und hitzig, dasz kein ander rosz dagegen bestehen kann Tieck (1828) 3, 51; trag den falken fort, das vieh hat sich heut elend aufgeführt 3, 252; dieser brummte 'verwöhntes vieh'. erhob sich, holte einen polster vom canapee und schleuderte ihn dem hunde zu Ebner-Eschenbach (1893
ff.) 4, 60;
in dieser anwendung stets auf das einzelne thier bezogen; doch vgl.: zween einander gleiche hunde eines herrn getreues vieh Lichtwer
äsop. fabeln (1748) 63; läszt das vieh (
walfisch) noch die hinterthür offen Lenz
ged. 218
Weinhold; hahn, dem hund gewognes vich, wie so gar nit schämest dich Ditfurth
volksl. d. bayer. heeres 38;
derb, von einem wilden thier: als das vieh (
nilpferd) mich eben verschlucken will Immermann 1, 15
Hempel. II@1010) unvieh,
ungeziefer: man muosz das umfich stoiben, so blybt daʒ essen rein
quelle des 15. jh. bei Staub-Tobler 1, 648. II@1111)
oft wird vieh und mensch
verbunden, je nach dem zusammenhange in verschiedener vorstellung. zunächst werden menschen und die zu ihm gehörenden nutz- und hausthiere zusammengefaszt; dann aber kann vieh
in allgemeinerem sinne verstanden werden, so dasz alle auf der erde lebenden thiere gemeint sind; bei der unbestimmtheit des wortes vieh
sind die beiden vorstellungen nicht immer geschieden, besonders in neuerer sprache tritt von selbst wieder eine verengerung des sinnes in verbindungen dieser art ein: homines et iumenta salvabis domine, menniscen unde feho haltest du truhten Notker
ps. 35, 8 (herr du hilffest beide menschen und vihe
ps. 36, 7); von den menschen an bis auff das vieh, und bis auff das gewürme, und bis auff die vogel unter den himel
1 Mos. 6, 7; (dasz) beide leute und viehe davon fliehen werden
Jer. 50, 3; und füret weib und kind und vieh weg 1
Macc. 1, 34; hunger doit wei vor minschen un veih Schambach
Göttingen-Grubenhagen 258
b; mOechten etlich sagen, wie mügenn wOelff, lOewen, schlangen, natern, krotten
etc. guot sein, so sie groszen schaden dem vihe und den menschen bringen Eberlin v. Günzburg 2, 5
neudr.; (
es ist) die natur in vihe und leuten so blind, das iede creatur mit eygner lieb besessen, sich selbs nit kennt, sihet oder sehen kan S. Franck
sprüchw. (1541) 122
a; (
grube) darausz giengen eyn also gifftiger schädlicher luft, das alle die in der statt viehe unnd leut siech wurden Carbach
Titi Livij röm. hist. 65
a; (
dasz er) sein segen uber ecker und wiesen, viehe unnd leute spricht Mathesius
Sar. (1571)
vorw. 1
b; die volkreichsten örter sahe ich aller menschen und viehes entblöszet Schottel
friedens sieg 42
neudr.; menschen und vieh, hätten .. mangel an speisz und futter Birken
ostländ. lorbeerh. (1657) 51; dasz menschen und vieh darinnen (
im quartier), so viel möglich, bequem verbleiben können Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 178; sie wissen es selbst, dasz bey mir weder menschen noch vieh noth leiden Rabener 3, 19; das erste feu'r auf der erde musz eine schreckliche wirkung auf mensch und vieh gemacht haben Hippel
lebensl. (1778
ff.) 1, 360; schlimm reisen ohne wirthshaus, wo man einkehren und rasten mag, vieh (
reit-, zugpferde) und menschen kommen leicht zu schaden Tieck (1828) 1, 111; und menschen und vieh (
hier ganz allgemein) sollen sich verwundern Ludwig (1891) 2, 329; an offenen landstrecken, die den eingewanderten Germanen nahrung für menschen und vieh boten Wimmer
gesch. d. deutschen bodens (1905) 4; erdun inti himilesinti alles fliaʒentes, fehes inti mannes —druhtin bist es alles Otfrid 5, 24, 6; vor dem here des niht genas an vie und ouch an lûten
livl. reimchr. 11295; (
der dreck) würd gar lychnam übel riechen, das vihe und lüt würd dar von siechen Murner
narrenbeschw. 207
neudr.; welche vOegt grosz muotwillen tribend, es wer mit mann, kind, vych oder wyben
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 3, 20
Bächtold; nun ruhen alle wälder vieh, menschen, städt und felder P. Gerhardt; seht! wie herr Neumark schreibt, der Orfeus unsrer zeiten, dadurch er menschen, vieh, ja steine fast bewegt Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657)
ehrenverse 15; da der vogel kling-gedichte, menschen, vieh unnd feld erfrewt
Venusg. 26, 2
neudr.; vieh und menschen schlafen ein Böhme
volkst. lieder d. 18. u. 19. jh. 184; ja, sprach der kolibri .. es heiszt bei menschen wie beim vieh: der kleinste macht den gröszten lärmen Lichtwer (1828) 30; sein weib und sein wirtschaft sein volk und sein vieh (
hat er lieb gehabt) Stelzhamer
ausgew. dicht. 1, 17
Rosegger. II@1212) vieh
nach seiner lebensweise und seinen eigenschaften im verhältnis zum menschen; vergleichung: der mensch als vieh
bezeichnet. II@12@aa)
es wird eine rangordnung geschaffen: gott, engel, mensch, vieh. vieh
kann im älteren nhd. dabei ohne besondere verschlimmerung des sinnes gebraucht werden (
vgl. z. b. viehempfindung
bei Herder): aus ungleich festem stoff hat gott es (
das menschengeschlecht) auserlesen, halb zu der ewigkeit, halb aber zum verwesen: zweideutig mittelding von engeln und von vieh, es überlebt sich selbst, es stirbt und stirbet nie Haller
ged. 129
Hirzel; ich lobe mir mit seinen mängeln das mittelding von vieh und engeln Lenz
ged. 184
Weinhold; das verkauft er für humanität? zusammen addiren kannst du den engel, das vieh, aber vereinigen nicht Göthe 5, 278
Weim.; lehrt ihn (
den philosophen), dasz er das unseelige mittelding von vieh und engel ist Schiller 1, 149; es ist die schwäche eines menschen, und wer sie nicht hat, musz entweder ein gott oder — ein vieh sein. lasz mich immer mitten inne bleiben 2, 225.
dadurch, dasz vieh
im allgemeinen sinne von '
thier'
die unterste stufe bezeichnet, für die unvernunft, roheste sinnlichkeit charakteristisch ist, wird vieh
von der ursprünglichen neutralen bedeutung zur verschlimmerten hingedrängt, die dann auch in anderem zusammenhange haftet. der mensch, der die edleren eigenschaften seiner natur verleugnet, sinkt hinab zum vieh, wird wie das vieh, zum vieh, ein vieh (
besonders scharf tritt diese entwicklung in viehisch
hervor): zum vieh werden, tumm werden,
brutum fieri Frisch 2, 400
b; er ist wie's liebe vieh,
animal brutum refert Steinbach 2, 892.
in dieser auch heute noch viel gebrauchten wendung ist der sinn von vieh
wieder eingeschränkt, das epitheton (
s. oben 4)
formelhaft mit vieh
verbunden: ein mensch, wie ein vieh; so dumm, wie das vieh, wie ein vieh; er ist ein wahres vieh; solche viehe von menschen; zum viehe werden,
zum höchsten grade der sinnlichkeit hinabsinken Adelung; so gar machet sie (
begier) den menschen zu einem unvernünfftigen viech Albertinus
hirnschleifer (1664) 36; den ersten tag sind sie noch wie menschen, den andern und folgende tage ist unter einem viehe
d. wohlgeplagte priester (1695) 118; wie denn ihr unterschied so grosz ist, als zwischen einem menschen und unvernünfftigen vieh Stranitzky
ollapatrida 53, 23 (
Wiener neudrucke); das geschlecht, das er haszte, das die welt gemein machte, das ihn zur bestie machte, zum vieh Kahlenberg
d. familie Barchwitz (1902) 145; jetzt hast du den begriff der gründlich hohen sachen, die menschen aus dem vieh, aus menschen christen machen Günther
gedichte 758; o da lernen götter — menschlich fühlen, lassen sich fast sehr herab zum — vieh Schiller 1, 188; tief unters vieh wird jeder sinken
Mildh. liederb. (1799) 73. II@12@bb)
sehr häufig sind deutlich vergleichende wendungen mit wie
oder einem comparativ; z. th. formelhafte wendungen (wie das liebe vieh
unter a).
das vieh
als mühselig lebend (
vgl. viehisch 2),
als willenlos, vom menschen beherrscht, geplagt, getrieben, geschlachtet u. ä.: die flüchtigen worden von der reiterey zu boden gerennt ... die stehenden wie das vieh zerfleischt Lohenstein
Arminius 1, 50
a; als Roms bischöffe .. fürsten und könige an ihrem seile führten wie zahmes vieh Zimmermann
über d. einsamkeit 1, 131; damit die einwohner Frankreichs wie das dumme und stumme vieh der grausamen gewalt gehorchen lernten Arndt
schriften f. u. an s. l. Deutschen (1845
ff.) 1, 235; heut stechen sie die leute ab wie's liebe vieh Arnim 5, 314; wenn ich sie forttreibe wie das liebe vieh zum schlachthofe Holtei
erz. schriften 5, 114; die endlosen züge der gefangenen, die wie das vieh einmal am tage zur tränke geführt wurden Mommsen
röm. gesch. (1894) 5, 431; italienische gefangene, welche die Franzosen wie gebundenes vieh durch die straszen zerrten H. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 126; man hat zuviel ehrgefühl, um sich behandeln zu lassen wie das liebe vieh W. v. Polenz
Grabenhäger 2, 22; weil er (
der amtmann) nach ansehn sprach und geld, wies liebe vieh die bauern schund Hölty
ged. 37
Halm; (
wir) ziehen spät und früh, noch ärger wie das vieh Ditfurth
hist. volksl. d. preusz. heeres 70.
verkaufen: vor des gekreuzigten bild menschen verhandelt wie vieh A. W. Schlegel
gedichte 245.
besondere wendung: die Teutschen zum vieh treiben Aventin
bei Schmeller
bayer. 1, 836 (
zu paaren treiben, vor sich her treiben wie vieh).
mühseliges ärmliches leben, arbeiten wie ein vieh
u. ä.: wie's vieh sein,
abgehärtet Staub-Tobler 1, 648; schaffen wie ein vieh Fischer
schwäb. 2, 1487; den menschen, do zemal der herten aicheln wie das vich lebende Niclas v. Wyle
transl. 326
lit. verein.; da man lebet wie das vieh, voller müh Harsdörffer
t. secretarius (1656
ff.) 1 Gg 3
a.
der tod verbindet mensch und vieh (
vgl. oben 8 e): sunder müssen nackat darvon, wie ein viech mit dem tod vergohn H. Sachs 18, 203
lit. verein.; sie müssen fort und wie ein vieh hinunter und erkalten P. Gerhardt (Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 366
a); wann der tod uns reiszt dahinn, dasz auch unser kluger sinn wie ein vieh liegt in der erden
Königsb. dichterkreis 23
neudr. vor allem wird aber in den vergleichen hervorgehoben, dasz der mensch durch unvernunft, dummheit, stumpfsinn, rohheit, grobe sinnlichkeit (
vgl. unten viehbrunst, -gedanke, -gespräch, -kopf)
sich dem thier gleichstellt (
vgl. die bedeutungsentwicklung des adj. viehisch);
die vergleiche sind z. th. naiv: welche ... allein umb unzucht willen weiber nemen, wie das tumme vieh
Tob. 6, 18; zum ess'n gên, wie's liebe vîch,
d. h. ohne tischgebet Schöpf
tirol. idiot. 789; er ist betrunken wie ein vieh; wie ein stück vieh (
aus Ostpreuszen)
nd. corr.-bl. 3, 54; den fuert man aus und schluog im das haupt ab. der gieng aus als ain viech, weder beicht noch bericht, ungessen und untruncken
d. städtechron. 29, 19, 13.
sehr häufig ist in diesen wendungen die ursprünglich ganz anders gemeinte verbindung das liebe vieh (
vgl. oben 4); wie das liebe vieh leben
kann auch die unbefangene natürliche lebensweise bezeichnen im gegensatz zu der durch leidenschaften, laster verderbten (
s. unten die stelle aus Rabener)
oder durch denken erschwerten (
Faust).
verschärfend wirkt stück vieh. ihr tut grad wie's unvernünftig vieh
zu lärmenden kindern; wie's vieh tun,
sich roh benehmen Staub-Tobler 1, 647. 648;
besondere wendung: 's vich mache,
sich läppisch benehmen (faire la bête) 648;
vgl. Martin-Lienhart
elsäss. 1, 91 (
dort noch in gleicher bedeutung: 's vieh ablassen, verkünden); dat leivet as't vee, '
sie führen eine viehische lebensart' Dähnert
plattd. 516
a; wänn sie dann ausgelert haben, laufen sie dahin wie das liebe vieh Wickram 2, 122
lit. verein.; welches anzeigt das ein trunckenboltz schAendtlicher sey, dan kein unvernufftiges vihe Ambach
vom zusauffen u. trunckenheit C 1
a; da ligt man über einander wie das unvernünfftig vich Montanus
schwankbücher 55
lit. verein; wie das wild unvernnfftig vieh, sein leben allein hie mit essen unnd trincken zubringen Fronsperger
kriegsbuch 1, a 4
b; von welchen sie von jugend auff angehalten, und nicht wie das unvernünfftige vieh lauffen lassen Agyrtas
grillenvertreiber (1670) 4; wie elend ist die ehre, einem viehe oder weinfasse ähnlich zu seyn
der nord. aufseher (1758) 1, 257.
höhnisch: ihr Deutschen lebt hier so ordentlich und gesund, wie das liebe vieh, und daher kömmt es, dasz ihr auch so denkt Rabener (1777) 5, 22; du (
o gott) hast deine menschen nicht gemacht, um blos wie das vieh zu leben Abbt (1768
ff.) 6, 1, 194; komm, Wild, er ist wie ein vieh Göthe 8, 146
Weim.; die leute sind doch wie das liebe vieh Tieck (1828) 3, 175; ein ganzes rattennest von kindern war da ... sie wuchsen ein bischen auf wie das liebe vieh Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 43; weist du nicht di schoneheit, vrouwe sele, di an dich ist geleit, so bistu glich einem ve Brun v. Schonebeck 7355; noch dann wil niemandts bessern sich der boszheit sich thun maszen, wir leben thierisch wie das viech Gengenbach 32
Gödeke; die sich umb mich gleich wie das vich in gleicher brunst embören Forster
teutsche liedlein 76
neudr.; ja noch vil erger helt er sich, dann sunst kein unvernünfftig vich Scheit
Grob. 142, 4958
neudr.; ist das dein grosze freud, das du dich füllest wie ein treber kuh, den wein unmeszig in dich schütst, dardurch sinn und vernunfft zerrütst, leist on vernunfft, recht wie ein viech H. Sachs
fastnachtsp. 1, 61
neudr.; ach! ich bin viehischer als vieh Lohenstein
rosen (1680) 50; ja, wo die geile brunst nur sucht sich selbst zu kühlen, und wie ein wildes vieh, in unflat nur zu wühlen, da ist die liebe nicht Rachel
sat. ged. 95
neudr.; wer wie ein vieh aus pfützen säuft, im lasterbette wühlt Schubart
sämmtl. ged. (1825) 1, 193; leb' mit dem vieh als vieh, und acht es nicht für raub, den acker, den du erntest, selbst zu düngen Göthe 14, 115 (
hexenküche)
Weim. II@12@cc)
der nächste schritt ist, dasz der mensch geradezu als vieh
bezeichnet und damit beschimpft wird, und zwar gilt vieh
meist (
vgl. gegen ende)
als ein sehr schweres schimpfwort, daher in neuerer zeit vieharzt, vieharznei
usw. in thierarzt, thierarznei
umgewandelt sind. in der umgangssprache wird dabei (
auch im norddeutschen)
zu vieh
der plur. vīcher
gebildet (
mit erhaltung des gutturals);
in Basel plur. fiicher
nur als schelte, der sing. heist fê Seiler
Basler mundart 104
b;
neben fē
im gewöhnlichen sinne als schimpfwort fēch,
plur. fēcher Hunziker
Aargauer wb. 77.
es giebt eine menge verschärfende zusammensetzungen, daneben auch solche milderen klanges, humoristische; rindvieh, hornvieh
ist eingeschränkt auf die dummheit: es ist ein loses vieh,
foemina praeceps petulans; sie ist ein raben-, schelm-, schindvieh;
sic packvieh
dicitur fex plebis, ignobile vulgus (
vgl.pack 2 b
th. 7, 1399) Stieler 2370; '
daher denn auch figürlich, ein im höchsten grade dummer oder sinnlicher mensch .. ein vieh
genannt wird': er ist ein wahres vieh; solche viehe von menschen Adelung; veebest,
vieh, viehischer mensch Brem. wb. 1, 361.
dän. verstärkungen sind: fæhoved, fæhund; dat is'n vee
von einem sehr dummen menschen Dähnert
plattd. wb. 516
a;
schwäb. für einen dummen menschen: rindvieh, hornvieh, sauvieh; vieh gottes, herrgottsvieh Fischer
schwäb. 2, 1488; er sind es veh,
Lavater zu einer magd, die ihm das dintenfasz über die predigt gosz Staub-Tobler 1, 647; stück vieh, hornvieh, rindvieh
als schelte für dumme Martin-Lienhart
elsäss. 1, 91
a; ūrvīch,
erzgrober mensch Schöpf
tirol. idiot. 789;
bayer.: vīch, eiskaltes, elendes, g'schwollenes;
vgl. auch viehlein.
scherzend bezeichnet man mit federvieh
die schreiber, mit hosenvieh
die männer Martin-Lienhart
a. a. o., ebenda murervieh,
die maurer. geschorenes vieh,
priester: geschorenes vieh friszt weit um sich Wander
sprichw.-lex. 4, 1630.
zweifelnd zum liebhaber: des solt du bas beschaiden mich. bis du ain mensch oder ain vich Hätzlerin 279
b, 44.
rohes, plumpes, grob sinnliches, dummes wesen: ich wolte dich umb dein thorheit und thumbkünheit züchtigen, du leibeigenes viehe
harnisch aus Fleckenland (1648) 98; ich hätte geschworen, das vieh (
die wittwe) weinte blosz über ihres mannes tod Stranizky
ollapatrida 59 (
Wiener neudrucke); der henker hole das dumme vieh (
ein mädchen) Gottsched
deutsche schaub. 3, 503; (
ein atheist ist) ein vieh, das dummer ist, als ein vieh Lessing
werke3 2, 74; aber mit dem vieh (
Just) ist nichts anzufangen 206; ihr mann, das hochgebohrne vieh, folgt den gewohnten ausschweifungen nach Rabener 4, 100 (1777); ruf doch den Fallstaff herein, ich will den Percy spielen, und das dicke vieh soll dame Mortimer sein weib vorstellen
Shakespeare Heinrich IV. th. I 2, 4 (
and that damned brawn shall play dame Mortimer his wife); ein bürgerliches vieh Fr. L. Schröder
dram. werke (1831) 1, 18; starrköpfiges vieh! das mich nicht anhören will 3, 31; (
wer die freie willenskraft leugnet) ist ein vieh oder ein verbrecher an gott Holtei
erz. schriften 2, 115; den tag hab ich mich zum ersten mal sinnlos betrunken. ich wollte ein vieh sein Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 164; of mine warheit ich des gihe: swer des niht gelobet der ist ein vihe
zeitschr. f. d. alt. 16, 177, 426; wie gfelt ewer gnadt die pewrin? ... (
der abt:) es ist gar ein einfeltigs viech H. Sachs 14, 237
Keller-Götze, o bone Jesu mi, was bin ich doch nur für ein vieh Fischart 1, 66, 2484
Kurz; Titius heisst dich ein dummes vieh Neukirch
ged. (1744) 148; (
Sophie:) du schicksal, trenntest uns, und ach! für meine sünden muszt' ich mich — welch ein musz! — mit einem vieh verbinden. (
Söller:) ich vieh? — ja wohl ein vieh, von dem gehörnten vieh Göthe 9, 67
Weim.; was ist der mensch, wenn seiner zeit gewinn, sein höchstes gut nur schlaf und essen ist? ein vieh, nichts weiter (
a beast, no more)
Shakespeare Hamlet 4, 4; (
collectiv:)
die flüchtlinge: der könig lebe!
Yngurd: unvernünftig vieh! Müllner (1828) 3, 121.
besondere verbindung: vieh von einem menschen. dieser ist wohl das auserordentlichste vieh von einem edelmann, das ich jemals gesehen habe Petrasch
sämmtl. lustsp. (1765) 1, 22; die wirthin warf ihm ein verächtliches: 'vieh von einem menschen!' nach Holtei
erz. schriften 26, 214.
die schärfe des wortes wird oft gemildert, so dasz die vorstellung des armseligen oder bemitleidenswerthen hervortritt (
vgl.b
zu anfang),
ja es kann den klang gutmüthiger vertraulichkeit annehmen; das dim. viecherl (
bayer.-österr.): das ist ein viecherl,
von einem mädchen, kann je nach dem zusammenhange schärfer oder milder gebraucht werden. eine menge menschliches vieh ..., welches sie auf die schlachtbank liefern können Möser (1842) 1, 292; ich zweibeinigtes, unglückliches, elendes vieh Schubart
briefe 1, 107
Strausz; was für ein erbärmliches vieh der seekranke mensch ist, mag dir folgendes bewähren Chamisso (1836) 6, 21; kein ärmer vych uff erden ist dann priesterschafft dem narung gbrist Brant
narrenschiff 73, 49 (
s. 72)
Zarncke beschränktheit: kalt und stolz, ein gletscher, erhebst du dich über die fläche. die das gemütliche vieh unsrer poeten begrast Herwegh
ged. eines leb. (1843) 114,
bitterer von einem einzelnen: mich zu überzeugen, dasz er kein jesuit war, sondern ein ganz gewöhnliches vieh gottes (
ein gewöhnlicher priester) Heine 3, 232
Elster. ganz gemildert: sobald als möglich, verstehst du mich, du bist auch ein gutes vieh Lichtenberg
briefe (1901
ff.) 1, 200; doch trotz der philosophie blieb ich ein fideles vieh Körner 1, 67
Hempel II@1313) vieh
als erster bestandtheil in zusammensetzung nimmt in mannigfacher weise an den sinnfärbungen des selbständigen wortes theil. in wörtern wie viehbesinge, -beule, -birne, -bohne
u. ä. dient vieh-
schon zur bezeichnung gröblicher art; in diesen wörtern sind feste benennungen gebildet. auszerordentlich häufig ist aber die lose, freie verbindung im sinne der schelte, nach ihren verschiedenen abstufungen. hier ist nun vor allem zu beachten, dasz vich-,
besonders aber vichs-
in derber rede nicht blosz in Süddeutschland, sondern auch im nördlichen Deutschland als verstärkung weit verbreitet ist. man sagt also nicht blosz vichswild, -toll, -dumm, vichszorn, -wuth,
sondern auch vichshitze, -kälte,
sehr starke hitze, kälte; vichsgeld,
grosze summe; ein vichskerl
ist nicht nur ein roher oder dummer mensch, sondern das wort kann auch ausdruck derber bewunderung sein, indem vichs-
das einfache kerl
in diesem sinne verstärkt; ebenso ein vichsweib; eine vichsnatur,
unverwüstliche natur; er hat vichskräfte,
gewaltige; er hat eine vichsstimme
kann heiszen: er hat eine sehr rohe, aber auch: er hat eine sehr grosze stimme. in vichswirthschaft, vichszucht
wird die bedeutung grobe unordnung, unordentliches treiben verstärkt; wie vichs-
als verstärkung empfunden wird, ist besonders bei vichszucht
deutlich. in andern verbindungen tritt die verschlimmerung des zweiten bestandtheils stark hervor: das ist ja ein vichsweg,
ein schlimmer weg, ein vichsmesser,
unbrauchbares messer. die möglichkeit, in dieser weise vichs-
vorzusetzen, ist fast unbegrenzt; vgl. viehisch 6. II@1414)
als ursprünglicher besitz, später als wichtiger theil des besitzes und geeignetes tauschmittel (Wackernagel
zeitschr. f. d. alt. 9, 549)
nimmt das wort in alter zeit auszerhalb des hd. (
vgl. oben schatz
th. 8, 2274)
den sinn von habe, geld an; fihu,
pecunia (
glossae Cassellanae) Steinmeyer-Sievers 3, 10, 15
ist nicht hierher zu rechnen, da pecunia
hier die bedeutung '
vieh'
hat; alts. neben der ursprünglichen (
vgl. unten viehhaus)
bedeutung für habe, besitz: so gie ni thurBun mid enigo feho copon, medean mid enigun meðmun
Hel. 1847
Mon. daher fehugiri
habsucht (2503).
altfries. fia
bezeichnet geld, habe, auch das gemünzte geld Richthofen
altfries. wb. 756
b (
gleicher doppelsinn bei sket;
vgl. viehschatz);
nd.: dath alle Fresen ehren fredepenninck offt broke myth vehe offt besten (
mit geld oder vieh) mogen betheren
quelle im Brem. wb. 6, 61.
auch ags. feoh
kann geradezu das gemünzte geld bezeichnen: næbbe ge feoh on eowrum bigyrdlum,
nolite possidere pecuniam in zonis beleg bei Bosworth-Toller 276
b.
die bedeutung habe, geld ist in eingeschränkter bedeutung in engl. fee
erhalten. über faderfio, metfio
vgl. Bruckner
sprache der Langobarden 203; vadderphe
im sinne von eigenthum: soyten ludt gifft wol vadderphe
d. städtechron. 16, 159, 1790.
mit got. faihu
wird übersetzt κτήματα,
χρήματα,
auch ἀργύριον: gahaihaitun imma faihu giban,
ἐπηγγείλαντο αὐτῷ ἀργύριον δοῦναι Marc. 14, 11.
altnord. fé
hat seine ursprüngliche bedeutung nur selten bewahrt, gewöhnlich ist sie von fénaðr
übernommen; fé
bezeichnet im allgemeinen habe, gut und geld; wird vieh als gegenstand des besitzes aufgefaszt, so heiszt es ganganda fé, kvikt fé (quec ve,
pecus Diefenbach
gloss. 419
b);
gegensatz liggjanda fé, dautt fé.
habe, die in vieh besteht, wird auch als frítt fé
bezeichnet, gegensatz úfrítt fé. dánarfé,
durch todesfall herrenlos gewordenes gut. besonders zu beachten ist hier, dasz auch land mit fé
bezeichnet wird; lausafé,
gemünztes geld, bewegliche habe, aber mit ausnahme des viehes. aus den alten verhältnissen erklärt es sich von selbst, dasz andererseits ausdrücke, die habe, gut, geld bezeichnen, mit entsprechendem zusatz für vieh,
pecus verwendet wurden; so ist es mit altnord. eyrir; búeyrir, fríðr eyrir
ist pecus; blodige have, lebware =
vieh Grimm
rechtsalterth. 2, 99;
doch können habe, waare
auch für sich das vieh, vor allem das rindvieh, bezeichnen: hab, war, lebwar Staub-Tobler 1, 648; habe, ware Fischer
schwäb. wb. 2, 1486;
vgl. viehwaare.
über die kuh als wertheinheit vgl. Luschin von Ebengreuth
allgem. münzkunde 135. 234.
got. maiþms,
altn. plur. meiþmar,
ags. maþum,
as. mêðom,
schatz, kostbarkeit, kostbare gabe; deutsch meidem, meiden,
pferd. II@1515)
die Germanen gaben der ersten rune ihres alphabets ()
den namen vieh;
got. faihu (fe
in der Salzb.-Wiener Alkuinhs.);
alts. feu (
abecedarium nordmannicum); vældr frænda róge
norweg. runengedicht; byþ frofurfira gehwylcum
angels. runenlied.