lautwandel 53 Wörterbücher · 2,7 Mio. Artikel
Wildcard · " Volltext

Aggregat · alle Wörterbücher

viehisch

nhd. bis Dial. · 5 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
Anchors
5 in 5 Wb.
Sprachstufen
2 von 16
Verweise rein
10
Verweise raus
16

Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

viehisch adj.

Bd. 26, Sp. 79
viehisch, adj. , vgl. viehig und viehlich, mhd. wb. 3, 310a; Lexer mhd. hdwb. 3, 348, nachtr. 395; animalis, fihisch Diefenbach 35c; bestialis, vichischen 72b; brutire, vihisch, vihesch, vichest werden 82c; pecualis, fichisch 419a; Fischer schwäb. wb. 2, 1489; viehisch, brutale, fiero Hulsius dict. (1618) 262b; viehisch, pecuinus, et pecuatim Stieler 2370; viehisch, belluinus, ferinus Dentzler clavis ling. lat. (1716) 318a; viehisch, bestialis, pecorum ritu Frisch 2, 400b; viehisch, pecuinus, bestialis, belluinus; halbviehisch, semibrutus Steinbach 2, 893; Adelung, Campe; brutal, viehisch Kinderling reinigkeit d. deutschen sprache (1795) 235; die form viechisch ist im älteren nhd. noch mehrfach bezeugt (vgl. die entsprechenden verhältnisse bei vieh). der ursprünglich neutrale sinn des adj. ist verhältnismäszig früh und in durchgreifender weise ins schlechte gewandelt worden; dabei wirkt das ableitende suffix stark mit (Wilmanns, deutsche gr. 2, § 356); ein neutrales adj. mit anderer ableitung (weibisch, weiblich, kindisch, kindlich) ist nicht vorhanden. Campe will in diesem sinne das untergegangene viehlich brauchen; neutrale bedeutung neben der verschlechterten bewahrt tierisch, für vieh in engerem sinne (pecus) fehlt ein neutrales adj. (vgl. unten 2). 11) thierisch, zunächst in neutralem sinne; beim gegensatz zum menschlichen tritt leicht schon ein werthurtheil hinzu, und die bedeutung verschlimmert sich: (die meerjungfrau) hât ainen vihischen leip und ainen zagel oder ainen swanz als ain delphin Konrad v. Megenberg 241, 3; ob der leib ist vihlich (var. vichisch) 1 Cor. 15, 44 (natürlichen leib Luther); auch der vihisch mensch 1 Cor. 2, 14 Kurrelmeyer, var. (der natürliche mensch Luther), s. viehischer mensch unter 3 und viehlich; in dem vihischen grund des menschen Tauler sermones (1508) 141; das menschlich hertz sol von jm genomen, und ein viehisch hertz jm gegeben werden Daniel 4, 13; das alt (testament) ist mit vihischen bluot besprengt und geheliget, aber das nüw mit dem bluot des ewigen gottes Zwingli von freiheit d. speisen 41 neudr.; bei der schlachtung der viehischen opfer Mathesius Sar. (1571) 7b; welche sie (Circe) .. inn unmenschliche, vihische und ganz unanmütige art verkeret hat Fischart ehez. b. 131 Hauffen; behielten doch unter der vihischen gestalt menschliche vernunfft Schaidenreiszer Odyssea (1537) 42b; das wir vom viehischen wissen, das ist, vom leiblichen Paracelsus opera (1616) 2, 318; dasz diese miszgeburt daher eine halbe menschliche und halb viehische gestalt genommen Harsdörffer t. secretarius (1656 ff.) 1, 668; hernach tragen die .., weil sie für der wolle, als etwas viehischem .. abscheu tragen, in weisze leinwand geklei dete prister baar-füszig diese kiste in das euserste heiligthum Lohenstein Arminius (1689 ff.) 2, 62a; was zeugt denn das anders, als dasz keine sprache viehisch, dasz sie alle menschlich sind Herder 5, 81; muste es ihm (dem urmenschen) demonstrirt werden, dasz das oder jenes kraut giftig sey? war er denn so mehr als viehisch, dasz er hierinn nicht einmal dem vieh nachahmte 5, 105; ein bruchstück aus einem viehischen oder tier-epos Grillparzer 13, 183; in eigenthümlicher verwendung bei Paracelsus: dann gut beyspiel haben wir, dasz Christus nicht hat wöllen viehischwitzig leut haben, als nicht Ovidium Nasonem, Ciceronem, etc. sondern fischer, die gar nichts der viehischen weiszheit hetten opera (1616) 230 E; hier also im sinne etwa von animalis (vgl. oben die bibelstellen), eine dem menschen und thiere gemeinsame anlage bezeichnend, die einem geistigeren wesen entgegen gesetzt wird. vgl. vieh II 8 c. dasz er (der mensch) allein ist, der da lacht under all andern creaturn, ist nicht geschaffen nur zu murn. drumb soll sich kein mensch mit gewalt zichen auff viehisch art und gestalt. das vieh sicht greuwlich nur allzeit, mit menschen hat es andern bscheid Fischart Eulenspiegel 391 Hauffen; indem sie den viehischen schweif nach dem höllenthor hinschleppt Zachariae 6, 206. nach vieh im engern sinne (vieh II 1), schon mit derb spöttischem klang: item, ein metzger kam und bracht bey sieben oder acht kälber mit sich geschlept, fiel hinein, badet ein wenig, ward doch mit seiner viehischen gesellschaft errettet Kirchhof wendunm. 2, 199 lit. verein; kein anderer mensch, als ich und meine frau kamen in das zimmer, wo unsere viehischen kinder (schwein und esel) waren Hefner ges. lustsp. (1812) 1, 52. nach vieh II 9 mit traulich derbem klang: das commisbrodt wird redlich getheilt (zwischen kutscher und pferd) und menschlich und viehisch verzehrt Glaszbrenner Berlin wie es isst und trinkt 5, 8. plumpe stärke: sechs hundert pfund beträgt wohl sein gewicht, und viehisch stark ist dieser stolze narre Gries, Bojardo, verliebter Roland 2, 31; in der folgenden stelle zeigt viehisch den doppelsinn: 'zum thier gehörig, von ihm hergenommen' und 'grob' (nach 3); er hat muth wie ein löwe. — löwe? das ist gar eine viehische beleidigung Raimund 3, 102 Glossy-Sauer. 22) viehisch kann in verschlimmerter bedeutung sich auf vieh in unserem sinne (pecus) beziehen, wenn es zur bezeichnung mühseliger menschenunwürdiger arbeit dient (vgl. vieh II 12 b); mit groszer harten viehischen arbeit Wickram 2, 166 lit. verein; mit unerhörten viehischen frohndiensten Moscherosch gesichte (1650) 2, 52; ungeachtet dieser knechtischen und fast viehischen arbeit (des mühlendrehens) Lessing 4, 59; der arme kerl da ist nun ein halbes jahrhundert unter viehischer arbeit alt geworden B. Goltz ein jugendleben (1852) 3, 55. — Sanders belegt überviehisch, hinausgehend über die arbeit, die einem thier zugemuthet werden kann, auf das thier bezogen: alle peitschenhiebe helfen nichts mehr, den gaul zu überviehischer anstrengung zu vermögen Burmeister geol. bilder 1, 269; spricht man von viehischer behandlung, so hat viehisch ursprünglich passive bedeutung: behandlung, wie sie das vieh ertragen musz; ein viehisches leben, ein leben schwerer noth und plagen (in anderm sinne unter 4 b). 33) die art, das wesen der thiere im allgemeinen bezeichnend, aber in verschlimmertem sinne und gegensatz zu menschlicher art, auf thiere bezogen: hätte ich sie (menschen) zu .. viehischen feldthieren machen sollen Wieland Lucianübersetzung (1788) 2, 27. 44) die verschlechterung der bedeutung ist im allgemeinen mit groszer schärfe vollzogen, während beim subst. viele abstufungen vorhanden sind (doch s. gegen ende). nach Adelung bedeutet viehisch in der 'harten sprechart im höchsten grade dumm und sinnlich'; hauptsächlich wird das wort verwendet, um das wilde, rohe, ungezügelte ausbrechen der triebe zu bezeichnen, zunächst natürlich solcher, die menschen und thieren gemeinsam sind, dann auch in freierem gebrauch; neben dem adj. ist auch das adv. in dieser anwendung sehr häufig; man beachte die absonderung gegen brutal, das man nicht, wie Kinderling will, mit viehisch verdeutschen kann, da bei brutal die vorstellung des gewaltthätigen herrschend ist. daneben bezieht sich viehisch auf den völligen mangel an einsicht und überlegung. zu beachten ist, dasz der gegensatz viehisch — menschlich bald (öfter in älterer sprache) zum ausdruck kommt, dann steht die bedeutung dem unter 1 behandelten sinne näher, bald nur undeutlich oder garnicht empfunden wird; im letzten fall kann das wort sogar eine paradoxe anwendung finden (z. b. viehische trunkenheit, vgl.betrunken wie ein vieh; viehisches gejohle, gelächter; vgl. die stelle aus Brockes unter b (laster). 4@aa) auf den menschen bezogen, attributiv oder prädicativ: belua, viehischer mensch in seynen siten oder geschefften Diefenbach gloss. 71b; ein viehischer mensch homo brutus, irrationalis, inhumanus Stieler 2370; sie sind ynn yhrem weszen ersoffen, recht viehisch, synlich tierliche menschen Luther 10, 2, 116 Weim. (vgl. oben die übersetzungen von 1 Cor. 2, 14 und 15, 44 unter 1); grade in dieser verbindung tritt die engere bedeutung des wortes in älterer sprache oft schärfer hervor: die viehischen und unvernünfftigen menschen, die dich lieben (trunkenheit) schleiffest du im kath Ambach vom zusauffen G 1a; vychische, rouwe menschen (Sarmater) Gesner thierbuch (1563) 137b; die bäwrischen und fast viehischen menschen Opitz poeterei 9 neudr.; fast verwildte viehische menschen Harsdörffer frauenz. gesprechsp. (1641 ff.) 2, 176; ein viehischer mensch weist nit umb eines inwendigen menschen freyheit Arnd Thomas a Kempis übers. 141; durch eine so schändliche gefälligkeit gegen einen so viehischen menschen d. vern. tadlerinnen 1, 127; dasz er sich gar, wie manche viehische leute, volltrinkt Hafner ges. lustsp. (1812) 4, 267; die keller .., die denn auch tag und nacht mit viehischen menschen angefüllt waren Archenholz England u. Italien (1785) 1, 123; wir gesehen handt das vihesch lüt zuo sich sindt gsessen und in eim tag zwey mal hondt gessen Murner narrenbeschw. 158, 14 neudr. collectiv: sie fand das volk ruch und viehisch und leret sie menschlich leben Stainhöwel de claris mulieribus 3; die alten Preuszen .. sind .. ein barbarisch viehisch volck gewesen Schütz hist. ver. pruss. (1592) A 3a; giebt man den viehischen unstäten Tartarhorden das blut der christen preisz Pietsch (1740) 8; soll dies der lehre kraft vermindern wenn dort, vermängt mit seinen rindern, ein viehisch volk ihr widerspricht Drollinger (1745) 25; das leichenvolle Rom, der schauplatz feiger wuth und viehischer Domitiane Uz (1768) 1, 209; wo läszt sich jene brunst, die viehsche menschen fühlen, als im zu schwachen arm besiegter unschuld kühlen Wieland I 1, 124 ak. ausgabe; eyner der über feld gat, und kein pferd hett, sicht er yergens eynen mit eynem pferd ritten, yrrgens eynen vyheschen edelmann, der nit noch vernunfft lebt, so spricht er ... der ist eynem eselmann glicher denn einem edelmann, das pferd und er leben glich vernünfftig, darumb ist er ein eselmann und nit eyn edelmann, wann er lebt vyhelich Geiler bilg. (1512) 126a; des viehischen correctoris (ich kann vor grimm nicht schlimm genug mich ausdrücken) Lichtwer (1828) xvii. prädicativ: vihisch werden, obbrutescere Dasypodius; achtestu mich so heilosz, oder so undanckber oder unfreundlich, oder vihisch Boltz Terenz deutsch (1539) 9a; dasz wir dermaszen bestialisch und viechisch werden Albertinus zeitkürtzer (1603) 13b; ein anderer ist so viehisch, dasz er einen bayrischen seufzer aus dem magen treibt Stranitzky ollapatrida 138 neudr.; die (gesellen) ich habe sind etwas klüger, als abgerichtetes vieh, aber um vieles viehischer, als wilde bestien Raupach dram. werke ernster gattung (1835 ff.) 2, 23; fragt nicht, warum es in den stall einzieh! es sucht uns, die mehr viehisch als ein vieh A. Gryphius Leo Armenius reyen d. 4. abh. die freiere anwendung des adj. wird deutlich, sobald das subst., zu dem es als attribut tritt, eine nähere schlimme charakterisierung enthält: gottlose und mehr als vihische sodomiter Abraham a St. Clara etwas für alle 1, 582; Lichtwer (1828) xvii; abscheu vor dem ... viehischen wollüstling Lichtenberg erkl. d. Hogarth. kupferstiche (1794 ff.) 4, 98; meinem viehischen beleidiger zum trotz Ayrenhoff 4, 312; dem letzten viehischen mordknecht, der ihren schlanken leib umfaszt hielt H. v. Kleist 3, 251 krit. ausg.; wahrhaft viehische schwelger Holtei erz. schriften 22, 62. sprache der gegenwart: viehischer kerl u. ä., höchsten grad der roheit bezeichnend. die wirkung des adj. wird dadurch verstärkt, dasz eine thierbezeichnung für den menschen gebraucht wird: die geistlichkeit sey nur ein gaiszlustbarkeit (oder auf niderteutsch ein beestelichkeit von vihischen bestien) Fischart binenkorb (1588) 130a; wie das viehische federvieh in Berlin von jedem misthaufen, von jedem dache herab, den groszen erhabenen Nikolaus auskräht Börne (1829 ff.) 10, 119. 4@bb) auf unpersönliches bezogen; zunächst werden besonders die wild sich äuszernden triebe als viehisch bezeichnet; dann allgemeiner wesen, art, eigenschaften, verhaltungsweisen, handlungen, vorgänge, erscheinungen, zustände, die als niedrig, roh, untermenschlich erscheinen, im gegensatz stehen zu menschlicher sebstbeherrschung und zucht; andrerseits geht der gebrauch des wortes aus von der vorstellung thierischer beschränktheit, unwissenheit, unvernunft (so z. b. viehische erziehung Schiller 5, 28); bei der attributiven verwendung zeigen sich mehr oder weniger feste verbindungen (besonders in neuerer sprache) neben solchen, die eine bestimmte veranlassung geschaffen hat. die im folgenden gegebene auswahl zeigt, dasz die ältere sprache das wort reichlicher und freier anwendet als die neuere (vgl. z. b. viehisch ding, miszbrauch, irrtum, willen), zugleich aber auch, wie schon bemerkt ist, den zusammenhang mit der ursprünglichen bedeutung noch mehr erkennen läszt: den magen und madensack zu mästen; welches eine hündische und viehische angelegenheit ist Birken ostl. lorbeerhain (1657) 4; ist die geburt des menschen das werk einer viehischen anwandlung Schiller räuber 4, 2 schauspiel; die weil sie auch vernünfftiger menschlicher masze, ynn ein vihische wolffische, unvernünfftige art sich begeben Agricola sprichw. (1534) 18a; jene wilden viehischen ausschweifungen der nonnen Zimmermann über d. einsamkeit 2, 335; gilts auch gleich, ob die viehische begierden an einem getaufften oder ungetaufften stück fleisch vollbracht werden Grimmelshausen 4, 593 lit. verein; sünden des fleisches von ungeheurer, von viehischer bildung Bodmer Noah (1752) 85; alles von der unzimlichen, viehischen brunst verstehen Butschky Pathmos (1677) 131; der atome, der in Platos gehirne dem gedanken der gottheit lebte, .. zuckt vielleicht izo der viehischen brunst in den adern der Sardanapale Schiller 2, 350; so wird die lieb ein viehisch brunst Fischart 3, 42, 61 Kurz; und schelten die weil gottes warheit fur viehisch (unvernünftig) und lesterlich ding Luther 30, 3, 362 Weim.; ein vihisch dinck ist eyn kirchhoff yn eyner stat Eberlin v. Günzburg 3, 9 neudr.; darumb ist es auch gar ein unvornünfftig viehisch ding Barth weiberspiegel (1565) Q 1b; und vor dem (dem tode) man sich nur aus viehischer dummheit nicht entsetzet Abbt (1768) 6, 2, 32; denke ich nichts, so biete ich mit viehischer dummheit dem schicksal meine stirne hin Schubart briefe 1, 107; an deren leichen solche mishandlung, so schamlos viehische entstellung (such beastly, shameless transformation) ward von wälschen fraun verübt, dasz ohne scham man es nicht sagen noch erzählen kann Shakespeare könig Heinrich IV. 1, 1, 1. hier von der handlung, aber zugleich die wirkung einschlieszend: nun ist aber disz der bösen geister eigenschaft, dasz sie gewalt haben über die geile und viehische gelust Prätorius Blockesberges verrichtung (1668) 58; indem er (der wollüstling) den viehischen genusz ... auf den altar erhebt und ihm alles menschliche opfert Mendelssohn (1843 ff.) 1, 384; dieses wäre mehr als eine viehische grausamkeit Lohenstein Arminius 2, 547a; alle unmenschliche viehische grausamkeit ..., die jemals die sinnreichste barbarei erfunden Hoffmann 13, 107 Grisebach; die zeiten der Cäsare waren zurückgekehrt und mit ihnen alle .. viehischen greuel Görres 4, 348; wann nicht were dann die stummend sünd yn klöstern .. durch unzimlich berüren sein selbs, durch mer dan vihisch handlung Eberlin v. Günzburg 3, 33 neudr.; wenn sie an so viehischen handlungen ein ergötzen finden Stephanie d. j. lustspiele (1771) 236; das heiszt freylich ein recht viehisscher und nicht ein menschlicher yrthum Luther 30, 3, 361 Weim.; dasz sie kaum menschen waren; in viehischen lastern sich wälzend, und scheuszlich Abbt (1768 ff.) 6, 1, 223; nun aber scheint mir die gewohnheit, sich zu betrinken, unter andern ein grobes, viehisches laster Bode Montaignes ged. u. mein. (1793 ff.) 3, 21; und hieszen es (hurerei) das viehisch laster H. Sachs 1, 197, 12 Keller; ein viehisch laster! doch ein vieh, indem es die vernunft nicht hat, und gott nicht kennt, begeht es nie Brockes ird. vergn. 8, 492; agere vitam belluinam, ein gottlosz, rohe und viehisch leben führen Corvinus fons lat. (1646) 107; ein viehisch leben führen, Scythicis moribus vivere Dentzler clavis ling. lat. (1716) 318a (vgl. unten viehleben); geleich als sy sprachen also sie auch theten, und sölichem vichischem leben also nach komen Arigo decamerone 4 Keller; (der unmäszige) vergisset sein selbs und wirt in ain vihisch leben gefürt A. v. Eybe spiegel d. sitten (1511) J 2a; es war gar ein vihisch grob leben Hedio chron. Germ. (1530) A 2b; ein vihisch leben kan kein himlisch speculacion haben Franck sprichw. (1541) 2, 152b; du (seele) wirst wohl aus dem schlaffe des viehischen lebens auffwachen J. Böhme schriften (1620) 3, 249; wie der und seine vettern uns in misrede brachten durch ihr viehisches leben Alexis Roland von Berlin (1840) 1, 307; in anderem sinne oben unter 2; Alexander der grosze wollte sie ihrer viehischen lebensweise halber ganz von allen völkern absondern Raumer gesch. d. Hohenst. 4, 78; dasz die viehische und strafbare leidenschaft (des Appius) die einzige ursache ist Lessing 6, 105; (die griechische kunst) zeigt .. die viehischen lüste der satyrn ohne alle verhüllung Athenäum 1, 2, 47; selbst der todten weiber schonte des soldaten viehische lust nicht Zschokke (1824 ff.) 2, 101; auch Luther wurde beschuldigt in viehischen lüsten zu leben Varnhagen v. Ense tagebücher (1861 ff.) 3, 344; geschändete jungfrauen opfern dem schröcklichen stahl ihr schönes leben, nachdem sie viehischen lüsten die tugend geopfert Lenz ged. 25 Weinhold; Satan hatte ... mit dem pesthauch viehischer lust des klausners unverwahrte brust urplötzlich angeschwellet Pfeffel poet. versuche (1812 ff.) 10, 44; wie vil abgöttischer, vyhischer und teuflischer missbreuch die Teutschen haben Stumpf Schwytzerchron. (1606) 68a; got het anfanngs ordenliche gier an dem menschen beschaffen, die der mensch selbs hat verkert in vihische naygung Berthold v. Chiemsee teutsche theologey (1852) 173; willst du allezeit essen und trinken .. du thust wohl; folge nur deiner viehischen neigung J. E. Schlegel (1761 ff.) 3, 201; etwa im aktus selber durch den ich entstund? — als wenn dieser etwas mehr wäre als ein viehischer prozesz zur stillung viehischer begierden Schiller räuber 1, 1 schauspiel; hurerey, ehebruch, jungkfrawschendung, fullerey, zusauffen, ya zu gantz vihischen sachen Eberlin v. Günzburg 3, 150 neudr.; (das garstige laster) nistet abscheulich in den gruben der viehischen schande Schiller räuber 1, 3 schauspiel; der viehischen schandthaten eines volkes Jahn (1884 ff.) 1, 10; wann nun ihre (der betrunkenen wächter) ertränkten kräfte in viehischem schlafe (in swinish sleep), wie im tode, begraben liegen Bürger (1835) 293a Macbeth 2, 3; die übertriebenste viehischste sinnlichkeit Engel (1801 ff.) 2, 343; viehische sitten, mores agrestes, feri, feroces Stieler 2370; dempf eilends den verkehrten sinn! sein viehisch toben bald zu stillen Königsb. dichterkr. 79 neudr.; weil sie ... nur den viehischen trieben des fleisches folgen Klinger (1809 ff.) 6, 325; die schönheit dient viehischen trieben zur gräszlichen weide Hebbel I 9, 115 Werner; und schlagt sie oft in eurer viehischen trunkenheit halb todt Miller predigten fürs landvolk (1776 ff.) 1, 69; o der viehischen unbarmhertzigkeit Rist das friedej. Teutschland (1653) 11; aus viehischer undankbarkeit Neumark neuspr. palmbaum (1668) 355; dasz .. die weibsbilder .. ein handwerck ausz dieser viehischen unfläterey machen Simpl. 307 neudr.; dich von deiner viehischen unlauterkeit zu reinigen Petrasch s. lustspiele (1765) 1, 286. die folgende stelle ist bezeichnend für den freien gebrauch des wortes, da von einem pavian die rede ist: sein geschrei, sein blick und seine stimme .. kündigen eine .. viehische unverschämtheit an Brehm thierleben (1890 ff.) 1, 194; (damit sie) sich vor solcher vihischen unweis (trunkenheit ist gemeint) forthin zu hüten wüszten Fischart Garg. 3 neudr.; das auch inn etlichen pfaffen unnd mönchen, und andern geistlichen personen, eine solche äuszerste viehische unwissenheit stecke binenkorb (1588) 225a; aus lauter viehischer unwissenheit und bestjalität Grimmelshausen 3, 478 Keller; wenn alle menschen stumm, würd unsre lebens-zeit nicht elend ... in viehischer unwissenheit liegen? Brockes ird. vergn. 4, 243; viehische unzucht Gervinus gesch. d. d. dichtung (1853) 1, 144; sey's viehisches vergessen (beastial oblivion), oder sey's ein banger zweifel, welcher zu genau bedenkt den ausgang Shakespeare Hamlet 4, 4; in fall nun einige officier in steten viehischen vollsauffen befunden würden Fleming d. vollk. teutsche soldat (1726) 97; mit diesem vichischen fürsacz (proponimento bestiale) und pösen leben Arigo decamerone 5; da man hundszköpffig menschen find, und essen menschen fleisch zur speisz, und leben auff die viehisch weisz Scheit Grob. 69 (2246) neudr. viehischer weise: die bezechte und vollgesoffene säuffer schwermen viehischer weise, brute Comenius janua (1644) 266; so ist es fast unmenschlich zu hören, das man einen bierträger, dessen weib eben in der stunde, da er gestorben, eines kindes genesen, 8 tage nur auff einem brete viehischer weise hat liegen lassen verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 239; mit höchster tapferkeit haben sie die heilige stadt gestürmt, und darauf sich in blut gebadet, und in viehischer wildheit gewütet Hegel 15, 202; wo heiszt euch got noch ewern fichischen (unvernünftigen) willen den glauben mit gewalt treiben Eberlin v. Günzburg 3, 116 neudr.; viehische wollüste, belluinae voluptates Steinbach 2, 893; (der miszbrauch der poesie ist imstande) die menschen von der tugend und weiszheit auf den genusz der sinnlichen und viehischen wollust zu verleiten Breitinger crit. dichtk. (1740) 1, 11. freier: das viehisch meer der syrischen wollüste Treuer deutscher Dädalus (1675) 1, 903; als seine viehische und doch vergebne wuth gantz Bethlehem in blut und thränen setzte Pietsch (1740) 371; unbekannt mit den lastern des viehischen zustandes (barbarei, rohheit) und einer überspannten kultur Schubert (1823 ff.) 1, 274. 4@cc) in den folgenden stellen liegt das gewicht besonders darauf, dasz die durch viehisch bezeichnete art einen für auge oder ohr wahrnehmbaren entsprechenden ausdruck findet: dasz jeder edle und wohlwollende (affect) den körper verschönert, den der niederträchtige und gehässige in viehische formen zerreiszt Schiller 1, 171; ihre noth hat .. ihm (dem geschlechte der Parias) ein schmutziges viehisches ansehen gegeben Ritter erdkunde 5, 930; eilt ihr larven, viehische larven (m. kaiser), hinab zur hölle Herder 27, 62. bewegung: ein wildes, ungehewr viechisches rennen, lauffen und durcheinander zwirbeln (vom tanz) Böhme gesch. d. tanzes 107. hörbares: dasz hie (in der deutschen sprache) kein grobes barbarisches wesen, blinde zufälle und viehisches geleut, sondern etwas künstliches und göttliches vorhanden sey Schottel 61; die unholde umtanzten die flammen mit viehischem gejohle Treitschke deutsche gesch. 5, 179; läszt sich das viehische gelächter nicht beschreiben, welches die zuschauer ausstoszen Nicolai reise (1783 ff.) 4, 635. 4@dd) beispiele für prädicative verwendung: (er) hett ein grobe beurische stimm, all sein geberd viehisch, und yedermans gespött was Montanus schwankb. 237; was kan dienstlicher (knechtischer) und vichischer seyn, als wann einer wie ein vich, den schändlichen wollüsten nachjaget Albertinus hirnschleiffer (1664) 156; die teutsche sprache, als eine barbarische und viehische verachtet Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) zuschrift; denn seine leibs-stärcke .. seinem eigenen ehrgeitze widmen, wäre viehisch oder teuffelisch Lohenstein Arminius 1, 219; nicht zu bereun ist viehisch, wild und teuflisch (beastly, savage, devilish) Shakespeare Richard III. 1, 4; immer schlingen, schlucken, schlemmen ist, bei gott dem herrn, fast viehisch Immermann 12, 59 Hempel. 55) gebrauch des adverbiums im verschlimmerten sinne; öfters: viehisch leben; viehisch leben, wie ein vieh Adelung. gewöhnlich nicht zur bezeichnung eines armseligen lebens schwerer arbeit (vgl. 2), sondern im sinne von 4 (wildes, rohes, vernunftloses triebleben): so wir sprechen mögen er leb vihesch, hochmüticlich Riederer spiegel der waren rhet. (1493) a 8b; die ... mehr viehisch dan menschlich gelebt hat Hedio chron. Germ. (1530) A 2b; da lebten sy so vichisch, dergleichen vor nye gesechen wasz Knebel chron. v. Kaisheim 396; o wie mustu biszher so viehisch gelebet haben, dasz in dieser deiner jugend du einer mast - sau nicht gar unähnlich sihest Bucholtz Herkuliskus u. Herkuladisla (1665) 324. andere verbindungen, entsprechend dem gebrauch des adj. unter 4: recht vihisch toben, beluarum immanitate efferari Steinbach 2, 893; viehisch thun, den beest speelen Kramer deutsch-holl. wb. (1768) 394c. viehisch betrunken u. ä.: und wird keiner so viehisch geartet seyn Moscherosch gesichte (1650) 245; denen viehisch in unzucht entbrannten schiffleuten d. Leipziger aventurier (1756) 2, 49; viehisch um sich hauend Schiller 3, 151 (Fiesko 5, 13); es geht dorten gar zu wunderlich zu, und ein bischen viehisch beinah Fouqué altsächs. bildersaal 4, 105; manichs mensch, das sunst verdürb, in dem wollust gantz vichisch stürb H. Sachs 12, 86 Keller; die wollust nicht, die auch der pöbel kennet; die viehisch ras't, nicht sich vernünftig freut Uz (1768) 1, 85; büszt viehisch eure lust auf rauchenden ruinen Falk satiren (1800) 1, 114. mit dem passivum verbunden, der eigentliche sinn des adj. tritt hervor: dasz sein und Achmets blutt als vihisch soll vergossen ... seyn Lohenstein Ibrahim Sultan (1680) 78; menschenleiber .. so viehisch .. fortschleifen zu sehen Arndt (1892 ff.) 1, 161. 66) die neuere sprache hat auf der einen seite in ernster rede die verschlimmerte bedeutung des adj. viehisch ganz besonders scharf entwickelt, auf der andern seite braucht sie das schlimme wort in scherzender sprechweise zu derber verstärkung (vgl. bestialisch): 'in der niedrigen sprechart dient viehisch auch, einen hohen grad anzuzeigen z. b. mich hungert viehisch d. h. sehr auszerordentlich' Campe; ich hab' .. einen viehischen hunger Nestroy (1890 ff.) 10, 201. in wendungen wie diesen mag gelegentlich der zusammenhang mit dem ernsten gebrauch des wortes gefühlt werden; in andern verbindungen ist er ganz aufgegeben: es ist eine viehische hitze; es macht mir ein viehisches vergnügen, ich freue mich, ärgre mich viehisch; hier kann viehisch lediglich den grad bezeichnen; auch: der weg ist viehisch lang, das stück ist viehisch schwer; es scheint, dasz diese anwendung besonders in norddeutschen studentenkreisen ausgebildet ist (vgl. das süddeutsche vieh-, saumäszig); vgl. vieh II 13. —
26848 Zeichen · 329 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Viehisch

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Viehisch , -er, -te, adj. et adv. nach Art des Viehes, d. i. unvernünftiger bloß sinnlicher Thiere, in dem engern Falle …

  2. modern
    Dialekt
    viehischAdj.

    Pfälzisches Wb.

    viehisch Adj. : ' unmenschlich, roh ', viehisch (fīiš) [verbr.], vehisch [ KU-Kaulb RO-Dielkch ]; vgl. tierisch , viehmä…

Verweisungsnetz

21 Knoten, 21 Kanten

Tap auf Knoten öffnet Detail · Drag zum Umpositionieren · Scroll zum Zoomen

1-Hop 2-Hop
Filter:
Anchor 3 Kompositum 16 Sackgasse 2

Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit viehisch

2 Bildungen · 2 Erstglied · 0 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von viehisch

vieh + -isch

viehisch leitet sich vom Lemma vieh ab mit Suffix -isch.

viehisch‑ als Erstglied (2 von 2)

viehischheit

DWB

viehisch·heit

viehischheit , f. , von Stieler gebildet: bestialität .. quod nos alio nomine wildheit, tierheit, viehischheit pronunciamus Stieler 211 . —