viehisch,
adj. ,
vgl. viehig und viehlich,
mhd. wb. 3, 310
a; Lexer
mhd. hdwb. 3, 348,
nachtr. 395;
animalis, fihisch Diefenbach 35
c;
bestialis, vichischen 72
b;
brutire, vihisch, vihesch, vichest werden 82
c;
pecualis, fichisch 419
a; Fischer
schwäb. wb. 2, 1489; viehisch,
brutale, fiero Hulsius
dict. (1618) 262
b; viehisch,
pecuinus, et pecuatim Stieler 2370; viehisch,
belluinus, ferinus Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 318
a; viehisch,
bestialis, pecorum ritu Frisch 2, 400
b; viehisch,
pecuinus, bestialis, belluinus; halbviehisch,
semibrutus Steinbach 2, 893; Adelung, Campe; brutal, viehisch Kinderling
reinigkeit d. deutschen sprache (1795) 235;
die form viechisch
ist im älteren nhd. noch mehrfach bezeugt (
vgl. die entsprechenden verhältnisse bei vieh).
der ursprünglich neutrale sinn des adj. ist verhältnismäszig früh und in durchgreifender weise ins schlechte gewandelt worden; dabei wirkt das ableitende suffix stark mit (Wilmanns,
deutsche gr. 2, § 356);
ein neutrales adj. mit anderer ableitung (weibisch, weiblich, kindisch, kindlich)
ist nicht vorhanden. Campe
will in diesem sinne das untergegangene viehlich
brauchen; neutrale bedeutung neben der verschlechterten bewahrt tierisch,
für vieh
in engerem sinne (
pecus)
fehlt ein neutrales adj. (
vgl. unten 2). 11)
thierisch, zunächst in neutralem sinne; beim gegensatz zum menschlichen tritt leicht schon ein werthurtheil hinzu, und die bedeutung verschlimmert sich: (
die meerjungfrau) hât ainen vihischen leip und ainen zagel oder ainen swanz als ain delphin Konrad v. Megenberg 241, 3; ob der leib ist vihlich (
var. vichisch) 1
Cor. 15, 44 (natürlichen leib Luther);
auch der vihisch mensch
1 Cor. 2, 14
Kurrelmeyer, var. (der natürliche mensch Luther),
s. viehischer mensch
unter 3
und viehlich; in dem vihischen grund des menschen Tauler
sermones (1508) 141; das menschlich hertz sol von jm genomen, und ein viehisch hertz jm gegeben werden
Daniel 4, 13; das alt (
testament) ist mit vihischen bluot besprengt und geheliget, aber das nüw mit dem bluot des ewigen gottes Zwingli
von freiheit d. speisen 41
neudr.; bei der schlachtung der viehischen opfer Mathesius
Sar. (1571) 7
b; welche sie (
Circe) .. inn unmenschliche, vihische und ganz unanmütige art verkeret hat Fischart
ehez. b. 131
Hauffen; behielten doch unter der vihischen gestalt menschliche vernunfft Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 42
b; das wir vom viehischen wissen, das ist, vom leiblichen Paracelsus
opera (1616) 2, 318; dasz diese miszgeburt daher eine halbe menschliche und halb viehische gestalt genommen Harsdörffer
t. secretarius (1656
ff.) 1, 668; hernach tragen die .., weil sie für der wolle, als etwas viehischem .. abscheu tragen, in weisze leinwand geklei dete prister baar-füszig diese kiste in das euserste heiligthum Lohenstein
Arminius (1689
ff.) 2, 62
a; was zeugt denn das anders, als dasz keine sprache viehisch, dasz sie alle menschlich sind Herder 5, 81; muste es ihm (
dem urmenschen) demonstrirt werden, dasz das oder jenes kraut giftig sey? war er denn so mehr als viehisch, dasz er hierinn nicht einmal dem vieh nachahmte 5, 105; ein bruchstück aus einem viehischen oder tier-epos Grillparzer 13, 183;
in eigenthümlicher verwendung bei Paracelsus: dann gut beyspiel haben wir, dasz Christus nicht hat wöllen viehischwitzig leut haben, als nicht Ovidium Nasonem, Ciceronem,
etc. sondern fischer, die gar nichts der viehischen weiszheit hetten
opera (1616) 230 E;
hier also im sinne etwa von animalis (
vgl. oben die bibelstellen),
eine dem menschen und thiere gemeinsame anlage bezeichnend, die einem geistigeren wesen entgegen gesetzt wird. vgl. vieh II 8 c. dasz er (
der mensch) allein ist, der da lacht under all andern creaturn, ist nicht geschaffen nur zu murn. drumb soll sich kein mensch mit gewalt zichen auff viehisch art und gestalt. das vieh sicht greuwlich nur allzeit, mit menschen hat es andern bscheid Fischart
Eulenspiegel 391
Hauffen; indem sie den viehischen schweif nach dem höllenthor hinschleppt Zachariae 6, 206.
nach vieh
im engern sinne (vieh II 1),
schon mit derb spöttischem klang: item, ein metzger kam und bracht bey sieben oder acht kälber mit sich geschlept, fiel hinein, badet ein wenig, ward doch mit seiner viehischen gesellschaft errettet Kirchhof
wendunm. 2, 199
lit. verein; kein anderer mensch, als ich und meine frau kamen in das zimmer, wo unsere viehischen kinder (
schwein und esel) waren Hefner
ges. lustsp. (1812) 1, 52.
nach vieh II 9
mit traulich derbem klang: das commisbrodt wird redlich getheilt (
zwischen kutscher und pferd) und menschlich und viehisch verzehrt Glaszbrenner
Berlin wie es isst und trinkt 5, 8.
plumpe stärke: sechs hundert pfund beträgt wohl sein gewicht, und viehisch stark ist dieser stolze narre Gries,
Bojardo, verliebter Roland 2, 31;
in der folgenden stelle zeigt viehisch
den doppelsinn: '
zum thier gehörig, von ihm hergenommen'
und '
grob' (
nach 3); er hat muth wie ein löwe. — löwe? das ist gar eine viehische beleidigung Raimund 3, 102
Glossy-Sauer. 22) viehisch
kann in verschlimmerter bedeutung sich auf vieh
in unserem sinne (
pecus)
beziehen, wenn es zur bezeichnung mühseliger menschenunwürdiger arbeit dient (
vgl. vieh II 12 b); mit groszer harten viehischen arbeit Wickram 2, 166
lit. verein; mit unerhörten viehischen frohndiensten Moscherosch
gesichte (1650) 2, 52; ungeachtet dieser knechtischen und fast viehischen arbeit (
des mühlendrehens) Lessing 4, 59; der arme kerl da ist nun ein halbes jahrhundert unter viehischer arbeit alt geworden B. Goltz
ein jugendleben (1852) 3, 55. — Sanders
belegt überviehisch,
hinausgehend über die arbeit, die einem thier zugemuthet werden kann, auf das thier bezogen: alle peitschenhiebe helfen nichts mehr, den gaul zu überviehischer anstrengung zu vermögen Burmeister
geol. bilder 1, 269;
spricht man von viehischer behandlung,
so hat viehisch
ursprünglich passive bedeutung: behandlung, wie sie das vieh ertragen musz; ein viehisches leben,
ein leben schwerer noth und plagen (
in anderm sinne unter 4 b). 33)
die art, das wesen der thiere im allgemeinen bezeichnend, aber in verschlimmertem sinne und gegensatz zu menschlicher art, auf thiere bezogen: hätte ich sie (
menschen) zu .. viehischen feldthieren machen sollen Wieland
Lucianübersetzung (1788) 2, 27. 44)
die verschlechterung der bedeutung ist im allgemeinen mit groszer schärfe vollzogen, während beim subst. viele abstufungen vorhanden sind (
doch s. gegen ende).
nach Adelung
bedeutet viehisch
in der '
harten sprechart im höchsten grade dumm und sinnlich'
; hauptsächlich wird das wort verwendet, um das wilde, rohe, ungezügelte ausbrechen der triebe zu bezeichnen, zunächst natürlich solcher, die menschen und thieren gemeinsam sind, dann auch in freierem gebrauch; neben dem adj. ist auch das adv. in dieser anwendung sehr häufig; man beachte die absonderung gegen brutal,
das man nicht, wie Kinderling
will, mit viehisch
verdeutschen kann, da bei brutal
die vorstellung des gewaltthätigen herrschend ist. daneben bezieht sich viehisch
auf den völligen mangel an einsicht und überlegung. zu beachten ist, dasz der gegensatz viehisch — menschlich
bald (
öfter in älterer sprache)
zum ausdruck kommt, dann steht die bedeutung dem unter 1
behandelten sinne näher, bald nur undeutlich oder garnicht empfunden wird; im letzten fall kann das wort sogar eine paradoxe anwendung finden (
z. b. viehische trunkenheit,
vgl.betrunken wie ein vieh; viehisches gejohle, gelächter;
vgl. die stelle aus Brockes
unter b (laster). 4@aa)
auf den menschen bezogen, attributiv oder prädicativ: belua, viehischer mensch in seynen siten oder geschefften Diefenbach
gloss. 71
b; ein viehischer mensch
homo brutus, irrationalis, inhumanus Stieler 2370; sie sind ynn yhrem weszen ersoffen, recht viehisch, synlich tierliche menschen Luther 10, 2, 116
Weim. (
vgl. oben die übersetzungen von 1 Cor. 2, 14
und 15, 44
unter 1);
grade in dieser verbindung tritt die engere bedeutung des wortes in älterer sprache oft schärfer hervor: die viehischen und unvernünfftigen menschen, die dich lieben (
trunkenheit) schleiffest du im kath Ambach
vom zusauffen G 1
a; vychische, rouwe menschen (
Sarmater) Gesner
thierbuch (1563) 137
b; die bäwrischen und fast viehischen menschen Opitz
poeterei 9
neudr.; fast verwildte viehische menschen Harsdörffer
frauenz. gesprechsp. (1641
ff.) 2, 176; ein viehischer mensch weist nit umb eines inwendigen menschen freyheit Arnd
Thomas a Kempis übers. 141; durch eine so schändliche gefälligkeit gegen einen so viehischen menschen
d. vern. tadlerinnen 1, 127; dasz er sich gar, wie manche viehische leute, volltrinkt Hafner
ges. lustsp. (1812) 4, 267; die keller .., die denn auch tag und nacht mit viehischen menschen angefüllt waren Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 123; wir gesehen handt das vihesch lüt zuo sich sindt gsessen und in eim tag zwey mal hondt gessen Murner
narrenbeschw. 158, 14
neudr. collectiv: sie fand das volk ruch und viehisch und leret sie menschlich leben Stainhöwel
de claris mulieribus 3; die alten Preuszen .. sind .. ein barbarisch viehisch volck gewesen Schütz
hist. ver. pruss. (1592) A 3
a; giebt man den viehischen unstäten Tartarhorden das blut der christen preisz Pietsch (1740) 8; soll dies der lehre kraft vermindern wenn dort, vermängt mit seinen rindern, ein viehisch volk ihr widerspricht Drollinger (1745) 25; das leichenvolle Rom, der schauplatz feiger wuth und viehischer Domitiane Uz (1768) 1, 209; wo läszt sich jene brunst, die viehsche menschen fühlen, als im zu schwachen arm besiegter unschuld kühlen Wieland I 1, 124
ak. ausgabe; eyner der über feld gat, und kein pferd hett, sicht er yergens eynen mit eynem pferd ritten, yrrgens eynen vyheschen edelmann, der nit noch vernunfft lebt, so spricht er ... der ist eynem eselmann glicher denn einem edelmann, das pferd und er leben glich vernünfftig, darumb ist er ein eselmann und nit eyn edelmann, wann er lebt vyhelich Geiler
bilg. (1512) 126
a; des viehischen correctoris (ich kann vor grimm nicht schlimm genug mich ausdrücken) Lichtwer (1828) xvii.
prädicativ: vihisch werden,
obbrutescere Dasypodius; achtestu mich so heilosz, oder so undanckber oder unfreundlich, oder vihisch Boltz
Terenz deutsch (1539) 9
a; dasz wir dermaszen
bestialisch und viechisch werden Albertinus
zeitkürtzer (1603) 13
b; ein anderer ist so viehisch, dasz er einen bayrischen seufzer aus dem magen treibt Stranitzky
ollapatrida 138
neudr.; die (
gesellen) ich habe sind etwas klüger, als abgerichtetes vieh, aber um vieles viehischer, als wilde bestien Raupach
dram. werke ernster gattung (1835
ff.) 2, 23; fragt nicht, warum es in den stall einzieh! es sucht uns, die mehr viehisch als ein vieh A. Gryphius
Leo Armenius reyen d. 4.
abh. die freiere anwendung des adj. wird deutlich, sobald das subst., zu dem es als attribut tritt, eine nähere schlimme charakterisierung enthält: gottlose und mehr als vihische sodomiter Abraham a St. Clara
etwas für alle 1, 582; Lichtwer (1828) xvii; abscheu vor dem ... viehischen wollüstling Lichtenberg
erkl. d. Hogarth. kupferstiche (1794
ff.) 4, 98; meinem viehischen beleidiger zum trotz Ayrenhoff 4, 312; dem letzten viehischen mordknecht, der ihren schlanken leib umfaszt hielt H. v. Kleist 3, 251
krit. ausg.; wahrhaft viehische schwelger Holtei
erz. schriften 22, 62.
sprache der gegenwart: viehischer kerl
u. ä., höchsten grad der roheit bezeichnend. die wirkung des adj. wird dadurch verstärkt, dasz eine thierbezeichnung für den menschen gebraucht wird: die geistlichkeit sey nur ein gaiszlustbarkeit (oder auf niderteutsch ein beestelichkeit von vihischen bestien) Fischart
binenkorb (1588) 130
a; wie das viehische federvieh in Berlin von jedem misthaufen, von jedem dache herab, den groszen erhabenen Nikolaus auskräht Börne (1829
ff.) 10, 119. 4@bb)
auf unpersönliches bezogen; zunächst werden besonders die wild sich äuszernden triebe als viehisch
bezeichnet; dann allgemeiner wesen, art, eigenschaften, verhaltungsweisen, handlungen, vorgänge, erscheinungen, zustände, die als niedrig, roh, untermenschlich erscheinen, im gegensatz stehen zu menschlicher sebstbeherrschung und zucht; andrerseits geht der gebrauch des wortes aus von der vorstellung thierischer beschränktheit, unwissenheit, unvernunft (
so z. b. viehische erziehung Schiller 5, 28);
bei der attributiven verwendung zeigen sich mehr oder weniger feste verbindungen (
besonders in neuerer sprache)
neben solchen, die eine bestimmte veranlassung geschaffen hat. die im folgenden gegebene auswahl zeigt, dasz die ältere sprache das wort reichlicher und freier anwendet als die neuere (
vgl. z. b. viehisch ding, miszbrauch, irrtum, willen),
zugleich aber auch, wie schon bemerkt ist, den zusammenhang mit der ursprünglichen bedeutung noch mehr erkennen läszt: den magen und madensack zu mästen; welches eine hündische und viehische
angelegenheit ist Birken
ostl. lorbeerhain (1657) 4; ist die geburt des menschen das werk einer viehischen
anwandlung Schiller
räuber 4, 2
schauspiel; die weil sie auch vernünfftiger menschlicher masze, ynn ein vihische wolffische, unvernünfftige
art sich begeben Agricola
sprichw. (1534) 18
a; jene wilden viehischen
ausschweifungen der nonnen Zimmermann
über d. einsamkeit 2, 335; gilts auch gleich, ob die viehische
begierden an einem getaufften oder ungetaufften stück fleisch vollbracht werden Grimmelshausen 4, 593
lit. verein; sünden des fleisches von ungeheurer, von viehischer
bildung Bodmer
Noah (1752) 85; alles von der unzimlichen, viehischen
brunst verstehen Butschky
Pathmos (1677) 131; der atome, der in Platos gehirne dem gedanken der gottheit lebte, .. zuckt vielleicht izo der viehischen brunst in den adern der Sardanapale Schiller 2, 350; so wird die lieb ein viehisch brunst Fischart 3, 42, 61
Kurz; und schelten die weil gottes warheit fur viehisch (
unvernünftig) und lesterlich
ding Luther 30, 3, 362
Weim.; ein vihisch dinck ist eyn kirchhoff yn eyner stat Eberlin v. Günzburg 3, 9
neudr.; darumb ist es auch gar ein unvornünfftig viehisch ding Barth
weiberspiegel (1565) Q 1
b; und vor dem (
dem tode) man sich nur aus viehischer
dummheit nicht entsetzet Abbt (1768) 6, 2, 32; denke ich nichts, so biete ich mit viehischer dummheit dem schicksal meine stirne hin Schubart
briefe 1, 107; an deren leichen solche mishandlung, so schamlos viehische
entstellung (
such beastly, shameless transformation) ward von wälschen fraun verübt, dasz ohne scham man es nicht sagen noch erzählen kann
Shakespeare könig Heinrich IV. 1, 1, 1.
hier von der handlung, aber zugleich die wirkung einschlieszend: nun ist aber disz der bösen geister eigenschaft, dasz sie gewalt haben über die geile und viehische
gelust Prätorius
Blockesberges verrichtung (1668) 58; indem er (
der wollüstling) den viehischen
genusz ... auf den altar erhebt und ihm alles menschliche opfert Mendelssohn (1843
ff.) 1, 384; dieses wäre mehr als eine viehische
grausamkeit Lohenstein
Arminius 2, 547
a; alle unmenschliche viehische grausamkeit ..., die jemals die sinnreichste barbarei erfunden Hoffmann 13, 107
Grisebach; die zeiten der Cäsare waren zurückgekehrt und mit ihnen alle .. viehischen
greuel Görres 4, 348; wann nicht were dann die stummend sünd yn klöstern .. durch unzimlich berüren sein selbs, durch mer dan vihisch
handlung Eberlin v. Günzburg 3, 33
neudr.; wenn sie an so viehischen handlungen ein ergötzen finden Stephanie
d. j.
lustspiele (1771) 236; das heiszt freylich ein recht viehisscher und nicht ein menschlicher
yrthum Luther 30, 3, 361
Weim.; dasz sie kaum menschen waren; in viehischen
lastern sich wälzend, und scheuszlich Abbt (1768
ff.) 6, 1, 223; nun aber scheint mir die gewohnheit, sich zu betrinken, unter andern ein grobes, viehisches laster Bode
Montaignes ged. u. mein. (1793
ff.) 3, 21; und hieszen es (
hurerei) das viehisch laster H. Sachs 1, 197, 12
Keller; ein viehisch laster! doch ein vieh, indem es die vernunft nicht hat, und gott nicht kennt, begeht es nie Brockes
ird. vergn. 8, 492;
agere vitam belluinam, ein gottlosz, rohe und viehisch
leben führen Corvinus
fons lat. (1646) 107; ein viehisch leben führen,
Scythicis moribus vivere Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 318
a (
vgl. unten viehleben); geleich als sy sprachen also sie auch theten, und sölichem vichischem leben also nach komen Arigo
decamerone 4
Keller; (
der unmäszige) vergisset sein selbs und wirt in ain vihisch leben gefürt A. v. Eybe
spiegel d. sitten (1511) J 2
a; es war gar ein vihisch grob leben Hedio
chron. Germ. (1530) A 2
b; ein vihisch leben kan kein himlisch speculacion haben Franck
sprichw. (1541) 2, 152
b; du (
seele) wirst wohl aus dem schlaffe des viehischen lebens auffwachen J. Böhme
schriften (1620) 3, 249; wie der und seine vettern uns in misrede brachten durch ihr viehisches leben Alexis
Roland von Berlin (1840) 1, 307;
in anderem sinne oben unter 2; Alexander der grosze wollte sie ihrer viehischen
lebensweise halber ganz von allen völkern absondern Raumer
gesch. d. Hohenst. 4, 78; dasz die viehische und strafbare
leidenschaft (
des Appius) die einzige ursache ist Lessing 6, 105; (
die griechische kunst) zeigt .. die viehischen
lüste der satyrn ohne alle verhüllung
Athenäum 1, 2, 47; selbst der todten weiber schonte des soldaten viehische lust nicht Zschokke (1824
ff.) 2, 101; auch Luther wurde beschuldigt in viehischen lüsten zu leben Varnhagen v. Ense
tagebücher (1861
ff.) 3, 344; geschändete jungfrauen opfern dem schröcklichen stahl ihr schönes leben, nachdem sie viehischen lüsten die tugend geopfert Lenz
ged. 25
Weinhold; Satan hatte ... mit dem pesthauch viehischer lust des klausners unverwahrte brust urplötzlich angeschwellet Pfeffel
poet. versuche (1812
ff.) 10, 44; wie vil abgöttischer, vyhischer und teuflischer
missbreuch die Teutschen haben Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 68
a; got het anfanngs ordenliche gier an dem menschen beschaffen, die der mensch selbs hat verkert in vihische
naygung Berthold v. Chiemsee
teutsche theologey (1852) 173; willst du allezeit essen und trinken .. du thust wohl; folge nur deiner viehischen neigung J. E. Schlegel (1761
ff.) 3, 201; etwa im aktus selber durch den ich entstund? — als wenn dieser etwas mehr wäre als ein viehischer
prozesz zur stillung viehischer begierden Schiller
räuber 1, 1
schauspiel; hurerey, ehebruch, jungkfrawschendung, fullerey, zusauffen, ya zu gantz vihischen
sachen Eberlin v. Günzburg 3, 150
neudr.; (
das garstige laster) nistet abscheulich in den gruben der viehischen
schande Schiller
räuber 1, 3
schauspiel; der viehischen
schandthaten eines volkes Jahn (1884
ff.) 1, 10; wann nun ihre (
der betrunkenen wächter) ertränkten kräfte in viehischem
schlafe (
in swinish sleep), wie im tode, begraben liegen Bürger (1835) 293
a Macbeth 2, 3; die übertriebenste viehischste
sinnlichkeit Engel (1801
ff.) 2, 343; viehische
sitten, mores agrestes, feri, feroces Stieler 2370; dempf eilends den verkehrten sinn! sein viehisch
toben bald zu stillen
Königsb. dichterkr. 79
neudr.; weil sie ... nur den viehischen
trieben des fleisches folgen Klinger (1809
ff.) 6, 325; die schönheit dient viehischen trieben zur gräszlichen weide Hebbel I 9, 115
Werner; und schlagt sie oft in eurer viehischen
trunkenheit halb todt Miller
predigten fürs landvolk (1776
ff.) 1, 69; o der viehischen
unbarmhertzigkeit Rist
das friedej. Teutschland (1653) 11; aus viehischer
undankbarkeit Neumark
neuspr. palmbaum (1668) 355; dasz .. die weibsbilder .. ein handwerck ausz dieser viehischen
unfläterey machen
Simpl. 307
neudr.; dich von deiner viehischen
unlauterkeit zu reinigen Petrasch
s. lustspiele (1765) 1, 286.
die folgende stelle ist bezeichnend für den freien gebrauch des wortes, da von einem pavian die rede ist: sein geschrei, sein blick und seine stimme .. kündigen eine .. viehische
unverschämtheit an Brehm
thierleben (1890
ff.) 1, 194; (
damit sie) sich vor solcher vihischen
unweis (
trunkenheit ist gemeint) forthin zu hüten wüszten Fischart
Garg. 3
neudr.; das auch inn etlichen pfaffen unnd mönchen, und andern geistlichen personen, eine solche äuszerste viehische
unwissenheit stecke
binenkorb (1588) 225
a; aus lauter viehischer unwissenheit und bestjalität Grimmelshausen 3, 478
Keller; wenn alle menschen stumm, würd unsre lebens-zeit nicht elend ... in viehischer unwissenheit liegen? Brockes
ird. vergn. 4, 243; viehische
unzucht Gervinus
gesch. d. d. dichtung (1853) 1, 144; sey's viehisches
vergessen (
beastial oblivion), oder sey's ein banger zweifel, welcher zu genau bedenkt den ausgang
Shakespeare Hamlet 4, 4; in fall nun einige officier in steten viehischen
vollsauffen befunden würden Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 97; mit diesem vichischen
fürsacz (
proponimento bestiale) und pösen leben Arigo
decamerone 5; da man hundszköpffig menschen find, und essen menschen fleisch zur speisz, und leben auff die viehisch
weisz Scheit
Grob. 69 (2246)
neudr. viehischer weise: die bezechte und vollgesoffene säuffer schwermen viehischer weise,
brute Comenius
janua (1644) 266; so ist es fast unmenschlich zu hören, das man einen bierträger, dessen weib eben in der stunde, da er gestorben, eines kindes genesen, 8 tage nur auff einem brete viehischer weise hat liegen lassen
verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 239; mit höchster tapferkeit haben sie die heilige stadt gestürmt, und darauf sich in blut gebadet, und in viehischer
wildheit gewütet Hegel 15, 202; wo heiszt euch got noch ewern fichischen (
unvernünftigen)
willen den glauben mit gewalt treiben Eberlin v. Günzburg 3, 116
neudr.; viehische
wollüste, belluinae voluptates Steinbach 2, 893; (
der miszbrauch der poesie ist imstande) die menschen von der tugend und weiszheit auf den genusz der sinnlichen und viehischen wollust zu verleiten Breitinger
crit. dichtk. (1740) 1, 11.
freier: das viehisch meer der syrischen wollüste Treuer
deutscher Dädalus (1675) 1, 903; als seine viehische und doch vergebne
wuth gantz Bethlehem in blut und thränen setzte Pietsch (1740) 371; unbekannt mit den lastern des viehischen
zustandes (
barbarei, rohheit) und einer überspannten kultur Schubert (1823
ff.) 1, 274. 4@cc)
in den folgenden stellen liegt das gewicht besonders darauf, dasz die durch viehisch
bezeichnete art einen für auge oder ohr wahrnehmbaren entsprechenden ausdruck findet: dasz jeder edle und wohlwollende (
affect) den körper verschönert, den der niederträchtige und gehässige in viehische formen zerreiszt Schiller 1, 171; ihre noth hat .. ihm (
dem geschlechte der Parias) ein schmutziges viehisches ansehen gegeben Ritter
erdkunde 5, 930; eilt ihr larven, viehische larven (
röm. kaiser), hinab zur hölle Herder 27, 62.
bewegung: ein wildes, ungehewr viechisches rennen, lauffen und durcheinander zwirbeln (
vom tanz) Böhme
gesch. d. tanzes 107.
hörbares: dasz hie (
in der deutschen sprache) kein grobes barbarisches wesen, blinde zufälle und viehisches geleut, sondern etwas künstliches und göttliches vorhanden sey Schottel 61; die unholde umtanzten die flammen mit viehischem gejohle Treitschke
deutsche gesch. 5, 179; läszt sich das viehische gelächter nicht beschreiben, welches die zuschauer ausstoszen Nicolai
reise (1783
ff.) 4, 635. 4@dd)
beispiele für prädicative verwendung: (
er) hett ein grobe beurische stimm, all sein geberd viehisch, und yedermans gespött was Montanus
schwankb. 237; was kan dienstlicher (
knechtischer) und vichischer seyn, als wann einer wie ein vich, den schändlichen wollüsten nachjaget Albertinus
hirnschleiffer (1664) 156; die teutsche sprache, als eine barbarische und viehische verachtet Neumark
fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657)
zuschrift; denn seine leibs-stärcke .. seinem eigenen ehrgeitze widmen, wäre viehisch oder teuffelisch Lohenstein
Arminius 1, 219; nicht zu bereun ist viehisch, wild und teuflisch (
beastly, savage, devilish)
Shakespeare Richard III. 1, 4; immer schlingen, schlucken, schlemmen ist, bei gott dem herrn, fast viehisch Immermann 12, 59
Hempel. 55)
gebrauch des adverbiums im verschlimmerten sinne; öfters: viehisch leben; viehisch leben,
wie ein vieh Adelung.
gewöhnlich nicht zur bezeichnung eines armseligen lebens schwerer arbeit (
vgl. 2),
sondern im sinne von 4 (
wildes, rohes, vernunftloses triebleben): so wir sprechen mögen er leb vihesch, hochmüticlich Riederer
spiegel der waren rhet. (1493) a 8
b; die ... mehr viehisch dan menschlich gelebt hat Hedio
chron. Germ. (1530) A 2
b; da lebten sy so vichisch, dergleichen vor nye gesechen wasz Knebel
chron. v. Kaisheim 396; o wie mustu biszher so viehisch gelebet haben, dasz in dieser deiner jugend du einer mast - sau nicht gar unähnlich sihest Bucholtz
Herkuliskus u. Herkuladisla (1665) 324.
andere verbindungen, entsprechend dem gebrauch des adj. unter 4: recht vihisch toben,
beluarum immanitate efferari Steinbach 2, 893; viehisch thun,
den beest speelen Kramer
deutsch-holl. wb. (1768) 394
c. viehisch betrunken
u. ä.: und wird keiner so viehisch geartet seyn Moscherosch
gesichte (1650) 245; denen viehisch in unzucht entbrannten schiffleuten
d. Leipziger aventurier (1756) 2, 49; viehisch um sich hauend Schiller 3, 151 (
Fiesko 5, 13); es geht dorten gar zu wunderlich zu, und ein bischen viehisch beinah Fouqué
altsächs. bildersaal 4, 105; manichs mensch, das sunst verdürb, in dem wollust gantz vichisch stürb H. Sachs 12, 86
Keller; die wollust nicht, die auch der pöbel kennet; die viehisch ras't, nicht sich vernünftig freut Uz (1768) 1, 85; büszt viehisch eure lust auf rauchenden ruinen Falk
satiren (1800) 1, 114.
mit dem passivum verbunden, der eigentliche sinn des adj. tritt hervor: dasz sein und Achmets blutt als vihisch soll vergossen ... seyn Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 78; menschenleiber .. so viehisch .. fortschleifen zu sehen Arndt (1892
ff.) 1, 161. 66)
die neuere sprache hat auf der einen seite in ernster rede die verschlimmerte bedeutung des adj. viehisch
ganz besonders scharf entwickelt, auf der andern seite braucht sie das schlimme wort in scherzender sprechweise zu derber verstärkung (
vgl. bestialisch): '
in der niedrigen sprechart dient viehisch
auch, einen hohen grad anzuzeigen z. b. mich hungert viehisch
d. h. sehr auszerordentlich' Campe; ich hab' .. einen viehischen hunger Nestroy (1890
ff.) 10, 201.
in wendungen wie diesen mag gelegentlich der zusammenhang mit dem ernsten gebrauch des wortes gefühlt werden; in andern verbindungen ist er ganz aufgegeben: es ist eine viehische hitze; es macht mir ein viehisches vergnügen, ich freue mich, ärgre mich viehisch;
hier kann viehisch
lediglich den grad bezeichnen; auch: der weg ist viehisch lang, das stück ist viehisch schwer;
es scheint, dasz diese anwendung besonders in norddeutschen studentenkreisen ausgebildet ist (
vgl. das süddeutsche vieh-, saumäszig);
vgl. vieh II 13. —