zittern,
vb. ,
tremere, contremiscere. verbreitung, herkunft, form. ein sw. vb. des wgerm.-nordgermanischen: ahd. zitterôn;
mhd. zitern, zittern;
mengl. titer,
engl. dial. titter Murray 10, 1, 80
b;
anord. titra Fritzner 3, 705
b;
isl. titra Jóhannesson
etym. wb. 483;
norw. [] titra Torp
nynorsk etym. ordb. 789
a;
Shetland: titter Jacobsson
etym. wb. 904
a;
schwed. (17.
jh.) tittra Dahlgren
förldrade eller ovanliga ord 870
b.
alle in der bedeutung '
zittern'
oder nur leicht abweichend. das wort ist in den älteren germ. dialekten mit ausnahme des mhd. nur schwach bezeugt (
ahd., mengl., anord. nur je ein beleg),
für das dän., ndl., nd. fehlen jegliche zeugnisse. dän. sitre,
afrikaans sidder,
mnd. setteren (
s. unten 5 a), seteren, zetern Schiller-Lübben 4, 195
b;
nd. siddern Mensing 4, 484; zittern 5, 761; tsitərən Martin
Rhoden (Waldeck) 278
sind aus dem hd. entlehnt. titərən Martin
a. a. o. 276
ist junge kontrastform im nd.-hd. grenzgebiet. gleichlautendes westfäl.-waldeck. tit
er
en Bauer-Collitz 104
a, tittern Woeste-Nörr. 272
b '
kichern'
ist von unserm wort etymologisch zu trennen und als lautmalende bildung zu engl. titter '
to laugh in a suppressed or covert way; to giggle' Murray
a. a. o. und zu norw. titra '
ryste av undertrykt latter' Torp
a. a. o. zu stellen. zittern
wird von Kluge
PBB 8, 342
ähnlich gleichbedeutendem ahd. bibên (
angeblich <
germ. *bi-Bai-mi)
und got. reiran (
angeblich <
germ. *rī-rai-mi)
auf eine alte präsensreduplikation urgerm. *ti-trō-mi,
vorgerm. *di-drā-mi
zurückgeführt. vgl. Walde-Pokorny 1, 795.
während nach Kluge
urgerm. *ti-trō-mi
unter übergang in die klasse der schwachen ôn-
verben und mit wgerm. geminata tt (
vor r),
die im hd. wie in bitter
unverschoben bleibt, zwanglos ahd. zitterôn
ergibt, lehnt Lessiak
beitr. z. gesch. d. dt. konsonantism. 261
den ansatz von urg. *ti-trō-mi
auf grund von md. und obd. dialektformen (
belege s. bei Lessiak)
zumindest für das hd. ab. es dürfte aber überhaupt unmöglich sein, alle formen des wortes in den dt. u. germ. dialekten lautgesetzlich aus einer urgerm. form zu erklären, da zittern
zur gruppe der den onomatopoetica verwandten ausdrucksworte (
vgl. Wissmann
zs. f. dt. altert. 76, 5)
gehört. vgl. tattern Schmeller-Fr.
bayer. 1, 631; dattern 2
teil 2,
sp. 828; dottern
sp. 1315.
engl. didder Murray 3, 1, 332
c; dither 543
a; dadder 4
c; dodder 574
b; totter 10, 179
b.
norw. didra Torp
nynorsk etym. ordb. 62
a; tutra 820
a.
wenn man die annahme der sonst gut zum wortsinn passenden reduplikation aufgibt und wgerm. *tiðrōn
ansetzt, erklären sich frühnhd. und mundartl. formen mit langem stammsilbenvokal als dehnungen in alter offener silbe: zietern (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 594
c;
mittelbair. tsīdɐn Lessiak
a. a. o. 261; ziədern Schmeller
maa. Bayerns 62; Weitzenböck
Innviertel 72; zîtrn Göpfert
sächs. Erzgeb. 12.
in hochsprachlichem zittern
sowie in den meisten mundartformen (
s. u.)
ist die vokalkürze wie in vetter, gevatter
bewahrt. auch frühnhd. belege mit inlautendem t
weisen auf eine form *tiðrōn: (
sie) haben gezytert Albrecht v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) D 5
b; im zitert (
sein leib) Hans Sachs 22, 224
lit. ver.; zitern Brandis
ehrenkräntzel (1678) 109.
in entlehnungen ins mnd. weist e < i
gleichfalls auf alte offene silbe: zetert (
ca. 1450)
imitatio Christi in mnd. übersetzung 18
Hagen; mit zetteren und beven (
Münster 1534) Rotman
restitutio 20
ndr. senkung i > e
begegnet auch in md. und obd. quellen: zu czetterne (1475) Stolle
thür. chron. 129
lit. ver.; was zettrest ... tu? Boltz
Terenz (1539) 93
a.
ferner in den maa.: tsettərə Enderlin
Kesswil 30; 104
u. andere. vereinzelt ist rundung ö < e < i
im alem.: aich hunn gezöddert Moscherosch
gesichte (1650) 2, 131;
sowie diphthongierung ei < i: vor zeittern und zagen Seb. Franck
s. unter 5 b.
auf wgerm. *tiðrōn
läszt sich der inlautende dental zurückführen in mhd. zitern,
frühnhd. zitern (
s. oben).
auf wgerm. ð
weisen auch mittelfränk. maa.: zidderen
lux. wb. 504
a; Waldbrühl
rhingscher klaaf 221; ziddere Hönig
Köln 208
a; zëddere Rovenhagen
Aachen 166
b.
dazu auch ziddern, zedern, cidern (15.
jh., md.) Diefenbach
gl. 385
c.
in den maa. mit konsonantenschwächung [] (
vgl. Lessiak
a. a. o. 113
f.)
erscheint für wgerm. ð
tenuis lenis (
in den mawbb. d
oder t
geschrieben): tsìtərə Martin-Lienhart
elsäss. 2, 920
a; zidə'n Schmeller-Fr. 2, 1164; zidern Jakob
Wien 226; dsìdərə Follmann
Lothr. 559
a; dsędərn Hofmann
Niederhessen 270
a; tsetərə Hentrich
Eichsfeld 18; dsidn Gerbet
Vogtland 64.
tenuis lenis geht im östl. moselfr. und rheinfr. vielfach in ð, r
oder l
über (
vgl. Lessiak 120
f.): tsiðərə Christmann
Rheinpfalz. in: Teuthonista 1, 215; tserərə 214; zerrern Heinzerling-Reuter
Siegerland 339
a; dsilərə Follmann
Lothr. 559
a; tselere Christmann 216.
dazu auch zirerender
trepidus (15.
jh.) Diefenbach
nov. gl. 370
b.
nicht auf wgerm. *tiðrōn
zurückzuführen sind allein ahd. zitterôn
und mhd. zittern,
für die sich eine variante *tiþþrōn
ansetzen liesze, während schles. und südobd. maa.-formen keine sicheren rückschlüsse auf die wgerm. form zulassen. in der endsilbe hat zittern
sich unter ausfall des vokals der ahd. endsilbe -ôn
den verben auf -ern
angeschlossen, mhd. und frühnhd. ist dagegen vielfach die ahd. endsilbe noch erhalten: du zitrost
liedersaal 2, 183, 220
Lassb.; mit reduziertem vokal: zitrend (
part. präs.) Seuse
dt. schr. 40
Bihlm.; (
sie) zitereten (1509)
Fortunatus 58
ndr.; zitterende hend Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 153
a; mit zittrenden henden Eyering
proverb. copia 1 (1601) 263.
vereinzelt ist l < r: zittelen
titubare Diefenbach
gl. 586
a.
im partizip des präs. ist im 15./16.
jh. auslautendes d
vielfach geschwunden: zittern mit hangenden lefftzen, kychend (1486) Hans Neidhart
Terenz, Eunuchus 62
lit. ver. bedeutung und gebrauch. auf eine grundbedeutung '
schwanken'
scheint der älteste beleg zitterondemo gange
lapsanti gressu (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 523, 7
St.-S. zu deuten. in die gleiche richtung weisen auch einige lexikalische belege des 15./16.
jhs.: nutare zedern (1414
md.) Diefenbach
gl. 385
c;
labare zyttern
vel rydern (1495) 313
a;
nutare cziteren (1502)
nov. gl. 266
b.
die heutige bedeutung des kurzen, schnellen, rhythmischen sich hin- und herbewegens ist aber, wie die mhd. belege zeigen, schon alt. den zahlreichen ahd. belegen von beben
steht nur ein beleg von zittern (
s. o. ahd. gl.)
gegenüber. die mhd. klassiker gebrauchen nur beben;
erst seit der zweiten hälfte des 13.
jhs. steht zittern (
gegenüber nur vereinzelten früheren belegen)
in häufigerem gebrauch. ein unterschied im anwendungsbereich der beiden wörter ist in Luther
s bibelübersetzung deutlich zu erkennen: von der erde, den bergen, dem himmel heiszt es vorzugsweise beben,
vom menschen (
meist mit der nuance der furcht)
dagegen vorzugsweise zittern (
das umgekehrte ist selten).
der heutige sprachzustand, der beben
als eine starke, die erde oder den menschen zutiefst erfassende erschütterung, zittern
hingegen als eine schwächere, leichtere art der hin- und herbewegung auffaszt, scheint also schon in die frühnhd. zeit zurückzugehen; dem 18.
jh. ist diese unterscheidung geläufig; vgl. Stosch
gleichbed. wörter 1 (1777) 384; Eberhard
synonymik 1 (1795) 248
f. im allgemeinen gilt beben
heute als der gewähltere, gehobenere der beiden ausdrücke. lexikalische belege: fluctuare zittern (
anf. 15.
jh., obd.) Diefenbach
gl. 240
b;
tremere, tremiscere, tremulare beven, tzeteren, tzetren (15.
jh., nd.) 594
a;
contremiscere zittern (1440,
md.) 147
c;
trepidare czytteren (1470)
ders., ml.-hd.-böhm. wb. 276;
corusco, crispo, vacillo, salio, moveor ich zitter Alberus
dict. (1540) bb 4
a;
tremo zitteren, schuderen Frisius
dict. (1556) 1327
b; das zittern
tremor Emmelius (1592) 112; zittern
tremare Hulsius (1618) 283
b; zittern, beben
to tremble, quake, shake or shiver Ludwig
t.-engl. (1716) 2599. 11)
von belebtem. als medizinisches fachwort steht der substantivierte inf. für lat. tremor: ein ader in der höly der oren ... geschlagen, ist guot für daz zytteren des
[] haubts Gersdorff
wundtartzney (1517) 14
b; bibergeiln ist gut für den schwindel, halszstarren, zittern, für die gicht Heyden
Plinius (1571) 163.
in einer zusammenstellung von krankheitsnamen: tremor, palpitatio das zittern
nomencl. lat.-germ. (1634) 212.
in anderem zusammenhang: vor das zittern. gelb-fenchelwasser ist gut denen, die der tropff getroffen, in der seiten, das paralysis genandt ..., vertreibet auch das zittern der hände Hohberg
georg. cur. 3 (1715) 1, 234
b; er hat das zittern und kann kein blut sehen Fontane
ges. w. (1905) I 1, 280.
zu erscheinungsformen und ursachen des zitterns vgl. J. Pelnář
das zittern (1913). 1@aa)
infolge seelischer erregung. 1@a@aα)
anschaulich im sinne einer zitternden bewegung: mit dem kam der gut ritter fur die konigin gegangen und zittert so sere das er die konigin kam mocht gegruszen
Lancelot 1, 290
Kluge; (
das pferd) zittert und tobet und scharret in die erde
Hiob 39, 24; ich zittert ängstlich, so dasz ich konte weichen kaum, und seiner mich verwehren
Reinicke Fuchs (1650) 228; Werther zitterte, sein herz wollte bersten Göthe I 19, 175
W.; da er diesen namen aussprach, ging ein kaum sichtbares zittern durch Barbaras glieder Holtei
erz. schr. (1861) 7, 75; Unrat war fahl, er zitterte H. Mann
d. blaue engel (1950) 138.
die art der seelischen erregung wird häufig durch einen präpositionalen ausdruck mit vor
bezeichnet: und die ziternt vor vorchten di der werche nie nicht geworchten die wider gotes hulde sint
kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. 24, 123
Leitzm.; er aber vor forcht zitterte Barth
weiberspiegel (1565) N 8
a; ich ... sahe mein weib an, die vor zorn noch zittert Grimmelshausen 2, 562
Keller; seine (
Wilhelms) lippen lechzten, seine glieder zitterten vor verlangen Göthe I 21, 111
W.; mein herz zittert vor freude, wenn ich daran denke, dasz ich ein genosse dieser zeit bin (1848) G. Keller
br. u. tageb. 2, 169
Ermat.; zitternd vor vergnügen Rilke
br. 1 (1950) 215; zitternd vor triumph Carossa
dr. Bürger (1930) 74.
bis ins 18.
jh. ist neben vor
auch für (
mit dativ)
gebräuchlich: dem
d. Fausto gieng solchs also wol ein, dasz sein hertz für frewden zitterte
volksb. v. dr. Faust 27
ndr.; der vater Atlas hat für ungedult gezittert Opitz
teutsche poemata 190
ndr.; so zitterte er für erschrecken
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 21.
weniger gebräuchlich sind andere präpositionen: er (
herr Eufemian) tet dem lîbe sêre wê. dô kom regen unde snê, daz er zitterte mit grimme
Alexius leben 71, 205
Massmann; zittert er von uberigem zorn
hertzog Aymont (1535) g 6
a; das hertz in hosen zittert mir, aus lauter liebestriebe Chr. Reuter
ehrl. frau Schlampampe 56
ndr.; von geheimen hoffnungen zitterte mir die brust so selig Hölderlin
ges. dicht. 2, 100
Litzmann. in dichterischer sprache wird die seelische erregung häufig objektiviert gedacht und zittern,
meist als part. präs., unmittelbar darauf bezogen: die zitternde furcht Lohenstein
Arminius (1689) 2, 452
b; mit zitternder freude trat er (
Wilhelm) mit hinein Göthe I 51, 22
W.; der könig ist in zitternder wuth Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 6, 116; sie neigte ihr süszes angesicht zu ihm, und es zitterte freude darin, so wie freude in ihm zitterte Stifter
s. w. 3 (1911) 161.
gleichfalls nur dichterisch ist eine kompositionsbildung aus dem die seelische erregung bezeichnenden substantiv und dem part. präs. von zittern: wonnezitternd stürzte Zoe ihrem vater in die arme Pfeffel
pros. vers. 9 (1812) 186; freudezitternd Redwitz-Schmölz
Amaranth (1851) 271.
[] 1@a@bβ)
im sinne eines verbums der gesteigerten gemütsbewegung unter mehr oder minder starkem verblassen des anschaulichen. mit einer nuance im sinne von '
sich fürchten' (
s. auch zittern und zagen
unter 5 b);
lexikalisch: formidare zittern (1476,
md.) Diefenbach
nov. gl. 179
b;
horreo, inhorreo, inhorresco, perhorreo, perhorresco ich fürcht mich, entsetz mich, ich zitter, ich erschreck, bin erschrocken Alberus
dict. (1540) ss 3
a;
trepidation das zittern, die furcht Spanutius
dt. lex. (1720) 477.
in literarischen quellen: und müstist für in zitrind ston und sprechen: ich hab unrecht geton.
Christus u. d. minnende seele v. 47
Banz; di kuschen, reinen hertz er (
d. hl. geist) sterckt, das in das zitteren vorgehit unnd ir liebe veste zu gote sted Joh. Rothe
lob d. keuschheit 2007
Neumann; under dem schwert dess siglichen fyndes, under dem doch offt die manlichen hercz der starken mann in unmuot und zittern verwandelt synd Steinhöwel
de claris mul. 116
lit. ver.; mein hertz zittert, grawen hat mich erschreckt
Jes. 21, 4; zitterent und erschrocken Schumann
nachtbüchlein 64
Bolte; der teuffel glaubt auch, das ein einiger gott ist, und zittert Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) B 2
b; der gröste staatsmann, dessen weisheit ein reich in wollstand und die benachbarten reiche in zittern gebracht hat Ryssel
v. d. seelenfrieden (1685) 292; scheu wie das zitternde reh, das ihr horn durch die wälder verfolget, flieht sie im mann nur den feind, hasset noch, weil sie nicht liebt Schiller 11, 195
G.; nur weiber zittern in gefahr Blumauer
ged. (1782) 213; schon zitterten wieder viele treue herzen Arndt
s. w. (1892) 1, 193; über die köpfe von zitternden sclaven dahin zu schreiten Scherer
litt. gesch.7 21; sowie ich zehn schritte gehe, denk ich, er steht vor mir. und da bin ich in einem ewigen zittern Fontane
ges. w. (1905) I 5, 245.
besonders deutlich ist die bedeutungsnuance der furcht in den wendungen mit zittern, ohne zittern (
s. auch mit furcht und zittern
unter 5 c): sie schray und ruofte lut ze im mit citteren und mit klæglicher stim Wernher
d. Schweizer, Marienleben 9864
Päpke-Hübner; mit zitteren, forchtsamlich, mit schräcken
trepidanter Maaler
teutsch spraach (1561) 522
d; prediget die warheit ... ohne zittern Abr. a.
s. Clara
etw. f. alle 2 (1711) 31; so kann ich sie, ohne zittern, in die ansehnlichsten gesellschaften führen Schwabe
belust. (1741) 1, 317; ihr braucht nicht mehr dem herrn mit zittern zu dienen Cl. Viebig
d. schlaf. heer (1904) 1, 95.
hierher auch die wendung zittern vor (
bis ins 18.
jh. auch für) jemandem
oder etwas: er ist ein zwelfjæriger knabe, des ellent mâze niht enhât. schouw al diu welt an sîne getât und zitter vor der hende sîn Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 6359
lit. ver.; die zagen zittern, erplassen fur dem tod und gehn dennoch hindurch, die sihe ich gern Luther
tischr. 1, 177
W.; zittern vorm galgen hilfft vor hencken nicht Lehmann
floril. polit. (1662) 3, 503; Arminius, vor welchem das weltbeherrschende Rom mehrmals gezittert Lohenstein
Arminius (1689) 1, b 1
a; hunde heulen und zittern auf kreutzwegen für gespenstern Göthe I 39, 68
W.; wir werden dann nicht mehr vor dem fatum zittern Bettine
dies buch geh. d. könig (1843) 2, 448; die juden, die vor diesem triumph der antisemitischen partei gezittert hatten Stefan Zweig
welt v. gestern (1947) 84.
in dichterischer sprache auch mit dativ: [] kommt traulich näher, junge dichter; vertraut auf seinen rath und zittert nie dem richter Kretschmann
s. w. (1784) 2, 246; nie hab ich dem tod gezittert und auch jetzt schreckt er mich nicht Grillparzer
s. w. 4, 51
Sauer. mit folgendem dasz-
oder infinitivsatz: ich zitterte, ... er möchte sein wort wiederrufen Lessing 2, 357
L.-M.; wehe mir! ich zittere, dasz du recht hast Raupach
dram. w. kom. gattung (1829) 4, 208; ich ... hatte jetzt gezittert, die schmale, fast wesenlose gestalt des kindes zu umfangen G. Keller
ges. w. (1889) 1, 235.
mit einer nuance im sinne von '
ängstlich besorgt sein'
; gewöhnlich in den wendungen zittern um, zittern für jemanden
oder etwas: du wirst mich verstehen! zittre für deine Bella Lessing 2, 295
L.-M.; wie oft hab ich um euch gezittert, eh das feuer mir so nahe kam
ebda 3, 11; Luise ward bleich und gestand, dasz sie für das leben ihres bräutigams zittere Göthe I 18, 148
W.; alles was aristokrat war, oder wegen seiner existenz von aristokraten abhing, zitterte für das ehrwürdige, alte gemäuer der feudalität J. G. Forster
s. schr. (1843) 6, 128; er hatte schon einmal ... für einen kaiser gezittert Binding
erlebtes leben (1928) 19; (
sie) zittern um ihr geld Werfel
geschw. v. Neapel (1931) 420.
mit einer nuance im sinne von '
begierig sein auf, verlangen nach'
; in der wendung zittern nach jem.
oder etwas: was bin ich für ein kindischer mensch: mein herz zittert nach dir (1866) Stifter
s. w. 21 (1928) 193.
mundartlich: das kind zittert nur so nach der brust Bernd
Posen 362;
ebenso Anton
Oberlausitz 15, 20.
mit folgendem infinitivsatz: ach wie zittr ich, dich zu küssen! kehre wieder, Selino! J. H. Voss
s. ged. (1802) 2, 10; ich zittre, ihn wieder zu sehn Kotzebue
s. dram. w. (1828) 18, 248; bald nach unserer ankunft fuhren wir durch die stadt dem papstpalaste zu, den wir alle in der nähe zu sehen zitterten
M. Hartmann
ges. w. (1874) 3, 103.
vereinzelt zittern auf: so stand er, ... überwältigt von sehnsucht, zitternd auf den triumph über ein liebendes weib Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 2, 249. 1@bb)
aus andern gründen. der grund des zitterns kann auch hier wie in 1 a
α durch einen präpositionalen ausdruck mit vor, für
bezeichnet werden. infolge kälte, frost, fieber: man muoste ime (
Kai) erlouben daz zittern an der wahte, wan elliu sîn ahte stuont nâch hitze einen wîs, wan tiefer snê und dickez îs tet im alsô grôze nôt Heinrich v.
d. Türlin
krone 665
lit. ver.; ich zittere für kelte S. Brant
v. d. losen füchsen (1546) N 2
a; von frost zitteren
frigutire Maaler
teutsch spraach (1561) 522
d; so ein pferdt erkalttet unnd mit zittern umbfangen were Seutter
hippiatria (1588) 97; zitternd vor frost kam sie nach hause br. Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 46; da sasz ich, schweiszbedeckt, vor kälte zitternd A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 114; sie zitterte, sie fror Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 36.
auch: da hilft kein zittern für (
gegen) den frost Schellhorn
sprichw. (1797) 69; '
es ist unvermeidlich' Schmeller-Fr. 2, 1164; '
da ist kein ausweg, das musz durchaus sein' Spiesz
Henneberg 291.
infolge körperlicher anstrengung, krankheit oder entkräftung: (
die selbstkasteiung) treib er, unz im die hend und arme waren vast zitrend worden Seuse
dt. schr. 40
Bihlm.; so machet das perli (
schlagflusz) einen den es trifft, zittern oder schlottern mit den henden oder mit dem haubt Keisersberg
brösamlin [] (1517) 2, 41
b; meine knie zittern noch von der anstrengung Bettine
Goethes briefw. (1835) 1, 274; die hand zittert noch eine weile nach der abgelegten last Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 16, 64.
als folge von trunksucht: du sihest wol wie sie (
trunkenbolde) so bald alt werden, blind werden und zittern Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 50
b; dasz zittern, so ewer armer bruder in den gliedern gehabt, kame gewisz von viellem weindrincken Elisabeth Charlotte v. Orleans
br. (1707—15) 294
Holland. als alterserscheinung: gepogen ist mein gank, das zittern swecht mir all gelit Oswald v. Wolkenstein 93, 15
Schatz; tremere seniliter zittern wie ein alter schwacher mann Faber
thes. (1587) 740
b; flusz, husten, zittern, schwindel, kretz, das sind gewisz desz alters schetz Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Dd 7
b; für alterthum zittern
tremare di vecchiaia Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1470
a; ein alter zitternder mann Löwen
schr. (1765) 4, 269; die steinalte, zitternde frau H. Heine
s. w. 3, 32
Elster. als willentlich hervorgebrachte bewegung: du gebest ein guoten fischmenger. also spricht man zuo Cöln, so einem die hend zitteren, dann die dar fisch verkauffen, zittern trüglich mit der handt, das die fisch vor zweyen tagen todt, lebendig scheinen S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 18
b; das schnelle, zitternde spiel der finger (
bei den tanzenden Indianerinnen) J. G. Forster
s. schr. (1843) 2, 108. 1@cc)
aus den zu a
oder b
gehörenden belegen hebt sich eine gruppe heraus, in denen zittern
ausdrücklich auf den ganzen körper oder einen teil von ihm bezogen wird. von einem intensiven zittern
des ganzen körpers, bes. in den wendungen am ganzen körper, am ganzen leib zittern; an allen gliedern, an händen und füszen zittern: wie zittern mir mein füss und hend Hans Sachs 9, 29
lit. ver., contremiscere omnibus artibus in allen glidern zitteren Frisius
dict. (1556) 123
a; ich zittre an händen und füszen Meisl
theatr. quodlibet (1820) 1, 133; Lotte hört die schelle ziehen, ein zittern ergreift alle ihre glieder Göthe I 19, 190
W.; ich zitterte am gantzen körper (1784) Caroline
br. 1, 10
Waitz; Pipping hat angst, dasz er an allen gliedern zittert Sperl
söhne d. hrn Budiwoj (1927) 154.
von einzelnen teilen des körpers: ich horte und getruobet ist buch miner: von der stimme citeroten leffse mine (
vulgata: audivi et conturbatus est venter meus: a voce contremuerunt labia mea Habacuc 3, 16)
Millstädter cantica in: cod. pal. Vind. 2682 (1934) 246
Törnqvist; vgl.: weil ich solchs höre, ist mein bauch betrübt, meine lippen zittern von dem geschrey Luther; sie keuchte und zitterte ziemlich mit dem kopfe Rabener
s. schr. (1777) 4, 212.
bes. von händen und knien: oder so er ... mit seinen füszen stolpret unnd mit den henden zittert Wickram
w. 2, 395
Bolte; der alte graue vater nahte sich mit zitternden knien Klinger
w. 3 (1815) 91; wenn ich nur sein bild erblicke, zittern mir die knie vor ehrfurcht Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 160.
von der hand beim schreiben: (
er) schreibt mit zitternder hand einige worte Göthe I 11, 325
W.; wohl zittert die hand mir beim schreiben Th. Mann
Faustus (1948) 244.
von der zitternden hand auf die von ihr hervorgebrachten schriftzüge oder werke übertragen: und von letzterer (
art, nämlich bücher über d. ästhet. seite d. tonkunst) besitzen wir kaum einige matte zịtternde versuche Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 1; eine zitternde, ungleiche linie Schopenhauer
s. w. 1, 395
Gr.; die schrift war augenscheinlich die ... eines alten mannes, wie die ... zitternden züge verriethen Stifter
s. w. 3 (1911) 133.
vom herzen, im sinne des klopfenden herzens: als
[] diss Oriana sahe, fieng ir das hertz so hefftig an zu zittern
Amadis 225
Keller; das herz zittert mir im leibe Göthe I 8, 23
W.; aber vor dem schicksalsgespenst da an der schreibmaschine beginnt sein herz zu zittern Fr. Wolf
zwei a. d. grenze (1948) 31.
von den nerven im sinne eines äuszersten angespanntseins: ich bitte dich, frage jetzt nicht, mir ist alles sonnenklar, nur zittert jeder nerv in mir Stifter
s. w. 2 (1908) 80; (
Winfrieds) nerven zitterten, aber das durften sie nicht A. Zweig
einsetzg. e. königs (1950) 441.
bei insekten und vögeln von den flügelbewegungen: (
vögel) die sich erschwingen in die höch und an ainer statt mit zitterenden fettachen unbeweglich beleyben Keisersberg
granatapfel (1510) H 1
c; (
die bienen) heben gemächlich an zu fliegen, mit zittern der flügel, dann sie seind noch zu schwach zu dem fliegen
M. Herr
d. feldbau (1551) 181
a; mit zitterndem gefieder E. v. Kleist
w. 1, 53
Sauer. im vergleich: aufwuchs ... die schwermut ... eines stückchens klang, ... steigend wie auf zitternden flügeln A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 53. 22)
von gegenständen und sachlichen objekten. 2@aa)
anschaulich im sinne einer zitternden bewegung. vom erdboden, von gebäuden und anderen festen körpern: das meer und erden beben, berg und tal zittern, wenn er (
gott) heimsucht
Sirach 16, 18; ein büxenpulver, dasz der büxen unnd dem bodem ein zittern macht Paracelsus
opera (1616) 2, 83
Huser; das haus zitterte manchmal und die balken dröhnten, wenn der ton zu seiner gröszten kraft stieg Göthe I 25, 69
W.; (
Alpenjäger:) es donnern die höhen, es zittert der steg, nicht grauet dem schützen auf schwindlichtem weg Schiller 11, 397
G.; ein kegeln und ein tanzen, dasz alle scheiben zitterten A. v. Arnim
s. w. (1853) 5, 287; das dumpfe pochen mächtiger dampfhämmer erschütterte weithin den boden, dasz in den wohnhäusern gegenüber die fuszböden zitterten H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 21; zittern der magnetnadel
balottement, trembling (
vgl. zitternadel 2) Blaschke
wb. d. elektrotechn. (1901) 144; das fortwährende zittern der erde unter den eisenbahnzügen A. Seghers
d. siebte kreuz (1950) 13.
übertreibend ist zittern
gebraucht in der redewendung: er redt das das gewelb zittert Seb. Franck
sprüchw. (1541) 1, 40
b.
ähnlich: die flüche donnerten heraus, dasz die fenster zitterten Klinger
w. 3 (1815) 159.
von einer gallertartigen masse (
vgl. 4zitter 2 b): dar umb vint man ain vaizt ziternd dinch, sam dâ die frösch auz werdent in den pächen maienzeiten Konrad v. Megenberg
buch d. natur 77
Pf.; eine zitternde gallerte Sprengel
chemie f. landwirthe (1831) 2, 93.
das für die gallerte bes. charakteristische zittern
veranlaszt die redensart: er zittert wie ein gallertjürgel Karl Rother
schles. sprichw. 218
a;
ähnlich: der leib ... hat gezittert, wie eine gallerte Prätorius
anthrop. pluton. (1666) 1, 212; da zitterte mir der ganze leib vor zufriedenheit wie sülze Eichendorff
s. w. (1864) 4, 485.
von halmen, gräsern (
vgl. zittergras,
4zitter 2 a),
bäumen, laub (
vgl. zitterbaum, -esche, -espe, -pappel): dort stehet in dem feld in blaich und gelber farb, gleich einem lantzenheer manch zitterende garb Weckherlin
ged. 2, 377
Fischer; durch die zitternden cypressen bebten ungewisz die sterne Tieck
schr. (1828) 8, 4; ich wollte, ich säsze schon aufrecht im bettchen ... und sähe das weinlaub vor den fenstern zittern Raabe
s. w. I 6, 318; zitternde gräser Wölfflin
d. klass. kunst (1901) 223;
besonders vom espenlaub: das bewegliche laub des espen zitterte Musäus
volksmärchen 1, 41
Hempel; der vergleich zittern wie espenlaub
ist redensartlich: ich bin auch an den synnen tǎb und zitter als ain espin lǎb
liederbuch d. Hätzlerin 42
Haltaus; [] diese wort redet sie mit solcher begirde, dasz sie zittert wie ein espin laub
Amadis 23
lit. ver.; er zittert wie das espenlaub Chamisso
w. (1836) 3, 198.
von wasser oder wassertropfen; in zittern
klingt das spielen von lichtreflexen (
vgl. unten 4 b)
mit an: das leichte segel weht. es zittern well und flut, und Phöbus wirft darinn den abdruck seiner glut Drollinger
ged (1743) 75; da zitterte gestern ein tropfen auf einem vergiszmeinnicht und der in meinem auge bebte eben so lange Hippel
lebensläufe (1778) 3, 2, 44;
ähnlich von tränen im auge: in dem auge des grauen dieners zitterte eine freudenträne Eichendorff
s. w. (1864) 3, 415.
in freiem sprachgebrauch: auch Dankmars augen zitterten (
von tränen). auch ihm feuchteten sie sich Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 1, 92. 2@bb)
mit verblassen der anschaulichen bedeutung. im sinne eines verbums der gemütsbewegung bei fühlend gedachten gegenständen (
vgl. 1 a
β): die seulen des himels zittern und entsetzen sich fur seinem schelten
Hiob 26, 11; und die heyligen vetter ... liegen szo bepstlich eynher die aller groszisten lugen, das die steyn tzittern und schwitzen mochten Luther 10, 1. 1, 663
W.; sie (
die lotosblume) duftet und weinet und zittert vor liebe und liebesweh H. Heine
s. w. 1, 69
Elster. besonders vom erdboden: ich wolt solchs grewels wol mehr exempel erzelen, aber es ist allzu schendlich, muste sorgen, das unser deudscher erdboden dafur zittern mochte Luther 30, 3, 305
W.; Fridericus der die erden vilmal gleichsamb zitern machen Brandis
ehrenkräntzel (1678) 109.
in anderem zusammenhang steht der zitternde boden
häufig für '
unsichere verhältnisse': wenn wir uns erinnern, aus wie vielen dutzenden von geistlichen stiftern, herzogthümern, grafschaften, herrschaften und unterherrschaften dieses burgundisch-fränkisch-sassische reich ... zusammengebacken worden ist, so fühlt man wohl, dasz man auf zitterndem boden ... steht Immermann
memorabilien (1843) 3, 207.
ähnlich: nord und west und süd zersplittern, throne bersten, reiche zittern Göthe I 6, 5
W. übertragen besonders in der wendung der boden zittert unter mir, unter meinen füszen: mit diesem hasz beladen, indem der boden unter ihm zitterte, wälzte Buckingham gleichwohl die gröszten unternehmungen in seinem kopfe Ranke
s. w. (1867) 15, 205.
zur häufigkeit der übertragung vgl. den zusatz von buchstäblich: bei mir geht es jezt sehr lermend zu, da oben und unten gehämmert wird, und der boden zittert, ganz buchstäblich genommen, unter meinen füszen (1802) Schiller
br. 6, 396
Jonas. 33)
von instrumenten, saiten, tönen, lauten, von der (
menschlichen oder tierischen)
stimme. 3@aa)
von instrumenten und saiten. noch wie in 2 a
stärker das visuelle einer gegenständlichen bewegung wiedergebend: schlag darauff mit dem daumen allein, also, das die seyt zittert und brummet Agricola
musica instr. 80
Eitner; damit die sayten (
des klaviers) genugsam zittern können Ph. Bach
art d. clavier zu spielen (1759) 1, 5; (
die lieder) enthalten die bewegung tanzender gruppen und das zittern der balalaika (1900) Rilke
br. 1899 —1902 (1931) 25.
von saiten im übertragenen sinne: so bebt das herz vor lust, wie seine saiten zittern König
ged (1745) 65; es sollen also gewisse saiten in den sinnlichen organen zittern Schiller 1, 88
G. 3@bb)
als ausdruck akustischer erscheinungen kaum noch mit der visuellen vorstellung einer bewegung ('
tremulieren').
zur übertragung von zittern
auf das akustische [] beachte den zusatz von gleichsam: man kann eben nur sagen, dasz er (
d. affenschrei) aus einer reihe ... gleichsam zitternder ... laute besteht Brehm
tierl. 1, 47
P.-L. einen schnell zwischen zwei tonhöhen oder zwei schallstärken wechselnden laut wiedergebend, vgl. zitterend ton
vibrans sonus Maaler
teutsch spraach (1561) 522
d: wenn er (
die steineule, lat. strix) schreit, sô schreit er zitterent hu hu hu, als ob ihn friese oder er zandklaffe vor froscht Konrad v. Megenberg
buch d. natur 224
Pf.; dieses ungeziefer (
schreit) fast wie eine grille, doch etwas heller, mit einem zitternden getöne
Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 8, 259; ein zitterndes gesinge (
der heuschrecken) Stifter
s. w. 1 (1904) 176.
von der menschlichen stimme (
zu den gründen des zitterns
und den nuancen vgl. 1): zitterende und bebende stimm
une voix tremblante, vox tremula et vox tremens Duez
germ.-gall.-lat. (1664) 717; doch lallete ich endlich mit einer aus forcht, hoffnung und kälte verursachter zitterender oder babender stimme so vil daher Grimmelshausen 2, 12
Keller; (
Wilhelms) ton hatte etwas unsicheres, zitterndes, das glücklicherweise dem inhalt der geschichte gemäsz war Göthe I 21, 308
W.; von der rede des siegelbewahrers, mit leiser zitternder stimme verlesen, ward wenig verstanden Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 192; mit seiner gewöhnlichen stimme, nur dasz sie zitterte, sagte er H. Mann
d. untertan (1949) 97.
in der fachsprache der musik im sinne von '
tremulieren': das zittern den gesang zirt Agricola
musica instr. 171
Eitner; anno
d. 1576 ... hat der wolgelert kunstreich
m. Tomas Grebisch ... den zitternden zug in die orgel gemacht S. Hüttel
chron. d. st. Trautenau 221
Schles. (
vgl. zitterregister); das ist eine pfeiff die da anders nichts thut als zitteren, oder tremuliren Spee
güld. tugendb. (1649) 625; auf geigen kann dergleichen zittern auch mit den bögen in einem strich, auf einem ton bewerckstelliget werden Mattheson
vollk. capellm. (1739) 114; es ist ... furcht und zagen, welche in den zitternden geigenfiguren ... sich vernehmen lassen O. Jahn
Mozart (1856) 4, 424.
allgemein im sinne von '
unruhig klingen'.
häufig von tönen im übertragenen sinne: jedes bild Homers ist eine musikalische malerei: der gegebene ton zittert noch eine weile in unserm ohre Herder 3, 133
S.; es erhob sich ein ruf des jubels und der freude, der in den lüften zitterte Stifter
s. w. 11 (1932) 59; lange zittert der traurige grundton fort in seinem herzen Scherer
kl. schr. (1893) 1, 63. 44)
von lichtern, licht- und farberscheinungen, von der luft bei schlierenbildung. 4@aa)
noch wie in 2 a
stärker das gegenständliche sichbewegen eines flackernden lichtes oder der luft bei schlierenbildung wiedergebend: die kühle nachtluft, die ... die wenigen lichter ... in ein angstvolles zittern versetzte O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 115; in den vor hitze zitternden luftschichten bildeten sich mannichfache luftspiegelungen Ritter
erdkde (1822)
teil 2, 756; die von der sonnenhitze durchwärmte luft zitterte über der weiten ebene Wasmann
dt. künstlerleben (1915) 88. 4@bb)
aufs optische übertragen als ausdruck flackernder, tanzender, unsicherer, zwischen hell und dunkel schwankender licht- und farberscheinungen; kaum noch mit der vorstellung eines gegenständlichen sich bewegens (
vgl. zitterglanz, -licht, -schein, -strahl): wenn ... von der hinabgewichenen sonne ein zitternder schein am horizont heraufdämmerte Göthe I 21, 33
W.; die farben, die vor unsrem auge zittern, wenn es lange in die sonne sieht Hölderlin
s. w. 2, 179
Hell.; und in zitterndes licht stehn die gewölbe getaucht Geibel
w. (1883) 5, 155;
[] über ihm flammten und zitterten die sterne in der grimmen winterkälte Storm
s. w. (1898) 6, 145; an der wand von Anacapri zitterten, wie in der luft schwebend, die lichtpünktchen von fackeln Colerus
Tiberius (1927) 151.
besonders von lichtreflexen im wasser: vibrare dicitur mare erglantzen, wenn die sonn darauf kumpt, zitteren, schwancken, sich bewegen Frisius
dict. (1556) 1375
a; in seinen fluten zitterte des sternenreichen himmels wiederschein Blum
idyllen (1773) 22; und der schweigende mond zittert auf bläulicher flut Pocci
lust. komödienbüchl. (1859) 1, 137; in stiller sommernacht, wenn das mondlicht breit auf dem strome zittert Allmers
marschenb. (
31900) 102.
vom flimmern der luft bei der schlierenbildung: das zittern der anbrütenden lenzwärme über den noch schwarzen feldern Stifter
s. w. 1 (1904) 44; nur die gluthheisze luft zitterte flirrend und blendend vor seinen augen Storm
s. w. (1898) 2, 232; es war heisz. die hitze zitterte in der luft Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 46. 55)
in zwillingsformeln. 5@aa)
zittern und beben. beide wörter treten schon früh nebeneinander auf, im mhd. jedoch noch nicht formelhaft: den herren si nihne ladeten — niht anerieffen — da bibeten si — da citreten si — mit uorhten (
vulg.: trepidaverunt timore, ps. 13, 9)
Windberger psalmen 42
Graff; passional 189, 13
Hahn; allez biben und allez zittern unde alle totliche gicht vortribet sin (
gottes) angesicht Heinrich v. Hesler
apokalypse 20 958
Helm; der heysen gicht, der zcetternen gicht, der bebenden gicht (
aus e. Breslauer hs., geschr. 1361—65)
anzeiger f. d. kde d. dt. vorzeit 18, 304.
auch später stehen die beiden wörter, den gleichen begriff variierend, auszerhalb der formel häufig nebeneinander: wenn er ... in das heilige unterirrdische hinab stieg, so trat beben in seine glieder und zittern in seine gebeine
allg. dt. bibl. (1765) 1, 2, 148; er geht und alle sterne zittern. die sonne bebt. es bebt die welt. Göthe I 37, 4
W. als formel ist zittern und beben
seit der mitte des 15.
jhs. belegt, für beben
steht bis ins 17.
jh. häufig bidmen: ich kan nichts don wan setteren unde beven, so grot noet hebbe ich van dem steyne unde van dem blode (
Zerbst 1443)
privatbr. d. mittelalters 2, 24
Steinhausen; da ward er zu hand bidmen und zittern und mocht von der stat nit kummen
summerteil d. hl. leben (1475) 18
b; he begunde to tzeterende und to bevende (1522)
Mark. 14, 33
Halberstädter bibel. Luther
verwendet die formel nur auszerhalb der bibelübersetzung: da er (
Jesus) sie (
die jünger) wol zitteren und bedment gemacht hatte 10, 3, 54
W.; unnd der herr Christus wirdt ... das urteyl uber die verdampten sprechen, welche unden auff erden bey dem teuffel stehen, zittern und bidmen werden 52, 19; zittern und beben 20, 255; beben und zittern 54, 227; solchs zittern und beben herzuo schlecht, in hefftiger bewegung des gemüts Ryff
anatomi (1541) H 5
b; sein göttlich haupt und gelbes haar, zerschüttet er (
Jupiter) so kräfftig gar, das gleich darob des himmels saal bidmet und zittert uber all Spreng
Ilias (1610) 11
b; seht das arme geschöpf vor seinem schicksale zittern und beben Göthe I 23, 95
W.; ist es dir nicht genug, dasz du vor dem oheim zitterst und bebst? Raupach
dram. w. kom. gattung (1829) 1, 11; der organist, ein alter gebrechlicher mann, ... kam mit zittern und beben Handel-Mazzetti
Stephana Schwertner (1927) 2, 181. 5@bb)
in formeln mit alliteration. zittern und zagen (
vgl. lat. timidus ac tremens)
ist zuerst bei Luther
belegt, [] vielleicht auch von ihm geprägt: und fieng an zu zittern und zu zagen (1530;
καὶ ἤρξατο ἐκθαμβεῖσθαι καὶ ἀδημονεῖν)
Markus 14, 33;
anders noch 1522: und fieng an zu ertzittern und zu engsten (
vgl. auch: und er begunde zeerpidmen und zuo derschrecken
erste dt. bibel nach vulg.: et coepit pavere et taedere).
weitere stellen bei Luther: und er sprach mit zittern und zagen
apostelgesch. 9, 6; das zagen und zittern (1543)
br. 10, 490
W. später auch sonst häufig belegt: da wolt er sich selbs tödten, das konde er vor zeittern und zagen nit Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 19
a; die magd hub an zu zittern und zagen (
ca. 1575) B. Hertzog
schiltwacht L 3
b; auff dem richtplatz aber ist ihm alles hertz entfallen, hat zu zagen und zu zittern angefangen Prätorius
glückstopf (1669) 160; demohnerachtet betrat der assessor nur mit zittern und zagen das freiherrliche castell Gaudy
s. w. (1844) 24, 57.
andere alliterierende paare sind weniger gebräuchlich: das hertz zitterte und zappeltte Luther 47, 590
W.; zittern und zappeln mustu vor der hell
ebda 17, 1, 250; weil sie dass dann nicht vermögen, zapplen und zittern sie Dannhawer
catech.-milch (1657) 4, 486; zittern und zappeln Spiesz
Henneberg 291; hellisch fewr, zittern und zeen klappen ynn der helle wird yhr lohn seyn Luther 18, 401
W.; ein öffters zittern und zehnklappern Guarinonius
grewel (1610) 480; auf furcht folgt zittern und zänklappern Stieler
stammb. (1691) 2638; ich sah ihr angesicht vor zorn und zittern brennen Gryphius
trauersp. 282
lit. ver.; mit zittern und zorn Grimm
dt. sagen (1891) 2, 107; Wilhelm zauderte und zitterte Göthe I 22, 227
W. 5@cc)
in andern formeln. furcht und zittern, schon seit der 2.
hälfte des 14.
jhs. belegt: vorht und czittern sint kumen uber mich (
timor et tremor venerunt super me) Johann v. Neumarkt
schr. 1, 119
Klapper; was sol ich reden oder tuon? forcht und zittern hand mich umbgeben
schausp. d. mittelalters 2, 327
Mone. an der bibelstelle Phil. 2, 12
hat die erste dt. bibel mit vorcht und mit klophen (
cum metu et tremore),
die Zainerbibel (1475)
setzt mit vorcht und mit zittern
ein, wie später Luther mit furcht und zittern.
auch sonst reich belegt: ein wort, das billich jeder man mit furcht und zittern annemen und behalten solt Luther 51, 22
W.; da doch ein jeder mit forcht und zittern sein heil wircken solte Grimmelshausen 1, 388
Keller; hier ist alles froh des schönen wetters, genieszt es aber nur in furcht und zittern Göthe IV 37, 131
W.; meine mutter, die immer in zittern und furcht lebte Kerner
bilderb. (1849) 141.
weniger gebräuchlich sind schrecken und zittern, angst und zittern: drum kam sie (
das weib) hernach uber etliche tage grosz schrecken und zittern an Luther
tischr. 3, 519
W.; mit zittern und schrecken bewegestu alle meine gebein J. Arndt
nachf. Christi (1631) 84; worauf er mit angst und zittern sehr viele submissions gemachet (1716)
Berliner geschr. zeitungen 34
Friedl.; mit angst und zittern Hufeland
menschl. leben (1797) 393; sie hat nicht angst noch zittern Handel-Mazzetti
Stephana Schwertner (1927) 1, 278. 66)
besondere gebrauchsweisen. 6@aa)
nur dichterisch im sinne von '
sich zitternd fortbewegen'
; hierzu die komposita: auf-, durch-, ent-, nach-, über-, um-, weg-, zurückzittern.
von personen (
vgl. 1): da ihr ein haufe eingeschrumpfter matronen an stäben und krücken entgegen zitterte Musäus
volksmärchen 1, 12
Hempel; wenige holde gestalten begegnen uns; freudig erschreckend zittern wir ihnen ans herz, schmiegen uns innig an sie Kosegarten
poesien (1798) 2, 323;
[] kaum hatte Amandus den gemisshandelten jugendfreund über die gasse zittern sehen, so ging er in sein zimmer Jean Paul
w. 1, 179
Hempel. von gemütsbewegungen (
vgl. 1 a
α): noch zittert ihr der schreck durch jede nerve Lessing 3, 6
L.-M.; eine unbestimmte angst zitterte plötzlich über das gesicht der frau Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 125.
ähnlich von einer erregung, die durch ein land geht: bis nach Rom und Neapel zitterte die angst vor der revolution Häusser
dt. gesch. (1854) 2, 56; obwol noch vor kurzem selbst theologe, hatte ich ganz aus den augen verloren, dasz diese bewegung in Preuszen durch das land zitterte H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 214.
von sachlichen objekten (
vgl. 2 a): hier zittert mir der griffel aus der hand Wieland
s. w. 20 (1856) 195; thränen zitterten seine wangen herab maler Müller
w. (1811) 1, 261; ein durchsichtiger nebel zitterte durch die warme gegend Sturz
schr. (1779) 1, 7.
von akustischen und optischen erscheinungen (
vgl. 3 b
und 4 b): so zittert diese erscheinung als ein umgekehrtes flämmchen in die tiefe Göthe II 5, 1, 352
W.; ein rother schein zitterte durch das haus Immermann
w. 5, 53
Hempel; der melancholische ton einer ziehharmonika zitterte durch den abend Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 90. 6@bb)
in freiem sprachgebrauch als transitives verbum, im sinne von '
zitternd hervorbringen': meine nerven zittern einen ton Klinger
w. 1 (1815) 8; der baum, der mir den schatten zittert, der quell, der mir sein mitleid rauscht Lenz
ged. 112
Weinhold; meine lippen zitterten ein freudiges gebet Iffland
theatr. w. (1827) 10, 335. 6@cc)
unpersönlich. nur selten gebraucht: 'mich zittert
ist undeutsch, es musz heiszen ich zittre' Heynatz
antibarb. (1796) 2, 670; ich kann diese saite nicht berühren, ohne dasz es mir inwendig zittert, und mir thränen in die augen kommen Jacobi
w. (1812) 1, 48; ich fühlte, dasz mich zitterte
qu. bei Sanders
erg. wb. 678.