winkel,
m. ,
angulus. herkunft und form. das wort winkel
ist nur westgerm. und zwar wesentlich continental bezeugt als ahd. winkil,
mhd. nhd. winkel,
altnd. in winkelmate (
hs. 13.
jh.)
gll. 3, 718, 44
St.-S., mnd. winkel,
ebenso mnl., s. Verwijs-Verdam 9, 2, 2628,
nl., s. van Dale 2, 1995
b,
afries., s. v. Richthofen 1151
b, v. Helten
altostfries. 380,
fries., s. Dijkstra 3, 452
b;
im ags. in einem nicht ganz gewissen wincel,
sonst nur vereinzelt in ortsnamen, s. Bosworth-Toller 1231
a.
dän. norw. schwed. vinkel
stammt nach Falk-Torp 1384
aus dem mnd. winkel
wird wie winken
von Walde-Pokorny 1, 260
zu der idg. wurzel eng- '
gebogen sein'
gezogen. winkel
ist im hochdt. zuerst im voc. s. Galli (8.
jh.)
in der glosse: angulos uuincil
gll. 3, 2, 2
St.-S. und in ortsnamen seit dem 8.
jh. bezeugt, s. Förstemann-Jellinghaus
ortsnamen 2, 1379.
es flectiert in der regel als starkes masc.; schwache flexion begegnet vereinzelt: der winckeln funffe
erste dt. bibel 5, 263
Kurrelmeyer; im winckeln Walther
pferdezucht (1658) 152; alle ... winckeln Abr. a
s. Clara
Judas 3 (1692) 181; in die entferntesten winkeln Pückler
briefwechsel u. tageb. 2, 178.
im österr. wird winkel
in analogie zu den deminutiven auf -el
vereinzelt als ntr. gebraucht: das geringste winkel Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 2, 150; ein sichres winkel Hafner
lustspiele 2, 8.
im dat. pl. ist die nicht synkopierte form ungewöhnlich: bey den winckelen Gersdorff
wundtartzney (1517) 4
b; in den wynckelen Eppendorff
Plinius (1548) 11, 207;
neben der allgemein üblichen synkope winkeln
steht zuweilen bis ins 17.
jh. auch winklen,
so bei Paracelsus
op. (1616) 2, 385
H.; Ph. Bech
Agricolas bergwerckb. (1621) 455.
mundartlich findet sich verdumpfung des i
zu e
im moselfrk. und siebenbürg., s. Kisch
vergl. wb. 242
b,
im luxemb., s. wb. d. luxemb. ma. 484
a,
innerhalb des lothr., elsäss. und schwäb., s. Follmann 543
b, Martin-Lienhart 2, 841
a und Fischer 6, 1, 851.
bedeutung und gebrauch. zur grundbedeutung von winkel
gehört als bestimmendes moment die vorstellung von etwas, das in form einer geknickten oder gekrümmten linie verläuft oder begrenzt ist. ob das ursprünglich ein abstracter begriff im sinne von [] '
krümmung, knick, ein- oder ausbiegung'
ist oder eine bestimmte sachbezeichnung, läszt sich nach lage der überlieferung nicht feststellen. in einer gewissen bedeutungsrichtung berührt sich winkel
mit dem wort ecke,
vor allem in der bedeutung C.
deminutivformen sind verhältnismäszig selten bezeugt, weil dem wort in hinsicht auf gegenständliche vorstellungen von vornherein häufig der begriff des kleinen anhaftet (
s.D
und E).
von den verschiedenen formen der bildung mit dem l-
suffix begegnet mhd. winkel(l)în, winkel(l)en,
s. Lexer 3, 906;
im alem. schriftsprachlich bis ins 16.
jh. winckelin Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 138
a; Sebiz
feldbau (1579) 118; winkellein Konr. v. Megenberg
dt. sphära 7, 7
u. ö. Matthäi; winckel(l)ein A. Dürer
messung (1525) h 4
a; Mathesius
w. 2, 108
Lösche; Kirchhof
wendunmuth 3, 513
lit. ver.; Joh. Grob
epigr. 177
lit. ver.; winckele Frisius
dict. (1556) 91
b; Mathesius
Sarepta (1571) 12
a;
synkopiert winklein (16.
jh.)
österr. weist. 3, 368,
mit dem 17.
jh. vorherrschend; wienerisch winkerl Hügel 190; Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 2, 149.
selten ist auch winkelchen Rädlein 1, 1062
b; Bodmer
crit. poet. schr. 1, 110; Ludwig
ges. schr. 3, 740. AA.
als geometrischer begriff '
die neigung zweyer linien gegeneinander, die in einem punct zusammen stossen' Chr. Wolff
math. lex. (1747) 1410.
fürs ahd. in der composition drivuinchili (
hs. 10.
jh.), driuvinchli (
hs. 11.
jh.) per trigonum
gll. 2, 299, 7
St.-S. zu belegen; das simplex seit dem mhd.: (
der) kraiz, den man haizzet den augenender (
horizon, id est terminator visus), der überschrenket den ebenehter (
aequinoctialis) ... an zwain steten, also daz von der schrenkung (
intersecatio) enspringent aufgerehteu (
rectus) winkellein Konrad von Megenberg
dt. sphära 7, 7
Matthäi; (
ich) durchzeuch dieselben leng in den dreyen auffrechten linien all mit zwerchlinien zuo gleichen winckeln A. Dürer
von menschl. prop. a 3
b; dieselbe gabel (
ist) also gestalt, dass unter dem winckel oder zusammenlauff der beyden linien ... ein ander höltzigen hervorgehe J. Prätorius
glückstopf (1669) 31; durch zwey seiten und den zwischenliegenden winkel ist ein dreyeck gegeben v. Savigny
beruf uns. zeit (1814) 22. A@11)
besonders hervorgehobene arten von winkeln. A@1@aa)
nach dem grade des richtungsunterschiedes zweier linien unterscheidet man drei arten von winkeln: (
wenn) ein winckel gröszer ist dann ein rechter, so wirt er ein stumpfer ... genannt. wa er aber kleiner ... wirt er ... ein scharpffer spitziger winckel genannt S. Jacob
rechenb. (1565) 281
b; einen winckel observiren, wie sich solcher von natur vorstellet, ob es ein gerechter, spitziger oder stumpfer sey H. v. Fleming
d. teutsche soldat (1726) 44.
der von zwei senkrecht zueinander stehenden linien gebildete winkel
wird zufrühest gerechter winkel
genannt: di zwen kraizze überschrenkent sich zu gerechten (
rectus) sinbeln (
sphaeralis) ekleinen oder winkelleinn und tailent das gantz ertreich in vier geleicheu stücke Konrad von Megenberg
dt. sphära 37, 11
M.; daneben bei demselben aufgerehteu winkellein (
s. o.); gerechter winckel A. Dürer
underweisung d. messung (1604) o 2
a;
s. auch unter gerecht,
teil 4, 1, 2, 3594;
so noch bis ins 18.
jh. wie bei v. Fleming (
s. o.). die heute geläufige bezeichnung rechter winkel
ist seit dem 16.
jh. bezeugt durch S. Jacob (
s. o.);
gelegentlich ein rechtlinigter winckel Döbel
jägerpractica (1754) 3, 125.
vgl. dazu die mit dem 18.
jh. belegte composition rechtwinklig,
teil 8, 443.
im gegensatz zu den übrigen wird der rechte winkel
auch als gerader
oder gleicher
bezeichnet: ein gerader winkel wird mit einem bogen von 90 grad ausgemessen Doppelmayr
Bions neueröffnete werckschule (1726) 4; winckelgerad, das gerade ... winckel hat Frisius
dict. (1556) 933
a; ein gerader winckel
un angolo retto Kramer
dict. 2 (1702) 1349
c;
vgl. winkelgerad. gleicher winkel: zu gleichen winckeln A. Dürer (
s. o.); gleicher winckel Kramer
a. a. o. die übrigen winkel
werden demgegenüber als ungerade, ungleich, krumm
oder schief
zusammengefaszt: von der schrenkung kumen krummeu
[] (
obliquus) oder ungeleicheu (
impar) winkellein Konrad von Megenberg
dt. sphära 7, 13
M.; das ander heutlein (
hat) krumme winckel ... gleich einem gefalten kleid Ruoff
hebammenbuch (1580) 11; ein ungerader, schäfer winckel
angolo obliquo Kramer
dict. 2 (1702) 1349
c; ungleiche schiefe winkel Gottsched
anmuthige gelehrsamk. (1751) 7, 687;
in jüngerer zeit ist am üblichsten schiefer winkel,
s. auch teil 8, 2682: schiefe winkel Moltke
ges. schr. 1, 106; Krebs
technolog. wb. 160.
der winkel
unter 90
grad wird wie heute seit alters als spitzer
bezeichnet: eyn spicz winckel
oxygonium in vocabularien des 15.
jh. bei Diefenbach
gl. 404
b; man soll auch wyssen, wo zwuo lini nicht gleych miteynander lauffen, das sie ... eyn spitzen winckel machen A. Dürer
underweysung d. messung (1525) a 2
b;
s. auch unten Corvinus
fons lat. (1646);
zu dem neben spitz
bis ins 18.
jh. hervortretenden spitzig
sieh teil 10, 1, 2563: spitzig winckel (15.
oder anfang 16.
jh.)
bei Diefenbach
a. a. o.; bei S. Jacob (
s. o.); Adelung 4, 217;
daneben gespitzter winkel: mit einem ... gespitzten winckel Xylander
Polybius (1574) 225; Kramer
dict. 2 (1702) (
s. u.);
sonst auch enger, tiefer,
bes. scharfer winkel: mit einem engen ... winckel Xylander
a. a. o.; ein tieffer winckel, der spitz oder scharpff zugehet Corvinus
fons lat. (1646) 56; tiefer, gespitzter, spitziger, scharffer winckel
angolo cantone Kramer
dict. 2 (1702) 1349
c; scharpffer winckel S. Jacob (
s. o.); in einem scharfen winkel Laube
ges. schr. 2, 7.
vgl. dazu seit dem 18.
jh. spitzwinklig,
teil 10, 1, 2649;
daneben auch scharfwinklig,
teil 8, 2199,
wo zuzufügen scharfwincklicht H. v. Fleming
d. teutsche soldat (1726) 405.
ebenso gilt seit den ersten belegen um 1400
bis heute stumpfer winkel: in der lengesten want (
dreieckseite), dy kegen dem stumpen winkel yst
geometria Culmensis 27
Mendthal; ein stumpfwincklichtes dreieck ist, welches einen stumpffen winckel hat Reyher
Euclides (1699) 6;
daneben auch weit, seicht, flach: mit einem weitten oder stumpffen winckel Xylander
Polybius (1574) 225; ein seichter winckel, der flach zugehet Corvinus
fons lat. (1646) 56; ein stumpfer, seichter winckel
angolo ottuso Kramer
dict. 2 (1702) 1349
c.
vgl. dazu seit 1400
bezeugtes stumpfwinklig,
teil 10, 4, 482;
gelegentlich weitwinckelicht Döbel
jägerpractica (1754) 3, 125. A@1@bb)
sonst ist noch geläufiger die unterscheidung von einspringenden,
auch eingehenden, einstehenden, einwärts gehenden
und ausspringenden,
auch hervorspringenden, ausgehenden
oder auswärts gehenden winkeln. A@1@b@aα)
am frühesten in besonderer anwendung auf festungsbauten: die kriegsbaukunst nennt eingehende winkel solche, die sich gegen das feld, und ausgehende, welche sich gegen die festung öffnen Hübner
zeitungslex. (1824) 4, 953
a; eingehender und hervorspringender winckel Fäsch
kriegs-, ingen.-, seelex. (1735) 286
b; einwärtsgehender
und auswärtsgehender winkel
im fortificationswesen Beil
technol. wb. (1853) 1, 658.
s. auch B 4 c. A@1@b@bβ)
seit dem ende des 18.
jh. allgemeiner, vor allem in der landschafts- und geländebeschreibung (
s. auch A 2
eingangs): das ufer (
ist) da, wo es einen eingehenden winkel macht (
angle rentrant), höher als bei dem ausspringenden (
angle saillant) Kant
s. w. (1838) 9, 285
H.; der ausspringende winkel des einen (
ufers steht) dem einstehenden winkel des anderen gegenüber
ebda 9, 311
H.; mittelst aus- und einspringender winkel wälzt sich der strom fort Herder
s. w. 23, 9
S.; (
man sieht) wie die stadt auf einer, mit ausspringendem winkel nach dem flusz zudrängenden fläche ... erbaut ist Göthe I 33, 166
W.; insoferne ... seine (
Afrikas) golfe ... nur aus einspringenden winkeln bestehen Peschel
völkerk. (1874) 223;
von baulichen aufführungen: alle häuser stehen mit der fronte schräg gegen die hauptstrasze, so dasz das folgende immer vor dem letzten herauszutreten scheint; dieser hervorspringende winkel ist ein kleines vorgebäude Niebuhr
nachgel. schr. 18; in einem ausspringenden winkel dieser mauer lag der klostergarten Stifter
sämtl. w. 3, 342.
[] A@1@cc)
die mathematischen wissenschaften unterscheiden nach den gegenseitigen verhältnissen von winkeln
oder ihrem vorkommen in bestimmten zusammenhängen innere
und äuszere, entgegengesetzte, krumm-
und gradlinige, vermischte, zu-
und abnehmende winkel
u. a. m., s. Beil
technol. wb. (1853) 1, 658; Krebs
technol. wb. 160. A@1@dd)
in der strategie bedeutet toter winkel '
nicht einzusehendes und darum nicht unter feuer zu nehmendes gelände vor einer stellung' Dietmar
auskunftsbuch über krieg, heer und flotte (1915) 220; (
das fort konnte nicht eingreifen,) da das dorf Douaumont am fusz des steil aufsteigenden kegels sich im toten winkel der geschützwirkung des forts befindet
Freibg. ztg. 6.
märz 1916 1.
morgenbl.; wir gingen unwillkürlich in laufschritt über, um den toten winkel des vor uns liegenden hügels zu gewinnen E. Jünger
in stahlgewittern (1934) 159. A@22)
häufiger kehren bestimmte verbale und präpositionale verbindungen mit winkel
zur bezeichnung von winkelbildungen wieder, wie sie sowohl an mathematischen figuren beobachtet werden als auch an gegenständlichen gebilden, vor allem in der landschafts- und geländebeschreibung, s. auch A 1 b
β;
zur verwendung in der botanik sieh Röhling
Deutschlands flora (1823) 1, 27. A@2@aa)
verben mit winkel
als object; machen: zwuo lini ... eyn spitzen winckel machen A. Dürer
underweysung d. messung (1525) a 2
b; schlitten, die aus zwei durch querhölzer verbundenen brettern bestehen, welche vorn einen spitzen winkel machen Forster
sämtl. schr. 1, 46; die richtung groszer flüsse macht gemeiniglich mit der richtung der höchsten gebirge ... einen rechten winkel Kant
s. w. (1838) 9, 285
H.; weiter zurück, wo die lansdchaft einen winkel macht, stand, gleichsam in die felsen versteckt, die kirche Stifter
sämtl. w. 5, 1, 74; so dasz der unterleib bey dem vorbeugen der brust und des kopfs nach dem schreibepult nur einen äuszerst stumpfen winkel macht Bremser
medicin. parömien (1806) 217; ausmachen: zweige ..., die mit dem stamm gemeiniglich scharfe winkel ausmachen Forster
sämtl. schr. 1, 122; bilden: hier biegt sich das ufer der insel plötzlich nach westen, selbst mit einer neigung nach süden einen spitzen winkel bildend H. Steffens
was ich erlebte (1840) 1, 52; die gesellschaft (
schlug) einen weg ein, der mit dem thale der Hirschberge einen rechten winkel bildete Stifter
sämtl. w. 1, 242; Karlsruhe, wo alle häuser schiefe winkel bilden muszten, damit man vom schlosse durch die öden gassen sehen kann Moltke
ges. schr. 1, 105; formen: die Saone, wo sie herunter zur Rhone strömt, formt mit letzterer einen winkel J. v. Müller
sämtl. w. 4, 246;
veraltet schlieszen: darnach werdt gerissen ein cretzlini f g, ... also das d e vnd f g vier gleiche winckel schlieszen A. Dürer
vnderr. z. befestig. d. stett (1527) a 1
b; die zwey ortbret, die ein winckel schlossen am tabernackel Mathesius
Sarepta (1571) 57
b. A@2@bb)
bei der bezeichnung einer winkelbildung durch präpositionale verbindungen begegnen gewöhnlich in
und unter,
in älterer zeit auch andere partikeln: dass er (
der flusz) nicht mehr mit einem engen oder gespitzten winckel an das entgegengesetzt landt mög reichen Xylander
Polybius (1574) 225; die gipffel auss denselben ebinen zuo gerechten winckeln stehn
ebda 390.
mit in: oft empfinden unsre blicke ein geschwächtes gegenlicht, das vom gegenstand zurücke sich im winckel gleichsam bricht Brockes
ird. vergnügen in gott (1744) 1, 344; jeder bau besteht aus ... in winkel gebogenen röhren Brehm
tierl.2 2, 478;
gewöhnlich mit einer näheren bestimmung der winkelgrösze: die äuszersten enden von parallel laufenden gebirgsreihen, welche die südküste in spitzen winkeln schneiden Ritter
erdk. 1, 111; der abhang ... wendete sich plötzlich in einem scharfen winkel Laube
ges. schr. 2, 7; ein niedriger stollen führte in die erde. er war durch baumstämme abgestützt, die in spitzem winkel aneinander ruhten Freytag
ges. w. 5, 39; (
die) wandgürtel wurden hier durch eine in entgegengesetzter
[] richtung ins gewände hinaufgerissene ... kluft in rechten winkeln durchschnitten v. Barth
Kalkalpen 320; (
die) geschosse fielen in steilem winkel dicht hinter der brustwehr ein Moltke
ges. schr. 3, 355;
unter vorstellung einer winkelfigur: schwärme wilder gänse ziehen im herbst und frühling in langen, spitzen winkeln fliegend mit geschrei durch die luft H. Allmers
marschenbuch 1/2, 120;
mit der bezeichnung des richtungsunterschiedes durch grade in einem winkel von: ein gläsernes massives prisma, dessen zwei seiten ... in einem winkel von ungefähr sechzig graden zusammenstieszen Göthe
w. II 2, 22
W. unter einem winkel: eine gerade linie, ... die gegen die tangente unter irgend einem winkel geneigt ist v. Schubert
verm. schr. 2, 17; wenn seine blättchen (
des kochsalzes) unter anderen winkeln sich aneinander legen Oken
allg. naturgesch. 1, 5; zwei prismen ... durchkreuzen sich unter einem rechten winkel
ebda 1, 163; (
bei der heidelbeere ist) der stengel aufrecht ..., unter spitzen winkeln verästelt v. Schlechtendal
flora v. Deutschl. (1880) 20, 101; unter einem winkel von: unter einem winkel von 30° südsüdwest Lichtenberg
briefe 2, 128
L.-Sch.; unter einem winkel von 11'' A. v. Humboldt
kosmos 1, 107; wird uns doch ein gegenstand unter einem winkel von fünfundvierzig graden erst faszlich Göthe
w. I 42, 2, 174
W. A@33) winkel
bedeutet in der wendung im winkel sein
bzw. aus dem winkel sein
in mundartlichem gebrauch soviel wie der rechte winkel: datt iss utn winkl
das steht nicht senkrecht Danneil
altmärk. 247
b; in winkel sien
rechtwinklig sein Block
idiot. v. Eilsdorf 101; im winkel sin Follmann
lothr. 543
b; das stück holz ist nit im winkel, e hus ist nit im winkel Martin-Lienhart
elsäss. 2, 841
a;
vgl. winkelgerade, -recht
sowie winkeleisen, -haken, -holz, -masz. winkel
ist in dieser besonderen bedeutung zufrühest aus dem 15.
jh. zu belegen: winckel
angulus orthogonus voc. incip. teut. ante lat. (1471) o o 5
b;
in übertragenem sinn: unkunst mit swarem berlast hatt meinen muot besessen; es ist usz dem winckel messen, wes ich mich vnderwind Clara Hätzlerin
liederb. 239
Haltaus. A@44)
von der gestalt des winkels
als einer linearen figur nimmt die verwendung des wortes ihren ausgang A@4@aa)
für bestimmte abzeichen; ein heraldisches zeichen, s. v. Querfurth
herald. terminologie 173: es gibt auch sonsten viel wunderlicher sachen in den schilden ... als ein winkel, ein dreyek, bogen Harsdörffer
frauenzimmergesprächsp. (1641) 3, 169.
für gradabzeichen an uniformen, heute allgemein üblich. A@4@bb)
für einen winkelförmigen risz im kleide, so mundartlich im nd., s. Woeste
westfäl. 325
b; Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 555
a: se hed n winkel int kled reten. A@4@cc)
für das älter bezeugte winkelmasz,
für das es als verkürzung stehen kann: die ganz eigne gnge der lieben natur, die ohne winkel und maszstab sich so sicher in einander fgt maler Müller
w. (1811) 1, 322;
für die volksläufigkeit dieses wortgebrauchs spricht die mundartliche bezeugung bei Mensing
schlesw.-holst. 5, 660; Woeste
westfäl. 325
b; Bauer-Collitz
waldeck. 114
a;
wb. d. luxemb. ma. 484
a; Follmann
lothr. 543
b; Martin - Lienhart
elsäss. 2, 841
a; Hunziker
Aargau 298.
auch für winkeldreieck: zum zeichnen braucht man rechtwinkelige dreiecke, die auch winkel genannt werden Schönermark-Stüber
hochbaulex. 887. A@4@dd)
gelegentlich auch für ein einzelnes technisches gerät, so im luxemburgischen für den '
heber'
in der küferei, s. wb. d. luxemb. ma. 484
a. A@4@ee)
für ein winkelförmig gebogenes maschinenteil: winkel an maschinen
engl. angle, knee Beil
technol. wb. 1, 659. BB.
wo in gewissen zusammenhängen eine winkelbildung die gestalt eines gebildes weitgehend bedingt oder eine hervortretende stelle kennzeichnet, gewinnt winkel
in verbindung mit dem gegenständlichen verhalt leicht eine ganz bestimmte, sachliche bedeutung. [] B@11)
bei in der landschaft auftretenden winkelbildungen bezeichnet winkel
zugleich das eingeschlossene gebiet, wie die ortsnamen zeigen, nach altem brauch (
s. c). B@1@aa)
als einbiegung eines gebirgs- oder höhenzuges bedeutet winkel
bis in heutige mundarten soviel wie '
gegend von bergen umschlossen, thalgegend, seitenthal' Schmeller-Fr. 2, 960; '
beträchtliche ausbiegung eines tales' Fischer
schwäb. 6, 1, 852; '
bergschlucht' Loritza
idiot. Vien. (1847) 143.
so von alters bezeugt: in chainerlai weis gestaten, das niemand under den frOemden hie innen im winkel (
einem seitental des Ennstales) neuung mache wider solich gewanhait, die von alter im winkel herkomen ist (15./16.
jh.)
österr. weist. 10, 99, 27; der bawete an einem sehr engen winckel in Arcadia (
in angustissimo Arcadiae angulo) ein kleines meyerhöflin J. Heyden
Plinius (1565) 62;
öfter neben tal: in grossen gebirgen gibt es viel winckel und tahle Aitinger
jagd- u. weidb. (1681) 118; (
der) garnträger ... steigt ... durch alle thäler und winkel Göthe
w. I 25, 109
W.; die sogenannten schroter- oder winkelwinde, die ... aus gewissen winkeln und bergthälern am Vierwaldstättersee hervorströmen Laistner
nebels. 260. B@1@bb)
allgemeiner bezeichnet winkel
auch eine '
gegend von wald umschlossen' Schmeller-Fr. 2, 960; '
felder, wiesen etc. nach ihrer lage oder gestalt' Lexer
kärnt. 258; '
winkliges, bes. dreieckiges stück land' Mensing
schlesw.-holst. 5, 660; '
eckiges stück land, landstück überhaupt' Frischbier
preusz. 2, 471
b; werden zwei grundstücke durch einen zwischenraum, rain, winkel, einen graben ... von einander getrennt
bürgerl. gesetzbuch § 921;
bei weiterem gebietsumfang in bestimmten bezeichnungen: Sudawen (
gau der alten Preuszen) war dieselb zeit ein mechtigs volckreiches land, ... heutigs tags allein der geringe vnd enge Sudawischer winckel vbrig ist, der mit wenig fischern, dörffern vnd armen leuten besetzet ist Schütz
histor. rer. Pruss. (1592) 47
b; hinder dem ampt oder grafschaft Camb nennet mans den bayrischen winckell ..., welcher winckel sich zwischen dem Böhmer waldt und der Thonaw abwärts bis nach Deckendorff ... uff 10-12 meill erstrecket (1646)
bei Schmeller-Fr. 2, 960; nach Mühling hat das Grosze Werder fünf winkel, den Montauer, Schönauer, Lichtenauer, Neuteicher und Lesewitzer winkel Frischbier
a. a. o.; auch ein im wasser vorspringendes stück land wird winkel
genannt: (
wir) satzten derowegen unsern cours unwissend gegen den gefährlichen winckel Hondeswig (
das kap einer insel) fort, wurden es auch nicht ehe innen, bisz dasz wir den thurn darauff erkennen kunten Olearius
pers. reisebeschr. (1696) 37
a. B@1@cc)
in gleichem sinne wie von a
und b
begegnet winkel
häufig in orts- und flurnamen zur bezeichnung von zwischen bergen, wäldern und fluszkrümmungen einbiegenden landstücken, ähnlich wie haken
und zwiesel,
s. Vollmann
flurnamensammlung (1924) 27.
den übergang der verwendung von winkel
als appellativum zum nomen proprium kennzeichnen fälle wie die flurbezeichnungen: winkel vor dem wald Schmeller-Fr. 2, 960; auf den grünten in dem dörflein zu der pürg und in dem winkel genant im Tslem (1453)
österr. weist. 6, 23; deroselben burkfridt (
erstreckt sich) hinüber unter dem Veitschberg zu thal am Harter winkel nach dem bächl an die landstrassen (1665)
österr. weist. 5, 78; diese eng ummauerte felsenbucht führt den bezeichnenden namen kalter winkel H. v. Barth
Kalkalpen 172;
vgl. auch Reut im Winkel Schmeller-Fr. 2, 961.
als nomen proprium ist winkel
besonders häufig als zweiter teil von zusammensetzungen wie in hungurwinkel
seit dem 8.
jh. bezeugt, ebenso alt in ableitungen wie winchilinga,
dann auch als simplex seit dem 9.
jh. und als erster teil von zusammensetzungen vor -heim, -husen, -saz
und -thorp
seit dem 10.
jh., s. Förstemann-Jellinghaus
ortsnamen 2, 1379 -81.
zu der frühen verwendung des wortes in ortsnamen vgl. ferner ags. -wincel Bosworth-Toller 1231
a.
für das heutige vorkommen sieh die anführungen bei Mensing
und Frischbier
a. a. o., ferner Follmann
lothr. 543
b; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 841
a; Fischer
schwäb. 6, 1, 852; Schmeller-Fr. 2, 960.
[] B@22)
bei der einbiegung eines ufers nimmt winkel
ähnlich lat. angulus
die bedeutung busen oder bucht an; gewöhnlich vom meer: vnd erwelten eyn malstat inn eynem winckel vnd am vfer des meers, Maliacum genant (
in sinu Maliaco ... litus elegere) Carbach
Livius (1533) 235
b; hat anfenglichen gewohnet am haffte (
sinus) oder winckel bei Denemarcken Entzelt
altmärkische chronik (1579) 62
Bohm; golfo di mare ein meerbusem, winckel oder krümme desz meers Hulsius
dict. (1618) 2, 179
a; winckel des meers
sinus Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 353
b;
vgl. auch die zusammensetzung meerwinkel: ob sie in den meerwinkel oder golfo d'Antongil ... jhren lauff solten richten Hulsius 2.
schiffahrt3 7;
von einem binnensee: zu allerunderst an disem see in einem winckel vnnd schoosz des sees ligt die statt Ratolfszell Stumpf
Schweizerchronik (1606) 407
b;
später vereinzelter: aber indessen stand sie (
die einen spiegel suchende muse) schon fern, am winkel des seees, ihrer gestalt sich erfreuend und rückte den kranz sich zurechte Göthe I 2, 133
W.; nicht ganz eindeutig: wir sind in so manchen buchten und winkeln zusammen gewesen Kotzebue
sämtl. dram. w. 1, 110; seine auslieger lauerten in allen winkeln der buchtenreichen see versteckt Treitschke
histor. u. polit. aufsätze5 2, 40. B@33)
als bezeichnung des augen- und mundwinkels, entsprechend dem vorgang von lat. angulus:
nirgin (=
mlat. hirquus) winckel in dem augen (1414)
bei Diefenbach
gl. 381
a; ein yetlich aug hat zween winckel (
anguli oculorum bini sunt [
Plin.]) Frisius
dict. (1556) 91
b; aderen vnd arterie ... bey den schlAeffen vnd den winckelen der augen vnd der lefftzen Joh. v. Gersdorff
wundtartzney (1517) 4
b; wann man den safft ... in die ecken oder winckel der augen streichet, so vertreibet er das augenwehe
M. Herr
feldbau (1551) 148
a; Tabernämontanus
kräuterb. (1664) 345; schmiere alle abend die augenlieder und winckel (
der augen) Chr. Lehmann
histor. schaupl. (1699) 591;
vgl. dazu das seit dem spätmhd. bis heute geläufige compositum augenwinkel,
demgegenüber das simplex in dieser verwendung zurücktritt; gelegentlich noch in physiognomischen beschreibungen: (
ich) betrachte ... mir den compagnon so verstohlen ein wenig näher, und zwar aus dem winkel des auges Spindler
s. w. n. f. 19, 11; ein lächeln spielte um den mund des professors ... und verlor sich in dem winkel des rechten auges
F. Spielhagen
s. w. 1, 11. (
bei) den winckelen ... der lefftzen v. Gersdorff (
s. o.); lippen, deren winkel so matt herabhängen B. v. Arnim
Cl. Brentanos frühlingskranz (1844) 27;
gewöhnlich ist weniger von den lippen als vom munde die rede, vgl. das seit dem 18.
jh. belegte mundwinkel: der wind bekömmt ... mehr schärfe, wenn er zur linken des mundlochs in den winkel gebracht wird Quantz
anweisung d. flöte zu spielen (1789) 44; (
der barbier) behauptete, die winkel am munde wären viel zu überwachsen K. Gutzkow
ritter vom geiste (1850) 3, 166;
das gewöhnliche ist auch hier das compositum, das simplex wie oben hauptsächlich in physiognomischen darstellungen: er hatte nämlich die beiden winkel desselben etwas herabgezogen, wodurch er sich ein äuszerst liederliches und versoffenes ansehen gab. diese figur des mundes behielt er bis ans ende bey Lichtenberg
verm. schr. (1800) 3, 263; der mund etwas weit, die winkel desselben aufwärts gezogen H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 1, 24; mund mit breiter, vorgeschobener unterlippe, beständig etwas wässernden winkeln H. v. Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 12. B@44)
in fachsprachen, bei denen sich aus solchen zusammenhängen stellenweis sonderbedeutungen entwickeln: B@4@aa)
in der sprache des markscheiders: '
der orth, wo die schnure abweichet und nicht mehr in gerader linie kan fortgezogen werden' Herttwig
bergb. (1710) 425; '
die durchschneidung zweyer zusammenlaufender linien, auch jede distanz, so weit mit einmal anhalten der schnur gemessen wird, wenn es auch in gerader linie wiederholet wird' Jacobsson
technol. wb. (1781) 4, 661; '
die markscheide. [] rische feststellung einer linie entweder nach ihrer länge, streichungsrichtung und neigung gegen den horizont ... oder nur nach ihrer länge und streichungsrichtung' Veith
bergwb. (1870) 579;
auch '
diejenige länge, welche bei liquidation und bezahlung der markscheidergebühren als einheit angenommen wird'
ebda. B@4@bb)
in der sprache des perückenmachers '
diejenige stelle an dem kopfe über den schläfen, wo das monturband ... ruckwärts gebogen und nachher weiter an die backen herunter geführet wird' Jacobsson
technol. wb. (1793) 8, 210
b. B@4@cc)
im festungsbauwesen bezeichnet winkel
schlechthin den vorspringenden winkel (
s.A 1 b
α),
darin dieselbe richtung in der bedeutungsentwicklung zeigend wie das lat. angulus '
die in form eines dreiecks vorspringende bastion einer befestigung' Georges
lat.-dt.8 1, 429: die belagerten ... bauten ... an die winckel (
der festung) von distanzen zu distanzen runde und viereckigte thürme, um daraus den feind von denen seiten zu flanquiren H. v. Fleming
d. teutsche soldat (1726) 388;
vgl. in einer aufzählung der in der kriegsbaukunst verwendeten verschiedenen bezeichnungen besonders bollwerkswinckel Fäsch
kriegs-, ingen.-, seelex. (1735) 6
a; Jacobsson
technol. wb. (1793) 8, 210
b. B@4@dd)
architektonisch soviel wie gewölbezwickel: winkel eines gewölbes
frz. engl. reins Beil
technol. wb. 1, 659. B@4@ee)
in anderer beziehung bedeutet es in der architektur '
der äuszerste theil eines gebäudes, wo zwey seiten in einem winkel zusammenstoszen' Jacobsson
technol. wb. (1781) 661
a; Beil
technol. wb. (1853) 1, 659.
vgl. auch C 2. CC.
bei durch ecken bestimmten gebilden bezeichnet winkel
die stelle, wo zwei linien oder flächen aufeinanderstoszen, und kommt so häufig dem begriff der ecke
gleich. C@11)
bei flächigen oder flächenmäszig vorgestellten gebilden, heute von ecke
verdrängt: Pallas die wircket auch vier stryt inn die vier winckel (
des schildes) jeder sit, inn jeden winckel stalt sie eyn gar mit künstlichen bildern klein Wickram
w. 7, 254
Bolte; sag den kinden von Israel, das sie inen saum an den vier winckeln irer mentel machen
Erasmus von Rotterdam verteutschte auszlegung über disen spruch Christi Matthei am 23.
cap. (1521) a 2
b; die pfanne steht auff den forderen zweyen wincklen des herds (
gedacht ist an die herdplatte) Ph. Bech
Agricolas bergwerckb. (1621) 455. C@22)
bei körperlichen gebilden bezeichnet winkel
die stelle, wo zwei flächen kantenmäszig aufeinanderstoszen; so von gebäuden vom ahd. bis zum frühnhd. bezeugt, lat. angulus
entsprechend, heute allgemein durch ecke
verdrängt: stein, then sie uuidarcurun zimboronte, thie ist gitân in houbit uuinkiles (
lapidem, quem reprobaverunt aedificantes, hic factus est in caput anguli [
Matth. 21, 42])
Tatian 124, 5
Sievers; der stein, den Judei zimberonde ferchuren, der uuard ze houbete des uuincheles, daz chit ze houbetsteine (
in caput anguli [
psalm 117, 22]) Notker
schr. 2, 496, 16
Piper; ebenso in späteren bibelübersetzungen: das haubt des winckels
erste dt. bibel 1, 82
Kurrelmeyer; cod. Tepl. 1, 31
Huttler; ein gecher wind, der ... schluoge zesamen die vier winckel des hauses
erste dt. bibel 7, 149; Luther: die drabanten stunden ... von dem winckel des hauses zur rechten bis zum winckel zur lincken, zum altar zu vnd zum hause (
im tempel)
2. kön. 11, 11;
hierher gehört aus einem abschnitt '
de partibvs edificorum'
gewisz auch die glosse: angulus winchel (12.
jh.), winkil (13.
jh.)
gll. 3, 128, 62
St.-S.; aus einem ähnlichen abschnitt: angulus uuinkil (12.
und 13./14.
jh.) 3, 180, 57;
als zusammensetzung gehört hierher winkelstein.
die gleiche verwendung, die das wort heute fachsprachlich in der architektur findet, s. B 4 e,
darf kaum in zusammenhang mit dem früh veralteten allgemeineren gebrauch gebracht werden, sondern nimmt ihren ausgangspunkt gewisz von mathematischen vorstellungen her. C@33)
bei zwei aufeinanderstoszenden flächen gilt winkel,
wenn es sich um den innerhalb beider liegenden handelt, [] ebenfalls wie ecke
als ortsbezeichnung; dabei stellt sich leicht eine räumliche vorstellung mit ein, vgl. D 1 a.
zuweilen wird unter winkel
hier ausschlieszlich der nur von zwei aufeinanderstoszenden flächen bestimmte ort verstanden: wer sich des bezauberns befürchtet, ... der sol nehmen des edlen hypericon ... und henge das in die 4 winckel des hauses Prätorius
Blockesberges verrichtung (1668) 129;
zuweilen insbesondere der mit einer dritten fläche gebildete ort: das (
kranke) kind wird mit allerhand abergläubischen teuffelspossen, zum exempel: kehrig aus 4 winckeln, abgeschabts von 4 tischecken ... vnd dergleichen ... geräuchert J. G. Schmidt
gestriegelte rockenphilosophia (1706) 1, 3; wo de fulen fegt, dor lacht de winkel Mensing
schlesw.-holst. 5, 660.
gewöhnlich aber kommt eine solche unterscheidung nicht näher zum ausdruck: in den groszen gruben setz vier setzling in die vier winckel
Petrus de Crescentiis v. ackerbau (1500) 45
a; das vogelhauss ... soll man ... mit gestricktem netz ... vberziehen ... vnd wegholter ... inn die winckel stellen Sebiz
feldbau (1579) 117; (
der wirt) leget sie hiemit vndter die stiegen in einen winckel Schumann
nachtbüchlein 37
lit. ver.; häufig von gebäuden und wohnräumen, s. auch eingangs: (
Pallas Athene) sties frevelich ans Neides portt, sodass die thren schnel uffgieng, do erblickt sie den Neid gehling, welcher inn eynem winckel sasz Wickram 7, 109
Bolte; ein winckel in der stuben (1357)
bei Lexer
mhd. hwb. 3, 905; in eynen winckel der kamern Arigo
decamerone 403
lit. ver.; als sie schlaffen gieng, schlich ich ihr nach und legte mich in ihrer kammer in einen winckel auf etliches schwartz leinen gezeug und alte säck Grimmelshausen
Simplicissimus u. a. schr. 2, 364
Keller; am tischgen in einem winkel der groszen gaststube U. Bräker
sämtl. schr. (1789) 1, 95; ich ... sasz ... in einem dämmerigen winkel des saales auf dem eckdivan Storm
w. (1899) 1, 259.
wie in der ecke stehen
als strafe für die kinder: jetzt stellst di glei ins winkerl Hügel
Wiener ma. 190; wenn ich die macht über dich hätte wie damals, müsztest du mir bisweilen jetzt noch im winkel stehen ... wie vor fünfundvierzig jahren Holtei
erzähl. schr. 7, 34;
im schwäb. speziell '
die zimmerecke, wo die zur hochzeit geschenkten haushaltungsgegenstände aufgehängt werden',
daher dann die redensart in den winkel schenken Fischer 6, 1, 851. DD. winkel
bezeichnet im anschlusz an C 3
weniger eine ortsbestimmung als in erster linie den zwischen zwei aufeinanderstoszenden flächen liegenden raum, darüber hinaus dann auch, unter aufgabe der eigentlichen winkelvorstellung, einen '
schmalen zwischenraum'
oder '
engen raum'
überhaupt; in dieser letzten bedeutungsentwicklung unterscheidet sich winkel
von dem im allgemeinen stärker an die vorstellung eines schnittpunktes gebundenen begriffe des wortes ecke. D@11)
allgemeiner. zuweilen neben eng: got dir sint elliu herzen kunt, ein winkel nie sô enge wart von oben unz ûf der erde grunt, der dîner wîsheit wære verspart
Winsbeke 71, 2
Haupt; der hahn, so keck er sonsten ist, läszt sich in enge winkel schlieszen
in H. v. Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. (1697) 2, 555;
loculamentum winckel unter den bancken, darinne tauben oder vogel nisten Basilius Faber
thes. (1587) 458
a; die alte holte ihr rad aus dem winkel hinter der tragkiste hervor Storm
w. (1899) 1, 69; er hätte ihm verboten, da zu schlafen ..., im winkel zwischen der drehbank und der mauer
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 2, 60. D@1@aa)
vor allem innerhalb von gebäuden und wohnräumen: es ist besser, wonen im winckell auff dem dach (
in angulo domatis) denn bey eim zenckischen weibe in einem hause beysamen
sprüche Salom. 21, 9; kein hauss, kein stall, boden, winckel, keller ... bleibet vndurchkrochen Kirchhof
milit. discipl. (1602) 130; so hab ich auch noch selten
[] ein haus ohne winkel, ... also ein stand ohne böse wahr gefunden Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 84; unter der treppe ... war ein finsterer winkel H. Seidel
vorstadtgesch. (1880) 197;
insonderheit von dem 'winkel
zwischen dem ofen und der stubenwand' Schmeller-Fr. 2, 960,
auch der hellwinkel
genannt, s. ebda; ebenso Kisch
Nösner wörter 169; marsch in deinen winkel hinterm kamin
gr. Pocci
komödienb. 12;
vgl. ofenwinkel,
teil 7, 1163.
für einen engen geschlossenen raum überhaupt: (
gebäude) die von auszen das ansehen einer königlichen burg, inwendig aber winckel anstatt der zimmer haben Lohenstein
Arminius (1689) 1, 202
b;
häufig ist alle winkel,
s. auch unter E 1 b
α: frau und freunde giengen in alle winckel dess hauses Grimmelshausen
Simplicissimus u. a. schr. 2, 425
Keller; in allen winkeln des bodens, der ställe, des gartens ... studirte ich das stück Göthe I 21, 23
W.; sowohl über als unter dem verdecke wurden alle winkel des schiffs besichtigt Forster
sämtl. schr. 2, 51; aber es trieb ihn an diesen wehen tagen ... durch alle winkel des hauses P. Dörfler
der notwender 10. D@1@bb)
durch gebäude, mauern und andere baulichkeiten gebildete winklige oder enge plätze innerhalb einer ortschaft oder innerhalb geschlossener gebäudegruppen, wie bei einem hof, einem gehöft u. ä.: vnd so ir bet, nichten wOelt werden als die trugener, die do liebhabent stend zebetten in den synagogen vnd in den winckeln der gassen (
in angulis platearum)
erste dt. bibel 1, 22, 60
Kurrelmeyer; Clodius hat Milonem in der engen gassen in eim winckel angeuallen
F. Riederer
rhetoric (1493) c 2
a; die stadt von einem ende zum andern, straszen und gäszchen, plätze und winkel, wirths- und lusthäuser, innen und auszen (
lernen wir kennen) Göthe I 41, 1, 162
W.; in der asche sind die groszen häuser auf dem platz und die kleinen in den winkeln auch so gleich als die reichen leute und die armen leute auf dem kirchhof Hebel
w. 2, 110
Behaghel; in einem der winkel um die kirche W. Alexis
Roland v. Berlin (1840) 1, 67; in der mitte zog sich der breite fahrdamm ..., und kleine sträszchen stiegen nach beiden seiten, verrenkte, dunkle, steil angehende mit treppchen und winkeln H. v. Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 104; der wind macht ein so sonderbares geheule durch die winkel des hofes Cl. Brentano
s. w. (1909) 5, 7; (
Hühnchen) führte mich in einen schattigen winkel des kleinen gärtchens H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 69.
häufig ist hier die verbindung winkel und gassen: da sich ein lermen erheben möchte in allen gassen vnd winckeln Mathesius
Sarepta (1571) 94
a; alle winckel vnnd gassen auff vnd ab ... lauffen Guarinonius
grewel (1610) 62; aber ach! seind schon verrathen alle winckel, weg vnd gasz Spee
trutznachtigall (1649) 240; von allen den winkeln und gäszchen der stadt gefällt mirs nur drauszen am thore Böhme
volksthüml. lieder im 18. u. 19. jh. 319. D@1@cc)
es begegnen bei dieser bedeutung von winkel
besonders häufig die attribute finster
und dunkel, verborgen
und heimlich: dâ bî sult ir merken wol, sît man sich behüeten sol ein jâr vor êlicher hîrât (
nach dem tode des gatten), daz ez dan gar übel stât, ob man eins vinstern winkels muot und ân hîrât dâ iht getuot Thomasin von Zerclaere
d. wälsche gast 5652
Rückert; (
ich) stund in eim finstern winckel dort Hans Sachs
werke 21, 30
lit. ver.; man verwerffe ein faules holtz in finsteren winckel, so wird es doch ... sein liecht verrathen Abr. a
s. Clara
etwas für alle (1699) 2, 11; ein finsterer winkel H. Seidel
vorstadtgesch. (1880) 197; (
Syrus) bekannte, dasz man die (
gestohlenen) sachen in der wohnung des Antiphilus in irgendeinem dunkeln winkel unter einer bettstelle finden würde Wieland
Lucian 4 (1789) 36; aus diesem dunkeln winkel ... trat ein knabe hervor Göthe I 49, 134
W.; alte papiere, welche lange im dunkeln winkel gelegen hatten Arndt
w. 6, 14
R.-M. mit verborgen
und heimlich:
[] die natur (
hat) vil verborgene winkel und geheime kammern Butschky
Pathmos (1677) 572; die liebe scheut sogar das lauschen, sie sucht verborgne winkel auf Stephanie
sämtl. singspiele (1792) 181; aber gewisz hätten sie (
die apostel) auch in ängstlicher furcht und im verborgenen winkel nicht eine solche gemeinde gegründet Schleiermacher
sämtl. w. II 4, 102; die alten steinklingen aber verwahrt man ... in den verborgensten winkeln der häuser Ratzel
völkerk. 2, 149. die augen des herrn ... sehen alles, was die menschen thun, und schauen auch in die heimliche winckel Dannhawer
catechismusmilch (1657) 1, 276; wir suchten gemeiniglich die heimlichsten ... winkel, toback zu rauchen
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 66; (
ein) gärtner, der ein blümlein zu seiner stillen freude im heimlichsten winkel seines geheges zog Fouqué
zauberring (1812) 1, 31; eine arme bettelfrau führet sie durch heimliche winkel aus dem dorfe Freytag
ges. w. 20, 132.
über heimlicher winkel
in besonderer bedeutung s. unter E 3;
vgl. im übrigen auch sonst partien von E,
bes. 2 b. D@22)
speziell bezeichnet winkel
den schmalen zwischenraum zweier nebeneinanderstehender häuser, ein enges gäszchen: androna eyn winckel
in einem nd. dict. alph. (1447)
bei Diefenbach
nov. gl. 23
b;
im gleichen sinne auch aus dem ende des 15.
jh. schlupfwinkel,
s. teil 9, 849; ein jeder winckel, so zwischen zweyen häussern stehet vnd denselben ... gemein ist, also, dasz beyde nachbarn jhre dachtrauffe zugleych darinn fallen haben, der soll auffs wenigst dreyer sterckschuch ... breyt seyn
Frankfurter reform. (1578) 8, 7 § 9; gemeine oder eigene winckel zwischen zweyen nachbawren sollen jederzeit also verwahrt ... seyn, dasz keinem theil an seinem hause ... schaden beschehe
würtemb. revid. bawordnung (1654) 62;
heute noch mundartlich: '
enger, nicht überbauter raum zwischen zwei gebäuden' Martin-Lienhart
elsäss. 2, 841
a; '
der schmale raum zwischen zwei häusern, in welchen abtritte und gossensteine münden' Bauer-Collitz
waldeck. 114
a; in Göttingen hat endlich die schlechtigkeit völlig die oberhand bekommen ... alle winkel leeren sich ungeniert in die öffentliche gosse aus W. Grimm
an Gervinus 2, 33
Ippel. D@33)
von winkel
in der bedeutung D 2
geht auch die bezeichnung für die an solchen orten liegende kloake aus, vgl.: hinten in dem winkel ein privathäuslein (
abtritt) machen (1399) Fischer
schwäb. 6, 1, 852;
heute mundartlich im schwäb. '
ort, wo der abtritt ausmündet',
s. ebda; in solchem sinne auch: cloaca der winckel, dahin die vnsauberkeit felt, auszgang vnder der erden, dadurch das vnfletig wasser ausz der stat fleust Alberus
nov. dict. (1540) a a 2
a. EE. winkel
bezeichnet unter zurücktreten der gestalthaften vorstellung eine örtlichkeit überhaupt, vor allem eine solche, die verborgen oder abgelegen ist oder einen im verhältnis kleinen umfang hat. E@11)
in erster linie als innerhalb eines gröszeren ganzen liegend vorgestellt. E@1@aa)
gewöhnlich im verhältnis zu einer weiteren gebiets- oder raumvorstellung: nist in erdriche, thar er imo io instriche, noh uuinkil untar himile, thar er sih ginerie (
nach apoc. 20, 11:
neque locus inventus est eis) Otfrid I 5, 54; ich wæn, diu welt enkeinen winkel habe, ezn sî dâ wîlont baz gestanden, den ez bî disen zîten stê Reinmar von Zweter 341, 4
Roethe; mit ellend, armuet mangen winkell, haiss und kalt, hab ich gepaut pei cristen, Kriechen, heiden Oswald von Wolkenstein 64, 3
Schatz; dan wie Strabo geschriben hat ..., ist kein winckel nit in Gallia, der nit erbauwen ist, auszgenommen die lachen vnd wäld, die man nit bauwen kan Seb. Münster
cosmographey (1550) 120; aber wir catholischen dogmatisiern nit so leichtfertig, ... (
wie es) in disem oder jenem winckel teütscher nation geschehen J. Nas
d. antipap. eins vnd [] hundert (1567) 1, 66
a; wie sie dann auch aus eben dem winckel der welt, welcher hernach den Turcken ausgesendet, ... hervor gekrochen S. v. Birken
d. vermehrte Donaustrand (1684) 121; dasz schon damals die Lucaner ... auch nur diesen winkel des alten Ausoniens besaszen Niebuhr
röm. gesch. 1, 46; in welchem winkel Deutschlands haust denn noch ein solches heer Meinecke
v. Boyen 1, 112; just in dem winkel zu hause, wo Bentsch, Rentsch, Stentsch liegen Fontane
ges. w. I 5, 157.
unter hervorhebung des verhältnismäszig kleinen: es musz demnach, ... ein heftiger wind zur hauptabsicht etwas anders haben als die überschwemmung eines kleinen winkels von dem groszen erdkörper Schwabe
belustigungen (1741) 3, 214; (
die milchstrasze) ist ein kleiner winkel einer der unermeszlichen hallen des tempels des allmächtigen Lichtenberg
verm. schr. (1844) 6, 297.
die geometrische vorstellung kann daneben statthaben in localen angaben wie: im nordöstlichen winkel Spaniens Mommsen
röm. gesch.4 3, 28; seine erfolge beschränkten sich auf eroberungen im nordöstlichen winkel der halbinsel v. Döllinger
akad. vorträge (1888) 5, 97; Müllenhoffs letzte akademische abhandlung 'über den südöstlichen winkel des alten Germaniens' W. Scherer
kl. schr. 1, 138.
innerhalb einer ortschaft: (
perque omnia)
membra urbis (
perque locos geniorum) uuinchela, uunchila (
in hss. des 11.
jh.)
gll. 2, 519, 41
St.-S.; weil aber die pest darauf an 5 winckeln des städleins einrisse, zog der rath den todengräber in verdacht Chr. Lehmann
histor. schauplatz (1699) 990; das elend war aufs höchste gestiegen und nur blosz in diesem winkel der stadt bekannt Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 1, 55; in einem winkel der stadt fand sich im leeren hause ... ein alter töpfer G. Freytag
ges. w. 11, 206;
weiteres s. unter b.
auch von gebäudeanlagen oder innenräumen: (
der) brand von Rom, den so viele, die in den übrigen winkeln des castells steckten, nicht gewahr wurden Göthe I 43, 102
W.; weiteres s. unter b
und c. E@1@bb)
oft begegnen hier neben winkel
die gesamtheit solcher örtlichkeiten ein- oder ausschlieszende bestimmungen durch alle, jeder
bzw. kein
und andere negationen. E@1@b@aα)
hauptsächlich neben alle,
und zwar vor allem bei ortsangaben durch in
und aus: er hiesz jm auch seulen vffrichten in allen winckeln der statt Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 27
a; deszgleichen solt fnff jar zuuor sich auch beweisen manch rumor ... in allen winckeln in dem land B. Ringwaldt
lauter warheit (1598) b 1
b; (
die Normänner) trugen verzehrendes feuer und blutige schwerdter in alle winkel des reiches Haller
Alfred (1773) 22; man errichtet in allen winkeln Deutschlands conföderationen Schubart
werke 8, 117
Strausz; indesz die bedürfnisse einer einzigen schwelgerischen mahlzeit vielleicht auf hundert schiffen aus allen winkeln der erde zusammen gebracht sind v. Schubert
verm. schr. (1823) 3, 50; eine gräfin ... hat sich in allen winkeln von Rom nach den beiden malern ... erkundigen lassen Eichendorff
sämtl. w. (1864) 3, 169; in alle winkel der Schweiz G. Keller
ges. w. 1, 14.
bes. häufig ist alle winkel der welt: weiter mustu haben ein guoten ... compassen ..., den du brauchen mögest in alle winckel der welt Seb. Münster
cosmographey (1550) 27; die kriegesflamme in allen winkeln der welt leider kreucht S. v. Birken
fortsetz. der Pegnitzschäferey (1645) 55; und doch sah ich mich vergeblich um in allen winkeln der welt, ob und wo für mich eine ersprieszliche laufbahn zu finden wäre H. Laube
ges. schr. 1, 85.
oft adverbiell im sinne von überall, überallher, überallhin: wer die nasen ynn alle winckel steckt, der klemmet sich gerne Luther
sprichw. 162
Thiele; was im meer, in bergen, in felsen, im menschen, in allen wincklen ligt Paracelsus
opera (1616) 2, 385
H.; da hulfft nichts, wenn man eysen grein (
beim jüngsten gericht), wann schon all hund vnd raben schreyen vnd fewr aus allen winckeln speyen Fischart
sämtl. dicht. 1, 125
Kurz; [] man zanckt noch immer fort und fort, so bleibet krieg an allem ort, in allen winckeln hasz und neid, in allen ständen streitigkeit P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 436
a; bleib getrost bey diesem blitze, der aus allen winkeln bricht! Stoppe
Parnasz (1735) 472; der junge fehlt mir in allen winkeln Iffland
theatr. w. (1827) 2, 103.
vgl. auch in allen winkeln suchen
unter E 2 b.
in verbindung mit ecke: lauff auch herumb nach den partecken die gantz statt auss, all winckl und ecken Hans Sachs
werke 17, 11
lit. ver.; alle winckel vnd eck der welt Guarinonius
grewel (1610) 827; stöber ... sind hitzige hunde, stöbern alle graben ... ecken und winkel ... aus v. Heppe
lehrprinz (1751) 14; Ede, der noch eine zeitlang in allen ecken und winkeln umhergesucht hatte Fontane
ges. w. I 6, 428; der gepflasterte gang war gekehrt, in allen ecken und winkeln aufgeräumt W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 29.
in andern derartigen verbindungen seltener: man tregt (
bei hof) ausz allen enden vnnd winckelen zu
sprichw. schöne weise klugreden (1548) 74
a; hernach gieng das geschrey zuhand durch Lybiam das gantze land ... in alle winckel, ort vnd end Spreng
Äneis (1610) 66
a.
vom mhd. bis um 1600
findet sich häufiger belegt die verbindung alle winkel voll: man sach dâ (
auf der gralsburg) selten freuden ir klagendiu stæte was sô ganz, schal ... sine kêrten sich an schimphen niht. swâ man noch minner volkes siht den tuot etswenne vreude wol: dort wârn die winkel alle vol (
sc. von trauernden) und ouch ze hove dâ man se sach Wolfram von Eschenbach
Parzival 242, 10
L.; not were nu dem menschen zuo fliehende ... vor den leiden juden, die allenthalben sint an allen enden, und alle die husere und winkele vol sint Tauler
predigten 104, 31
Vetter; der teuffel ... stifftet alle winckel vol kirchen Luther 24, 643
W.; 10, 1, 1, 489; ... der mit sölchem bracht all winkel vol hat gstift in tempel Manuel 131
Bächtold; es seind ietzund der leuth bescheiszer, kälberärtzt und der brillenreiszer das land und alle winckel voll Kirchhof
wendunmuth 2, 166
lit. ver.; daneben alle winkel füllen, erfüllen: tuo tiufel uf dîn arken und fülle mit disen marken alle die winkel, die du hâst Hugo von Trimberg
der renner 13031
Ehrismann; sy namen, wes ir hertz pegertt, paide waitz und dinckel: sy fulten all ir winckel, sy machten mel und pratt Heinrich von Neustadt
Apollonius 1148
Singer; zu besorgen ist, ... das ... die losen heylosen bücher von unnützen und tollen dingen wider eynreissen und alle winckel füllen Luther 15, 52
W.; also hat disser abgottisch, abglewbisch, bepstisch ... gottisdienst alle winckel der wellt erfullet 10, 1, 1, 678; es hat ... der teufel ... mit unnützen leichtfertigen fabeln ... alle winckel erfüllet W. Xylander
Polybius (1574)
vorr. 2
b. E@1@b@bβ)
seltener mit jeder
u. ä.: ee ain monat ist vergangen, wirstu also der frauen gesettigt, das dich wirt beduncken, es sitze in yedem winckel ain fraw und hange dir das har voller frauen Albrecht von Eyb
spiegel der sitten (1511) a a 7
b; doch als sie aus einem jedweden winckel etliche mörder ruffen hörten, ... musten sie ... sich gefangen geben Chr. Weise
die drey klügsten leute (1675) 58; die pfuscher (
der dichtkunst) lassen sich auf allen gassen hören; man trifft ihr bettelwerk in jedem winkel an
bei Chr. Fr. Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 2, 177;
[] sag in jedem winkel dir: liebes mädchen: gott ist hier! J. G. Jacobi
sämtl. werke (1807) 3, 231; aus jedem winkel Deutschlands
schlesw. litbr. 79
lit.-denkm.; die emigrirten hatten sich in masse auch hierher (
in den gasthof) geworfen und jeden winkel gefüllt Göthe I 33, 229
W.; eine stimme, die in jedem winkel des schlosses vernehmbar sein muszte, verlangte, den befehlshaber des platzes zu sprechen Moltke
ges. schr. 1, 58. E@1@b@gγ)
öfter auch mit kein,
so im mhd. bei Reinmar von Zweter,
bei Seb. Münster (
s. im eingang von a),
ferner: es ist kein winkel im gantzen himel, da ich mich wüszte vor ir sicher zu machen Jacob Frey
gartengesellschaft 61
Bolte; kommen sie ... in meine schlafkammer, sonst ist kein winkel mehr leer Gellert
sämtl. schr. 8, 302
Klee; es musz kein winkel auf der ganzen erde seyn, wo man allen schaden ... so gewisz antreffen könnte, als auf diesem elenden vorwerke Lessing
sämtl. schr. 2, 151
L.-M.; ich habe ihm ... angedeutet ... dasz ich ihm steckbriefe nachschicken will, und dasz er in keinem winkel der welt sicher sein soll Sturz
schr. 2 (1779) 199; lasz mich mit dir diese hütte bewohnen, ... in keinem winkel glimmt für mich ein fünkchen freude mehr als hier Tieck
schr. (1828) 8, 267.
seltner neben andern negativen ausdrücken wie bei Otfrid (
s. im eingang von a): hier ist nirgend ein winkel, der mir nicht einen gegenstand des grauens darbeut Gerstenberg
Ugolino 263
nat.-lit. E@1@cc)
die abgelegenheit solcher örtlichkeiten findet seit dem 17.
jh. ausdruck in adjectivischen attributen wie äuszerste: durch welche predigt, lehr vnd bücher (
Luthers, Melanchthons u. a.) gott sein wort volnbracht hat bisz an der welt ende vnd bisz an die euszersten winckel der erden, in Schweden, Norwegen, Lappen vnd Pilappen Daniel Schaller
theologischer heroldt (1604) 43; wo Sina im äuszersten winkel der welt liegt Kästner
verm. schr. 2 (1772) 135; seitdem hat es (
das heidentum) sich nur noch in den äuszersten winkeln der erde, in China und Japan, bei einzelnen völkerstämmen ... erhalten Jung-Stilling
sämtl. schr. 3, 141
G.; in dem äuszersten winkel eines einsamen dorfes S. v. Laroche
frl. v. Sternheim (1771) 2, 6; der baron ... war in diesen äuszersten weitabgelegenen winkel der herrschaft noch gar nicht gedrungen Holtei
erzähl. schr. 35, 173. letzte: mein saal ... war bis in die letzten winckel erleuchtet Lichtenberg
briefe 2, 40
L.-Sch.; das königliche haus, das jetzt im letzten winkel deutscher erde ... seinen ärmlichen hofhalt aufschlug Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 259. fern: was diesem fernsten winkel Sibiriens an der äuszersten grenze Chinas das höchste ethische interesse giebt Ritter
erdkunde 2, 688; sie zogen sich in die fernsten winkel zurück Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 5, 311. entfernt: ein schlechtes wirtshaus in einem entfernten winkel des städtchens Göthe I 21, 217
W.; ruft man deinen namen, so bist du da, und wärst du in dem entferntesten winkel B. v. Arnim
die Günderode (1840) 1, 237; ein groszes werk, das zeigt, es sei deutsche grösze nicht ausgestorben, wenn es aus dem entferntesten winkel oder der sandigsten mark kommt, werde ich knieend und anbethend empfangen Stifter
werke 18, 54. abgelegen: eine unterirdische grotte in dem abgelegensten winckel eines waldes Bodmer-Breitinger
discourse der mahlern (1721) 1, 8; (
die jagd,) die das hüfthorn bis in abgelegensten dunkelnsten winkel ... ertönen läszt Nicolai
literaturbr. 7, 185; dies eigne durchsuchen der abgelegensten winkel der menschheit Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 10. entlegen: fraget ihn, was in denen entlegensten winckeln der stadt vorgehe
die vernünft. tadlerinnen (1725) 1, 143; und entschlüpfte mit ihm in einen entlegenen winkel des zwingers Pfeffel
pros. vers. (1810) 5, 163; die Lüderitze lagerten ... auch nicht in entlegenen winkeln W. Alexis
hosen (1846) 1, 5. E@1@dd)
öfter wird die stille lage solcher orte hervorgehoben, dann auch seit dem 18.
jh. in positiver wertung das freundliche, [] trauliche u. ä., das ihnen zuweilen anhaftet: erwell mir etwan ein winckel in der prouintz, der still vnd geheim seye (
angulum prouinciae reconditum ac derelictum) Maaler (1561) 501
a; wollen in der ganzen weiten bewohnten welt den stillsten, heitersten, lachendsten winkel suchen, dem zum paradiese nichts fehlt, als ein glückliches paar Lessing
sämtl. schr. 2, 254
L.-M.; nochmals meine besten wünsche aus dem stillsten winkel Deutschlands in die lebhafteste hauptstadt des erdbodens Göthe IV 19, 459
W.; rette ich meine papiere aus Mainz, so wäre mein liebster gedanke, in irgend einem ruhigen winkel meine arbeiten so fortzuführen, wie ich sie angefangen G. Forster
sämtl. schr. (1843) 9, 52; Salzburg sei ein ruhiger winkel, wo man die gefährlichen politischen aspecten sicher abwarten könne O. Jahn
Mozart 2, 336; hier in dem lieblichsten winkel unserer rheinischen lande (
Heidelberg) stand die wiege der neuen romantischen schule Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. (1897) 1, 309; das grabmal Virgils ... ist in der that ein rührender winkel, der innerste punkt des alten Parthenope Heinse
sämtl. w. 4, 374
Sch.; nach dieser feierlichkeit schlich der vater der stadt in einen traulichen winkel, wo man seinen ruhesessel aufgestellt hatte Langbein
sämtl. schr. 31, 123; überall (
auf den malskizzen) suchte ich poetische winkel und plätzchen, geistreiche beziehungen und bedeutungen anzubringen G. Keller
ges. w. 2, 49.
recht gebräuchlich ist heutzutage malerischer winkel. E@1@ee)
in abschätzigem zusammenhang: ich fürchte, dasz jeder die armseligen gewohnheiten des winkels, in dem er gebohren worden, für die eigentlichen sitten des gemeinschaftlichen vaterlandes halten dürfte Lessing
sämtl. schr. 9, 274
L.-M.; ein trauerspiel solcher art mag vielleicht noch in einem winkel von Italien, Spanien oder von Böhmen und Bayern ausstehlich seyn Herder
sämtl. w. 3, 240
S.; ... der schlechtste winkel des ganzen erdrunds, ... kann einst in aller menschen ohren klingen Fouqué
held des nordens (1810) 3, 14; in dem winkel des trüben Seehausen Justi
Winckelmann (1866) 1, 122.
insonderheit von einer ärmlichen wohnstätte oder wohngegend in der wendung: in einem elenden winckel wohnen
met. haver' una povera stanza, vile habitatione Kramer 2 (1702) 1349
c; wenn sie lieber in dem elendsten winkel, lieber bey wasser und brod leben wollten, ... so ist Wolfenbüttel winkels genug Lessing
sämtl. schr. 17, 410
L.-M. E@22)
häufig begegnet winkel
ferner als bezeichnung eines bestimmten versteckt gelegenen ortes. E@2@aa)
allgemeiner: latebra winckel, sich zu verstecken Hulsius (1618) 2, 221
a;
locus abditus ein winckel, ein orth, da man sich hin verstecken kan Corvinus
fons lat. (1646) 272;
aus dem ahd. vergleiche das compositum latebra tarnuuinchila (9.
jh.)
gll. 1, 205, 6
St.-S. in weiterem sinne kommt winkel
hier zuweilen der bedeutung '
schlupfwinkel, unterschlupf'
nahe: de winkele der stratenrovers (15.
jh.)
bei Schiller-Lübben 5, 727
b; he toch mit Sassen, der weren twe hundert, unde mit dree hundert Wenden an eynen hemeliken winkel der heyden unde bracht darut grot gut to hulpe deme vader
die Lübeck. chron. in nd. spr. 1, 17
Grautoff; hertzog Hans aber, als er durch manchen winckel hin vnd her verborgen schlüpffet, kam zuletst in gestalt eines notbruoders gen Pisa in Italien Seb. Franck
chron. Germ. (1538) 192
b.
heute ist in dieser bestimmten bedeutung nur die zusammensetzung schlupfwinkel
üblich, die in vorliegendem sinne seit dem 16.
jh. bezeugt ist, s. teil 9, 849;
daneben veraltet auch schliefwinkel,
s. teil 9, 687. 849. E@2@bb)
in bestimmten verbalen verbindungen, häufig in sachlicher übereinstimmung mit C 3
oder D 1;
so mit sich bergen, verbergen, verstecken: dô nu des hûses hêrrewas gelegen tôt, diu getwerc fluhen von dannendes gienc si grôziu nôt. si burgen sich in die winkelvor dem vil küenen man
Wolfdietrich B 453, 3
in dt. heldenbuch 3, 1
Jänicke; [] ich wil mich in dem hauss versteln und sehen, was sie machen wöln, heimlich in ein winckel verporgen Hans Sachs
werke 9, 76
lit. ver.; suchen sie einen winkel, wo sie sich verbergen können Gottsched
schaubühne (1741) 1, 243; (
hätte er nicht) in eines Spahi kleid in winckeln sich versteckt, kein mörder hätte nicht ihn mördrisch zu bespringen meineydig sich erkühnt Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 1, 106; ... jetzo versäume nicht ... das mädchen, das im winkel so tief versteckt verrätherisch auflachte Herder
s. w. 26, 230
S.; neben suchen: suochent, guote liute, in winkeln und under benken. erne mac des niht entwenken (
sc. der unsichtbare Iwein), erne müeze her vür Hartmann von Aue
Iwein 1287
L.; ich suchte ... nochmals in allen winkeln des schlosses Cl. Brentano
ges. schr. 4, 139;
nahezu redensartlich in der wendung in allen winckeln suchen Kramer 2 (1702) 1349
c; Rädlein (1711) 1, 1062
b;
auch mundartlich in alle winkle suche Follmann
lothr. 543
b; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 841
a;
s. dazu E 1 b
α.
oft begegnet auch die verbindung alle, jeden, den letzten winkel durchsuchen
u. ä. (
s. auch E 1 b, c)
bes. mit durchsuchen: (
der mann) imm hawsz umbher lieff, alle winckel auffs hinderst durchsuchet Lindener
rastbüchl. 10
lit. ver.; wie Titus und Vespasianus die stadt Jerusalem ... erobert, ... da haben auch die römische soldaten ... alle hölen und winckeln durchsucht Abr. a
s. Clara
Judas 3 (1692) 181; kein winkel mehr in unserm ganzen hause, den ich nicht ... durchsucht hatte Meiszner
Alcibiades (1781) 1, 74; einige stunden später meldete mir der aufseher ..., ein trupp herzoglicher husaren habe mein schlosz umzingelt und jeden winkel durchsucht, um mich zu finden und gefangen zu nehmen Langbein
sämtl. schr. 31, 71;
mit ähnlichen verben: warumb lässest du nicht darvon, mit deinen schilchen augen zu erforschen alle winckel dess hauses (
nach dem nebenbuhler)?
buch der liebe (1587) 113
c; Philint beflügelt seine schritte, stürmt keichend in sein kleines haus, und von der hoffnung rausch beseelet spürt er umsonst den letzten winkel aus Pfeffel
poet. vers. 2, 65; er kam in den palast, durchspähte alle winkel desselben Musäus
volksmärchen 1, 18
Hempel. öfter auch als versteck des geheimen beobachters oder lauschers angeführt: ich (
der lauscher) bin dort in eim winckel gestanden, hab gehört vil gschwätz vnd grosz brangen
schweiz. schauspiele des 16. jh. 2, 619; ich stellte mich in einen winkel und lauschte v. Petrasch
sämtl. lustspiele (1765) 1, 567; ich stellte mich in einen winkel, um meine augen im verborgenen an ihr waiden zu können U. Bräker
sämtl. schr. (1789) 1, 62. E@33)
von der vorstellung des verborgenen geht, wie die häufige verbindung mit heimlich
zeigt, auch die spezielle verwendung von winkel
für '
winkelkneipe, bordell'
aus: winkel boser frawen
lustrum (15.
jh.) Diefenbach
gl. 340
b; so schlieft ir in die haimlichen winkel und wolt neur essen und trinken mit den haimlichen zaunschaben
fastnachtsp. 623, 3
Keller; s. auch ebda 660, 32; besunder hut euch vor den frawen an eren lamen, die heimlichen, die winckel pawen und sich nit schamen Hans Folz
meisterlieder 179
A. L. Mayer; er ist deinem (
eine dirne besuchenden) sun fast vngeleich: er steckt nit in den haimlichen winckeln als er Albrecht von Eyb
dt. schr. 2, 24
Herrmann; dann der Nero durch alle winckel unnd alle huorheuser (
lupanaria et deverticula), so allenthalben inn der statt waren, umbher gezogen Micyllius
Tacitus (1535) 203
a; andere besolden oder vnderhalten inn winckeln mit grosem vnkosten prächtige
[] vnverträgliche vnd aufgeblasene zatzenbälg vnd sonst schanderbeyzte leichtfärtige frauen Fischart
werke 3, 287
Hauffen; das sie alspolt iren haimblichen schlief-, huer- und kupplerischen winkeln zuelaufen (17.
jh.)
österr. weist. 1, 134, 23;
im gleichen sinne schliefwinkel (17.
jh.)
ebda 1, 61, 19
und schlufwinkl (17.
jh.) 1, 125, 29;
s. auch unter schlupfwinkel,
teil 9, 849;
mit dem 18.
jh. scheint diese bedeutung zu veralten; vgl. noch hurenwinckel, verrugter winckel, schandwinckel
bordello Kramer 2 (1702) 1349
c. E@44)
in gewissen präpositionalen fügungen wird durch winkel
weniger ein näher bestimmbarer ort bezeichnet als vielmehr '
eine abseits, verborgen, zurückgezogen u. ä. gelegene örtlichkeit überhaupt',
eigentlich wie bildlich. E@4@aa) im winkel, in dem, in einem winkel, in winkel,
seltener auch pluralisch, soviel wie '
im verborgenen, heimlich',
häufig als gegensatz zum begriff des öffentlichen. E@4@a@aα)
allgemeiner in adverbiellem gebrauch, zufrühest als übersetzung von biblischem '
in angulo': ich masz mich im nit sein verborgen, keins dirr ding (
sc. die erleuchtung des Paulus) ist getan in dem winckel (
acta apost. 26, 26)
erste dt. bibel 2, 399
Kurrelmeyer; ebenso Luther
und die Züricher bibel (1531) 264
c;
für lat. '
in occulto': ich hab frey offentlich geredt vor der welt, ich hab alle zeyt geleert in der schul vnd in dem tempel, da alle juden zusamen kamend, vnnd hab nichts im winckel geredt (
Joh. 18, 20)
Züricher bibel (1531) 247
a;
auf der gleichen grundlage: ich hab allczeit geleret in der schuhl und in dem tempell ... und hab nichts im wingkel geredt Egranus
ungedruckte predigten (1522) 104
Buchwald; im winckel aber hab ich nichts geredt, welchs ich eben nicht torste offentlich lernen Michael Risch
paraphr. Erasmi vber d. evangel. Joannis (1524) L g 2
b; im tempel hab geleret ich und nit im winckel heymelich Hans Sachs
werke 1, 306
lit. ver.; an im winkel lehren, reden
schlieszt sich im winkel predigen
an: jtzt viel falscher prediger ... predigen im winckel und wenden die leute von jren pfarkirchen ab Luther 28, 471
W.; besonders häufig ist die wendung bei Luther: damit man sehe, das wir nicht ym winckel noch tunckel handeln, sondern das liecht frölich und sicher suchen 26, 200; das gerichte ist offentlich und herrlich gehalten worden, nicht im winckel, sondern für jedermann 28, 373; man hat biszweilen den alten fromen hern im wingkel eines ader das ander beredet, das seine
f. g. darnach berauhen (
bereuen) K. v. Nostiz
haushaltungsb. (1578) 123, 6
Lohmeyer; hierumb war geboten, das sich niemand rotten noch meuterei noch heimlich im winkel mit anschlegen ... zusammenmachen solten (16.
jh.)
chroniken d. stadt Bamberg 2, 19
Chroust; besser im winkel sein altes kleid flicken, als öffentlich um ein neues betteln
bei Wander 5, 267;
ähnlich Olearius
s. ebda; einige male steht bei Luther
auch in winkel: bekennet, er hab nichts heimlich noch in winkel geredt, sondern frey offentlich geleret 28, 278
W.; nemo in winckel sol ein regiment anrichten contra magistratum 34, 2, 35; es habenn sie selbs, die das geystlich recht halten, wie woll ynn winckell, bekennet, das es stinck noch eytell geytz und gewalt 7, 177.
selten pluralisch: falsche propheten ... die heimlich und diebisch jnn wjnckeln schleichen Luther 32, 507
W.; aber es ist eyn meuchlinger heymlicher teuffel, der ynn winckeln umbher schleycht, bis er schaden thue und seyne gifft ausbreyte 18, 213.
mit dem 17.
jh. wird dieser gebrauch im ganzen seltner und verliert den adverbiellen charakter: sonst wäre dieses buch wohl noch im winckel; also ist es über meinen bewust und willen publiciret worden J. Böhme
schr. (1620) 6, 57; bey leuten ist Lustolda züchtig; im winckel acht sie ehre nie Logau
sinnged. 423
nr. 104
lit. ver.; warum ist in dem körper unsrer welthistorie die beschreibung dieser beiden völker (
sc. der Griechen und Römer) uns gewisz nicht blos nationalgeschichte, thaten, die im winkel geschehen, sondern merkwürdigkeiten der
[] welt? Herder
s. w. 3, 462
S.; es liegt nun einmal in der natur, dasz man im winkel ganz anders handelt, als auf offner strasze E. Th. A. Hoffmann
sämtl. w. 10, 110
Gr. E@4@a@bβ)
insonderheit von der ehe oder der eheversprechung, gelegentlich auch von der taufe, die nicht in der öffentlichkeit vollzogen werden; die verwendung in diesem bereich entwickelt sich bereits im mhd.: man sol ouch in den winkeln keine ê hân oder machen. ... swer iu (
sc. frauen) vor den liuten der ê niht gelouben welle, des gelübede sult ir in dem winkel niemer genemen ..., wan er wil iuch betriegen Berthold von Regensburg 1, 317
Pf.; das man freie mit vorwissen und willen der eltern und sich nicht heimlich im winkel allein verlobe Luther 17, 1, 20
W.; ob sie glauben, das die ehe, so in den winckeln gemacht, krefftig sol gehalten werden Achacius
chronica (1557) 340
b; das die mahelschaft und eheberedungen in gegenwürtigkeit baider partheien negsten freuntschaft ... und nit in winklen, one beisein ehrleut, beschehen sollen
österr. weist. 5, 657, 5; eheverlobnussen, so ... in winkeln fürgiengen (1658)
bei Fischer
schwäb. 6, 1, 852;
so auch noch lexikalisch im 18.
jh. bezeugt: sich in einem winckel zusammengeben lassen
farsi sposare clandestinamente Kramer 2 (1702) 1349
c;
vgl. das bis ins 18.
jh. geläufige winkelehe.
von der taufe: so wöllen wir, das in vnserm fürstenthumb, die heilige tauffe nicht im winckel oder heimlich, sondern inn öffentlicher gemeiner versamblung geschehen solle
kirchenordnung f. Braunschweig (1569) 56. E@4@bb) zu (ze, to) winkel,
daneben in jüngerer zeit zunehmend in winkel, in, den, in einen, in die winkel,
bis ins 18.
jh. hinein gängig. E@4@b@aα)
wie bei E 4 a
α allgemeiner als bloszer gegensatz zur öffentlichkeit, so vor allem bei Luther,
häufig aber auch als abgelegener, verborgener, sicherer ort oder wie bei E 2
als versteck; in älterer zeit allgemeiner, später wesentlich in häufiger wiederkehrenden verbalen verbindungen in oft adverbiellem sinne wie '
beiseite, fort': mit holden reinen (
sc. sitten) habe jage, sîn spîse er niht ze winkel trage (
d. h. verwende er freigebig)
Tirol und Fridebrant bei Leitzmann
kl. mhd. lehrged. 1, 10; bringt iement ienich stucke to winkele, dat to deme herwede (
der vom lehnsherrn verliehenen kriegerischen ausrüstung) hort, dat scal he weder bringen (1303)
Braunschweiger urkdb. 1, 25, 4
Hänselmann; besonders häufig begegnet zu winkel kriechen: das were eyne feyne frucht des geysts, da durch man yhn prüffen künd, wenn er nicht so zu winckel kröche und das liecht schewet, sondern offentlich für den feynden und widdersachern müste stehen, bekennen und antwort geben Luther 15, 213
W.; (
die bösen) seind derhalben zu winckel gekrochen, gut gemach zu haben, welches sie besser erachtet, als sich mit andern in gros gefahr setzen A. Pape
bettel- u. garteteuffel (1586) d 6
b; schon wieder allein Adrast? sagen sie mir, müssen die philosophen so zu winkel kriechen? Lessing
sämtl. schr. 2, 57
L.-M.; die gar zu achtsame schüchternheit, die uns zu winkel kriechen und göttlich schöne pflichten nicht anders als im dunkeln ausüben lehrt, kleidet keinen freygebohrnen Th. Abbt
verm. w. 3, 82;
daneben in winkel kriechen: (
es) ist gnug, das wir schrifft, sie nit schrifft haben, wir auff den plan tretten, sie ynn winckel kriechen Luther 8, 212
W.; die Pickarten aus Behemen, ... die do von den boszen Christenn flihenn und zcum selbs ynn winckel kriechenn Luther 9, 188
W.; kommt denn der winter angeschlichen, so musz die erd im trauren gehn und unsre lust in winckel kriechen, wo grillen am camine stehn Chr. Günther
sämtl. w. 4, 353
lit. ver.; auch mit dem bestimmten artikel: in den winckel kriechen Schottel
teut. haubtspr. (1663) 1116
b,
unter den sprichwörtlichen redensarten aufgeführt; weiteres s. unter β; auch sich verkriechen: gleich wie sich die mäusz nicht gern bey hellem tag sehen lassen, sondern zu winckel verkriechen
[] B. Sartorius
d. schneider widerlegung 17; wer gott dienen will, der soll nicht in einen winckel sich verkriechen, sonder unter den leuten bleyben unnd jnen dienen, womit er kann Luther 52, 491, 36
W.; öfter auch neben jagen: ei hat dich der teufel herein getragen? wolst du uns all in die winkel jagen?
fastnachtsp. 172, 12
Keller; wer so wil predigen odder regiren, das er sich lasset ... jnn einen winckel iagen, der wird langsam den leuten helfen Luther 32, 320
W.; a fuchte mit allen hahnen uf der ow, unde wen a gleich zehackt unde bluttig woor, wie enne saw, se joitha (
jagte er) doch de andern olle ze winckel A. Gryphius
lustsp. 262
Palm; neben treiben: das euangelium ain gemaine offenlyche predyg sol sein ..., in kainen winckel getriben Luther 10, 3, 143
W.; daher dann mancher guter mann (
der ein nicht sicher verbürgtes gerücht weiter trägt und sich deswegen verantworten soll) musz in der suppen stecken bleibn vnd sich gleich lan zu winckel treibn B. Ringwaldt
lauter wahrheit (1598) 134;
neben andern verben, meist weniger adverbiell: swâ ez (
das judenkind) ouch zu winkel quam, sô viel ez immer ûf die knie, die hende ez zu berge lie und sprach: âvê Marjâ
Marienlegenden 243, 110
Pfeiffer; da waren die freyen und pawern, da sie höreten, das man hinan solte, alle zu winckel und strauche gelauffen Schütz
hist. rer. Pruss. (1599) 219
a; wenn dann hierdurch ihre begierde erreget ... lauffen sie entweder mit einem knaben zu winckel oder in die gemeinen hurhäuser Olearius
verm. reisebeschr. (1696) 293; ich konnte mich nicht enthalten zu fragen, ob der geist gottes erst zu winkel gehen müsse, wenn er nachdenken solle Lessing
s. schr. 5, 88
L.-M. E@4@b@bβ)
in einer häufiger auftretenden bedeutungsnuance besagt winkel
soviel wie '
ein ort, wohin man sich meist in zurückgesetzter weise, zurückziehen musz'
; öfter neben sich schmiegen: die alten weisen wolt man nimmer hören, die musten sich zu winckel schmiegen Hans Sachs
bei Wackernagel
kirchenl. 3, 71; vorm schreiber musz sich biegen oft mancher stolzer helt und in ein winkel schmiegen, wiewol es im missfelt (1551)
bei Uhland
volksl. 688; hast du gelt, so hab ich lieb; wo nicht dich in winckel schmieg! Montanus
schwankb. 95
lit. ver.; neben andern verben: dann gott, der gibt den ewigen lon; darumb musz er inn winckel ston, so musz der tüfel furher gon Murner
narrenbeschw. 64, 14
Spanier; ich aber (
die wahrheit) ... musz mich als ein mäuslein schmiegn, still schweigen und zu winckel liegn B. Ringwaldt
lauter wahrheit (1598) 444; oder was solln königskinder vor andern jn winckel krign ninder vnd sich vor denselben schmucken? Ayrer
dramen 1, 292
lit. ver.; unser heutiges frauenzimmer darff vor euch ... noch nicht in den winckel kriechen, dann wem ist die ... Schurmannin unbekannt? die war die krone aller gelehrten weiber Reinwald
studentenspiegel (1720) 183. E@4@cc)
vereinzelt begegnen im 16.
jh. die wendungen auf einem winkel sitzen, sich auf ein winkelein setzen, schmiegen, drücken,
in ähnlicher bedeutung wie bei E 4 b
β: alda fehet sich die erste verfolgung an nach der sündflut, darumb mussten sich nun die frommen Semiten auff ein winckele schmiegen vnd drücken Mathesius
Sarepta (1571) 12
a;
insonderheit von einem platz, wo man zurückgezogen seiner arbeit nachgehen kann: Isaac ... sein zornigen hofjunckern vnd schufften ... weichet, er setzet sich auff ein winckelein vnnd wartet seines hauses vnnd ackerbawes
[] Mathesius
w. 2, 115
Lösche; 2, 108; umb solcher ursach willen ist es nun besser, ... das ein christlich weib solche bancket, tentze vnnd dergleichen dinge meyde. ... sie sitzet auff einem winckel vnnd spinnet entweder oder wircket oder nehet etwas Barth
weiberspiegel (1565) q 7
a. E@4@dd)
von solchen allgemeiner gemeinten fügungen geht die verhüllende verwendung des wortes winkel
für den ort des wochenbetts aus, wie sie seit dem 17.
jh. nachweisbar ist: den folgenden tag kamen unterschiedene junge weibergen und besuchten die wirthin, welche allem äusserlichen ansehen nach, bald wolte zu winckel kriechen. ... bey diesem gespräche war eine alte frau, welche bey der wirthin niederkunfft solte wärterin werden Chr. Weise
d. drei ärgsten erznarren 194
ndr.; wenn dä wirst zu winkel kricha an was junges teefa lohn Daniel Stoppe
bei Rother
schles. sprichw. 371
b; sie wird noch nicht so bald in winkel kriechen (
elle ne rompra pas sitôt) Kritzinger (1742)
bei Wander 5, 267.
heute noch mundartlich, so kärnt. in den winkel kemen Lexer 258;
schles. se leit eim winkel, sie kriecht in den winkel K. Rother
schles. sprichw. 371
b;
obersächs.-erzgeb. n winkel bringen Müller-Fraureuth 2, 669
b. E@55)
in bildlicher verwendung im wesentlichen von dem begriff des verborgenen, abgelegenen oder kleinen ausgehend, auch mit anlehnung an eine concrete vorstellung wie unter b
und c. E@5@aa) winkel des herzens, der seele, des innern
u. ä. zufrühest in der mystischen literatur des mittelalters: swenne der mensche ein indewendic werc sol wirken, sô muoz er alle sîne krefte în ziehen, rehte als in einen winkel sîner sêle
dt. mystiker 2, 14
Pf.; war got kummet, do füllet er alle die enpfenglicheit und alle die winkel der selen alzuomole Tauler
predigten 103, 26
Vetter. in späterer zeit gewöhnlich mit dem besonders hervorgehobenen moment des verborgenen, zunächst vom herzen: er wird die allerfinsterste ... winckel der hertzen ... erforschen Äg. Albertinus
hirnschleiffer (1664) 187; er (
hatte) die ganze zeit zu nichts anderm angewandt, als dem sich gefallenden redner bis in den verborgensten winkel des herzens zu blicken Klinger
w. (1809) 8, 132; in meiner brust war meine that noch mein; einmal entlassen aus dem sichern winkel des herzens, ihrem mütterlichen boden, ... gehört sie jenen tückschen mächten an Schiller
s. schr. 12, 216
G. von der seele: alles, was in den innersten winkeln seiner seele bisher geschlummert hatte, wurde rege Göthe
w. I 21, 47
W.; was giebt dem freund, was giebt dem dichter seine weihe? dasz ohne rückhalt er sein ganzes selbst verleihe: erleuchten soll er klar der seele tiefste winkel Platen
werke 1, 141
Redlich; ein jeder achte wohl darauf, welche träume er im heimlichsten winkel seiner seele hegt G. Freytag
ges. w. 4, 9.
in ähnlichen verbindungen: so sehr als sie auch alle winckel ihres gewissens durchsuchten Chr. Weise
die drey klügsten leute (1675) 132; der abgelebte greis sucht aus den entferntesten, dunkelsten winkeln seines gedächtnisses trostgründe hervor, um sich über sein leben zu beruhigen Tieck
schr. (1828) 9, 154; das ist es, ... was sie in den winkeln meines geistes und meines gemüthes finden würden B. v. Arnim
dies buch gehört dem könig (1843) 1, 165; in irgend einem verborgenen winkel meines innern H. Laube
ges. schr. 2, 78; du hast einen bisher ungekannten winkel deiner gefühlswelt entdeckt A. Schnitzler
Anatol (1901) 114; in einem winkel seines hirns kauerte der entsetzliche gedanke Watzlik
der alp (1923) 143. E@5@bb)
an bildlich gebrauchten wendungen begegnen öfter in den winkel werfen: gerad alsz weren die gutte werck vnnd gottis gepott ynn die winckel geworffen vnnd vorsteckt Luther
von d. guten werken 94
ndr.; ich habe alle meine physiognomischen kunststückchen, die ich aus pik auf
[] den propheten in den winkel geworfen, wieder hervorgesucht Göthe
w. I 32, 62
W.; konnte er (
Rauch) doch endlich die ewigen pantalons der preuszischen feldherrnstatuen in den winkel werfen Treitschke
dt. gesch. (1889) 4, 461;
neben stellen: dann es ist nun lange zit darzuo kommen, dass mans grad hat wie ein märlin zellt (
das evangelium), demnach grad in ein winkel gestellt
N. Manuel 100
Bächtold; nicht einer neigung zu gefallen die übrigen alle in schatten oder in den winkel ... stellen Kant
s. w. 10, 295
H. in einem winckel stecken
star cacciato, met. star vilipeto, abietto Kramer 2 (1702) 1349
c; ob nun wohl solche lästerungen im winkel steckender sylbenhelden bey der gelehrten welt wenig eindruck machen Gottsched
anmuthige gelehrsamkeit (1751) 4, 230.
vgl. auch die bei E 4
durchblickenden bildlichen vorstellungen. E@5@cc)
öfter wird winkel
bildlich als sitz von lastern, bösen eigenschaften oder gefühlen u. ä. gebraucht: geiz, der in den winkeln sitzt Schubart
sämtl. ged. (1825) 1, 279; sie rühren sich in ihren schwarzen höhlen, und aus den winkeln schleichen ihre gefährten, der zweifel und die reue, leis herbei Göthe
werke I 10, 46
W.; freier atmet die brust, denn in den mauern des elends und in den winkeln des trugs Hölderlin
ges. dichtungen 1, 44
Litzmann; die bösen kräfte stehn kecklich in ihren winkeln auf und feiern ihren triumph Tieck
schr. (1828) 4, 181. FF.
für das altenteil. im schwäb. bedeutet winkel
in der verbindung den winkel haben, vorbehalten
das ausdingstüblein für alte leute Fischer 6, 1, 851;
auch '
ausding-, pfründnerhaus der eltern, die den hof abgetreten' Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 433
a;
im Nürnberger gebiet '
der platz im hause, den sich der verkäufer zu unentgeltlichem aufenthalt auf lebenszeit vorbehält' Schmeller-Fr. 2, 960;
vgl. 3winkelrecht 2. GG.
im niederrheinischen, westfäl., ostfries. früher bis ins holsteinische für einen laden und eine werkstatt im anschlusz ans niederländische, das das wort vom mnl. bis heute schriftsprachlich in beiderlei sinn in lebendigem gebrauch zeigt, s. Verwijs-Verdam 9, 2, 2630
und van Dale 2, 1995
b;
der gleiche gebrauch gilt für fries., s. Dijkstra 3, 452
b. G@11) '
werkstätte'
: officina eyn werckhuys of ein winckel
gemma gemm. (
Köln 1495) p 4
d;
mundartlich in der Aachener ma. '
werkstätte der schneider' Rovenhagen 161;
westfäl. '
werkstätte, arbeitszimmer' Woeste 325
b;
ostfries. '
als arbeits- oder werkstätte benutzter raum, werkstätte überhaupt' Doornkaat-Koolman 3, 554
b; '
werkstätte einiger handwerker'
brem.-niedersächs. wb. (1771) 264; '
werkstatt',
insonderheit bestimmter handwerke Richey
id. Hamb. (1755) 339;
ebenso im holst., s. Schütze 4 (1802) 363,
heute aber dort nicht mehr gebräuchlich, s. Mensing 5, 660. G@22) '
laden, krambude'
: bottega ein gaden, winkel, laden Hulsius (1618) 2, 63
a; winckel
bottega da mercante o merciaro Kramer 2 (1702) 1350
a;
mundartlich für '
kramladen' Rovenhagen
Aachener ma. 161; Hasenclever
Wermelskirchen 98; Woeste
westfäl. 325
b; Krüger
Emden 72;
für '
krambude, laden'
brem.-niedersächs. wb. (1771) 264; Richey
id. Hamb. (1755) 339; Schütze
holst. 4 (1802) 363,
jetzt veraltet, s. Mensing 5, 660;
ostfries. '
als laden benutzter raum, laden überhaupt, kaufladen, ladengeschäft',
zusammengesetzt: kremer-, krüdeners-, timmermanswinkel
u. a. Doornkaat-Koolman 3, 554
b. HH.
compositionsbildungen zu winkel
sind seit dem ahd. bezeugt, im sinne von winkel C 2 '
ecke'
in winkelstein,
s. d., und in winkelsul,
das übers mhd. hinaus nicht mehr belegt ist, s. Graff 6, 187, Lexer 3, 907;
über das frühe vorkommen in flur- und ortsnamen s. unter winkel B 1 c.
mehr als zwei dutzend bildungen sind fürs mhd., zur spätzeit [] hin zunehmend, bezeugt, s. Lexer 3, 905
ff. 403.
eine breite entfaltung zeigen die zusammensetzungen im nhd. am stärksten sind die bildungen zu winkel A
und E
entwickelt. H@11)
im sinne von winkel A
begegnen compositionen seit dem mhd. zuerst bei bezeichnung von meszwerkzeugen, die zur feststellung rechter winkel dienen: winkelmasz(e), -mesz (12./13.
jh.), -eisen, -haken, -holz (15.
jh.),
später noch -schiene,
s. d.; von winkelmeszgeräten überhaupt: winkelfasser, -kreuz, -messer, -passer, -scheibe, -weiser, -zirkel,
s. d.; ferner -kopf, -prisma, -rohr, -spiegel, -trommel Lueger
lex. d. ges. techn. (1894) 7, 943; -steller Prechtl
techn. encycl. (1850) 16, 614; -lineal Mothes
baulex. (1882) 4, 484; -lehre Karmarsch-Heeren
techn. wb.3 6, 102.
zahlreich sind die zusammensetzungen in den mathematischen wissenschaften, z. b. winkelberechnung Mothes
a. a. o. 3, 377; -betrag, -grösze, -wert, -unterschied, -fehler, -gleichung, -summe Lueger
a. a. o. 1, 24; 4, 509; 4, 48; 3, 276; 3, 341; 7, 943; 4, 16;
insonderheit in solchen exacten wissenschaften oder wissenschaftszweigen, die in weiterem umfang auf winkelmessungen (
s. d.)
im sinne der bestimmung von winkelabständen (
s. d.)
angewiesen sind, wie in der astronomie oder der erdvermessung, so winkelentfernung: winkelentfernungen der fixsterne Kant 8, 235
H.; -bestimmung: die von Kepler ... benutzten winkelbestimmungen A. v. Humboldt
kosmos (1845) 3, 272; winkelbestimmungen (
der gipfel) Ritter
erdk. 3, 792; -aufnahme, -beobachtung, -erhebung, -höhe
u. a. m. Ritter
a. a. o. 3, 538; 16, 776; 3, 951; 3, 951.
häufig sind weiterhin solche bildungen, die die winkelförmige gestalt eines gebildes zum ausdruck bringen, die winkelgestalt,
s. Herder 13, 270
S.; Göthe II 5, 1, 203
W.; die winkelbildung,
s. Brehm
tierl. 3, 470
P.-L.; Höfler
krankheitsnamen 684;
die winkelstellung,
s. Höfler
ebda; Mothes
baulex. (1882) 2, 132;
bes. in beschreibungen der naturwissenschaften, in zoologie und botanik, z. b. winkelausschnitt Brehm
a. a. o. 9, 297; -zeichnung 7, 425; -fleckchen Ratzeburg
ichneumonen 2, 135; -streifen,
s. d.; winkelblatt,
s. d.; -ranke v. Schlechtendal
flora5 24, 148; winkelständig Röhling
flora (1823) 1, 103; Ratzeburg
a. a. o. 1, 156;
in der geographie, z. b.: winkelabfall, -biegung, -vertiefung, -vorsprung Ritter
erdk. 18, 294; 9, 820; 16, 352; 3, 779;
in der medizin z. b.: winkelbein,
s. d.; -gelenk, -klappe, -pulsader v. Sömmerring
menschl. körper 5, 837; 5, 272; 3, 2, 68; -fuge, -muskel Hyrtl
kunstworte der anatomie 50; 57; -naht
Chomel 5, 439.
in technologischen bezeichnungen begegnet winkel-
zahlreich bei bezeichnung von werkteilen wie winkelband, -eisen 2. 3, -haken 4, -holz 3, -zahn 3,
s. d.; -hebel, -klammer, -schaufel, -zapfen Jacobsson (1781) 4, 661
b; 4, 662
a; 2, 488
b; 4, 662
b; -knie, -lasche Mothes (1882) 4, 484; 2, 335; -feder Hoyer-Kreuter 1, 854. H@22)
nächst dieser gruppe sind am zahlreichsten die zusammensetzungen mit winkel
im sinne von E.
schon im mhd. ist dieser typus breit entwickelt, s. Lexer 3, 905
ff. 403.
eine reihe dieser älteren bildungen hat sich länger bewahrt wie winkelehe, -prediger, -rat, -schüler, -weib, -wirt.
zunächst bezeichnen diese zusammensetzungen personen, sachen, handlungen und einrichtungen, die im verborgenen ihr wesen haben, wie winkelehe, -heirat, -hochzeit, -taufe, -verlöbnis,
s. d.; winkelwerk,
s. d.; -ding Luther 29, 308
W.; -geschäft Kramer 2 (1702) 452
a; -spiel Staub-Tobler 10, 166; Fischer
schwäb. 6, 1, 855; -sünde,
s. d.; winkelrat, -täding, -versammlung, -zusammenkunft, -kirche 1,
s. d.; winkelschelter, -schlupfer, -trägerei,
s. d.; winkelmann (2.
hälfte 15.
jh.)
chron. d. dt. städte 3, 133, 19; Fischer
schwäb. 6, 1, 854; winkelessen, -zeche,
s. d.; winkelprediger,
s. d.; winkelglaube Fischer
schwäb. 6, 1, 853.
bei berufsbezeichnungen tritt neben die vorstellung des nicht öffentlichen häufig die des nicht vollgültigen wie bei winkeladvokat, -agent, -arzt, -consulent, -schreiber,
s. d., u. ä. m., ferner auch die vorstellung des nichtkonzessionierten wie bei winkeldruckerei, -presse,
s. d.; -fabrik
Chomel 4, 1228; -münze Fischer
schwäb. 6, 1, 854, Campe 5, 732; -schiffahrt Fischer
a. a. o. 855;
vgl. ferner unter winkelpredigt, -schenke 2, -schule, -tanz,
s. d. eine andere [] nuance, die des anrüchigen kommt zum ausdruck in winkelhaus, -kneipe, -schenke,
s. d.; ferner in winkelhure, -hurer, -weib, -wirt,
s. d.; -dirne Avé-Lallement
gaunertum 3, 162; -frau Treuer
Dädalus (1675) 1, 880;
die des illegitimen bei winkelkind,
s. d. auch zur bezeichnung des privaten gegenüber dem öffentlichen findet winkel-
verwendung, so bei winkelmesse 1, -kirche 3, -andacht, winkelkauf, -vertrag,
s. d.; -schreiben Staub-Tobler 9, 1530; winkelschule,
s. d.; -lehrer
allg. dt. bibl. 36, 264; winkelmakler
hwb. d. staatswiss.2 5, 676.
in andern bildungen herrscht der begriff des kleinen vor, so in gewissen gelegentlichen berufsbezeichnungen wie winkelbäcker Laube
ges. schr. 4, 16; -bader Meisl
theatr. quodl. 2, 10; -krämer Fischer
schwäb. 6, 1, 854; -schneider Holtei
vierzig jahre 1, 231;
in ortsbezeichnungen gewöhnlich mit abschätzigem beisinn: winkelort, -nest, -stadt,
s. d.; -garnison Gaudy
s. w. 16, 117; -herrschaft Pestalozzi
s. schr. 2, 243; -kolonie Niebuhr
kl. schr. 1, 29; -land R. Wagner
ges. schr. 10, 232;
so auch bei winkelnation Schopenhauer
w. 5, 270
G.; -republik Rümelin
bei Flathe
dt. reden 2, 303; -volk Schopenhauer
a. a. o. 1, 309.
in andern bildungen tritt die vorstellung des minderwertigen oder unbedeutenden noch stärker hervor, so bei winkelblatt, -zeitung, -bühne, -theater,
s. d.; -bild Gaudy
s. w. 19, 61; -poesie Grillparzer
s. w. 20, 62;
ferner winkeldiplomat Kürnberger
liter. herzenssachen (1877) 205; -literat Frdr. Arndt
bei E.
M. Arndt
schr. 1, 92; -philosoph B. Goltz
jugendleben 2, 169; -politiker Scheffel
ges. w. 3, 128; -schriftsteller,
s. d.; winkelgelehrsamkeit Rumohr
drei reisen nach Italien 57; -geschmack Zimmermann
einsamkeit 3, 482; -glaube Voss
antisymb. 2, 59; -idee Weigand
ewige scholle (1927) 414; -kritik Hippel
kreuz- u. querzüge (1793) 1, 401; -politik Zimmermann
a. a. o. 3, 483; winkelgott, -prophet,
s. d.; -heiland Dannhawer
catechismusmilch 6, 490; -heiliger Luther 44, 109
Erl.; Fischer
schwäb. 6, 1, 853; -märtyrer Ernst II. von Koburg
an G. Freytag 65. H@33)
auch im sinne der übrigen bedeutungen von winkel
finden sich mancherlei zusammensetzungen, gewuchert haben aber seit der 2.
hälfte des 18.
jh. auszerdem nur die im sinne von D
zur bezeichnung eines winkligen ortes: winkelgang, -gasse, -gäszchen, -stube, -weg, -werk,
s. d.; -boden Stahr
ein jahr in Italien2 1, 331; -kammer Zschokke
sämtl. ausgew. schr. 39, 130; -platz Gutzkow
ges. w. 11, 97; -raum Grillparzer
s. w. 20, 153; -treppe Jean Paul
w. 24/26, 33
H. älter nur winkelvoll (
s. d.)
und -strasze Zesen
Sofonisbe 328. H@44)
neben den zahlreichen substantivcompositionen treten die adjectivischen stark zurück: winkelgerade, -gerecht, -gleich, -recht; winkelartig, -förmig, -haft, -eckicht, -treu; winkelvoll; winkelglurig; winkelzügig,
s. d.; winkelständig,
s. o.