gurre,
gorre,
f. ,
auch m., '
pferd'; '
stute'
; meist abschätzig. herkunft dunkel. formal ist zu beachten, dasz gurre
im gegensatz zu gurren,
das —
wie girren
ein kirren —
ein kurren
neben sich hat, die anlautende media durchaus festhält. die anknüpfung an gurren,
vb., von Heyne
hausaltert. 2, 177
u. andern versucht, wird auch durch dessen bedeutung nicht gestützt. gewisse mundartliche tierbezeichnungen klingen wohl nur äuszerlich an: gurri,
lockruf und bezeichnung für puter, hahn, gänserich, s. Staub-Tobler 2, 411; Fischer
schwäb. 3, 932;
rhein. wb. 2, 1500;
afrz. gorre
ebenso, für die sau, s. Meyer-Lübke 3820;
doch vgl. das plattdeutsche zurre, zöre '
altes, schlechtes pferd, auch altes weib' Gilow
de diere 769
b; Dähnert 562. 11)
pferd. 1@aa)
abschätzig für geringwertige, schlechte pferde. schon seit dem mhd.; als kampfunfähig, zu ritterlichem gebrauch nicht mehr geeignet: Appolonius der was (
im streite) zu fusz. er slug di rosz, das sie churren, er machte gute rosz zu gurren H. v. Neustadt
Apoll. v. 9434
Singer; ähnlich: zu gæher raise mein pferd wenig tochte ... von müde es da struchte, das es gelag do nider uf baiden knewen; und (
sc. ich) stund darvon und lies die gurren ligen
der minnefalkner str. 120
in Hadamar v. Laber
Schmeller. von schlechten, nicht rittermäszigen pferden überhaupt: ir pfert waren, diu si (
die gefangenen) riten, totmager unde kranc: ir ietwedez struchte unde hanc ... den gurren (
eben diesen pferden), die si truogen hin, den warn die zagele under in zesamene gevlohten
Iwein v. 4941
B.-L.; auf ein mageres, struppiges fohlen bezogen: (
der bauer) hete ein gurren feile
Eraclius v. 1451
Maszmann; (
sie) ritten all auff gurren (
in jumentis) Joh. Hartlieb
Ces. v. Heisterbach 378
Drescher; als schimpfwort herabsetzend von guten pferden; Laurin über die streitrosse Dietrichs und Witegs: wer hât iuch tôren geheizen her nider ûf den plân erbeizen und iuwer gurren spannen ûf mînen grüenen anger
Laurin v. 251
Müllenhoff; Helmbrecht über den hengst, den ihm der vater kaufen soll: daz ich so lange belibe des irret mich ein gurre
meier Helmbrecht v. 369
Panzer; im zorn über unruhige reitpferde: (
der abt v. Fulda ritt) ein pfert, daz was gar gemeit und was ouch übel zwar: daz beiz daz keisers pfert gar durch die manen, daz es kar ... (
der kaiser:) 'ez kumt mir niht ze maz da, daz iuwer gurr daz pfert min sol bizen' Enikel
weltchron. v. 27821
Strauch; schnöde gur, das du vermaladeit werdest (
zu einem edlen pferd)
Aymonts süne (1535) r 6
b.
als verächtliche bezeichnung mit verschiedener färbung bis in moderne mundarten belegt: equus debilis gul, gorre, eyn cranck pert Diefenbach
nov. gl. 154
b;
runcinus gurr, baw-, ackerrosz
ebda 322
b; '
schlechtes pferd' Zaupser 34; Bauer-Collitz 42
b;
meist dabei zugleich alt: gurr (gorre) '
gemeinlich ein alt dürr rosz' Henisch 1783; gurre, gorre
caval magro, vecchio, bolso e con altri difetti Kramer
teutsch-it. (1700) 1, 577
a;
alt, abgetrieben Hübner
curieus. u. real. lex. (1714) 722; Vilmar 141; '
alter gaul' Hertel
Thür. 111.
vgl. mhd. er-, vergurren '
zu einer gurre
werden, schlecht laufen' Lexer 1, 634; 3, 121
und ackergurre
teil 1, 174. —
oft neben adjectiven, die von sich aus fehler und geringwertigkeit bezeichnen: wirt danne ein eltiu gurre zeinem vüln, so siht manz in der werlte twerhes stende
minnesangs frühling3 430
Vogt; altiu gurre darf wol fuoters Berth. v. Regensburg 2, 143
Pfeiffer; (müediu bein) gelich den lamen gurren Hadamar v. Laber 89
Schmeller; tzwene stetige (
störrige) gorren schuofen, daz der wagen stunt so stille meister Gervelyn
in Jenaer liedhschr. 1, 59
b Holz; (
ein reiter) auff einer hinckenden gurr Guarinonius
grewel (1610) 638; (
oft) wil ein krancker von einem selbst krancken, machtlosen, dürren gurren getragen werden H. W. Kirchhof
milit. disciplina (1602) 118; mit seiner dürren gurren will er auch helffen vil Fr. L. v. Soltau
hist. volkslieder 221; (
wie er) das pferd, welches zimblich beindräxlerisch ... angebunden, da haben die schlauhe vögel die gantz matte gurren in der still hinweg geführt
Simplicissimi albern. briefsteller (1725) 16; ein lohnfuhrmann eine elende gurre durch stacheln ... ermuthiget Voss
Aristophanes (1821) 1, 297;
geringschätzig von einem deutschen pferd: nun führt er auch die sporn umsonste nicht, weil er ihm einen teutschen gorn ersparet an der kost W. Scherffer
geist- u. weltl. ged. 1 (1652) 612.
im vergleich: (
man musz beim tanzen) an ihr ziehen wie an einem faulen gorren
theatr. diabol. (1587) 1, 181
b;
übertragen: (
die vom engel geblendeten juden) we uns hude und immer me! wi han wir blinde gurren als die von Sodomorren godes zorn irworben
Marien himmelf. v. 1373
in zschr. f. dtsch. alt. 5, 552; er (
mein alter mann) ist ein abgejagter görr, umb sein lenden mager und dörr B. Waldis
Esop 2, 204
Kurz. 1@bb)
daneben ist die bedeutung '
pferd'
ohne jeden pejorativen nebensinn sicher bezeugt; vielleicht bezeichnete das wort ursprünglich im bäuerlichen bzw. bürgerlichen bereich das '
pferd'
schlechthin als nutztier und hatte eben darum im ritterlichen bereich den abschätzigen sinn, etwa wie '
bauerngaul', '
ackergaul'
; jedenfalls ist nicht zu erweisen, dasz die sachliche bed. erst durch verblassen des pejorativen sinnes entstand: komet eyne to Grussen, so rostiret (
beschlagnahmt) men ome dye gorren (1462)
lübeck. urkb. 10, 262; (
dort) schach vake roverye in den straten: dar men (
den reisenden) de gorren losede (
weg nahm)
lüb. chron. 2, 597
Grautoff; (
etliche) von solcher ubermessigen hitze und dursts not von jhren gorren stürtzten und tod blieben
script. rer. Livonicarum 2, 225; die hällischen baurn hetten sie gern under die gurn geschossen Herolt
chron. 1, 122
Kolb; und schlugen unser schützen irer burgermeister einen unter die gurren Kirchhof
wendunm. 2, 359
Österley; dasz es nicht weit fehlet, er were unter die gurren gefallen
ebda 1, 245; (
sie halfen) jhrem haubtman ... wider auf die gur Fischart
Garg. 313
ndr.; der gurren wol zum aug lugen '
seine geschäfte wohl ausrichten' Frisius
dict. (1556) 161
a.
die unverächtlichkeit zeigt sich besonders durch anerkennende epitheta: (
er hat sein) geldt an golden keden ... sammet unde siden, unde an stadtliken gorren wol dusentfoldich wedder gekregen
script. rer. Livonicar. 2, 87;
in neuerer mundart vereinzelt: (
als neujahrswunsch) dem Schousterkrist striäwe (
derbe) gurren tem fahren
bei Bauer-Collitz
waldeck. 194
a.
übertragen: (
ein altes mütterchen redet den palmesel an) o du himmelische gurre B. Herzog
schiltwacht c 1
a. 1@cc)
in den verbindungen gurre wie gaul (
s.gaul II 3 a)
u. s. w., redensartlich reich entwickelt im sinne '
beides ist gleich, einerlei',
schlägt bisweilen wohl die bedeutung '
stute' (
u. 2)
durch; im allgemeinen aber nur rein formelhaft identificierend; als '
gleiches um gleiches': lohn umb lohn, gaul umb gurre Petri
weish. (1604) 2, M m 8
a; er gab mir ein hund umb ein hund, einen gaul umb einen gorren Luther 26, 357
W.; beide begriffe in deutlich abschätzigem gebrauch: (
wo beide liebenden untreu und unstät) da hät fraw Stätt verlassen (
zugelassen), das gurr an gaul wär chomen
liederbuch der Hätzlerin 240
Haltaus; so auch bes. in der redensart es ist gurr als gaul
u. ähnl.; zuweilen vielleicht im sinne einer gegenseitigen abhängigkeit gebraucht, analog '
wie der herr, so der knecht': es ist eben gurr als gaul, vihe als stall S. Franck
sprichw. (1541) 2, 10
a; wie die gurr, so ist der gaul Lehman
floril. polit. (1662) 1, 350;
ausdrücklich so Henisch 1783;
gemeinhin jedoch für zwei gleichgestellte und als solche gleich schlechte dinge: wie lond sich dine töchtern an? — es ist warlich fast gurr als gul: sind d knaben bösz, so sind sy ful! H. R. Manuel
das weinspiel v. 1829
Odinga; in unserem convent geschicht es auch, ist eben gleich gur als gaul, grysz als grammen
dialog zwischen Götzer und Scotus (1524) d 3
a; es heisst bei euch wol gurr ist gaul, dann einer wie der ander ist Nicod. Frischlin
dtsche dichtungen 117
lit. ver. die copula ist
oder als
verschmilzt mit gurre
zu neuen ausdrücken im sinne von '
einerlei': es ist schier gurris gaul Joh. Decumanus
dialog. (1601) 111; unsere landsleute ... sprechen, es seye gurr asz gaul Moscherosch
gesichte (1650) 1, 43;
schlieszlich ist aus der zweigliedrigen formel ein neues schimpfwort geworden: gurus gaul und dergleichen ehrnrierischen wort mehr
in Alemannia 18, 26; (
hab dank) für deine wohlgemeinte predigt, welche du auch selber dir applicieren magst, weilen wir fast gleiche gurausz gäule sein, und ist bei uns beiden das geworffne wie das gestohlne
französ. Simplizissimus (1683) 2, 390.
dagegen nur vereinzelt mit gurre
als '
schlechteres pferd'
im gegensatz zum höher bewerteten gaul: (
ein handwerksbursche, der aus gutem dienst wegwandert und schlechten findet) hat ein gaul umb ein gurren geben H. Sachs 17, 300
lit. ver.; für ein gaul ein gur ist böser tausch Petri
weish. (1604) 2, E e 3
b. 1@dd)
vereinzelt für springhengst: emissarius gorre (15.
jh.)
bei Diefenbach 200
c; gurr
hengst Henisch 1783;
vgl.gorre,
m., widder Lexer
kärnt. 127. 22)
stute. 2@aa)
im rein sachlichen sinne schon früh in obd. ländlichen quellen: chumb einer herzu mit einer gurren (
im gegensatz zu rosz) mit jungen fullen, die niht beslagen sind, die sind auch (
dem fergen) nichts pflichtig (14.
jh.)
österr. weist. 7, 964;
auch (1469) 8, 104; (
vom Chiemsee) es süll auch chain rosz in daz weidach ... auszgenomen der mair von O. sol des morgens ain gurren mit ainem fül mit seinem galten vich hinein treiben (1443-63)
weist. 6, 169;
equa eyn stuodt oder gurr Dasypodius (1537) 65
a;
cavalla ein gurr oder mutterpferdt Hulsius
it.-dt. (1618) 81
a;
equa gurr, stute, mutterpferd Aler (1727) 1, 995
a; ein hengst, den man zu den gurren oder stuten laszt Frisius
dict. (1556) 39
a; etliche pferdt leben biss an die fünfftzig jar, aber die gurren sollen ihr leben nicht so hoch bringen (
femina minore spatio) Heyden
Plin. (1565) 214
u. ö.; wenn einer ein gurren gen Rom ritte, so könt er siegel und brieff herausz bringen, das es ein hengst were Petri
weish. 2, B b b 8
b.
mundartlich erhalten, s. Bühler
Davos 2, 4; Kramer
Bistritz 43;
vgl. gorre
wbl. schaf, mutterschaf Lexer
kärnt. 127; Schöpf
tirol. 200;
s. auch gurrenfüllen, gurrenpferd
u. ähnl. Fischer
schwäb. 3, 932. 2@bb)
pejorativ, schlechte, alte, abgetriebene stute, sehr unsicher bezeugt: gurr(e), gorre
equa annosa, strigosa et macilenta Stieler 715;
hodie apud Suevos equa vilis et macilenta Wachter (1737) 627; gurre '
ein schindmerr',
equa strigosa Aler
dict. (1727) 1, 995
a; '
stute von geringer und schlechter art' Krünitz
enzykl. 20, 392; das weibchen (
des pferdes heiszt) stute, im verächtlichen sinn gurre Oken
naturgesch. 7, 1234; gur '
schlechte stute' Kisch
Nösner wörter 59. —
im sinne von '
bäuerliche stute',
vgl. 1 b: merhe,
vulgariter gurr oder studen
runcina, dicitur equa rusticalis voc. (1515
Hüpfuff) q 4
b; letslich gieng er in den stal, sahe, was er noch für pferdt hette, fandt er kaum mehr ein bawren mehrre oder gur darin Nic. Höniger
hoffh. d. türk. keisers (1573) 73. 2@cc)
übertragen als schimpfwort für frauen und mädchen, wie stute B 3.
für grosze, grobe weibliche personen Tschumpert
bündn. 686; Schmeller-Fr. 1, 932;
hessisch: ä lange gurr Estor
d. Teutsch. rechtsgelahrth. 3 (1767) 1410;
vgl. hierzu rosz 3 d;
für sinnliche, liederliche, z. b. Stalder 499; Martin-Lienhart 1, 230; des ischt a reachta gurra
aus Ulm in zs. f. hochd. maa. 6, 36; keinen bissen kann ich in ruhe fressen, so lang die gurr noch unter einem dach mit mir ist H. L. Wagner
kindermörd. 29
lit. denkm.; ebenfalls im geschlechtlichen bereich: worumme scholde ik de rosen (
d. i. eine jungfrau) dorren efte maken to ener gorren
schaekspel (15.
jh.)
bei Schiller-Lübben 2, 134;
für alte, auch häszliche, s. Schöpf
tirol. 225; K. Reiser
Allgäu 2, 707; Spiess
Henneberg. 86; alte gurre
schon im 15.
jh.: (
als die nachbarn) dannan koment, do starp ouch die alte gurre
predigtmärlein in Germania 3, 422;
bildlich verwendet: die sage ist gar eine vielmäulige gurre, hochbeliebt in zechhäusern, kunkelstuben Schubart
vaterl. chron. (1787) 186.
auch verächtlich für weibliche tiere: gurre
schimpfname für alte, störrische kuh und andere tiere Staub-Tobler 2, 402;
für ein altes gelttier beim rotwild Behlen
forst- u. jagdk. 7, 248. 33) '
muliebria',
vereinzelt: (
bäuerin in unfreiwilligem doppelsinn für '
stute') mein guter geselle, so pletze mir mein gurre auch, dasz sie lustig werde Tabeus
Maynhincklers sack (1612) e 2
a;
schweiz. einem s gurrli figge Staub-Tobler 2, 402. —
kaum an gurre
meretrix (2 c)
anknüpfbar; vgl. aber u. 4 gurre '
pflaume'
und heute berlin. pflaume '
muliebria'. 44)
eine pflaumenart: die gestalt einer kriechen oder gurren, wie mans hie zu land haisst J. Kepler 5, 527
Frisch.